:: Die Wahnsinnswelten des Fletcher Hanks (I)

Fletcher Hanks‘ in nur drei Jahren entstandene Bildgeschichten zeichnen sich durch zwei Eigenschaften aus. Erstens sind sie ausgesprochen gewalttätig. Hanks veröffentlichte lange vor Einführung der Comic Code Authority, jener Selbstzensurinstanz der US-amerikanischen Comicindustrie, die als Reaktion auf Fredric Werthams Buch Seduction of the Innocent, und die daran anschließende öffentliche Verdammung von Comics eingeführt wurde; Gewalt, explizite Morddarstellungen, Folterszenen etc. waren auch in Comics, die sich an Kinder und Jugendliche richteten, bis in die 1950er Jahre keine Seltenheit. Doch sogar verglichen mit diesen durchaus gängigen Gewaltdarstellungen waren Hanks‘ Phantasien extrem – so extrem, daß sie, gepaart mit seinem Zeichenstil, oft ins Lächerliche abglitten. Wenn in einer Szene von Fantomah ein Mann von einer Horde Gorillas zerfetzt wird, sehen wir abgerissene Arme und Beine mit ausgezackten Rißkanten fliegen, eine Szene, wie sie ein Kind zeichnen würde (ein ziemlich traumatisiertes oder gestörtes Kind, zugegeben); und wir verdanken Hanks die wohl irrste Entstehungsgeschichte eines Superschurken, die die Welt jemals gesehen hat. Zomax, ein Gegner Fantomahs, wird als Großwildjäger von einem Löwen zerfleischt, von einem Elefanten in einen Teich geworfen, dort von Schwärmen giftiger Mücken zerstochen, von einer Riesenschlange in die Mangel genommen und schließlich von Affen gefangen, die ihn monatelang foltern (wie Affen das halt so machen); derart zum verformten Krüppel zerquetscht, sinnt er auf Rache: Alle Lebewesen im Dschungel sollen sterben! Natürlich exekutiert Dschungelherrin Fantomah seine wohlverdiente Strafe ohne jedes Erbarmen.

Hanks‘ Schurken machen kein Hehl aus ihren Absichten.

Nebenbei bemerkt äußern Hanks‘ Schurken ihre Absichten meist ziemlich unverblümt: Die Ambitionen reichen von „We must end democracy and civilization forever!“ über „I shall make all the universe wild and primitive!“ bis zu „I shall destroy all the civilized planets!“ (da scheint sich irgendwie ein Muster abzuzeichnen). Anders als andere Schurken, die ihre Motive erklären, rechtfertigen, oder mit diabolischem Charme sogar für sie werben, kommen die von Hanks ohne Brimborium auf den Punkt. Gründe für ihre Handeln haben sie meist nicht (Zomax scheint da die einzige Ausnahme) – sie tun einfach, was sie tun, weil das ist, was sie tun.

Ihre Motive bleiben meist unklar, aber …

Unter Hanks‘ Bösewichten wird man keine Eierdiebe finden. Während das Portfolio klassischer Superheld*innen zahlreiche Gegner*innen ausweist, die ihre Superkräfte für nichts Besseres als gewöhnliche Kapitalverbrechen einzusetzen wissen, geben Hankssche Schurken sich mit solchen Kleinigkeiten nicht ab. Sie wollen mindestens die Welt beherrschen, wenn nicht gleich zerstören. Welthaß scheint eine Triebfeder zu sein, die die meisten von ihnen beherrscht; wieviel von ihrem Erfinder in ihnen steckt, kann man nur mutmaßen. Kein ganz unwichtiger Punkt – das Unheimliche und Verstörende dieser Geschichten hängt vielleicht weniger vom Erzählten ab als von den Fragen, die sich bezüglich des Erzählers aufdrängen.

… es zeichnet sich ein Muster ab: Neben Mord und Zerstörung als Selbstzweck hat es ihnen die Zivilisation besonders angetan.

Hanks‘ Held*innen vollziehen die meist grausame (und gelegentlich ziemlich einfallsreiche) Rache für solche Umtriebe genauso gnadenlos, wie ihre Gegner zu sein zugeben. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Damit standen sie nicht allein; mit Schurken wurde damals kurzer Prozeß gemacht, und Figuren wie The Spectre knipsten die Übeltäter schon mal mit Schere durch oder ließen sie schmelzen.

Schweißen für den Weltuntergang. Hanks‘ Bösewichte zeigen Ambition: Dieser kommt Thanos einige Jahrzehnte zuvor.

Tatsächlich wirken Hanks‘ Gewaltdarstellungen, verglichen mit denen der späteren, berühmt-berüchtigten EC-Horrorcomics, geradezu harmlos: Man sieht keinerlei Blut, und der noch zu erörternde, merkwürdige Zeichenstil läßt solche Szenen beinahe abstrakt wirken; die extreme Gewalttätigkeit an sich stellt also kein Alleinstellungsmerkmal dar. Typisch für Hanks ist jedoch, wie grotesk, bisweilen absurd seine Einfälle wirken, und so bereits wieder unfreiwillig komisch werden. Gewalt wird in Hanks‘ Comics zwar intensiv, doch zugleich völlig irreal dargestellt.

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