:: Die Wahnsinnswelten des Fletcher Hanks (I)

Ähnliches gilt für die Handlung als solche. In einer Geschichte um den Helden Space Smith (der damit von allen Flash Gordon-Imitatoren wohl den prosaischsten Namen trägt) nehmen Roboter Gehirnoperationen an Frauen vor, um sie in „Leopardenfrauen von der Venus“ zu verwandeln (weil warum nicht). Die Szene im OP-Saal verliert ein bißchen durch die Darstellung: Hanks scheint zu glauben, daß Roboter bei einer OP Atemschutzmasken benötigen. Auch, daß Weltraum-Schmidt diese Roboter k.o. schlagen kann, gehört zu den Eigenarten des Fletcherversums.

Ebenso, daß Hanks‘ Superheld*innen nicht nur beinahe allmächtig sind. Figuren wie Superman, Spider-Man etc. verfügen über ein festgelegtes Set klar definierter Fähigkeiten (auch wenn diese sich gelegentlich ändern, oder den Erfordernissen der Story anpassen); dadurch sind ihnen ggf. auch Grenzen gesetzt. Fantomah und Stardust the Super Wizard dagegen können einfach alles, was die Situation oder Hanks‘ Einfälle jeweils erfordern. Ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten entstehen und verschwinden je nach Notwendigkeit und Belieben. Über Achillesfersen wie Kryptonit verfügen sie nicht. Die Allmachtsphantasien, die in jedem Superheldencomic mehr oder weniger zutage treten, unterliegen bei Hanks keiner Einschränkung. Lediglich Space Smith, darin seinem eher gewöhnlichen Namen treu, scheint auf zwar enorm ausgeprägte, aber immer noch menschliche Fähigkeiten beschränkt.

Auffällig ist ferner, daß Hanks‘ wirklich „super“begabte Held*innen zwar auch beinahe allwissend sind und die Pläne der Schurken früh durchschauen, aber relativ wenig unternehmen, um sie zu verhindern. Sie treten oft erst auf, nachdem die Bösewichte bereits eine Reihe von Morden (manchmal Massenmorde) begangen haben, um dann die gerechte Strafe zu vollziehen. Die Unschuldigen zu schützen, scheint nicht ganz oben auf ihrer To-Do-Liste zu stehen – eher verstehen sie sich, oder versteht Hanks sie, als Vollzieher einer gerechtfertigten Rache. Gelegentlich ist diese einfallsreich und der Untat auf ironische Weise angemessen. Es gibt Abweichungen von diesem Muster, doch es dominiert; Figuren wie Fantomah oder Stardust sind Vollstrecker einer biblischen Gerechtigkeit, die nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ agieren, greifen jedoch selten ein, um das Böse zu verhindern. So wirken sie, anders als klassische Superheld*innen, eher wie archaische Racheengel.

Ein Stern hat Zacken, und man kann darauf wohnen: Im Kosmos des Fletcher Hanks haben Kinder die Naturgesetze geschrieben.

Auch erzählerisch weisen Hanks‘ Stories einige Eigenarten auf. Einerseits sind sie, und sind die handelnden Figuren, vollkommen humorfrei; alles, was sie tun, tun sie mit bitterem Ernst. Zorn scheint dabei die häufigste Emotion zu sein, die Held*innen und Schurk*innen leitet; das Fletcherversum ist ein Wütendes. Das sardonische, sarkastische Element etwa der EC-Horrorstories fehlt völlig. Zugleich bricht sich, trotz der ungeheuerlichen Ereignisse und Gegner, immer wieder ein schon kindliches Gemüt Bahn. Der Superheld Stardust z.B. hat sein geheimes Observatorium auf einem Stern – nicht im übertragenen Sinn, sondern tatsächlich. Und dieser Stern ist – gezackt. Eben, wie ein vierjähriges Kind sich das vorstellen würde.

So bizarr wie die Handlungsabläufe und Einzelszenen wirken manche der Ungeheuer, die Hanks seinen Protagonist*innen entgegenstellt. Noch sichtbar von mittelalterlichen Wasserspeiern und Höllenszenen inspirierte Dämonengestalten wechseln sich ab mit Wesen, zugleich erschreckend und komisch; genau auf der Grenze zwischen Unheimlichem und Lächerlichem siedeln kopflose Zyklopen mit den Augen auf der Brust, Roboter mit Gorillanüstern und aufgerissenen Glotzaugen, fratzenschneidende Monstrositäten.

Fletcher Hanks glaubt, so sähen wütende Gorillas aus.

Das bringt uns zum zweiten Punkt: Hanks‘ zeichnerische Darstellung. Seinen Zeichenstil – und darin liegt vermutlich die angeblich von Will Eisner gezogene Parallele zum frühen Wolverton – prägen dicke Linien und starke Striche, vermutlich ein Zugeständnis an die damaligen, schlechten Reproduktionsmethoden, die einen feinen Strich schlechter wiedergaben. Die damit entworfenen Bildwelten sind auf beunruhigende Art eigentümlich.

Ihnen wird sich der nächste Teil widmen.


Urheberrechtsnotiz: Figuren und Bilder von Fletcher Hanks sind nicht mehr urheberrechtlich geschützt, da ein eventuell vorhandenes Copyright seit dem Erscheinen nicht mehr erneuert wurde; sie befinden sich in der Public Domain sind damit gemeinfrei. Ihre Verwendung im Artikel erfolgt als Zitat mit dem Zweck des Belegs und der Illustration im Text aufgestellter Aussagen und Thesen.

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