:: Die Wahnsinnswelten des Fletcher Hanks (II)

Roboter mit kesser Schraubmutterfrisur: Auf so etwas muß man erstmal kommen. Hanks‘ überbordender Einfallsreichtum, wenn auch oft deplatziert, spricht gegen die Auffassung, daß er „nur“ ein Pfuscher war.

Die merkwürdige Traumatmosphäre, die Hanks‘ gelungenere Stories entfalten, beruht vielleicht auch auf seiner Erzählweise – besonders der Art, wie er Bild und Text aufeinander bezieht. An das eigentlich für Bildmedien geltende Motto „Show, don’t tell“ hält Hanks sich kaum. Statt die Handlung als Abfolge aufeinander bezogener Bilder zu inszenieren, wird sie uns weitgehend in den Captions, den Textboxen, erzählt; sogar die wörtliche Rede – z.B. die freimütigen Absichtserklärungen der Schurken – dient hauptsächlich dazu, uns zu erklären, was geschieht. Sie ist (fast) reine Exposition. Daß die Bildpanels dabei nicht zu bloßen Illustrationen werden, verdanken sie nur dem Umstand, daß sie aufgrund ihrer Ästhetik für sich allein wirken können; sie „funktionieren“ an sich auch ohne Handlung, wirken sogar völlig losgelöst von ihr (zumindest, was die Produktion einer ganz bestimmten Atmosphäre angeht). Während Comics also gewöhnlich dynamische Abläufe suggerieren, bei denen das Publikum das Geschehen „zwischen den Bildern“ mitdenken muß, sehen wir bei Hanks eine Abfolge an sich unverbundener Einzelbilder, denen der Begleittext Bedeutungen vermittelt. Eben das aber entspricht der Erzählweise des Traums. Wer sich gut an Träume erinnert, kann es überprüfen: Im Traum gibt es keine „Kamerafahrten“; wechseln Träumende den Blickwinkel, springt das Bild einfach um. Bilder können bewegt sein, doch bei Perspektivwechseln wird man nie einen fließenden Übergang zwischen ihnen sehen. Zugleich „weiß“ man stets mehr, als die Bilder visuell mitteilen – in jenem Haus spukt es, der Zug fährt langsam, weil der Lokführer keine Lust hat, etc. Diese Aufladung mit Bedeutung erledigt bei Hanks der Text. Seine Comics reproduzieren also die Erzähltechnik des Traums, was vielleicht dazu beiträgt, daß man sie „wie im Traum“ wahrnimmt. Wieder muß ungeklärt bleiben, ob das auf mangelndes Geschick oder eine starke, den Zeichner vielleicht überwältigende, Intuition zurückgeht: Daß die Leopardenfrauen auf ihren Flugsauropoden stehen, läßt die Szene irreal wirken, liegt aber vielleicht nur daran, daß Hanks keine Bilder reitender Frauen zum Durchpausen hatte.

Zur eigentümlichen Atmosphäre der Zeichnungen trägt auch die bei all der Action bemerkenswerte Stille bei; die üblichen WOOSH! BING! ZAPP!-Geräusche aktionsgeladener Comics fehlen völlig. Das dürfte allerdings kaum auf künstlerische Absicht zurückgehen. Die Abwesenheit solcher Onomatopoetika – Lautmalereien im wahrsten Sinne des Wortes – zeichnet sehr viele frühe Comics aus. Künstlerisch anspruchsvolle Strips wie Flash Gordon, Prinz Eisenherz oder Tarzan lagerten sogar die Dialoge in den Begleittext aus, verzichteten also auf Sprechblasen (Flash Gordon eigenartigerweise erst später), und damit auf jede Form innerhalb des Bildes dargestellter Laute. Es ist schwierig, einen exakten Zeitpunkt zu bestimmen, ab dem sich das änderte; allgemein gilt Roy Crane als Pionier der Lautmalerei, doch dürfte sie von Anderen erst allmählich übernommen worden sein. Es ist daher wohl eher Zufall, daß sich die Stille Hanksscher Bilder mit den Schwebezuständen, in denen seine Figuren verharren, zu einer eigenen Bildpoesie vereinigt; einem stummen Schauspiel, lautlosen Traumvisionen.

Daß Hanks seine Produktionen nie betitelt hat, ist ebenfalls kein Alleinstellungsmerkmal, sondern konnte gerade bei Serien des frühen Golden Age vorkommen. D.h. die Stories sind zwar mit den Namen der jeweiligen Held*innen überschrieben, eigene Titel wie „Angriff der Riesenrüben“ oder „Der Kobold aus dem All“ fehlen jedoch. Die in manchen Nachdrucken und Anthologien verwendeten Titel, für Inhaltsverzeichnisse z.B., sind daher nicht kanonisch und hängen von der jeweiligen Redaktion ab (das auch der Grund, weshalb ich hier keine Storytitel angebe, sondern mit Angaben wie „In einer Geschichte, in der … etc.“ arbeite).

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