:: Die Wahnsinnswelten des Fletcher Hanks (II)

Letztlich wirken die Szenerien und Plots der Hanksschen Comicstories zugleich bizarr, unfreiwillig komisch, und verstörend; doch unfreiwillig komisch sind sie nicht immer. Stardust the Super Wizard bestraft den Schurken De Structo, indem er zunächst seinen Kopf auf Riesengröße transformiert (der restliche Körper wird in den Kopf gesaugt); dann wirft er ihn in die „schwarze Tasche des Universums“. Darin lebt ein kopfloser Riese, der sich (praktischerweise) von Köpfen ernährt, die er sich auf den Torso setzt, worauf sie langsam in seiner Körpermasse versinken. Hilferufend erlebt der Lump jede Sekunde seiner Absorption; eine grausame Märchenstrafe, vollzogen in einem Universum, das derlei durch das Naturgesetz des Wunschdenkens ermöglicht. Wer hat die „schwarze Tasche“ ins Universum genäht? Wovon ernährt sich der Riese, wenn Stardust ihm gerade keine Köpfe hinwirft? Macht er das regelmäßig? Hungert es den Riesen nur nach Köpfen, die auf seinen Körper passen, und hat Stardust deshalb De Structos Kopf anschwellen lassen? Gewöhnlich würde eine Geschichte durch solche Einwände lächerlich; diese nicht. Eher kommt man selbst sich lächerlich vor, erbsenzählerisch, wenn man so fragt. Die „schwarze Tasche“ gibt es halt, und der Riese gehört so natürlich ins Universum wie ein Monster in einen Alptraum. Wo es gelingt, schafft Hanks eine Atmosphäre, in der Traumstimmung, Angst und Wunscherfüllung durch Selbstverständlichkeit überzeugen. Es gelingt ihm nicht immer; aber auch Lovecraft konnte den genuinen Horror seiner Erzählungen nur in den besten Momenten voll entfalten.

Hanks erschafft ein eigenes Universum, dessen Abläufe, Naturgesetze und Möglichkeiten eine seltsame Traumlogik entfalten. Darin ähnelt sein Werk dem von Wolverton, ohne je dessen düstere erzählerische Qualität zu erreichen. Dennoch gelingt es ihm, eine ganz eigene, nur bei seinem Werk auftretende Faszination zu erzeugen.

Und das nicht folgenlos. Über die Jahre hat sich ein gewisser Kult um den Zeichner gebildet. Bereits die Underground Comix in den USA der 1960er und 70er Jahre druckten ihn nach; gesammelt erschienen seine Stories bei Fantagraphics unter den Titeln I Shall Destroy All the Civilized Planets! und You Shall Die by Your Own Evil Creation! 2016 erschienen beide Bände zusammengefaßt als Turn Loose Our Death Rays and Destroy Them All! Auf deutsch veröffentlichte der BSV-Verlag Hannover den – weniger glorios betitelten – Band Fletcher Hanks‘ bizarre Comickunst (ob dieser sämtliche Stories enthält, ist mir nicht bekannt).

Lesenswert sind Hanks‘ Comics allemal; unterhaltsam eher als tief beeindruckend, Kuriositäten, keine Frage – jedoch bemerkenswerte, außergewöhnliche, verknüpft mit einem Rätsel um ihren Schöpfer, und für sich betrachtet schon wieder herausragend. Es gibt Ähnlichkeiten im Werk anderer Autor*innen bzw. Zeichner*innen dieser Epoche, des Golden Age, in dem alles ausprobiert wurde, alles zunächst einmal ging, nichts zu verrückt war; doch kein Gesamtwerk, das so eigen wäre wie das von Fletcher Hanks, so geprägt von der rätselhaften, manischen Individualität seines Schöpfers.

Warum kann Hanks letztlich mit Wolverton nicht mithalten (dessen bestürzende Visionen länger nachhallen, beinahe wie die besseren Geschichten Lovecrafts)? Eine schwer zu beantwortende Frage. Seine handwerklichen Schwächen hätte er im Lauf der Zeit vielleicht überwinden können, wäre er nicht nach nur zwei Jahren abgesprungen. Betrachtet man ein Hauptmerkmal der Hanksschen Visionen, die eigenartige, traumähnliche bis kindliche Vorstellungswelt mit ihren Szenerien und Ungeheuern, und dann wieder die Ausrutscher ins unfreiwillig Komische, und den beinahe zwanghaften Charakter der Zeichnungen, lautet eine Antwort vielleicht: Weil die Produktionen von Hanks‘ Gehirn ihn wieder vom Zeichenpult weg, zu anders grimmigen Ufern, trieben – und er ihnen ausgeliefert war; während Wolverton die seinen beherrschte.


Urheberrechtsnotiz: Figuren und Bilder von Fletcher Hanks sind nicht mehr urheberrechtlich geschützt, da ein eventuell vorhandenes Copyright seit dem Erscheinen nicht mehr erneuert wurde; sie befinden sich in der Public Domain sind damit gemeinfrei. Ihre Verwendung im Artikel erfolgt als Zitat mit dem Zweck des Belegs und der Illustration im Text aufgestellter Aussagen und Thesen.

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