:: Einmal M-Kopf mit Z-Soße, bitte

Herr Sathom verstand damals schon nicht, worin die Zumutung bestehen soll; nachdem er sein Leben lang zwei Klotüren unterscheiden konnte, würde ihn eine dritte wohl kaum vor unüberwindliche Schwierigkeiten stellen. Anders die Gegner der Idee; sie verstiegen sich zu teils absurden Gefahrenszenarien. Etwa dem, daß ja ein Kind unversehens in eine solche Transgender-Toilette geraten, und in der Entwicklung seiner Geschlechtsidentität empfindlich gestört, wenn nicht gar traumatisiert werden könnte. Weil das ja auch so wahrscheinlich ist: Schließlich weiß man ja, wie viele Kinder in diesem Alter (die Geschlechtsidentität bildet sich um das dritte Lebensjahr herum aus) nachts unbeaufsichtigt in Discotheken oder Dance Clubs herumirren und durch irgendwelche Türen marschieren. Das heißt, wenn ihnen nicht gerade mal wieder Bill Gates, als Echsenmensch verkleidet, in irgendeiner unterirdischen Krypta Blut abzapft.

Vor Allem aber scheinen diese Leute solche Ideen als Überforderung, ja, als Raub grundlegender Freiheitsrechte zu verstehen.

Drei Klotüren. Matschesoß nach Paprika-Art. Schokokuß statt N-Kuß. (Herr Sathom wäre ja dafür, die weißen „Gespensterküsse“ zu nennen und ihnen mit Lebensmittelfarbe lustige Gesichter aufzumalen; das wäre doch mal eine Idee, oder? Ihr schuldet Herrn Sathom jetzt Lizenzgebühren, wenn Ihr das macht.) Ab und zu ein paar Ampelfrolleins statt immer nur der Männchen. WAS IST DAS PROBLEM, LEUTE?!??

Wird Herr Sathom durch die Ächtung des Z-Wortes ärmer, als ihn die kapitalistische Niedriglohn-Gesellschaft ohnehin schon macht? Wohl kaum. Raubt man ihm ein Stück „Heimat“ in einer Stadt, die zugezogene weiße Hipster-Bälger und Konzernschergen längst schon nach ihrem Gusto so umgebaut haben, daß er sie nicht mehr als „seine“ Heimatstadt erkennt? Eher nicht. Beleidigt oder erniedrigt es ihn persönlich, daß ihm an der Ampel ein Mädchen befiehlt, stehen zu bleiben, statt eines roten Leuchtkerls? Hört doch auf.

Keine dieser Änderungen hindert Herrn Sathom, sich nach Feierabend aufs Sofa zu lümmeln und seine Lieblingsserien zu gucken, oder seine Retro-8-Bit-Computerspiele abzustauben, oder was immer so ein alter Zausel halt in seiner Freizeit treibt. Mindert also das Verschwinden von Vagabundensoßen und Eingeborenenköpfen seine Lebensqualität? Ächchchch. Nimmt man ihm grundlegende Freiheiten, wenn man ihn darauf hinweist, daß es nicht nett sei, dies oder das zu sagen? Hahaha.

… Ist das der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt? Hm.

Jedenfalls nimmt es ihm wohl kaum seine „Identität“, schon gar nicht in einem Ausmaß, das seine Psyche als lebensbedrohlich empfinden müßte (denn die, wohlgemerkt, unterscheidet nicht zwischen physischem und „seelischem“ Tod). Eher ist es Armut, so seine Erfahrung, die einen der Identität beraubt; z.B., weil man sich Kleidung nicht mehr nach seinem Geschmack, und damit als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, kaufen kann.

Aber: Es fühlen sich diskriminierte Mitbürger*innen durch altlastige Bezeichnungen (und das dahinter stehende, wen auch geleugnete, Denken) verletzt, stigmatisiert, ausgegrenzt – eben in eine ihnen unerträgliche „Identität“ gezwungen. Und das sollte man ernst nehmen.

Die Rassismusdebatte ist eine ernsthafte Angelegenheit, und ebenso ernsthaft sind die Anliegen der Rassismusopfer, die sie anstoßen (daß Minderheiten, sobald sie sich wehren, dabei auch mal übers Ziel hinausschießen oder provozieren, geschenkt; das ist unvermeidlich, die Leute sich zu recht sauer). Sie ist also für diese Leute vital, viel vitaler, als die Empfindlichkeiten eines abgehalfterten Showmasters für diesen. Vielleicht sollte man das Thema also nicht so launig abhandeln, wie Herr Sathom gerade. Aber man müßte den Fokus vielleicht auch einmal auf die richten, die so strikt auf ihren Gewohnheiten beharren, und sich gebärden, als verweigere man ihnen durch den Entzug einiger Begriffe oder Verhaltensweisen geradezu das Lebensrecht.

Woran liegt das? Bisherige Erklärungsversuche wirken eher hilflos (die interviewete Sprachforscherin kann nicht viel mehr beitragen, als daß sie sich selbst wundere). Die Psychologie, die dahinter steckt, und deren strukturelle und sozialisationsbedingte Voraussetzungen, bedürfen einer Analyse.

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