:: Einmal M-Kopf mit Z-Soße, bitte

Herr Sathom kommt auf den Tropfen zurück, der das Faß zum Überlaufen bringt. Er hat neulich irgendwo gelesen – wo, weiß er nicht mehr, er wird sich bemühen, die Quelle ausfindig zu machen – daß in jeder kapitalistischen Gesellschaft ein immenses Potential an Wut existiere. Es ist denkbar, daß unterprivilegierte, ausgebeutete, medial und politisch als faul und dumm verleumdete Menschen, denen für ihre Selbstachtung nur ein alberner Stolz auf ihre ethnische Herkunft bleibt, solche Anmutungen als den letzten Funken wahrnehmen, der sie explodieren läßt; um so mehr, als sie gegen die eigentlichen Urheber ihrer Lage ja nicht rebellieren können, weil ihnen die Hoffnung eingetrichtert wurde, einst selbst in deren Ränge aufsteigen zu können. Da ist es tröstlich, wenn man noch Schwächere – Frauen, Migrant*innen, Homosexuelle etc. – unter sich weiß und so nach ihnen treten kann, wie man selbst getreten wird; während man den Stiefel, der einen tritt, ja verehren muß, will man ihn sich doch eines Tages vielleicht selbst anziehen dürfen. Da muß man wütend werden, in so einer Gesellschaft, deren Zusammenleben so stark auf Verachtung der jeweils anderen Gruppe beruht, wenn die bisher so bequem verfügbaren Opfer aufmucken.

Und tatsächlich ist, wenn wir mal ehrlich sind, einer der Grundpfeiler unserer Gesellschaft eben nicht die im Grundgesetz verankerte Würde des Menschen; das ist nur Theorie. In der Alltagspraxis gilt, abhängig vom Einkommen, eher das Gegenteil. Vieles, was den Umgang in diesem Land prägt, könnte man als „Das Prinzip der Verachtung“ kennzeichnen. Die Wohlhabenden verachten die Armen; das „Bildungsbürgertum“ die „bildungsfernen Schichten“; und verbal auf den Verlierern des Hurrakapitalismus der 2000er Jahre herumzutrampeln, gehörte lange zum guten Ton in jeder Talkshow und im Feuilleton (manchmal reckt das noch sein häßliches Haupt, wenn auch „Gutmenschen“ – z.B. in der taz, oder auf Kabarattbühnen – das Klischee des „Abgehängten“ oder „ewig Unzufriendenen“ aus der Hüfttasche ziehen). „Sozialer Aufstieg“ bedeutet in solchen Zusammenhängen, das Privileg zu erwerben, andere verachten zu dürfen; Abstieg dagegen, fürchten zu müssen, daß man morgen schon zu denen gehört, auf die man gestern noch gespuckt hat. Wer aber lang genug wie Dreck behandelt wurde, der möchte vielleicht auch gern mal wen wie Dreck behandeln und sucht sich dann die, die er für noch schwächer hält; und ist dann verschnupft, wenn die dagegen aufbegehren.

Man könnte auch sagen: So wie die Freiheit (um hier mal bei Hegel zu klauen) ist auch die Würde historisch in unserer Gesellschaft eine rein formale; beide, Freiheit und Würde, muß man sich zunächst einmal leisten können. Je geringer das Einkommen – je höher also der ökonomische Druck, bis hin zum drohenden Existenzverlust –, desto weniger von beiden genießt man. Die aber aufgrund eines bequemen Wohlstandspolsters sich beides gönnen können, gestatten sich auch das Privileg, die Zukurzgekommenen zu verachten; sie also ihrer Würde zu berauben. Diese, in denselben Strukturen aufgewachsen und gefangen, demselben Denken verfallen, suchen andere, die sie noch würdeloser behandeln können, um einen Rest Selbstachtung zu bewahren. Will man sie dieses Privilegs berauben, schreien sie auf.

Das ist sicher eine teilweise Erklärung. Bloß erklärt sie nicht, wieso auch eindeutig Privilegierte, ein Gottschalk etwa, sich ebenso leicht angegriffen fühlen, mutet man ihnen ein wenig persönliche Entwicklung zu; oder weshalb sie sogar glattweg leugnen, rassistisch zu denken, während sie entsprechende Klischees reproduzieren. Weshalb sie also nicht nur ihr eigenes Privileg nicht erkennen, sondern auch keinerlei Einsicht in das fehlende Privileg derer haben, die ihnen nicht mehr die Entscheidung überlassen wollen, wie sie einen nennen. Oder aber diese Erklärung trifft eben doch auch auf sie zu. Dann fürchten sie ja vielleicht – in dieser, wie gesagt, so stark von gegenseitiger Verachtung geprägten Gesellschaft – gerade den Verlust ihres Privilegs, Andere zu verachten, die so wichtig für Selbstwertgefühl und Statusempfinden ist. Eben auch das ihre.

Anderen Bezeichnungen zuweisen zu können, gegen die diese sich nicht zu wehren vermögen, bedeutet letztlich Definitionsmacht; und damit tatsächliche, oder wenigstens eingebildete, Verfügungsgewalt über die abwertend Definierten. Das gilt für rassistische Bezeichnungen ebenso wie für klassistische, z.B. „bildungsfern“.1) Diese Definitionsmacht ist Ausdruck des eigenen, gehobenen, sozialen Status. Ihr Verlust bedeutet den Verlust der Macht, zu entscheiden, wer hier wen in Schubladen wegsortiert; und damit beherrscht – ausgrenzt – ausschließt. Diesen, und den Verlust des damit einhergehenden Status, fürchten vielleicht gerade die Privilegierten besonders. Denn das hieße, selbst zu denen „abzusteigen“, die man bisher verachtet hat. Daß mit diesem Statusverlust anschließende Verachtung droht, muß ihnen unumgänglich schienen; schließlich kennen sie die Verachtung als ihre eigene, und erwarten folglich nichts anderes, sollten sie ihre Macht verlieren. Verachtung ist letztlich auch das Mittel der Verachteten, sich zu wehren; was sich darin zeigt, daß – gelegentlich – diejenigen, die gegen ihre rassistische Diskriminierung aufstehen, zu diesem Zweck wieder klassistische Stereotypen bemühen.

Und das ist das Verrückte daran: In einer von Verachtung als Prinzip geprägten Gesellschaft finden sich die „Eliten“, die „Abgehängten“ und alle Opfer echter Diskriminierung ironischerweise in dieser Grundhaltung wieder – vereint.


P.S. Das mit Hegel verdanke ich einem kürzlich gelesenen Artikel zur Geschichte des Liberalismus; ich komme darauf zurück.

P.P.S. Thomas Gottschalk erklärte zu einem in der Sendung gezeigten Foto, das ihn mit Schuhwichse im Gesicht und Lockenperücke zeigt, da hätte er mal im Fasching den Jimi Hendrix in sich herausgelassen. Nein, Thommy; hast Du nicht. Ich will hier jetzt gar nicht diskutieren, inwiefern so eine alberne Kostümierung bereits „Blackfacing“ sei (immerhin wurde sie wohl nicht in bewußt herabwürdigender Absicht angelegt). Aber laß mich dir mal erklären, warum das die Sache nicht besser macht. Du kannst nämlich gar nicht „den Hendrix“ in Dir rauslassen; und zwar, weil Du gar keinen in dir hast. Nicht einmal annähernd. Du besitzt weder Hendrix‘ kulturellen noch sozialen Hintergrund, keine seiner Erfahrungen (auch mit Rassismus, darf man annehmen), kannst dir seine Motive, Anliegen oder sonst etwas, das den Mann ausmachte, nicht einmal vage vorstellen; von seinen Fähigkeiten mal ganz zu schweigen. Davon, was ihn als Afroamerikaner ausmachte oder prägte, hast Du keine Ahnung. Und dennoch tust bzw. tatest Du so, als könnte etwas Schminke dich zu ihm machen. Das wiederum ist mindestens anmaßend; stellt aber auch einen Akt kultureller Aneignung dar. Damit ist gemeint, sich identitätsstiftender Merkmale einer anderen Kultur zu bemächtigen, um diese zum Mummenschanz zwecks eigener Belustigung zu degradieren. Und das ist – in diesem Kontext – sehr wohl rassistisch. (In anderen Zusammenhängen kann es klassistisch sein; wenn etwa Studenten (= künftige Privilegierte) mit offener Bierflasche U-Bahn fahren wie Bauarbeiter, oder gutsituierte Hipster in Holzfällerhemden herumrennen, verhöhnen sie die nachgeahmten, körperlich arbeitenden Menschen – indem sie ihnen etwas Eigenes, das Ausdruck ihrer Kultur ist, nehmen. Entscheidend ist dabei, wie auch bei einem rassistischen Kontext, daß sie das nicht müssen; sich also leisten können, die Lebensweise der Betreffenden nur zeitweilig zu spielen). Den „Hendrix“ hast Du da also nicht rausgelassen, weil da gar keiner in dir drin ist; bloß den Gottschalk mal wieder, und den – sagen wir es offen – könnte man meinetwegen ruhig jederzeit im Schrank lassen.


1) Der Begriff der „bildungsfernen Schichten“ unterstellt, daß die Betreffenden nicht aufgrund ungerecht verteilter Bildungschancen, also strukturell bedingt, ungebildet sind; sondern aufgrund eines inhärenten, schuldhaften Mangels, einer Art angeborener oder böswilliger Abneigung dagegen, Bildung zu erwerben.

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