:: Der verengte Blick

Vieles davon hängt, meine ich, mit einem besonderen Phänomen zusammen: Dem verengten Blick der tonangebenden bürgerlichen Schicht und ihrer Medien auf Mensch und Welt. Einem Blick, der oft den Charakter reiner Nabelschau hat. Heißt: Daß alles zunächst aus der Warte des mittelschichtigen Bürger- bzw. Akademikertums gesehen wird, wobei Menschen, die diesen Schichten nicht angehören, gern übersehen oder nur beiläufig bemerkt, ihre Probleme wiederum verniedlicht, geleugnet oder als selbstverschuldet interpretiert werden. Was nicht ins Gesellschaftsbild des satten Wohlstandsbürgertums paßt, wird abgewehrt oder kommt überhaupt nicht vor – oder eben nur am Rande, womit es als Ausnahme oder seltene Schwierigkeit einiger weniger wahrgenommen wird. In der Pandemie war die Berichterstattung vielleicht empathischer als sonst; dennoch äußerte sich die Wahrnehmungsverzerrung, daß die eigene soziale Schicht gewissermaßen die einzige gesellschaftlich relevante ist, in einer quantitativ ungleichen Verteilung – der Wahrnehmung überhaupt, und der Erwähnung.

Dahinter steht, daß Journalist*innen meist dem bürgerlichen bzw. akademischen Milieu entstammen; und damit auch Vorurteile (über die „sozial schwächeren“ Schichten z.B.), Denkstereotypen und politische Vorstellungsklischees dieser Schichten teilen – deren blinde Flecke in der Wahrnehmung inklusive. Die Gründe für diese „Selbstreproduktion“ einer Elite, die Einsteiger aus anderen Gesellschaftsschichten von Medienberufen ausschließt (womit deren ganz anderer Blick auf gesellschaftliche Zustände dann im journalistischen Stimmenchor fehlt), sind vielfältig. Ungerecht verteilte Bildungschancen dürften eine Rolle spielen; doch selbst, wer wider Erwarten aus den „unteren“ Schichten die Bildungsleiter hinaufklettern kann, steht neuen Hürden gegenüber. In der taz z.B. erschien kürzlich ein interessantes Interview, das diese näher beleuchtet: Zu ihnen zählt, daß man sich den Einstieg in einen journalistischen Beruf leisten können muß. Schlecht oder gar nicht bezahlte Praktika bzw. Volontariate und andere strukturelle Hindernisse erschweren oder verunmöglichen Menschen mit geringem Einkommen den Einstieg in den Journalismus; gelingt er doch, unterliegen sie oft einem starken Anpassungsdruck (ob dieser dahin geht, sich „kulturell“, also in Mannerismen und gesprächsweise geäußerten Ansichten anzupassen, oder journalistisch die Weltdeutungen der neuen Umgebung zu verbreiten, spezifiziert die interviewte Autorin leider nicht; beides ist vorstellbar).

Das Problem liegt also nicht in irgendwelchen „Lügen“ oder einer „Steuerung“; sondern darin, daß die Berichterstatter*innen, also Journalist*innen, Kommentator*innen, Interviewer*innen, Redakteur*innen – kurz und sternlos, die Medienschaffenden – selbst mehrheitlich der sozialen Schicht angehören, über, und vor allem, für die sie berichten. Und daß sie nur ihre eigene soziale Schicht als relevant, im Extremfall sogar als überhaupt vorhanden, wahrnehmen. Sie schreiben und filmen aus der Perspektive privilegierter Angehöriger der Mittel- und Oberschicht für ihresgleichen, die sie als ihr hauptsächliches Publikum antizipieren – wer ihr nicht angehört, fällt unter den Tisch, oder wird pflichtschuldigst unter ferner liefen abgehandelt.

Mediale Berichterstattung hängt oft tatsächlich herrschafts- bzw. systemtragenden Narrativen an; berichtet einseitig, ordnet das Berichtete so ein, daß es ins Narrativ paßt, deutet um, unterschlägt gar gelegentlich. Was nicht paßt, prallt an einer Wahrnehmungsgrenze ab; vorgefertigte, ideologisch begründete Deutungsmuster werden über die Realität gestülpt und erklären weniger, als daß sie wegerklären. Nur, daß es dazu keiner ominösen Verschwörungen unterirdischer Echsenmenschen bedarf. Es genügt, daß Medienschaffende und bürgerliches Publikum ein gemeinsames Weltbild teilen, gemeinsame Stereotypen, Klischees, Deutungs- und Erklärungsmuster; solche, die sie für Ergebnisse aufgeklärten Denkens halten, ohne, daß dies wirklich der Fall sein muß, und die sie im Allgemeinen nicht mehr hinterfragen. Das bürgerliche Medium versorgt sein Publikum mit dem, was es ohnehin schon „weiß“, und reproduziert so immer dieselben Deutungen der Welt. Diese betreffen Innen- ebenso wie Außenpolitik, und eben auch gesellschaftliche Zustände und Strukturen; und da sich das bürgerliche Auge als die Hauptsache sieht, gelten auch Interesse und Mitgefühl am ehesten denen, die von einer Krise auf die gleiche Weise betroffen sind, wie man selbst – z.B., indem man mit den Kleinen zuhause sitzt und neben der Wäsche die Akten macht.

Dieser verengte Blick wiederum ist ein allgemeines Phänomen, das nicht nur die Corona-Berichterstattung betrifft. Mit einer „gesteuerten Lügenpresse“ hat er nichts zu tun; die Vorstellung, daß es eine solche gäbe, haben sich Medienschaffende allerdings teilweise selbst zuzuschreiben. Sie basiert auf einer großen Homogenität der Weltdeutung, die die journalistische Wahrnehmungsblase beherrscht; so sehr, daß sie nicht nur die Interpretation von Ereignissen, sondern bereits die Auswahl dessen, worüber überhaupt berichtet wird, maßgeblich beeinflußt.

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