:: Der verengte Blick

Die Vertreter bürgerlicher Medien berichteten also vornehmlich über Angehörige ihrer eigenen Schicht; andere gesellschaftliche Gruppen hatte sie kaum im Blick. Geraten sie doch ins Sehfeld, werden sie oft verzerrt und negativ dargestellt – als faule Sozialschmarotzer, gefährliche Migranten, ewig jammernde Unzufriedene, die eigentlich nicht arm sein müßten, würden sie nur endlich „Eigenverantwortung“ übernehmen und in die Gänge kommen. Strukturelle Hürden für einen sozialen Aufstieg, die bisweilen unüberwindlich sein können, existieren in diesem Weltbild nicht. Eine so verzerrte Wahrnehmung führt natürlich zu einer völlig falschen Vorstellung gesellschaftlicher Zustände; denn einiges fällt dabei unter den Tisch.

Einige weitere Beispiele: Daß auch Behördenmitarbeiter ins Home Office gingen, führte zu einem weitgehenden Wegfall behördlicher Arbeitsschutzkontrollen – mit teils fatalen Folgen für diejenigen, die weiterhin an Ort und Stelle, und nicht im Wohnzimmer, arbeiten mußten. Laut aktueller Unfallstatistik der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU), soll die Anzahl tödlicher Arbeits- und Wegeunfälle in der Bauwirtschaft in den ersten neun Monate 2020 gegenüber dem Vorjahr um 30 Prozent zugenommen haben.

Oder nehmen wir die Beschäftigten im Gesundheitswesen. Deren Situation hat sich zwischenzeitlich kaum gebessert; im Gegenteil. Im Dezember 2020 behandelte die linke Tageszeitung junge Welt unter dem Titel „Das Zauberwort und der Restmüll“ (online hinter Bezahlschranke) die raffinierte Wortschöpfung der „modifizierten Quarantäne“. Sie erlaubt, auch möglicherweise an Covid-19 erkrankte Mediziner*innen weiter arbeiten zu lassen – außerhalb der Klinik müssen sie in häuslicher Quarantäne leben, dürfen aber weiter in der Klinik „bis zur künstlichen Beatmung ackern“ (Zitat jW-Artikel). Der Trick: Schlägt im Krankenhaus das Corona-Virus zu, werden Pflegepersonal und Ärzteschaft in manchen Kliniken sicherheitshalber gar nicht getestet; ebenso sicherheitshalber aber außerhalb des Klinikbetriebs wie Erkrankte behandelt. (Man wird einwenden, daß die Ärzteschaft nicht unbedingt zu den Unterprivilegierten gehört; das ist eine Frage der Perspektive. Zumindest hinsichtlich der Frage, wann, wie viel und wie lange sie arbeiten müssen, sind Mediziner*innen im Krankenhaus eher unfrei; zumal die Einkommenssituation von Berufseinsteiger*innen auch nicht prickelt wie Champagner.)

Und so weiter, und so fort; von den Beschäftigten der seuchenbedingt boomenden Paketwirtschaft will ich erst gar nicht anfangen. Auffällig ist, daß solche Themen in der bürgerlichen – der „seriösen“ – Presse so gut wie gar nicht vorkommen; man muß schon linke Krawallblätter lesen (denen Herr Sathom durchaus nicht in Allem zustimmt), oder die Gewerkschaftszeitung.1)

Zu Beginn der Corona-Pandemie wurden viele Hoffnungen laut, daß Einsichten aus der Krise zu Veränderungen führen könnten: Daß schlecht bezahlte Tätigkeiten in der Kranken- und Altenpflege oder im Einzelhandel als „systemrelevant“ erkannt werden, und daß sich dies in größerem Respekt vor den dort Tätigen, auch in angemessenerer Bezahlung, niederschlagen könnte; daß die Erkenntnis, daß die rein profitorientierte Ausrichtung eines zunehmend privatisierten Gesundheitssektors dessen eigentliche Aufgaben unterminiert, zu Änderungen führen könnten.

Stattdessen ist es bei Balkongeklatsche geblieben.

Ein medialer Blick, der nur die Mitglieder der eigenen gesellschaftlichen Schicht betrachtet, für den die übrigen beinahe unsichtbar sind, kann derlei nicht bemerken; Macher und Rezipienten solcher Medien wiederum müssen zwingend ein völlig falsches Bewußtsein davon entwickeln, welche Themen gesellschaftlich relevant sind, und wie die Lebenswirklichkeit der Menschen außerhalb ihrer sozialen Blase aussieht. Richtiger gesagt, müssen sie dieses falsche Bewußtsein schon vorab haben; durch die Berichterstattung wird es lediglich reproduziert und verstärkt – eine Endlosschleife, in der sich diese falsche Wahrnehmung, die nur die eigene soziale Situation als Regel erkennt, immer wieder selbst neu hervorbringt.

Daß die mit der ganz großen Arschkarte – Rentner*innen, wie man sie in Berlin nicht selten in Mülltonnen nach Pfandflaschen suchen sieht, z.B. – in der Welt solcher Medienmacher*innen überhaupt nicht vorkommen, nimmt da kein Wunder mehr.

Wer ein solches falsches Bild der Lebenswirklichkeit anderer Schichten, anderer gesellschaftlicher Gruppen hegt, kann folgerichtig auch keinen Veränderungswillen haben; für Veränderungen ja schließlich keine Notwendigkeit erkennen.


1) Zumindest, soweit eine mehrfache Onlinesuche und die allgemeine Beobachtung im Veröffentlichungszeitraum der o.g. Artikel hergeben. „Modifizierte Quarantäne Mediziner“ z.B. ergibt bei Tagesspiegel, FAZ, Berliner Morgenpost, Süddeutsche Zeitung und Welt teilweise nüscht, teilweise zigtausende Treffer, die irgendwie was mit Corona oder Quarantäne zu tun haben, aber damit nicht. Gleiches gilt für modifizierte Suchen mit „Krankenhäuser“, „Kliniken“ oder „Klinikpersonal“. Das gilt auch für das oben beschriebene Arbeitsschutzproblem (Ausnahme: Die Welt berichtet mehrfach über eine massive Kontrollkampagne zur Einhaltung der seit Jahresbeginn gültigen Home Office-Regeln – ausschließlich mit Bezug auf Hamburg. Diese erfolgen offenbar teilweise schriftlich und nur aufs Home Office bezogen), und begegnet mir auch bei anderen Themen immer wieder. Ausnahmen sind i.d.R. nur Aufreger – z.B. Schlachthofskandale – die aus anderen Gründen interessant sind. Also wg. Schnitzeln o.ä.?▲

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