:: #alledichtimhirn oder was?!?

Die Macherïnnen der #allesdichtmachen-Inititiative, die letzte Woche so hohe Wellen schlug, haben inzwischen ihren wohlverdienten Shitstorm geerntet; unnötig, hier noch nachzulegen. Einige sind inzwischen abgesprungen und/oder haben sich entschuldigt, oder geben sich mißverstanden; wie glaubhaft das jeweils ist, will ich hier nicht entscheiden. Andere meinen, Applaus von der „falschen Seite“ erhalten zu haben, von der sie sich natürlich schleunigst distanzierten; dazu kann man nur sagen: Nun, Leute, wenn Ihr Applaus von den „Falschen“ bekommt, dann vielleicht, weil Ihr was Falsches gesagt habt. Denkt mal drüber nach.

Zur Ehrenrettung gibt es Hinweise, daß einige der Beteiligten wohl – teils unter Vorspiegelung falscher Anliegen der Aktion – in die ganze Geschichte hinein gelockt wurden (wer da weshalb hinter steckte, dazu auch hier einige Erkenntnisse). Lassen wir das mal so stehen, und reden über den Tenor der Aktion.

Der Hauptvorwurf gilt dem völligen Fehlen jeglicher Empathie mit denen, die unter Corona leiden. Und das zu recht. Die höhnische „Ironie“ der Videos verspottet alle, die wirklich unter der Pandemie leiden, statt sich als immerhin gut bezahlte Promi-Schauspielerïnnen zuhause zu langweilen: Angehörige Verstorbener, um ihr Leben kämpfende Menschen auf den Intensivstationen, medizinisches Personal, das vor Erschöpfung bald zusammenbricht; von den Vielen, die täglich als Supermarktpersonal, auf dem Bau oder in Amazons Lagerhallen ihr Leben riskieren, wollen wir nicht einmal anfangen. Wer da noch – wie manche Beteiligte – behauptet, die Empörung zeuge nur davon, daß die „Untertanen“ zu blöd wären, Ironie oder Sarkasmus zu verstehen, macht sich etwas vor. Denn es gibt Situationen, in denen Ironie unangemessen ist; zu blankem Hohn wird. Der eben auf Betroffene wie bestürzende Empathielosigkeit wirken muß – weil er das ist. Wer das nicht begreift, ist eiskalt und voller Verachtung für die Leidenden.

Wer als armer, in Isolationshaft gefangener Promi ablästert, während die Fahrradsklaven radeln, um den sicher geborgenen Homeworkern ihr Sushi zu bringen, muß zynisch wirken; auch dann, wenn er/sie vielleicht wirklich auf die Situation der Kulturschaffenden aufmerksam machen wollte. Denn zu denen, die deutlich existenziell bedroht sind, gehören die Macherïnnen von #allenichganzdicht garantiert nicht.

Man muß den Beteiligten also wirklich fehlende Empathie vorwerfen; oder, sollte das alles „gar nicht so gemeint“ gewesen sein, eine völlige Ignoranz gegenüber denen, die unter Corona wirklich ernsthaft leiden, also eine Neigung zur Nabelschau, die an Naivität grenzt; alles außerhalb des Elfenbeinturms nicht wahrnimmt.

Aber: Das ganze Theater ist auch ein Symptom; für einen Zustand der Gesellschaft, der weit über die Affäre hinausgeht.

Die beste Einordnung des Geschehens findet sich m.E. in der Zeitschrift derFreitag, in einem Artikel, der die Motivation der Schauspielerïnnen in einer Entsolidarisierung der Gesellschaft verortet; der aufzeigt, daß auch diese aktuell privilegierten Personen von Existenzangst getrieben werden, da wir zu einer Gesellschaft geworden sind, die weitgehend unsolidarisch funktioniert, so daß jede/r auf sich selbst gestellt ist – und damit notwendigerweise blind für die Nöte Anderer. Auch die Entwicklung, die uns dahin führte, wird kurz angerissen, was an sich schon ein Novum ist, denn – abgesehen von Böhmermans zufällig zeitnaher Sendung – wäre mir neu, daß die jüngere Vergangenheit einmal dahingehend analysiert worden wäre (außerhalb linker Medien zumindest).

Und damit wären wir beim Thema, denn zu diesem Feld ist – leider – noch so viel mehr zu sagen. Dringend zu sagen; und endlich einmal zu sagen.

:: Nachtgedanken: Warum es ein Nichts geben muß (oder einmal gegeben haben muß)

Das passiert, wenn man nachts zu lange auf bleibt: Man kommt so ein bißchen ins Philosophieren. Man treibt also Metaphysik. Oder Ontologie. Was auch immer.

Und manchmal hat man (wenn man Herr Sathom heißt) dabei ziemlich wirre Ideen. Eine davon treibt mich jetzt schon eine Weile um, und ich will sie nun endlich mit einer verblüfften Welt teilen.

Übrigens vorab: Ich behaupte nicht, der Erste oder Einzige zu sein, der jemals auf diese Idee gekommen ist; und ich bin zu faul, es zu recherchieren. Kann also sein, daß das gar kein so neuer oder origineller Einfall ist. Wenn, dann will ich nicht so getan haben, als ob ich der Urheber wäre.

Jetzt aber los. Also:

Eine der grundlegenden Fragen der Philosophie lautet: Warum existiert Etwas anstelle von Nichts? Die bekannteste Fassung dieser Frage ist wohl die, die Leibniz in seiner Theodizee verwendet: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? („Pourquoi il y a plus tôt quelque chose que rien?“).

Die Frage an sich ist natürlich viel älter, und von anderen Philosophen unterschiedlich formuliert worden; und sie ist durchaus berechtigt. Denn schon bei oberflächlicher Überlegung ist es ja keineswegs selbstverständlich, daß überhaupt etwas existieren sollte. Warum gibt es dieses Etwas (z.B. unser Universum), und nicht einfach nur gar nichts? Wäre das nicht sogar plausibler – außer, es gäbe einen Anlaß für dieses „Etwas“?

Leibniz nimmt diese Frage natürlich zum Anlaß, die Existenz Gottes zu beweisen bzw. diesen Gott zu rechtfertigen: Alles Leid in der Welt, durch Naturkatastrophen, Krankheiten usw., auch die menschliche Bosheit, die Leiden verursacht, sind unvermeidlich; ein geordneter Kosmos kann nur so funktionieren, wie der unsere, oder gar nicht; oder das Leben darin wäre noch schlimmer. Man kann diese Unbilden nicht Gott zur Last legen, denn er ist allwissend und gütig, und hat die Welt so gestaltet, wie sie noch am günstigsten für den Menschen funktioniert; wir leben, so Leibniz, in der „besten aller möglichen Welten.“

Als Atheist muß ich diese Gottesrechtfertigung natürlich ablehnen. Selbst wenn man einen – vorab angenommenen – Gott auf diese Weise rechtfertigen kann (als einen guten Gott, der das Böse nicht aus fieser Absicht in die Welt eingebaut hat), läßt sich aus der Existenz der Welt keineswegs ableiten, daß es überhaupt einen Schöpfer geben muß. Ihre Entstehung könnte ja auch einfach so „passiert“ sein. Z.B. durch einen Urknall. Was in der Art halt.

Es gibt auch andere Antworten, etwa die, daß ein Zustand absoluten Nichts unmöglich sei; studierte Hirnakrobaten sich zu dem schon Thema alles Mögliche einfallen lassen, vieles davon gewitzterer hergeleitet, als ich das könnte.

Wie auch immer: Mir ist zu später Stunde noch eine weitere, mögliche Antwort auf besagte Frage eingefallen; nicht erst gestern, und manchmal sucht sie mich in anderen, zu langen Nächten noch heim.

Also: Warum existiert Etwas anstelle von Nichts?

Antwort: Es existiert Etwas, weil Nichts existiert.

Umkehrschluß: Weil etwas existiert, muß zwingend notwendig ein Nichts existieren (oder ursprünglich existiert haben).

Häh?

Ok, ok. Dahinter steckt folgender Gedankengang:

:: Passivität als politisches Programm: Nachtrag

Ein paar Ergänzungen zu meinem letzten Artikel (lest den zuerst, weil sonst wißt Ihr nicht, worum’s hier geht):

Ich habe dort die Floskel der „Eigenverantwortung“ erwähnt. Sie appelliert an die Verantwortung der einzelnen Bürgerïnnen, deren entsprechendes Handeln dem Staat ermöglichen soll, sich seinerseits aus der Verantwortung für fundamentale Fragen – etwa der Daseinsvorsorge – zurückzuziehen. Das bedeutet jedoch, daß in einem neoliberal ausgerichteten Staatswesen die Verantwortung eigentlich nur von oben nach unten delegiert wird. D.h. die Mächtigen entledigen sich ihrer Verantwortung, indem sie den Schwächeren die alleinige Verantwortung für deren Schicksal zuschreiben – ggf., nachdem sie ihnen die Möglichkeit zu wirklich eigenverantwortlichem Handeln genommen haben. Beispielsweise, indem eigene Verantwortung für private Altersvorsorge propagiert wird, man zugleich aber durch Schaffung eines Niedriglohnsektors vielen abhängig Beschäftigten die finanziellen Mittel raubt, privat vorzusorgen. Wer das nicht kann, gilt dem Verkünder der „Eigenverantwortung“ als „selbst schuld“ an seiner Altersarmut. Diejenigen, die etwas verfügen (etwa die Agenda 2010), entledigen sich dadurch der Verantwortlichkeit für ihr Handeln (oder Unterlassen); die Verantwortung tragen – d.h. ggf. auch die Konsequenzen ausbaden – sollen die, über die das jeweilige Diktum verhängt wurde. Und zwar ganz gleich, ob sie das angesichts ihrer Möglichkeiten – die eingeschränkt sein können durch strukturelle Benachteiligung, Diskriminierung o.ä. – überhaupt können.

Dieses Muster der Delegation von Verantwortung wirkt sich natürlich auch in der Corona-Krise aus, läßt sich jedoch schon lange beobachten. Als Angela Merkel z.B. 2015 ihren berühmt-berüchtigten Satz „Wir schaffen das“ sagte, meinte sie eigentlich: Ihr schafft das; in den Kommunen, als Trottel Freiwillige und Ehrenamtliche, werdet ihr das schon irgendwie hinkriegen. Der Bund muß erstmal gar nichts tun, außer: Zugucken. Interessant dabei, daß Flüchtlingsunterkünfte gern in Schulturnhallen eingerichtet wurden; damals wie heute schienen die Interessen von Schülerïnnen weit unten auf der Prioritätenliste zu stehen. Diese komplette Zurückweisung eigener Verantwortung seitens der Mächtigen („Wir haben alles richtig gemacht“) ist für diese natürlich bequem; sie erklärt die Beliebtheit der Theorie vom passiven Staat bei ihren Anhängerïnnen.

Rezo bringt auch das perfekt auf den Punkt, wenn es ums Thema Maskentragen geht; ziemlich gleich zu Beginn seines Videos redet er davon, wie private Initiativen zu Beginn der Krise 2020 besser für rücksichtsvolles Verhalten warben als der Bund („Really? Ihr habt riesige Ressourcen von Manpowers [sic] am Start und ihr kriegt es nicht auf die Kette, es müssen diese Leute in ihrer Freizeit machen?“). Er benennt auch klar das ziel- und planlose Agieren der Politik; und haut mit einem Straßenverkehrs-Vergleich mal eben das ganze Eigenverantwortungsgesülze in die Pfanne. Ich kann das nicht nachmachen und hier auch nicht gut alles zitieren, also guckt es euch an. DAS IST EIN BEFEHL IHR KÖNNT EUCH HIERMIT BEVORMUNDET FÜHLEN – GANZ WIE DER HORST!

Zweitens: Betrachtet man das Wesen der strukturellen Probleme, die die Corona-Krise verschärfen – die schlechte Ausstattung der Schulen, den Rückzug des Staates aus dem Gesundheitssystem und anderen Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge – kommt zur im Vorartikel beschriebenen Haltung ein weiteres ideologisches Moment hinzu: Das der Austerität, der „Schwarzen Null“. Geld soll gespart werden (statt es von den Reichen einzutreiben), gemäß der Doktrin, daß der Staat sich nicht verschulden dürfe; eine Idee, die auf falschen Vorannahmen und Angstmacherei beruht. Dazu gehört der Mythos, daß wir unsere Schulden den kommenden Generationen aufbürden; ein Märchen, wie gerade erst wieder John Oliver vorgeführt hat.

:: Passivität als politisches Programm: Warum die Politik (nicht nur) bei Corona versagt

Und: Warum Rezo fast recht hat, aber nicht ganz.

Machen wir uns nichts vor: Die Corona-Politik der Bundesregierung – aber auch die der Länder, Kommunen und Städte – ist ein einziger Clusterfuck. Eine Katastrophe; ein Abgrund an Versagen; ein Panoptikum der Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit. Aber – und das, um mal eine Hauptursache dieses Versagens vorwegzunehmen – die Verursacher meinen, sie machten alles richtig; und sie glauben das wirklich. Woran das liegt, und weshalb das Problem weit über die Handhabung der Pandemie hinausgeht (meines Erachtens jedenfalls), will ich im Folgenden zu erklären versuchen.

Zunächst zum Vergleich: Kaum daß die Amis Trump los geworden sind, impfen sie wie verrückt; bereits ein Drittel der US-Bevölkerung hat die Erstimpfung erhalten. Im internationalen Ranking der Staaten, die demnächst eine Herdenimmunität bzw. Durchimpfung erreichen werden, liegen die USA auf Platz drei. Deutschland? Auf Platz zehn. Hinter Brasilien. Wirklich, reife Leistung, Leute.

Zugleich meldet die heute-show am 09.04., daß in Großbritannien in Kürze alle(!) Bürger wöchentlich Selbsttests zugeschickt bekommen. Soviel zu den Möglichkeiten, wenn man ein konkretes Ziel hat – und einen Plan, wie man es erreicht.

Ein Ziel, ein Plan – damit wären wir schon bei den Stichworten, bei denen es hierzulande hapert. Aber woran liegt das?

Gelegentlich ist hier von „Staatsversagen“ die Rede; das führt allerdings in die Irre. Es handelt sich nicht um ein Versagen des Staates, sondern einer ganz bestimmten Politik; und zwar einer, ironischerweise, für die eine größtmögliche Passivität des Staates den Kern ihrer Ideologie bildet.

Aber der Reihe nach. Daß die deutsche Politik angesichts der Pandemie ein recht trauriges Schauspiel abliefert, wird ja nicht erst seit gestern beklagt; kürzlich hat sich auch Rezo – zunächst auf Twitch, dann in einem aus den Twitch-Posts zusammengeschnittenen YouTube-Video – in gewohnter Manier, und ziemlich vernichtend, geäußert. Im großen und Ganzen hat er mit allem, was er da sagt, recht; so recht, daß alle, die sich über die Art des Vortrags und die Wortwahl ereifern, Herrn Sathom gern mal seinen haarigen Alte-Weiße-Männer-Rücken runterrodeln können. Das Video – dem ich fast völlig zustimme, zumal es erfrischend befreiend ist – sollte man sich unbedingt ansehen; es gibt nur einen Punkt, in dem sich Rezo m.E. irrt. Und zwar, was die Ursache dieses Versagens – bzw., in seiner Formulierung, das „krasseste“ Versagen – angeht.

Dabei ist er eigentlich schon auf der richtigen Spur. Wiederholt beschreibt er das Verhalten der Regierenden als „Arbeitsverweigerung“; und spricht davon, daß sie einer Agenda des Nichthandelns folgen, die in einer Krise absolut schädlich sei („Das Krasseste is, daß diese Leute Nicht-Handeln als Defaultwert sehen, als Grundwert, was die einfach so grundsätzlich machen.“). Die größte Verfehlung allerdings liege, so Rezo, in einer Geringschätzung der Wissenschaft seitens der Politikerïnnen: „Das Krasseste ist, finde ich, die unterliegende Wissenschaftsfeindlichkeit, die grundsätzliche Haltung, sich irrational zu verhalten. […] Das ist das Krasseste. Ist diese tiefsitzende Respektlosigkeit vor wissenschaftlichen Erkenntnissen, vor den Prinzipien der Logik, den Prinzipien von rationalem Denken.“

Ähm, na ja … jein. Die Verachtung der Wissenschaft ist sicherlich zutreffend beobachtet; allerdings eher ein Symptom als eine Ursache. Diese liegt tiefer, und existiert schon lange – und prägt deutsche Politik weit über die augenblickliche Situation hinaus. Wir haben es, und das sieht Rezo schon ganz richtig, mit einer Form politischen (Nicht-)Handelns zu tun. Einer, die allerdings Ausdruck einer ganz bestimmten, schon vor 16 – 20 Jahren etablierten Ideologie ist.