:: #alledichtimhirn oder was?!?

Was Covid sichtbar macht, ist das Ergebnis einer jahrzehntelang vorangetriebenen Spaltung der Gesellschaft. Einer, die so tief geht, daß die Risse nicht mehr nur zwischen sozialen Schichten verlaufen. Weil diese Spaltung längst den Charakter einer Atomisierung dieser Gesellschaft in einzelne, einander bekämpfende Individuen erreicht hat: eines ökonomischen Bürgerkriegs jeder gegen jeden, in dem die Einzelnen notwendig auf Egoismus und Egozentrismus angewiesen sind, um überleben zu können (oder das wenigstens glauben). Gelegentlich bilden sie vielleicht Zweckgemeinschaften; die halten so lange, wie ihr ökonomischer Nutzen die Schäden überwiegt (ist die Abwatschung zu groß, tut es den #allesdichtmachern leid; weil es karrieregefährdend wird, statt den egomanischen, eigenen Anspruch zu fördern).

Den Druck spüren alle – die ohnehin unter der täglichen Existenzbedrohung leidenden Armen und Armutsgefährdeten ebenso wie die Privilegierten; deren Angst besteht darin, vielleicht morgen zu denen gehören zu müssen, die sie heute noch verachten. Was sie dann erwartet, wissen sie nur zu gut: Schließlich haben sie verächtliche Vorurteile oder schlichte Ignoranz ja lange genug verteilt oder geteilt.

Es bedürfte vielleicht einmal eines sehr ausführlichen (und schmerzhaften) „Blicks zurück im Zorn“, um aufzuzeigen, wie wir dahin gekommen sind; einer Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten zwanzig, vielleicht dreißig bis vierzig Jahre, die alles heranzieht, was seit den 1980ern – als Thatcherismus und Reaganomics auch in Deutschland auf Widerhall stießen – zu dieser Entsolidarisierung geführt hat: Helmut Kohls „Wende“ in den 80ern; in den 1990ern die Verbannung des Wortes „sozial“ aus allen Zusammenhängen, vom Verschwinden der „sozialen Marktwirtschaft“ bis zur Umbenennung der Sozialwissenschaften in „Kulturwissenschaften“; von da bis in die 2000er dann die massive, politische wie mediale Kampagne, die Arme und Gescheiterte als Versager, Faulpelze, quasi biologisch determinierte, lebensuntüchtige Nieten und „ewig Unzufriedene“ verleumdet hat; den Zeitgeist, der dies ermöglichte; der erlaubte, in den Talkshows der Privatsender sozial Schlechtergestellte als dämliche Versager auszulachen (angebliche Sozialhilfeempfänger, oft aber nur Laiendarsteller); und daß bürgerliche Medien von „Spiegel“ bis sonstewer das Lied vom Sozialschmarotzer nachsangen, das Gerhard Schröders SPD und Fischers Grüne angestimmt hatten.

Die bürgerlichen Medien wenigstens waren bei alledem vorneweg mit dabei; den Vorwurf einer einheitlichen Meinungsfront muß man ihnen für diese Periode sehr wohl machen. Jan Böhmermann streifte das Thema bei seiner kürzlichen ZDFMagazinRoyale-Sendung zum Thema Hartz IV; mehr, und ausführlicheres, ließe sich dazu sagen (z.B. wie selbst öffentlich-rechtliche Sender kritiklos Startups mit nahezu sektenähnlichen Arbeitsbedingungen – etwa dem Verbot privater Beziehungen außerhalb des Unternehmens – als Vorboten der „Neuen Arbeitswelt“ bejubelten, in der es so altbackener Scheiße wie Gewerkschaften oder Betriebsräten nicht mehr bedürfe; wie sonst seriöse Medien die Erfolgsgeschichten vermeintlicher Self-Made-Millionäre, die sich später als Hochstapler entpuppten, als Beweise hochjubelten, daß „jeder es schaffen“ könne, wenn er sich nur anstrenge; wie sie sich (fast) alle an der Verbreitung des Mythos vom faulen, zu recht armen „Sozialschmarotzer“ abarbeiteten). Dazu bedurfte es allerdings keiner „gesteuerten“ Presse; nur einer, deren Vertreterïnnen besoffen waren vom Kapitalismus, von sich selbst; und vom Zeitgeist.

Es war ein Geist, der ein cleveres Vorurteil gebar, das nämlich, daß diese Leute dort, wo sie ihrer Aburteilung widersprachen, nur „Ausreden“ suchten, weil sie keine „Eigenverantwortung“ übernehmen wollten, oder an „Sozialneid“ krankten – ein hervorragender Maulkorb, weil er jeden Widerspruch vorab als Bestätigung des Vorurteils abtun half. Der weitere Kampagnen ermöglichte, etwa um die Deutschen als Volk von Krankfeierern darzustellen und auf Jahre hinweg jede/n Kranke/n als faulen Nichtstuer abzustempeln; was unter Verweis auf die „wachsenden Kosten“ im Gesundheitssystem geschah und so zeitweise eine Praxisgebühr ermöglichte, die die Ärmsten noch mehr von gleichwertiger medizinischer Versorgung abschnitt (während, wer in Lohn und Brot stand, sich überhaupt kaum noch traute, krank zu werden – aus Angst vor sozialer Ausgrenzung). Und so weiter, und so fort – Hosen runter für Hartz-IV-Empfänger, Zwang zu idiotischen Pseudo-Fortbildungen, existenzgefährdende Strafmechanismen, der Skandal überhaupt, daß man einen Arbeitgebervertreter beauftragt, quasi die Sozialgesetze umzuschreiben, warum nicht gleich per Geisterbeschwörung Ayn Rand fragen – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Viel an Zivilisation ist da zerstört, viel Barbarei ermöglicht worden; den einen, die davon profitierten, war es ganz recht oder egal, die Betroffenen waren mundtot gemacht oder zu verschreckt, sich zu wehren (die Vorurteile reichten bis in den privaten Raum, und sich zu beschweren war ein sicherer Weg, ganz ohne Internet seinen persönlichen Shitstorm zu kassieren – noch als Topping auf die Existenzangst obendrauf).

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