:: Danke gleichfalls für nix

Es gibt so Sätze zum Ausflippen, wie neulich Sascha Lobo im Spiegel festgestellt hat. Ich und meine Spaltpersönlichkeit Mr. S. könnten weitere aufzählen (z.B. „Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen“, ein Satz, der i.d.R. von Leuten kommt, die ihn als einzige garantiert nicht enger schnallen werden); besonders bei manchen Äußerungen zur Pandemie könnten wir ausflippen. Und diesmal gleich bei mehreren – nämlich allen aus der „Danksagung“ Angela Merkels an das niedere Arbeitsvolk für seinen Einsatz in der Pandemie.

Mrs. Merkel hat ja schon in der Vergangenheit gern immer mal wieder, in betulichem Tonfall, Dinge von sich gegeben, die deutlich zynisch waren (etwa, als sie geheimnisvoll raunend andeutete, die Fridays for Future-Bewegung könnte eine Art russisch gelenkter Deppenkolonne sein); auch solche, die dem Zynismus noch Hohn hinzufügten (wie ihre Aufwärmtipps an frierende Schülerïnnen). Aber bei ihrer „Dankesrede“ anläßlich des 1. Mai lief sie zu seltener Spitzenform auf.

„Berufe, die sonst nicht solche Aufmerksamkeit bekommen, haben das Land am Laufen gehalten.“ Bitte, gern geschehen. Wird schon wieder schnell vorbei sein mit der Aufmerksamkeit. Auch habe die Pandemie „deutlich vor Augen geführt, wie wichtig die Arbeit jedes Einzelnen“ sei, damit „das große Ganze wie gewohnt funktioniert“. Danke für unseren Einsatz, unsere Solidarität und Geduld. Na und so weiter, auch die LKW-Fahrer werden nicht vergessen, bla, bla, bla.

Ich kann ja nur für mich sprechen und nicht für die vielen Anderen, die täglich im Einzelhandel oder bei Amazon & Co., oder auf dem Weg zur Arbeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, ihr Leben aufs Spiel setzen, damit der Laden weiterläuft; vom medizinischen und pflegenden Personal ganz zu schweigen. Und mir geht’s ja (nach langen Jahren, in denen es anders aussah) auch nicht mal so schlecht.

Aber wissen, Sie, Frau Kanzlerin, was viele der so bedankten Leute bräuchten, wäre statt hohler Phrasen schlicht und ergreifend: Mehr Geld. Ein besseres Einkommen, und nebenbei noch bessere Arbeitsbedingungen.

Klingt das undankbar? Materialistisch? Ist es aber nicht in einer Gesellschaft, die nun einmal Anerkennung – echte Anerkennung, die wirklich etwas bedeutet – nur in Form von Kohle zu verteilen weiß. Einer, in der die vielbeschworene „Würde des Menschen“ nur so pro forma im Grundgesetz drinsteht, während sie tatsächlich vom Geldbeutel abhängt – weil an dem alles hängt, Teilhabe, Chancengleicheit (z.B. Bildungschancen), sicheres Wohnen, Wertschätzung; die Möglichkeiten, die grundgesetzlichen Freiheitsrechte überhaupt wahrnehmen zu können, weil die alle Geld kosten. Denn während „Querdenker“, meist privilegiertes Bürgervolk, darüber schmollen, daß sie derzeit nicht zum Edel-Italiener dürfen, können viele Menschen in diesem Land da ohnehin nicht hin – auch ganz ohne Pandemie. Und nicht jeder kann im schicken Loft als #AllesDichtMacher den Rebellen spielen. Oder mal kurz auf dem Balkon klatschen, bis er wieder in luxuriösem Selbstmitleid versinkt. Soviel zu vorenthaltenen „Grundrechten“.

Oh, und die LKW-Fahrerïnnen nicht vergessen: Unternehmen Sie doch mal was, damit die nicht auf Hallo-Wach-Pillen so lange auf dem Bock sitzen müssen, bis der Schlafentzug sie aus der Kurve trägt.

Also, wie wäre es mit politischer Initiative, etwa für höheren Mindestlohn, oder statt geiziger Bildungspolitik, für die Onkel Dagobert sich schämen würde, mit vernünftiger (nicht nur digitaler) Ausstattung öffentlicher Schulen, damit nicht nur die Kinder reicher Spendenpapis an Privatschulen echte Bildung erwerben können (es sei ihnen ja gegönnt)? Kurz, mit echter Dankbarkeit statt leerer Worte und bedeutungsloser Floskeln? Nur so ne Idee. Vielleicht auch an die Adresse vom Armin oder der Annalena, je nachdem, wer uns demnächst regiert (die Grünen sind ja jetzt bisher auch nicht als soziale Partei aufgefallen; immerhin koalierten sie mit der SPD, als die Agenda 2010 über den Tisch ging).

Aber ja nee, stattdessen danke schön, danke schön, aber an Hartz IV halten wir fest, Verbesserungen in der Pflege versprechen und vergessen wir, der angekündigte Tarifabschluß blieb Verarsche, und eigentlich und in Wirklichkeit: Ihr könnt uns mal. Balkongeklatsche vorbei.

Ich bin ja nicht bei Twitter – vielleicht sollte ich da hin –, aber wenn ich’s wäre, wüßte ich ein paar schöne Hashtags, um mich darüber zu echauffieren:

#GeldStattHohlePhrasen

#DankZahltKeineMiete

oder einfach:

#MoneyTalksBullshitWalks

Over and out.

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