:: TV-Tipp: Abramakabrer Nachschlag

Herr Sathom hatte ja neulich eine optimistische Prognose zur derzeit auf ARD ONE wiederholten Comedy-/Satireserie Abramakabra abgegeben; nachdem inzwischen die siebente (von zehn) Folgen ausgestrahlt wurde, scheint ein vorläufiges Fazit angebracht.

Zur Erinnerung: Abramakabra wurde von 1972 – 1976 produziert und stellt den ersten längeren Fensehaufenthalt von Dieter Hallervorden (noch vor Nonstop Nonsens) dar. Daneben finden sich mit Helga Feddersen und Uwe Dallmeier ebenbürtige Mitstreitende. Das Besondere an der Serie ist ihre schwarzhumorige, makabre Ausrichtung, wobei der Humor oft genug tief schwarz wird; daß die bösen Scherze dabei gelegentlich auch eine bittere Note haben, schadet ihnen nicht, im Gegenteil – bei den Sketchen, die eine sozial- oder gesellschaftssatirische Ausrichtung haben, unterstreicht die Bitterkeit eher den Effekt. Wohlgemerkt ist nicht alles in Abramakabra Satire, andere Sketche sind auch „nur so“ reine Comedy; meist jedoch sind sie insgesamt weitaus intelligenter, als man von heutigen (und damaligen) Spaßformaten gewohnt ist.

Herr Sathom schrieb seine ursprüngliche – sehr enthusiastische – Kritik unter dem Vorbehalt, daß er gerade mal die erste Folge gesehen hatte. Hält Abramakabra, was es versprach?

Kurz gesagt: Ja. Ich muß einschränken, daß ich zwischenzeitlich einige Folgen verpaßt habe; die gesehenen hielten qualitativ das gleiche Niveau wie die erste. Nicht alles war klasse, aber selbst das oft noch ganz ok, vereinzelt so la la, aber nie ärgerlich schlecht; andere Sketche waren in ihrer Bösartigkeit und makabren Schärfe genial. Ungewöhnlich an Abramakabra ist – verglichen mit heutigen Comedy-Formaten – nicht nur der Humor mit seinen finsteren Pointen, sondern auch die Machart. Neben kurzen Clips finden sich Sketche, die sich Zeit nehmen, ihre Geschichte zu erzählen und zur Pointe zu gelangen; langweilig wird das nicht, weil komische Figuren und Dialoge, und oft surreale Situationen, dort hin führen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Sketch mit Didi als wiedergefundenem Sohn, der ganz ohne Schlußpointe ausläuft, aber bis dahin ein Panoptikum an böser Parodie auf fernsehtypische Familienidyllen abliefert, das zum Schenkelklopfen ist – aber zugleich den schmerzlichen Unterton hat, der viele Abramakabra-Sketche kennzeichnet. Und signalisiert, daß da etwas sehr Wahres erzählt wird, das eigentlich nicht lustig ist.

Was ist nun zur siebenten Folge zu sagen? Sie liefert zu 100%. Na ja, fast – zu einem Sketch hätte ich schon was zu sagen, aber das wäre ein Spoiler. Tatsächlich fällt es mir schwer, nicht zu spoilern, einfach, um einen Eindruck dieser bisher besten gesehenen Folge zu vermitteln. Boshafte Sozialsatire, politische Seitenhiebe und, davon unabhängig, allgemein messerscharfe Pointen, wobei alle Sketche die schwarzhumorige Ausrichtung durchhielten, was bisher nicht in jeder Folge der Fall war; kurz, man kann zufrieden sein, und Herr Sathom ist neugierig auf die drei noch ausstehenden Folgen. Die hier besprochene wird am Samstag, dem 08.05., um13:00–13:45 Uhr auf ARD ONE wiederholt; die achte folgt am Sonntag. Weitere Sendetermine sind u.a. direkt bei der ARD oder z.B. bei fernsehserien.de erfahrbar.

Insgesamt bestätigt sich der aus der ersten Folge gewonnene Eindruck, es mit einer Form von Comedy bzw. Satire zu tun zu haben, sie heute wohl nicht mehr produziert würde; einerseits, weil sie übervorsichtigen TV-Macherïnnen zu politisch unkorrekt erscheinen würde, andererseits, weil das deutsche Fernsehen ohnehin zu einem Beruhigungsfernsehen für die Älteren geworden zu sein scheint; und drittens, weil die Sketche (die sich, wie gesagt, Zeit lassen) womöglich die Aufmerksamkeitsspanne des heutigen Publikums überfordern (was vielleicht, zugegeben, ein Vorurteil ist; aber ich vermute, heutige Programmverantwortliche würden nicht riskieren, das herauszufinden). Fazit: Für TV-Nostalgiker oder Nostalgiker überhaupt auf jeden Fall empfehlenswert; oder, ach quatsch, eigentlich für Alle. Daher: Glotzbefehl.

Und oh, WTF, hier doch noch ein paar SPOILER. Wer sich die Folge nicht verderben will, einfach ab hier NICHT WEITERLESEN:

Wie gesagt glänzt diese Folge mit besonders ausgeprägter Satire. Da wären ein Sketch zum Thema Immobilienhaie und sozialem Wohnungsbau, dessen Pointe ziemlich unerwartet kommt und ein Ehepaar trifft, das aus seiner Verachtung für die unteren Schichten keinen Hehl macht (die Ehefrau jedenfalls, Helga Feddersen mit einer irren Performance); ein anderer zum Thema Vertuschung politischer Skandale. Besonders fies der Sketch über eine Lotterie mit dem Titel „Das goldene Arbeitslos“, bei der man Jobs gewinnen kann; die Einkünfte kommen notleidenden Unternehmen (natürlich nur zu Investitionszwecken) zugute. Zwischen die Sketche geschaltet sind kurze Clips: Wiederholt entschuldigt sich ein sichtlich zerknirschter Nachrichtensprecher (Hallervorden), daß die „versprochene Autobahnkatastrophe“ immer noch nicht gezeigt werden kann (in der Spätausgabe dann aber ganz sicher); eine Reihe von Werbespots, die zusehends makabrer werden, parodiert gängige Werbung für Alkohol (die Älteren werden sich an einige der hier veralberten Werbesprüche erinnern – etwa, wenn aus dem „Großen Klaren aus dem Norden“ der „Große Schlimme aus Kartoffeln“ wird). Auch hier lauert die brutale Realität hinter der witzigen Fassade: Daß die Heimkehr des sturzbesoffenen Vaters nach Feierabend zum großen Spaß für die ganze Familie wird, dürfte sich in der Realität kaum so abspielen. Der einzige schwächere Sketch gegen Ende mißfiel Herrn Sathom, weil er latent frauenfeindlich ist; was um so merkwürdiger erscheint, als der „Arbeitslos“-Sketch die (bis heute nicht ausgestorbene) Marotte von Kameraleuten bzw. Schnittredakteuren verspottet, unmotiviert zum Ausschnitt der Moderatorin zu springen. SPOILER ENDE

Und tschüß.

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