:: RIP Alfred Biolek

Alfred Biolek ist im Alter von 87 Jahren verstorben. Herr Sathom war bestimmt kein extremer Fan der Person Biolek – mit den späteren Kochsendungen konnte er z.B. gar nichts anfangen (eher schon mit deren Parodie bei Switch); dennoch fühlt er sich zu einem Nachruf veranlaßt, und das, obwohl er seit geraumer Zeit eigentlich Abstand von solchen genommen hat (sie können einen merkwürdigen Beigeschmack der Selbstdarstellung, also der Ausbeutung der Verstorbenen, haben – „Seht her, ich war ein Fan dieser oder jener Größe“). Denn abgesehen davon, daß Alfred Biolek in den 1980ern und 90ern gewissermaßen zur Wohnzimmereinrichtung gehörte, er ein Erinnerungspfeiler der Zeit ist, verbindet sich mit ihm – gewiß nicht nur für Herrn Sathom – eine prägende Erinnerung an das Aufwachsen in den späten 70ern und 80ern. Genauer gesagt, an Bioleks damals im wahrsten Wortsinn bahnbrechende Fernsehshow.

Bio’s Bahnhof war ein Brainblaster – im deutschen Fernsehen des letzten Jahrhunderts vielleicht höchstens noch vergleichbar mit Corny Littmanns („Herr Schmidt“) späterer Mitternachtsshow in den 90ern. Das lag weniger am ungewöhnlichen Ort – einem ausgemusterten Eisenbahndepot, in das man Künstlerïnnen mit dem Zug einfahren lassen konnte (wahlweise historisch, modern, oder auch einmal mit der Kutsche) –, als an der völlig neuartigen Auswahl der Nummern.

Im Bahnhof wechselten sich für den damaligen Unterhaltungsmuff typische Schlagernummern ab mit Auftritten internationaler Stars wie Sammy Davis Jr., mit avantgardistischer, experimenteller Musik, mit erotischen Nacktnummern oder progressivem, modernem Ausdruckstanz; das Programm war ein Wechselbad, das die Wahrnehmungsgrenzen, die das Fernsehen damals setzte, sprengte – eine Welt eröffnete, die weitaus größer und interessanter war, nicht immer leicht zugänglich, wenn man im hausbackenen Wohnzimmermief der alten BRD sozialisiert war, doch irgendwie befreiend.

Und Alfred Biolek war ein Entdecker. Indem er auf seinen Bauch hörte – der ihm meistens richtig riet – sorgte er für den ersten Fernsehauftritt von Kate Bush (für den damaligen Herrn Sathom ein Erweckungserlebnis, das ihm auch heute, beim Wiedersehen, noch Gänsehaut bereitet); ging auf ein Angebot des Komponisten Eberhard Schoener ein, eine Lasershow mit dem bis dato hierzulande unbekannten Sting zu zeigen, was dieser nutzte, um auch einen Titel mit seiner neuen Band The Police zu spielen; holte Helen Schneider auf die Bühne. Nun, und Anke Engelke. Aber Fehler passieren. (Immer mit der Ruhe, Leute; Herr Sathom macht nur Spaß.)

Es gab eine viele solche erste Male bei Bio, die oft der Beginn von etwas Größerem waren; Premieren späterer Legenden. Alfred Biolek und sein Team erkannten Talent, ehe andere es taten, erkannten es außerhalb der üblichen Kanäle, weil sie die Augen offen hatten. Und es gab Momente, die in dieser Form einzigartig bleiben dürften; etwa, Sting in einer Prog-Rock-angehauchten Lasershow – damals auch ein technisches Novum – singen zu hören.

Natürlich spielte bei all diesen Entscheidungen auch Bioleks Team eine maßgebliche Rolle (der Hinweis auf Schneider kam von einem Mitarbeiter), sowie die Bereitschaft des Senders, solche Shows überhaupt auszustrahlen und zu finanzieren – aber eben das ist der Punkt. Bio’s Bahnhof atmete, nicht zuletzt dank der Einstellung, den Ideen und der allgemeinen Offenheit Bioleks, einen neuen Zeitgeist, der die Fenster öffnete, frische Luft hereinließ. Alfred Biolek und sein Team waren die Leute mit dem richtigen Instinkt, und dem Mut, Ungewöhnliches zu zeigen; der Katalysator war zweifellos er.

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