:: Rausholen und aufnehmen

Es ist beschämend: Nachdem die Karre in Afghanistan nun mal in den Dreck gefahren ist – dazu, von wem, über welchen Zeitraum, und seit wann, hier eine gute Zusammenfassung – bangen zahllose Afghanïnnen um ihr Leben, weil sie ausländischen Streitkräften, privaten Hilfsorganisationen, NGOs geholfen haben – als Dolmetscherïnnen zum Beispiel; hinzu kommt die Zahl derer, die sich z.B. für Frauenrechte engagierten, die als Lehrerïnnen Mädchen unterrichteten, Journalistïnnen, kurz, sehr, sehr viele Menschen. Die Rede ist hier also nicht nur von Ortskräften der Bundeswehr, oder überhaupt des Militärs. Nicht alle, die jetzt in Gefahr schweben, haben direkt mit den Streitkräften zusammengearbeitet; viele haben sich einfach „nur“ engagiert.

Der Sieg der Taliban mag überraschend schnell gekommen sein – weshalb es jetzt auch allenthalben heißt, man habe sie Lage falsch eingeschätzt oder unterschätzt, und Fragen aufkommen, wie das geschehen konnte (weshalb, z.B. Warnungen aus der deutschen Botschaft konsequent ignoriert wurden). Für viele dieser Helferïnnen, die an eine bessere Zukunft glaubten und auf sie hinarbeiten wollten, kommt also schon jede Hilfe zu spät; abgeschnitten im eroberten Land sitzen sie irgendwo fest, während die Häscher schon Jagd auf sie machen – trotz anderslautender, vollmundiger Versicherungen.

Das Beschämende ist nicht, daß das so ist – an dieser Lage läßt sich ja nichts ändern; sondern, daß es nicht so hätte kommen müssen. Das Tempo der Ereignisse ist nämlich keine Ausrede – weil sie schon seit Monaten absehbar waren.

Die Bundeswehr hat sich bereits im Juni aus Afghanistan zurückgezogen; spätestens zu diesem Zeitpunkt mußten viele Helferïnnen begreifen, daß sie womöglich zurückgelassen – im Stich gelassen – würden. Daß die Taliban gewinnen würden, war längst absehbar, spätestens, sobald auch die US-Truppen abgezogen wären; um eine rechtzeitige Evakuierung wurde sich, soweit überhaupt, nur unzulänglich gekümmert. Helferïnnen, die nicht direkt bei der Bundeswehr beschäftigt waren, sondern z.B. bei örtlichen Dienstleistern, sahen sich damals schon undurchsichtigen Zuständigkeiten und immensen Hindernissen ausgesetzt, das Land verlassen zu können.

Damit steht Deutschland nicht allein; ähnliches gilt für Menschen, die mit dem US-Militär zusammenarbeiteten. Und noch einmal – alle, die nicht direkt beim Militär angestellt waren, sondern bei NGOs und anderen Hilfsorganisationen, hatten und haben noch einmal besonders schlechte Karten.

Daß sich die Ereignisse zuletzt überstürzten, ist also keine Ausrede. Das Ergebnis stand lange fest. Man hätte sich rechtzeitig kümmern können, wäre man zu unbürokratischer Hilfe, ohne künstliche Hürden und mit Vorschriften bzw. Zuständigkeiten begründete Ausreden, bereit gewesen. Man hätte Zeit genug dafür gehabt.

Dieses Versagen läßt sich m.E., und darin besteht die Schande, nicht einfach damit erklären, daß man die Lage falsch beurteilt hätte. Sondern nur damit, daß es die Verantwortlichen im Westen, daß es die Politikerïnnen, nicht interessiert hat. Was aus diesen Menschen wird, die unter Einsatz ihres Lebens an einer Reform ihrer Gesellschaft arbeiteten, denen man Hilfe und Unterstützung zugesagt hatte, kümmerte sie schlichtweg nicht. Vermutlich begriffen sie den Ernst der Lage wirklich nicht – weil sie ihnen nicht wichtig erschien. Sowohl die falsche Beurteilung der Situation, als auch die vorangehende Wurschtigkeit – mit dem Abzug der Bundeswehr, sogar davor schon, hätte man sich sofort kümmern müssen – zeugt schlicht von Gleichgültigkeit gegenüber den Helferïnnen vor Ort und der Frage, was aus ihnen werden soll.

Das Ganze erinnert daran, wie man die Kurden nach dem Sieg über den IS hat sitzenlassen. Die Gleichgültigkeit hat Methode.

Und wie verlogen ist das überhaupt, wenn man von Leuten doppelte und dreifache „Gefährdungsnachweise“ und lückenlose Dokumentation teilweise wechselnder Arbeitgeber verlangt, in einem kriegsverwüsteten Land, in dem ja an jeder Ecke ein Copyshop mit intakten Scannern und Fotokopierern rumsteht – kurzum, in dem mitten im Ruinenfeld eine bessere Infrastruktur als in deutschen Gesundheitsämtern existieren müßte; und dann nicht einmal die nötigen Anlaufstellen zur Verfügung stellt, weil sich keiner zuständig fühlt oder alle denken „Nee laß ma, das können wir nächstes Jahr auch noch machen“?

Es gibt nur eine Antwort auf diese Katastrophe: Man muß alle rausholen, die man noch herausholen kann – mitsamt ihren Familien; bedingungslos, unbürokratisch, ohne Tralala (z.B. schriftliche Gefährdungsnachweise, wer zu Teufel stellt dir denn jetzt noch sowas aus?!?). Dito überhaupt alle, die da weg wollen, Frauen z.B., die jetzt fürchten, wieder unter die Knute zu kommen. Nachweise, ob und wann die für wen gearbeitet haben und wenn ja, für wie viele, vergiß den Quatsch, rein in den Flieger und aufnehmen. Über den Papierkram kann man sich unterhalten, wenn die Leute in Sicherheit sind. Scheißegal, was es kostet – wir haben ja sonst für jeden Dreck Geld – oder welche logistischen Herausforderungen es mit sich bringt. Wenn es Geld kostete, stellt es zur Verfügung, wen es organisatorische Probleme gibt, löst sie; nur TUT ES. Vielleicht kriegen wir das zur Abwechslung mal hin, ohne diese ganzen Faxen à la „Sie bräuchten da aber noch drei Stempel von der deutschen Botschaft, die aber längst dicht gemacht hat“, die ja ohnehin nur Ausreden sind. Einfach, weil es richtig ist. Weil wir diesen Leuten etwas schulden; weil wir es der Menschlichkeit schulden. Macht einfach, nur einmal, DAS. RICHTIGE.

Verdammt noch mal.

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