:: Russische Propaganda muß noch üben

Manchmal ist man zu unaufmerksam. Vielleicht auch zu oberflächlich; gerade dann, wenn man von sich glauben möchte, ein besonders scharfer Beobachter von Politik und Medien zu sein. Vielleicht ist das Abstumpfung, oder Arroganz, weil man schon zu viel gesehen oder gehört hat; und glaubt, alles zu kennen.

Als ich jedenfalls neulich las/sah/hörte (hab vergessen, was), daß eine russische Nachrichtenagentur verfrüht den Sieg über die Ukraine sowie die Besetzung Kiews verkündet hat, war mir das kaum ein Achselzucken wert; vielleicht eine leichte, höhnische Freude über einen massiven Fail der russischen Propaganda. Weil sie damit zugab, die Attacke von langer Hand geplant, und sogar die Siegesmeldungen schon vorbereitet zu haben. Womöglich ist ein solches Gefühl unangemessen angesichts des Grauens, das da entfesselt wurde und vielleicht noch wird, vielleicht aber auch nur ein Schutzschild gegen dieses Grauen – genau wie manche optimistische Prognosen vor der Invasion: Pfeifen im Wald.

So oder so, ich tat das als eigentlich unbedeutend ab – ein weiteres, und sehr kleines Stück Treibgut in der täglichen Nachrichtenflut.

Ohne ein Video von Beau of the Fifth Column auf YouTube, das mich auf meinen Flüchtigkeitsfehler hinwies, wäre mir so ein wichtiges Detail entgangen. Das nämlich, daß ein solcher propagandistischer Fehlschlag auch Informationen preisgeben kann.

Doch zunächst zum Ablauf (falls er nicht schon bekannt ist). Also, was ist passiert? Am 28.02. meldete der Spiegel, die staatliche Nachrichtenagentur RIA Novosti habe einen Bericht verbreitet, der den Sieg in der Ukraine bejubelt – anscheinend ausgerechnet am Samstag, als der erste Angriff auf Kiew gerade gescheitert war. Als der Irrtum bemerkt wurde, hat man das offenbar längst vorbereitete Pamphlet wieder entfernt – allerdings zu spät, denn das Webarchiv von Archive.org (die sogenannte WayBackMachine) hatte es längst gespidert und sich einverleibt. Da die Trottel außerdem eine englischsprachige Version auf der Website einer pakistanischen Zeitung gepostet hatten (bzw. könnte es sich um einen Alleingang des Verfassers handeln), kann man das Machwerk dort, oder alternativ hier (mit einleitendem Kommentar) nachlesen.

Warum ist das wichtig? Nun, Herr Sathom hatte kürzlich Mutmaßungen über Wladimir Putins Motive angestellt, wobei er davon ausging, daß die Erzählung vom Verrat der NATO nur ein Vorwand, die eigentlichen Beweggründe aber andere wären. Und bezüglich dieser wirklichen Intentionen wird die Propaganda-Verlautbarung nun interessant.

Vor einem Krieg wird man vom Aggressor selten dessen wirkliche Absichten erfahren; statt dessen liefert er konstruierte Vorwände, um seine Aggression zu rechtfertigen (Saddam hat Chemiewaffen, in der Ukraine werden Russïnnen geknechtet, seit fünf Uhr dinsgzig wird zurückgeschossen). Sehr selten verkündet jemand seine wirklichen Absichten so offen wie Adolf Hitler es schon vor und während des Krieges tat – wenigstens teilweise („Lebensraum im Osten“). Was die Angreifer tatsächlich im Schilde führen, erfährt man erst hinterher – entweder durch das, was sie tun, oder durch ihre Siegeserklärungen, der rhetorischen Begründung ihres Handelns nach dem Erfolg. (Im Fall einer Niederlage wird ggf. der Sieger die wahren Ziele genüßlich ausbreiten.)

Die voreilige Siegesmeldung liefert uns also wichtige Hinweise auf Putins tatsächliche Absichten. Und da ist mächtig was los.

Nichts Geringeres als eine neue Weltordnung ist errichtet worden. Die Ukraine als „Anti-Rußland“ gibt es nicht mehr; stattdessen hat Rußland seinen historischen Umfang wieder hergestellt („Umfang“ setze ich hier, weil das „fullness“ im englischen Text merkwürdig erscheint, und schwierig zu übersetzen ist; „Völlegefühl“ kann ja wohl nicht gemeint sein). Die russische Welt, bestehend aus Großrussen, Belarussen und Kleinrussen, ist in ihrer Gänze wieder intakt („Kleinrußland“ bezeichnet, nebenbei bemerkt, aus russischer Sicht den Großteil der Ukraine). Damit wurde ein Projekt der „Entrussifizierung“ der Ukraine gestoppt und verhindert, daß die dortigen „Kleinrussen“ gegen alle übrigen Russen „aufgehetzt“ würden – bzw. zu „Ukrainern“ umerzogen („recoding“). Die Ukraine, heißt es, sei „zu Rußland zurückgekehrt“ („heim ins Reich“ nannten die Nazis so was); das bedeute nicht, daß sie als Staat „liquidiert“ würde, doch würde sie „reorganisiert, wiederhergestellt“ und „in ihren natürlichen Zustand als Teil der russischen Welt“ zurückversetzt. Man kann sich fragen, was da der Unterschied sein soll; möglicherweise ist die Installation einer Marionettenregierung gemeint. Jedenfalls, nix Entmilitarisierung; die Ambition geht tatsächlich in Richtung der Wiederherstellung eines großrussischen Reichs, wenigstens einer Hegemonie. Die Vereinnahmung aller Russïnnen unter der Vorherrschaft Großrußlands wird dabei mit Naturkategorien begründet; als Ausdruck einer kosmischen, naturgegebenen Ordnung also, die Völkern eine „Natur“ und darüber eine „Volkszugehörigkeit“ zuweist (siehe dazu auch den hier kürzlich erschienenen Artikel über Viktor Orbán).

Übrigens: Putins belarussische Verbündete sollten den Propagandatext vielleicht aufmerksam lesen; Alexander Lukaschenko wird u.U. interessieren, daß die Ukraine und Belarus hier in einem Atemzug genannt werden – daß also Pläne bestehen, auch sein autokratisches Reich „einzugemeinden“. Womit er dann auch nur noch als Marionette geduldet wäre. Insofern ist dieser Ausrutscher schon pikant.

Na ja, bla, bla, bla, es folgt ein wenig Rassismus (gegen die „Angelsachsen“) und die Feststellung, durch die Abschaffung der Ukraine als eigenständigen Staat habe man mal eben die geopolitische Ordnung mitgeändert, und so eine strahlende neue Weltordnung ermöglicht, in der alle partnerschaftlich zusammenarbeiten – nur eben nicht unter der Fuchtel des Westens (weil, China oder Rußland würden ja nie versuchen, den Laden unter ihre Fuchtel zu bringen). Im Prinzip also hat Putin nicht nur die Ukraine ihrer naturgemäßen Bestimmung wieder zugeführt, sondern nebenher auch die Welt gerettet. Hallelujah.

Gut, ich werde sarkastisch; aber sie übertreiben wirklich – zumal, wenn sie versuchen, sich an andere globale Player wie z.B. die Südamerikaner heranzuwanzen, indem sie sich als deren Befreier vom Joch der „Atlantizisten“ darstellen; und dabei behaupten, nur der Westen errege sich über den Angriff auf die Ukraine, während alle anderen schweigend zusähen, weil sie „verstanden“ hätten. (Soweit sie tatenlos danebenstehen, liegt das wohl eher daran, daß es ihnen wurscht ist; und tatsächlich ist es ja auch nicht die Sache z.B. der Afrikaner, sich zu engagieren, zumal wir ja auch nicht wirklich was für sie tun.)

Wie auch immer. Der Text ist bei aller Siegesfreude immer noch vage genug, um nicht exakt vorherzusagen, was Rußland im Siegesfall tun würde – wie die Assimilation der Ukraine genau ablaufen würde, bleibt schwammig. Daß sie längst geplant, und das eigentliche Kriegsziel ist, dagegen nicht. Die wirklichen Absichten des Putin-Regimes – und zwar die, die es von vornherein hegte – werden immerhin deutlich; und von der hier geäußerten Vermutung, Putin wolle das Zarenreich zurück, sind sie nicht allzu weit entfernt (und nein, ich vermute nicht, daß Putin sich irgendwann zum Zaren krönen lassen, und im Hermelinmantel herumstolzieren will; er strebt lediglich eine dem Zarenreich vergleichbare Hegemonie, und für sich eine entsprechende Macht an).

Na, mal sehen; einen „Artikel aus der Zukunft“ nennt der o.g. YouTuber das, und wie hieß es doch in John Carpenters „Die Fürsten der Finsternis“? „Dies ist eine Nachricht aus der Zukunft“ … Es wird sich zeigen, ob sie in dieser Form Wirklichkeit wird; ich hoffe, nicht.

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