:: Das Erbe der Kobra

Zur Abwechslung trotz – oder auch gerade wegen – der düsteren Zeiten mal was ganz anderes.

Erinnert sich eigentlich noch jemand an Kobra? Dieses Comicmagazin, erschienen von 1975 bis 1978, irgendwie der kleine, häßliche Bruder von Zack? Während dort frankobelgische Nobelserien wie Valerian und Leutnant Blueberry erschienen, wartete Kobra mit Nachdrucken älterer britischer Comics auf, die – jedenfalls teilweise – eher im Ramschsektor navigierten: Hier traf man auf Mytek – Das Monster (Mytek the Mighty), einen als Riesenaffe getarnten Roboter; Archie (Robot Archie), ebenfalls ein Roboter und optisch ein echter Konservendosen-Blechmann; oder Sabor – Der Dschungelkönig (Saber, King of the Jungle), einen blonden Tarzan-Imitator.

Kobra wirkte – verglichen mit Zack, das als Fenster in Richtung Frankreich und Belgien mit ihren vergleichsweise hochwertigen Comics galt – wie mit großer Freude am Schund gestaltet; die Aufmachung der Hefte war reißerisch, die Geschichten, gleich welchen Genres, oft mit Horror-Elementen gespickt, womit die Titelseite des ersten Hefts sogar prahlte. Kobra verhielt sich zu Zack wie Fix und Foxi zu Micky Maus, es war irgendwie billiger, schmuddeliger, aber zugleich auch faszinierend; war wie Punk oder Heavy Metal statt Muttis Schlagerparade, und wirkte dadurch ein bißchen verboten. Ja, sogar der Name „Kobra“ suggeriert Gefahr, wirkt beinahe rockermäßig und damit zwielichtig (ich könnte mir vorstellen, daß er genau mit dieser Absicht gewählt wurde; einen sinnvollen bzw. inhaltlichen Bezug zum Heft hat er nämlich nicht).

Und in der Tat: Zack durfte ich haben, Asterix, Lucky Luke oder Tim und Struppi auch, aber als meine Eltern ein paar Kobra-Hefte bei mir entdeckten, war was fällig. (Dito was fällig war, als ich mit ca. sieben, acht Jahren durch den Erwerb der Marvel-Comics des Williams-Verlags auffiel, und davon, was bei Perry – Unser Mann im All los war, will ich gar nicht anfangen. Ich meine, was war das überhaupt mit den nackerten Zukunftsweibern, mit denen Perry Rhodan in dieser Serie abhing, und von denen man in den Romanheften komischerweise nie was erfuhr, was wollt ihr uns verschweigen?!?? Wie auch immer – gefunden wurden meine Verstecke meist, wenn meine Mutter „aufräumte“; entweder waren sie schlecht gewählt, oder meine Mutter besonders motiviert.)

Kurz, Kobra fiel in die damals noch gern auf Comics angewendete Kategorie „Schmutz und Schund“. Aus der Sicht konservativer Erziehungsberechtigter nicht ganz zu unrecht: Die Geschichten waren oft trashig, der Zeichenstil mal brillant, mal schrottig, und manche Figuren waren regelrechte Antihelden. Da war Die Eiserne Hand alias The Steel Claw, ein Unsichtbarer und zunächst ein psychotischer Krimineller, ehe er sich zum Guten bekehrte (ob das aufgrund öffentlicher Kritik geschah, konnte ich nicht feststellen; offiziell erklärte man, der Unfall, der ihm seine Metallpfote angeschweißt hatte, habe ihn vorübergehend wahnsinnig gemacht); und da war The Spider, der auf deutsch kurioserweise Spiderman hieß. Was vermutlich ging, aber auch rechtlich notwendig gewesen sein dürfte, weil Marvels Spider-Man damals in der deutschen Fassung als Die Spinne firmierte. Ein bizarrer Superschurke, optisch einem Vampir ähnlich (warum, blieb unklar), war er zwar meist damit beschäftigt, die kriminelle Konkurrenz auszubooten, aber dennoch eindeutig böse, bis auch er langsam die Seiten wechselte (Fun Fact: Die Serie wurde größtenteils von Jerry Siegel, dem Miterfinder von Superman, geschrieben).

Schurken im Kinderzimmer

Also, schlechte Rollenmodelle für Kinder, dazu wie gesagte irre Prämissen – ich meine, ein Riesenroboter, der wie King Kong aussieht, und in dessen Kopf Leute sitzen, die ihn steuern; Urwälder voller Mumien, Monstren, Mutationen (die fleischfressenden Riesenorchideen in Sabor – *grusel*), dazu Außerirdische und was nicht noch. Im Nachhinein denke ich, daß mich das an Kobra eigentlich angezogen hat – der Amoklauf einer ungehemmten Einbildungskraft, der sich völlig unbeeindruckt davon zeigte, was Erwachsene vielleicht für vernünftig, anständig oder altersgemäß hielten. So etwas setzte Flausen in die Köpfe einer leicht beeindruckbaren Jugend, lenkte vom Ernst des Lebens ab (Hausaufgaben!), und wer solche Comics las, aus dem wurde später nüscht; so sah man das damals, und stimmt ja auch, wenn ich mich so anschaue.

Daß Antihelden wie The Spider nicht direkt sympathisch waren, machte manche dieser Serien tatsächlich unheimlich, aber so ist das, wenn man ein Kind ist – man gruselt sich, aber ist auch neugierig. Deshalb hab ich ja auch Gespenster-Geschichten („Seltsam? Aber so steht es geschrieben!“) gelesen. Ebenfalls heimlich, schätze, Geheimnisse vor den Eltern zu haben, gehört zum Abnabelungsprozeß; so werden der Kauf und das Lesen auch zu einer Art Mutprobe, einem Initiationsritual sozusagen, auf dem Weg aus einer behüteten Kindheit.

Übrigens waren meine Eltern hinsichtlich der Verfolgung meiner Straftaten inkonsequent; ich erinnere mich nämlich, später mal ein Archie-Taschenbuch gehabt zu haben, das ich, glaube ich, sogar geschenkt bekam (ohne das beschwören zu können). Auch mein Marvel-Konsum wurde irgendwann geduldet. Vermutlich gewöhnten sie sich daran oder fanden sich damit ab, so lange meine schulischen Leistungen nicht nachließen (bloß die Perry-Pornos bleiben ein no go).

Vielleicht noch ein paar Worte zu Archie, dem Roboter: Ich habe sein Design oben etwas abfällig beschrieben; tatsächlich war es allerdings so, daß Archie optisch weniger an eine Maschine, als an einen Mann im Plattenpanzer erinnerte (also das, was man umgangssprachlich „Ritterrüstung“ nennt). Da zugleich viel Aufhebens von seinen Körperkräften gemacht wurde, verlieh ihm das die Aura einer archaischen Urgewalt. Außerdem wirkte Archie trotz des Science-Fiction-Hintergrundes eben wie eine wandelnde Rüstung, eine Figur aus Fantasy- und Geistergeschichten; und das, obwohl er einer von „den Guten“ war (oder vielmehr waren das die zwei Typen, die ihn per Fernsteuerung kontrollierten; erst später erhielt Archie ein eigenes Computerhirn und entwickelte eine liebenswert großspurige Persönlichkeit). Im Nachhinein vermute ich, daß beides die Faszination dieser Figur für mich ausmachte.

Hinsichtlich der Qualität gab es natürlich auch Ausreißer: Das Reich Trigan und Storm waren dem übrigen Material künstlerisch weit überlegen; auch das Handlungsniveau der übrigen Geschichten variierte. Aber im Wesentlichen war Kobra eben ein Schmuddelkind, verglichen mit frankobelgischen Comics; eins von der falschen Seite der Straße, wo im Schatten gefährliche, aber zugleich lockende Abenteuer lauern.

Zugleich – im Rückblick ist nicht leicht festzustellen, worin genau der Unterschied zum „niveauvollen“ Zack eigentlich bestand; wo diese dünne Linie zwischen Qualität und Schrott genau verlief. Auch in Zack gab es Sci-Fi-Comics wie Luc Orient, die es mit der Science nicht immer so genau nahmen, auch dort gab es Action, und für damalige Verhältnisse waren Serien wie Leutnant Blueberry, Comanche oder Bruno Brazil außergewöhnlich gewalttätig. Dennoch wirkten die Geschichten „erwachsener“, bemühten sich um Realismus, während die Produkte in Kobra nicht einmal vorgaben, durch irgendeinen Draht mit der Wirklichkeit verknüpft zu sein. Der Versuch, das sehr junge Lesepublikum durch aufregende, oft erschreckende Szenarien emotional zu fesseln, wirkt im Rückblick plakativer, vielleicht auch schamloser; zumal jede Folge der einzelnen Serien meist nur zwei bis drei Seiten lang war. Kobra bestand eigentlich nur aus Cliffhangern, die einen fingertrommelnd die nächste Ausgabe herbeisehnen ließen, um herauszufinden, wie sich die Helden diesmal aus einer haarsträubenden Situation befreien würden. Auch, daß die Hälfte der Serien in Schwarzweiß erschien, mochte zum „billigeren“ Eindruck beitragen.

Warum erzähl ich das alles (außer, weil Opa langsam nostalgisch wird)? Nun, es gibt Neuigkeiten – ein britischer Verlag hat die Rechteinhaber der alten Kobra-Serien beerbt, und bringt bisher zumindest einige davon neu aufgelegt zurück. Dazu mehr im zweiten Teil dieses jetzt schon zu langen Monologs.

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