:: Ukraine, Flucht, und Rassismus

Sprechen wir vom Elefanten im Raum; sprechen wir über ein Thema, von dem ich wünschte, ich müßte es nicht besprechen.

Wie ich es angehen soll, habe ich länger überlegt – denn ich fürchtete Mißverständnisse. Eines will ich daher vorab klar sagen: Ich bin in der momentanen Situation völlig auf Seiten der Ukraine; ihrer Bürgerinnen und Bürger, deren heldenhafter Mut Bewunderung weckt, und deren Leiden mein ganzes Mitgefühl gilt. Das sollte außer Zweifel stehen. Nichts von dem, was ich im Weiteren schreibe, ist gegen diese Menschen gerichtet, und natürlich bin ich der Auffassung, daß den derzeit Flüchtenden jede nur erdenkliche Hilfe zuteil werden soll; Wohnungen, Arbeitsmöglichkeiten, alles großartig.

Dennoch scheint es mir nötig, auch eine Kehrseite des Ganzen zu beleuchten. Um so mehr, als es viele Arten von Propaganda gibt – die der offensiven Lüge, wie sie die russische Regierung betreibt, aber auch eine Propaganda des Weglassens; etwa, indem man unschöne Entwicklungen auf der eigenen Seite verschweigt, oder nur randständig behandelt. (Nicht, daß westliche Medien hier etwas verschweigen würden; sie agieren insofern erfreulich „unpropagandistisch“. Aber dazu unten mehr.)

Also, sprechen wir es offen aus: Es geht um Rassismus. Einen, der bei der Behandlung Flüchtender aus der Ukraine sichtbar wird. Nicht den Ukrainerinnen gegenüber, die ohne männliche Verwandte das Land verlassen müssen; sondern gegenüber Personen, die nicht weiß, blond und blauäugig sind.

Dieser Rassismus äußert sich auf zwei Arten. Die eine, ganz konkrete: Es gibt Berichte darüber, daß afrikanische oder anderweitig „nichteuropäisch“ aussehende Studentïnnen, die ebenfalls die Ukraine verlassen wollen, an den Grenzen schikaniert oder aufgehalten, sogar geschlagen werden. Entsprechende Übergriffe gäbe es von Seiten polnischer, aber auch ukrainischer Grenzbeamten. Es soll sogar zu Szenen gekommen sein, bei denen bereits in Züge gestiegene Personen von den weißen Flüchtlingen wieder aus dem Zug geworfen wurden. Von offizieller Seite werden solche Anschuldigungen natürlich dementiert, machen aber zahlreich in den sozialen Medien die Runde; zugleich gibt es auch Berichte von guter bzw. gleicher Behandlung. Entsprechend vorsichtig äußerte sich letzte Woche noch die Tagesschau; auch die taz und rbb24 berichteten. Neuere Meldungen, etwa in der Frankfurter Rundschau vom 10.03., sind schon weniger zurückhaltend. Und wir reden hier von Medien, die nicht verdächtig sind, russische Propaganda zu betreiben, deren Berichterstattung also glaubwürdig ist – die anfänglich vagen Berichte bestätigen sich zunehmend, z.B. auch auf NTV. Sogenannte People of Colour, auch Frauen, sogar Schwangere, werden offenbar jedes Mal ans Ende der Schlange zurückgeschickt, sobald sie den Grenzübergang erreichen, oder von ihren Kindern getrennt, oder es wird ihnen gesagt, Busse oder Züge dürften sie nicht benutzen, sondern müßten zu Fuß gehen. Einmal in Polen angekommen, soll es zu weiteren Diskriminierungen kommen.

Man kann sich natürlich der Hoffnung hingeben, daß es sich um exzessive Einzelfälle handelt – zumal es auch Anzeichen gibt, daß weiße Flüchtende einzugreifen versuchen, um Grenzbeamte von Übergriffen abzuhalten. Das Bild eines „flächendeckenden“, systematischen Rassismus, jedenfalls von Seiten der Durchschnittsbevölkerung, ergibt sich (noch) nicht.

Zugleich beginnt die Propaganda, ihr Werk zu tun („Im Krieg zählt die Wahrheit zu den ersten Opfern“). Deutsche Medien verschweigen die Vorwürfe nicht, sind jedoch besonders vorsichtig, weil sie fürchten, solche Berichte könnten russische Propaganda von einer „Entnazifizierung“ der Ukraine bestätigen. Zugleich behauptet EU-Ratspräsident Charles Michel kategorisch, es handele sich ausschließlich um russische Propaganda, leugnet die Zwischenfälle also rundweg. Besonders bedrücken muß hier, daß der ukrainische Botschafter in Großbritannien die Vorfälle zwar einräumt, als Lösung aber lediglich eine „Absonderung“ der nichtweißen Flüchtigen vorschlägt; das ist zynisch. Denn eine solche Absonderung findet ja bereits statt, ist ja gerade das Problem. Und erinnert an Selektion, einen historisch extrem belasteten Begriff – um so schlimmer, entlarvend sogar, wenn dem Botschafter als „Lösung“ des Problems nur ein „Mehr desselben“ einfällt.

Übrigens, Charles Michel: Wenn überhaupt keine rassistischen Übergriffe stattfinden, wie erklären sich dann die Berichte nichtweißer Flüchtiger? Doch nur, wenn man annimmt, diese Menschen stünden allesamt als Propaganda-Agenten auf Putins Gehaltsliste – oder würden halt „einfach so“ lügen. Warum? Weil „solche Menschen“ (Schwarze nämlich) eben dauernd lügen? Kurz, was will uns der EU-Ratspräsident da gesagt haben?

Solche Äußerungen beleuchten einen Rassismus, der versteckter ist, tiefer liegt als der, der sich in den geschilderten Übergriffen äußert. Er zeigt sich in der unterschiedlichen medialen und politischen Behandlung von Flüchtlingen unterschiedlicher Hautfarbe. Dazu mehr im zweiten Teil.

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