:: TV-Tipp: Star gegen die Mächte des Bösen

Es ist wahrscheinlich merkwürdig, daß ich in meinem Alter manchmal gern Zeichentrickserien für ein jüngeres Zielpublikum konsumiere; aber ich mag nun einmal schräge Charaktere, die eindeutig nicht ganz dicht sind, und auch in entsprechende, völlig durchgeknallte Handlungsstränge verwickelt werden. Deshalb gefallen mir ja z.B. One Piece, Spongebob Schwammkopf und Willkommen im Haus der Eulen.

Eine Serie, die der Disney Channel ab Montag, den 14.03. im linearen Free-TV wiederholt, fällt also genau in mein Suchraster: Star gegen die Mächte des Bösen.

Offenbar läuft das gerade in Schleife, denn ich habe am Freitag gerade die letzte Folge der vierten Staffel gesehen, mit der die Serie endet (definitiv, soweit ich das sehe); und bin noch immer ganz melancholisch, einmal wegen des Endes selbst, und dann auch, weil es vorbei ist (ich guck das jetzt nicht gleich nochmal von vorn). Star entwickelt eine diese Erzählungen, bei denen man traurig ist, wenn sie vorbei sind – weil man die Charaktere vermissen wird, weil das Ende einen etwas melancholischen Beigeschmack hat (dazu unten mehr); und das ist etwas, das nur die besten Geschichten schaffen: Daß man wünschte, sie würden weitergehen – und daß sie es zugleich nicht tun, nicht zu einer Endloserzählung verkommen, die irgendwann ausläuft, weil es keinen mehr interessiert.

Okay, worum geht’s (ich werde versuchen, Spoiler zu vermeiden)? Fangen wir mit der Heldin an. Star Butterfly ist ein Teenager aus der Parallelwelt Mewni. Optisch wirkt sie wie eine weitere dieser magisch begabten Prinzessinnen à la Prinzessin Lillifee und wie sie alle heißen; sicher ein Grund, daß ich die Serie lange ignoriert und einfach weitergezappt habe, wenn ich da reingeraten bin. Warum ich einmal hängen blieb, weiß ich schon nicht mehr; das Hängenbleiben erwies sich als dauerhaft. Jedenfalls – die Heldin sieht zwar so aus, inklusive rosa Herzchen auf den Bäckchen, entspricht diesem Klischee jedoch keineswegs. Star ist leicht verrückt, symapthisch und liebenswert, aber auch egozentrisch, mutwilllig, oft verantwortungs- oder wenigstens gedankenlos, manchmal sogar gemein; sie muß erst lernen, verantwortungsvoll und empathisch zu agieren, und geht mit ihren Mitmenschen – und ihren weniger menschlichen Mitwesen – zunächst oft achtlos um. Aber sie ist auch mutig, dabei zugleich oft leichtsinnig, und hat das Herz natürlich, wenn es darauf ankommt, auf dem rechten Fleck (und zwei weitere auf den Wangen). So eine Hauptfigur bleibt nicht ohne Folgen: Statt zuckersüßen Klischeegedümpels herrschen bei Star gegen die Mächte des Bösen Chaos, Anarchie, Radau – und bei mir jedenfalls entsprechend gute Laune. Ich vermute sogar, daß das „herzige“ Design absichtlich so gewählt wurde, um es mit dem dazu kaum passenden Charakter zu kontrastieren (in der Serie tauchen weitere Figuren mit Wangenmarkierungen auf, die eine bestimmte Bedeutung haben, das Ganze ist also durchaus durchdacht ins Worldbuilding integriert); beinahe, als wolle Star gegen die Mächte des Bösen den anhaltenden Prinzessinnen-Wahn, den ja nicht zuletzt Disney selbst in die Kinderhirne geblitzt hat, karikieren. Denn die Heldin selbst ist eher Pippi Langstrumpf als Prinzessin, also emanzipatorisch statt hübsch und angepaßt.

Ich glaube übrigens, daß dieses Muster sich in der Serie an einigen Stellen wiederholt. Zu den seltsamen Gestalten, die Star umgeben, gehört z.B. Ponykopf, ein fliegender Einhornkopf, dessen Hals ihm als sternchenstreuender Raktenantrieb dient; ich kann mir zumindest vorstellen, daß diese optisch eher makabre Figur einen Seitenhieb auf die allseitige Pony- und Einhornmanie darstellt (und keine Angst, ihr geht’s gut; sie gehört zum Volk der Ponyköpfe, da ist also nichts abgehackt oder so). Andere Konzepte sind einfach witzig, und bauen aus einem ulkigen Charakter gleich ein Gesellschaftssystem: Kelly gehört zu einem Volk, das sehr üppiges Haupthaar pflegt; später zeigt sich, daß nicht nur ihr Freund in ihren Haaren lebt, sondern daß in ihrer Dimension die Haare eines Familienmitglieds häufig als Behausung für alle anderen dienen (fragt nicht, seht’s euch an).

So wie Star und das übrige Ensemble keineswegs perfekt sind, und erst nach und nach immer mehr reifen, ist auch keineswegs klar, wer oder was die „Mächte des Bösen“ eigentlich sind, gegen die sie bestehen muß. Die Trennlinie wird im Lauf der Serie immer unschärfer; Entdeckungen über die Geschichte ihrer Herrschaftsdynastie, enthüllte Intrigen und aufgedeckte Familiengeheimnisse verändern sowohl das Bild einzelner Figuren, als auch der Fraktionen und Mächte, die in Mewni konkurrieren, immer wieder aufs Neue (anfangs z.B. gibt es einen klaren Konflikt zwischen Menschen und den „bösen“ Monstern; später stellt sich heraus, daß die Menschen den Monstern ihr Land geraubt bzw. es kolonisiert haben, weshalb diese nachvollziehbarer Weise sauer sind). Tatsächlich kann man sagen, daß niemand in der Serie (von wenigen Ausnahmen abgesehen) im eigentlich Sinne „böse“ ist – die meisten Protagonisten haben ihre Beweggründe, die aus ihrer Perspektive durchaus nachvollziehbar sind, begehen Fehler oder handeln falsch, lernen daraus und verändern sich im Lauf der Zeit. Selbst mit den „Schurken“ kann man meist sympathisieren. Fast alle, auch die Hauptfigur, machen einen Reifeprozeß durch – bis Star am Ende der Serie imstande ist, ein großes persönliches Opfer zu bringen, um ihre Welt zu retten. (Und, ja, ich bin ein Weichei; aber ich fand’s herzzerreißend.)

Sind die Gegner anfangs noch eher witzig und die Herausforderungen klein, wird die Geschichte im Lauf der vier Staffeln immer epischer. Ich muß zugeben, daß ich trotz der Gags die letzten Folgen kaum noch als komisch empfand, eher als ungeheuer spannend; nicht gerade so, daß ich nägelkauend auf die nächste Fortsetzung wartete, aber doch schon in der Weise, daß ich mitfieberte, wenn ich eine Episode sah. Das alles klingt jetzt womöglich nach eher schwerer Kost – doch die Serie ist saukomisch, wimmelt von Gags, die einen laut prusten lassen, und von schräg-verrückten Figuren und Ereignissen. Das, und die Kreaturen und Szenerien, bezeugen eine fröhliche, zugleich überbordende Einbildungskraft, die sich kaum Fesseln anlegt; was zu einer Geschichte führt, vor Phantasie birst und immer wieder anders ist als klischeetypische Fantasy, gleich für welche Altersgruppe.

Wie gesagt endet Star mit der letzten Folge der vierten Staffel, und Hoffnungen von Fans auf eine Fortsetzung werden sich wohl nicht erfüllen; ich bin damit, auf die oben beschriebene Weise, ganz zufrieden. Ich habe die Serie zum ersten Mal gesehen (sie lief ursprünglich von 2015 bis 2019); daß sie endete, hinterließ mich durchaus melancholisch, auf diese Art, die einen noch mehrere Stunden lang (und sogar jetzt gerade wieder, zwei Tage später) daran zu denken zwingt, daß es vorbei ist, und wehmütig die letzten Folgen, die ganze Serie, und die liebgewonnen Figuren Revue passieren zu lassen. Star gegen die Mächte des Bösen ist eine dieser Geschichten, die das Zeug haben, zu einer kraftvollen Erinnerung zu werden – gerade, weil sie enden.

Disney strahlt die Serie Montags bis Freitags ab 16:25 Uhr aus, meist bis ca. 16:45 oder 17:00 Uhr; die einzelnen Folgen sind mit ca. 11 Minuten meist eher kurz, obwohl „epischere“ Folgen – zum Staffelfinale oder zum Ende der Serie – ca. 30 Minuten dauern können, weshalb immer mehrere hintereinander gesendet werden (die kurze Episodendauer führt auch zu meinem einzigen, wenn auch vernachlässigbaren Kritikpunkt, da Entwicklungen der Charaktere oder und der Handlung dadurch gelegentlich überstürzt, bzw. zu wenig ausgearbeitet, scheinen). Offen gesagt würde ich mich auf die Uhrzeiten nicht ganz verlassen, da der lineare Disney Channel diese auch manchmal recht variabel handhabt (wem es zu blöd ist, sich da jeweils vor die Glotze zu hocken oder es aufzunehmen, kann es vermutlich auch streamen, Disney-Abo vorausgesetzt; nehm ich jedenfalls an, ich hab keines und kann es daher auch nicht überprüfen).

Tja. Naja, Also, mir gefällt’s, aber ich bin ja selbst verrückt; ob es anderen Leuten zusagt, kann ich also nicht versprechen (es ist auch nicht jede Folge klasse). Daher auch diesmal kein „Glotzbefehl“, aber die Empfehlung, sich mal ein, zwei Folgen zu geben – und zu sehen, ob da was einhakt.


P.S. Ich glaube, daß es sich bei meiner Vorliebe für diese Sendung – und der starken emotionalen Reaktion auf ihr Ende – um mehr handelt, als meine übliche Vorliebe für verquere, rebellisch-anarchische Charaktere. Jedenfalls geht es mir mit anderen solchen Serien nicht so. Mangels eines besseren Begriffs möchte ich es als „verschobene Nostalgie“ bezeichnen. Nein, nicht verschroben, ver… na ja, das auch. Damit meine ich nicht, daß ich Gefühle, die ich als Kind oder Jugendlicher für andere Serien hatte, auf diese übertrage; sondern, daß ich mir vorstellen kann, daß sie, hätte ich sie mit etwa 14 oder 15 gesehen, ganz genau so gewirkt hätte. Wir alle haben wohl in unserer Jugend erlebt, daß bestimmte Geschichten uns eine Art Epiphanie bereiten, uns genau da abholen, wo wir gerade sind, und uns mehr bieten als die übliche Durchschnittsware (bei mir waren das eher Leseerlebnisse, je nach Alter z.B. Der kleine Hobbit oder später Ray Bradbury). Die uns zeigen, daß es da irgendwie mehr gibt, um uns herum und in uns selbst, als wir bisher wußten. Ich glaube, Star weckt in mir das Gefühl, daß diese Serie in einem bestimmten Alter für mich so funktioniert hätte. Macht das Sinn? Keine Ahnung. Spielt vielleicht auch keine Rolle. Aber es fühlt sich so an.

3 Kommentare zu „:: TV-Tipp: Star gegen die Mächte des Bösen“

    1. Stimmt, das Alter sollte keinHinderungsgrund sein 🙂
      Spongebob ist obercool. Aber ich geb zu, ich würde nicht neben ihm wohnen wollen. Das würde mich ziemlich schnell zum Thaddäus machen 😉

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