:: Embargo und moralische Heuchelei

Nach Bekanntwerden der Greueltaten in Butscha werden immer mehr Stimmen laut, die ein vollständiges Energie-Embargo gegen die Sowjetunion das neue Zarenreich fordern. Umfragen zufolge sollen ca. 50% der Deutschen dafür, und 40% dagegen sein. Und: Moralisch ist diese Forderung vollkommen richtig. Und ehe wir uns falsch verstehen: Ich bin unbedingt für ein Embargo russischer Energielieferungen – trotz dessen, was ich im Weiteren schreibe; aber es kommt auf das „Wie“ an, und das Ende dieses Artikels wird vielleicht überraschen.

Denn ein zweiter Blick zeigt, daß es – wie immer bei moralischen Fragen – schnell uneindeutig wird; und daß moralische Sauberkeit dicht bei scheinheiliger Heuchelei liegt. Und, noch wichtiger, daß Moral stets etwas mit Privilegien zu tun hat. Man muß sie sich leisten können. Für die Moral leiden sollen andere.

Denn wer fordert die mit dem Embargo verbundenen Verzichtsleistungen, und wen würden sie am Härtesten treffen? Von Ukrainerïnnen, deren Standpunkt verständlich ist abgesehen, sind es anscheinend besonders Vertreter der gutsituierten Mittelschicht und der darüber liegenden Einkommensgruppen – z.B. Ex-Bundespräsident Joachim Gauck –, die finden, daß man für die gute Sache eben Opfer bringen, und im nächsten Winter auch mal frieren solle.

Aber wer würde frieren? Herr Gauck wohl kaum. Man kann sich denken, wen er meint.

Hier reden Leute, die steigende Energiekosten zwar spüren, aber kaum empfindlich unter ihnen leiden würden; viel härter treffen würde es Geringverdienerïnnen, Empfängerïnnen von Hartz IV, und die ganz Armen. Menschen also, denen ohnehin ständig härtester Verzicht auferlegt wird – von eben der bürgerlich bestimmten Gesellschaft, die nun noch größere, und zwar moralische Opfer von ihnen einfordert. Sie könnten sich u.U. ihre Heizkosten gar nicht mehr leisten, müßten tatsächlich frieren, sich Geld vom Budget für Lebensmittel abknapsen, usw., usf.

Einmal mehr kommt die Forderung, Opfer zu bringen, also von denjenigen, die selbst keine – oder nur ganz geringe – Opfer bringen würden; und ergeht an jene, die es am Schlimmsten treffen, die wirklich etwas opfern müßten.

Die Privilegierten finden, daß alle anderen bereit ein müßten, Entbehrungen auf sich zu nehmen; und machen wir uns nichts vor: Wenn Herr Gauck fordert, für die Freiheit müsse man auch mal frieren, dann meint er bestimmt nicht sich selbst. Auch im kommenden Winter hätte er seinen Hintern garantiert im Warmen geparkt. Es sind die, die ohnehin kaum das Nötigste haben, die draufzahlen sollen.

Das ist nun eigentlich reine, empathielose Heuchelei, die die Not anderer völlig ignoriert; nicht einmal zur Kenntnis nimmt, daß diese Menschen überhaupt existieren. Ironischerweise gründet sie jedoch in einem Gefühl eigener moralischer Überlegenheit. Es paart sich mit Menschenverachtung gegenüber den Ärmeren, die man als moralisch minderwertig wahrnimmt, falls man sie überhaupt zur Kenntnis nimmt.

Um Beispiele zu nennen: Als pandemiebedingt die Frage nach Heizkostenhilfen für ärmere Menschen aufkam, äußerte Robert Habeck sinngemäß, solche Hilfen würden die Leute nur animieren, die Heizung voll aufzudrehen und das Fenster aufzureißen. Er stellt sich also vor, daß Hartz-IV-Empfängerïnnen und andere „Unterschichtlerïnnen“ genau das tun würden, griffe man ihnen unter die Arme. Weil „die da“ eben so sind. Das erinnert an die vor einigen Jahren geführte Debatte um Bildungszuschüsse für Kinder aus Hartz-Familien; auch da hieß es als Gegen-“Argument“, die Eltern würden das Geld ja ohnehin nur für Alkohol und Zigaretten ausgeben. Und erst kürzlich unterschied der inzwischen abgewählte Ministerpräsident des Saarlands, als es um Benzinkostenzuschüsse ging, zwischen den ärmeren Teilen der Bevölkerung und den „fleißigen“ Menschen, die ihr Auto bräuchten, um zur Arbeit zu kommen. Dieser Sozialdarwinismus, der den Unterprivilegierten eine moralische Minderwertigkeit unterstellt, ist in „gehobenen“ Kreisen weit verbreitet; in der bürgerlichen Mittelschicht und den akademischen Milieus sogar fest verankert. Aus ihr beziehen diese Gruppen ihr Gefühl eigener Höherwertigkeit, diese wiederum begründet mit moralischer Überlegenheit. Ausweis dieser Vorzüge ist der eigene, soziale Status – er garantiert, daß man im Zweifelsfall jedem Niedriglöhner, jeder Putzfrau überlegen ist. Tatsächlich findet man, daß diese ihre Armut quasi als gerechte Strafe verdienen.

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