:: R.I.P. Nichelle Nichols

„Yes, Ms. Nichols, I am your greatest fan.“
Martin Luther King

Dies hier ist ein Artikel, den ich nicht gerade heute zu schreiben erwartet habe – obwohl das Ereignis, das er behandelt, irgendwann eintreten mußte. Die Nachricht hat mich dennoch unvorbereitet getroffen, und so sitze ich hier, unvorbereitet, und tippe einen Artikel, den ich eigentlich nicht schreiben will.

An sich wollte ich solche Nachrufe überhaupt nicht mehr schreiben. Einmal, weil seit 2015, als das große Sterben alter Größen in einer regelrechten Explosion begann, die Zahl der Abschiede nach und nach überforderte; zum Anderen, weil mich das Gefühl beschlich, daß der Nachruf ein eigenes, unterschwelliges Bedürfnis nach Selbstdarstellung befriedigt, das den Verstorbenen unangemessen, und pietätlos ist.

Es ist also nichts, das ich schreiben will; aber muß. Denn uns trifft Verlust, der nicht unangesprochen bleiben darf.

Nichelle Nichols, bekannt als Lt. Uhura aus der originalen Star Trek-Serie, ist am Samstag, dem 30.07.2022, im Alter von 89 Jahren verstorben.

Photo by Alan Light; gemeinfrei (s.u.)

Nichelle Nichols 1979

Es ist ein schmerzlicher Verlust für viele Menschen weltweit, und sicherlich der schwerste für ihre Freunde und Angehörigen, denen mein tiefes Mitgefühl gilt.

Doch warum ist Nichols so wichtig?

Natürlich unter Anderem, weil ihr Auftreten in Star Trek ein starkes Statement gegen Rassismus war; so stark, daß ihr Martin Luther King persönlich ausredete, die Serie zu verlassen, um eine Broadway-Rolle anzunehmen. Das war gewiß nicht allein ihr Verdienst, denn die gesamte Serie – in der Kirk einen mehrfach auftretenden schwarzen Admiral als Vorgesetzten hatte – war daraufhin konzipiert, eine Welt zu entwerfen, in der Angehörige verschiedenster Völker friedlich zusammen leben und arbeiten. So, wie sie auch – innerhalb der Grenzen, die Geldgeber bzw. Senderbosse erlaubten – Frauen in gehobenen Rängen und hochqualifizierten Tätigkeiten zeigte (auch wenn man Uhura „nur“ am Funkgerät sitzen sah, war sie immerhin Lieutenant, und damit teil der höheren Kommandokette). Doch um die Botschaft zu vermitteln, benötigte man gerade damals eine hervorragende Botschafterin – und wer hätte diesen Anspruch besser erfüllen können als Nichelle Nichols?

Immerhin reden wir von einer Zeit, in der unsympathische schwarze Protagonistïnnen die rassistischen Vorurteile eines weißen Publikums automatisch bestätigt hätten; Uhura zeigte ein durchweg positives Bild einer schwarzen Frau, und das in mehrfacher Hinsicht: Kompetent, sympathisch, intelligent und fähig. Man kann das als Zugeständnis an den damaligen Rassismus werten; doch vermutlich war die Botschaft nicht anders zu vermitteln. Daß Nichelle Nichols schön war – und ich meine keineswegs nur attraktiv, sexy oder etwas dergleichen – half dabei sicherlich; und war durchaus keine oberflächlicher Faktor.

Um die Wirkung und Bedeutung ihrer Darstellung zu verdeutlichen, muß ich nun doch von mir erzählen; davon, welchen Eindruck Nichelle Nichols auf das fünfjährige Kind machte (denn ich war fünf, als ich sie das erste Mal sah; die Serie wurde vom ZDF ab 1972 ausgestrahlt). Ich war fasziniert von Raumschiff Enterprise und der für mich oft unheimlichen Handlung, die ich meist nur halb verstand (den Tech Babble verstand ich gar nicht, und folglich auch die Lösung mancher Probleme nicht – warum zum Teufel konnte die Enterprise den Klingonen entkommen, weil Scotty ein Stück Halskette einer Alien-Prinzessin in den Antrieb montierte?); doch ich saß wie gebannt vor dem Bildschirm, wann immer Nyota Uhura ins Bild kam. Schlicht, weil ich es nicht fassen konnte, wie schön diese Frau war. Oder wie es überhaupt jemanden geben konnte, der so schön ist. Dieser Eindruck transzendiert für mich bis heute ihre ungeheure Attraktivität; denn sicherlich sah sie schön aus, doch diese Art Anziehungskraft ist nichts, das einen Fünfjährigen interessiert. Etwas in Nichols‘ Auftreten, Habitus, Darstellung vermittelte den Eindruck einer Frau, die auch innerlich schön war – einer Person, der man, würde man ihr begegnen, unmittelbar vertrauen würde. Den einer starken, positiven Persönlichkeit, ohne daß ich begründen könnte, woher dieser Eindruck rührte. Ich weiß nur, daß ich jetzt, fünfzig Jahre später, wieder fünf Jahre alt bin – und es noch immer nicht fassen kann. Nyota Uhura wirkte wie eine Fee aus der Zukunft; eine Frau, die man als Kind nur bestaunen, und später nur bewundern konnte.

Die Wucht, mit der sie mich als Kind traf, hat nie ganz nachgelassen; und es war eine Wucht, die den noch ungeformten Geist eines kleinen Kindes vielleicht nicht völlig, aber doch immens davor schützte, rassistisches Ideengut überhaupt zu entwickeln, oder von den Erwachsenen zu übernehmen. Und was immer ich später über sie hörte und las, hat mir nur bestätigt, daß sie eine beeindruckende Persönlichkeit war.

Bild ursprünglich von Super Festivals auf Flickr gepostet; gemeinfrei (s.u.)

Nichelle Nichols 2019

Nichelle Nichols war sicherlich mehr als nur Lt. Uhura. Sie war Sängerin, Tänzerin, später auch Produzentin und Choreographin, Synchronsprecherin für Animationsserien, und auch nach Star Trek weiterhin schauspielerisch tätig; und sie arbeitete mit der NASA an einem höchst erfolgreichen Projekt, Frauen und Angehörige von Minderheiten für die Space Agency zu rekrutieren. In den 1980ern engagierte sie sich darüber hinaus beim National Space Institute, einer Non-Profit-Organisation, die sich für die Erforschung des Weltalls einsetzt. Daß ein Asteroid nach ihr benannt wurde, ist eine verdiente Anerkennung solcher Leistungen.

Auch der Tod anderer Darsteller der Originalserie hat mich getroffen, und wenn ich es – aus den genannten Gründen – versäumt habe, ihnen Nachrufe zu widmen, möchte ich das hier nachholen: R.I.P. De Forest Kelley, R.I.P. James Doohan; und noch einmal einen Gruß an Leonard Nimoy, der damals noch einen Nachruf erhielt.

Dieser hier ist keiner, den ich schreiben will; aber muß. Eine traurige Pflicht: Einer Frau, die auf mein leben und das Vieler eine solche Wirkung hatte, die Ehre zu erweisen.

Ihr Tod hat mich schwer getroffen, und sicherlich viele Andere, die ihr Nahestehenden am Meisten; ihre Bedeutung läßt sich kaum in Worte fassen.

Live long and prosper, heißt es bei Star Trek; heute aber muß es heißen: Lebwohl, Nichelle Nichols. Lebe für immer. In unseren Herzen.


Urheberrechtsnotiz:

Nichelle Nichols 1979:
Quelle: https://www.flickr.com/photos/alan-light/4505899674/
Photo by Alan Light; Nutzung gestattet bei Nennung des Photographen

Nichelle Nichols 2019:
Quelle: https://www.flickr.com/photos/superfestivals/49134192366/
Bild ursprünglich von Super Festivals auf Flickr gepostet; Nutzung lizensiert unter Creative Commons Attribution 2.0 Generic License (CC BY 2.0)

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