:: R.I.P. Jean-Jacques Sempé

Leider muß ich heute nun doch noch einen weiteren Nachruf schreiben: Der Zeichner Jean-Jacques Sempé, der zusammen mit René Goscinny den „Kleinen Nick“ erschuf, ist tot.

Tatsächlich kenne ich Sempé – wie sicherlich viele meiner Generation – hauptsächlich durch diese Kinderbuch-Reihe (die sich, genau genommen, auch oder sogar zuerst an Erwachsene richtet). Ich bin mit diesen Büchern aufgewachsen und sogar mit der Originalfassung Le petit Nicolas in Französisch unterrichtet worden.

Zugleich war Sempés Werk viel umfangreicher; trotz ihres zauberhaft poetischen Strichs waren seine eigenen Geschichten und Zeichnungen oft gesellschaftskritisch, entlarvten z.B die Dekadenz der französischen Elite und die hohlen Phrasen bourgeoiser Gespräche ebenso wie die aufgesetzte Munterkeit und Freundlichkeit der New Yorker Kreativszene (so in dem hervorragenden Band Air Mail, den zu besitzen ich mich wohl glücklich schätzen darf, denn die Wikipedia-Seite zum Künstler listet dieses Werk nicht mehr unter den erhältlichen Titeln). Was alles nicht heißt, daß nicht auch die „einfachen Leute“ ihr Fett wegbekamen, oder die Kleinbürger, oder die Linke. Dabei wurde Sempés Blick nie verächtlich oder menschenfeindlich. „Mensch zu sein braucht enorm viel Tapferkeit. Es ist schwer.“ sagte er der Süddeutschen Zeitung in einem Interview von 2009; die Menschen betrachtete er mit melancholischer Sympathie. Denn der griesgrämig blickende Mann, dem man auf der Straße begegnet, ist eben kein unsympathischer Miesepeter: Vielleicht bedrückt ihn alles mögliche, oder es ist nur seine Müdigkeit und die Hitze des Tages, oder sein Job – doch er muß „immer weitergehen, immer weiter. So etwas berührt mich sehr.“ Seine zerbrechlichen Helden sind, wie der Kolumnist Imre Grimm fand, in der Welt permanent überfordert; wobei, das ist Teil von Sempés anrührender wie auch beißender Darstellung, sie sich selbst in Szenen, in denen sie vor prahlerischen Monsterbauten oder Straßenschluchten winzig und hilflos wirken, für den Nabel der Welt halten – sei es aus Selbstschutz, oder aus Selbstüberschätzung.

Comic-Zeichner im eigentlichen Sinn ist Sempé nie gewesen, denn „diese kleinen Rechtecke“ waren nicht sein Ding, wie er im o.a. Interview sagte; doch ein Schöpfer von Bildgeschichten, und dann was für welchen.

Den Umfang seines Werks habe ich immer wieder einmal, doch bis heute nicht komplett erforscht; wie gesagt, war er für mich die meiste Zeit meines Lebens vornehmlich der Zeichner des „Kleinen Nick“. Wobei seine Kinderdarstellungen eine bessere Kindheit als seine eigene imaginieren sollten, das Zeichnen für ihn überhaupt eine Art des Entkommens war. So oder so hat er meine Kindheit geprägt und sicher die vieler Menschen meiner Generation, und das mit nur einem Werk; und ein soviel größeres hinterlassen. Ruhe in Frieden, und danke.


P.S. Ein schöner Abriß von Leben und Werk findet sich im Nachruf der FAZ; darüber hinaus sei auf das oben verlinkte Interview und den Wikipedia-Artikel verwiesen.

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