:: Pausbäckig nachgefragt – Ist das Rassismus?

Es gibt so eine Art Rassismus, der kommt pausbäckig-naiv daher und will sich gar nicht als solcher wahrnehmen; und manchmal kann man das, was in der deutschen Debatte über Migration schiefläuft, an einem einzelnen Beispiel erkennen. Sozusagen wie unter einem Schlaglicht, das diese Schieflage grell beleuchtet.

Nehmen wir etwa das am 06.01. im heute-journal geführte Interview mit der Antidiskriminierungsbeauftragten Ferda Ataman. (Nebenbei: Angesichts der gestellten Fragen muß ich Frau Ataman für ihre Geduld und den konsequenten Versuch, sachlich und sogar freundlich zu antworten, bewundern. Herrn Sathom wäre irgendwann eine Ader geplatzt.) Es ging, natürlich, um die pyrotechnische Randale zu Silvester.

Daran gibt es nichts zu verharmlosen. Die Angriffe auf Polizei und Rettungskräfte sind verabscheuungswürdig und müssen hart verfolgt werden. Zugleich aber steht schon die CDU/CSU Spalier und weiß, wer es gewesen ist: Mal wieder diese verdammten Orks Migranten. Weil nicht integriert, weil Parallelgesellschaft, weil kein Respekt und nur Verachtung für den Staat usw. usf. Man fordert einen „Jugendgipfel“, will aber in Wirklichkeit eine erneute Migrationsdebatte – mit negativen Vorzeichen für die Migrierten.

Im heute-journal wurde nun also Ferda Ataman dazu interviewt. Der Ablauf ist interessant.

Auftakt: Die Mitarbeiterin der Sendung sagt, Deutschland diskutiere seit sechs Tagen über die Silvesternacht in Berlin; Frau Ataman wird gefragt, wie es ihrer Ansicht nach zur Gewaltentladung in Neukölln gekommen sei.

Hier ist die Gesprächstechnik wichtig. Denn das ist keine echte Frage, sondern eine Richtungsvorgabe. Ausschreitungen, Gewalt und pyrotechnische Exzesse gab es im ganzen Land, in allen Großstädten, z.B. Köln; es soll aber nur Berlin, speziell Neukölln, deutschlandweites Thema sein. Durch die „Frage“ wird suggeriert, die Randale hätte nur dort stattgefunden. Warum? Weil es da besonders viele Migrantïnnen gibt und man diese so als die Hauptverursacherïnnen, bzw. das Problem, ausmachen kann? Weil man eigentlich über diese Menschen diskutieren will, nicht über die Gewalt an sich? Und diskutiert wirklich ganz „Deutschland“ (so um Herrn Sathom herum hat das Thema bisher niemand angesprochen)? Aber nichts überstürzen; sehen wir weiter.

Frau Ataman distanziert sich von der Gewalt, zeigt sich jedoch von der Debatte irritiert: Statt über Stadtpolitik, Jugendgewalt und soziale Probleme zu reden, spräche man nur davon, ob man sagen dürfe, wie viele der Täterïnnen einen Migrationshintergrund hätten. Die Interviewerin fragt zurück, ob das eigentlich Irritierende nicht sei, daß es „offenbar“ eine Mehrzahl von Tätern gebe, die „zweifellos Männer mit Migrationshintergrund“ seien; und danach, wie es zu so einer Situation kommen könne.

Diese Frage sollte stutzig machen. Wie es zu dieser Situation kommen konnte? Frau Ataman hat genau das eben beantwortet: Es gibt stadtpolitische und soziale Ursachen. Entweder ist diese Antwort nicht verstanden worden, oder sie hat irgendeinen Wahrnehmungsfilter nicht passiert. Tatsächlich beharrt die Journalistin quasi darauf, daß es um „Männer mit Migrationshintergrund“ gehen soll, als hätte Frau Ataman die eigentlichen Ursachen nicht eben benannt.

Diese wiederum antwortet sachlich, daß man die genauen Zahlen deutschlandweit noch gar nicht kenne – erweitert also den Fokus auf das ganze Land – und weist darauf hin, daß in Neukölln nun einmal die Mehrheit der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat. Sie fügt hinzu, daß zu den Opfern und angegriffenen Polizei- und Rettungskräften ebenfalls überwiegend Migrantïnnen zählten. Sie erklärt also, daß es bei einer überwiegend migrantischen Bevölkerung schlicht statistisch wahrscheinlich ist, daß hauptsächlich aus Menschen mit Migrationshintergrund beteiligt sind – es verweist nicht auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Migration und Jugendgewalt. (Was uns zu der Frage zurückführt, warum man so gern und ausschließlich über Neukölln reden will und nicht über, sagen wir, Pupsdorf an der Knatter – über Orte also, die eine andere demographische Zusammensetzung haben und vielleicht überwiegend eingeborene Täterkreise.)

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