Archiv der Kategorie: Geguckt

:: Im Abseits – Nichtwähler und ihre Gründe

Nichtwähler. Auch sie stehen im Fokus von TV-Debatten, Polit-Talks und Prognosen im Hinblick auf die anstehende Bundestagswahl. Ob die AfD aus ihrem Lager Stimmen gewinnen könnte, wird gerätselt, Fernsehspots mühen sich, sie zum Urnengang zu motivieren, und die Urteile, die über diese Leute gefällt werden, reichen bis zur Schmähung: Daß sie durch die Wahlverweigerung die Legitimation verspielten, an der politischen Debatte überhaupt noch teilnehmen zu dürfen, sich „hinterher zu beschweren“ also, heißt es da etwa. Politiker selbst nehmen die Wahlmüdigkeit von etwa 17 Millionen Menschen traditionell als Ausdruck einer unbegründeten Politikmüdigkeit, hervorgegangen aus dem Mißverständnis, „die da oben“ interessierten sich nicht für „uns hier unten“ und worden ohnehin „machen, was sie wollen“; ein falscher Eindruck natürlich, denn in Wirklichkeit würde man ja, und so weiter, und so fort.

Die Dokumentation Nichtwähler – Die stärkste Kraft im Staat des Bayerischen Rundfunks vom vergangenen Mittwoch machte sich die Mühe, den umgekehrten Weg zu gehen – zu den Nichtwählern. Um – statt über sie zu reden – herauszufinden, was sie (nicht) motiviert.

Ironischerweise sind sie leicht zu finden; der Nichtwähler hat gewissermaßen seinen Ort, an dem man ihn antrifft. Aufsuchen muß man nur die in deutschen Städten (wenn auch nicht in Berlin, soweit Herr Sathom das beurteilen kann) existierenden wahlkampffreien Zonen – ganze Bezirke bzw. Viertel, in denen die Parteien sich nicht einmal mehr die Mühe machen, Wahlplakate aufzuhängen. Die Grenzen dieser Gebiete zu denen, die stark beworben werden, verlaufen entlang der Einkommensgrenzen. Wie ein Riß geht die Spaltung durch manche Städte, zeigt, daß sich die Politik für die Bezirke der Bessergestellten interessiert, die „sozial Schwachen“ nicht anzusprechen versucht. Tatsächlich, zeigt die Dokumentation, wird bevorzugt dort geworben (durch Haustürbesuche etwa), wo man ohnehin stärkste Kraft ist, bei den eigenen Wählern also, deren Abstimmungsverhalten ohnehin sicher scheint – als ginge es nicht so sehr darum, Unentschlossene oder Anhänger anderer Parteien zu werben, sondern die bestehende Klientel zu pflegen, ihr Aufmerksamkeit zu bekunden.

Ein erstes Indiz, daß der Eindruck der „Abgehängten“, „die Politik“ interessiere sich nicht für sie, zutrifft? Erstreckt sich dieses Desinteresse auch auf die Politik, die nach der Wahl gemacht wird, also auch auf das Handeln gewählter Politiker, das nur den Interessen ihrer jeweiligen Klientel dient, den Rest der Gesellschaft vernachlässigt? Die Dokumentation kommt zu erschreckenden Ergebnissen.

Einer Studie der Universität Osnabrück zufolge hatten in den letzten fünfzehn Jahren wirklich gut verdienende, wohlhabende Gesellschaftsschichten weitaus größere Chancen, daß Politik zu ihren Gunsten gemacht wird, als die Ärmeren. Was sich durchsetze, seien vornehmlich die Wünsche der Reichen. Den Forschern zufolge besteht dabei „eine klare Schieflage in den politischen Entscheidungen zulasten der Armen.“ Der Wille von Bürgern mit geringem Einkommen hätte „eine besonders niedrige Wahrscheinlichkeit, umgesetzt zu werden.“ Die Wahlforscherin Dr. Sigrid Roßteutscher kommt u.a. zu dem Fazit, daß vornehmlich die Interessen bürgerlicher und gehobener Schichten bedient würden. Ganz eindeutig hätten Regierende jeglicher politischen Couleur – eben auch die SPD – in den letzten Jahren und Jahrzehnten Politik und Gesetze gegen die Interessen der Arbeiter und „kleineren Leute“ gemacht.

Ein erstes Fazit der Sendung: Der Eindruck der „Abgehängten“ der Gesellschaft, die Macher der Politik interessierten sich weder für sie noch ihre Anliegen, täuscht nicht. Sie sind „den Politikern“, sind „denen da oben“ tatsächlich egal – mehr noch, jene handeln zugunsten privilegierter „Lieblingsbürger“ sogar gegen ihre Interessen. Es handelt sich also nicht um einen Irrtum falsch informierter Menschen, um bloßes, irrationales Gefühl.

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:: Der Speckgürtel vor der Wahl

Kürzlich erklärte jemand in einer Fernsehsendung (Herr Sathom ist so durchgezappt, weiß nicht mehr, in welcher), die meisten Menschen in Deutschland litten unter der falschen Vorstellung, daß die Gesellschaft pyramidal aufgebaut sei, also aus wenigen Reichen an der Spitze und einer großen Masse verarmter Menschen im untersten Stockwerk bestünde. Vielmehr gäbe es zwar wirklich einige wenige, sehr reiche Bürger, dann am unteren Ende halt so’n paar Millionen Arme, dazwischen jedoch eine gut aufgestellte, sehr breite Mittelschicht, wie eine dazugehörige Grafik zeigte. Kurz: Die deutsche Gesellschaft ist keine Pyramide. Sie ist ein Brummkreisel!

Das ist zunächst richtig; aber eben nicht tröstlich, sondern gerade das Problem. Der Brummkreisel steht auf dem Kopf, die Spitze zeigt nach oben; der verarmte Fuß ist doch recht breit. Das Leid und die Not der Minderlöhner, Aufstocker, Multijobber und ganz Abgehängten, der aufgrund ihrer sozialen und/oder ihres Migrationshintergrunds Diskriminierten, lindert das zudem keineswegs; diese Millionen (plus armutsgefährdeter Kinder) sind da, und es geht ihnen dreckig. Darüber hinaus stehen sie den Reichen eben nicht als Interessengruppe direkt gegenüber. Dazwischen sitzt eben jene Mittelschicht saturierter, mit dem Status Quo einverstandener, weil durch ihn privilegierter Bürger, die auch bei den anstehenden Wahlen gegen jede Veränderung, gegen „soziale Gerechtigkeit“ stimmen werden, weil sie nichts anderes interessiert als der Erhalt ihrer eigenen Position; einer, die nicht nur materiell erschwinglich ist, sondern ihnen auch ermöglicht, sich als „staatstragende Mitte“ wichtig, besser als die Versager da unten zu wähnen.

Statt von einem Brummkreisel könnte man auch von einer Speckschicht reden (auch diese Assoziation legt die Grafik nahe); einem Schmerbauch, feist und behäbig, selbstzufrieden und voller Eigendünkel, dessen Inhabern das Schicksal eines anderen Teils der Gesellschaft völlig gleichgültig ist. Und das ist kein ganz unzutreffendes Bild. Gewiß, das ist wichtig, beschreibt es nicht für die ganze „Mitte“, ist dieser Begriff doch einigermaßen unpräzise; allerdings wohl durchaus für diejenigen ihrer Kreise, die einen ausgeprägten Dünkel mit sich herumtragen, gründe dieser nun in materiellem Erfolg oder vermeintlicher kultureller Überlegenheit. Die sich als gebildet und höher kultiviert verstehende Mitte jedenfalls wähnt sich zurecht privilegiert; und findet es normal, sogar völlig richtig, wenn die zuschanden werden, die es angeblich durch Bildungsfaulheit und auch sonst mangelnde Anstrengung selbst verschuldet haben. Dabei profitiert sie in Wirklichkeit von der ungerechten Verteilung von Gütern und Chancen, von den Strukturen, an denen die „Unterschicht“ scheitert. In einem Staat, der selbst kaum in Bildung investiert, schickt sie ihre Sprößlinge auf Privatgymnasien, die sich Otto Minderlöhner nicht leisten kann, votiert wie einst in Hamburg gegen die Abschaffung eines selektiven Dreiklassenschulsystems; kann sich Anwälte leisten, die Lehrer und Schulen verklagen, bekommt das eigene Kind keine Gymnasialempfehlung. Ein Kind, nebenbei, das sich später die Masterarbeit von bezahlten Ghostwriting-Profis schreiben lassen kann, während andere sie sich neben dem Streß eines Studentenjobs mühsam abquälen. Ihr stehen qua Portemonnaie Wege und Chancen offen, die einem Teil der Gesellschaft verbaut sind – und durch ihr Verhalten, z.B. bei Wahlen, sorgt sie dafür, daß sie das auch bleiben.

:: Postfaktum! (II) – Endlich wieder alles ganz einfach

Herr Sathom hat sich getäuscht. Er prophezeite der merkelschen Adjektivbildung „postfaktisch“ kurze Lebensdauer – zu umständlich, zu inhaltlich blödsinnig sei sie, um sich durchzusetzen.

Doch inzwischen – nachdem sich eilfertige Denker rasch anheischig machten, sie zu „kontrafaktisch“ zu verbessern – hat sie Karriere gemacht. Zumindest, wenn man Debatten und Äußerungen der letzten Wochen beobachtet, scheint sie gekommen, um zu bleiben.

Denn sie erweist sich als nützlich.

Zum einen eignet sie sich vorzüglich zur Abwehr jeglicher Kritik. Menschen, die sachlich begründete Zweifel an TTIP und CETA hegen, am Kapitalismus in seiner jetzigen Form, die allesamt dabei nicht rechts orientiert sind, kann man mit der Diagnose „postfaktisch“ – wie im vorangehenden Artikel gezeigt – hervorragend in einen Topf mit irgendwelchen Idioten werfen, ihre durchaus rationalen Argumente ignorieren, kurz, alles, was der Weltdeutung der Herrschenden widerspricht, als irrational vom Tisch wischen (und ggf. mit dem Populismusverdacht behaften). Herrschaft und Vernunft können endlich wieder identisch gesetzt werden.

Zugleich vereitelt diese Einordnung erfolgreich jede effektive Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus bzw. Faschismus – zumal eine selbstkritische. Die Verachtung des Anderen, Kern faschistischer Welt- und Menschenbilder, ist der bürgerlichen Mitte ja nicht fremd; sie verachtet den Armen, den „Verlierer“, die an den „Rändern der Gesellschaft“. Das Gerede vom „braunen Sumpf“ (der menschlichen Scheiße), vom hellen und dunklen Deutschland und vom Pack, so wie noch vor wenigen Jahren das von „Sozialschmarotzern“ unter den Empfängern staatlicher Hilfen, sie alle drücken im Grunde dieselbe manichäische Teilung der Menschen in Lichtgestalten und Dreck aus, die auch der Rede des Nazis von „Ariern“ und „Untermenschen“ innewohnt. Mitte und Obere waren in Denken und Sprache nie weit entfernt von dem, was sie jetzt fürchten; bedient wurden entsprechende Ressentiments allemal gern.

Und mehr als das. Wurde rechte Gewalt ruchbar, galt die Sorge hiesiger Politiker lange Zeit zuerst der Sorge um Deutschlands Ruf in der Welt, nicht den Opfern oder Hintergründen. Und als im Verlauf der „Wende“ in Hoyerswerda der Mob fast ungehindert brandschatzen konnte, bestand die christkonservative Reaktion darin, eine Verschärfung der Asylgesetze zu fordern, um solchen Umtrieben zu wehren. Lange Zeit konnte die Rechte sich auf heimliche Kumpanei verlassen, mindestens darauf, daß sie bekam, was sie wollte, wenn sie nur ordentlich Krach schlug, und bloß nebenher ein bißchen meuchelte. Angela Merkels „Verbrechen“ in den Augen ihrer christlich-konservativen Parteigenossen, einiger Medien und der AfD- und Pegida-Anhänger besteht vielleicht eigentlich darin, diesen gesellschaftlichen Konsens aufgekündigt zu haben, als sie Flüchtlinge willkommen hieß. Für die soziale Frage haben sich die derzeitigen Rechtspopulisten und ihre Fans vor der Flüchtlings-„Krise“ jedenfalls nicht die Bohne interessiert, soweit sie aus der gesellschaftlichen Mitte stammen und nur „Abstiegsängste“, aber noch keine reale Erfahrung auf diesem Gebiet haben. Sie tun es auch jetzt nicht (und auch sonst keiner; sonst wäre die LINKE an der Macht); nicht ungleiche Chancen oder Sozialabbau stören sie, sondern daß das System der ungleichen Verteilung nicht zu ihren Gunsten ungerecht ist.

Überhaupt ist das Denken der Verachtung, auf dem dieses System ruht, weiterhin überall verbreitet; auch unter denen, die sich nicht rechts einordnen. Die Vorurteile gegen Ausländer, betrachtet man sie näher, gleichen denen, die in den Jahren der Verdrängung der Gewerkschaften und des geförderten Hau-Ruck-Kapitalismus gegen Arme, „Verlierer“ und „Versager“ ins Feld geführt wurden, aufs Haar; sie wurden mit identischen Mitteln verächtlich gemacht. Hier findet sich, was der französische Soziologe Didier Eribon „Sozialrassismus“ getauft hat. Und im Kampf gegen die neue Rechte wird ausgerechnet dieser reaktiviert, wenn deren Erfolg als Aufstand der zu kurz gekommenen Idioten abgehakt wird. Auf die Idee, daß da nur zurückschallt, was man lange in den Wald gerufen hat, daß die Populistenanhänger einfach zugespitzt und hochtransformiert ausleben, was man sie gelehrt hat – wie nämlich mit Menschen umzugehen sei – kommt kaum jemand.

:: Der Fernseh-Schauprozeß

Na, wer hat letzten Montag alles beim TV-Event „Terror – Ihr Urteil“ mitgefiebert? Und hinterher fleißig für die Unschuld des Angeklagten gestimmt?

Herr Sathom hatte das zum Ereignis aufgebauschte Monstrum erfolgreich verdrängt, geriet aber beim Zappen in die anschließende Diskussion bei Hart aber fair und blieb irgendwie hängen; allerhand Unglaubliches gab es da immerhin zu hören. Hinterher hat er sich noch ausführlich über Handlungsdetails des Films informiert, um sicherzugehen, daß er nicht etwa einen falschen Eindruck aus der Debatte mitnahm (grundsätzlich wurde der Plot hinreichend verbreitet, aber gerade die Einzelheiten, die in Plasbergs Klönzirkel angeschnitten wurden, sind nicht ohne Bedeutung, wie sich zeigen wird).

Die Handlung des Dramas läßt sich kurz so zusammenfassen, daß ein Terrorist ein Passagierflugzeug kapert, um es auf die zu diesem Zeitpunkt vollbesetzte „Allianz-Arena“ stürzen zu lassen; nachdem seine Vorgesetzten es versäumen, das Stadion zu evakuieren, schießt ein Kampfpilot die Maschine (ohne dazu den Befehl erhalten zu haben) ab und tötet 165 Passagiere, um die Tausende in der Arena zu retten. Nach einem anschließenden Gerichtsverfahren konnten die Zuschauer abstimmen, ob der Kampfpilot wegen Mordes ins Gefängnis kommen, oder als unschuldig freigesprochen werden sollte (die große Mehrheit stimmte für seine Unschuld).

Das Problem des Films – und vieler anderer „Gedankenexperimente“ vom Typ „Moralische Zwickmühle“: Die vorgestellte Situation ist von vornherein konstruiert, um den Zuschauern eine ganz bestimmte Entscheidung zu suggerieren. Der Autor (in anderen Fällen, etwa beim „Weichenexperiment“, der Experimentator) will gar nicht wissen, wie Publikum oder Testpersonen entscheiden würden; sondern sie manipulieren, eine (bewußt oder unbewußt) von ihm gewünschte Entscheidung zu treffen.

Im vorliegenden Fall funktioniert das so: Um Abschuß der Maschine durch den Luftwaffenpiloten gerechtfertigt erscheinen zu lassen, darf es für die Rettung der Menschen im Stadion keine andere Alternative geben. Zu diesem Zweck konstruiert Autor von Schirach den Fall, daß die Verantwortlichen am Boden es versäumen, das Stadion rechtzeitig evakuieren zu lassen. Schwupps haben wir eine Situation, in der dem Piloten der Luftwaffenmaschine keine andere als eben die schwere Entscheidung bleibt, die Passagiere opfern zu müssen.

Was immer man von Fähigkeit oder Unfähigkeit unserer Verantwortlichen halten mag – die versäumte Räumung des Stadions ist eine völlig unrealistische Perspektive. Warum aber dieses Detail in einer Erzählung – einer Fiktion also, das wollen wir nicht vergessen –, die vorgibt, eine mögliche Wirklichkeit abzubilden, in der eine bestimmte moralische Entscheidung getroffen werden muß?

Kurz gesagt: Der Autor trickst hier, um eine Situation zu erzeugen, die den Abschuß der Passagiermaschine „rechtfertigt“. Ein realistischerer Ablauf der Ereignisse würde die Zerstörung des Zivilflugzeugs weniger zwingend erscheinen lassen; den Piloten des Kampfjets nicht in die erwünschte Zwickmühle manövrieren, in der seine Tat notwendig, sogar mutig und moralisch richtig erscheint. Wer an diesem Abend nach Ausstrahlung des Films mit „nicht schuldig“ stimmte, ist auf diese Manipulation hereingefallen. Es ist nicht die einzige; so richtet der Autor den Lauf der Ereignisse praktischerweise so ein, daß das abgeschossene Flugzeug in ein Rübenfeld stürzt und nicht etwa auf eine Schule oder ein Vorstadtviertel, damit sich Befürworter des Abschusses nicht mit Kollateralschäden auseinandersetzen bzw. diese, wollten sie den Abschuß befürworten, ebenfalls bejahen müssen. Auch das Gerichtsverfahren ist ein Witz (dazu unten mehr), der grundlegende Fakten der Rechtsprechung und Gesetzgebung schlicht verfälscht.

:: TV-Tipp: Die Zeichentrick-Enterprise

Anläßlich des fünfzigsten Jubiläums der Star Trek-Franchise wiederholt der Sender Tele 5 aktuell die Zeichentrickserie Die Enterprise, die – soweit Herr Sathom weiß – bisher in Deutschland nur einmal im ZDF, und anfangs der 2000er Jahre schon einmal auf Tele 5 lief.

Allerdings strahlt Tele 5 diesmal nicht die ZDF-Fassung, sondern die ungeschnittene, neu synchronisierte Version aus, die 1994 für die Videoauswertung hergestellt wurde, was nicht ganz unwichtig ist (siehe unten).

Herr Sathom hat sehr gemischte Kindheitserinnerungen an diese Version des Enterprise-Mythos, die er beim erneuten Angucken teilweise bestätigt findet. Da sind die zugegebenermaßen lausigen Animationen, die dem typischen Standard der Filmation-Produktionen der 60er, 70er und 80er Jahre entsprechen (Masters of the Universe etc.); aber auch die faszinierenden, oft surreal wirkenden Umgebungen, in die ein ungewöhnliches Artwork die Enterprise-Crew versetzt, ein Universum oft organisch wirkender Maschinen, Raumschiffe und Bauten, die an Cover von Science-Fiction-Pulps der Ära erinnern, und nicht selten beinahe psychedelisch anmuten; von den nonhumanoiden Aliens, die sich tricktechnisch in der Realfilmserie nie hätten umsetzen lassen, ganz zu schweigen.

Eine andere Erwartung hingegen wird erfreulicherweise enttäuscht. Viele von Herrn Sathoms Altersgenossen haben die animierten Abenteuer der Enterprise in eher schlechter Erinnerung; in seinem Fall gilt diese besonders der Handlung einzelner Episoden, die oft keinen Sinn zu ergeben schien. Das ist um so erstaunlicher, als amerikanische Fans die Serie, die sogar einen Emmy gewann, z.T. recht positiv bewerten. Erst Jahre später erfuhr Herr Sathom, daß das ZDF die Folgen von 25 auf 15 Minuten kürzte, und sie dabei entsprechend verstümmelte (im Fall einer Folge, die er noch lebhaft erinnert, fehlte schlichtweg das Ende; Herr Sathom hoffte vergeblich, die Handlung würde in der nächsten Folge vielleicht fortgesetzt, und weiß bis heute nicht, was da nun mit diesem Felsenmonster wurde). Eine blödsinnige Synchronisation im damals beliebten Schnodder-Sprachstil, angelehnt an die Synchronuntaten Rainer Brandts, verdarb einem mit dümmlichen Kalauern zusätzlich den Genuß.

Für die hier verwendete Home-Video-Veröffentlichung wurden die Synchronsprecher der Originalserie verpflichtet und die Dialoge neu, und weitgehend originalgetreu übersetzt; eine Gelegenheit, diesen Klassiker neu zu entdecken.

Star Trek: The Animated Series hält Überraschungen wie das später in The Next Generation eingeführte Holodeck bereit und ersetzt Raumanzüge durch Gürtel, die einen atmosphärengefüllten Individualschutzschirm projizieren (der Filmation-typische Grund bestand darin, sich das Zeichnen der Raumanzüge zu sparen); viele in der Serie etablierte Fakten wurden später aus dem Kanon gestrichen, dann allerdings in Serien wie DS9, Star Trek: Enterprise und sogar in J.J. Abrams‘ Star Trek von 2009 wieder eingeführt bzw. referenziert. Auch in Trek-Romanen sowie Computer- und Tabletop-Spielen hinterließ die gezeichnete Enterprise ihre Warpsignatur, und wurde inzwischen offiziell als kanonisch akzeptiert (was zum Trek-Kanon gehört und was nicht, hing offenbar u.a. von Gene Roddenberrys Tageslaune und der Herrschaft eines von ihm ernannten „Archivars“ ab; die Entwicklung des Kanons stellt eine Geschichte für sich dar, die einen interessanten Blick hinter die Kulissen der Franchise gestattet). Während Trek-Fans die animierte Serie gewiß ohnehin längst kennen, dürfte es sich für Gelegenheitsgucker und nostalgisch an den 70ern interessierte Zuschauer lohnen, diesem Klassiker einen Blick zu gönnen.

Herr Sathom hat das Ganze natürlich zielstrebig fast verpaßt (Dank an seinen Bruder für den Hinweis). Der Spaß läuft schon seit Anfang September, doch war mag, kann jetzt noch ein Auge voll nehmen, sich an alte Zeiten erinnern oder bisher völlig unbekannte Trek-Welten entdecken (und im übrigen zeigt eine Online-Suche nach den Ausstrahlungsterminen, daß man zumindest bis zum 10.10. auf das Privatsender-Prinzip der Wiederholungsschleife hoffen darf).

:: Populistische Rhetorik

Der FPÖ-Kandidat zur österreichischen Bundespräsidentenwahl Hofer im Interview. Der Journalist stellt eine unangenehme Frage zu Aussagen, die sich in einer Festschrift der Burschenschaft des Kandidaten finden. Herr Hofer kontert mit einer Feststellung zum Aussehen des Interviewers. Statt auf die Frage überhaupt einzugehen, spricht er lachend davon, wie der Journalist aussehe. Deprimiert wirke er, nicht mehr so fröhlich wie vor Wochen noch. Die zwischen den Zeilen eingeschlagene Richtung: Daß der Journalist in diesen vergangenen Wochen (an ihm, dem Herrn Hofer vielleicht, oder seinem zunehmenden Erfolg?), verzweifelt und darob um Jahre gealtert sein müsse; es sich mithin um die irrelevante Verzweiflungsfrage eines, der des FPÖlers nicht mehr anders Herr werden könne, handele. Ja, das sind Mutmaßungen; doch eben mit diesen arbeitet Hofers Replik. Warum sollte es eine Rolle spielen, daß der Interviewer nicht mehr lustig ist (daß er so aussähe, allein Hofers Behauptung übrigens)? Warum wird auf die Frage nicht einmal zum Schein eingegangen, und was zum Teufel hat es mit ihr zu tun, wie der Fragesteller angeblich aussieht?

Eine andere Sendung, die Moderatorin konfrontiert Herrn Hofer mit dem Ergebnis einer Recherche. Der FPÖ-Mann will nämlich in Israel einen muslimischen Anschlag aus nächster Nähe miterlebt haben. Nur – die israelischen Sicherheitskräfte wissen auf Nachfrage nichts von Anschlägen im besagten Zeitraum. Hofer erklärt den Vorhalt zum Angriff auf seine Glaubwürdigkeit, den er sich nicht gefallen lassen werde, und zum Beispiel dafür, wie „objektiv“ der ORF sei. Ein ähnliches Vorgehen – weg vom Sachverhalt; Klage über fehlende Objektivität; gekränkte Unschuld und kämpferisches Gehabe.

Rhetorische Tricks – längst auch imitiert von AfD-Größen. Frauke Petry, mit Fragen zu einer früheren Äußerung belästigt, beginnt einen Vortrag darüber, was die Medien aufgreifen (in dem Fall den ihr unbehaglichen Punkt), und was nicht. Subtext: Mich so etwas zu fragen, ist böswillige Selektion von Themen. Das Gespräch wird von der konkreten Frage zur allgemeinen Unterstellung umgelenkt, unfair behandelt zu werden. Wie in Hofers Fall gerät der Sachverhalt, zu dem sie befragt wurde, völlig aus dem Blick.

Einen Einblick in die rhetorischen Tricks von Populisten, darin die obigen Beispiele, bietet ein Beitrag des Medienmagazins ZAPP vom 25.05.2016. Eigentlich sind die beschriebenen Maschen leicht durchschaubar; aber es scheint genügend Menschen zu geben, die sie nicht durchschauen wollen.

:: Wrestling als antikes Heldendrama

Mal was ganz anderes.

Herr Sathom guckt seit einiger Zeit begeistert Wrestling, vornehmlich WWE.

Über diesen Sport kann man die Nase rümpfen – die Kämpfe seien ja abgesprochen, lautet das erste Argument; choreographiert, würde Herr Sathom entgegenhalten, wobei die oft atemberaubenden Aktionen, die im Ring stattfinden, den Athleten ein Höchstmaß an Koordination und akrobatischem Können abverlangen, um sie ohne ernsthafte Verletzungen durchzuführen.

Ebenso choreographiert ist das Drumherum. Auch, wer sich nie mit Wrestling – früher hier als Catchen bekannt – befaßte, weiß, daß es festgelegte Rollen gibt, die Guten, die Bösen, die Helden des Publikums, die abgefeimten Schurken. Dabei ist das Beziehungsgeflecht der Opponenten heutzutage weitaus komplizierter, folgt einem ausgefeilten Drehbuch. Es gibt Intrigen hinter den Szenen – die jedoch per Großbildprojektion in die Arena übertragen werden, so daß das Publikum die „Hintergrundgeschichte“ erfährt, die sich auch in den sozialen Netzwerken und via Twitter fortsetzt; Feindschaften, die zu Freundschaften werden, Bündnisse, die zerbrechen, ehemalige Kumpane zu verbitterten Widersachern entzweien, u.v.m. Ein Narrativ umspannt die Kämpfe, eine endlos fortgesponnene Hintergrundgeschichte dessen, was sich tatsächlich inzwischen „WWE-Universum“ nennt (wie das Marvel-Universum, das DCU oder das Buffyverse), allerdings hier die Zuschauer mitmeint.

Betrachtet man alle Vorgänge im und um den Ring, hinter den Kulissen usw., fällt tatsächlich sofort die Ähnlichkeit mit Superheldengeschichten auf. Wie dort gibt es Rivalitäten, verfeindete Teams, Seitenwechsel, spontane Bündnisse, z.B. gegen einen schurkischen Feind, dessen Auftreten Rivalen kurzzeitig eint, und allerhand Konflikte auch zwischen den „Guten“ (The First Avenger: Civil War, anybody?). Wie dort haben die Konflikte und Beziehungsgeflechte oft den Charakter von Soap Opera-Narrativen. Längst erreichen Selbstinszenierung und Kostümierung ein Niveau, das an Comichelden erinnert – da sind mexikanisch maskierten Luchadores wie Kalisto, da sind die Vaudevillains, benannt nach den Vaudeville-Bühnen des späten Neunzehnten bis frühen Zwanzigsten Jahrhunderts, kostümiert wie damalige Kraftmaxe und mit pomadigem Haar, sowie gezwirbelten Schnurrbärten ausgestattet. Da ist Roman Reigns, der früher einer Gruppe namens The Shield angehörte (einem Superteam, wenn man so will; der alliterative Kampfname Roman Reigns ist ein Wortspiel, das sich mit Roman regiert übersetzen läßt). Doch darunter, meint Herr Sathom, verbirgt sich eine tiefere Ebene (die, ironischerweise, zugleich auch Fundament der Superhelden-Epen ist).

Und so will Herr Sathom hier einmal eine These aufstellen, die Verächtern des „primitiven“ Massenspektakels vielleicht keß erscheint. Es liegt nahe, Wrestling als „modernes Gladiatorenspiel“ aufzufassen; das ist es jedoch keineswegs. Vielmehr möchte Herr Sathom behaupten, daß es sich um kunstvoll inszenierte Dramen antiken Stils handelt; gelegentlich solche, die die Form der Tragödie annehmen.

„Sakrileg“, wird da Mancher rufen; der Kanon der geheiligten, abendländischen Klassiker und diese Prügeleien auf einer Ebene? Aber sehen wir genauer hin. Eines vorab – dieser präzise Blick bedeutet nicht, durch Gleichsetzung das antike Drama herabzuwürdigen; sondern es zu respektieren und ernstzunehmen als das, was es ist. Dazu später mehr.

Vorab eine Präzisierung. „Dramen antiken Stils“ heißt, daß nicht nur Motive und Mittel antiker Dramen zum Einsatz kommen, die damals tatsächlich – soweit wir sie kennen – als Bühnenstücke geschrieben wurden; sondern daß die Inszenierungen im Amphitheater unserer Tage auch Themen alter Epen und Mythen wiederholen, die damals entweder nicht in dramatische Form gebracht wurden, oder in dieser Form verloren gingen (das antike Drama als solches bediente sich, soweit erhalten,wiederum selbst aus einem Pool vorliegender Stoffe).

:: Die selbstgemachte Flüchtlingskrise

Ist das schön! Nach der Blockierung der Balkanroute ist die Flüchtlingskrise wieder ganz weit weg – die leidenden Menschen vielmehr, zur „Krise“ deklariert, die man endlich wie gehabt in HD als fernes Problem bestaunen darf.

Nun haben schon zuvor kesse Kabarettisten und andere Kritiker gemunkelt, die Krise sei selbstgemacht, u.a. durch die europäische Außen- und Wirtschaftspolitik. Doch es scheint, daß Europa für den massiven Flüchtlingsstrom des Jahres 2015 ganz direkt und unmittelbar ausgelöst hat; einen konkreten Anlaß dazu schuf. :: Die selbstgemachte Flüchtlingskrise weiterlesen

:: Nach(t)gedanken zu The Walking Dead

Einige Nachträge zu Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead, der kürzlich hier erschienenen Serie zur Serie.

Zur Literatur:

Die Verweise auf Klaus Theweleit und Günther Anders beziehen sich auf:

Theweleit, Klaus: Männerphantasien, Band 2: Männerkörper. Zur Psychoanalyse des weißen Terrors, darin u.a. die Abschnitte Innen: das Fremde als ‹Urmensch› und Masse und Kultur. – Der ‹hochstehende einzelne› im 3. Kapitel: Die Masse und ihre Gegenbildungen.

Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen, Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, darin vornehmlich auf den Abschnitt Die Welt als Phantom und Matrize, IV: Die Matrize.

Die Themen des vermeintlichen „Urmenschen“, der jedoch künstlich erzeugt ist, und der Gleichsetzung der „Masse“ mit Seuchen, unteren Klassen (Armen, Arbeitslosen etc.) und der „Masse der Toten“, die für das eigene verdrängte Innere steht, werden bei Theweleit auch außerhalb der genannten Stellen immer wieder aufgegriffen. Hierzu eine Anmerkung: Die Identifikation bedrohlicher Menschenmassen mit der Syphilis zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aber auch die Aussage von Showrunner Scott Gimple, eine der Inspirationsquellen für The Walking Dead sei Camus‘ Die Pest gewesen, legen den Verdacht nahe, daß die Zombies unserer Populärkultur stellvertretend für die Seuchenangst und Ansteckungsfurcht stehen, die damals politischen Gegnern, Feinden im Krieg, Kommunisten etc. galten. Zombies könnten dann den gefürchteten/gehaßten Anderen verkörpern, ohne diesen Anderen konkret benennen zu müssen. Sie würden es dem Publikum also ersparen, sich offen zu eigenen Vorurteilen zu bekennen (anders als etwa der Kriegsfilm des 20. Jahrhunderts, der Asiaten statt Untoter antanzen läßt). Zudem kämen sie aus, ohne auf heute selten gewordene, tatsächliche Seuchen zu rekurrieren.

Zum Zombie als sozialem Verlierer (Teil III) und zum adligen Vampir als seinem Gegenstück (Fazit):

Ich borge mir im Fazit den Begriff des hochstehenden Einzelnen, den Klaus Theweleit geprägt hat. Ursprünglich beschreibt er die Auffassung des „Gebildeten“, aufgrund seines größeren Werts als Kulturträger über dem „Pöbel“ zu stehen, also zu Recht auch eine höhere soziale Position zu besetzen (die seine immanente Überlegenheit spiegelt; womit die Gesellschaftsordnung, die ihn bevorzugt, also nur der wirklichen Ordnung der Dinge entspricht).

Der gräfliche Vampir alter Schule würde hingegen als Aristokrat des Bösen der Selbststilisierung eines immer mehr entmachteten Adels dienen, der sich im viktorianischen Zeitalter aufgrund seiner Dekadenz als immer noch höherstehend phantasieren kann – er „ragt aus der Masse“, weil er deren bürgerliche Moral verhöhnt. Der nachgeborene Dandy vom Typ eines Lord Byron hat weder im demokratischen Parlament, noch in der Versammlung des weiterhin mächtigen, konservativen Altadels eine Stimme. Wenigstens als Ausschweifender kann er sich, sonst faktisch bedeutungslos, noch Teil der Avantgarde wähnen.

Verglichen mit diesem aristokratischen Schurken ist der Zombie tatsächlich der Prolet, weniger: Der absolute Bodensatz des Bösen. Ist der eine Gourmet, so der andere Gourmand; und er benötigt weder erotischen Charme noch hypnotische Kräfte, nur seine schiere Masse, um zu überwältigen. Demzufolge wäre die Furcht vor dem Aufstand der Armen ein weiterer möglicher Subtext von Zombie-Erzählungen.

:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead – (Fazit)

Bedingt durch Krankheit, Arbeitsbelastung und zwischenzeitlich aufgekommene, andere Themen, erst jetzt – und endlich – der letzte Teil der Walking Dead-Betrachtung.

Was bleibt? Wir hatten festgestellt, daß TWD Wirklichkeit konstruiert; was man von jeder Serie, jeder Erzählform überhaupt sagen kann. TWD gehört jedoch nicht zu den Erzählungen, die sich mit dem Bau einer eigenen, für die Narration eben benötigten Scheinwelt begnügen, schon gar nicht zu denen, die ihre Scheinhaftigkeit sogar offen eingestehen, bzw. als Stilmittel einsetzen (wie etwa The Avengers alias Mit Schirm, Charme und Melone); sondern zu denen, die durch Handlungsführung und Dialog den Eindruck erwecken, ihre „Wirklichkeit“ beschreibe auch die Welt jenseits der Mattscheibe.

Wir haben erörtert, mittels welcher Tricks ein solches Konstrukt vorgeben kann, Wirklichkeit als solche wiederzugeben; und daß es wesentlich die „wirkliche“ „Natur“ bzw. Daseinsform des Menschen ist, die da zu vermitteln behauptet wird – als einer Bestie nämlich, die er „in Wahrheit“ immer ist, auch in scheinbar geordneten gesellschaftlichen Verhältnissen ohne Zombie-Katastrophe.

Die angebliche, tatsächlich nur aus passenden Versatzstücken errichtete Realität transportiert dabei eine Ideologie, ein Menschenbild; wir fragten, ob dessen Verbreitung notwendig die bewußte Absicht der Serienschöpfer sein müsse, und das Publikum die latente „Botschaft“ der Serie auch so aufnimmt. Endgültig beantworten ließen sich beide Fragen nicht, die erste jedoch plausibel verneinen, für die andere feststellen, daß die Rezeption sehr unterschiedlich ausfällt, was maßgeblich davon abhängt, ob Zuschauer ihre Wahrnehmung auf die Charakterentwicklung der handelnden Figuren fokussieren, oder ob sie die von diesen Figuren geäußerten Meinungen als objektiv zutreffend, also unabhängig von der Persönlichkeit der Helden, rezipieren.

Sind unsere im dritten Teil aufgestellten Thesen damit obsolet?

Nicht ganz.

Wie gesagt handelt eine – gemessen an früheren Zeiten – vergleichsweise große Zahl von Unterhaltungsformaten aktuell vom Bösen im Menschen, und ist gerade damit außerordentlich erfolgreich; scheint also den Publikumsgeschmack, Zeitgeist, wie immer man es nennen will, zu treffen.

Gab es früher nur „Dallas“, sind heutzutage Serien, die nach unseren Moralvorstellungen explizit „böse“ Menschen am Werk zeigen, weitaus häufiger; und was ist Game Of Thrones anderes als Dallas mit Schwertern? Die Verlegung in ein scheinbar realistisches Mittelalter (die Drachen einmal beiseite gelassen) macht die Idee, daß der Mensch grundsätzlich schlecht sei, nur plausibler. Der zivilisatorische Anstrich war, glaubt man, in vergangenen Zeiten dünner; die Natur des Menschen trat unter weniger Farbschichten noch offener zutage. Die archaische Vergangenheit als Handlungszeitraum suggeriert, daß der Mensch unverstellt, näher an seinem vermeintlichen Naturzustand, gezeigt werde; in der postapokalyptischen Erzählung übernimmt der Zusammenbruch der Zivilisation diese Funktion.

Natürlich übt das Böse, üben böse Protagonisten stets eine Faszination aus; doch der betörende Vampirgraf, der einst seinen tödlichen Schmäh versprühte, erotisch unwiderstehlich gerade in seiner Verruchtheit, war ein hochstehender Einzelner, um einen Begriff von Klaus Theleweit zu entführen; einer, der sich über die Moral, und damit die „gewöhnliche Masse“ stellte. Darum war er einsam, darum „geadelt“; weil er sich über die Anderen erhob. Wovon wir hier reden, ist jedoch trotz charmanter Lannisters gerade die Masse der Menschen, die allesamt verkommen sind; ist nicht der romantisch-luziferische Rebell, sondern der Mensch an sich.