Archiv der Kategorie: Geguckt

:: TV-Tipp: Abramakabrer Nachschlag

Herr Sathom hatte ja neulich eine optimistische Prognose zur derzeit auf ARD ONE wiederholten Comedy-/Satireserie Abramakabra abgegeben; nachdem inzwischen die siebente (von zehn) Folgen ausgestrahlt wurde, scheint ein vorläufiges Fazit angebracht.

Zur Erinnerung: Abramakabra wurde von 1972 – 1976 produziert und stellt den ersten längeren Fensehaufenthalt von Dieter Hallervorden (noch vor Nonstop Nonsens) dar. Daneben finden sich mit Helga Feddersen und Uwe Dallmeier ebenbürtige Mitstreitende. Das Besondere an der Serie ist ihre schwarzhumorige, makabre Ausrichtung, wobei der Humor oft genug tief schwarz wird; daß die bösen Scherze dabei gelegentlich auch eine bittere Note haben, schadet ihnen nicht, im Gegenteil – bei den Sketchen, die eine sozial- oder gesellschaftssatirische Ausrichtung haben, unterstreicht die Bitterkeit eher den Effekt. Wohlgemerkt ist nicht alles in Abramakabra Satire, andere Sketche sind auch „nur so“ reine Comedy; meist jedoch sind sie insgesamt weitaus intelligenter, als man von heutigen (und damaligen) Spaßformaten gewohnt ist.

Herr Sathom schrieb seine ursprüngliche – sehr enthusiastische – Kritik unter dem Vorbehalt, daß er gerade mal die erste Folge gesehen hatte. Hält Abramakabra, was es versprach?

:: TV-Tipp: Abramakabrer Nachschlag weiterlesen

:: Passivität als politisches Programm: Nachtrag

Ein paar Ergänzungen zu meinem letzten Artikel (lest den zuerst, weil sonst wißt Ihr nicht, worum’s hier geht):

Ich habe dort die Floskel der „Eigenverantwortung“ erwähnt. Sie appelliert an die Verantwortung der einzelnen Bürgerïnnen, deren entsprechendes Handeln dem Staat ermöglichen soll, sich seinerseits aus der Verantwortung für fundamentale Fragen – etwa der Daseinsvorsorge – zurückzuziehen. Das bedeutet jedoch, daß in einem neoliberal ausgerichteten Staatswesen die Verantwortung eigentlich nur von oben nach unten delegiert wird. D.h. die Mächtigen entledigen sich ihrer Verantwortung, indem sie den Schwächeren die alleinige Verantwortung für deren Schicksal zuschreiben – ggf., nachdem sie ihnen die Möglichkeit zu wirklich eigenverantwortlichem Handeln genommen haben. Beispielsweise, indem eigene Verantwortung für private Altersvorsorge propagiert wird, man zugleich aber durch Schaffung eines Niedriglohnsektors vielen abhängig Beschäftigten die finanziellen Mittel raubt, privat vorzusorgen. Wer das nicht kann, gilt dem Verkünder der „Eigenverantwortung“ als „selbst schuld“ an seiner Altersarmut. Diejenigen, die etwas verfügen (etwa die Agenda 2010), entledigen sich dadurch der Verantwortlichkeit für ihr Handeln (oder Unterlassen); die Verantwortung tragen – d.h. ggf. auch die Konsequenzen ausbaden – sollen die, über die das jeweilige Diktum verhängt wurde. Und zwar ganz gleich, ob sie das angesichts ihrer Möglichkeiten – die eingeschränkt sein können durch strukturelle Benachteiligung, Diskriminierung o.ä. – überhaupt können.

Dieses Muster der Delegation von Verantwortung wirkt sich natürlich auch in der Corona-Krise aus, läßt sich jedoch schon lange beobachten. Als Angela Merkel z.B. 2015 ihren berühmt-berüchtigten Satz „Wir schaffen das“ sagte, meinte sie eigentlich: Ihr schafft das; in den Kommunen, als Trottel Freiwillige und Ehrenamtliche, werdet ihr das schon irgendwie hinkriegen. Der Bund muß erstmal gar nichts tun, außer: Zugucken. Interessant dabei, daß Flüchtlingsunterkünfte gern in Schulturnhallen eingerichtet wurden; damals wie heute schienen die Interessen von Schülerïnnen weit unten auf der Prioritätenliste zu stehen. Diese komplette Zurückweisung eigener Verantwortung seitens der Mächtigen („Wir haben alles richtig gemacht“) ist für diese natürlich bequem; sie erklärt die Beliebtheit der Theorie vom passiven Staat bei ihren Anhängerïnnen.

Rezo bringt auch das perfekt auf den Punkt, wenn es ums Thema Maskentragen geht; ziemlich gleich zu Beginn seines Videos redet er davon, wie private Initiativen zu Beginn der Krise 2020 besser für rücksichtsvolles Verhalten warben als der Bund („Really? Ihr habt riesige Ressourcen von Manpowers [sic] am Start und ihr kriegt es nicht auf die Kette, es müssen diese Leute in ihrer Freizeit machen?“). Er benennt auch klar das ziel- und planlose Agieren der Politik; und haut mit einem Straßenverkehrs-Vergleich mal eben das ganze Eigenverantwortungsgesülze in die Pfanne. Ich kann das nicht nachmachen und hier auch nicht gut alles zitieren, also guckt es euch an. DAS IST EIN BEFEHL IHR KÖNNT EUCH HIERMIT BEVORMUNDET FÜHLEN – GANZ WIE DER HORST!

Zweitens: Betrachtet man das Wesen der strukturellen Probleme, die die Corona-Krise verschärfen – die schlechte Ausstattung der Schulen, den Rückzug des Staates aus dem Gesundheitssystem und anderen Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge – kommt zur im Vorartikel beschriebenen Haltung ein weiteres ideologisches Moment hinzu: Das der Austerität, der „Schwarzen Null“. Geld soll gespart werden (statt es von den Reichen einzutreiben), gemäß der Doktrin, daß der Staat sich nicht verschulden dürfe; eine Idee, die auf falschen Vorannahmen und Angstmacherei beruht. Dazu gehört der Mythos, daß wir unsere Schulden den kommenden Generationen aufbürden; ein Märchen, wie gerade erst wieder John Oliver vorgeführt hat.

:: Passivität als politisches Programm: Warum die Politik (nicht nur) bei Corona versagt

Und: Warum Rezo fast recht hat, aber nicht ganz.

Machen wir uns nichts vor: Die Corona-Politik der Bundesregierung – aber auch die der Länder, Kommunen und Städte – ist ein einziger Clusterfuck. Eine Katastrophe; ein Abgrund an Versagen; ein Panoptikum der Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit. Aber – und das, um mal eine Hauptursache dieses Versagens vorwegzunehmen – die Verursacher meinen, sie machten alles richtig; und sie glauben das wirklich. Woran das liegt, und weshalb das Problem weit über die Handhabung der Pandemie hinausgeht (meines Erachtens jedenfalls), will ich im Folgenden zu erklären versuchen.

Zunächst zum Vergleich: Kaum daß die Amis Trump los geworden sind, impfen sie wie verrückt; bereits ein Drittel der US-Bevölkerung hat die Erstimpfung erhalten. Im internationalen Ranking der Staaten, die demnächst eine Herdenimmunität bzw. Durchimpfung erreichen werden, liegen die USA auf Platz drei. Deutschland? Auf Platz zehn. Hinter Brasilien. Wirklich, reife Leistung, Leute.

Zugleich meldet die heute-show am 09.04., daß in Großbritannien in Kürze alle(!) Bürger wöchentlich Selbsttests zugeschickt bekommen. Soviel zu den Möglichkeiten, wenn man ein konkretes Ziel hat – und einen Plan, wie man es erreicht.

Ein Ziel, ein Plan – damit wären wir schon bei den Stichworten, bei denen es hierzulande hapert. Aber woran liegt das?

Gelegentlich ist hier von „Staatsversagen“ die Rede; das führt allerdings in die Irre. Es handelt sich nicht um ein Versagen des Staates, sondern einer ganz bestimmten Politik; und zwar einer, ironischerweise, für die eine größtmögliche Passivität des Staates den Kern ihrer Ideologie bildet.

Aber der Reihe nach. Daß die deutsche Politik angesichts der Pandemie ein recht trauriges Schauspiel abliefert, wird ja nicht erst seit gestern beklagt; kürzlich hat sich auch Rezo – zunächst auf Twitch, dann in einem aus den Twitch-Posts zusammengeschnittenen YouTube-Video – in gewohnter Manier, und ziemlich vernichtend, geäußert. Im großen und Ganzen hat er mit allem, was er da sagt, recht; so recht, daß alle, die sich über die Art des Vortrags und die Wortwahl ereifern, Herrn Sathom gern mal seinen haarigen Alte-Weiße-Männer-Rücken runterrodeln können. Das Video – dem ich fast völlig zustimme, zumal es erfrischend befreiend ist – sollte man sich unbedingt ansehen; es gibt nur einen Punkt, in dem sich Rezo m.E. irrt. Und zwar, was die Ursache dieses Versagens – bzw., in seiner Formulierung, das „krasseste“ Versagen – angeht.

Dabei ist er eigentlich schon auf der richtigen Spur. Wiederholt beschreibt er das Verhalten der Regierenden als „Arbeitsverweigerung“; und spricht davon, daß sie einer Agenda des Nichthandelns folgen, die in einer Krise absolut schädlich sei („Das Krasseste is, daß diese Leute Nicht-Handeln als Defaultwert sehen, als Grundwert, was die einfach so grundsätzlich machen.“). Die größte Verfehlung allerdings liege, so Rezo, in einer Geringschätzung der Wissenschaft seitens der Politikerïnnen: „Das Krasseste ist, finde ich, die unterliegende Wissenschaftsfeindlichkeit, die grundsätzliche Haltung, sich irrational zu verhalten. […] Das ist das Krasseste. Ist diese tiefsitzende Respektlosigkeit vor wissenschaftlichen Erkenntnissen, vor den Prinzipien der Logik, den Prinzipien von rationalem Denken.“

Ähm, na ja … jein. Die Verachtung der Wissenschaft ist sicherlich zutreffend beobachtet; allerdings eher ein Symptom als eine Ursache. Diese liegt tiefer, und existiert schon lange – und prägt deutsche Politik weit über die augenblickliche Situation hinaus. Wir haben es, und das sieht Rezo schon ganz richtig, mit einer Form politischen (Nicht-)Handelns zu tun. Einer, die allerdings Ausdruck einer ganz bestimmten, schon vor 16 – 20 Jahren etablierten Ideologie ist.

:: TV-Tipp: Abramakabra

Es hat lange keine „TV-Tipps“ mehr gegeben, obwohl sie eine der frühesten Kolumnen dieses Blogs waren. Einen Grund für die jahrelange Pause wüßte Herr Sathom nicht einmal anzugeben; auch, daß wieder einmal einer erscheint, ist dem bloßen Zufall zu verdanken.

Denn ARD ONE wiederholt derzeit die Serie Abramakabra von 1972. Leider offenbar nicht in der Mediathek verfügbar, aber hier – mit Wiederholungsterminen – vermerkt, handelt es sich um ein Sketchformat mit Dieter Hallervorden und Helga Feddersen, das bereits vor Nonstop Nonsens produziert wurde – der Serie also, die viel eher mit dem frühen Hallervorden in Verbindung gebracht wird. Es ist kaum bekannt – so wenig tatsächlich, daß Herr Sathom, trotz seines weißen Altmännertums, noch nie davon gehört hatte; anscheinend auch deshalb, weil es bisher nie, mit Ausnahme einzelner Folgen, wiederholt wurde.

Dabei ist Abramakabra eine bemerkenswerte Produktion, ungewöhnlich für ein Comedy-Format jedenfalls, und Nonstop Nonsens vielleicht sogar überlegen (Geschmackssache, zugegeben). Die Sketche sind makaber und schwarzhumorig angelegt, wobei der Humor zuweilen sehr schwarz wird; neben sehr bissiger, intelligenter Satire findet sich dabei auch reine Comedy. Böse und auf den Punkt gebracht sind in der ersten Folge z.B. Uwe Dallmeier als Jagdpächter, der erklärt, was den abendländischen Waidmann vom Metzger oder vom „primitiven“ Urwaldjäger unterscheidet, und sich dabei selbst als der „Wilde“ entlarvt; und eine deutlich auf Axel Springer gemünzte Parodie, in der Dieter Hallervorden als Verleger – höchst eloquent und kultiviert – einem Klempner erklärt, weshalb seine blutrünstigen Zeitungen mit ihren Hetzkampagnen eigentlich den zivilisatorischen Fortschritt fördern.

Die Sketche, die auf bloße Comedy abzielen, sind etwas einfacher gestrickt; die Nummer mit dem Banküberfall hätte so auch als „Gespielter Witz“ bei Nonstop Nonsens laufen können. Allerdings sind die Pointen clever und überraschend – „Witzigkeit“ à la „Ha ha, er ist hingefallen“ fehlt zumindest in der ersten Folge völlig.

Der Titel der Serie ist vielleicht insofern irreführend, als Zauberei nicht vorkommt, deutet aber treffend den makabren Zug an. Heutzutage erfordert die Serie daher vielleicht eine Trigger-Warnung. In drei Sketchen kommen Morde vor; einer davon thematisiert Gewalt gegen Frauen in einer auf die Spitze getriebenen Weise, die m.E. deutlich feministisch ist, aber von überempfindlichen, leicht zu triggernden Zeitgenoss*innen ohne Unterscheidungsvermögen mißverstanden werden könnte (ich will hier nicht noch mehr spoilern, als ich schon verraten habe; aber die Darstellung beider Figuren und die „Botschaft“ sollten deutlich genug sein).

Wie gesagt ist diese Empfehlung reiner Zufall; Herr Sathom, an sich kein großer Hallervorden-Fan, ist reingezappt. Und hängen geblieben; erst, weil es gerade nichts anderes gab und er beim Essen TV glotzen wollte, dann, weil es ihm überraschend gut gefiel.

Daß die Serie – zumindest bis zu diesem Zeitpunkt – nicht in der Mediathek bereitgestellt wird, ist bedauerlich; da sie im Rahmen der „Großen Hallervorden Fernseh-Edition“ auf DVD erschien, stehen dem vermutlich rechtliche Gründe entgegen, was hieße, daß hier auch keine Nachbesserung zu erwarten ist. Immerhin gibt es Wiederholungstermine, die der Website der ARD entnommen werden können (s.o.). Alternativ bieten Seiten wie fernsehserien.de auch eine Terminvorschau an.

Da Herr Sathom bisher nur die erste Folge gesehen hat, kann er für die weitere Serie nicht garantieren; erfüllt diese das Versprechen, kann er hoffentlich demnächst sagen: Abramakabra ist ein zu Unrecht vergessenes Fernsehjuwel der frühen 1970er (ähnlich wie Loriots Cartoon), das heute so vielleicht nicht mehr produziert würde – clever, boshaft, schwarzhumorig bis hin zu einer gewissen Rücksichtslosigkeit gegenüber den moralischen Überzeugungen oder Empfindungen des Publikums; gut, daß es aus der Mottenkiste geholt wurde und nun noch einmal besichtigt werden kann. Eine Augenscheinnahme wird jedenfalls empfohlen.

:: Konzernregierung statt Demokratie?

Klingt wie ein überzogenes Angstszenario aus einem dystopischen Science-Fiction-Film der Cyberpunk-Ära: Statt demokratisch gewählter Regierungen beherrschen Konzerne die Welt; aus Staatsbürger*innen werden Angestellte, oder eher: Leibeigene – gleich denen der Feudalzeit.

Is aber so (herzlichen Glückwunsch zum 50. übrigens, Sendung mit der Maus). Oder jedenfalls vielleicht bald.

Im US-Staat Nevada wurde bereits im Februar eine Gesetzesinitiative auf den Weg gebracht, die Big-Tech-Konzernen ermöglichen soll, eigene Regierungen auf dem Gebiet dieses Staates zu installieren. Soll heißen: Auf einem Gebiet, das der Konzern aufkauft, ist die Autorität der gewählten Staatsregierung teilweise ausgehebelt; die Konzernführung kann u.U. Gesetze erlassen, jedenfalls eine eigene Gerichtsbarkeit unterhalten, Steuern eintreiben und das Schulwesen organisieren.

Zumindest anfangs sollen diese „Zonen“ noch als Bestandteil der Counties (kleinere Regierungsbezirke innerhalb eines Staates) agieren; diese sollen sich jedoch nach und nach aus der Verantwortung zurückziehen, um den Geschehnissen im nunmehr weitgehend unabhängigen Googlevanien oder Blockchainopia freien Lauf zu lassen.

Die letztliche Formulierung des Gesetzes ist noch nicht abzusehen, da es sich vorläufig um einen Entwurf handelt. Dieser reicht allerdings aus, Besorgnis zu erregen. Beispiel Gesetzgebung: Ob ein solcher Konzernstaat eigene Gesetzgebungsgewalt hätte, ist unklar. Technisch gälte er als eigenständiger County des Staates Nevada; Counties sind in den USA, je nach Staat, sehr unterschiedlich organisiert und besitzen teils eingeschränkte, teils keine legislativen Befugnisse. In Nevada haben zumindest bestimmte Stadtstaaten (Incorporated Towns) eingeschränkte Gesetzgebungsgewalt; ähnliches gilt für Counties (z.B. bei Zulassung oder Verbot von Prostitution). Wesentlich ist dabei, daß solche Gesetze nicht gegen die übergeordneten des Staates Nevada verstoßen (die allerdings sehr konzernfreundlich sind). Möglicherweise könnte sich ein Konzern-„County“, abhängig von den Freiräumen, die das Staatsrecht gewährt, z.B. die Arbeits- und Umweltgesetze selbst schreiben. Was das angesichts der längst geläufigen Methoden und Firmenphilosophien großer Konzerne – Union-Bashing etwa, die Bekämpfung von Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungen, und skrupellose Umweltzerstörung wie z.B. beim Fracking – bedeuten würde, kann man sich vorstellen.

Würden nicht etablierte Medienoutlets über diese Gesetzesinitiative berichten – etwa die Nachrichtenagentur AP (hier), oder Stephen Colbert in seiner Late-Night-Show (hier) –, müßte man dieses Szenario für den feuchten Traum eines Verschwörungstheoretikers halten. Und natürlich könnte man es achselzuckend abtun, als exzessiven Vorstoß einiger Politiker, vermutlich böser Republikaner (aber denkste; siehe nächste Seite). Tatsächlich handelt es sich um den jüngsten Exzeß einer höchst gefährlichen, schon lange stattfindenden Entwicklung.

:: Der Dieter mal wieder (Part III: Nimmt das denn gar kein Ende?!?)

Bisher in diesem Theater: Teil I („Empty Skull Island“) und Teil II („Der Geistesgnom vom Kleinkunstfriedhof oder: Panik am Bahnhofskiosk“)

And now to the fucking Fazit.

Vorsicht, es wird ein bißchen redundant; aber ich wollte einige angerissene Punkt noch einmal schärfer herausarbeiten.

Zunächst: Es mag ein wenig merkwürdig erscheinen, daß ich mich im ersten Teil an einer zwei Jahre alten Sendung von Dieter Nuhr abarbeite; abgesehen davon, daß mich der damalige Auftritt noch lange negativ beschäftigt hat, denke ich aber, daß dieses ältere Programm und der Bogenschlag zur kürzlichen Hasters-Debatte zeigen, daß wir es bei Nuhr mit einer umfassenden, über Jahre unveränderten Agenda und Ideologie zu tun haben, nicht um einzelne Irrtümer, Ausrutscher oder Überspitzungen eines Kabarettisten. Das Gerechtigkeits-Programm von 2018 zeigt Nuhrs Methode und Weltanschauung wie unter einem Brennglas; man könnte auch sagen: Das ist nichts, was ihm, wie jedem Satiriker, mal passieren kann; sondern in allen von Nuhrs Programmen eben – Programm.

Das in den vorangehenden Artikeln skizzierte Problem besteht darin, daß es dabei eben nicht nur um Dieter Nuhr geht; daß er lediglich für ein größeres, umfassenderes Problem steht, das den gesamten gesellschaftlichen Diskurs verzerrt. Das nämlich, daß ein privilegiertes, gutsituiertes Bürgertum von einer stark ausgeprägten sozialen Ungerechtigkeit profitiert bzw. diesen Zustand leugnet; während es zugleich seine glücklichere Stellung für gerechtfertigt, weil vernünftig begründet hält. Denn Dieter Nuhr erklärt den Leuten ja nichts (wie es etwa Volker Pispers, Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig oder Günther Schramm versuchten); er erzählt ihnen bloß, was sie ohnehin schon denken. Und verstärkt dieses Denken, indem er sich als Inbegriff kühler, entspannter Ratio präsentiert: Die Stimme der Vernunft, die euch recht gibt.

Ironisch daran ist, daß die konservativen Bürger*innen sich zugleich für die einzige Personengruppe halten, die beurteilen kann, daß die bestehenden Herrschafts- und Verteilungsverhältnisse „vernünftig begründet“ sind; denn nur sie verfügen, so ihre Selbsteinschätzung, über die zum Urteil befähigende Vernunft. Sie ist, gewissermaßen, ihr Eigentum; als Beleg dafür gilt ihnen ihr sozialer Status. Das ist etwa so, als würde sich ein Schüler im Jahreszeugnis eine Eins in Mathematik geben, ganz gleich, wie viele Dreien und Vieren er bei schriftlichen Tests produziert hat – und dies damit begründen, daß er eben „wisse“, daß er ein Genie in Mathe sei (und zwar, weil er ja eine Eins habe). Kurz, nur man selbst – als Angehöriger einer bestimmten Schicht – verfügt über die nötige Vernunft, zu befinden, was vernünftig sei; und siehe da, zufällig ist es das, was zum eigenen Vorteil gereicht.

Dieter Nuhr ist es gelungen, sich als besonnenen, aufgeklärten Mann zu präsentieren, der ruhig nachdenkt, bevor er spricht, der abwägt, rational argumentiert; kurz, den idealtypischen Vertreter des aufgeklärten, mitteleuropäischen Bürgertums. Daß er das bewerkstelligen konnte, wirkt um so bizarrer, als er seine Berufung auf die Wissenschaft immer wieder Lügen straft, indem er deren Ergebnisse verzerrt darstellt, wenn seine vermeintlich rationalen Ausführungen nicht gleich kompletter Bullshit sind.

Tatsächlich vermochte Nuhr, sich als Mann mit solchen Qualitäten darzustellen, indem er sie einfach nur behauptet; er wird nicht müde, in Interviews oder auf der Bühne von sich als einem Vertreter wissenschaftlichen, rational-aufgeklärten Denkens zu reden. Er vollführt das Kunststück, sich hinzustellen und einfach zu sagen „ich denke rational und wissenschaftlich“, um dann den größten Quatsch zu erzählen – und es funktioniert.

:: Der Dieter mal wieder (Part II: Dieter Nuhr vs. Alice Hasters)

Hallo Leute, willkommen zu Teil 2 unseres lustigen Dieter-Bashings (#LaßsteckenichhabkeinTwitter). Lektüre des vorangehenden Artikels wird dringend empfohlen (da geht’s mehr ums Prinzipielle als um einen Einzelfall, und die Leute sollen ja wissen, warum ich mich so echauffiere; außerdem beziehe ich mich immer wieder auf das dort Gesagte).

Nun aber zum jüngsten Aufreger um den Dieter.

Der hat sich nämlich selbst aufgeregt über ein Buch, das er am Bahnhofskiosk gesehen haben will. Es heißt „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen – aber wissen sollten“ und stammt von einer Frau Alice Hasters. Das Buch sei in den USA ein „Riesenrenner“, weiß Dieter, und: Der Titel sei „reißerisch“ und selbst rassistisch, weil er Weißen „aufgrund ihrer Hautfarbe automatisch Rassismus unterstelle.“

Ähm … ja. Lassen wir mal beiseite, daß Dieter das Buch nicht gelesen hat (und es auch gar nicht behauptet); denn es geht noch blöder. Frau Hasters ist nämlich eine deutsche Journalistin, deren Schmöker in den USA nie erschienen, bisher noch nicht einmal ins Englische übersetzt worden ist. Das ficht den Dieter nicht an, zu behaupten, daß solch linke Scheinintellektualität und Arroganz maßgeblich zum Aufstieg Donald Trumps beigetragen hätten. Weil, Alice Hasters, das klingt ja irgendwie englisch, das kann ja wohl keine Deutsche sein (schwarz ist sie auch noch), das muß ja dann ein amerikanisches Buch sein und deshalb. So ungefähr dürfte sich der intellektuelle Prozeß in Dieters Zwiebel abgespielt haben. Soviel, nochmals, zu seiner Selbstinszenierung als der Aufklärung verpflichteter Vernunftmensch (siehe vorangegangener Artikel). Wirklich ein besonnener Faktenchecker, der Dieter: Schwarze Autorin = bestimmt ein US-Bestseller = irgendwas mit Rassismus gegen Weiße weil kommt mir plausibel vor. So geht rationales Denken.

Auf seinen geistigen Schiffbruch angesprochen, erklärt er, der „formale Fehler“ und dessen „Nebensächlichkeit“ wären im Fact-Checking unbemerkt geblieben.

WIRKLICH, DIETER? Weißt Du als abiturbestätigter Bildungsmensch tatsächlich nicht, daß man über die These einer Autorin nichts wissen kann, wenn man das verdammte Buch eingestandenermaßen NICHT MAL GELESEN HAT? Oder daß nicht jede(r) Deutsche SCHLOHWEISS IST WIE GEISTER-BOB, UND NICHT JEDE FRAU MIT SCHWARZER HAUTFARBE AUTOMATISCH US-BÜRGERIN? Mal ganz abgesehen davon, DASS SCHLUSSFOLGERUNGEN IN FORM WILDER GEDANKENSPRÜNGE, BASIEREND AUF UNGEPRÜFTEN VORANNAHMEN, gerade so IRRATIONAL sind, wie du es anderen ständig vorwirfst? Und WER ZUM TEUFEL IST GEISTER-BOB, WARUM KOMMT UNS HERR SATHOM HIER MIT VERWEISEN AUF IRGENDWELCHE ALTEN FILME MIT PAUL NEWMAN?!?

Und das von Dir, der sich stets als bodenständiger Bildungsbürger gibt; und sich so stolz auf den Geist der Aufklärung beruft, als würde der Kerl neben Dir stehen und jedes deiner Worte abnicken? Also wirklich, Dieter. Manchmal machst du mich so wütend, daß ich direkt in Großbuchstaben schreibe.

Nun ist gerade der Gedankensprung in Nuhrs Aussagen zum Hasters-Buch nicht unwichtig. Um zu erklären, weshalb, muß ich etwas ausholen.

:: Der Dieter mal wieder (Part I: Dieter Nuhr vs. … SCIENCE!)

Ich sag’s ja ungern, weil’s so großkotzig klingt: Aber ich hab Nieter Dieter Nuhr schon vor Jahren durchschaut. Inzwischen haben’s ja, von einer nibelungentreuen Hardcore-Fangemeinde mal abgesehen, anscheinend fast alle kapiert. Und sich auf den Guten eingeschossen, der sich, getreu seinem Selbstbild als Inkarnation des Gesunden Menschenverstandes, mißverstanden und zum Gegenstand einer Hexenjagd gemacht fühlt, ach was, eines regelrechten Pogroms gar. Der geifernde Mob hat nichts Geringeres als als die „soziale Vernichtung“ des armen Dieter im Sinn; mit Fackeln und Mistgabeln sucht er ihn auf den Scheiterhaufen zu zerren, der sich mit eigenem Sendeplatz und auch sonstigen Fernsehauftritten sonder Zahl gesegnet, dennoch mundtot gemacht sieht.

Bloß na ja, eigentlich macht Dieter Nuhr nichts anderes als das, was er schon seit Jahren tut – nur, daß es zunehmend mehr Leuten auffällt, nicht nur wenigen, die ihn, wie Christine Prayon, schon früher kritisiert haben.

Daß ich mich zu Dieter Nuhr trotz langjähriger Abneigung bisher nie ausführlich äußerte, höchstens randständig vielleicht, hat vor Allem zwei Gründe. Der erste ist schlicht arbeitsbedingter Zeitmangel. Denn es geht bei alledem nicht lediglich um die Person Dieter Nuhrs; sondern um seine Agenda, um eine bestimmte Ideologie, die er verbreitet, und deren Verankerung im Denken einer bestimmten sozialen Schicht – der bürgerlichen nämlich – mit all den Konsequenzen, die dies für Angehörige anderer Schichten, für sogenannte „Randgruppen“, kurz, für Nuhrs beliebteste Angriffsziele im ganz realen, gesellschaftlichen Alltag hat. Eine Erörterung muß daher entsprechend komplex ausfallen und kann sich nicht am Mann Dieter Nuhr aufhängen, sondern ihn lediglich als Beispiel heranziehen; muß aber, um das zu tun, umfangreiche Beispiele für seine irreführende Agitation in Fragen sozialer Gerechtigkeit, Gendergerechtigkeit, Rassismus usw. liefern. Eine ganze Menge Aufwand.

Die auch erklärt, weshalb das Ganze nun als Artikelserie daherkommt; es ist zu viel, es in einen Text zu packen. Was wiederum dazu führt, daß ich dem eigentlichen Anlaß, das Thema endlich aufzugreifen, bereits wieder hinterherhinke (er wird im zweiten Artikel behandelt werden).

Der andere Grund besteht darin, daß ich die Auseinandersetzung mit ihm als ausgesprochen unangenehm empfinde. Das Phänomen Nuhr so eingehend zu erörtern, wie mir erforderlich scheint, zwingt mich, im Laufe der Jahre gesehene Auftritte, Programme, gelesene Interviews, kurz, alles, was mir aufstieß, noch einmal aufzusuchen – um Belege für meine These zu sammeln, mich zu vergewissern, daß ich Äußerungen nicht falsch erinnere, zitierfähige Quellen zu finden, usw. Die Aussicht, das tun zu müssen, hat auch aktuell dazu geführt, die Arbeit an diesem Artikel vor mir herzuschieben; die bloße Vorstellung, sich manche von Nuhrs Einlassungen ein zweites Mal anhören zu müssen, bereitete mir fast körperliches Unbehagen. Daß eines seiner Programme aktuell online nicht mehr auffindbar ist und ich mich da auf meine Erinnerung verlassen mußte, ließ mich regelrecht erleichtert. Und so gestaltete sich die Arbeit an diesem Text vor allem – quälend.

Der Grund für dieses Verhältnis zum Thema besteht vielleicht eben darin, daß es nicht nur um die Person Dieter Nuhr geht. Tatsächlich greift das, was er tut, weit über ihn hinaus; und ich hoffe in der folgenden, längeren Analyse zu zeigen, weshalb er lediglich ein Symptom eines größeres gesellschaftlichen Problems ist (vorgreifend: der Selbstinszenierung des konservativen Bürgertums als herrschaftstragende Schicht, die ihren Hoheitsanspruch auf eine ständig behauptete, tatsächlich jedoch nicht gelebte, aufgeklärte Vernunft gründet). Eines Phänomens, das allerdings anhand Dieter Nuhrs gut illustriert werden kann, denn was er sagt und tut, ist eben – symptomatisch. Die Heuchelei, derer er sich dabei befleißigt (und die zugleich die seiner Anhänger ist), das Ausmaß, in dem diese die gesamtgesellschaftliche Debatte von bürgerlicher Seite prägt, bereiten mir einen schwer zu ertragenden Widerwillen, der mich – um ganz ehrlich zu sein – bisher vor der Aufgabe zurückschrecken ließ.

So, what’s the deal with Dieter? Zwei kürzliche Aufregungen um den Kabarettisten eignen sich recht gut, zu illustrieren, was einem an Dieter Nuhr auf den Wecker gehen sollte, und eben nicht erst seit gestern. Die eine betrifft Nuhrs Verhältnis zur Wissenschaft; die jüngere seine Aussagen zum Buch von Alice Hasters.

:: Ladenbrand im Schwabenland

Zugegeben: Was sich vor einer Woche in Stuttgart abspielte, ist eigentlich kein Anlaß für dumme Schwabenwitze („ausgerechnet die Schwaben?!?“). Aber als Berliner hat man eben ein leicht gespaltenes Verhältnis zu diesen Invasoren tüchtigen und fleißigen Leuten.

Aber im Ernst. Die Krawalle, die Stuttgart kürzlich erlebte, belegen nach allgemeiner Auffassung ein bisher unbekanntes Ausmaß von Gewalt. Dort, wo sich in der Innenstadt die Partyszene trifft, „solidarisierten“ sich Feiernde mit einem von der Polizei auf Drogen kontrollierten Mann; anschließend zogen etwa 400 – 500 Personen plündernd und randalierend durch die Umgebung. Nicht nur das Ausmaß der Gewalt, auch deren Inszenierung schockiert: Täter filmten sich, etwa, als ein Maskierter einem am Boden knienden Polizisten in den Rücken sprangt, stellten die Bilder online und ließen sich in den sozialen Netzwerken feiern; verstörend auch der Rückhalt, den solche Gewaltexzesse offenbar bei den Zuschauern fanden, Partygängern, die sich nicht direkt beteiligten, die Akteure jedoch bejubelten. Die Gewalt richtete sich dabei nicht „nur“ gegen Polizisten, sondern auch gegen andere, die der „fröhlichen“ Gemeinde mißfielen: Einen Studenten z.B., der sie kritisierte und, am Boden liegend, gegen den Kopf getreten wurde (eine Chronik der Ereignisse hier).

Nebenbei bemerkt: Stuttgart ist noch vorhanden und keine Trümmerwüste. Das ändert nichts an der bestürzenden Gewalt gegen Menschen, für die sich Täter und Zuschauer auch noch feierten; klingt aber zugleich nicht ganz nach der zunächst medial beschworenen Apokalypse.

Natürlich begann sofort die übliche Ursachenforschung. Noch bevor Näheres bekannt war, „wußten“ am Sonntag Vormittag die üblichen (rechten) Kommentatoren ganz genau, daß es mal wieder „die da“ mit ihrem ganz besonderen „soziokulturellen Hintergrund“ gewesen waren, was jetzt natürlich niemand wahrhaben wolle; andere fantasierten eine abgesprochene Aktion der „Antifa“, die sie, wie Donald Trump, offenbar für eine geschlossene, terroristische Organisation halten. Die Verschwörungstheoretiker von der Gegenseite raunten indessen, daß alle Informationen ja bisher nur von der Polizei stammten, deuteten an, daß die sich das Ganze ja vielleicht ausgedacht haben könnte. Je nach Feindbild steckten also die Linken, Menschen mit Migrationshintergrund, oder die Polente hinter der Sache. Später am Tag war auch von Corona-Streß war die Rede. Und, ach ja: auf einer Pressekonferenz am Montag erzählte dann noch der Bundesinnenminister dummes Zeug, stellte irgendwelche Zusammenhänge her – is wie bei den Ausschreitungen in Hamburg, nä – und warf mit seinem Auftritt ganz allgemein die Frage auf, ob er eigentlich überhaupt noch weiß, was zum Teufel er da redet.1) Immerhin hat er sich seine Sätze auswendig gemerkt, denn bei anderen Presseterminen wiederholte er sie eins zu eins; was ja auch schon eine intellektuelle Leistung ist. Nicht zu vergessen, daß sich angesichts der Lage nun auch die Überwachungsfans wieder die Hände reiben. Mehr Kameras sollen her. Am besten überall.

Okay. Also: Alles davon ist Quatsch. Ein politischer Hintergrund, gleich welcher Art, läßt sich ausschließen; Horst Seehofers gedanklicher Brückenschlag zum G20-Gipfel 2017 in Hamburg ist daher so albern wie der sonst übliche Reflex, „Killerspiele“ zur Ursache erklären. Daß es sich bei den Tätern ausschließlich oder mehrheitlich um Menschen mit Migrationshintergrund gehandelt haben soll, trifft nicht zu (der auf Drogen kontrollierte Mann selbst war deutscher Staatsbürger weißer Hautfarbe, die Teilnehmer der Krawalle ein buntes Gemisch jedweder Herkunft). Und Corona-Streß hin oder her, laufen die meisten Leute deswegen nicht gleich Amok. Hinter den Gewaltexzessen steckt etwas ganz anderes. Was?


 

1) Damit meine ich zwei Dinge. Erstens hat von Gruppen begangene Gewalt ganz unterschiedliche Ursachen. Das soll nicht heißen, daß man irgendeine Form von Gewalt, ganz gleich, was sie motiviert, gutheißen könnte; Anlässe und Motive müssen jedoch jeweils im Kontext, und isoliert von anderen Gewalttaten, betrachtet werden. Doch Seehofer baut, indem er einen Bogen von den G20-Krawallen von 2017 zu den jetzigen Ereignissen schlägt, das Bild einer vagen, allumfassenden Bedrohung auf, die von anonymen Horden ausgeht und zunimmt, womit er Ängste und Gefährdungsgefühle in der Bevölkerung schürt (die ihrerseits irrational sind, da das Bedrohungsgefühl zunimmt, obwohl Gewaltverbrechen statistisch seit Jahren zurückgehen). Zweitens erweckt er, indem er von der Justiz harte Strafen für die Täter fordert, den fatalen Eindruck, in der Bundesrepublik könnten Politiker den Gerichten vorschreiben, wie sie zu urteilen hätten. Bzw. den Eindruck, daß er, der Bundesinnenminister, das gerne täte. Man verstehe mich nicht falsch – von mir aus soll man zumindest die Teilnehmer, die Menschen angegriffen haben, einsperren und den Schlüssel wegschmeißen; doch darum geht es nicht. Gerichte können und dürfen sich nicht daran orientieren, was irgendein Herr Sathom oder Herr Seehofer gerne hätten. Und so bürdet Seehofer der Justiz ein folgenschweres Problem auf. Verhängen die Richter harte Strafen, könnte der Vorwurf aufkommen, bundesdeutsche Gerichte handelten nicht unabhängig, sondern auf Anweisung der Politik; urteilen sie (in den Augen der Öffentlichkeit) zu milde, enttäuschen sie vom Minister geweckte Erwartungen, was Wasser auf die Mühlen rechter Populisten wäre. Und insbesondere Zweifel an der Unabhängigkeit der Justiz, denen Seehofer hier ein Einfallstor öffnet, könnten verheerende Folgen haben – für die Legitimation von Institutionen, das Vertrauen in diese, den gesamtgesellschaftlichen Konsens. Es ist unklar, ob Seehofer selbst wirklich glaubt, was er da in beiden Bezügen erzählt, oder ganz bewußt zündelt – denn was er sagt, ist brandgefährlich. Und beides würde ihn für sein Amt ungeeignet machen, das eine intellektuell, das andere moralisch.

:: Rezo zerstört die Presse (and serves them well done)

Es ist weiter soweit: Nach der Zerstörung der CDU widmet sich YouTuber Rezo in einem neuen Video diesmal der Presse. Interessant ist dabei der Ansatz – das Mißtrauen, das den Medien häufig entgegenschlägt („Lügenpresse“ etc.) führt er u.a. darauf zurück, daß deren Methoden oft denen von Verschwörungsideologen gar nicht unähnlich sind. Über den Vergleich zeigt er, durchaus plausibel, wie etablierte Medien das Mißtrauen, das ihnen begegnet, mitverursachen – indem sie Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit selbst säen.

Nachdem ich mich selbst coronabedingt wieder stärker für Verschwörungsmythen interessiere, finde ich diesen Ansatz natürlich spannend; ob der Brückenschlag dabei immer ausreichend gelingt, wäre eine andere Frage. Immerhin: Daß an der These etwas dran ist, wird wird glaubwürdig vermittelt.

Insofern: Wie schon die „Zerstörung der CDU“ ist auch Rezos aktuelles Video instruktiv, sauber mit Quellen unterfüttert und argumentativ stark; eigentlich genau so, wie man sich manchmal wünschen würde, daß es bei Hervorbringungen auch seriöser Qualitätsmedien (d.h. solcher, die sich per Selbstdefintion dazu erklären) der Fall wäre. Dazu trägt auch die hohe Transparenz bei, die durch umfangreiche Quellenangaben erreicht wird (ein Kritikpunkt, den Rezo zur Berichterstattung auch seriöser Medien vorbringt, besteht darin, daß Tatsachenbehauptungen schlecht oder gar nicht belegt sind (und sich gelegentlich bei Nachprüfung tatsächlich als falsch erwiesen)). Menschen mit medienkritischer Sichtweise (einer reflektierten, die nicht in einseitige Phantasien einer gesteuerten Lügenpresse verfällt) vermittelt es vielleicht nichts direkt Neues, bietet jedoch eine konzentrierte Zusammenfassung von Mißständen, die sonst vielleicht nur vereinzelt, über verschiedene kritische Veröffentlichungen verteilt, durch den Wahrnehmungsraum irren (Veröffentlichungen, die – das ist wichtig – meist auch von den so gern verteufelten Journalist*innen stammen). Herr Sathom ist verblüfft, wie gut Rezos neuer Streich recherchiert, und wie handwerklich perfekt er ausgeführt ist, und kann nur sagen: Unbedingt empfehlenswert. Beinahe möchte er das auch vielen Redaktionen ins Stammbuch schreiben, mit der Anmerkung: So macht man das. Solche Beiträge beweisen (wie etwa auch der YouTube-Channel maiLab), daß hier eine hochqualifizierte junge Generation am Werk ist, der irgendwelche grauen Eminenzen in Politik und Medien völlig zu unrecht herablassend begegnen.

Beunruhigend wird es, wenn Rezo am eigenen Beispiel demonstriert, wie manche Journalisten z.T. selbst Verschwörungstheorien in die Welt setzen; und wie unbedarft oder bedenkenlos sie es anscheinend tun. So wurden, betreffs des CDU-Videos, auf Twitter oder in Talkshows Äußerungen Rezos kritisiert, die der YouTuber nie gemacht hat; oder auch frei erfundene Fabeln über irgendwelche Finanziers, Hintermänner oder unredliche Motive in die Welt gesetzt. Dabei machten auch große Blätter keine Ausnahme (gern und oft mittenmang: die FAZ). Wie Rezo wundert sich auch Herr Sathom über die Motive mancher Journalisten, solche Märchen in die Welt zu setzen; er erinnert sich allerdings, daß anfangs auch gegen Greta Thunberg in dieser Weise vorgegangen wurde. Und nicht nur gegen sie allein – neben diversen Medienvertretern war sich auch die Kanzlerin nicht zu schade, öffentlich anzuzweifeln, daß die demonstrierenden Schüler von sich aus agierten, und raunte vom Podium dunkel von Rußlands hybrider Kriegsführung im Internet (die es ja gibt), wie um anzudeuten, daß die irgendwie irgendwas damit zu tun haben könnte (was, überließ sie dem Publikum, sich zu denken). Ähnlich fabulierten auch Journalisten über finstere Machenschaften irgendwelcher Strippenzieher, als deren Marionette Greta durch über die Bühnen der Welt tanze.