Archiv der Kategorie: Gesellschaft: Allgemeines

:: Faschismus und Bürgertum oder: Wer wählt Le Pen?

Morgen entscheidet Frankreich, wer das Land die nächsten Jahre als Präsident/in führt: Marine Le Pen, die für Abschottung, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsruck und gegen Europa steht, oder Macron, auch hier in Deutschland erhoffte Lichtgestalt und Messias, der braunen Gefahr zu wehren, dabei zugleich mit dem Finanzkapital verbandelt und bereit, „notwendige Reformen“ durchzuführen, die an die hiesige Agenda 2010 erinnern, wobei er sein geplantes, drastisches Strafsystem pausbäckig als „Recht auf Arbeitslosigkeit“ verbrämt (der Trick: Arbeitslosengeld bekäme auch, wer selbst kündigt – jedenfalls so lange, bis er zweimal eine Tätigkeit, für die er vielleicht gar nicht qualifiziert ist, abgelehnt hat). Was Macron mangels eigener Partei und parlamentarischer Unterstützung genau bewirken kann, bleibt dabei zunächst unklar, aber auch gleichgültig – für alle, die ein Regime Le Pen zu Recht fürchten, ist er der Heiland des Augenblicks, für seine Mission schon mit dem passenden Vornamen gesegnet, Emmanuel, in der christlichen Tradition eine Bezeichnung für den auferstandenen Herrn. Ein Erlöser, so strahlend, daß Herr Lindner von der FDP gern der deutsche Macron würde, allein, das Zeug dazu hat er wohl so wenig wie dereinst Rolf Kauka das zum „deutschen Walt Disney“, zu dem man ihn gern stilisiert hätte. Ob man mit Macron/Le Pen nicht lediglich die Wahl zwischen Teufel und Beelzebübin hat, fragen sich andere, und eine Bewegung, die zum Nichtwählen bzw. zur Abgabe ungültiger Stimmzettel aufruft, gerade das als Ausdruck politischen Willens ansieht, findet ebenfalls viele Anhänger.

Die anstehende Schicksalswahl – die diese Bezeichnung zur Abwechslung verdient – soll hier als Anlaß dienen, einen kurzen Rückblick auf den Erfolg des Rechtspopulismus in den vergangenen Jahren zu werfen, und dabei eine seiner Merkwürdigkeiten zu beleuchten.

Im letzten TV-Duell vor der Wahl hielt Le Pen ihrem Gegner u.a. vor, er stünde als Ultraliberaler für einen „Krieg aller gegen alle“. Diese Äußerung ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert.

Einerseits verbirgt sich hinter der Äußerung, auch wenn sie hier als eher flapsige Parole daherkommt, eine beklemmend realistische Einschätzung der kapitalistischen Gesellschaft. Auch Herr Sathom hat in diesem Blog schon vor längerer Zeit die These aufgestellt, der Euphemismus der „Wettbewerbsgesellschaft“ beschönige einen wirtschaftlichen Bürgerkrieg Jeder gegen Jeden; verhülle, daß wir es nicht nur normal, sondern richtig finden, daß es in der Gesellschaft „Gewinner“ und „Verlierer“ gäbe, wobei die letzteren – anders als im spielerischen Wettbewerb – Elend und Not, gegebenenfalls den Kältetod als Obdachloser, zu gewärtigen haben, gerechte Strafe des „Lebens“ für diejenigen, die „zu spät kommen.“ Der Gedanke ist uns so eingefleischt, daß wir ihn nicht einmal in Frage stellen, unsere Kinder von einem Förderkurs in den nächsten hetzen (sofern wir es uns leisten können), um sie zu Supersoldaten für den globalen Leistungskampf von Morgen abzurichten; daß wir uns selbst ständig zu „optimieren“ suchen, uns entsolidarisiert haben, beständig gegeneinander statt miteinander leben. Geführt wird dieser Krieg nicht nur zwischen den einzelnen Individuen, sondern auch den Schichten: Die „Abgehängten“, „Geringqualifizierten“, die „Globalisierungsverlierer“ sind vom gesellschaftlichen Mainstream eben nicht nur „vergessen“ worden, wie es jetzt allenthalben heißt, sondern aktiv bekämpft. Sie wurden in demütigende Minderlohnverhältnisse gezwungen, um Teilhabe und und Rechte gebracht, als Faulpelze und Sozialschmarotzer verleumdet; mit dem Vorurteil, sie würden nur jammern und die Verantwortung für ihr Versagen auf andere abschieben wollen, hat man sie effektiv geknebelt und jeglicher Mitsprache beraubt.

Andererseits stehen die Rechte, und mit ihr Mme. Le Pen, kaum für einen gesellschaftlichen Zustand, der nicht kriegerisch wäre. Der Krieg ist für die Zeit nach der Wahl bereits erklärt – den Zuwanderern sowieso, den Homosexuellen, dazu all jenen, die nicht das klassische, bürgerliche Familienmodell leben, und überhaupt den Frauen, ob sie nun allein erziehen, abtreiben oder sonst etwas tun müssen oder wollen, daß ihrer „naturgewollten“ Rolle widerspricht. Ein von der Rechten regiertes Land – das beweist u.a. Ungarn – befindet sich allerdings in einem dauernden Kriegszustand gegen Teile der Bevölkerung, wie er jedes autoritäre Regime, auch Putins Rußland oder Erdogans Türkei, kennzeichnet. Auch der Vorwurf des wirtschaftlichen Liberalismus ist eigentümlich. Wirft man einen Blick in die Parteiprogramme – auch das der deutschen AfD – zeigt sich schnell, daß gerade die Rechte wirtschaftsliberale Positionen vertritt, die mit sozialer Gerechtigkeit unvereinbar sind. Was sie den Vertretern eines globalen Freihandelskapitalismus vorwirft, propagiert sie selbst, zeigt sich gnadenlos gegenüber den ärmeren Schichten; verschoben ist lediglich der Fokus.

:: Erfolgsmodell Persönlichkeitsstörung

Nun also auch hier doch noch einmal Trump; hilft ja nix. Allerdings nicht, um sich unter die Chronisten der Katastrophenmeldungen zu reihen – nicht, daß die ersten Amtstaten des neuen US-Präsidenten nicht katastrophal genug wären, doch es hieße, lediglich zu wiederholen, was derzeit aus allen Medienkanälen über uns hereinbricht, und von beinahe jeder anderen Thematik ablenkt –, sondern weil ein spezifischer Aspekt der Debatten über Trump verdient, in größeren Bezug gesetzt zu werden.

Es geht um eine Frage, die derzeit viele Trump-Gegner in den USA umtreibt, und teils wie eine verzweifelte Hoffnung auf Amtsenthebung, teils ängstlich, teils mit Häme diskutiert wird; eine Frage, die längst auch deutsche Diskussionen erreicht hat. Drücken wir es „volkstümlich“ aus:

Ist Donald Trump verrückt?

Weisen seine persönlichen Angriffe, das Nachäffen eines körperlich beeinträchtigten Journalisten, die verbalen Ausfälle gegen Frauen, seine manische Twitter-Besessenheit (der er sich offenbar lieber widmet, als Entscheidungen sorgfältig zu überlegen), seine Meinungswechsel (Zweistaatenlösung in Palästina hüh, dann hott), seine unbeendeten Sätze und vieles mehr, auf eine Persönlichkeitsstörung hin? Lügt Trump, wenn er behauptet, bei seiner Amtseinführung wären Menschenmassen anwesend gewesen, wenn er „alternative Fakten“ präsentiert, oder leidet der Präsident an Realitätsverlust?

Grundsätzlich lassen sich drei Strömungen unterscheiden. Die einen halten Trump schlichtweg für durchgeknallt. Unterschiede gibt es hier lediglich in der Frage nach Grad und Natur der Störung: Der bezwingend witzige Keith Olbermann vom GQ-Magazin nennt in seiner YouTube-Serie The Resistance durchaus beunruhigende Symptome, um sich auf eine explizite Diagnose festzulegen: „He’s mad.“.Andere Vertreter dieser These vermuten beim 69-jährigen Trump frühe Anzeichen von Alzheimer bzw. Demenz; und in der Sendung Hart aber fair zählt der Psychiater Borwin Bandelow Indizien für eine narzißtische Persönlichkeitsstörung auf (von ca. Min. 39:22 – 48:48), wenn er auch mit einer Ferndiagnose vorsichtig bleiben will.

Die Gegenposition besteht in der Auffassung, daß Trumps Verhalten nichts mit „Aussetzern“ oder mangelnder Impulskontrolle zu tun hätte. Es handele sich um Verhandlungsmethoden, die er bereits als Geschäftsmann verwendet habe; die Unsicherheit, was er tun werde, die Einschüchterung und Verächtlichmachung anderer, all das wären Verhaltensweisen, die den businessman Trump kennzeichnen, und die er nun ins politische Leben übertrage. Die Kognitionspsychologin Elisabeth Wehling wiederum betrachtet alles,was Trump tut oder sagt, als sorgfältig geplant, choreographiert; bei seinem scheinbar unzurechnungsfähigen Verhalten handele es sich um eine als framing bezeichnete Methode der psychologischen bzw. sprachlichen Manipulation, bei der an tiefsitzende Ressentiments (gegen Latinos, Afrikaner, Frauen, Homosexuelle etc.) der Zielgruppe appelliert werde – eben an deren Gedankenwelt, ihren „frame“.

:: Von hier an: Trump

Keine Sorge, das kommt auch noch vor. Der neue US-Präsident wird heute eingesetzt; zu ihm hangeln wir uns schon hin.

Befassen wir uns aber zunächst mit einer besonders lustigen AfD-Forderung. Nein, nicht dem Mist, den Björn Höcke verzapft hat, und der im Augenblick alle so aufregt, von wegen es bräuchte eine erinnerungspolitische Wende, und das Berliner Holocaust-Mahnmal sei ein „Denkmal der Schande“ – das alles hätte man längst wissen können. Wes Geistes Kind die AfD-Führungsriege ist, lag lange schon offen, und auch das Ausmaß ihrer ideologischen Bräune; wer da jetzt erstaunt tut oder sich erst nach Höckes Anfall von Ehrlichkeit empört, hat die vergangenen Jahre unter einem Stein verbracht.

Es klingt daher zwar gewitzt, wenn Sascha Lobo, jener leicht überschätzte Erklärer der platzeprallen sozialen Harnblasen des Internet, auf Spiegel Online fordert, sich Höckes Rede aber auch ja anzusehen, damit diesmal keiner hinterher sagen könne, er habe nichts gewußt; Herr Lobo liegt gern schon einmal halb daneben, diesmal aber völlig richtig – nur ist er leider zu spät dran. Wissen kann man das, was sich da nun so offensichtlich zeigte, schon lange. Herr Lobo hat allerdings recht, wenn er schreibt, daß fünf Nazis in einer Gruppe von hundert Leuten diese zwar nicht insgesamt zu Nazis machen, daß jedoch das Verhalten der restlichen fünfundneunzig, sobald diese wenigen ihre Fahnen und Parolen sprechen lassen, durchaus bedeutsam sei. Verbannen sie die fünf nicht aus ihrer Gruppe, könne oder müsse dieses Verhalten sehr wohl als „Absichtserklärung der gesamten Gruppe verstanden werden.“ Stimmt. Diejenigen AfD- und Pegida-Anhänger, die darauf beharren, nur „besorgte Bürger“ statt Nazis zu sein, müssen erklären, weshalb sie dann mit welchen gemeinsam marschieren. Warum sie ihre Besorgnisse – ganz gleich, wie berechtigt diese sind – nicht in säuberlicher Scheidung von jenen vortragen. Wer NPD-Kader und andere Rechte in seiner Mitte duldet, hat keine Ausrede. Oder, wie das amerikanische Sprichwort sagt: You lie down with dogs, you get up with fleas; ohne Tiervergleiche in seiner hiesigsprachigen Entsprechung: Gleich und gleich gesellt sich gern. Das könnten sich auch jene Politiker und Journalisten einmal sagen, die dafür plädieren, nicht alle „in eine Topf zu werfen“ – da hineingeworfen haben die sich nämlich längst selbst. Insofern auch das nichts Neues, aber gut und offenbar notwendig, daß Herr Lobo noch einmal daran erinnert.

A propos säuberlich: Es gehört ja zu den beliebten Erzählmotiven der Rechten, daß die Scheidung zwischen Rechts und Links nicht mehr existiere. Von Seiten der Rechten ist diese Behauptung eine rein taktische; sie liefert jedem, der sich AfD, Pegida, „Identitären“ usw. anschließen will, eine nützliche Ausrede, weshalb er deswegen nicht „rechts“ sei. Erstaunlich jedoch ist, wie beflissen teils auch bürgerliche Medien und Politiker diese gedanklich schlampige, unsachliche Entdifferenzierung übernehmen. Vielleicht, weil sie dem Establishment ermöglicht, linke und andere Kapitalismuskritik gleich mit abzuqualifizieren, sie mit dem gemeinsamen Etikett „Populismus“ zu versehen? Hier scheint es ganz genehm, unterschiedliche Dinge in denselben Topf zu werfen und kräftig umzurühren.

Aber wie gesagt – lassen wir das. Widmen wir uns lieber etwas Ulkigem an diesem Tag, da John Carpenters Escape from L.A. – oft als ernst gemeinter, aber schlecht gemacher Apokalypsenfilm mißverstanden, tatsächlich eine Satire – Wirklichkeit zu werden droht. Wenn die Welt schon untergeht, dann wenigstens lustig.

Die AfD möchte nämlich auch gern, und hier beweist sie Sinn für Humor, daß das pfälzische Dorf, dem Donald Trumps Vorfahren entstammen, touristischer Wallfahrtsort werde. Die Einwohner des Örtchens sind, von Ausnahmen abgesehen, eher wenig begeistert. Für Deutschlandradio Kultur ist die Forderung Anlaß zu ein wenig Ahnenforschung. Und siehe da: Trumps Großvater war ein illegaler – nun, nicht Einwanderer, sondern Auswanderer. Er drückte sich nämlich darum, von seinem Landesfürsten und Leibeigner die Erlaubnis zum Verduften einzuholen, weshalb dieser ihn später auch nicht zurückhaben wollte. Auch der Prinzregent Luitpold habe sich auf entsprechende Anschreiben ungnädig gezeigt, heißt es; gewissermaßen eine Ablehnung des Asylgesuchs eines Rückkehrers. Damit nicht genug – den Grundstein zum trumpschen Vermögen legte der Opa offenbar unter anderem durch Bordellbetrieb. Ja da schau her. All das ist vielleicht nicht notwendig zu wissen, und ebenfalls nicht neu – aber zumindest noch einmal eine pikante Fußnote, kurz bevor das Tier 666 der nächste Präsident den Thron besteigt. Wird Senator Palpatine Donald Trump die galaktische Republik zerschlagen Amerika wieder groß machen, und Europa zerlegen? Popcorn, bitte.

Kommt alles, wie von Carpenter prophezeit? Seine andere Satire, Sie leben!, hat das Wüten des Finanzkapitalismus ja inzwischen bestätigt. Wie war das noch in Die Fürsten der Finsternis? „Dies ist eine Warnung aus der Zukunft“? Und kann Trump eine volle Amtszeit durchhalten? Verlassen wir uns hier nicht auf einen Pfuscher wie Nostradamus, hören wir gleich die Experten: Und es wurde ihm ein Mund gegeben, der große Dinge und Lästerungen redete; und es wurde ihm Macht gegeben, zweiundvierzig Monate zu wirken (Offenbarung 13,5). Na, das sieht doch ganz gut aus; im letzten Jahr wird irgendwas sein.

Nun, fröhlich geht die Welt zugrunde; und das ist ja immerhin auch was wert. Das Deutschlandradio weiß dank einer erfolgreichen Totenbeschwörung übrigens auch, was Karl Marx von alledem gehalten hätte: Ein hörenswerter Beitrag.

:: Postfaktum! (II) – Endlich wieder alles ganz einfach

Herr Sathom hat sich getäuscht. Er prophezeite der merkelschen Adjektivbildung „postfaktisch“ kurze Lebensdauer – zu umständlich, zu inhaltlich blödsinnig sei sie, um sich durchzusetzen.

Doch inzwischen – nachdem sich eilfertige Denker rasch anheischig machten, sie zu „kontrafaktisch“ zu verbessern – hat sie Karriere gemacht. Zumindest, wenn man Debatten und Äußerungen der letzten Wochen beobachtet, scheint sie gekommen, um zu bleiben.

Denn sie erweist sich als nützlich.

Zum einen eignet sie sich vorzüglich zur Abwehr jeglicher Kritik. Menschen, die sachlich begründete Zweifel an TTIP und CETA hegen, am Kapitalismus in seiner jetzigen Form, die allesamt dabei nicht rechts orientiert sind, kann man mit der Diagnose „postfaktisch“ – wie im vorangehenden Artikel gezeigt – hervorragend in einen Topf mit irgendwelchen Idioten werfen, ihre durchaus rationalen Argumente ignorieren, kurz, alles, was der Weltdeutung der Herrschenden widerspricht, als irrational vom Tisch wischen (und ggf. mit dem Populismusverdacht behaften). Herrschaft und Vernunft können endlich wieder identisch gesetzt werden.

Zugleich vereitelt diese Einordnung erfolgreich jede effektive Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus bzw. Faschismus – zumal eine selbstkritische. Die Verachtung des Anderen, Kern faschistischer Welt- und Menschenbilder, ist der bürgerlichen Mitte ja nicht fremd; sie verachtet den Armen, den „Verlierer“, die an den „Rändern der Gesellschaft“. Das Gerede vom „braunen Sumpf“ (der menschlichen Scheiße), vom hellen und dunklen Deutschland und vom Pack, so wie noch vor wenigen Jahren das von „Sozialschmarotzern“ unter den Empfängern staatlicher Hilfen, sie alle drücken im Grunde dieselbe manichäische Teilung der Menschen in Lichtgestalten und Dreck aus, die auch der Rede des Nazis von „Ariern“ und „Untermenschen“ innewohnt. Mitte und Obere waren in Denken und Sprache nie weit entfernt von dem, was sie jetzt fürchten; bedient wurden entsprechende Ressentiments allemal gern.

Und mehr als das. Wurde rechte Gewalt ruchbar, galt die Sorge hiesiger Politiker lange Zeit zuerst der Sorge um Deutschlands Ruf in der Welt, nicht den Opfern oder Hintergründen. Und als im Verlauf der „Wende“ in Hoyerswerda der Mob fast ungehindert brandschatzen konnte, bestand die christkonservative Reaktion darin, eine Verschärfung der Asylgesetze zu fordern, um solchen Umtrieben zu wehren. Lange Zeit konnte die Rechte sich auf heimliche Kumpanei verlassen, mindestens darauf, daß sie bekam, was sie wollte, wenn sie nur ordentlich Krach schlug, und bloß nebenher ein bißchen meuchelte. Angela Merkels „Verbrechen“ in den Augen ihrer christlich-konservativen Parteigenossen, einiger Medien und der AfD- und Pegida-Anhänger besteht vielleicht eigentlich darin, diesen gesellschaftlichen Konsens aufgekündigt zu haben, als sie Flüchtlinge willkommen hieß. Für die soziale Frage haben sich die derzeitigen Rechtspopulisten und ihre Fans vor der Flüchtlings-„Krise“ jedenfalls nicht die Bohne interessiert, soweit sie aus der gesellschaftlichen Mitte stammen und nur „Abstiegsängste“, aber noch keine reale Erfahrung auf diesem Gebiet haben. Sie tun es auch jetzt nicht (und auch sonst keiner; sonst wäre die LINKE an der Macht); nicht ungleiche Chancen oder Sozialabbau stören sie, sondern daß das System der ungleichen Verteilung nicht zu ihren Gunsten ungerecht ist.

Überhaupt ist das Denken der Verachtung, auf dem dieses System ruht, weiterhin überall verbreitet; auch unter denen, die sich nicht rechts einordnen. Die Vorurteile gegen Ausländer, betrachtet man sie näher, gleichen denen, die in den Jahren der Verdrängung der Gewerkschaften und des geförderten Hau-Ruck-Kapitalismus gegen Arme, „Verlierer“ und „Versager“ ins Feld geführt wurden, aufs Haar; sie wurden mit identischen Mitteln verächtlich gemacht. Hier findet sich, was der französische Soziologe Didier Eribon „Sozialrassismus“ getauft hat. Und im Kampf gegen die neue Rechte wird ausgerechnet dieser reaktiviert, wenn deren Erfolg als Aufstand der zu kurz gekommenen Idioten abgehakt wird. Auf die Idee, daß da nur zurückschallt, was man lange in den Wald gerufen hat, daß die Populistenanhänger einfach zugespitzt und hochtransformiert ausleben, was man sie gelehrt hat – wie nämlich mit Menschen umzugehen sei – kommt kaum jemand.

:: Postfaktum! Der Arme sei blöd! (I)

Hui, Wahlen in den USA – und einmal mehr schicksalhafte; die Zukunft des ganzen Erdballs steht auf dem Spiel. Na holla die Waldfee. Seid Ihr auch schon ganz aufgeregt? Herrn Sathom fällt ein, daß er für die Übertragung noch einen Eimer Popcorn braucht.

Der Donald, der Trump, wie Dieter Thomas Heck gesagt hätte, Geert Wilders, der britische Außenminister Boris „Brexit“ Johnson; allesamt Männer, deren „Frisuren“ bezeugen, was hinter der tiefgehenden Spaltung der westlichen Gesellschaften wirklich steckt – außerirdische Hirnparasiten nämlich, die sich als schlecht geföntes Blondhaar tarnen. Was erklärt ihren Erfolg?

Die Inhaber der Deutungshoheit wissen, woher der Riß durch die Gesellschaft rührt: schuld ist die berüchtigte Irrationalität.

Auf phoenix erklärte in den letzten Tagen wiederholt Herr Josef Braml, ein „USA-Experte“ (was immer für eine akademische Disziplin das sein soll), die Leute, die Trump favorisieren, hätten „die Nase voll“, und was früher ein Vorteil gewesen sei – Wissen, Erfahrung – sei heute ein Nachteil; wir lebten nämlich in „postrationalen Zeiten.“ Zuvor nennt er nicht nur den Erfolg Trumps, sondern auch den von Bernie Sanders als Beispiel; womit er Sanders, immerhin einen durchaus erfahrenen Politiker, in eine Tonne mit rechtspopulistischen Schreihälsen und Fremdenhassern wirft.

Warum? Sanders ist Kapitalismuskritiker; er redet gegen den etablierten status quo. Sanders ist gegen das herrschende Wirtschafts- und Finanzsystem; er will bestehende Verhältnisse ändern. Macht einen das „irrational“? Von einer bestimmten Warte betrachtet, durchaus.

Das bürgerliche und politische Establishment holt derzeit eine ganz alte Deutungkeule wieder aus der Mottenkiste – die des Irrationalismus. Auch die Kanzlerin hat ein schönes Wort dafür gefunden; wir lebten, sagte sie vor einiger Zeit, in „postfaktischen Zeiten“. Die Floskel ist begierig aufgegriffen worden (obwohl Herr Sathom nicht glaubt, daß ihr eine lange Halbwertzeit beschieden sein wird – zu umständlich); lediglich das Magazin quer des BR – soweit Herr Sathom weiß – hat die blödsinnige Formulierung veralbert und gefragt, wann die faktischen Zeiten, die der Begriff als vorangehend impliziert, denn gewesen sein sollen. Tatsächlich bedeutet „postfaktisch“ gar nichts – für das, was Frau Merkel wohl sagen wollte, wäre „faktenfeindlich“ eher zutreffend; es handelt sich möglicherweise um die Kopfgeburt eines PR-Schlaumeiers, der eine Assoziation zu „postmodern“ herstellen wollte, damit das Ganze nach was klingt. Insofern ist Herrn Bramls Wortwahl sicher die exaktere (falls es sich bei ihm um den Josef Braml handelt, den Wikipedia kennt, ist seine Äußerung auf phoenix allerdings merkwürdig; der dortige Braml scheint kein schlechter Kopf). Was aber sollte Merkels Äußerung im Rahmen einer Rede, in der sie auch für ihre wenigen guten Entscheidungen (etwa die zu Beginn der „Flüchtlingskrise“) zu Kreuze kroch, eigentlich bedeuten? Daß sie bedauere, es bei ihren Kritikern mit einem Haufen Idioten zu tun zu haben? Nun, wohl genau das. Eigentlich hat sie nichts falsch gemacht – außer, nicht daran zu denken, daß die ganzen Trottel da draußen nicht kapieren, wie alternativlos richtig alles ist, das die Herrschenden tun.

Die beunruhigende Tendenz der letzten Zeit scheint nun die: Wo immer kluge Leute in Talkshows oder Expertenrunden die besorgten Köpfe zusammenstecken, lauten die Erklärungen für das Auseinanderklaffen der Gesellschaft, für Unmut der Bevölkerung oder Wahlerfolge einer gewiß sehr widerwärtigen Partei, ganz ähnlich. Was die etablierten Träger der Macht verfügen, was die zertifizierten Weltdeuter in Kommentaren so und so „einordnen“, ist „rational“; jeder Widerspruch das Gegenteil. Es spielt keine Rolle, ob irgendwelche Arschlöcher auf der Straße ihren Haß auf Homosexuelle und Ausländer herausbrüllen, oder ob berufene Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler sachlich begründete Zweifel an diesem oder jenem Zustand von Wirtschaftssystem und Gesellschaft anmelden: Wer nicht in der festgelegten Spur bleibt, labert irrationale Scheiße. Und weil es diese Leute gibt (ganz wurscht, warum es sie gibt, und weshalb sie sich über Nacht so vermehrt haben sollen), spaltet sich die Gesellschaft.

:: Wer war Jack Chick?

Manfred Krug, Götz „Schimmi“ George – die Liste der in diesem und dem letzten Jahr verstorbenen Stars setzt sich fort. Ein anderer Abschied ist hierzulande – wenn überhaupt – vielleicht nur wenigen älteren Nerds, besonders Fans von Fantasy-Rollenspielen und Comics, aufgefallen. International rief er, besonders im englischsprachigen Raum, in einschlägigen Kreisen durchaus ein größeres Echo hervor.

Jack T. Chick, Mr. Satanic Panic, ist tot.

Rollenspieler alter Schule, die schon seit den 1980ern dabei sind, Comicfans, Atheisten, aber auch Anhänger jeder nicht christlich-evangelikalen Religion von Juden bis Muslimen, kannten ihn – verlacht, gehaßt, aber auch von gläubigen Anhängern umgeben, einen Mann, in dessen hausgemachten Comics – einige auch von seinem Hofzeichner Fred Carter ausgeführt – Vorurteile, Dämonenparanoia und die Drohung ewigen Höllenfeuers brutzelten wie ein reifer Mitesser auf dem Eiterherd.

Wer also war Jack Chick?

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:: Der Fernseh-Schauprozeß

Na, wer hat letzten Montag alles beim TV-Event „Terror – Ihr Urteil“ mitgefiebert? Und hinterher fleißig für die Unschuld des Angeklagten gestimmt?

Herr Sathom hatte das zum Ereignis aufgebauschte Monstrum erfolgreich verdrängt, geriet aber beim Zappen in die anschließende Diskussion bei Hart aber fair und blieb irgendwie hängen; allerhand Unglaubliches gab es da immerhin zu hören. Hinterher hat er sich noch ausführlich über Handlungsdetails des Films informiert, um sicherzugehen, daß er nicht etwa einen falschen Eindruck aus der Debatte mitnahm (grundsätzlich wurde der Plot hinreichend verbreitet, aber gerade die Einzelheiten, die in Plasbergs Klönzirkel angeschnitten wurden, sind nicht ohne Bedeutung, wie sich zeigen wird).

Die Handlung des Dramas läßt sich kurz so zusammenfassen, daß ein Terrorist ein Passagierflugzeug kapert, um es auf die zu diesem Zeitpunkt vollbesetzte „Allianz-Arena“ stürzen zu lassen; nachdem seine Vorgesetzten es versäumen, das Stadion zu evakuieren, schießt ein Kampfpilot die Maschine (ohne dazu den Befehl erhalten zu haben) ab und tötet 165 Passagiere, um die Tausende in der Arena zu retten. Nach einem anschließenden Gerichtsverfahren konnten die Zuschauer abstimmen, ob der Kampfpilot wegen Mordes ins Gefängnis kommen, oder als unschuldig freigesprochen werden sollte (die große Mehrheit stimmte für seine Unschuld).

Das Problem des Films – und vieler anderer „Gedankenexperimente“ vom Typ „Moralische Zwickmühle“: Die vorgestellte Situation ist von vornherein konstruiert, um den Zuschauern eine ganz bestimmte Entscheidung zu suggerieren. Der Autor (in anderen Fällen, etwa beim „Weichenexperiment“, der Experimentator) will gar nicht wissen, wie Publikum oder Testpersonen entscheiden würden; sondern sie manipulieren, eine (bewußt oder unbewußt) von ihm gewünschte Entscheidung zu treffen.

Im vorliegenden Fall funktioniert das so: Um Abschuß der Maschine durch den Luftwaffenpiloten gerechtfertigt erscheinen zu lassen, darf es für die Rettung der Menschen im Stadion keine andere Alternative geben. Zu diesem Zweck konstruiert Autor von Schirach den Fall, daß die Verantwortlichen am Boden es versäumen, das Stadion rechtzeitig evakuieren zu lassen. Schwupps haben wir eine Situation, in der dem Piloten der Luftwaffenmaschine keine andere als eben die schwere Entscheidung bleibt, die Passagiere opfern zu müssen.

Was immer man von Fähigkeit oder Unfähigkeit unserer Verantwortlichen halten mag – die versäumte Räumung des Stadions ist eine völlig unrealistische Perspektive. Warum aber dieses Detail in einer Erzählung – einer Fiktion also, das wollen wir nicht vergessen –, die vorgibt, eine mögliche Wirklichkeit abzubilden, in der eine bestimmte moralische Entscheidung getroffen werden muß?

Kurz gesagt: Der Autor trickst hier, um eine Situation zu erzeugen, die den Abschuß der Passagiermaschine „rechtfertigt“. Ein realistischerer Ablauf der Ereignisse würde die Zerstörung des Zivilflugzeugs weniger zwingend erscheinen lassen; den Piloten des Kampfjets nicht in die erwünschte Zwickmühle manövrieren, in der seine Tat notwendig, sogar mutig und moralisch richtig erscheint. Wer an diesem Abend nach Ausstrahlung des Films mit „nicht schuldig“ stimmte, ist auf diese Manipulation hereingefallen. Es ist nicht die einzige; so richtet der Autor den Lauf der Ereignisse praktischerweise so ein, daß das abgeschossene Flugzeug in ein Rübenfeld stürzt und nicht etwa auf eine Schule oder ein Vorstadtviertel, damit sich Befürworter des Abschusses nicht mit Kollateralschäden auseinandersetzen bzw. diese, wollten sie den Abschuß befürworten, ebenfalls bejahen müssen. Auch das Gerichtsverfahren ist ein Witz (dazu unten mehr), der grundlegende Fakten der Rechtsprechung und Gesetzgebung schlicht verfälscht.

:: Campact! klärt über AfD auf

Noch einmal zu einem Thema, das wir hier schon hatten: Das Programm der AfD und die Frage, wie sozial diese Partei, die sich gern als die der „kleinen Leute“ gibt, wirklich ist.

Die Organisation Campact! hat einige diesbezügliche Punkte des AfD-Grundsatzprogramms näher beleuchtet, und das Ergebnis als lesenswerten Beitrag auf ihrer Website veröffentlicht. Ein ebenfalls vorhandenes, recht hübsches Video reißt dieselben Fragen natürlich nur an (schnelle Information und Knappheit sind ja Zweck solcher Spots); zusätzlich zu dem witzig animierten Filmchen sollte man daher ruhig den Blogbeitrag lesen, der die AfD-Vorstellungen übersichtlich, tiefgehender und doch kurz gefaßt mit der sozialen Wirklichkeit konfrontiert, und nach Konsequenzen einer AfD-Politik fragt, die solche programmatischen Punkte umsetzen würde.

:: Marathon der Wahlplakate

In knapp einer Woche wird in Berlin gewählt, und wie jeder verantwortungsbewußte Wahlbürger fragt sich auch Herr Sathom: Wen nehmwa denn?

Vielleicht können die Wahlplakate helfen. Die SPD wirbt mit dem Slogan Müller, Berlin; welche politischen Inhalte werden dem Unentschlossenen da zwecks Entscheidungsfindung mitgeteilt? Anfangs sah man Szenen mit mehreren Leuten beiderlei Geschlechts, von denen irgend jemand Herr oder Frau Müller hätte sein können, oder auch nicht; inzwischen lächelt von einigen ein einzelner Mann, andere aber zeigen eine entschlossen blickende ältere Dame in edlem Zwirn, sowie eine Transgender-Person. Auch diese Plakate nennen in der Ecke rechts unten eine(n) gewisse(n) Müller aus Berlin. Rätsel über Rätsel. Wer oder was ist Müller? Qualifiziert ihn (oder sie) der Umstand, ein außerirdischer Gestaltwandler zu sein? Es wäre immerhin eine Fähigkeit, mit der nicht alle Kandidaten prahlen können. Oder handelt sich bei dem Schriftzug einfach um eine Signatur, irgendwer muß diese Plakate ja gemacht haben? Foppt uns am Ende gar ein Kollektiv? Abgesehen von diesen Möglichkeiten weiß Herr Sathom auch nicht so recht. (Klugscheißer aufgemerkt: klar sollen uns die Plakate vermitteln, wofür Herr Müller steht; aber trotzdem.)

Natürlich stimmt, was kürzlich ein Freund so sinngemäß zu Herrn Sathom sagte, nämlich, daß ein uncharismatischer Beamtentyp, so lang er seinen Job ordentlich macht, besser sei als das Party-Animal Klaus „Was für’n Flughafen?“ Wowereit; nur hätte die SPD dann vielleicht ihren Wahlkampf nicht einzig auf die Person Müller abstellen sollen. Ein Gesichtsloser eignet sich nicht als Marke (außer es gelänge, ihn gerade deshalb als verläßlich zu verkaufen).

Na gut, weiter. Womit die Grünen werben, kann Herr Sathom sich nicht mal erinnern, obwohl er die Plakate täglich sieht. Irgendwas muß es wohl sein, aber vermutlich wurscht, denn ob die Partei noch irgendeine Klientel außer satten Gentrifzierungs-Gewinnern mit gutem Öko-Gewissen repräsentiert, ist ohnehin fraglich.

Der NPD fällt nix Neues ein, außer daß sie sich in Köpenick als Verfechter der Fankultur aufzuspielen versucht; ausschließlich nahe der Alten Försterei (soweit Herr Sathom wahrnehmen konnte) hetzt sich nicht nur gegen Ausländer, sondern auch gegen die Kriminalisierung von Pyrotechnik (Köpenick ist Hochburg des FC Union; ob der und seine Fans aber glücklich über diese Schützenhilfe sind, steht auf einem anderen Blatt). Wie jedes Jahr verkündet ein gelockter Siegfried: „Ich sage, was Sie denken“; ein toller Trick, findet Herr Sathom und wünscht eine erfolgreiche Karriere als Varietézauberer. Auch ansonsten das ewig Selbe, vielleicht ergänzt durch einige Varianten, z.B. den Spruch „Die kriegen Alles – und Ihr?“ Abgesehen davon, daß im Kapitalismus sowohl zugewanderte als auch eingeborene Arme letztlich einen Scheiß kriegen, bekommt Herr Sathom einen Döner ohne Gurke, bitte.

Die CDU hatte anfangs auch so allerhand mit Sicherheit und Polizei und so, hat sich aber eine Woche vor der Abstimmung ebenfalls auf Köpfe verlegt, die uns nachbarlich und damit wahlwürdig vorkommen sollen. Wie bei Herrn Müller gilt aber auch hier: WER ZUM TEUFEL SIND DIESE LEUTE EIGENTLICH? Immerhin fordert die CDU ein „Starkes Berlin“ – vielleicht sollte jemand Herrn Klings Känguru mit den roten Boxhandschuhen aufstellen. Das würde Herr Sathom sofort wählen; es wäre aber halt nicht in der CDU (es sei denn aus subversiven Gründen).

:: Immer mit der Panik, Leute

Mann, Mann, Mann. Da widmet sich Herr Sathom mal den Sommer über seinem literarischen Schaffen – oder was er so nennt – und der dringend nötigen Erholung, und kaum ist er aus seiner privaten Sommerpause zurück, findet er alle völlig durchgedreht vor.

„Sicherheit“ lautet der Schlachtruf, den auf den Lippen sich die konservative Politik durchs Sommerloch gewurstelt hat; und Junge, hat sie da ein paar einfallsreiche Konzepte hervorgebracht.

Burkaverbot – wahnsinnig wichtig, weil es in ganz Deutschland geschätzte drei Frauen gibt, die in Ganzverhüllung durch die Landschaft gespenstern; darauf hingewiesen, daß das mit Sicherheit grad mal gar nix zu tun hat, ist dann plötzlich die Rede davon, daß es unsere Kultur zu schützen gälte. Also dieses Dings, das keiner definieren kann, weil diejenigen, die das Wort am lautesten brüllen, ihren Lebtag noch nie in ein Buch geguckt haben. Dazu Kameras mit Gesichtserkennung – damit man den zerlegten Selbstmordattentäter wiederfindet oder was soll das, und uns auch sonst alle gut im Blick hat. Dann Einsatz der Bundeswehr im Landesinneren, und schließlich die Top-Idee überhaupt: Wir sollen uns als Hamsterkäufer mit Fressalien eindecken, besonders Mehl und Nüssen. Für den Katastrophenfall. Schließlich wissen wir alle, wie man Brot bäckt, besonders ohne Strom (Fladenbrote, ironischerweise, auf dem Gartengrill gingen allerdings. Gut, wenn die Katastrophe im Winter kommt; draußen backen, das härtet ab). Und wieso eigentlich Nüsse?

Vermutlich munkeln die Verschwörungstheoretiker gerade was von Kriegsvorbereitungen (Herr Sathom wird sich nicht den Nerv rauben, indem er nachsieht); was natürlich Blödsinn wäre. Kein Krieg wurde je vorbereitet, indem man ihn die Bevölkerung schon vorab ahnen läßt. So etwas verkauft man als Resultat eines Überraschungsangriffs des Gegners (das Überraschende belegt seine Heimtücke), nachdem man selbst sich vorher nach bestem Gewissen bemüht hat, alles friedlich zu regeln, und bis zum letzten Augenblick verkündete, daß man da froher Hoffnung sei (Wilhelm II. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs: „Mitten im Frieden überfällt uns der Feind“).

Diese „Sicherheitskonzepte“ sind natürlich dennoch vollkommener Quatsch. Einen Keller voller Studentenfutter braucht kein Mensch, wenn anderswo im Land einer Amok läuft. Und wenn nebenan an eine Atombombe hochgeht, dann viel Spaß mit den verstrahlten Nüssen. In jeder Hinsicht.

Worum geht es also wirklich? Politiker wie Thomas de Maizière sind – leider oder zum Glück – von eher profanen Motiven geleitet, als von machiavellistischen Masterplänen; sie wären auch kaum imstande, welche auszuhecken. Und da kommen wir der Sache schon näher. S’ist nämlich Wahlkampf.

Heute wählt man in Meck-Pomm, demnächst in Berlin, und einmal mehr bemüht sich die konservative Mitte, den Rechtspopulisten hinterher zu hecheln – ihre Themen aufzugreifen, die von ihnen geschürten Ängste weiter anzufachen, und sich als den kompetenteren Bewältiger der angeblichen Gefahren zu präsentieren. Vermutlich hatte der Kabarettist (Herr Sathom hat vergessen, welcher, vielleicht Christoph Sieber) recht, der gestern abend in den Mitternachtsspitzen des WDR meinte, die AfD müsse überhaupt keine Wahlen gewinnen; ihre Absichten verwirklichten schon Andere für sie. Nebenbei kann man durch das Geschwafel von Bundeswehreinsätzen im Landesinneren prima davon ablenken, daß man in den letzten Jahren neben Schulen und anderen öffentlichen Institutionen auch die Polizei kaputtgespart hat. Die Motive sind also keineswegs verschwörerisch, sondern eher kleinlich, kurz gedacht, und zudem kontraproduktiv; unsere „Werte“ schützt man nicht, indem man sie verrät und einen Überwachungsstaat fördert (im Sinne des Kapitals ist es allemal – der Staat soll sich möglichst aus Allem raushalten, also z.B. nicht regulieren, aber in Sicherheitsbelangen „stark“ sein, wünscht der Konservative wie der Neoliberale gern).

Wurscht, ob die Themen überhaupt einen Bezug zu landespolitischen Fragen haben; Hauptsache, man kann niedere parteipolitische Interessen verfolgen, indem man sich auf Angstphantasien und Weltuntergangsprophezeiungen draufhockt, diese womöglich noch verstärkt.

Nee wirklich. Hört doch auf, Leute; hört doch auf.