Archiv der Kategorie: Gesellschaft: Medien

:: Der verengte Blick

Nach wie vor hält sich, neuerdings unter Covidioten „Maßnahmenkritikern“, die Vorstellung einer „Lügenpresse“, die hierzulande Falschmeldungen verbreitet, Wahrheiten unterdrückt, und das ggf. auf Anweisung finsterer Mächte – wahlweise aus hohen Regierungskreisen, oder aus dem Inneren der Erde – tut.

Klar: Das ist reiner Blödsinn. Doch die Auffassung, daß die Medien kein verläßliches Gesamtbild der Gesellschaft oder bestimmter ihrer Probleme zeichnen, rührt irgendwo her – und trotz abwegiger Erklärungen für das Warum ist sie als Wahrnehmung nicht völlig falsch.

Ein Beispiel.

Wer im vergangenen Jahr die mediale Berichterstattung über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Arbeitsmarkt verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, daß sich 90% der Bevölkerung im Home Office befinden – und nur ein verschwindend geringer Teil, der im Einzelhandel oder im Krankenhaus den Laden in wahrsten Sinne des Wortes am Laufen hält, noch vor Ort arbeitet.

Oder besser: Zumindest im öffentlich-rechtlichen Fernsehen behandelte der Löwenanteil der Berichte die Situation der im Home Office arbeitenden, z.B. die Belastung durch die gleichzeitige Betreuung der Kinder und das Home Schooling. Über die psychologischen Auswirkungen fehlender Ausgehmöglichkeiten und realer Treffen mit Freunden wurde ausgiebig berichtet, und Kleinkünstler*innen und Kulturschaffende erhielten ausgiebig Möglichkeit, sich dazu zu äußern, wie sehr sie Auftrittsmöglichkeiten vor körperlich anwesendem Publikum vermissen, oder überhaupt ihren Alltag meistern.

Viel Sendezeit, viele Textspalten widmeten sich ausführlich den Leiden der Betroffenen, die daheim den Schrecken tobender Kleinkinder ertragen, und zugleich gemütlich vom Sessel aus ihrer Arbeit nachgehen mußten. Okay, das ist vielleicht auch nicht schön; nur, daß tatsächlich zu jedem Zeitpunkt nur etwa 15 – 25% aller Beschäftigten, variierend je nach Studie und Erhebungszeitraum, tatsächlich auf diese Weise arbeiteten. Die Mehrheit der Werktätigen war an der Supermarktkasse, im Pflegebetrieb, auf dem Weg zur Arbeit in öffentlichen Verkehrsmitteln jederzeit dem vollen Risiko der Pandemie ausgesetzt. Medial und damit öffentlich wurde diese Mehrheit jedoch kaum wahrgenommen; Berichte über sie, und über tragische Home-Office-Schicksale, standen also in krassem Mißverhältnis zur wirklichen Verteilung.

Anders ausgedrückt: Die Berichterstattung verhielt sich umgekehrt zur tatsächlichen Situation. Über eine Minderheit wurde mehrheitlich berichtet, die Mehrheit dagegen kaum beachtet. Die Medienschaffenden, könnte man sagen, berichteten quantitativ überwiegend von der Lage einer relativ kleinen gesellschaftlichen Gruppe – der, der sie selbst angehören; und deren Belange sie als die wichtigeren, d.h. berichtenswerten, betrachteten. Danach folgten, hierarchisch gestaffelt, alle anderen Gruppen, je nachdem, wie nahe ihnen diese als Gegenstände ihrer Berichterstattung schon vorher standen; oder die sich in der privilegierten Situation befinden, sich öffentlich Gehör verschaffen zu können (Künstler*innen, Theaterschaffende). Je größer die soziale Distanz, je geringer der Status, desto geringer das mediale Interesse; Geringverdiener*innen, Supermarktpersonal z.B., fanden als Letzte statt.

Unbenommen – die Arbeit im Home Office hat ihre eigenen Probleme, etwa ein Anwachsen des Zugriffs der Vorgesetzten auf die Arbeitenden, deren Privatleben Gefahr läuft, vom Arbeitsalltag verschlungen und sukzessive ersetzt zu werden; dennoch existiert hier ein Mißverhältnis, insbesondere, da Empathie und Interesse sich fast ausschließlich auf eine Minderheit richten, die man in einer Pandemielage durchaus als privilegiert ansehen darf (weil besser geschützt als die Mehrheit).

Warum ist das so?

:: Urheberrecht und andere Fortsetzungen

Einige Nachträge zum kürzlichen Artikel über die EU-Urheberrechtsreform:

Die Website literaturcafe.de listet acht Gründe auf, weshalb sich Kreative vielleicht lieber nicht über die Reform freuen sollten; unter anderem warnt man dort, Autorinnen und Autoren könnten zukünftig sogar weniger Geld in der Tasche haben, die Reform also das Gegenteil dessen bewirken, was sich manche erhofft hatten (zu den Gründen siehe dort).

Daß die Berufung aufs Urheberrecht – ähnlich wie übrigens die auf Geschäftsschädigung – benutzt werden kann, um Zensur auszuüben, illustriert dieser Beitrag auf bildblog.de.

Und da es im letzten Artikel auch darum ging, wie Politiker und manche Medien aktuell grundsätzlich mit Kritikern und Kritikerinnen umgehen, hier noch die Geschichte, wie „Bild“ aus der Umweltaktivistin Greta Thunberg eine Atomkraft-Befürworterin zu machen versuchte (weshalb auch immer – um sie bei Teilen der Klimaschutz-Bewegung zu diskreditieren? Weil „Bild“ sowas eben macht? Um Grünen-Chef Habeck blöd aussehen zu lassen, dem dazu bei „Anne Will“ nichts eingefallen sein soll? Man weiß es nicht; und ist ja eigentlich auch egal).

:: Der Fernseh-Schauprozeß

Na, wer hat letzten Montag alles beim TV-Event „Terror – Ihr Urteil“ mitgefiebert? Und hinterher fleißig für die Unschuld des Angeklagten gestimmt?

Herr Sathom hatte das zum Ereignis aufgebauschte Monstrum erfolgreich verdrängt, geriet aber beim Zappen in die anschließende Diskussion bei Hart aber fair und blieb irgendwie hängen; allerhand Unglaubliches gab es da immerhin zu hören. Hinterher hat er sich noch ausführlich über Handlungsdetails des Films informiert, um sicherzugehen, daß er nicht etwa einen falschen Eindruck aus der Debatte mitnahm (grundsätzlich wurde der Plot hinreichend verbreitet, aber gerade die Einzelheiten, die in Plasbergs Klönzirkel angeschnitten wurden, sind nicht ohne Bedeutung, wie sich zeigen wird).

Die Handlung des Dramas läßt sich kurz so zusammenfassen, daß ein Terrorist ein Passagierflugzeug kapert, um es auf die zu diesem Zeitpunkt vollbesetzte „Allianz-Arena“ stürzen zu lassen; nachdem seine Vorgesetzten es versäumen, das Stadion zu evakuieren, schießt ein Kampfpilot die Maschine (ohne dazu den Befehl erhalten zu haben) ab und tötet 165 Passagiere, um die Tausende in der Arena zu retten. Nach einem anschließenden Gerichtsverfahren konnten die Zuschauer abstimmen, ob der Kampfpilot wegen Mordes ins Gefängnis kommen, oder als unschuldig freigesprochen werden sollte (die große Mehrheit stimmte für seine Unschuld).

Das Problem des Films – und vieler anderer „Gedankenexperimente“ vom Typ „Moralische Zwickmühle“: Die vorgestellte Situation ist von vornherein konstruiert, um den Zuschauern eine ganz bestimmte Entscheidung zu suggerieren. Der Autor (in anderen Fällen, etwa beim „Weichenexperiment“, der Experimentator) will gar nicht wissen, wie Publikum oder Testpersonen entscheiden würden; sondern sie manipulieren, eine (bewußt oder unbewußt) von ihm gewünschte Entscheidung zu treffen.

Im vorliegenden Fall funktioniert das so: Um Abschuß der Maschine durch den Luftwaffenpiloten gerechtfertigt erscheinen zu lassen, darf es für die Rettung der Menschen im Stadion keine andere Alternative geben. Zu diesem Zweck konstruiert Autor von Schirach den Fall, daß die Verantwortlichen am Boden es versäumen, das Stadion rechtzeitig evakuieren zu lassen. Schwupps haben wir eine Situation, in der dem Piloten der Luftwaffenmaschine keine andere als eben die schwere Entscheidung bleibt, die Passagiere opfern zu müssen.

Was immer man von Fähigkeit oder Unfähigkeit unserer Verantwortlichen halten mag – die versäumte Räumung des Stadions ist eine völlig unrealistische Perspektive. Warum aber dieses Detail in einer Erzählung – einer Fiktion also, das wollen wir nicht vergessen –, die vorgibt, eine mögliche Wirklichkeit abzubilden, in der eine bestimmte moralische Entscheidung getroffen werden muß?

Kurz gesagt: Der Autor trickst hier, um eine Situation zu erzeugen, die den Abschuß der Passagiermaschine „rechtfertigt“. Ein realistischerer Ablauf der Ereignisse würde die Zerstörung des Zivilflugzeugs weniger zwingend erscheinen lassen; den Piloten des Kampfjets nicht in die erwünschte Zwickmühle manövrieren, in der seine Tat notwendig, sogar mutig und moralisch richtig erscheint. Wer an diesem Abend nach Ausstrahlung des Films mit „nicht schuldig“ stimmte, ist auf diese Manipulation hereingefallen. Es ist nicht die einzige; so richtet der Autor den Lauf der Ereignisse praktischerweise so ein, daß das abgeschossene Flugzeug in ein Rübenfeld stürzt und nicht etwa auf eine Schule oder ein Vorstadtviertel, damit sich Befürworter des Abschusses nicht mit Kollateralschäden auseinandersetzen bzw. diese, wollten sie den Abschuß befürworten, ebenfalls bejahen müssen. Auch das Gerichtsverfahren ist ein Witz (dazu unten mehr), der grundlegende Fakten der Rechtsprechung und Gesetzgebung schlicht verfälscht.

:: „Lügenpresse“ und kein Ende (oder: Frankensteins Sohn gegen die Satanstöchter aus der Hölle)

Weil Herr Sathom grad dabei ist, hier weitere Überlegungen zum Thema (frühere siehe hier und hier).

Vor einiger Zeit bei Hart aber Fair: Frau Anja Reschke (ARD) und Herr Alexander Gauland (AfD) am Ende der Sendung (Zeitindex 1:12:30). Warum halten so Viele die hiesige Presse für verlogen oder gesteuert? Anlaß diesmal die Behauptung der Rechten und auch vieler Konservativer, es gäbe ein „Schweigekartell“ bezüglich der Kriminalität von Zuwanderern. Herr Gauland fabuliert erneut von der „öffentlich-rechtlichen Schweigespirale“. Frau Reschke weist – beinahe verzweifelt – darauf hin, daß die Öffentlich-Rechtlichen stets ausführlich und wahrheitsgetreu berichtet haben. Er erwidert ihr, daß die Leute aber „das Gefühl“ hätten, nicht zutreffend unterrichtet zu werden. Frau Reschke sagt, sie könne aber nichts dafür, wenn die Menschen sich die Berichte gar nicht ansähen, man hätte nun einmal berichtet. Herr Gauland beharrt auf dem Gefühl der Leute: „Das mag ja sein, aber …“

Das Kuriose an der Szene: daß die Medienvertreterin, obwohl Herr Gauland sein „mag ja sein“ zugestehen muß, nicht durchdringt; als hindere beide, sie und den AfD-Politiker, ein kommunikativer Abgrund. Doch was ließ sich da nicht überbrücken?

Bleiben wir einmal bei diesem „Gefühl“ – dem also, was Alexander Gauland gegen die von Frau Reschke angeführten Fakten setzte. Es ist in dieser Form unzutreffend, meint Herr Sathom; verkennt die Realität unserer Medien. Die Erklärung dafür haben das bürgerliche Establishment wie auch der linke Faschismusgegner schnell bei der Hand – die Gefühle und Wahrnehmungen derer, die den Medien und der Politik nicht mehr glauben, seien „dumpf“, eben nur Gefühle, irrational; kurz, diejenigen, die sie hegen, „dumm“.

Na schön. Was genau meinen diese Leute denn wahrzunehmen? Daß sie belogen und betrogen würden, man auf sie und ihre Meinung pfeife, daß die Gesellschaft sie abgeschrieben habe. Wie kommen die bloß auf sowas? Herrn Sathom fällt dazu ein vor längerer Zeit gesehener Fernsehbericht ein.

Es ging um ostdeutsche Gemeinden (Titel der Sendung und Bundesland erinnert Herr Sathom leider nicht), in denen die NPD Mitglieder warb. Sie tat dies durch Veranstaltung von Kinderfesten, Ringelpiezen mit Grillvergnügen, kurz, Unterhaltungsangeboten für eine Bevölkerung, die arbeitslos auf dem platten Land in ziemlicher Tristesse sich selbst überlassen blieb. Auch „sozial“ engagierten sich die NPDler (natürlich: nur für blonde, blauäugige). Kaum wurden die Evangelische Kirche, die politischen Gemeindevertreter, die Institutionen unserer Gesellschaft also, dessen gewahr, brach hektische Aktivität aus. Solche Angebote müssen auch von uns her, aber fix, ehe alles zu spät ist.

Wohlgemerkt: Nicht vorher. Erst, als Gefahr bestand, die gesellschaftlich Abgehängten könnten Radikalen zum Stimmvieh werden, entstand spontanes Interesse, sich um sie zu kümmern; zuvor ließ man sie jahrelang im Dreck liegen, waren sie der Gesellschaft – deren arrivierten, etablierten Kreisen zumindest – scheißegal. Man hatte sie regelrecht zum Verrecken da zurückgelassen, an den „Rändern der Gesellschaft“; abgeschrieben, überflüssig. Mehr noch – so lange (bis zur Finanzkrise) der Zeitgeist des Hurra-Kapitalismus über die Stoppelfelder wehte, durften sie sicher sein, zusätzlich noch die Butzemänner der Nation zu sein – die Verlierer, Versager, die Lächerlichen und Ausgelachten, die man den Kindern zeigt, wenn sie in der Schule nicht fleißig lernen wollen. Guck mal, du willst doch Leistungsträger werden und nicht so einer wie die.

:: Immer wieder „Lügenpresse“

Herr Sathom hatte den Themenkomplex schon, aber jüngere Ereignisse … usw., usw.

Das NDR-Medienmagazin ZAPP widmete die ganze Sendung vom 17.02.2016 dem Thema „Lügenpresse“; besonders der Frage, ob und inwieweit der Vorwurf ein Umdenken unter deutschen Medienmachern, eine Art von Selbstkritik hervorruft.

Da war einiges Erfreuliche zu hören. So die Erkenntnis, daß Journalisten, Redakteure usw. häufig ihren Beruf als mit einem Erziehungsauftrag verbunden mißverstehen; dito, daß sie oft durchaus einen gemeinsamen Bias teilen, eine uniforme Weltsicht, auch deswegen, weil sie denselben sozialen Schichten entstammen bzw. in ihrer eigenen social bubble unter sich sind. Solche Punkte wurden auch in diesem Blog bereits diskutiert, zumal sie gewisse fuck-ups unserer Medien plausibler erklären als irgendwelche Verschwörungstheorien, denen zufolge jeder Journalist von transsexuellen Bio-Robotoiden vom Planeten X ferngesteuert wird. Was die gemeinsame soziale Herkunft bzw. Schicht angeht, blieb Herrn Sathom allerdings unklar, weshalb unsere Medienmacher vornehmlich „links“ stehen sollen; den Eindruck gewann er gerade in den Jahren bis zur Finanzkrise, in denen der Ellbogenkapitalismus hochgejubelt wurde, eher nicht. Kann es sein, daß da ein Vorurteil der Rechten, die derzeit auf Montagsdemos herumspazieren, zum Fakt uminterpretiert wurde? (Auch das eine Beobachtung der vergangenen Monate – daß die Selbstkritik gelegentlich Züge des Einknickens vor dem Gebrüll annimmt.)

Natürlich kann man in 30 Minuten nicht alle Aspekte eines solchen Themas abhandeln. Entsprechend vermißte Herr Sathom einen, der ihm wichtig erscheint. Das merkwürdige Phänomen nämlich, daß die Menschen inzwischen gegenüber hiesigen Medien weitaus kritikfähiger sind, als früher – diese Kritikfähigkeit dann aber bei der Suche nach alternativen Informationsquellen nicht anwenden. Daß sie eine gewisse Meinungsblockmentalität, ein homogenes Weltbild unserer Medien erkennen; daß sie differenziertere Berichterstattung fordern; dann aber losgehen und Plattformen wie Russia Today ungeprüft alles glauben, ihr gerade erworbenes Bewußtsein dort sofort am Garderobenständer wieder abgeben. Wie merkwürdig: Da hinterfragt man alles, prüft kritisch, glaubt nichts – und wendet sich dann neuen Orakeln einer vermeintlichen Wahrheit zu, erklärt sie unkritisch und naiv für erhaben über jeglichen Verdacht. Es ist, als träte man aus der Kirche aus, weil man nicht mehr an den lieben Gott glaubt – um sich dann sofort einer Sekte anzuschließen, die den großen Wutzschniepel anbetet. Weil, das muß ja dann diesmal stimmen.

Herr Sathom wiederholt sich; doch ihm bleibt der hier schon geäußerte Verdacht, daß zumindest die sehr aggressiven „Lügenpresse“-Rufer durchaus keine differenzierte, objektive Berichterstattung wünschen, sondern mit einer einseitigen und dogmatischen durchaus zufrieden wären – so lange es ihre Blockmeinung wäre, die da als alleinige „Wahrheit“ verkündet wird. Daß die Medien während der Ukraine-Krise einseitig berichteten, wird nicht kritisiert, weil sie es zugunsten der Ukrainer taten; sondern weil man verlangt, die Darstellung hätte ausschließlich den Standpunkt der russischen Seite wiedergeben sollen (der auch nicht wirklich interessiert, sondern nur Anlaß bietet, den Westen pauschal zu diskreditieren). Anders erklärt sich nicht recht, warum man zwar Mängel hiesiger Medien erkennt und angreift, Verlautbarungen von Russia Today hingegen unhinterfragt glaubt.

:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (V) – Rezeption

Nach längerer Pause nähern sich die Wandelnden Toten nun endlich der Zielgeraden. An den Stationen ihres Weges konnten wir bisher feststellen, daß die Serie immer wieder auf ein spezifisches Menschenbild rekurriert, bestehend in der Behauptung, daß jeder Mensch (nicht nur der untote) eine potentielle Gefahr darstellt. Die Serie konstruiert dabei Situationen, die feindseliges Mißtrauen gegenüber Unbekannten gerechtfertigt erscheinen lassen, sogar dazu legitimieren, mit Fremden ggf. zuerst nach dem Motto „Jeder ist sich selbst der Nächste“ zu verfahren, bevor sie es können. Das in Dialogsequenzen immer wieder aufgegriffene Thema der „Wirklichkeit“ wird dabei hauptsächlich so behandelt, als gäbe dieses Menschenbild den Zustand/die Verfassung des Menschen auf allgemeingültige, über die Situation der Zombiekatastrophe hinaus zutreffende Weise wieder. Anders ausgedrückt, beharren tragende Figuren der Serie darauf, daß menschliche Bestialität nicht der aktuellen Lage geschuldet, sondern immanente Natur des Menschen sei. Ob die Autoren der Serie damit bewußt eine Botschaft propagieren wollen, blieb unklar, da sie immer wieder Brüche einbauen und sich der ständige Rekurs auf die feindselig-paranoide Auffassung vom Wesen des Menschen auch anders erklären ließ.

Wie wird TWD nach allem bisher gesagten nun tatsächlich rezipiert? Als solche „Botschaft“, daß der Mensch von Natur aus böse sei? Als daraus gelesene Rechtfertigung für eigenen Zynismus? Als nichts davon?

Es ist schwierig, hier ein zuverlässiges Gesamtbild zu erstellen; die zahllosen Online-Rezensionen und Diskussionen würden eine umfangreiche empirische Recherche bedingen, zeigen allerdings bei kurzem Überblick, daß die Zuschauer die Ereignisse der Serie völlig unterschiedlich interpretieren.

Die Rezeption fällt also deutlich auseinander, besonders was die Konfrontation der Gruppe um Rick mit der Zivilisation Alexandrias, und Ricks Reaktion auf diese angeht.

Während ein deutschprachiger Rezensent der Auffassung ist, daß die Alexandrier vollkommen unfähig sind, und sich wundert, wie sie überhaupt überleben konnten, sind Kommentatoren im englischsprachigen Blog io9 z.T. der Auffassung, daß es der traumatisierte Rick ist, der an der neuen Umgebung scheitert; eher an der Figur Rick als an einer möglichen „Message“ orientiert, wird etwa festgestellt, daß Rick „ has been crazy for a while“, was die Konfrontation mit Alexandria lediglich offenbar mache. Andere Kommentatoren verweisen darauf, daß Rick zunächst keinen Versuch macht, den Alexandriern zu erklären, weshalb sie ihre Lebensart ändern müßten, sondern sie einfach zu hintergehen plant – für einen „Realisten“, der die Situation besser versteht als die Einwohner, ein ausgesprochen dysfunktionales Verhalten. Zuletzt findet sich in einem Kommentar die Auffassung, daß Gesellschaft wirklich nur Schein sei – der allerdings auf einem Vertrag Aller basiert, so zu tun, als ob wir gute Menschen wären. Ricks Beharren auf einer anderen Wirklichkeit deutet er jedoch nicht so, daß er den naiven Alexandriern überlegen sei, sondern vielmehr als Versagen, als Unfähigkeit, diesen Vertrag erneut einzugehen. (Herrn Sathoms Lieblingskommentar in diesem Thread lautet übrigens: „Have a Snickers, Rick – You’re like Rick when you’re hungry“.)

Die deutsche Rezension ist dabei auch insofern interessant, als sie uns auf das bereits behandelte Thema der inszenierten Realität zurückbringt. Denn dem o.g. deutschen Rezensenten zwar fällt auf, daß die Alexandrier angesichts ihrer Unfähigkeit und Feigheit „mehr Glück als Verstand“ gehabt haben müssen, um bisher zu überleben; er faßt dies als Bestätigung auf, daß Rick & Co. im Recht sind, statt zu bemerken, daß die Autoren der Serie mit Alexandria eine ausgesprochen unwahrscheinliche Gesellschaft in die Landschaft setzen. Im Kontext der Zombiekalypse, wie sie bisher in der Serie beschrieben wurde, kann es Alexandria wie gesagt eigentlich nicht geben; gerade wenn die Sichtweise Ricks und seiner Leute zuträfe, müßte die Safe Zone längst ausgelöscht worden sein. Alexandria ist das perfekte Beispiel für den als Realität zugerichteten Schein, der bereits besprochen wurde – es existiert entweder nur, um zu beweisen, daß der zivilisierte/“gute“ Mensch dem „wilden“/zynischen Realisten unterlegen ist; oder, falls die Autoren keine solche These im Sinn hatten, um Konfliktpotential, und damit Spannung zu schaffen.

Gerade in der Welt, deren „Wirklichkeit“ Alexandria beweisen soll, ist Alexandrias Existenz unmöglich – Verweis darauf, daß es bloßes Konstrukt ist, ein Paradoxon.

Da der Rezensent die Künstlichkeit der ihm präsentierten Welt hier nicht reflektiert (was ihm in anderer Hinsicht durchaus gelingt), akzeptiert er das Versagen der Alexandrier als Beweis ihrer Unterlegenheit gegenüber der „Scheiß auf Menschlichkeit“-Ideologie Ricks. Er realisiert nicht, daß ihre „Dummheit“ von den Autoren zu bestimmten Zwecken inszeniert wird; daß es die Einwohner des Ortes nur zu diesem Zweck gibt.

Alexandria ist eine Unmöglichkeit, die man nur akzeptiert,

  1. wenn man entweder Ricks Menschenbild nicht mehr hinterfragt, oder
  2. sich von den aufwühlenden Konflikten in der Safe Zone über deren unmögliche Existenz hinwegtäuschen bzw. davon ablenken läßt (suspension of disbelief nennen Autoren die Kunst, den Zuschauer vergessen bzw. übersehen zu lassen, daß etwas Geschildertes nicht sein kann).

:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (IV)

Wir haben bisher festgestellt, daß The Walking Dead ein bestimmtes Menschenbild – das des grundsätzlich gefährlichen, bösartigen Gegenübers – als „Wirklichkeit“ zeigt, und zwar eine, die unabhängig von der Zombie-Apokalypse existiert; also auch für unsere Gesellschaft gültig ist.

Kann man daraus schließen, daß die Intention der Autoren darin besteht, eine solche Botschaft zu verbreiten?

Nicht zwingend.

Zunächst fällt auf, daß sie das Bild nicht so schwarz in schwarz malen, wie es auf den ersten Blick scheint.

Da wäre zum Beispiel Morgan Jones, zu Beginn der Serie einer der „schwächsten“ Charaktere, der angesichts des Todes seiner Frau und seines Sohnes psychisch komplett zusammenbricht, und Ricks Angebot, ihn zu begleiten, ausschlägt; er ist am wenigsten fähig, sich der neuen Wirklichkeit zu stellen, versagt also gemäß der „Botschaft“ der Serie, so diese wie beschrieben lautet, komplett.

Inzwischen wieder aufgetaucht, folgt er den Spuren von Ricks Gruppe, wirkt einigermaßen stabil, und vollbringt dabei eine Leistung, zu der Rick & Co. vielleicht gar nicht fähig wären: Obwohl er anderen im Rahmen seiner Möglichkeiten hilft und keineswegs so bösartig wird wie die Hauptfiguren, überlebt er – und das allein, ohne den Schutz einer skrupellosen Gruppe. So könnte er die lebende Antithese zur vermeintlichen Message der Serie sein (außer den Autoren fiele ein, sein Beispiel doch wieder in deren Sinn zu wenden).

Und hat Rick wirklich – in einer früheren Staffel – den Zombieangriff aufs Gefängnis verschuldet, weil er einen der dort angetroffenen Gangster laufen ließ, woraufhin dieser die Beißer durch den Zaun lockte? War seine gute Tat also verheerend falsch? Oder bestand sein Fehler nicht vielmehr darin, daß er besonders grausam sein und den Mann den Untoten ausliefern wollte, statt ihn einfach zu erschießen? Viele Situationen der Serie lassen sich aus mehreren Perspektiven deuten.

Auch wird selbstloses Handeln nicht immer bestraft, oder als Schwäche gedeutet.

Wer Beth‘ Lächeln gesehen hat, als Noah – der sie in dieser Situation durchaus im Stich läßt – dank ihrer Hilfe den Häschern entkommt, weiß, daß nicht jeder Altruismus abgelehnt wird; um so mehr, als Beth kurz darauf die „Es ist gut, daß wir Böses tun, weil“-Begründung Dawns mit wenigen Worten als Blödsinn entlarvt. Beth stirbt später, aber nicht als Närrin.

Oder man denke an die Szene, in der Glenn Tara nicht den Zombies überlassen will, und beide in letzter Sekunde gerettet werden. Auch dergleichen kommt vor.

Man wird erwidern: Weil die Geschichte weitergehen muß; doch jede fatale Wendung, jede Schurkerei der Schurken oder moralisch ambivalente Tat der „Helden“ dient auch nur diesem Zweck. Daß die Geschichte weitergehe; daß sie spannend, erregend, emotional aufwühlend bleibe, kurz: Daß sich noch mehr desselben verkaufen lasse.

Bis hin zum gut-wrenching, dem emotionalen Tritt in den Bauch, wenn selbst die Helden zu Tieren werden, ist all dies kalkuliert, soll aufstacheln, sich festsetzen, nicht mehr loslassen – dafür sorgen, daß der Zuschauer dabei bleibt, die Fortsetzung erfahren will.

All das wirkt nicht, als wollten die Autoren der Serie bewußt ein bestimmtes Menschen- und Weltbild vermitteln; eher, als würden sie den ethischen Diskurs der Serie als all-you-can-eat-Buffet auftischen, für jeden was dabei, um ein möglichst breites Zielpublikum zu erreichen. Sie sind Profis, keine Prediger.

:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (III)

Warum erscheint die Botschaft, daß der Mensch „an sich böse“ sei, man niemandem helfen solle (als Ausrede: nicht könne), und sich sogar vorsorglich selbst egoistisch gegen seine Mitmenschen wenden müsse, so populär? Immerhin scheint eine Vielzahl von Unterhaltungsformaten, die besonders erfolgreich ist, gerade auf dieses Bild zu vermitteln.

Wir begeben uns hier in den Bereich der Spekulation, da umfassende empirische Daten zur Rezeption von The Walking Dead nicht verfügbar sind, wie ja überhaupt den Anlaß zur Abfassung eines Essays meist darin besteht, daß Ressourcen und institutionelle Möglichkeiten zu empirischer Forschung fehlen; ganz ohne empirische Basis wollte Herr Sathom allerdings nicht auskommen, und hat daher eine umfassende Suche nach Online-Äußerungen zur Serie durchgeführt, die in einer weiteren Folge ausgewertet wird. Nur würde er das Ergebnis nicht als „statistisch relevant“ bezeichnen..

Immerhin haben wir den Anhaltspunkt, daß Serien, die ein negatives Menschenbild betonen, unabhängig vom Sujet Konjunktur haben.

The Walking Dead läuft hervorragend, und ist derzeit auf elf bis zwölf Staffeln projektiert. Die Serie Defiance hingegen, die ein postapokalyptisches Szenario anders behandelt – hier gelingt es, ein sicherlich fehlerhaftes, teilweise korruptes, doch ohne ständigen Massenmord funktionierendes Gemeinwesen aufrecht zu erhalten – mittlerweile nach drei Staffeln eingestellt. Serien mit vergleichbarer Botschaft wie Game Of Thrones oder House Of Cards erfreuen sich zugleich immenser Beliebtheit.

Nehmen wir die Aussage der Serienschöpfer ernst, daß es bei TWD nicht um die Zombies, sondern die Menschen geht, müssen wir zugestehen, daß der genreübergreifende, gemeinsame Nenner derzeit sehr beliebter Serien deren Misanthropie ist; wobei TWD zuletzt offen diskutierte, ob die „Wirklichkeit“ darin bestünde, daß der Mensch eine Bestie sei. Was, da wie erörtert vor der Katastrophe zugleich nach der Katastrophe ist, bedeuten würde, daß er es immer ist. Die Wirklichkeit der Zombiewelt also auch die unserer Gesellschaft.

Kann es sein, daß eben diese Botschaft dem Zuschauer willkommen ist?

Suchen wir nach Indizien.

Wenn Rick seinen Sohn Carl davor warnt, Anderen zu trauen, ihm einschärft, daß er gerade unter vielen Menschen nicht sicher sei; wenn sich der Vorbehalt gegenüber dem Fremden immer wieder bestätigt; entspricht das nicht Einstellungen, die in unserer Gesellschaft zunehmend verbreitet sind?

Das paranoide Mißtrauen, das gerade das Verhältnis der ökonomisch besser Gestellten prägt (zu Angehörigen derselben Schicht wie gegenüber denen anderer Schichten), derjenigen, die ihre Kinder nicht mehr allein zur Schule gehen lassen, verweist auf die existentiellen Ängste, die sich in Zeiten wirtschaftlicher Verunsicherung als allgemeines Mißtrauen, als Furcht vor unspezifischen Gefahren äußern.

In Herrn Sathoms Kindertagen konnte ein Erstklässler, der eine Woche nach der Einschulung noch an Muttis Hand erschien, sich allgemeinen Spotts sicher sein; heute begleiten, wie Fernsehberichte und dem Verfasser bekannte Eltern bezeugen, Erziehungsberechtigte ihre Kinder bis zur dritten Klasse bis ins Schulgebäude, sofern dessen Hausherr dem Spuk nicht wehrt. Es ist dies nur ein Beispiel von vielen. Die urban paranoia, die laut Stephen Kings Essayband Danse Macabre: The Anatomy of Horror der Autor Ira Levin in Rosemary’s Baby dem New Yorker attestiert, scheint auch hierzulande allgemeine Grundhaltung geworden.

Der Andere, der uns entgegentritt, ist potentiell ein gefährlicher Freak – und zwar immer; das ist das Lebensgefühl der Generation Hubschrauber, die ihre Kinder am liebsten bis in den Klassenraum begleiten würde; die überall, in Jedem, den Feind wittert. Und wenn nicht diesen, so den störenden Spinner, der einem in der U-Bahn die Obdachlosenzeitung feilbietet – auch den läßt man tagtäglich zum möglichen Verrecken unverrichteter Dinge ziehen, wie Rick den später gefressenen Wanderer, der ebenso weinerlich wie manch ein Bettler dem Auto hinterher fleht (wer weiß, was man sich einhandelte, rettete man den und hätte ihn dann am Hacken).

:: La guerre, encore?

Was der US-amerikanische „Krieg gegen den Terror“ erreichte, ist hinlänglich bekannt: Haß, Zulauf für Terroristen – mehr Terror.

Insofern wirkt es beunruhigend, daß der französische Staatspräsident François Hollande aktuell in eine Kriegsrhetorik verfällt, die den Äußerungen George W. Bushs nach den Anschlägen des elften September verblüffend ähnelt, sogar beinahe identisch scheint. Dies um so mehr, als sie mit einer Einschränkung der Bürgerrechte einhergeht, wie sie in den USA unter dem Eindruck der Attacken ebenfalls etabliert wurde.

Daß die Anschläge von Paris erschreckend, empörend und verwerflich waren, daß Solidarität mit unseren französischen Nachbarn selbstverständlich ist, sollte keiner Erwähnung bedürfen. Doch Ziel von Terroristen sind, zusätzlich zu den Menschen, die ihnen zum Opfer fallen, auch die Überlebenden. Diese sollen traumatisiert, verängstigt, von ihren eigenen Werten abgebracht werden; kurz, von einem Leben, das nicht terroristisch ist. Eines, dessen Anblick der Terrortäter nicht erträgt.

Bestimmte Maßnahmen nach Terrorakten verhelfen den Tätern vielleicht gerade zum erwünschten Ergebnis: Dieses Leben einzuschränken, zu bedrücken – wenn nicht abzuschaffen.

Dabei ist „Krieg“ (statt gezielter Maßnahmen als Rundumschlag geführt) kontraproduktiv, und zunehmende Überwachung zumindest nicht zielführend. Bereits vor den Pariser Anschlägen erlaubten französische Gesetze Überwachungsmaßnahmen, die wir – etwa beim Thema Vorratsdatenspeicherung – noch kontrovers diskutieren; sie haben nichts genützt.

Folgt das Schema der französischen, der europäischen Reaktion auf die Ereignisse des Wochenendes diesem fatalen Schema? Und die französischen Medien? Folgen sie, ähnlich wie damals die amerikanischen, im derzeitigen Schockzustand ihrem Präsidenten blindlings? Oder setzen sie gerade das, was sie unterscheidet, die Werte von Liberté, Egalité, Fraternité dagegen?

Ein Bericht des NDR-Medienmagazins ZAPP beleuchtet die Situation.

:: Nachtrag zu Gute Märchen, böse Märchen

Wie methodisch unsauber die vom Stern beauftragte Umfrage tatsächlich ist, belegt die Rubrik „Durchgezappt“ des WDR-Medienmagazins ZAPP vom 04.11. – und legt launig eine eigene, parodistisch-abstruse Umfrage vor.

Ebenfalls in dieser Folge: Die Reportage „Alles Lüge oder was? Wenn Nachrichten zur Waffe werden“ (Text zur Sendung hier) aus der ARD-Serie Die Story im Ersten (Thema: Nachrichtenfälschung), deren Video leider nur bis zum 26.10. in der Mediathek vorlag, wird von ZAPP noch einmal aufgegriffen. Interessant vielleicht auch dieser ältere Artikel über die Probleme der Nachrichtenverifikation angesichts zunehmenden Aktualitätsdrucks, und die Verläßlichkeit von Online-Quellen.