:: Postfaktum! Der Arme sei blöd! (I)

Hui, Wahlen in den USA – und einmal mehr schicksalhafte; die Zukunft des ganzen Erdballs steht auf dem Spiel. Na holla die Waldfee. Seid Ihr auch schon ganz aufgeregt? Herrn Sathom fällt ein, daß er für die Übertragung noch einen Eimer Popcorn braucht.

Der Donald, der Trump, wie Dieter Thomas Heck gesagt hätte, Geert Wilders, der britische Außenminister Boris „Brexit“ Johnson; allesamt Männer, deren „Frisuren“ bezeugen, was hinter der tiefgehenden Spaltung der westlichen Gesellschaften wirklich steckt – außerirdische Hirnparasiten nämlich, die sich als schlecht geföntes Blondhaar tarnen. Was erklärt ihren Erfolg?

Die Inhaber der Deutungshoheit wissen, woher der Riß durch die Gesellschaft rührt: schuld ist die berüchtigte Irrationalität.

Auf phoenix erklärte in den letzten Tagen wiederholt Herr Josef Braml, ein „USA-Experte“ (was immer für eine akademische Disziplin das sein soll), die Leute, die Trump favorisieren, hätten „die Nase voll“, und was früher ein Vorteil gewesen sei – Wissen, Erfahrung – sei heute ein Nachteil; wir lebten nämlich in „postrationalen Zeiten.“ Zuvor nennt er nicht nur den Erfolg Trumps, sondern auch den von Bernie Sanders als Beispiel; womit er Sanders, immerhin einen durchaus erfahrenen Politiker, in eine Tonne mit rechtspopulistischen Schreihälsen und Fremdenhassern wirft.

Warum? Sanders ist Kapitalismuskritiker; er redet gegen den etablierten status quo. Sanders ist gegen das herrschende Wirtschafts- und Finanzsystem; er will bestehende Verhältnisse ändern. Macht einen das „irrational“? Von einer bestimmten Warte betrachtet, durchaus.

Das bürgerliche und politische Establishment holt derzeit eine ganz alte Deutungkeule wieder aus der Mottenkiste – die des Irrationalismus. Auch die Kanzlerin hat ein schönes Wort dafür gefunden; wir lebten, sagte sie vor einiger Zeit, in „postfaktischen Zeiten“. Die Floskel ist begierig aufgegriffen worden (obwohl Herr Sathom nicht glaubt, daß ihr eine lange Halbwertzeit beschieden sein wird – zu umständlich); lediglich das Magazin quer des BR – soweit Herr Sathom weiß – hat die blödsinnige Formulierung veralbert und gefragt, wann die faktischen Zeiten, die der Begriff als vorangehend impliziert, denn gewesen sein sollen. Tatsächlich bedeutet „postfaktisch“ gar nichts – für das, was Frau Merkel wohl sagen wollte, wäre „faktenfeindlich“ eher zutreffend; es handelt sich möglicherweise um die Kopfgeburt eines PR-Schlaumeiers, der eine Assoziation zu „postmodern“ herstellen wollte, damit das Ganze nach was klingt. Insofern ist Herrn Bramls Wortwahl sicher die exaktere (falls es sich bei ihm um den Josef Braml handelt, den Wikipedia kennt, ist seine Äußerung auf phoenix allerdings merkwürdig; der dortige Braml scheint kein schlechter Kopf). Was aber sollte Merkels Äußerung im Rahmen einer Rede, in der sie auch für ihre wenigen guten Entscheidungen (etwa die zu Beginn der „Flüchtlingskrise“) zu Kreuze kroch, eigentlich bedeuten? Daß sie bedauere, es bei ihren Kritikern mit einem Haufen Idioten zu tun zu haben? Nun, wohl genau das. Eigentlich hat sie nichts falsch gemacht – außer, nicht daran zu denken, daß die ganzen Trottel da draußen nicht kapieren, wie alternativlos richtig alles ist, das die Herrschenden tun.

Die beunruhigende Tendenz der letzten Zeit scheint nun die: Wo immer kluge Leute in Talkshows oder Expertenrunden die besorgten Köpfe zusammenstecken, lauten die Erklärungen für das Auseinanderklaffen der Gesellschaft, für Unmut der Bevölkerung oder Wahlerfolge einer gewiß sehr widerwärtigen Partei, ganz ähnlich. Was die etablierten Träger der Macht verfügen, was die zertifizierten Weltdeuter in Kommentaren so und so „einordnen“, ist „rational“; jeder Widerspruch das Gegenteil. Es spielt keine Rolle, ob irgendwelche Arschlöcher auf der Straße ihren Haß auf Homosexuelle und Ausländer herausbrüllen, oder ob berufene Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler sachlich begründete Zweifel an diesem oder jenem Zustand von Wirtschaftssystem und Gesellschaft anmelden: Wer nicht in der festgelegten Spur bleibt, labert irrationale Scheiße. Und weil es diese Leute gibt (ganz wurscht, warum es sie gibt, und weshalb sie sich über Nacht so vermehrt haben sollen), spaltet sich die Gesellschaft.

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:: Wer war Jack Chick?

Manfred Krug, Götz „Schimmi“ George – die Liste der in diesem und dem letzten Jahr verstorbenen Stars setzt sich fort. Ein anderer Abschied ist hierzulande – wenn überhaupt – vielleicht nur wenigen älteren Nerds, besonders Fans von Fantasy-Rollenspielen und Comics, aufgefallen. International rief er, besonders im englischsprachigen Raum, in einschlägigen Kreisen durchaus ein größeres Echo hervor.

Jack T. Chick, Mr. Satanic Panic, ist tot.

Rollenspieler alter Schule, die schon seit den 1980ern dabei sind, Comicfans, Atheisten, aber auch Anhänger jeder nicht christlich-evangelikalen Religion von Juden bis Muslimen, kannten ihn – verlacht, gehaßt, aber auch von gläubigen Anhängern umgeben, einen Mann, in dessen hausgemachten Comics – einige auch von seinem Hofzeichner Fred Carter ausgeführt – Vorurteile, Dämonenparanoia und die Drohung ewigen Höllenfeuers brutzelten wie ein reifer Mitesser auf dem Eiterherd.

Wer also war Jack Chick?

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:: Der Fernseh-Schauprozeß

Na, wer hat letzten Montag alles beim TV-Event „Terror – Ihr Urteil“ mitgefiebert? Und hinterher fleißig für die Unschuld des Angeklagten gestimmt?

Herr Sathom hatte das zum Ereignis aufgebauschte Monstrum erfolgreich verdrängt, geriet aber beim Zappen in die anschließende Diskussion bei Hart aber fair und blieb irgendwie hängen; allerhand Unglaubliches gab es da immerhin zu hören. Hinterher hat er sich noch ausführlich über Handlungsdetails des Films informiert, um sicherzugehen, daß er nicht etwa einen falschen Eindruck aus der Debatte mitnahm (grundsätzlich wurde der Plot hinreichend verbreitet, aber gerade die Einzelheiten, die in Plasbergs Klönzirkel angeschnitten wurden, sind nicht ohne Bedeutung, wie sich zeigen wird).

Die Handlung des Dramas läßt sich kurz so zusammenfassen, daß ein Terrorist ein Passagierflugzeug kapert, um es auf die zu diesem Zeitpunkt vollbesetzte „Allianz-Arena“ stürzen zu lassen; nachdem seine Vorgesetzten es versäumen, das Stadion zu evakuieren, schießt ein Kampfpilot die Maschine (ohne dazu den Befehl erhalten zu haben) ab und tötet 165 Passagiere, um die Tausende in der Arena zu retten. Nach einem anschließenden Gerichtsverfahren konnten die Zuschauer abstimmen, ob der Kampfpilot wegen Mordes ins Gefängnis kommen, oder als unschuldig freigesprochen werden sollte (die große Mehrheit stimmte für seine Unschuld).

Das Problem des Films – und vieler anderer „Gedankenexperimente“ vom Typ „Moralische Zwickmühle“: Die vorgestellte Situation ist von vornherein konstruiert, um den Zuschauern eine ganz bestimmte Entscheidung zu suggerieren. Der Autor (in anderen Fällen, etwa beim „Weichenexperiment“, der Experimentator) will gar nicht wissen, wie Publikum oder Testpersonen entscheiden würden; sondern sie manipulieren, eine (bewußt oder unbewußt) von ihm gewünschte Entscheidung zu treffen.

Im vorliegenden Fall funktioniert das so: Um Abschuß der Maschine durch den Luftwaffenpiloten gerechtfertigt erscheinen zu lassen, darf es für die Rettung der Menschen im Stadion keine andere Alternative geben. Zu diesem Zweck konstruiert Autor von Schirach den Fall, daß die Verantwortlichen am Boden es versäumen, das Stadion rechtzeitig evakuieren zu lassen. Schwupps haben wir eine Situation, in der dem Piloten der Luftwaffenmaschine keine andere als eben die schwere Entscheidung bleibt, die Passagiere opfern zu müssen.

Was immer man von Fähigkeit oder Unfähigkeit unserer Verantwortlichen halten mag – die versäumte Räumung des Stadions ist eine völlig unrealistische Perspektive. Warum aber dieses Detail in einer Erzählung – einer Fiktion also, das wollen wir nicht vergessen –, die vorgibt, eine mögliche Wirklichkeit abzubilden, in der eine bestimmte moralische Entscheidung getroffen werden muß?

Kurz gesagt: Der Autor trickst hier, um eine Situation zu erzeugen, die den Abschuß der Passagiermaschine „rechtfertigt“. Ein realistischerer Ablauf der Ereignisse würde die Zerstörung des Zivilflugzeugs weniger zwingend erscheinen lassen; den Piloten des Kampfjets nicht in die erwünschte Zwickmühle manövrieren, in der seine Tat notwendig, sogar mutig und moralisch richtig erscheint. Wer an diesem Abend nach Ausstrahlung des Films mit „nicht schuldig“ stimmte, ist auf diese Manipulation hereingefallen. Es ist nicht die einzige; so richtet der Autor den Lauf der Ereignisse praktischerweise so ein, daß das abgeschossene Flugzeug in ein Rübenfeld stürzt und nicht etwa auf eine Schule oder ein Vorstadtviertel, damit sich Befürworter des Abschusses nicht mit Kollateralschäden auseinandersetzen bzw. diese, wollten sie den Abschuß befürworten, ebenfalls bejahen müssen. Auch das Gerichtsverfahren ist ein Witz (dazu unten mehr), der grundlegende Fakten der Rechtsprechung und Gesetzgebung schlicht verfälscht.

:: TV-Tipp: Die Zeichentrick-Enterprise

Anläßlich des fünfzigsten Jubiläums der Star Trek-Franchise wiederholt der Sender Tele 5 aktuell die Zeichentrickserie Die Enterprise, die – soweit Herr Sathom weiß – bisher in Deutschland nur einmal im ZDF, und anfangs der 2000er Jahre schon einmal auf Tele 5 lief.

Allerdings strahlt Tele 5 diesmal nicht die ZDF-Fassung, sondern die ungeschnittene, neu synchronisierte Version aus, die 1994 für die Videoauswertung hergestellt wurde, was nicht ganz unwichtig ist (siehe unten).

Herr Sathom hat sehr gemischte Kindheitserinnerungen an diese Version des Enterprise-Mythos, die er beim erneuten Angucken teilweise bestätigt findet. Da sind die zugegebenermaßen lausigen Animationen, die dem typischen Standard der Filmation-Produktionen der 60er, 70er und 80er Jahre entsprechen (Masters of the Universe etc.); aber auch die faszinierenden, oft surreal wirkenden Umgebungen, in die ein ungewöhnliches Artwork die Enterprise-Crew versetzt, ein Universum oft organisch wirkender Maschinen, Raumschiffe und Bauten, die an Cover von Science-Fiction-Pulps der Ära erinnern, und nicht selten beinahe psychedelisch anmuten; von den nonhumanoiden Aliens, die sich tricktechnisch in der Realfilmserie nie hätten umsetzen lassen, ganz zu schweigen.

Eine andere Erwartung hingegen wird erfreulicherweise enttäuscht. Viele von Herrn Sathoms Altersgenossen haben die animierten Abenteuer der Enterprise in eher schlechter Erinnerung; in seinem Fall gilt diese besonders der Handlung einzelner Episoden, die oft keinen Sinn zu ergeben schien. Das ist um so erstaunlicher, als amerikanische Fans die Serie, die sogar einen Emmy gewann, z.T. recht positiv bewerten. Erst Jahre später erfuhr Herr Sathom, daß das ZDF die Folgen von 25 auf 15 Minuten kürzte, und sie dabei entsprechend verstümmelte (im Fall einer Folge, die er noch lebhaft erinnert, fehlte schlichtweg das Ende; Herr Sathom hoffte vergeblich, die Handlung würde in der nächsten Folge vielleicht fortgesetzt, und weiß bis heute nicht, was da nun mit diesem Felsenmonster wurde). Eine blödsinnige Synchronisation im damals beliebten Schnodder-Sprachstil, angelehnt an die Synchronuntaten Rainer Brandts, verdarb einem mit dümmlichen Kalauern zusätzlich den Genuß.

Für die hier verwendete Home-Video-Veröffentlichung wurden die Synchronsprecher der Originalserie verpflichtet und die Dialoge neu, und weitgehend originalgetreu übersetzt; eine Gelegenheit, diesen Klassiker neu zu entdecken.

Star Trek: The Animated Series hält Überraschungen wie das später in The Next Generation eingeführte Holodeck bereit und ersetzt Raumanzüge durch Gürtel, die einen atmosphärengefüllten Individualschutzschirm projizieren (der Filmation-typische Grund bestand darin, sich das Zeichnen der Raumanzüge zu sparen); viele in der Serie etablierte Fakten wurden später aus dem Kanon gestrichen, dann allerdings in Serien wie DS9, Star Trek: Enterprise und sogar in J.J. Abrams‘ Star Trek von 2009 wieder eingeführt bzw. referenziert. Auch in Trek-Romanen sowie Computer- und Tabletop-Spielen hinterließ die gezeichnete Enterprise ihre Warpsignatur, und wurde inzwischen offiziell als kanonisch akzeptiert (was zum Trek-Kanon gehört und was nicht, hing offenbar u.a. von Gene Roddenberrys Tageslaune und der Herrschaft eines von ihm ernannten „Archivars“ ab; die Entwicklung des Kanons stellt eine Geschichte für sich dar, die einen interessanten Blick hinter die Kulissen der Franchise gestattet). Während Trek-Fans die animierte Serie gewiß ohnehin längst kennen, dürfte es sich für Gelegenheitsgucker und nostalgisch an den 70ern interessierte Zuschauer lohnen, diesem Klassiker einen Blick zu gönnen.

Herr Sathom hat das Ganze natürlich zielstrebig fast verpaßt (Dank an seinen Bruder für den Hinweis). Der Spaß läuft schon seit Anfang September, doch war mag, kann jetzt noch ein Auge voll nehmen, sich an alte Zeiten erinnern oder bisher völlig unbekannte Trek-Welten entdecken (und im übrigen zeigt eine Online-Suche nach den Ausstrahlungsterminen, daß man zumindest bis zum 10.10. auf das Privatsender-Prinzip der Wiederholungsschleife hoffen darf).

:: Campact! klärt über AfD auf

Noch einmal zu einem Thema, das wir hier schon hatten: Das Programm der AfD und die Frage, wie sozial diese Partei, die sich gern als die der „kleinen Leute“ gibt, wirklich ist.

Die Organisation Campact! hat einige diesbezügliche Punkte des AfD-Grundsatzprogramms näher beleuchtet, und das Ergebnis als lesenswerten Beitrag auf ihrer Website veröffentlicht. Ein ebenfalls vorhandenes, recht hübsches Video reißt dieselben Fragen natürlich nur an (schnelle Information und Knappheit sind ja Zweck solcher Spots); zusätzlich zu dem witzig animierten Filmchen sollte man daher ruhig den Blogbeitrag lesen, der die AfD-Vorstellungen übersichtlich, tiefgehender und doch kurz gefaßt mit der sozialen Wirklichkeit konfrontiert, und nach Konsequenzen einer AfD-Politik fragt, die solche programmatischen Punkte umsetzen würde.

:: Marathon der Wahlplakate

In knapp einer Woche wird in Berlin gewählt, und wie jeder verantwortungsbewußte Wahlbürger fragt sich auch Herr Sathom: Wen nehmwa denn?

Vielleicht können die Wahlplakate helfen. Die SPD wirbt mit dem Slogan Müller, Berlin; welche politischen Inhalte werden dem Unentschlossenen da zwecks Entscheidungsfindung mitgeteilt? Anfangs sah man Szenen mit mehreren Leuten beiderlei Geschlechts, von denen irgend jemand Herr oder Frau Müller hätte sein können, oder auch nicht; inzwischen lächelt von einigen ein einzelner Mann, andere aber zeigen eine entschlossen blickende ältere Dame in edlem Zwirn, sowie eine Transgender-Person. Auch diese Plakate nennen in der Ecke rechts unten eine(n) gewisse(n) Müller aus Berlin. Rätsel über Rätsel. Wer oder was ist Müller? Qualifiziert ihn (oder sie) der Umstand, ein außerirdischer Gestaltwandler zu sein? Es wäre immerhin eine Fähigkeit, mit der nicht alle Kandidaten prahlen können. Oder handelt sich bei dem Schriftzug einfach um eine Signatur, irgendwer muß diese Plakate ja gemacht haben? Foppt uns am Ende gar ein Kollektiv? Abgesehen von diesen Möglichkeiten weiß Herr Sathom auch nicht so recht. (Klugscheißer aufgemerkt: klar sollen uns die Plakate vermitteln, wofür Herr Müller steht; aber trotzdem.)

Natürlich stimmt, was kürzlich ein Freund so sinngemäß zu Herrn Sathom sagte, nämlich, daß ein uncharismatischer Beamtentyp, so lang er seinen Job ordentlich macht, besser sei als das Party-Animal Klaus „Was für’n Flughafen?“ Wowereit; nur hätte die SPD dann vielleicht ihren Wahlkampf nicht einzig auf die Person Müller abstellen sollen. Ein Gesichtsloser eignet sich nicht als Marke (außer es gelänge, ihn gerade deshalb als verläßlich zu verkaufen).

Na gut, weiter. Womit die Grünen werben, kann Herr Sathom sich nicht mal erinnern, obwohl er die Plakate täglich sieht. Irgendwas muß es wohl sein, aber vermutlich wurscht, denn ob die Partei noch irgendeine Klientel außer satten Gentrifzierungs-Gewinnern mit gutem Öko-Gewissen repräsentiert, ist ohnehin fraglich.

Der NPD fällt nix Neues ein, außer daß sie sich in Köpenick als Verfechter der Fankultur aufzuspielen versucht; ausschließlich nahe der Alten Försterei (soweit Herr Sathom wahrnehmen konnte) hetzt sich nicht nur gegen Ausländer, sondern auch gegen die Kriminalisierung von Pyrotechnik (Köpenick ist Hochburg des FC Union; ob der und seine Fans aber glücklich über diese Schützenhilfe sind, steht auf einem anderen Blatt). Wie jedes Jahr verkündet ein gelockter Siegfried: „Ich sage, was Sie denken“; ein toller Trick, findet Herr Sathom und wünscht eine erfolgreiche Karriere als Varietézauberer. Auch ansonsten das ewig Selbe, vielleicht ergänzt durch einige Varianten, z.B. den Spruch „Die kriegen Alles – und Ihr?“ Abgesehen davon, daß im Kapitalismus sowohl zugewanderte als auch eingeborene Arme letztlich einen Scheiß kriegen, bekommt Herr Sathom einen Döner ohne Gurke, bitte.

Die CDU hatte anfangs auch so allerhand mit Sicherheit und Polizei und so, hat sich aber eine Woche vor der Abstimmung ebenfalls auf Köpfe verlegt, die uns nachbarlich und damit wahlwürdig vorkommen sollen. Wie bei Herrn Müller gilt aber auch hier: WER ZUM TEUFEL SIND DIESE LEUTE EIGENTLICH? Immerhin fordert die CDU ein „Starkes Berlin“ – vielleicht sollte jemand Herrn Klings Känguru mit den roten Boxhandschuhen aufstellen. Das würde Herr Sathom sofort wählen; es wäre aber halt nicht in der CDU (es sei denn aus subversiven Gründen).

:: Immer mit der Panik, Leute

Mann, Mann, Mann. Da widmet sich Herr Sathom mal den Sommer über seinem literarischen Schaffen – oder was er so nennt – und der dringend nötigen Erholung, und kaum ist er aus seiner privaten Sommerpause zurück, findet er alle völlig durchgedreht vor.

„Sicherheit“ lautet der Schlachtruf, den auf den Lippen sich die konservative Politik durchs Sommerloch gewurstelt hat; und Junge, hat sie da ein paar einfallsreiche Konzepte hervorgebracht.

Burkaverbot – wahnsinnig wichtig, weil es in ganz Deutschland geschätzte drei Frauen gibt, die in Ganzverhüllung durch die Landschaft gespenstern; darauf hingewiesen, daß das mit Sicherheit grad mal gar nix zu tun hat, ist dann plötzlich die Rede davon, daß es unsere Kultur zu schützen gälte. Also dieses Dings, das keiner definieren kann, weil diejenigen, die das Wort am lautesten brüllen, ihren Lebtag noch nie in ein Buch geguckt haben. Dazu Kameras mit Gesichtserkennung – damit man den zerlegten Selbstmordattentäter wiederfindet oder was soll das, und uns auch sonst alle gut im Blick hat. Dann Einsatz der Bundeswehr im Landesinneren, und schließlich die Top-Idee überhaupt: Wir sollen uns als Hamsterkäufer mit Fressalien eindecken, besonders Mehl und Nüssen. Für den Katastrophenfall. Schließlich wissen wir alle, wie man Brot bäckt, besonders ohne Strom (Fladenbrote, ironischerweise, auf dem Gartengrill gingen allerdings. Gut, wenn die Katastrophe im Winter kommt; draußen backen, das härtet ab). Und wieso eigentlich Nüsse?

Vermutlich munkeln die Verschwörungstheoretiker gerade was von Kriegsvorbereitungen (Herr Sathom wird sich nicht den Nerv rauben, indem er nachsieht); was natürlich Blödsinn wäre. Kein Krieg wurde je vorbereitet, indem man ihn die Bevölkerung schon vorab ahnen läßt. So etwas verkauft man als Resultat eines Überraschungsangriffs des Gegners (das Überraschende belegt seine Heimtücke), nachdem man selbst sich vorher nach bestem Gewissen bemüht hat, alles friedlich zu regeln, und bis zum letzten Augenblick verkündete, daß man da froher Hoffnung sei (Wilhelm II. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs: „Mitten im Frieden überfällt uns der Feind“).

Diese „Sicherheitskonzepte“ sind natürlich dennoch vollkommener Quatsch. Einen Keller voller Studentenfutter braucht kein Mensch, wenn anderswo im Land einer Amok läuft. Und wenn nebenan an eine Atombombe hochgeht, dann viel Spaß mit den verstrahlten Nüssen. In jeder Hinsicht.

Worum geht es also wirklich? Politiker wie Thomas de Maizière sind – leider oder zum Glück – von eher profanen Motiven geleitet, als von machiavellistischen Masterplänen; sie wären auch kaum imstande, welche auszuhecken. Und da kommen wir der Sache schon näher. S’ist nämlich Wahlkampf.

Heute wählt man in Meck-Pomm, demnächst in Berlin, und einmal mehr bemüht sich die konservative Mitte, den Rechtspopulisten hinterher zu hecheln – ihre Themen aufzugreifen, die von ihnen geschürten Ängste weiter anzufachen, und sich als den kompetenteren Bewältiger der angeblichen Gefahren zu präsentieren. Vermutlich hatte der Kabarettist (Herr Sathom hat vergessen, welcher, vielleicht Christoph Sieber) recht, der gestern abend in den Mitternachtsspitzen des WDR meinte, die AfD müsse überhaupt keine Wahlen gewinnen; ihre Absichten verwirklichten schon Andere für sie. Nebenbei kann man durch das Geschwafel von Bundeswehreinsätzen im Landesinneren prima davon ablenken, daß man in den letzten Jahren neben Schulen und anderen öffentlichen Institutionen auch die Polizei kaputtgespart hat. Die Motive sind also keineswegs verschwörerisch, sondern eher kleinlich, kurz gedacht, und zudem kontraproduktiv; unsere „Werte“ schützt man nicht, indem man sie verrät und einen Überwachungsstaat fördert (im Sinne des Kapitals ist es allemal – der Staat soll sich möglichst aus Allem raushalten, also z.B. nicht regulieren, aber in Sicherheitsbelangen „stark“ sein, wünscht der Konservative wie der Neoliberale gern).

Wurscht, ob die Themen überhaupt einen Bezug zu landespolitischen Fragen haben; Hauptsache, man kann niedere parteipolitische Interessen verfolgen, indem man sich auf Angstphantasien und Weltuntergangsprophezeiungen draufhockt, diese womöglich noch verstärkt.

Nee wirklich. Hört doch auf, Leute; hört doch auf.

:: Bye, bye, Gibis

Herr Sathom sagt:Willkommen in der Brexit-Hölle

»Aus«, murmelte Rhodan. »Verloren.« – Perry Rhodan Nr. 398, „Das Ende der Dolans“

Ähnlich katastrophal wie am Ende dieser PR-Story wird’s demnächst auch in der EU aussehen, glaubt man manchen Reaktionen auf den Brexit. Nun, mal sehen. Herr Cameron jedenfalls ist hoffentlich stolz auf sich; der Geist, den er aus der Flasche ließ und nicht wieder hineinbugsieren konnte, hat sein Werk getan.

Doch wie soll man sich nun zum beschlossenen Brexit äußern? Herr Sathom tat sich vorher, und tut sich jetzt noch schwer, in den Chor der Warnungen, Kassandrarufe und beschwörenden Appelle einzustimmen, die überall erklingen (von den Jubelrufen der Rechten ganz zu schweigen). Denn das Ereignis ist ohne historischen Präzedenzfall. Ganz gleich, wie viele „Experten“ man in den kommenden Wochen durch die Talkshows scheuchen wird, kann niemand den weiteren Verlauf vorhersagen. Nur ein Gedanke kam ihm heute mit Blick auf die Stimmverteilung.

Zwar wirkt der Beschluß nämlich wie ein Sieg des Rechtspopulismus; derer also, die überall gegen „die EU“ hetzen, eigentlich aber Schwule, Lesben und Ausländer, oder überhaupt suspekte Subjekte ohne die richtige, stramm gestrige Haltung meinen. Möglicherweise – so idealistisch das vielleicht klingt – liegt im Wahlergebnis aber auch ein Fünkchen Hoffnung. Der äußerst knappe Ausgang spaltet einerseits die britische Bevölkerung; er verweist jedoch noch auf etwas anderes, eine Gemeinsamkeit. Dieses Einende zeigte sich auch im Ergebnis der Wahl des österreichischen Bundespräsidenten – an beiden Abstimmungen gab es reges Interesse auch außerhalb der betroffenen Staaten, Dissens und Übereinstimmung bezüglich der gewünschten Ergebnisse, abhängig von der Einstellung der jeweiligen Bevölkerungsgruppen, und eine beinahe fünfzig-zu-fünfzig-prozentige Stimmverteilung innerhalb der jeweiligen Länder. Die Grenzlinien verlaufen also längst nicht mehr zwischen Nationen; sondern zwischen Menschengruppen, die über Staatsgrenzen hinweg gemeinsamen Zielen und politischen Auffassungen anhängen. Nicht Briten, Deutsche, Österreicher etc. stehen gegen- oder füreinander, sondern länderübergreifend Befürworter und Gegner von Offenheit, Toleranz und Solidarität einerseits, Rückschritt, Egoismus und Nationalismus andererseits.

Eigentlich verweisen die Ergebnisse also darauf, daß der Nationalstaat an Bedeutung verliert – er repräsentiert nicht mehr den Zusammenhalt bzw. Dissenz seiner Bürger. Ganz gleich, welche Auswirkungen das britische Seebeben nach sich zieht, weitere Exit-Abstimmungen etwa, wird sich Europa neu organisieren und orientieren müssen; das Ergebnis könnte, setzt der Trend sich fort, anders aussehen, als die Nationalisten derzeit erhoffen und bejubeln. Entschlossenheit, Mühe und Willenskraft aller, die auf positive abendländische Werte setzen, könnten letztlich dahin führen, ein Europa der inhaltlich übereinstimmenden Gruppen – übernationaler, tribaler Entscheidungsmächte, wenn man so will – zu begründen. Nennen wir es vielleicht eines der weltanschaulichen Nationen. Und während ein Geert „I look like Trump jr.“ Wilders sich schon auf das Ende der EU freut, würde vielleicht das Ende der Nationen eingeleitet. Ironischerweise könnte die aktuelle Entwicklung also in eine andere Richtung laufen, als die europäische Rechte erhofft – eine, die sie sogar abschafft. Denn was wollte sie bewerkstelligen – eine Zusammenarbeit für das Recht, einander spinnefeind zu sein? Gemeinsam für ein Gegeneinander zu streiten, ist ein Unding.

Die Idee ist eingestandenermaßen derzeit noch utopisch (aber why not? Positive Utopien, das wär doch zur Abwechslung mal wieder was). Sie ist jedoch nicht völlig unrealistisch. Im Zuge digitaler Internationalisierung einerseits, sozialer Binnenghettoisierung andererseits hat der Nationalstaat als legitimer Repräsentant der Bevölkerung eigentlich abgewirtschaftet. Die erwähnten Stimmverhältnisse sind nur eines von vielen Indizien dafür. Die Auseinandersetzungen für oder gegen LGBT-Rechte, Toleranz, Einwanderung, sozialen Ausgleich etc. finden über die Grenzen hinweg, quer durch die Bürgerschaften statt.

Der Weg zu übernationalen Konsensgemeinschaften, die auch über Entscheidungs- und Herrschaftskompetenz verfügen, wäre ein langer; diese Meinungs-Tribes existieren faktisch längst, verfügen aber nicht über Strukturen und Institutionen, die sie entscheidungs- und durchsetzungsfähig machen. Diese sind noch nationale (Parlamente, Exekutive etc.; auch die EU-Institutionen, sogar die berüchtigte Kommission, sind national gebunden). Doch für eine solche Entwicklung gibt es einen historischen Präzedenzfall. Die Feudalstaaten wichen in einem langen Prozeß den Nationalstaaten, sobald ihre Organisation von Herrschaft den gewandelten Gesellschaftsstrukturen nicht mehr entsprach. Eine ähnliche Bewegung zu übernationalen Tribes würde unausweichlich, sobald nationalstaatliche Strukturen den Konsens der Landesbevölkerungen deutlich und praktisch nicht mehr spiegeln, und damit ihre Legitimation verlieren. Danach sieht es derzeit aus; eine Anpassung der institutionellen Strukturen wird damit nicht zwingend, zumal sich die Vertreter des status quo an diesen klammern werden, doch die Geschichte zeigt, daß grenzübergreifende Änderungen der Lebensverhältnisse schon in der Vergangenheit sehr langsame, doch unaufhaltsame Erdrutsche hervorriefen. Der Feudalstaat erodierte zuletzt; angesichts der Wahlergebnisse ist immerhin vorstellbar, daß es dem Nationalstaat, entgegen der Intention aller EU-Spalter, ähnlich ergehen könnte.

Versuchten Rechtspopulisten und andere Rückwärtsgewandte derzeit mit aller Gewalt, einen komatösen Dinosaurier künstlich zu beatmen, wäre das schlimm genug; doch auch der bestehende Nationalstaat ist längst nicht mehr das, was sie sich wünschen. Er hat sich gewandelt, was sie mit Verwesung verwechseln. So wollen sie seinen Ahnherrn vom Beginn des 20. Jahrhunderts wiederbeleben – samt seiner von Nationalismus und Ultrakonservatismus verkalkten Organe. Austrittsabstimmungen sind eine ihrer Holzhammermethoden, den Affen zu schocken. Das Biest ist längst hinüber, nicht frisch genug, wie Lovecrafts Herbert West sagen würde – aber wie das so ist: In ihren letzten Zuckungen vermögen todesnahe Riesen noch einigen Schaden anzurichten; und auferstandene Mumien verbreiten den Tod.

Übrigens: Das Solsystem, orakelte Perry Rhodan nach der Dolan-Katastrophe, würde nie wieder werden, was es war; aber auf die Beine sind sie doch wieder gekommen. Wurde sogar am Ende alles besser.

:: Integrationsgesetz oder: Das Selbstgespräch der nicht Betroffenen

Willkommen im Blog, das verbitterte Selbstgespräche führt. 😎 Solche kann man allerdings auch zu Mehreren veranstalten, und dann können sie ganz lustig werden, wie am Sonntag mal wieder der „Presseclub“ bei Phoenix demonstrierte. Thema war das neue Integrationsgesetz. Außer dem von der taz entsandten Teilnehmer fanden’s alle einigermaßen geil. Herr Sathom will hier gar nicht en detail auf die Sendung eingehen; ihm fiel bloß anläßlich ihres Themas und mancher Äußerung dazu etwas auf, das die gesamte aktuelle Debatte kennzeichnet.

„Fordern und Fördern“ steht auf dem Banner, das über dem Gesetz weht. Und he, klingt das nicht irgendwie vertraut? Richtig – es ist eben die Parole, mit der die Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze übers Volk gebracht wurden. So ein Zufall.

Herr Sathom formulierte hier schon früher einmal den Verdacht, daß die Vorurteile, die Zuwanderern und einheimischen „Sozialschwachen“ (also: den Armen) entgegenschlagen, weitgehend dieselben sind. Wirft man einen Blick auf die Prämisse des neuen Gesetzes und die begleitende Propaganda derjenigen meiden, die es begrüßen, kann man den Eindruck gewinnen, daß hier tatsächlich sehr ähnlich, wenn nicht identisch argumentiert wird.

Indem man den Schlachtruf der Agenda 2010 wieder aus der Mottenkiste holt, übernimmt man deren implizite Unterstellung – gefordert und sanktioniert werden muß, denn ohne Arschtritt kommen diese faulen Versager nicht in die Gänge. Überhaupt ist das „und“ zwischen den F-Worten ein Schwindel; um Forderung plus Förderung geht es nicht. Daß man fordert, ist die Förderung; wenigstens in vielen Köpfen. Die Gef…ten brauchen den Tritt nämlich.

Wer einmal mit Hartz-Jobbern zusammengearbeitet und von ihren Erfahrungen gehört hat, oder seine Gewerkschaftszeitung liest, weiß hingegen, daß ihre Rückkehr auf den Ersten Arbeitsmarkt nicht an ihnen scheitert, die per Androhung von Leistungsentzug in Knochenjobs für minimalen Stundenlohn gezwungen, oder zu idiotischen Schulungen geschickt werden. Sondern daran, daß diese Rückkehr gar nicht gewollt ist. Die Bereitstellung eines Sklavenheers, das der Staat entlohnt, ist ein Geschenk an die Wirtschaft (u.a. lebt eine ganze Branche von Kursanbietern davon). Der Schwindel, es läge an den Ausgebeuteten, daß diese auch nach Jahren nicht zurück in „richtige“ Arbeit gelangen, verleumdet diese, um den Zusammenhang zu vertuschen.

Nun funktioniert dieser Trick immer weniger, je mehr Menschen sozial abrutschen und die Wirklichkeit des Hartz-Daseins selbst erfahren; doch bei den Zuwanderern wird der Mummenschanz wieder angelegt. Vielleicht, weil man hofft, mit dieser Gruppe erfolgreich verfahren zu können, wie damals mit den als „Sozialschmarotzer“ gebrandmarkten. Bei denen zieht das nicht mehr so richtig – aber prima, jetzt hat man neue Sündenböcke, auf die man den Unmut der Menschen lenken kann. Siehste, nicht der Bänker frißt dir die Wurst vom Brot, sondern der Flüchtling. Und wie damals der Sozialhilfeempfänger ist er durch das Vorurteil von vornherein diskreditiert, unglaubwürdig und damit mundtot gemacht; kann aufgrund seiner Lage kaum am Diskurs teilnehmen und sich praktischerweise nicht äußern; so daß man herrlich über ihn reden (und richten) kann, statt mit ihm. Wie eben einst und meist auch jetzt noch die Armen. In Polit-Talkshows zum Themen wie Hartz IV, „bildungsfernen Schichten“ etc. gehörten ja auch immer ganz bestimmte Leute nicht zur Gesprächsrunde – die nämlich, um die es ging. Andere saßen da und erklärten, was mit diesen Leuten nicht stimmt. Sie selbst hatten und haben zum Thema gefälligst nichts zu sagen – bloß Thema zu sein. Dieser Mechanismus wird nun in der Flüchtlingsfrage wieder angeschmissen.

Die Methode ist die bewährte – für die „Lösung“ des Problems werden die Betroffenen verantwortlich gemacht, indem man sie zu Verursachern erklärt. Schuld am Vorkommen von Armut sind die Armen, so die Botschaft damals; schuld am Integrationsproblem sind diesmal nicht fehlende Angebote z.B. von Sprachkursen oder fortdauernde Fremdenfeindlichkeit, an der jede Eingliederungsbemühung von Zuwanderern zerschellt, sondern – die Zugewanderten. So wie die Hartzer und Niedriglöhner nicht systemproduziert sind, sondern selbst schuld, haben sich eben auch die Einwanderer seit Jahrzehnten aus purem, bösen Willen jeder Integration verweigert und sich ihre Parallelgesellschaften gebastelt, und nicht etwa, weil man sie ständig zurückgewiesen hat. Und, na klar: Bildungsunwillig sind beide Gruppen; nicht etwa durch ein System, das Kinder von Gutverdienern bevorzugt, von Bildung ausgeschlossen.

Dank des Generalverdachts kann man so wunderbar fordern und (k)ein bißchen fördern – das Urteil über diejenigen, die auf der Strecke bleiben, ist im Gedanken, den Gesetz und konservativ-mediale Begleitmusik subtil transportieren, schon enthalten: „Selbst schuld“. Die, denen Integration mißlingt, haben versagt – nicht das System. So wie einst auch die Agenda 2010 Gleiches denen unterstellte, deren (Re-)Integration in den Ersten Arbeitsmarkt scheiterte.

Daß es Integrationsprobleme wie kriminelle Clans oder neuerdings „Antänzer“ gibt, soll hier gar nicht geleugnet werden. Aber wißt Ihr, Leute, dis kommt von dis. Läßt man Einheimische jahrelang zum Verrecken im Dreck liegen, werden sie – schlimmstenfalls – Nazis; behandelt man Zugewanderte eine nun schon viel längere Zeit wie Dreck, basteln sie sich eben ihre Parallelgesellschaften. Der Globalverdacht und das Herumgemurkse mit nicht vorhandenen Sprachkursen werden dieses Kind aber auch nicht wieder aus dem Brunnen holen.

Die Vertreterin der „Zeit“ sprach im Presseclub von einem „Selbstgespräch“, das die Gesellschaft gerade führe, und wollte mit dem Begriff wohl eine notwendige Richtungsebatte bezeichnen. Nur ist ein Selbstgespräch eben keine Diskussion. Jetzt wie einst sitzen wieder jene, die über Schwächere verfügen und deren Schicksal entscheiden, unter sich beisammen, und reden über die da unten; versichern einander in ihrer sozialen Seifenblase, daß sie schon am Besten wüßten, was denen draußen zu geschehen habe. Insofern hatte die Dame mehr recht, als sie ahnte – ein wunderschöner Freudscher Ausrutscher.

:: Populistische Rhetorik

Der FPÖ-Kandidat zur österreichischen Bundespräsidentenwahl Hofer im Interview. Der Journalist stellt eine unangenehme Frage zu Aussagen, die sich in einer Festschrift der Burschenschaft des Kandidaten finden. Herr Hofer kontert mit einer Feststellung zum Aussehen des Interviewers. Statt auf die Frage überhaupt einzugehen, spricht er lachend davon, wie der Journalist aussehe. Deprimiert wirke er, nicht mehr so fröhlich wie vor Wochen noch. Die zwischen den Zeilen eingeschlagene Richtung: Daß der Journalist in diesen vergangenen Wochen (an ihm, dem Herrn Hofer vielleicht, oder seinem zunehmenden Erfolg?), verzweifelt und darob um Jahre gealtert sein müsse; es sich mithin um die irrelevante Verzweiflungsfrage eines, der des FPÖlers nicht mehr anders Herr werden könne, handele. Ja, das sind Mutmaßungen; doch eben mit diesen arbeitet Hofers Replik. Warum sollte es eine Rolle spielen, daß der Interviewer nicht mehr lustig ist (daß er so aussähe, allein Hofers Behauptung übrigens)? Warum wird auf die Frage nicht einmal zum Schein eingegangen, und was zum Teufel hat es mit ihr zu tun, wie der Fragesteller angeblich aussieht?

Eine andere Sendung, die Moderatorin konfrontiert Herrn Hofer mit dem Ergebnis einer Recherche. Der FPÖ-Mann will nämlich in Israel einen muslimischen Anschlag aus nächster Nähe miterlebt haben. Nur – die israelischen Sicherheitskräfte wissen auf Nachfrage nichts von Anschlägen im besagten Zeitraum. Hofer erklärt den Vorhalt zum Angriff auf seine Glaubwürdigkeit, den er sich nicht gefallen lassen werde, und zum Beispiel dafür, wie „objektiv“ der ORF sei. Ein ähnliches Vorgehen – weg vom Sachverhalt; Klage über fehlende Objektivität; gekränkte Unschuld und kämpferisches Gehabe.

Rhetorische Tricks – längst auch imitiert von AfD-Größen. Frauke Petry, mit Fragen zu einer früheren Äußerung belästigt, beginnt einen Vortrag darüber, was die Medien aufgreifen (in dem Fall den ihr unbehaglichen Punkt), und was nicht. Subtext: Mich so etwas zu fragen, ist böswillige Selektion von Themen. Das Gespräch wird von der konkreten Frage zur allgemeinen Unterstellung umgelenkt, unfair behandelt zu werden. Wie in Hofers Fall gerät der Sachverhalt, zu dem sie befragt wurde, völlig aus dem Blick.

Einen Einblick in die rhetorischen Tricks von Populisten, darin die obigen Beispiele, bietet ein Beitrag des Medienmagazins ZAPP vom 25.05.2016. Eigentlich sind die beschriebenen Maschen leicht durchschaubar; aber es scheint genügend Menschen zu geben, die sie nicht durchschauen wollen.