:: Marathon der Wahlplakate

In knapp einer Woche wird in Berlin gewählt, und wie jeder verantwortungsbewußte Wahlbürger fragt sich auch Herr Sathom: Wen nehmwa denn?

Vielleicht können die Wahlplakate helfen. Die SPD wirbt mit dem Slogan Müller, Berlin; welche politischen Inhalte werden dem Unentschlossenen da zwecks Entscheidungsfindung mitgeteilt? Anfangs sah man Szenen mit mehreren Leuten beiderlei Geschlechts, von denen irgend jemand Herr oder Frau Müller hätte sein können, oder auch nicht; inzwischen lächelt von einigen ein einzelner Mann, andere aber zeigen eine entschlossen blickende ältere Dame in edlem Zwirn, sowie eine Transgender-Person. Auch diese Plakate nennen in der Ecke rechts unten eine(n) gewisse(n) Müller aus Berlin. Rätsel über Rätsel. Wer oder was ist Müller? Qualifiziert ihn (oder sie) der Umstand, ein außerirdischer Gestaltwandler zu sein? Es wäre immerhin eine Fähigkeit, mit der nicht alle Kandidaten prahlen können. Oder handelt sich bei dem Schriftzug einfach um eine Signatur, irgendwer muß diese Plakate ja gemacht haben? Foppt uns am Ende gar ein Kollektiv? Abgesehen von diesen Möglichkeiten weiß Herr Sathom auch nicht so recht. (Klugscheißer aufgemerkt: klar sollen uns die Plakate vermitteln, wofür Herr Müller steht; aber trotzdem.)

Natürlich stimmt, was kürzlich ein Freund so sinngemäß zu Herrn Sathom sagte, nämlich, daß ein uncharismatischer Beamtentyp, so lang er seinen Job ordentlich macht, besser sei als das Party-Animal Klaus „Was für’n Flughafen?“ Wowereit; nur hätte die SPD dann vielleicht ihren Wahlkampf nicht einzig auf die Person Müller abstellen sollen. Ein Gesichtsloser eignet sich nicht als Marke (außer es gelänge, ihn gerade deshalb als verläßlich zu verkaufen).

Na gut, weiter. Womit die Grünen werben, kann Herr Sathom sich nicht mal erinnern, obwohl er die Plakate täglich sieht. Irgendwas muß es wohl sein, aber vermutlich wurscht, denn ob die Partei noch irgendeine Klientel außer satten Gentrifzierungs-Gewinnern mit gutem Öko-Gewissen repräsentiert, ist ohnehin fraglich.

Der NPD fällt nix Neues ein, außer daß sie sich in Köpenick als Verfechter der Fankultur aufzuspielen versucht; ausschließlich nahe der Alten Försterei (soweit Herr Sathom wahrnehmen konnte) hetzt sich nicht nur gegen Ausländer, sondern auch gegen die Kriminalisierung von Pyrotechnik (Köpenick ist Hochburg des FC Union; ob der und seine Fans aber glücklich über diese Schützenhilfe sind, steht auf einem anderen Blatt). Wie jedes Jahr verkündet ein gelockter Siegfried: „Ich sage, was Sie denken“; ein toller Trick, findet Herr Sathom und wünscht eine erfolgreiche Karriere als Varietézauberer. Auch ansonsten das ewig Selbe, vielleicht ergänzt durch einige Varianten, z.B. den Spruch „Die kriegen Alles – und Ihr?“ Abgesehen davon, daß im Kapitalismus sowohl zugewanderte als auch eingeborene Arme letztlich einen Scheiß kriegen, bekommt Herr Sathom einen Döner ohne Gurke, bitte.

Die CDU hatte anfangs auch so allerhand mit Sicherheit und Polizei und so, hat sich aber eine Woche vor der Abstimmung ebenfalls auf Köpfe verlegt, die uns nachbarlich und damit wahlwürdig vorkommen sollen. Wie bei Herrn Müller gilt aber auch hier: WER ZUM TEUFEL SIND DIESE LEUTE EIGENTLICH? Immerhin fordert die CDU ein „Starkes Berlin“ – vielleicht sollte jemand Herrn Klings Känguru mit den roten Boxhandschuhen aufstellen. Das würde Herr Sathom sofort wählen; es wäre aber halt nicht in der CDU (es sei denn aus subversiven Gründen).

:: Immer mit der Panik, Leute

Mann, Mann, Mann. Da widmet sich Herr Sathom mal den Sommer über seinem literarischen Schaffen – oder was er so nennt – und der dringend nötigen Erholung, und kaum ist er aus seiner privaten Sommerpause zurück, findet er alle völlig durchgedreht vor.

„Sicherheit“ lautet der Schlachtruf, den auf den Lippen sich die konservative Politik durchs Sommerloch gewurstelt hat; und Junge, hat sie da ein paar einfallsreiche Konzepte hervorgebracht.

Burkaverbot – wahnsinnig wichtig, weil es in ganz Deutschland geschätzte drei Frauen gibt, die in Ganzverhüllung durch die Landschaft gespenstern; darauf hingewiesen, daß das mit Sicherheit grad mal gar nix zu tun hat, ist dann plötzlich die Rede davon, daß es unsere Kultur zu schützen gälte. Also dieses Dings, das keiner definieren kann, weil diejenigen, die das Wort am lautesten brüllen, ihren Lebtag noch nie in ein Buch geguckt haben. Dazu Kameras mit Gesichtserkennung – damit man den zerlegten Selbstmordattentäter wiederfindet oder was soll das, und uns auch sonst alle gut im Blick hat. Dann Einsatz der Bundeswehr im Landesinneren, und schließlich die Top-Idee überhaupt: Wir sollen uns als Hamsterkäufer mit Fressalien eindecken, besonders Mehl und Nüssen. Für den Katastrophenfall. Schließlich wissen wir alle, wie man Brot bäckt, besonders ohne Strom (Fladenbrote, ironischerweise, auf dem Gartengrill gingen allerdings. Gut, wenn die Katastrophe im Winter kommt; draußen backen, das härtet ab). Und wieso eigentlich Nüsse?

Vermutlich munkeln die Verschwörungstheoretiker gerade was von Kriegsvorbereitungen (Herr Sathom wird sich nicht den Nerv rauben, indem er nachsieht); was natürlich Blödsinn wäre. Kein Krieg wurde je vorbereitet, indem man ihn die Bevölkerung schon vorab ahnen läßt. So etwas verkauft man als Resultat eines Überraschungsangriffs des Gegners (das Überraschende belegt seine Heimtücke), nachdem man selbst sich vorher nach bestem Gewissen bemüht hat, alles friedlich zu regeln, und bis zum letzten Augenblick verkündete, daß man da froher Hoffnung sei (Wilhelm II. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs: „Mitten im Frieden überfällt uns der Feind“).

Diese „Sicherheitskonzepte“ sind natürlich dennoch vollkommener Quatsch. Einen Keller voller Studentenfutter braucht kein Mensch, wenn anderswo im Land einer Amok läuft. Und wenn nebenan an eine Atombombe hochgeht, dann viel Spaß mit den verstrahlten Nüssen. In jeder Hinsicht.

Worum geht es also wirklich? Politiker wie Thomas de Maizière sind – leider oder zum Glück – von eher profanen Motiven geleitet, als von machiavellistischen Masterplänen; sie wären auch kaum imstande, welche auszuhecken. Und da kommen wir der Sache schon näher. S’ist nämlich Wahlkampf.

Heute wählt man in Meck-Pomm, demnächst in Berlin, und einmal mehr bemüht sich die konservative Mitte, den Rechtspopulisten hinterher zu hecheln – ihre Themen aufzugreifen, die von ihnen geschürten Ängste weiter anzufachen, und sich als den kompetenteren Bewältiger der angeblichen Gefahren zu präsentieren. Vermutlich hatte der Kabarettist (Herr Sathom hat vergessen, welcher, vielleicht Christoph Sieber) recht, der gestern abend in den Mitternachtsspitzen des WDR meinte, die AfD müsse überhaupt keine Wahlen gewinnen; ihre Absichten verwirklichten schon Andere für sie. Nebenbei kann man durch das Geschwafel von Bundeswehreinsätzen im Landesinneren prima davon ablenken, daß man in den letzten Jahren neben Schulen und anderen öffentlichen Institutionen auch die Polizei kaputtgespart hat. Die Motive sind also keineswegs verschwörerisch, sondern eher kleinlich, kurz gedacht, und zudem kontraproduktiv; unsere „Werte“ schützt man nicht, indem man sie verrät und einen Überwachungsstaat fördert (im Sinne des Kapitals ist es allemal – der Staat soll sich möglichst aus Allem raushalten, also z.B. nicht regulieren, aber in Sicherheitsbelangen „stark“ sein, wünscht der Konservative wie der Neoliberale gern).

Wurscht, ob die Themen überhaupt einen Bezug zu landespolitischen Fragen haben; Hauptsache, man kann niedere parteipolitische Interessen verfolgen, indem man sich auf Angstphantasien und Weltuntergangsprophezeiungen draufhockt, diese womöglich noch verstärkt.

Nee wirklich. Hört doch auf, Leute; hört doch auf.

:: Bye, bye, Gibis

Herr Sathom sagt:Willkommen in der Brexit-Hölle

»Aus«, murmelte Rhodan. »Verloren.« – Perry Rhodan Nr. 398, „Das Ende der Dolans“

Ähnlich katastrophal wie am Ende dieser PR-Story wird’s demnächst auch in der EU aussehen, glaubt man manchen Reaktionen auf den Brexit. Nun, mal sehen. Herr Cameron jedenfalls ist hoffentlich stolz auf sich; der Geist, den er aus der Flasche ließ und nicht wieder hineinbugsieren konnte, hat sein Werk getan.

Doch wie soll man sich nun zum beschlossenen Brexit äußern? Herr Sathom tat sich vorher, und tut sich jetzt noch schwer, in den Chor der Warnungen, Kassandrarufe und beschwörenden Appelle einzustimmen, die überall erklingen (von den Jubelrufen der Rechten ganz zu schweigen). Denn das Ereignis ist ohne historischen Präzedenzfall. Ganz gleich, wie viele „Experten“ man in den kommenden Wochen durch die Talkshows scheuchen wird, kann niemand den weiteren Verlauf vorhersagen. Nur ein Gedanke kam ihm heute mit Blick auf die Stimmverteilung.

Zwar wirkt der Beschluß nämlich wie ein Sieg des Rechtspopulismus; derer also, die überall gegen „die EU“ hetzen, eigentlich aber Schwule, Lesben und Ausländer, oder überhaupt suspekte Subjekte ohne die richtige, stramm gestrige Haltung meinen. Möglicherweise – so idealistisch das vielleicht klingt – liegt im Wahlergebnis aber auch ein Fünkchen Hoffnung. Der äußerst knappe Ausgang spaltet einerseits die britische Bevölkerung; er verweist jedoch noch auf etwas anderes, eine Gemeinsamkeit. Dieses Einende zeigte sich auch im Ergebnis der Wahl des österreichischen Bundespräsidenten – an beiden Abstimmungen gab es reges Interesse auch außerhalb der betroffenen Staaten, Dissens und Übereinstimmung bezüglich der gewünschten Ergebnisse, abhängig von der Einstellung der jeweiligen Bevölkerungsgruppen, und eine beinahe fünfzig-zu-fünfzig-prozentige Stimmverteilung innerhalb der jeweiligen Länder. Die Grenzlinien verlaufen also längst nicht mehr zwischen Nationen; sondern zwischen Menschengruppen, die über Staatsgrenzen hinweg gemeinsamen Zielen und politischen Auffassungen anhängen. Nicht Briten, Deutsche, Österreicher etc. stehen gegen- oder füreinander, sondern länderübergreifend Befürworter und Gegner von Offenheit, Toleranz und Solidarität einerseits, Rückschritt, Egoismus und Nationalismus andererseits.

Eigentlich verweisen die Ergebnisse also darauf, daß der Nationalstaat an Bedeutung verliert – er repräsentiert nicht mehr den Zusammenhalt bzw. Dissenz seiner Bürger. Ganz gleich, welche Auswirkungen das britische Seebeben nach sich zieht, weitere Exit-Abstimmungen etwa, wird sich Europa neu organisieren und orientieren müssen; das Ergebnis könnte, setzt der Trend sich fort, anders aussehen, als die Nationalisten derzeit erhoffen und bejubeln. Entschlossenheit, Mühe und Willenskraft aller, die auf positive abendländische Werte setzen, könnten letztlich dahin führen, ein Europa der inhaltlich übereinstimmenden Gruppen – übernationaler, tribaler Entscheidungsmächte, wenn man so will – zu begründen. Nennen wir es vielleicht eines der weltanschaulichen Nationen. Und während ein Geert „I look like Trump jr.“ Wilders sich schon auf das Ende der EU freut, würde vielleicht das Ende der Nationen eingeleitet. Ironischerweise könnte die aktuelle Entwicklung also in eine andere Richtung laufen, als die europäische Rechte erhofft – eine, die sie sogar abschafft. Denn was wollte sie bewerkstelligen – eine Zusammenarbeit für das Recht, einander spinnefeind zu sein? Gemeinsam für ein Gegeneinander zu streiten, ist ein Unding.

Die Idee ist eingestandenermaßen derzeit noch utopisch (aber why not? Positive Utopien, das wär doch zur Abwechslung mal wieder was). Sie ist jedoch nicht völlig unrealistisch. Im Zuge digitaler Internationalisierung einerseits, sozialer Binnenghettoisierung andererseits hat der Nationalstaat als legitimer Repräsentant der Bevölkerung eigentlich abgewirtschaftet. Die erwähnten Stimmverhältnisse sind nur eines von vielen Indizien dafür. Die Auseinandersetzungen für oder gegen LGBT-Rechte, Toleranz, Einwanderung, sozialen Ausgleich etc. finden über die Grenzen hinweg, quer durch die Bürgerschaften statt.

Der Weg zu übernationalen Konsensgemeinschaften, die auch über Entscheidungs- und Herrschaftskompetenz verfügen, wäre ein langer; diese Meinungs-Tribes existieren faktisch längst, verfügen aber nicht über Strukturen und Institutionen, die sie entscheidungs- und durchsetzungsfähig machen. Diese sind noch nationale (Parlamente, Exekutive etc.; auch die EU-Institutionen, sogar die berüchtigte Kommission, sind national gebunden). Doch für eine solche Entwicklung gibt es einen historischen Präzedenzfall. Die Feudalstaaten wichen in einem langen Prozeß den Nationalstaaten, sobald ihre Organisation von Herrschaft den gewandelten Gesellschaftsstrukturen nicht mehr entsprach. Eine ähnliche Bewegung zu übernationalen Tribes würde unausweichlich, sobald nationalstaatliche Strukturen den Konsens der Landesbevölkerungen deutlich und praktisch nicht mehr spiegeln, und damit ihre Legitimation verlieren. Danach sieht es derzeit aus; eine Anpassung der institutionellen Strukturen wird damit nicht zwingend, zumal sich die Vertreter des status quo an diesen klammern werden, doch die Geschichte zeigt, daß grenzübergreifende Änderungen der Lebensverhältnisse schon in der Vergangenheit sehr langsame, doch unaufhaltsame Erdrutsche hervorriefen. Der Feudalstaat erodierte zuletzt; angesichts der Wahlergebnisse ist immerhin vorstellbar, daß es dem Nationalstaat, entgegen der Intention aller EU-Spalter, ähnlich ergehen könnte.

Versuchten Rechtspopulisten und andere Rückwärtsgewandte derzeit mit aller Gewalt, einen komatösen Dinosaurier künstlich zu beatmen, wäre das schlimm genug; doch auch der bestehende Nationalstaat ist längst nicht mehr das, was sie sich wünschen. Er hat sich gewandelt, was sie mit Verwesung verwechseln. So wollen sie seinen Ahnherrn vom Beginn des 20. Jahrhunderts wiederbeleben – samt seiner von Nationalismus und Ultrakonservatismus verkalkten Organe. Austrittsabstimmungen sind eine ihrer Holzhammermethoden, den Affen zu schocken. Das Biest ist längst hinüber, nicht frisch genug, wie Lovecrafts Herbert West sagen würde – aber wie das so ist: In ihren letzten Zuckungen vermögen todesnahe Riesen noch einigen Schaden anzurichten; und auferstandene Mumien verbreiten den Tod.

Übrigens: Das Solsystem, orakelte Perry Rhodan nach der Dolan-Katastrophe, würde nie wieder werden, was es war; aber auf die Beine sind sie doch wieder gekommen. Wurde sogar am Ende alles besser.

:: Integrationsgesetz oder: Das Selbstgespräch der nicht Betroffenen

Willkommen im Blog, das verbitterte Selbstgespräche führt. 😎 Solche kann man allerdings auch zu Mehreren veranstalten, und dann können sie ganz lustig werden, wie am Sonntag mal wieder der „Presseclub“ bei Phoenix demonstrierte. Thema war das neue Integrationsgesetz. Außer dem von der taz entsandten Teilnehmer fanden’s alle einigermaßen geil. Herr Sathom will hier gar nicht en detail auf die Sendung eingehen; ihm fiel bloß anläßlich ihres Themas und mancher Äußerung dazu etwas auf, das die gesamte aktuelle Debatte kennzeichnet.

„Fordern und Fördern“ steht auf dem Banner, das über dem Gesetz weht. Und he, klingt das nicht irgendwie vertraut? Richtig – es ist eben die Parole, mit der die Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze übers Volk gebracht wurden. So ein Zufall.

Herr Sathom formulierte hier schon früher einmal den Verdacht, daß die Vorurteile, die Zuwanderern und einheimischen „Sozialschwachen“ (also: den Armen) entgegenschlagen, weitgehend dieselben sind. Wirft man einen Blick auf die Prämisse des neuen Gesetzes und die begleitende Propaganda derjenigen meiden, die es begrüßen, kann man den Eindruck gewinnen, daß hier tatsächlich sehr ähnlich, wenn nicht identisch argumentiert wird.

Indem man den Schlachtruf der Agenda 2010 wieder aus der Mottenkiste holt, übernimmt man deren implizite Unterstellung – gefordert und sanktioniert werden muß, denn ohne Arschtritt kommen diese faulen Versager nicht in die Gänge. Überhaupt ist das „und“ zwischen den F-Worten ein Schwindel; um Forderung plus Förderung geht es nicht. Daß man fordert, ist die Förderung; wenigstens in vielen Köpfen. Die Gef…ten brauchen den Tritt nämlich.

Wer einmal mit Hartz-Jobbern zusammengearbeitet und von ihren Erfahrungen gehört hat, oder seine Gewerkschaftszeitung liest, weiß hingegen, daß ihre Rückkehr auf den Ersten Arbeitsmarkt nicht an ihnen scheitert, die per Androhung von Leistungsentzug in Knochenjobs für minimalen Stundenlohn gezwungen, oder zu idiotischen Schulungen geschickt werden. Sondern daran, daß diese Rückkehr gar nicht gewollt ist. Die Bereitstellung eines Sklavenheers, das der Staat entlohnt, ist ein Geschenk an die Wirtschaft (u.a. lebt eine ganze Branche von Kursanbietern davon). Der Schwindel, es läge an den Ausgebeuteten, daß diese auch nach Jahren nicht zurück in „richtige“ Arbeit gelangen, verleumdet diese, um den Zusammenhang zu vertuschen.

Nun funktioniert dieser Trick immer weniger, je mehr Menschen sozial abrutschen und die Wirklichkeit des Hartz-Daseins selbst erfahren; doch bei den Zuwanderern wird der Mummenschanz wieder angelegt. Vielleicht, weil man hofft, mit dieser Gruppe erfolgreich verfahren zu können, wie damals mit den als „Sozialschmarotzer“ gebrandmarkten. Bei denen zieht das nicht mehr so richtig – aber prima, jetzt hat man neue Sündenböcke, auf die man den Unmut der Menschen lenken kann. Siehste, nicht der Bänker frißt dir die Wurst vom Brot, sondern der Flüchtling. Und wie damals der Sozialhilfeempfänger ist er durch das Vorurteil von vornherein diskreditiert, unglaubwürdig und damit mundtot gemacht; kann aufgrund seiner Lage kaum am Diskurs teilnehmen und sich praktischerweise nicht äußern; so daß man herrlich über ihn reden (und richten) kann, statt mit ihm. Wie eben einst und meist auch jetzt noch die Armen. In Polit-Talkshows zum Themen wie Hartz IV, „bildungsfernen Schichten“ etc. gehörten ja auch immer ganz bestimmte Leute nicht zur Gesprächsrunde – die nämlich, um die es ging. Andere saßen da und erklärten, was mit diesen Leuten nicht stimmt. Sie selbst hatten und haben zum Thema gefälligst nichts zu sagen – bloß Thema zu sein. Dieser Mechanismus wird nun in der Flüchtlingsfrage wieder angeschmissen.

Die Methode ist die bewährte – für die „Lösung“ des Problems werden die Betroffenen verantwortlich gemacht, indem man sie zu Verursachern erklärt. Schuld am Vorkommen von Armut sind die Armen, so die Botschaft damals; schuld am Integrationsproblem sind diesmal nicht fehlende Angebote z.B. von Sprachkursen oder fortdauernde Fremdenfeindlichkeit, an der jede Eingliederungsbemühung von Zuwanderern zerschellt, sondern – die Zugewanderten. So wie die Hartzer und Niedriglöhner nicht systemproduziert sind, sondern selbst schuld, haben sich eben auch die Einwanderer seit Jahrzehnten aus purem, bösen Willen jeder Integration verweigert und sich ihre Parallelgesellschaften gebastelt, und nicht etwa, weil man sie ständig zurückgewiesen hat. Und, na klar: Bildungsunwillig sind beide Gruppen; nicht etwa durch ein System, das Kinder von Gutverdienern bevorzugt, von Bildung ausgeschlossen.

Dank des Generalverdachts kann man so wunderbar fordern und (k)ein bißchen fördern – das Urteil über diejenigen, die auf der Strecke bleiben, ist im Gedanken, den Gesetz und konservativ-mediale Begleitmusik subtil transportieren, schon enthalten: „Selbst schuld“. Die, denen Integration mißlingt, haben versagt – nicht das System. So wie einst auch die Agenda 2010 Gleiches denen unterstellte, deren (Re-)Integration in den Ersten Arbeitsmarkt scheiterte.

Daß es Integrationsprobleme wie kriminelle Clans oder neuerdings „Antänzer“ gibt, soll hier gar nicht geleugnet werden. Aber wißt Ihr, Leute, dis kommt von dis. Läßt man Einheimische jahrelang zum Verrecken im Dreck liegen, werden sie – schlimmstenfalls – Nazis; behandelt man Zugewanderte eine nun schon viel längere Zeit wie Dreck, basteln sie sich eben ihre Parallelgesellschaften. Der Globalverdacht und das Herumgemurkse mit nicht vorhandenen Sprachkursen werden dieses Kind aber auch nicht wieder aus dem Brunnen holen.

Die Vertreterin der „Zeit“ sprach im Presseclub von einem „Selbstgespräch“, das die Gesellschaft gerade führe, und wollte mit dem Begriff wohl eine notwendige Richtungsebatte bezeichnen. Nur ist ein Selbstgespräch eben keine Diskussion. Jetzt wie einst sitzen wieder jene, die über Schwächere verfügen und deren Schicksal entscheiden, unter sich beisammen, und reden über die da unten; versichern einander in ihrer sozialen Seifenblase, daß sie schon am Besten wüßten, was denen draußen zu geschehen habe. Insofern hatte die Dame mehr recht, als sie ahnte – ein wunderschöner Freudscher Ausrutscher.

:: Populistische Rhetorik

Der FPÖ-Kandidat zur österreichischen Bundespräsidentenwahl Hofer im Interview. Der Journalist stellt eine unangenehme Frage zu Aussagen, die sich in einer Festschrift der Burschenschaft des Kandidaten finden. Herr Hofer kontert mit einer Feststellung zum Aussehen des Interviewers. Statt auf die Frage überhaupt einzugehen, spricht er lachend davon, wie der Journalist aussehe. Deprimiert wirke er, nicht mehr so fröhlich wie vor Wochen noch. Die zwischen den Zeilen eingeschlagene Richtung: Daß der Journalist in diesen vergangenen Wochen (an ihm, dem Herrn Hofer vielleicht, oder seinem zunehmenden Erfolg?), verzweifelt und darob um Jahre gealtert sein müsse; es sich mithin um die irrelevante Verzweiflungsfrage eines, der des FPÖlers nicht mehr anders Herr werden könne, handele. Ja, das sind Mutmaßungen; doch eben mit diesen arbeitet Hofers Replik. Warum sollte es eine Rolle spielen, daß der Interviewer nicht mehr lustig ist (daß er so aussähe, allein Hofers Behauptung übrigens)? Warum wird auf die Frage nicht einmal zum Schein eingegangen, und was zum Teufel hat es mit ihr zu tun, wie der Fragesteller angeblich aussieht?

Eine andere Sendung, die Moderatorin konfrontiert Herrn Hofer mit dem Ergebnis einer Recherche. Der FPÖ-Mann will nämlich in Israel einen muslimischen Anschlag aus nächster Nähe miterlebt haben. Nur – die israelischen Sicherheitskräfte wissen auf Nachfrage nichts von Anschlägen im besagten Zeitraum. Hofer erklärt den Vorhalt zum Angriff auf seine Glaubwürdigkeit, den er sich nicht gefallen lassen werde, und zum Beispiel dafür, wie „objektiv“ der ORF sei. Ein ähnliches Vorgehen – weg vom Sachverhalt; Klage über fehlende Objektivität; gekränkte Unschuld und kämpferisches Gehabe.

Rhetorische Tricks – längst auch imitiert von AfD-Größen. Frauke Petry, mit Fragen zu einer früheren Äußerung belästigt, beginnt einen Vortrag darüber, was die Medien aufgreifen (in dem Fall den ihr unbehaglichen Punkt), und was nicht. Subtext: Mich so etwas zu fragen, ist böswillige Selektion von Themen. Das Gespräch wird von der konkreten Frage zur allgemeinen Unterstellung umgelenkt, unfair behandelt zu werden. Wie in Hofers Fall gerät der Sachverhalt, zu dem sie befragt wurde, völlig aus dem Blick.

Einen Einblick in die rhetorischen Tricks von Populisten, darin die obigen Beispiele, bietet ein Beitrag des Medienmagazins ZAPP vom 25.05.2016. Eigentlich sind die beschriebenen Maschen leicht durchschaubar; aber es scheint genügend Menschen zu geben, die sie nicht durchschauen wollen.

:: Arzneimitteltests an Demenzkranken

Als ob alarmistische Dystopie-Propheten wie Herr Sathom nicht schon genug Sorgen hätten: Bundesgesundheitsminister Gröhe möchte, so Medienberichte der letzten Woche, Medikamentenversuche an Demenzkranken und geistig Behinderten erleichtern – auch, wen die Betroffenen keinen Nutzen von so entwickelten Arzneien hätten.

Die Argumente der Gegner solcher Pläne – der Grünen vornehmlich, und der Kirchen – sind, wie auch die der Befürworter, medial allgemein zugänglich (etwa hier und hier einsehbar), und sollen hier nicht noch einmal sämtlich im Detail besprochen werden. Auch soll nicht erörtert werden, ob es sich bei den geplanten Versuchen um Euthanasie handele (tut es nicht). Eingehen, das allerdings ausführlich, wollen wir hingegen auf ein spezifisches Argument der Fürsprecher – daß nämlich Mißbrauch ausgeschlossen sei, wobei notwendige, grundsätzliche Einwilligung in der Patientenverfügung verwiesen wird (Vordrucke für Patientenverfügungen weisen jedoch, praktischerweise, nicht auf solche Tests hin). Wie jemand, der geistig behindert geboren wurde, vorab in irgend etwas einwilligen soll, steht zudem in den Sternen; möglicherweise will man hier, wie auch bei Demenzkranken, den Umweg über die Betreuer einschlagen.

Mißbrauch nicht zu befürchten. Das klingt, wie alle anderen Aussagen der Pro-Seite, ganz vernünftig und gemäßigt; wiederholt somit eine alte Botschaft, die immer gern als Subtext mitgeliefert wird, wenn es um Brüche mit bisherigen Tabus geht: So schlimm wird es schon nicht werden. Alte Menschen, im Pflegeheim ohnehin schon hilflos und ohne Lobby, irgendwelchen Frankensteins ausgeliefert? Ach i wo.

Nur, daß hier ein Anfang gemacht wird – ein erster Schritt in eine bestimmte Richtung. Es liegt in der „Natur der Sache“, daß die Profiteure einer solchen Entwicklung (Pharmakonzerne zuallererst, die dadurch kostenlos, nämlich ohne Honorarzahlung an menschliche Versuchskaninchen kommen) irgendwann mit den bestehenden Möglichkeiten nicht mehr zufrieden sein, Hemmnisse und zu eng gesetzte Grenzen beklagen – und weitere Deregulationen fordern werden

Wie man das wissen will, und weshalb es in der „Natur“ der Sache liegen soll? Das Stichwort liefert ausgerechnet die kirchliche Kritik, auch wenn Herr Sathom sonst kein Freund der Kirchen ist: „Verzweckung“ sei das, beklagen sie. Die des Menschen nämlich; und der sind, einmal in Angriff genommen, keine immanenten Grenzen gesetzt.

Warum das?
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:: Wrestling als antikes Heldendrama

Mal was ganz anderes.

Herr Sathom guckt seit einiger Zeit begeistert Wrestling, vornehmlich WWE.

Über diesen Sport kann man die Nase rümpfen – die Kämpfe seien ja abgesprochen, lautet das erste Argument; choreographiert, würde Herr Sathom entgegenhalten, wobei die oft atemberaubenden Aktionen, die im Ring stattfinden, den Athleten ein Höchstmaß an Koordination und akrobatischem Können abverlangen, um sie ohne ernsthafte Verletzungen durchzuführen.

Ebenso choreographiert ist das Drumherum. Auch, wer sich nie mit Wrestling – früher hier als Catchen bekannt – befaßte, weiß, daß es festgelegte Rollen gibt, die Guten, die Bösen, die Helden des Publikums, die abgefeimten Schurken. Dabei ist das Beziehungsgeflecht der Opponenten heutzutage weitaus komplizierter, folgt einem ausgefeilten Drehbuch. Es gibt Intrigen hinter den Szenen – die jedoch per Großbildprojektion in die Arena übertragen werden, so daß das Publikum die „Hintergrundgeschichte“ erfährt, die sich auch in den sozialen Netzwerken und via Twitter fortsetzt; Feindschaften, die zu Freundschaften werden, Bündnisse, die zerbrechen, ehemalige Kumpane zu verbitterten Widersachern entzweien, u.v.m. Ein Narrativ umspannt die Kämpfe, eine endlos fortgesponnene Hintergrundgeschichte dessen, was sich tatsächlich inzwischen „WWE-Universum“ nennt (wie das Marvel-Universum, das DCU oder das Buffyverse), allerdings hier die Zuschauer mitmeint.

Betrachtet man alle Vorgänge im und um den Ring, hinter den Kulissen usw., fällt tatsächlich sofort die Ähnlichkeit mit Superheldengeschichten auf. Wie dort gibt es Rivalitäten, verfeindete Teams, Seitenwechsel, spontane Bündnisse, z.B. gegen einen schurkischen Feind, dessen Auftreten Rivalen kurzzeitig eint, und allerhand Konflikte auch zwischen den „Guten“ (The First Avenger: Civil War, anybody?). Wie dort haben die Konflikte und Beziehungsgeflechte oft den Charakter von Soap Opera-Narrativen. Längst erreichen Selbstinszenierung und Kostümierung ein Niveau, das an Comichelden erinnert – da sind mexikanisch maskierten Luchadores wie Kalisto, da sind die Vaudevillains, benannt nach den Vaudeville-Bühnen des späten Neunzehnten bis frühen Zwanzigsten Jahrhunderts, kostümiert wie damalige Kraftmaxe und mit pomadigem Haar, sowie gezwirbelten Schnurrbärten ausgestattet. Da ist Roman Reigns, der früher einer Gruppe namens The Shield angehörte (einem Superteam, wenn man so will; der alliterative Kampfname Roman Reigns ist ein Wortspiel, das sich mit Roman regiert übersetzen läßt). Doch darunter, meint Herr Sathom, verbirgt sich eine tiefere Ebene (die, ironischerweise, zugleich auch Fundament der Superhelden-Epen ist).

Und so will Herr Sathom hier einmal eine These aufstellen, die Verächtern des „primitiven“ Massenspektakels vielleicht keß erscheint. Es liegt nahe, Wrestling als „modernes Gladiatorenspiel“ aufzufassen; das ist es jedoch keineswegs. Vielmehr möchte Herr Sathom behaupten, daß es sich um kunstvoll inszenierte Dramen antiken Stils handelt; gelegentlich solche, die die Form der Tragödie annehmen.

„Sakrileg“, wird da Mancher rufen; der Kanon der geheiligten, abendländischen Klassiker und diese Prügeleien auf einer Ebene? Aber sehen wir genauer hin. Eines vorab – dieser präzise Blick bedeutet nicht, durch Gleichsetzung das antike Drama herabzuwürdigen; sondern es zu respektieren und ernstzunehmen als das, was es ist. Dazu später mehr.

Vorab eine Präzisierung. „Dramen antiken Stils“ heißt, daß nicht nur Motive und Mittel antiker Dramen zum Einsatz kommen, die damals tatsächlich – soweit wir sie kennen – als Bühnenstücke geschrieben wurden; sondern daß die Inszenierungen im Amphitheater unserer Tage auch Themen alter Epen und Mythen wiederholen, die damals entweder nicht in dramatische Form gebracht wurden, oder in dieser Form verloren gingen (das antike Drama als solches bediente sich, soweit erhalten,wiederum selbst aus einem Pool vorliegender Stoffe).

:: En lisant „Charlie Hebdo“. Eine Rezension.

Herr Sathom, gealterter Rebell, der er nun einmal ist, hat sich neulich endlich mal eine Ausgabe von Charlie Hebdo gekauft. Er war nämlich schon lange neugierig, doch ist die lustige französische Schmähschrift selbst hier, wo man so weltstädtisch sein will, nicht überall zu haben; Herr Sathom aber befand sich in der Innenstadt, und ergriff die Gelegenheit.

Er forderte also an der Zeitungsbude die Herausgabe eines Exemplars um wohlfeile vier Euro (die unter dem Titel ausgewiesenen drei gelten gelten nur für La France, der hiesige steht kaum sichtbar links neben dem Titelbild, merde alors). Der migrierte Kioskbetreiber händigte das Blatt mit der üblichen Freundlichkeit solcher Betreiber, gleich welchen kulturellen Hintergrundes, aus. Herr Sathom aber stellte bei Sichtung seiner Beute mit Vergnügen und Interesse fest, daß sein Schulfranzösisch sich recht gut gehalten hat.

Was also steht in Charlie Hebdo? Zumindest die verkürzte Berichterstattung in Fernsehen und Internet blieb zu dieser Frage stets oberflächlich. Man konzentrierte sich auf das Redaktionsattentat, oder den Skandal um die Darstellung eines toten, angeschwemmten Flüchtlingsjungen; gab von den Inhalten des Blattes nur ausgewählte, besonders provokative Zeichnungen wieder. Inhalt, Ausrichtung und Hintergrund der jeweiligen Ausgabe, oder der Zeitschrift als solcher, wurden nicht näher beleuchtet. So konnte – möglicherweise – der Eindruck entstehen, das Blatt bestehe ausschließlich aus anstößigen, von Fäkal- und Sexualhumor geprägten Witzbildern.

Vielleicht war dieser Eindruck erwünscht, weitaus wahrscheinlicher jedoch Reflex hiesiger Bevölkerungspädagogen, denen die französische Humortradition unbekannt ist. Womöglich erschraken diese Leute ein bißchen und pickten sich heraus, was sie benötigten, um eilends eine Debatte darüber loszutreten, was Satire dürfe, und ob bzw. daß die Charlies da wohl ab und an zu weit gingen. Zeitgleich sahen konservative bis rechte Vertreter des politisch Inkorrekten die Gelegenheit, ausgerechnet Charlie als Kronzeugen für sich zu mißbrauchen. Je nach politischer Couleur lieferten aus dem Zusammenhang gerissene Karikaturen den „Beleg“ für die eigene Auffassung; dienten also, ohne die Publikation wirklich zu analysieren, als bloße Aufhänger für Diskussionen über die Meinungsfreiheit, ggf. für Forderungen nach deren Einschränkung. Gefragt wurde dabei u.a., ob man nicht auf „religiöse Gefühle“ besondere Rücksicht nehmen solle (als stellten diese irgendwie einen höheren Wert dar als die Befindlichkeiten von, na, sagen wir, Homosexuellen oder Atheisten). Sogar den „Selbst schuld“-Reflex konnte sich mancher Kommentator nach dem Attentat auf die Redaktion nicht verkneifen, wenn auch meist zwischen den Zeilen geäußert; da schwang dann die Unterstellung mit, die Macher von Charlie Hebdo seien ein Haufen Possenreißer, die mit verantwortungslos beleidigenden Zoten ihr Schicksal irgendwie herausgefordert hätten. Und das, sagten die Pädagogen mit erhobenem Zeigefinger, darf man nicht.

Trifft dieser hierzulande teilweise erweckte Eindruck von Charlie Hebdo zu? Allons-y. Machen wir die Probe aufs Exempel.

Es handelt sich um Ausgabe 1241 vom 04. Mai 2016 (der Einfall, überhaupt einmal eine solche Rezension zu schreiben, kam Herrn Sathom erst verspätet). Titelthema ist der anstehende Prozeß gegen Abdeslam, einen mutmaßlichen Komplizen der Attentäter von Paris. Weitere Karikaturen und Texte behandeln eine große Bandbreite sozialer, gesellschaftlicher und politischer Themen.

Ja, Texte. Die Überraschung: Das Gros des Inhalts besteht aus Text. Artikel, Kurzmeldungen, Glossen, Kommentare und ein Interview – pointiert, gut recherchiert, Haltung und Meinung der Verfasser/innen offen eingestanden, aber von Fakten unterfüttert; das alles mit so galligem wie gallischem Humor knapp und stilsicher auf den Punkt gebracht. Herr Sathom, der sich durchaus eine ziemliche Labertasche weiß, zieht vor solcher Prägnanz den Hut. Das gilt auch für das klare Bekenntnis zum eigenen Standpunkt. Die Autor/innen sind nicht „objektiv“ – sie vertreten Positionen und beziehen offen Stellung, stets für die Geknechteten, Migrierten, Unterdrückten oder Ausgebeuteten. D.h. anders als hiesige bürgerliche Journalisten verhehlen sie nicht, von welcher Warte aus sie argumentieren oder attackieren; täuschen also nicht vor, statt ideologisch geprägter Meinungen objektive Lebenstatsachen zu verkünden, zu denen man bei abwägendem Einsatz nüchterner Vernunft nur so und nicht anders gelangen könne.

:: Volksparteien – Nachtrag zu „Wer ist das Volk?“

Ein Nebengedanke zum Thema „Volk“.

Daß sich die neuen Rechten brüsten, die alten „Volksparteien“ abzulösen, bzw. behaupten, daß diese ohnehin keine mehr seien, wirft eine Frage auf. Wieso überhaupt „Volksparteien“? Warum nicht „große“, „etablierte“ oder „traditionelle“? Woher rührt eigentlich der Begriff, der ja schon vor dem Erstarken der Rechten, nämlich als Selbstbezeichnung der stärksten Parteien, üblich war?

Seine bloße Existenz ist bezeichnend. Auch in anderen Ländern gibt es Parteien, die sich „Volkspartei“ oder „Partei des Volkes“ nennen, doch handelt es sich stets um Eigennamen von Organisationen, deren Ausprägung i.d.R. totalitär ist – wie die neuen Rechten legitimieren auch sie sich durch einen behaupteten Alleinvertretungsanspruch, also den, daß nur sie das Volk in seiner Gänze vertreten (bzw. daß, wer anders denkt, nicht den „Volkswillen“ teile, tendenziell nicht zum „Volk“ gehöre). Eine Gruppe von Parteien – die größten, vorherrschenden, erfolgreichen – so zu nennen, ist, soweit Herr Sathom weiß, nur hierzulande üblich.

Woher die Neigung, eine Partei durch Verleihung dieser Bezeichnung („die Grünen sind zu einer Volkspartei geworden“, als Beförderung ausgesprochen) besonderen Wert zuzumessen? :: Volksparteien – Nachtrag zu „Wer ist das Volk?“ weiterlesen

:: Neusprech – Nachtrag zu „Donner in den Alpen“

Einige nachgeschobene Gedanken zum o.g. Beitrag.

Wie dort schon erörtert, behaupten Politiker, Wortführer und Anhänger von AfD und ggf. Pegida, durch die Bezeichnung „Rechtspopulisten“ diskriminiert zu werden; überhaupt sehen sie sich von den Medien, der Politik und den „linken Eliten“ verleumdet. Im Zuge solcher Äußerungen fällt gelegentlich der Begriff „Neusprech“.

Wir erinnern uns: Der Begriff stammt aus George Orwells Roman 1984 und bezeichnet dort laut Wikipedia eine „vom herrschenden Regime vorgeschriebene, künstlich veränderte Sprache.“ Das im Roman beschriebene Verfahren der Sprachmanipulation unterscheidet sich zwar stark von dem, was wir heutzutage unter „Sprachregelungen“ verstehen, kann als Synonym für solche aber durchaus taugen – wenn man es metaphorisch verwendet. Nur, doziert Herr Sathom, indem er seine kluge Lesebrille abnimmt und Meyers Konversationslexikon des digitalen Zeitalters wieder im Schrank verschwinden läßt, verwenden es Anhänger der Rechten wohl auch in einem naiv konkreten Sinn, nämlich als Ausdruck ihres Empfindens (bzw. ihrer Behauptung), Verfolgte eines totalitären Regimes ähnlich dem Orwellschen zu sein (dazu unten mehr).

Herr Sathom hat es in „Donner in den Alpen“ schon kurz angesprochen; er behauptet, daß es vielmehr die Rechten selbst sind, die Neusprech betreiben – ganz perfide zur letzten Konsequenz geführt, indem sie es zugleich den Gegnern vorwerfen. Betrachten wir einige Beispiele.

Da wird etwa die aktuelle bundesdeutsche Ordnung gern als faschistisch bezeichnet. Man kann von unseren derzeitigen Herrschaftsverhältnissen allerhand sagen, doch sie mit Faschismus gleichzusetzen, weist entweder auf eine massive Unkenntnis dessen hin, was der Begriff bedeutet – oder stellt eine unverschämte Lüge dar. Ob hier Dreistigkeit oder Geschichtskenntnisse unter dem Nullpunkt eine Rolle spielen, will Herr Sathom gar nicht erörtern – aber die Gleichsetzung an sich ist idiotisch. Allerdings verfolgt sie einen bauernschlauen Zweck. Indem die neuen Rechten von Faschismus faseln, stellen sie sich selbst als Verfolgte dar, können sich gar als Opfer eines von „den Eliten“ geplanten, schleichenden Genozids per Zuwanderung phantasieren. Ja, Herr Sathom guckt Sie an, Herr Pirinçci.

Weiter. Die Medien, öffentliche wie private, aber auch Politiker bezeichnen rechtslastige Mitmenschen und ihre Propheten gern als „Rechtspopulisten“. Der Begriff ist verharmlosend. Doch sogar ihn deutet die Rechte so um, daß er eine Unterstellung, eine Diskriminierung darstelle – d.h. daß man sie schont, und nicht als Nazis oder Rassisten bezeichnet, werten sie als Ausdruck einer herabsetzenden Propaganda. Nicht einmal „rechts“ wollen sie noch sein. Zugleich bezeichnen rechte Kommentatoren in Online-Foren ihre Gegner als Links-, Öko-, oder Sonstewas-Populisten; betreiben also eine Begriffsverwischung, die den Terminus „Rechtspopulist“ seines Inhalts entleeren soll. Wenn alle Populisten sind, bedeutet die Bezeichnung nichts.

Eine andere Bezeichnung hat die Rechte für sich gekapert – auch wer Asylbewerberheime anzündet, oder vor Bussen voller verängstigter Flüchtlinge randaliert, ist jetzt bloß „besorgter Bürger“. Die Selbstbezeichnung, mit der tatsächlich einfach nur besorgte Leute den Verdacht abwehren wollten, rechts zu stehen, dient nun als zynischer Euphemismus.