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:: Von hier an: Trump

Keine Sorge, das kommt auch noch vor. Der neue US-Präsident wird heute eingesetzt; zu ihm hangeln wir uns schon hin.

Befassen wir uns aber zunächst mit einer besonders lustigen AfD-Forderung. Nein, nicht dem Mist, den Björn Höcke verzapft hat, und der im Augenblick alle so aufregt, von wegen es bräuchte eine erinnerungspolitische Wende, und das Berliner Holocaust-Mahnmal sei ein „Denkmal der Schande“ – das alles hätte man längst wissen können. Wes Geistes Kind die AfD-Führungsriege ist, lag lange schon offen, und auch das Ausmaß ihrer ideologischen Bräune; wer da jetzt erstaunt tut oder sich erst nach Höckes Anfall von Ehrlichkeit empört, hat die vergangenen Jahre unter einem Stein verbracht.

Es klingt daher zwar gewitzt, wenn Sascha Lobo, jener leicht überschätzte Erklärer der platzeprallen sozialen Harnblasen des Internet, auf Spiegel Online fordert, sich Höckes Rede aber auch ja anzusehen, damit diesmal keiner hinterher sagen könne, er habe nichts gewußt; Herr Lobo liegt gern schon einmal halb daneben, diesmal aber völlig richtig – nur ist er leider zu spät dran. Wissen kann man das, was sich da nun so offensichtlich zeigte, schon lange. Herr Lobo hat allerdings recht, wenn er schreibt, daß fünf Nazis in einer Gruppe von hundert Leuten diese zwar nicht insgesamt zu Nazis machen, daß jedoch das Verhalten der restlichen fünfundneunzig, sobald diese wenigen ihre Fahnen und Parolen sprechen lassen, durchaus bedeutsam sei. Verbannen sie die fünf nicht aus ihrer Gruppe, könne oder müsse dieses Verhalten sehr wohl als „Absichtserklärung der gesamten Gruppe verstanden werden.“ Stimmt. Diejenigen AfD- und Pegida-Anhänger, die darauf beharren, nur „besorgte Bürger“ statt Nazis zu sein, müssen erklären, weshalb sie dann mit welchen gemeinsam marschieren. Warum sie ihre Besorgnisse – ganz gleich, wie berechtigt diese sind – nicht in säuberlicher Scheidung von jenen vortragen. Wer NPD-Kader und andere Rechte in seiner Mitte duldet, hat keine Ausrede. Oder, wie das amerikanische Sprichwort sagt: You lie down with dogs, you get up with fleas; ohne Tiervergleiche in seiner hiesigsprachigen Entsprechung: Gleich und gleich gesellt sich gern. Das könnten sich auch jene Politiker und Journalisten einmal sagen, die dafür plädieren, nicht alle „in eine Topf zu werfen“ – da hineingeworfen haben die sich nämlich längst selbst. Insofern auch das nichts Neues, aber gut und offenbar notwendig, daß Herr Lobo noch einmal daran erinnert.

A propos säuberlich: Es gehört ja zu den beliebten Erzählmotiven der Rechten, daß die Scheidung zwischen Rechts und Links nicht mehr existiere. Von Seiten der Rechten ist diese Behauptung eine rein taktische; sie liefert jedem, der sich AfD, Pegida, „Identitären“ usw. anschließen will, eine nützliche Ausrede, weshalb er deswegen nicht „rechts“ sei. Erstaunlich jedoch ist, wie beflissen teils auch bürgerliche Medien und Politiker diese gedanklich schlampige, unsachliche Entdifferenzierung übernehmen. Vielleicht, weil sie dem Establishment ermöglicht, linke und andere Kapitalismuskritik gleich mit abzuqualifizieren, sie mit dem gemeinsamen Etikett „Populismus“ zu versehen? Hier scheint es ganz genehm, unterschiedliche Dinge in denselben Topf zu werfen und kräftig umzurühren.

Aber wie gesagt – lassen wir das. Widmen wir uns lieber etwas Ulkigem an diesem Tag, da John Carpenters Escape from L.A. – oft als ernst gemeinter, aber schlecht gemacher Apokalypsenfilm mißverstanden, tatsächlich eine Satire – Wirklichkeit zu werden droht. Wenn die Welt schon untergeht, dann wenigstens lustig.

Die AfD möchte nämlich auch gern, und hier beweist sie Sinn für Humor, daß das pfälzische Dorf, dem Donald Trumps Vorfahren entstammen, touristischer Wallfahrtsort werde. Die Einwohner des Örtchens sind, von Ausnahmen abgesehen, eher wenig begeistert. Für Deutschlandradio Kultur ist die Forderung Anlaß zu ein wenig Ahnenforschung. Und siehe da: Trumps Großvater war ein illegaler – nun, nicht Einwanderer, sondern Auswanderer. Er drückte sich nämlich darum, von seinem Landesfürsten und Leibeigner die Erlaubnis zum Verduften einzuholen, weshalb dieser ihn später auch nicht zurückhaben wollte. Auch der Prinzregent Luitpold habe sich auf entsprechende Anschreiben ungnädig gezeigt, heißt es; gewissermaßen eine Ablehnung des Asylgesuchs eines Rückkehrers. Damit nicht genug – den Grundstein zum trumpschen Vermögen legte der Opa offenbar unter anderem durch Bordellbetrieb. Ja da schau her. All das ist vielleicht nicht notwendig zu wissen, und ebenfalls nicht neu – aber zumindest noch einmal eine pikante Fußnote, kurz bevor das Tier 666 der nächste Präsident den Thron besteigt. Wird Senator Palpatine Donald Trump die galaktische Republik zerschlagen Amerika wieder groß machen, und Europa zerlegen? Popcorn, bitte.

Kommt alles, wie von Carpenter prophezeit? Seine andere Satire, Sie leben!, hat das Wüten des Finanzkapitalismus ja inzwischen bestätigt. Wie war das noch in Die Fürsten der Finsternis? „Dies ist eine Warnung aus der Zukunft“? Und kann Trump eine volle Amtszeit durchhalten? Verlassen wir uns hier nicht auf einen Pfuscher wie Nostradamus, hören wir gleich die Experten: Und es wurde ihm ein Mund gegeben, der große Dinge und Lästerungen redete; und es wurde ihm Macht gegeben, zweiundvierzig Monate zu wirken (Offenbarung 13,5). Na, das sieht doch ganz gut aus; im letzten Jahr wird irgendwas sein.

Nun, fröhlich geht die Welt zugrunde; und das ist ja immerhin auch was wert. Das Deutschlandradio weiß dank einer erfolgreichen Totenbeschwörung übrigens auch, was Karl Marx von alledem gehalten hätte: Ein hörenswerter Beitrag.

:: Campact! klärt über AfD auf

Noch einmal zu einem Thema, das wir hier schon hatten: Das Programm der AfD und die Frage, wie sozial diese Partei, die sich gern als die der „kleinen Leute“ gibt, wirklich ist.

Die Organisation Campact! hat einige diesbezügliche Punkte des AfD-Grundsatzprogramms näher beleuchtet, und das Ergebnis als lesenswerten Beitrag auf ihrer Website veröffentlicht. Ein ebenfalls vorhandenes, recht hübsches Video reißt dieselben Fragen natürlich nur an (schnelle Information und Knappheit sind ja Zweck solcher Spots); zusätzlich zu dem witzig animierten Filmchen sollte man daher ruhig den Blogbeitrag lesen, der die AfD-Vorstellungen übersichtlich, tiefgehender und doch kurz gefaßt mit der sozialen Wirklichkeit konfrontiert, und nach Konsequenzen einer AfD-Politik fragt, die solche programmatischen Punkte umsetzen würde.

:: Volksparteien – Nachtrag zu „Wer ist das Volk?“

Ein Nebengedanke zum Thema „Volk“.

Daß sich die neuen Rechten brüsten, die alten „Volksparteien“ abzulösen, bzw. behaupten, daß diese ohnehin keine mehr seien, wirft eine Frage auf. Wieso überhaupt „Volksparteien“? Warum nicht „große“, „etablierte“ oder „traditionelle“? Woher rührt eigentlich der Begriff, der ja schon vor dem Erstarken der Rechten, nämlich als Selbstbezeichnung der stärksten Parteien, üblich war?

Seine bloße Existenz ist bezeichnend. Auch in anderen Ländern gibt es Parteien, die sich „Volkspartei“ oder „Partei des Volkes“ nennen, doch handelt es sich stets um Eigennamen von Organisationen, deren Ausprägung i.d.R. totalitär ist – wie die neuen Rechten legitimieren auch sie sich durch einen behaupteten Alleinvertretungsanspruch, also den, daß nur sie das Volk in seiner Gänze vertreten (bzw. daß, wer anders denkt, nicht den „Volkswillen“ teile, tendenziell nicht zum „Volk“ gehöre). Eine Gruppe von Parteien – die größten, vorherrschenden, erfolgreichen – so zu nennen, ist, soweit Herr Sathom weiß, nur hierzulande üblich.

Woher die Neigung, eine Partei durch Verleihung dieser Bezeichnung („die Grünen sind zu einer Volkspartei geworden“, als Beförderung ausgesprochen) besonderen Wert zuzumessen? :: Volksparteien – Nachtrag zu „Wer ist das Volk?“ weiterlesen

:: Neusprech – Nachtrag zu „Donner in den Alpen“

Einige nachgeschobene Gedanken zum o.g. Beitrag.

Wie dort schon erörtert, behaupten Politiker, Wortführer und Anhänger von AfD und ggf. Pegida, durch die Bezeichnung „Rechtspopulisten“ diskriminiert zu werden; überhaupt sehen sie sich von den Medien, der Politik und den „linken Eliten“ verleumdet. Im Zuge solcher Äußerungen fällt gelegentlich der Begriff „Neusprech“.

Wir erinnern uns: Der Begriff stammt aus George Orwells Roman 1984 und bezeichnet dort laut Wikipedia eine „vom herrschenden Regime vorgeschriebene, künstlich veränderte Sprache.“ Das im Roman beschriebene Verfahren der Sprachmanipulation unterscheidet sich zwar stark von dem, was wir heutzutage unter „Sprachregelungen“ verstehen, kann als Synonym für solche aber durchaus taugen – wenn man es metaphorisch verwendet. Nur, doziert Herr Sathom, indem er seine kluge Lesebrille abnimmt und Meyers Konversationslexikon des digitalen Zeitalters wieder im Schrank verschwinden läßt, verwenden es Anhänger der Rechten wohl auch in einem naiv konkreten Sinn, nämlich als Ausdruck ihres Empfindens (bzw. ihrer Behauptung), Verfolgte eines totalitären Regimes ähnlich dem Orwellschen zu sein (dazu unten mehr).

Herr Sathom hat es in „Donner in den Alpen“ schon kurz angesprochen; er behauptet, daß es vielmehr die Rechten selbst sind, die Neusprech betreiben – ganz perfide zur letzten Konsequenz geführt, indem sie es zugleich den Gegnern vorwerfen. Betrachten wir einige Beispiele.

Da wird etwa die aktuelle bundesdeutsche Ordnung gern als faschistisch bezeichnet. Man kann von unseren derzeitigen Herrschaftsverhältnissen allerhand sagen, doch sie mit Faschismus gleichzusetzen, weist entweder auf eine massive Unkenntnis dessen hin, was der Begriff bedeutet – oder stellt eine unverschämte Lüge dar. Ob hier Dreistigkeit oder Geschichtskenntnisse unter dem Nullpunkt eine Rolle spielen, will Herr Sathom gar nicht erörtern – aber die Gleichsetzung an sich ist idiotisch. Allerdings verfolgt sie einen bauernschlauen Zweck. Indem die neuen Rechten von Faschismus faseln, stellen sie sich selbst als Verfolgte dar, können sich gar als Opfer eines von „den Eliten“ geplanten, schleichenden Genozids per Zuwanderung phantasieren. Ja, Herr Sathom guckt Sie an, Herr Pirinçci.

Weiter. Die Medien, öffentliche wie private, aber auch Politiker bezeichnen rechtslastige Mitmenschen und ihre Propheten gern als „Rechtspopulisten“. Der Begriff ist verharmlosend. Doch sogar ihn deutet die Rechte so um, daß er eine Unterstellung, eine Diskriminierung darstelle – d.h. daß man sie schont, und nicht als Nazis oder Rassisten bezeichnet, werten sie als Ausdruck einer herabsetzenden Propaganda. Nicht einmal „rechts“ wollen sie noch sein. Zugleich bezeichnen rechte Kommentatoren in Online-Foren ihre Gegner als Links-, Öko-, oder Sonstewas-Populisten; betreiben also eine Begriffsverwischung, die den Terminus „Rechtspopulist“ seines Inhalts entleeren soll. Wenn alle Populisten sind, bedeutet die Bezeichnung nichts.

Eine andere Bezeichnung hat die Rechte für sich gekapert – auch wer Asylbewerberheime anzündet, oder vor Bussen voller verängstigter Flüchtlinge randaliert, ist jetzt bloß „besorgter Bürger“. Die Selbstbezeichnung, mit der tatsächlich einfach nur besorgte Leute den Verdacht abwehren wollten, rechts zu stehen, dient nun als zynischer Euphemismus.

:: Wer ist das Volk?

Oder: Auf den Leim gegangen.

Zur Abwechslung mal was Aktuelles.
„Wir sind das Volk!“ schallt es laut und immer wieder aus den Reihen von AfD, Pegida und aller anderen, die nicht mehr „Rechtspopulisten“ genannt werden wollen. Der Anspruch ist klar: sie reklamieren, das „Volk“ zu repräsentieren. Politische Fragen soll per direkter Demokratie der „Volkswille“ entscheiden; also ihr eigener. Er ist, will die Parole sagen, mit dem des ganzen „Volkes“ als solchem deckungsgleich.

Aber: Das Volk, wer ist das eigentlich? Was ist mit jenen, die TTIP bekämpfen, den Lobbyismus in Brüssel, den Kapitalismus, all die Mißstände der Gesellschaft kritisch sehen, und trotzdem nicht AfD wählen? Mit denen, die Flüchtlinge willkommen heißen, sich nicht verleiten lassen, ihren Unmut in Fremdenfeindlichkeit umzumünzen? Oder mit den alleinerziehenden Müttern, den Homosexuellen, Feministinnen, allen, für die gemäß AfD-Parteiprogramm in diesem „Volk“ kein Platz mehr wäre; die sich zumindest wärmer anziehen müßten, würde es umgesetzt? Nicht zu vergessen all diejenigen, die der neuen Rechten ablehnend gegenüberstehen, und sich in öffentlichen Foren den Lynchphantasien von deren Anhängervolk ausgesetzt sehen?

Gehören diese Leute etwa nicht zum Volk, zur Bevölkerung? Nun – gemäß dem Welt- und Menschenbild der Neurechten, gemäß deren „gesundem“ Empfinden, mutmaßt Herr Sathom, wohl tatsächlich nicht. „Wir sind das Volk“, das bedeutet eben – wir; nur wir, nur, wer unsere Gesinnung teilt; jede(r) andere nicht. Volk, das ist eine fest umrissene Gruppe, allerdings nicht mehr – wie in der NS-Zeit – die Angehörigen einer „Rasse“; sondern alle, die ein ganz bestimmtes Weltbild teilen. Dadurch qualifizieren sie sich als „Volk“ – der Rest fällt durch. Schwul? Links? Journalist? Setzen, Sechs. Schnauze halten.

Ein Alleinvertretungsanspruch wird da erhoben; eine Vorstellung gepflegt, der zufolge der Wille „des“ Volkes automatisch dem entspricht, was man selbst möchte (ergo gehört, wer etwas anderes will, schon rein logisch nicht zum Volk; nur das echte, das wirkliche, DAS Volk, das mit dem gesunden Empfinden, und die mit ihm identische Rechte teilen denselben Willen – den einzig legitimierten). Diese Vorstellung äußert sich z.B. in Forderungen nach direkter Demokratie, die gar nicht ernst gemeint sind, weil mit der Phantasie verknüpft, daß der Ausgang etwa von Volksabstimmungen zwingend immer der wäre, den man selbst wünscht („Wenn man die Bevölkerung fragen würde …“). Man kann die Frage durchspielen, ob solche „Demokraten“ mißliebige Ergebnisse akzeptieren würden, oder prompt wieder auf der Straße wären, um der Mehrheit, die anders stimmte, entgegenzubrüllen: „Nein, wir sind das Volk! Nicht ihr! Ihr habt falsch gestimmt!“. Nur zu – einfach mal vorstellen, eine Mehrheit würde per Abstimmung die Ehe für Homosexuelle befürworten, und wie „das Volk“ dann reagieren würde. Daß dergleichen allerdings überhaupt vorkäme, davon wird schlicht nicht ausgegangen. Mit größter Selbstverständlichkeit nimmt der „Volksgenosse“ an, der Wille des Volkes entspräche hundertprozentig seinem eigenen. Daher die feste Überzeugung, wenn direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild installiert würde, bräche das Paradies an (die haben doch gegen Minarette gestimmt! So wäre das dann immer! Es käme stets nur heraus, was wir wollen – wie könnte irgendwer anders wählen? Wir sind doch das Volk! Immer einer Blockmeinung!). Denn Obacht: „Würde man das Volk fragen …“ – Sätze, die so beginnen, enden gern mit dem Befehl, wie die Antwort lauten müsse; das sagt Einiges aus. Der so spricht, bildet sich ein, für alle zu sprechen. Dem Teil des Volkes, das auf die Frage anders als gewünscht antworten könnte, erklärt er ggf. auf Facebook oder Twitter, was ihm blüht.

:: 4 ½ Thesen zum Wahlerfolg der AfD

Herr Sathom wiederholt sich; doch der Erfolg der AfD bei den letzten Landtagswahlen, insbesondere in Sachsen-Anhalt, weckt den Eindruck, daß einige Dinge nicht oft genug gesagt werden können. Daher im Folgenden einige Thesen zur AfD und ihren Wählern (im weiteren Sinne zu Pegida, soweit die Gruppen sich überschneiden). Sie wurden in diesem Blog bereits mehrfach behandelt und ausführlich begründet, sollen hier nur noch einmal gesammelt vorgestellt werden. Anschließend ein Fazit, das diese Thesen konkret auf den aktuellen Wahlerfolg, besonders die Wanderung von Wählern anderer Parteien zur AfD anwendet.

Vorbemerkung

AfD und Pegida beackern eine Reihe von Themen, zwischen denen an sich kein notwendiger Zusammenhang besteht. So empören sich ihre Anhänger über soziale Ungerechtigkeit (und da wäre Herr Sathom eigentlich ganz bei ihnen), zeichnen sich aber auch durch eine feindselige Haltung gegenüber Homosexuellen aus, vom offenen Rassismus ganz zu schweigen. Hinzu kommt eine Merkwürdigkeit: wer gegen die Verteilungsungerechtigkeit im Kapitalismus vorgehen möchte, könnte eigentlich links wählen. Warum also dieser Zustrom zu den Rechten? Warum sogar ein Absacken der Linkspartei?

Deren Vertreter Dietmar Bartsch bemerkte kürzlich ja zu Recht, daß die AfD im Kern wirtschaftsliberale Standpunkte vertritt; solche, die der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit bzw. gleichmäßigerer Verteilung diametral entgegenstehen. In einem inzwischen von correct!v.org geleakten Entwurf ihres Grundsatzprogramms ist die Partei zwar von ihrer Ablehnung des Mindestlohns zurückgerudert, möchte nun aber z.B. die Erwerbslosenversicherung privatisieren – ein Schritt, der zwingend Besserverdiener bevorzugen muß (wie gut es funktioniert, wenn gewinnorientierte Unternehmen die Daseinsvorsorge übernehmen, kann man an der Riester-Rente ablesen). Daß soziale Belange oder Nöte sie nicht interessieren, sie vielmehr die Interessen der Reichen vertritt, konnte man den diversen Wahlprogrammen der Landesparteien längst entnehmen; die AfD vertritt explizit geradezu brutalkapitalistische Positionen (einen nationalistischen; knallhart darf er schon sein, nur international eben nicht). Die Bejahung einer Privatisierung der Daseinsvorsorge ist eine typisch wirtschaftsliberale Haltung. Wie erklärt sich, daß zumindest ein Teil des großen Anhängerpotentials, das die AfD zuletzt aktivieren konnte, sich über soziale Mißstände erregt, dann aber diese Partei wählt?

Zwei Hinweise: Erstens, wir sahen bei den Wahlen am Sonntag u.a. eine Wählerwanderung von den traditionellen Parteien zur AfD, was immerhin die Vermutung erlaubt, daß ihr neuerdings verstärkt Wähler aus der Mittelschicht zuströmen, statt aus sozial benachteiligten Gruppen; zweitens, die Wut dieser Menschen entzündet sich an einer ganz bestimmten Veränderung der jüngsten Zeit. Da geht es etwa darum, daß Turnhallen für Flüchtlinge genutzt werden, so daß Sportunterricht ausfällt. Daß unser Bildungssystem nicht im besten Zustand ist, kaputtgespart, die Kinder wohlhabender Eltern bevorzugt, ist lange bekannt. Es scheint die jetzigen AfD-Wähler aber bisher nicht hinreichend gestört zu haben, um politisch aktiv zu werden. Munter werden sie, sobald dieser Mißstand verstärkt wird (und sei es marginal), und sie die Bedürfnisse einer neuen Gruppe Hilfsbedürftiger als „Ursache“ ausmachen können. Tatsächlich zeigt sich das gleiche Verhalten in allen Bereichen – plötzlich werden soziale Benachteiligungen moniert, die bisher keinen der jüngsten AfD-Wähler zu stören schienen; sobald jedoch Flüchtlinge zu Empfängern von Hilfe werden, fällt ihnen ein, wie benachteiligt die eigenen Leute sind. Leute, wohlgemerkt, deren Abstieg bis hin zur Verelendung sie bisher völlig kalt ließ; Leute, betroffen von Mißständen, an denen ohne die Ankunft der Flüchtlinge auch weiterhin nichts geändert würde,was vor der Flüchtlings-“Krise“ auch keiner der neuen AfD-Wähler verlangte. Beide Punkte werden sich als bedeutsam erweisen.

Doch im Einzelnen:

:: „Lügenpresse“ und kein Ende (oder: Frankensteins Sohn gegen die Satanstöchter aus der Hölle)

Weil Herr Sathom grad dabei ist, hier weitere Überlegungen zum Thema (frühere siehe hier und hier).

Vor einiger Zeit bei Hart aber Fair: Frau Anja Reschke (ARD) und Herr Alexander Gauland (AfD) am Ende der Sendung (Zeitindex 1:12:30). Warum halten so Viele die hiesige Presse für verlogen oder gesteuert? Anlaß diesmal die Behauptung der Rechten und auch vieler Konservativer, es gäbe ein „Schweigekartell“ bezüglich der Kriminalität von Zuwanderern. Herr Gauland fabuliert erneut von der „öffentlich-rechtlichen Schweigespirale“. Frau Reschke weist – beinahe verzweifelt – darauf hin, daß die Öffentlich-Rechtlichen stets ausführlich und wahrheitsgetreu berichtet haben. Er erwidert ihr, daß die Leute aber „das Gefühl“ hätten, nicht zutreffend unterrichtet zu werden. Frau Reschke sagt, sie könne aber nichts dafür, wenn die Menschen sich die Berichte gar nicht ansähen, man hätte nun einmal berichtet. Herr Gauland beharrt auf dem Gefühl der Leute: „Das mag ja sein, aber …“

Das Kuriose an der Szene: daß die Medienvertreterin, obwohl Herr Gauland sein „mag ja sein“ zugestehen muß, nicht durchdringt; als hindere beide, sie und den AfD-Politiker, ein kommunikativer Abgrund. Doch was ließ sich da nicht überbrücken?

Bleiben wir einmal bei diesem „Gefühl“ – dem also, was Alexander Gauland gegen die von Frau Reschke angeführten Fakten setzte. Es ist in dieser Form unzutreffend, meint Herr Sathom; verkennt die Realität unserer Medien. Die Erklärung dafür haben das bürgerliche Establishment wie auch der linke Faschismusgegner schnell bei der Hand – die Gefühle und Wahrnehmungen derer, die den Medien und der Politik nicht mehr glauben, seien „dumpf“, eben nur Gefühle, irrational; kurz, diejenigen, die sie hegen, „dumm“.

Na schön. Was genau meinen diese Leute denn wahrzunehmen? Daß sie belogen und betrogen würden, man auf sie und ihre Meinung pfeife, daß die Gesellschaft sie abgeschrieben habe. Wie kommen die bloß auf sowas? Herrn Sathom fällt dazu ein vor längerer Zeit gesehener Fernsehbericht ein.

Es ging um ostdeutsche Gemeinden (Titel der Sendung und Bundesland erinnert Herr Sathom leider nicht), in denen die NPD Mitglieder warb. Sie tat dies durch Veranstaltung von Kinderfesten, Ringelpiezen mit Grillvergnügen, kurz, Unterhaltungsangeboten für eine Bevölkerung, die arbeitslos auf dem platten Land in ziemlicher Tristesse sich selbst überlassen blieb. Auch „sozial“ engagierten sich die NPDler (natürlich: nur für blonde, blauäugige). Kaum wurden die Evangelische Kirche, die politischen Gemeindevertreter, die Institutionen unserer Gesellschaft also, dessen gewahr, brach hektische Aktivität aus. Solche Angebote müssen auch von uns her, aber fix, ehe alles zu spät ist.

Wohlgemerkt: Nicht vorher. Erst, als Gefahr bestand, die gesellschaftlich Abgehängten könnten Radikalen zum Stimmvieh werden, entstand spontanes Interesse, sich um sie zu kümmern; zuvor ließ man sie jahrelang im Dreck liegen, waren sie der Gesellschaft – deren arrivierten, etablierten Kreisen zumindest – scheißegal. Man hatte sie regelrecht zum Verrecken da zurückgelassen, an den „Rändern der Gesellschaft“; abgeschrieben, überflüssig. Mehr noch – so lange (bis zur Finanzkrise) der Zeitgeist des Hurra-Kapitalismus über die Stoppelfelder wehte, durften sie sicher sein, zusätzlich noch die Butzemänner der Nation zu sein – die Verlierer, Versager, die Lächerlichen und Ausgelachten, die man den Kindern zeigt, wenn sie in der Schule nicht fleißig lernen wollen. Guck mal, du willst doch Leistungsträger werden und nicht so einer wie die.

:: Immer wieder „Lügenpresse“

Herr Sathom hatte den Themenkomplex schon, aber jüngere Ereignisse … usw., usw.

Das NDR-Medienmagazin ZAPP widmete die ganze Sendung vom 17.02.2016 dem Thema „Lügenpresse“; besonders der Frage, ob und inwieweit der Vorwurf ein Umdenken unter deutschen Medienmachern, eine Art von Selbstkritik hervorruft.

Da war einiges Erfreuliche zu hören. So die Erkenntnis, daß Journalisten, Redakteure usw. häufig ihren Beruf als mit einem Erziehungsauftrag verbunden mißverstehen; dito, daß sie oft durchaus einen gemeinsamen Bias teilen, eine uniforme Weltsicht, auch deswegen, weil sie denselben sozialen Schichten entstammen bzw. in ihrer eigenen social bubble unter sich sind. Solche Punkte wurden auch in diesem Blog bereits diskutiert, zumal sie gewisse fuck-ups unserer Medien plausibler erklären als irgendwelche Verschwörungstheorien, denen zufolge jeder Journalist von transsexuellen Bio-Robotoiden vom Planeten X ferngesteuert wird. Was die gemeinsame soziale Herkunft bzw. Schicht angeht, blieb Herrn Sathom allerdings unklar, weshalb unsere Medienmacher vornehmlich „links“ stehen sollen; den Eindruck gewann er gerade in den Jahren bis zur Finanzkrise, in denen der Ellbogenkapitalismus hochgejubelt wurde, eher nicht. Kann es sein, daß da ein Vorurteil der Rechten, die derzeit auf Montagsdemos herumspazieren, zum Fakt uminterpretiert wurde? (Auch das eine Beobachtung der vergangenen Monate – daß die Selbstkritik gelegentlich Züge des Einknickens vor dem Gebrüll annimmt.)

Natürlich kann man in 30 Minuten nicht alle Aspekte eines solchen Themas abhandeln. Entsprechend vermißte Herr Sathom einen, der ihm wichtig erscheint. Das merkwürdige Phänomen nämlich, daß die Menschen inzwischen gegenüber hiesigen Medien weitaus kritikfähiger sind, als früher – diese Kritikfähigkeit dann aber bei der Suche nach alternativen Informationsquellen nicht anwenden. Daß sie eine gewisse Meinungsblockmentalität, ein homogenes Weltbild unserer Medien erkennen; daß sie differenziertere Berichterstattung fordern; dann aber losgehen und Plattformen wie Russia Today ungeprüft alles glauben, ihr gerade erworbenes Bewußtsein dort sofort am Garderobenständer wieder abgeben. Wie merkwürdig: Da hinterfragt man alles, prüft kritisch, glaubt nichts – und wendet sich dann neuen Orakeln einer vermeintlichen Wahrheit zu, erklärt sie unkritisch und naiv für erhaben über jeglichen Verdacht. Es ist, als träte man aus der Kirche aus, weil man nicht mehr an den lieben Gott glaubt – um sich dann sofort einer Sekte anzuschließen, die den großen Wutzschniepel anbetet. Weil, das muß ja dann diesmal stimmen.

Herr Sathom wiederholt sich; doch ihm bleibt der hier schon geäußerte Verdacht, daß zumindest die sehr aggressiven „Lügenpresse“-Rufer durchaus keine differenzierte, objektive Berichterstattung wünschen, sondern mit einer einseitigen und dogmatischen durchaus zufrieden wären – so lange es ihre Blockmeinung wäre, die da als alleinige „Wahrheit“ verkündet wird. Daß die Medien während der Ukraine-Krise einseitig berichteten, wird nicht kritisiert, weil sie es zugunsten der Ukrainer taten; sondern weil man verlangt, die Darstellung hätte ausschließlich den Standpunkt der russischen Seite wiedergeben sollen (der auch nicht wirklich interessiert, sondern nur Anlaß bietet, den Westen pauschal zu diskreditieren). Anders erklärt sich nicht recht, warum man zwar Mängel hiesiger Medien erkennt und angreift, Verlautbarungen von Russia Today hingegen unhinterfragt glaubt.