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:: Liebe Junge Weiße Männer

Bloß weil ich grad dabei bin, an imaginierte Ansprechpartner*innen zu schreiben und so:

Jungs … Ich habe schlechte Nachrichten für euch. Es ist nämlich so:

Ich habe Euch durchschaut.

Doch, doch. Leider. Was es da zu durchschauen gäbe, fragt Ihr? Oder fragt ja vielleicht auch nicht, aber ich erzähl’s euch trotzdem.

Mir fällt da nämlich seit einiger Zeit eine beunruhigende Tendenz in euren Texten auf. Anfangs hielt ich es noch für Einzelfälle, auch Einbildung vielleicht, doch dazu ist mir kürzlich einmal zu häufig – und eklatant auffällig – untergekommen. Ich habe den betreffenden Artikel hier eingehender analysiert; was auf ihn zutrifft, gilt, aber für Vieles, daß ich derzeit aus der Feder jungweißer, jungmännlicher, hoffnungsvoller Meinungsmacher der Zukunft lese.

Ich stelle die These einfach mal vorweg. Ich behaupte, daß Ihr bestimmte Themen – Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Klimawandel oder Gendergerechtigkeit – nur kapert, um euch durch Verweis auf eure eigene Jugend, die offenbar eure einzige Legitimation darstellt, selbst in Szene zu setzen. Und daß Ihr dabei pauschal eine ganze Generation – wahlweise die männlichen Älteren, wahlweise alle Älteren – zum Gegenstand einer Diffamierungskampagne macht. Kurz, daß euch diese Themen nur als Vorwand dienen, daß ihr sie den eigentlich Betroffenen raubt, um unter Verweis auf euer Alter zweierlei zu behaupten: Daß euch das alles nicht betrifft, weil euch, obwohl weiß und männlich, der Hauptmakel fehlt; und daß die Alten an allem schuld wären, weil sie pauschal allesamt derselben politischen Orientierung, derselben Persönlichkeitsstruktur, einer uniformen Altersbosheit schuldig seien.

Die Masche ist dabei stets die gleiche, mal weniger, mal – wie im oben verlinkten Beispiel – mehr offensichtlich: Man picke sich ein kontroverses Thema heraus, beziehe pro forma Stellung; und baue dann in seinen Text Floskeln wie „alte weiße Männer“ oder „Boomer“ ein, nebst tunlichen verweisen auf die eigene Jugendlichkeit. Das kommt manchmal ganz offen, manchmal auch als Subtext daher (pauschal alle älteren Leute als Bösewichte zu markieren, drückt ja schon implizit aus, daß man selbst aufgrund eigener Jugend keiner ist (btw. Was wäre hier die genderkorrekte Bezeichnung – Bösewicht*innen?)). Am Ende steht da ein Text ohne Erkenntniswert (solche haben die eigentlich Betroffenen, für die Ihr euch einzusetzen vorgebt, schon selbst viel qualifizierter geliefert); ein Text, von dem lediglich übrig bleibt, daß Ihr euch qua eurer Jugend als die neuen Inhaber der Meinungs- und Deutungshoheit legitimiert wißt, während Ältere per se ins Schweigen befördert gehören.

Dazu müßt Ihr natürlich – eben mittels solcher Gruppenbezeichnungen – den Eindruck erwecken, daß alle Angehörigen einer Generation (oder mehrerer, aller vor euch geborener eben) ein gemeinsames Mindset, eine uniforme Persönlichkeitsstruktur und politische Haltung, teilen. Kurz, eine Gruppe kreieren, die sich als Gegenstand eines stereotypen Vorurteils eignet: Die sind alle gleich.

:: Boom-Boom Boomer Gender Boom Gender

… Boom-Boom Gender Gender Boom-Boom! Boom-Boo… oh.

Ähem.

Was wollte ich gerade … ach ja.

Lieber Nicolas Wildschutz!

Du hast da neulich auf Meedia.de eine Kolumne veröffentlicht, die sich an alle Boomer*innen, also die Generation der jetzt ca. 50plusjährigen richtet; und weil Du uns so freundlich ansprichst, will ich dir eine Antwort nicht schuldig bleiben.

Oh, kurz noch vorweg, weil ich hier nicht alles wiederkäuen will: Alle, die nicht Nicolas Wildschutz sind, müßten den verlinkten Artikel (keine Angst, er ist kurz) nämlich lesen. (Ja. Vorher.)

Okay, vielleicht müßt Ihr das auch nicht, es sollte auch so klar werden, wovon die Rede ist. Aber ein Blick auf die Originalquelle empfiehlt sich immer.

Fertig? Gut.

Also, lieber Nicolas W., usw., usw.:

Laß mich dir zunächst zu dieser journalistischen Glanzleistung gratulieren; sie zeigt, daß Du auf dem besten Weg bist, ein künftiger Meinungsmacher zu werden – um so erstaunlicher, als Du ja selbst noch die Journalist*innenschulbank drückst. Dennoch lieferst Du bereits ein Stück ab, das man anderen Schüler*innen als Lehrbeispiel vorführen könnte; denn es illustriert drei Dinge, die alle Meinungsmacher*innen unbedingt wissen müssen:

Erstens, wie verfasse ich einen Text, der ein Thema zu behandeln vorgibt, tatsächlich aber eine ganz andere Agenda verfolgt; zweitens, wie versuche ich, in diesem Text direkt abzustreiten bzw. zu verbergen, daß ich eine solche Agenda verfolge; und drittens, was habe ich davon.

Also beim vorliegenden Text: Wie tue ich so, als setzte ich mich für gendergerechte Sprache ein, nutze diese Ausrede dann aber hauptsächlich dazu, ältere Menschen, die Generation der „Boomer*innen“, pauschal als rückständig zu diffamieren; na ja, und wieso womöglich.

Leider unterlaufen dir in diesem Fall einige kleinere Fehler, die deine Absicht dann doch untergraben bzw. durchschaubar machen (sofern es sich um eine bewußte Absicht handelt und nicht um eine, die Du selbst nicht reflektierst, die der Text aber verrät). Erlaube mir daher, dir dahingehend einige Ratschläge zu geben, wie altväterliche Nachkriegsgeburten es eben gern tun.

Beginnen wir mit der Überschrift, die das Thema setzt. Wieso wir – die Baby-Boomer*innen also – gegen gendergerechte Sprache wären, fragst Du. Eine bloße Antwort darauf könnte kurz ausfallen: Gar nichts.

Denn weißt Du, „uns“ gibt es so wenig wie „die Frauen“ oder „die Ausländer“. Wir „Boomer*innen“ sind eine durchaus diverse Gruppe. Gut, vielleicht bist Du zu jung, um das zu wissen: Daß z.B. auch die Frauenbewegung, oder die Umweltbewegung der 80er, von Boomer*innen mitgestaltet wurden; oder daß die Genderforschung an den Universitäten, auf deren Ergebnissen ihr jetzt aufbaut, von unserer Generation begründet wurde. Zu der – Du wirst es nicht glauben – auch schon bereits Schwule, Lesben, Frauen usw. usf. gehörten, nicht nur weiße Hetero-Cis-Opas. Schön, es mag sein, daß wir die Welt nicht in ein paradiesisches Utopia überführen konnten; womöglich haben wir deswegen trotz unserer Umtriebe verdient, ins gesellschaftliche Abseits verrentet zu werden, wie Du am Ende deines Artikels phantasierst.

Womit wir schon bei der versteckten Agenda wären.