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:: Herr Matthies liest Wahlplakate. Herr Sathom liest Matthies.

Noch was Liegengebliebenes.

Herr Sathom arbeitet immer noch ab; diesmal etwas, das mit dem vorangegangenen Artikel in Verbindung steht. Dort ging es um die These, daß die immer noch sehr breite bürgerliche Mittelschicht nichts am Problem der Armut ändert; es von Teilen dieser Schicht sogar stabilisiert wird. Was natürlich nicht der Eigenwahrnehmung dieses, meist gut verdienenden und nach eigener Auffassung höher gebildeten, Bürgerstandes entspricht. Wie sieht diese aus? Lesen wir Zeitung.

Die Zufriedenheit des Bildungs-Mittelschichtlers mit dem Bestehenden, seine Verachtung derer, die es weniger gut getroffen haben, tropft einem ja auch gelegentlich aus seinen bevorzugten Presseorganen entgegen; denn der Durchschnittsjournalist stammt schließlich auch aus dieser Schicht. Das, was den Bürger der Mittelschicht vom Pöbel abhebt, ihn mithin legitimiert, materiell besser dazustehen als dieser, ist nach seiner eigenen Auffassung seine Bildung. Inwiefern diese aus mehr besteht als einigen Vorurteilen über den Rest der Menschheit, die er mal gehört und sich gut gemerkt hat, kann man fragen. Die Einstellung jedenfalls schimmert häufig durch; und sie paart sich manchmal mit einer habituellen, gemütlich-belustigten Herablassung bei der Betrachtung der Welt.

Will man eine Vorstellung davon gewinnen, wie dieser hochgebildete Bürger tickt, liest man am Besten die Glossen seiner Tagespresse. Als besonders ertragreich erweist sich hier immer wieder der Berliner „Tagesspiegel“; und dort geradezu als Fundgrube der unnachahmliche Bernd Matthies, seines Zeichens Chefredakteur.

Schon seit einigen Wochen lungert eine seiner Glossen auf Herrn Sathoms Zeitungsstapel herum (hier ist sie noch online). Der Autor hatte sich darin der überall sprießenden Wahlplakate vorgenommen; und von seinem Streifzug heimgebracht, was er nun in lustig-elaboriertem Sprachcode ausbreitete, ein Sammelsurium für den, der wiederum ihn in seinem Bau erforschen will.

Zugegeben: Wenn die Feder mächtiger ist als das Schwert, führt Herr Matthies eine gewitzte Klinge. Das liest sich flott, geschliffen formuliert, wenn auch zu routiniert geschrieben, um nicht fad zu schmecken; zu gefällig vielleicht, keineswegs so sperrig, daß es dem an die Stilgesetze des Deutschaufsatzes gewöhnten Leser weh täte. Erkenntnisgewinn bringt es keinen, denn was Herrn Matthies zu den Wahlplakaten, den Parteien und überhaupt zum Thema Wahlkampf bewegt, könnte auch beliebigen Passanten einfallen, die bloß kein öffentliches Forum dafür fänden. Kurz, es ist belanglos, gleichgültig, trägt nichts bei zu dem, was ohnehin allgemein über die Qualität heutiger Wahlkämpfe verlautet. Sich halbseitig in einer angesehen Hauptstadtpostille über das zu verbreiten, was andere nur stumm während der Pendelfahrt denken, scheint eines der Privilegien des gebildeten Meinungsmachers. (Oder vielleicht das eines Chefredakteurs? Dann hätte der’s aber fein, die Mitarbeiter müßten immer richtige Zeitungsartikel schreiben, doch er selbst fände stets ein Plätzchen für die Erleuchtungen, die einem neulich beim Sonntagsspaziergang kamen; hei, was da los wäre, dürfte Herr Sathom mal Chefredakteur sein! Wann immer er beim Computerspiel so eine Obermistbratze erledigt hat, wär da aber ein Leitartikel fällig!)

Man schmökert das flugs weg, findet tatsächlich ein, zwei originelle Redewendungen, und um den Gag mit Christian Lindners Bartschatten, den dieser hinterlassen kann wie die Katze aus Alice im Wunderland ein Grinsen, kann Herr Sathom den Herrn Matthies sogar beneiden. Die Glosse entlockt dem Leser, zumal wenn er dem Verfasser gleichgesinnt ist, gewiß das eine oder andere Grinsen zufriedener Übereinstimmung; und vielleicht ist das ja der Zweck des Ganzen. Was es soll, ob es einem Erkenntniszweck folgt und welcher, verdammt nochmal, das sein könnte, fragt man sich nach der Lektüre schon; hat aber, wenn schon keine anderen, so doch Erkenntnisse über den Verfasser gewonnen.

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:: Der Speckgürtel vor der Wahl

Kürzlich erklärte jemand in einer Fernsehsendung (Herr Sathom ist so durchgezappt, weiß nicht mehr, in welcher), die meisten Menschen in Deutschland litten unter der falschen Vorstellung, daß die Gesellschaft pyramidal aufgebaut sei, also aus wenigen Reichen an der Spitze und einer großen Masse verarmter Menschen im untersten Stockwerk bestünde. Vielmehr gäbe es zwar wirklich einige wenige, sehr reiche Bürger, dann am unteren Ende halt so’n paar Millionen Arme, dazwischen jedoch eine gut aufgestellte, sehr breite Mittelschicht, wie eine dazugehörige Grafik zeigte. Kurz: Die deutsche Gesellschaft ist keine Pyramide. Sie ist ein Brummkreisel!

Das ist zunächst richtig; aber eben nicht tröstlich, sondern gerade das Problem. Der Brummkreisel steht auf dem Kopf, die Spitze zeigt nach oben; der verarmte Fuß ist doch recht breit. Das Leid und die Not der Minderlöhner, Aufstocker, Multijobber und ganz Abgehängten, der aufgrund ihrer sozialen und/oder ihres Migrationshintergrunds Diskriminierten, lindert das zudem keineswegs; diese Millionen (plus armutsgefährdeter Kinder) sind da, und es geht ihnen dreckig. Darüber hinaus stehen sie den Reichen eben nicht als Interessengruppe direkt gegenüber. Dazwischen sitzt eben jene Mittelschicht saturierter, mit dem Status Quo einverstandener, weil durch ihn privilegierter Bürger, die auch bei den anstehenden Wahlen gegen jede Veränderung, gegen „soziale Gerechtigkeit“ stimmen werden, weil sie nichts anderes interessiert als der Erhalt ihrer eigenen Position; einer, die nicht nur materiell erschwinglich ist, sondern ihnen auch ermöglicht, sich als „staatstragende Mitte“ wichtig, besser als die Versager da unten zu wähnen.

Statt von einem Brummkreisel könnte man auch von einer Speckschicht reden (auch diese Assoziation legt die Grafik nahe); einem Schmerbauch, feist und behäbig, selbstzufrieden und voller Eigendünkel, dessen Inhabern das Schicksal eines anderen Teils der Gesellschaft völlig gleichgültig ist. Und das ist kein ganz unzutreffendes Bild. Gewiß, das ist wichtig, beschreibt es nicht für die ganze „Mitte“, ist dieser Begriff doch einigermaßen unpräzise; allerdings wohl durchaus für diejenigen ihrer Kreise, die einen ausgeprägten Dünkel mit sich herumtragen, gründe dieser nun in materiellem Erfolg oder vermeintlicher kultureller Überlegenheit. Die sich als gebildet und höher kultiviert verstehende Mitte jedenfalls wähnt sich zurecht privilegiert; und findet es normal, sogar völlig richtig, wenn die zuschanden werden, die es angeblich durch Bildungsfaulheit und auch sonst mangelnde Anstrengung selbst verschuldet haben. Dabei profitiert sie in Wirklichkeit von der ungerechten Verteilung von Gütern und Chancen, von den Strukturen, an denen die „Unterschicht“ scheitert. In einem Staat, der selbst kaum in Bildung investiert, schickt sie ihre Sprößlinge auf Privatgymnasien, die sich Otto Minderlöhner nicht leisten kann, votiert wie einst in Hamburg gegen die Abschaffung eines selektiven Dreiklassenschulsystems; kann sich Anwälte leisten, die Lehrer und Schulen verklagen, bekommt das eigene Kind keine Gymnasialempfehlung. Ein Kind, nebenbei, das sich später die Masterarbeit von bezahlten Ghostwriting-Profis schreiben lassen kann, während andere sie sich neben dem Streß eines Studentenjobs mühsam abquälen. Ihr stehen qua Portemonnaie Wege und Chancen offen, die einem Teil der Gesellschaft verbaut sind – und durch ihr Verhalten, z.B. bei Wahlen, sorgt sie dafür, daß sie das auch bleiben.

:: Faschismus und Bürgertum oder: Wer wählt Le Pen?

Morgen entscheidet Frankreich, wer das Land die nächsten Jahre als Präsident/in führt: Marine Le Pen, die für Abschottung, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsruck und gegen Europa steht, oder Macron, auch hier in Deutschland erhoffte Lichtgestalt und Messias, der braunen Gefahr zu wehren, dabei zugleich mit dem Finanzkapital verbandelt und bereit, „notwendige Reformen“ durchzuführen, die an die hiesige Agenda 2010 erinnern, wobei er sein geplantes, drastisches Strafsystem pausbäckig als „Recht auf Arbeitslosigkeit“ verbrämt (der Trick: Arbeitslosengeld bekäme auch, wer selbst kündigt – jedenfalls so lange, bis er zweimal eine Tätigkeit, für die er vielleicht gar nicht qualifiziert ist, abgelehnt hat). Was Macron mangels eigener Partei und parlamentarischer Unterstützung genau bewirken kann, bleibt dabei zunächst unklar, aber auch gleichgültig – für alle, die ein Regime Le Pen zu Recht fürchten, ist er der Heiland des Augenblicks, für seine Mission schon mit dem passenden Vornamen gesegnet, Emmanuel, in der christlichen Tradition eine Bezeichnung für den auferstandenen Herrn. Ein Erlöser, so strahlend, daß Herr Lindner von der FDP gern der deutsche Macron würde, allein, das Zeug dazu hat er wohl so wenig wie dereinst Rolf Kauka das zum „deutschen Walt Disney“, zu dem man ihn gern stilisiert hätte. Ob man mit Macron/Le Pen nicht lediglich die Wahl zwischen Teufel und Beelzebübin hat, fragen sich andere, und eine Bewegung, die zum Nichtwählen bzw. zur Abgabe ungültiger Stimmzettel aufruft, gerade das als Ausdruck politischen Willens ansieht, findet ebenfalls viele Anhänger.

Die anstehende Schicksalswahl – die diese Bezeichnung zur Abwechslung verdient – soll hier als Anlaß dienen, einen kurzen Rückblick auf den Erfolg des Rechtspopulismus in den vergangenen Jahren zu werfen, und dabei eine seiner Merkwürdigkeiten zu beleuchten.

Im letzten TV-Duell vor der Wahl hielt Le Pen ihrem Gegner u.a. vor, er stünde als Ultraliberaler für einen „Krieg aller gegen alle“. Diese Äußerung ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert.

Einerseits verbirgt sich hinter der Äußerung, auch wenn sie hier als eher flapsige Parole daherkommt, eine beklemmend realistische Einschätzung der kapitalistischen Gesellschaft. Auch Herr Sathom hat in diesem Blog schon vor längerer Zeit die These aufgestellt, der Euphemismus der „Wettbewerbsgesellschaft“ beschönige einen wirtschaftlichen Bürgerkrieg Jeder gegen Jeden; verhülle, daß wir es nicht nur normal, sondern richtig finden, daß es in der Gesellschaft „Gewinner“ und „Verlierer“ gäbe, wobei die letzteren – anders als im spielerischen Wettbewerb – Elend und Not, gegebenenfalls den Kältetod als Obdachloser, zu gewärtigen haben, gerechte Strafe des „Lebens“ für diejenigen, die „zu spät kommen.“ Der Gedanke ist uns so eingefleischt, daß wir ihn nicht einmal in Frage stellen, unsere Kinder von einem Förderkurs in den nächsten hetzen (sofern wir es uns leisten können), um sie zu Supersoldaten für den globalen Leistungskampf von Morgen abzurichten; daß wir uns selbst ständig zu „optimieren“ suchen, uns entsolidarisiert haben, beständig gegeneinander statt miteinander leben. Geführt wird dieser Krieg nicht nur zwischen den einzelnen Individuen, sondern auch den Schichten: Die „Abgehängten“, „Geringqualifizierten“, die „Globalisierungsverlierer“ sind vom gesellschaftlichen Mainstream eben nicht nur „vergessen“ worden, wie es jetzt allenthalben heißt, sondern aktiv bekämpft. Sie wurden in demütigende Minderlohnverhältnisse gezwungen, um Teilhabe und und Rechte gebracht, als Faulpelze und Sozialschmarotzer verleumdet; mit dem Vorurteil, sie würden nur jammern und die Verantwortung für ihr Versagen auf andere abschieben wollen, hat man sie effektiv geknebelt und jeglicher Mitsprache beraubt.

Andererseits stehen die Rechte, und mit ihr Mme. Le Pen, kaum für einen gesellschaftlichen Zustand, der nicht kriegerisch wäre. Der Krieg ist für die Zeit nach der Wahl bereits erklärt – den Zuwanderern sowieso, den Homosexuellen, dazu all jenen, die nicht das klassische, bürgerliche Familienmodell leben, und überhaupt den Frauen, ob sie nun allein erziehen, abtreiben oder sonst etwas tun müssen oder wollen, daß ihrer „naturgewollten“ Rolle widerspricht. Ein von der Rechten regiertes Land – das beweist u.a. Ungarn – befindet sich allerdings in einem dauernden Kriegszustand gegen Teile der Bevölkerung, wie er jedes autoritäre Regime, auch Putins Rußland oder Erdogans Türkei, kennzeichnet. Auch der Vorwurf des wirtschaftlichen Liberalismus ist eigentümlich. Wirft man einen Blick in die Parteiprogramme – auch das der deutschen AfD – zeigt sich schnell, daß gerade die Rechte wirtschaftsliberale Positionen vertritt, die mit sozialer Gerechtigkeit unvereinbar sind. Was sie den Vertretern eines globalen Freihandelskapitalismus vorwirft, propagiert sie selbst, zeigt sich gnadenlos gegenüber den ärmeren Schichten; verschoben ist lediglich der Fokus.

:: Die guten und die bösen Christen

Eigentlich mag Herr Sathom den Herrn Jürgen Becker, Gastgeber der „Mitternachtsspitzen“ des WDR, mitsamt seinem munter-scharfzüngigen rheinischen Kabarettismus ja ganz gern, und hat sich auch an diesem Wochenende wieder einmal köstlich dank seiner und der genannten Sendung amüsiert, zumal darin nicht nur wie stets Loki und Smokie und der unvergleichliche Wilfried Schmickler, sondern auch der ehrbare Hagen Rether brillierten. Als Herr Sathom jedoch direkt im Anschluß noch Herrn Beckers Soloprogramm „Ja, was glauben Sie denn?“ verfolgte, darin jener so lustig wie gewitzt das Thema Religion erörtert, war Herr Sathom allerdings an einer Stelle etwas enttäuscht, wiewohl er sich ansonsten prächtig unterhielt – denn es fand sich darin etwas, das Herrn Sathom schon lange auf die Nerven geht.

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