Schlagwort-Archive: Corona

:: Danke gleichfalls für nix

Es gibt so Sätze zum Ausflippen, wie neulich Sascha Lobo im Spiegel festgestellt hat. Ich und meine Spaltpersönlichkeit Mr. S. könnten weitere aufzählen (z.B. „Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen“, ein Satz, der i.d.R. von Leuten kommt, die ihn als einzige garantiert nicht enger schnallen werden); besonders bei manchen Äußerungen zur Pandemie könnten wir ausflippen. Und diesmal gleich bei mehreren – nämlich allen aus der „Danksagung“ Angela Merkels an das niedere Arbeitsvolk für seinen Einsatz in der Pandemie.

Mrs. Merkel hat ja schon in der Vergangenheit gern immer mal wieder, in betulichem Tonfall, Dinge von sich gegeben, die deutlich zynisch waren (etwa, als sie geheimnisvoll raunend andeutete, die Fridays for Future-Bewegung könnte eine Art russisch gelenkter Deppenkolonne sein); auch solche, die dem Zynismus noch Hohn hinzufügten (wie ihre Aufwärmtipps an frierende Schülerïnnen). Aber bei ihrer „Dankesrede“ anläßlich des 1. Mai lief sie zu seltener Spitzenform auf.

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:: #alledichtimhirn oder was?!?

Die Macherïnnen der #allesdichtmachen-Inititiative, die letzte Woche so hohe Wellen schlug, haben inzwischen ihren wohlverdienten Shitstorm geerntet; unnötig, hier noch nachzulegen. Einige sind inzwischen abgesprungen und/oder haben sich entschuldigt, oder geben sich mißverstanden; wie glaubhaft das jeweils ist, will ich hier nicht entscheiden. Andere meinen, Applaus von der „falschen Seite“ erhalten zu haben, von der sie sich natürlich schleunigst distanzierten; dazu kann man nur sagen: Nun, Leute, wenn Ihr Applaus von den „Falschen“ bekommt, dann vielleicht, weil Ihr was Falsches gesagt habt. Denkt mal drüber nach.

Zur Ehrenrettung gibt es Hinweise, daß einige der Beteiligten wohl – teils unter Vorspiegelung falscher Anliegen der Aktion – in die ganze Geschichte hinein gelockt wurden (wer da weshalb hinter steckte, dazu auch hier einige Erkenntnisse). Lassen wir das mal so stehen, und reden über den Tenor der Aktion.

Der Hauptvorwurf gilt dem völligen Fehlen jeglicher Empathie mit denen, die unter Corona leiden. Und das zu recht. Die höhnische „Ironie“ der Videos verspottet alle, die wirklich unter der Pandemie leiden, statt sich als immerhin gut bezahlte Promi-Schauspielerïnnen zuhause zu langweilen: Angehörige Verstorbener, um ihr Leben kämpfende Menschen auf den Intensivstationen, medizinisches Personal, das vor Erschöpfung bald zusammenbricht; von den Vielen, die täglich als Supermarktpersonal, auf dem Bau oder in Amazons Lagerhallen ihr Leben riskieren, wollen wir nicht einmal anfangen. Wer da noch – wie manche Beteiligte – behauptet, die Empörung zeuge nur davon, daß die „Untertanen“ zu blöd wären, Ironie oder Sarkasmus zu verstehen, macht sich etwas vor. Denn es gibt Situationen, in denen Ironie unangemessen ist; zu blankem Hohn wird. Der eben auf Betroffene wie bestürzende Empathielosigkeit wirken muß – weil er das ist. Wer das nicht begreift, ist eiskalt und voller Verachtung für die Leidenden.

Wer als armer, in Isolationshaft gefangener Promi ablästert, während die Fahrradsklaven radeln, um den sicher geborgenen Homeworkern ihr Sushi zu bringen, muß zynisch wirken; auch dann, wenn er/sie vielleicht wirklich auf die Situation der Kulturschaffenden aufmerksam machen wollte. Denn zu denen, die deutlich existenziell bedroht sind, gehören die Macherïnnen von #allenichganzdicht garantiert nicht.

Man muß den Beteiligten also wirklich fehlende Empathie vorwerfen; oder, sollte das alles „gar nicht so gemeint“ gewesen sein, eine völlige Ignoranz gegenüber denen, die unter Corona wirklich ernsthaft leiden, also eine Neigung zur Nabelschau, die an Naivität grenzt; alles außerhalb des Elfenbeinturms nicht wahrnimmt.

Aber: Das ganze Theater ist auch ein Symptom; für einen Zustand der Gesellschaft, der weit über die Affäre hinausgeht.

Die beste Einordnung des Geschehens findet sich m.E. in der Zeitschrift derFreitag, in einem Artikel, der die Motivation der Schauspielerïnnen in einer Entsolidarisierung der Gesellschaft verortet; der aufzeigt, daß auch diese aktuell privilegierten Personen von Existenzangst getrieben werden, da wir zu einer Gesellschaft geworden sind, die weitgehend unsolidarisch funktioniert, so daß jede/r auf sich selbst gestellt ist – und damit notwendigerweise blind für die Nöte Anderer. Auch die Entwicklung, die uns dahin führte, wird kurz angerissen, was an sich schon ein Novum ist, denn – abgesehen von Böhmermans zufällig zeitnaher Sendung – wäre mir neu, daß die jüngere Vergangenheit einmal dahingehend analysiert worden wäre (außerhalb linker Medien zumindest).

Und damit wären wir beim Thema, denn zu diesem Feld ist – leider – noch so viel mehr zu sagen. Dringend zu sagen; und endlich einmal zu sagen.

:: Passivität als politisches Programm: Nachtrag

Ein paar Ergänzungen zu meinem letzten Artikel (lest den zuerst, weil sonst wißt Ihr nicht, worum’s hier geht):

Ich habe dort die Floskel der „Eigenverantwortung“ erwähnt. Sie appelliert an die Verantwortung der einzelnen Bürgerïnnen, deren entsprechendes Handeln dem Staat ermöglichen soll, sich seinerseits aus der Verantwortung für fundamentale Fragen – etwa der Daseinsvorsorge – zurückzuziehen. Das bedeutet jedoch, daß in einem neoliberal ausgerichteten Staatswesen die Verantwortung eigentlich nur von oben nach unten delegiert wird. D.h. die Mächtigen entledigen sich ihrer Verantwortung, indem sie den Schwächeren die alleinige Verantwortung für deren Schicksal zuschreiben – ggf., nachdem sie ihnen die Möglichkeit zu wirklich eigenverantwortlichem Handeln genommen haben. Beispielsweise, indem eigene Verantwortung für private Altersvorsorge propagiert wird, man zugleich aber durch Schaffung eines Niedriglohnsektors vielen abhängig Beschäftigten die finanziellen Mittel raubt, privat vorzusorgen. Wer das nicht kann, gilt dem Verkünder der „Eigenverantwortung“ als „selbst schuld“ an seiner Altersarmut. Diejenigen, die etwas verfügen (etwa die Agenda 2010), entledigen sich dadurch der Verantwortlichkeit für ihr Handeln (oder Unterlassen); die Verantwortung tragen – d.h. ggf. auch die Konsequenzen ausbaden – sollen die, über die das jeweilige Diktum verhängt wurde. Und zwar ganz gleich, ob sie das angesichts ihrer Möglichkeiten – die eingeschränkt sein können durch strukturelle Benachteiligung, Diskriminierung o.ä. – überhaupt können.

Dieses Muster der Delegation von Verantwortung wirkt sich natürlich auch in der Corona-Krise aus, läßt sich jedoch schon lange beobachten. Als Angela Merkel z.B. 2015 ihren berühmt-berüchtigten Satz „Wir schaffen das“ sagte, meinte sie eigentlich: Ihr schafft das; in den Kommunen, als Trottel Freiwillige und Ehrenamtliche, werdet ihr das schon irgendwie hinkriegen. Der Bund muß erstmal gar nichts tun, außer: Zugucken. Interessant dabei, daß Flüchtlingsunterkünfte gern in Schulturnhallen eingerichtet wurden; damals wie heute schienen die Interessen von Schülerïnnen weit unten auf der Prioritätenliste zu stehen. Diese komplette Zurückweisung eigener Verantwortung seitens der Mächtigen („Wir haben alles richtig gemacht“) ist für diese natürlich bequem; sie erklärt die Beliebtheit der Theorie vom passiven Staat bei ihren Anhängerïnnen.

Rezo bringt auch das perfekt auf den Punkt, wenn es ums Thema Maskentragen geht; ziemlich gleich zu Beginn seines Videos redet er davon, wie private Initiativen zu Beginn der Krise 2020 besser für rücksichtsvolles Verhalten warben als der Bund („Really? Ihr habt riesige Ressourcen von Manpowers [sic] am Start und ihr kriegt es nicht auf die Kette, es müssen diese Leute in ihrer Freizeit machen?“). Er benennt auch klar das ziel- und planlose Agieren der Politik; und haut mit einem Straßenverkehrs-Vergleich mal eben das ganze Eigenverantwortungsgesülze in die Pfanne. Ich kann das nicht nachmachen und hier auch nicht gut alles zitieren, also guckt es euch an. DAS IST EIN BEFEHL IHR KÖNNT EUCH HIERMIT BEVORMUNDET FÜHLEN – GANZ WIE DER HORST!

Zweitens: Betrachtet man das Wesen der strukturellen Probleme, die die Corona-Krise verschärfen – die schlechte Ausstattung der Schulen, den Rückzug des Staates aus dem Gesundheitssystem und anderen Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge – kommt zur im Vorartikel beschriebenen Haltung ein weiteres ideologisches Moment hinzu: Das der Austerität, der „Schwarzen Null“. Geld soll gespart werden (statt es von den Reichen einzutreiben), gemäß der Doktrin, daß der Staat sich nicht verschulden dürfe; eine Idee, die auf falschen Vorannahmen und Angstmacherei beruht. Dazu gehört der Mythos, daß wir unsere Schulden den kommenden Generationen aufbürden; ein Märchen, wie gerade erst wieder John Oliver vorgeführt hat.

:: Passivität als politisches Programm: Warum die Politik (nicht nur) bei Corona versagt

Und: Warum Rezo fast recht hat, aber nicht ganz.

Machen wir uns nichts vor: Die Corona-Politik der Bundesregierung – aber auch die der Länder, Kommunen und Städte – ist ein einziger Clusterfuck. Eine Katastrophe; ein Abgrund an Versagen; ein Panoptikum der Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit. Aber – und das, um mal eine Hauptursache dieses Versagens vorwegzunehmen – die Verursacher meinen, sie machten alles richtig; und sie glauben das wirklich. Woran das liegt, und weshalb das Problem weit über die Handhabung der Pandemie hinausgeht (meines Erachtens jedenfalls), will ich im Folgenden zu erklären versuchen.

Zunächst zum Vergleich: Kaum daß die Amis Trump los geworden sind, impfen sie wie verrückt; bereits ein Drittel der US-Bevölkerung hat die Erstimpfung erhalten. Im internationalen Ranking der Staaten, die demnächst eine Herdenimmunität bzw. Durchimpfung erreichen werden, liegen die USA auf Platz drei. Deutschland? Auf Platz zehn. Hinter Brasilien. Wirklich, reife Leistung, Leute.

Zugleich meldet die heute-show am 09.04., daß in Großbritannien in Kürze alle(!) Bürger wöchentlich Selbsttests zugeschickt bekommen. Soviel zu den Möglichkeiten, wenn man ein konkretes Ziel hat – und einen Plan, wie man es erreicht.

Ein Ziel, ein Plan – damit wären wir schon bei den Stichworten, bei denen es hierzulande hapert. Aber woran liegt das?

Gelegentlich ist hier von „Staatsversagen“ die Rede; das führt allerdings in die Irre. Es handelt sich nicht um ein Versagen des Staates, sondern einer ganz bestimmten Politik; und zwar einer, ironischerweise, für die eine größtmögliche Passivität des Staates den Kern ihrer Ideologie bildet.

Aber der Reihe nach. Daß die deutsche Politik angesichts der Pandemie ein recht trauriges Schauspiel abliefert, wird ja nicht erst seit gestern beklagt; kürzlich hat sich auch Rezo – zunächst auf Twitch, dann in einem aus den Twitch-Posts zusammengeschnittenen YouTube-Video – in gewohnter Manier, und ziemlich vernichtend, geäußert. Im großen und Ganzen hat er mit allem, was er da sagt, recht; so recht, daß alle, die sich über die Art des Vortrags und die Wortwahl ereifern, Herrn Sathom gern mal seinen haarigen Alte-Weiße-Männer-Rücken runterrodeln können. Das Video – dem ich fast völlig zustimme, zumal es erfrischend befreiend ist – sollte man sich unbedingt ansehen; es gibt nur einen Punkt, in dem sich Rezo m.E. irrt. Und zwar, was die Ursache dieses Versagens – bzw., in seiner Formulierung, das „krasseste“ Versagen – angeht.

Dabei ist er eigentlich schon auf der richtigen Spur. Wiederholt beschreibt er das Verhalten der Regierenden als „Arbeitsverweigerung“; und spricht davon, daß sie einer Agenda des Nichthandelns folgen, die in einer Krise absolut schädlich sei („Das Krasseste is, daß diese Leute Nicht-Handeln als Defaultwert sehen, als Grundwert, was die einfach so grundsätzlich machen.“). Die größte Verfehlung allerdings liege, so Rezo, in einer Geringschätzung der Wissenschaft seitens der Politikerïnnen: „Das Krasseste ist, finde ich, die unterliegende Wissenschaftsfeindlichkeit, die grundsätzliche Haltung, sich irrational zu verhalten. […] Das ist das Krasseste. Ist diese tiefsitzende Respektlosigkeit vor wissenschaftlichen Erkenntnissen, vor den Prinzipien der Logik, den Prinzipien von rationalem Denken.“

Ähm, na ja … jein. Die Verachtung der Wissenschaft ist sicherlich zutreffend beobachtet; allerdings eher ein Symptom als eine Ursache. Diese liegt tiefer, und existiert schon lange – und prägt deutsche Politik weit über die augenblickliche Situation hinaus. Wir haben es, und das sieht Rezo schon ganz richtig, mit einer Form politischen (Nicht-)Handelns zu tun. Einer, die allerdings Ausdruck einer ganz bestimmten, schon vor 16 – 20 Jahren etablierten Ideologie ist.

:: Der verengte Blick

Nach wie vor hält sich, neuerdings unter Covidioten „Maßnahmenkritikern“, die Vorstellung einer „Lügenpresse“, die hierzulande Falschmeldungen verbreitet, Wahrheiten unterdrückt, und das ggf. auf Anweisung finsterer Mächte – wahlweise aus hohen Regierungskreisen, oder aus dem Inneren der Erde – tut.

Klar: Das ist reiner Blödsinn. Doch die Auffassung, daß die Medien kein verläßliches Gesamtbild der Gesellschaft oder bestimmter ihrer Probleme zeichnen, rührt irgendwo her – und trotz abwegiger Erklärungen für das Warum ist sie als Wahrnehmung nicht völlig falsch.

Ein Beispiel.

Wer im vergangenen Jahr die mediale Berichterstattung über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Arbeitsmarkt verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, daß sich 90% der Bevölkerung im Home Office befinden – und nur ein verschwindend geringer Teil, der im Einzelhandel oder im Krankenhaus den Laden in wahrsten Sinne des Wortes am Laufen hält, noch vor Ort arbeitet.

Oder besser: Zumindest im öffentlich-rechtlichen Fernsehen behandelte der Löwenanteil der Berichte die Situation der im Home Office arbeitenden, z.B. die Belastung durch die gleichzeitige Betreuung der Kinder und das Home Schooling. Über die psychologischen Auswirkungen fehlender Ausgehmöglichkeiten und realer Treffen mit Freunden wurde ausgiebig berichtet, und Kleinkünstler*innen und Kulturschaffende erhielten ausgiebig Möglichkeit, sich dazu zu äußern, wie sehr sie Auftrittsmöglichkeiten vor körperlich anwesendem Publikum vermissen, oder überhaupt ihren Alltag meistern.

Viel Sendezeit, viele Textspalten widmeten sich ausführlich den Leiden der Betroffenen, die daheim den Schrecken tobender Kleinkinder ertragen, und zugleich gemütlich vom Sessel aus ihrer Arbeit nachgehen mußten. Okay, das ist vielleicht auch nicht schön; nur, daß tatsächlich zu jedem Zeitpunkt nur etwa 15 – 25% aller Beschäftigten, variierend je nach Studie und Erhebungszeitraum, tatsächlich auf diese Weise arbeiteten. Die Mehrheit der Werktätigen war an der Supermarktkasse, im Pflegebetrieb, auf dem Weg zur Arbeit in öffentlichen Verkehrsmitteln jederzeit dem vollen Risiko der Pandemie ausgesetzt. Medial und damit öffentlich wurde diese Mehrheit jedoch kaum wahrgenommen; Berichte über sie, und über tragische Home-Office-Schicksale, standen also in krassem Mißverhältnis zur wirklichen Verteilung.

Anders ausgedrückt: Die Berichterstattung verhielt sich umgekehrt zur tatsächlichen Situation. Über eine Minderheit wurde mehrheitlich berichtet, die Mehrheit dagegen kaum beachtet. Die Medienschaffenden, könnte man sagen, berichteten quantitativ überwiegend von der Lage einer relativ kleinen gesellschaftlichen Gruppe – der, der sie selbst angehören; und deren Belange sie als die wichtigeren, d.h. berichtenswerten, betrachteten. Danach folgten, hierarchisch gestaffelt, alle anderen Gruppen, je nachdem, wie nahe ihnen diese als Gegenstände ihrer Berichterstattung schon vorher standen; oder die sich in der privilegierten Situation befinden, sich öffentlich Gehör verschaffen zu können (Künstler*innen, Theaterschaffende). Je größer die soziale Distanz, je geringer der Status, desto geringer das mediale Interesse; Geringverdiener*innen, Supermarktpersonal z.B., fanden als Letzte statt.

Unbenommen – die Arbeit im Home Office hat ihre eigenen Probleme, etwa ein Anwachsen des Zugriffs der Vorgesetzten auf die Arbeitenden, deren Privatleben Gefahr läuft, vom Arbeitsalltag verschlungen und sukzessive ersetzt zu werden; dennoch existiert hier ein Mißverhältnis, insbesondere, da Empathie und Interesse sich fast ausschließlich auf eine Minderheit richten, die man in einer Pandemielage durchaus als privilegiert ansehen darf (weil besser geschützt als die Mehrheit).

Warum ist das so?

:: Gefälschte Zitate

Ist vielleicht schon Einigen gelegentlich passiert: Man liest ein kluges (oder auch weniger kluges) Zitat, das auf Facebook oder in anderen Netzwerken emsig geteilt wird – „Der Mensch benutzt nur zehn Prozent seines Gehirns“, „Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre“, oder „Ich weiß, das ich nichts weiß“ – das wahlweise Albert Einstein, Sigmund Freud, Sokrates oder anderen Koryphäen zugeschrieben wird. Manchmal drücken diese Zitate eine Botschaft oder Haltung aus, der man zustimmen kann, indem man sie weiterreicht; irgendeiner Lebensphilosophie, politischen Einstellung, Life-Hacking-Ideologie. Etwas, das der eigenen Auffassung entspricht, und das man verbreiten will. Sie zu teilen, gibt auch Gelegenheit, sich selbst als ebenfalls klug, wenn nicht weise darzustellen (oder sich dafür zu halten).

Es gibt nur ein Problem, und das eher oft als selten: Die zitierten Personen haben das nie gesagt.

Ein schönes Interview in der Süddeutschen Zeitung beleuchtete kürzlich dieses Phänomen, das sogar einen Namen hat („Kuckuckszitate“); der Anlaß: Ein angebliches Zitat von Loriot, passend zur Corona-Krise. Der Satz „In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten suchen nach Schuldigen“ stammt von irgendwoher, nur nicht vom Meister.

Herrn Sathom, der Kuckuckszitate liebt und sich immer freut, wenn er eines am Wickel kriegt, ist dieses besonders deswegen aufgefallen, weil es – hier kommen wir zurück auf die oft enthaltene Botschaft – eine neoliberale Agenda zu verfolgen scheint. Warum? Nun – angesichts einer Viruspandemie nach Schuldigen zu suchen, ist allerdings eitel; bloß ist das Zitat so formuliert, daß es sich auf jegliche Krise anwenden läßt. Und das gewiß nicht ohne Absicht. Denn durch seine Formulierung als allgemeine „Lebensweisheit“ gehalten, erlaubt es, auch bei eindeutig menschengemachten Krisen, Kritik an Verantwortlichen grundsätzlich als Idiotie abzutun. Wie praktisch, wenn man bei Bankenkrisen oder Konzernpleiten jede Frage nach Verursachern, oder strukturellen Ursachen, als Unfug abtun kann; oder die Verursacher, die die Folgen der von ihnen mithergestellten Krise auf andere abwälzen, z.B. durch Sparzwänge oder Massenentlassungen, auch noch als Ärmelhochkrempler darstellen – die „Intelligenten“, die nach Lösungen suchen, während die anderen aus Dummheit nach einem Schuldigen buddeln.

Man mag den Verdacht für übertrieben halten; aber dabei sollte man mehrere Punkte bedenken. Erstens muß irgend jemand dieses Zitat in dem Wissen, daß es nicht von Loriot stammt, lanciert haben. Es ist ziemlich undenkbar, daß die erste Person, die es in Umlauf brachte, an die Existenz einer solchen Aussage Loriots „glaubt“, ohne sie je von ihm gehört, oder gelesen zu haben. (Soweit verfolgbar, stammt das Zitat aus Italien, wo es einem ganz anderen Komiker zugeschrieben wurde; wer es ins Deutsche übersetzte, muß also zumindest den angeblichen Urheber bewußt ausgewechselt haben.) Zweitens ist es nicht unüblich, Zitate und Aphorismen (Aphorismus: Die Kunst, dummes Zeug nach Lebensweisheit klingen zu lassen) zu bemühen, um eigenen Positionen oder Thesen eine geborgte Autorität zu verleihen. Dahinter steht das Bestreben, einer eigenen Agenda oder Weltanschauung höhere Weihen zu verschaffen; und zugleich zu suggerieren, daß eine unabhängige Instanz diese Sichtweise verträte, und nicht nur man selbst. Zitatforscher Gerald Krieghofer z.B. weist im Interview selbst darauf hin, daß ein bestimmtes, fälschlich Dante Alighieri zugeschriebenes Zitat, sehr beliebt auf Managerseminaren sei. (Ein anderes, offenbar in Manager-Ratgebern beliebtes Zitat, das Herrn Sathom einfällt – „Wenn dein Pferd tot ist, steig ab“ – soll von den Ureinwohnern Nordamerikas stammen. Herrn Sathom würde es nicht wundern, wenn die noch nie was davon gehört haben.) Die Methode ist also nicht neu, und wird immer wieder gerne angewandt, von „Leben bedeutet Veränderung“ (beliebt in Texten von Mieterhöhungen) bis zu „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ (whatever the fuck das heißen soll). Überhaupt das Leben, damit ist immer was. Kein Ponyhof ist es auch.

:: Das Kapital in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise ist nicht nur eine des Gesundheitswesens oder der Bedrohung durch eine äußere Gefahr (hier eine Krankheit), sondern auch eine des Kapitalismus. Denn daß das Gesundheitswesen vieler Länder – in unterschiedlichem Ausmaß – unter der Zahl der Infektionen zusammenbrechen könnte (oder es tat), verdankt sich vor Allem einer neoliberalen Gesundheitspolitik, die jahrzehntelang auf Privatisierung, Einsparung (z.B. von Notfallbetten) und Profitmaximierung gesetzt hat.

So kritisierte die deutsche Ausgabe von Le Monde Diplomatique schon am 9./10.04.2020 unter dem Titel „Marktlogik und Katastrophenmedizin“, daß die Diskussion um das Flachhalten der Infektionskurve eben auch damit zusammenhängt, daß nicht genügend Behandlungsplätze für Schwerkranke vorhanden sind; diese wurden infolge der Privatisierungen von Krankenhäusern eingespart.1) Zugleich würden aber auch und gerade Journalisten die „kritische Schwelle“, die nicht überschritten werden dürfe, als „quasi gottgegeben“ akzeptieren, statt zu reflektieren, daß die niedrige Zahl an Behandlungsplätzen Ergebnis politischer Entscheidungen ist. Oder anders gesagt: Journalisten und Politiker (denkt Euch das *innen) akzeptieren einen von Marktlogik diktierten Zustand (Medizin muß profitabel sein) als schlicht naturbedingt – ähnlich, wie sie „den Markt“ oder „den Aktienindex“ eher wie Naturgewalten wahrnehmen, als von Menschen konstruierte Gebilde. An den Umstand, daß nicht genügend Intensivbetten vorhanden sind, knüpfen sie eine Diskussion um flachgehaltene Infektionskurven und ethische Entscheidungen darüber, wer im Extremfall noch behandelt werden könne, und wen man dem Tod überlassen müsse – ohne zu reflektieren, warum Betten fehlen: Das ist eben so.>

Das Problem wurde auch in der ZDF-Sendung Die Anstalt vom 05.05. behandelt: Privatisierungen und neoliberales Profitdiktat sorgten dafür, daß der Klinikbetrieb zunehmend auf gewinnbringende chirurgische Eingriffe ausgerichtet wurde, während für die Behandlung weniger lukrativer Erkrankungen Plätze fehlen – auch und gerade als Vorsorge für den Katastrophenfall, obwohl Fachleute seit Jahren warnen, daß im Zuge der Globalisierung Pandemien unausweichlich werden. (Interessant, welche Rolle dabei in Deutschland die Bertelsmann-Stiftung spielte, die bei dieser Umgestaltung die Politik beriet; um so mehr, als die Stiftung weiterhin als gemeinnützig gilt, während mißliebigen Organisationen wie attac wegen Einflußversuchen auf die Politik seit einiger Zeit die Gemeinnützigkeit aberkannt wird.)

Die Folgen solcher Politik sind verheerend: Von elf Krankenhausbetten pro tausend Einwohner (1980), so die Monde, sank die Zahl auf sechs im Jahr 2020; in Italien existierten 1980 für „schwere Fälle“ 922 Betten pro 100.000 Einwohner, inzwischen nur noch 275. Bereits der Normalbetrieb gleiche einer „Katastrophenmedizin“, was zu Überlegungen führe, eine „Altersgrenze für den Zugang zur Intensivversorgung festzulegen.“

Womit ein weiterer Punkt angesprochen wäre: die ethische Debatte. Wer soll, „wenn alle Stricke reißen“, noch behandelt, wer dem Tod überlassen werden? Wer geopfert, wenn die Kapazitäten nicht ausreichen? In Frankreich ist bereits die Rede von „Kriegsmedizin“, also einer Situation, in der Ärzte und Ärztinnen wie im Lazarett entscheiden sollen, welcher Soldat noch zu retten, und welcher leider zum ehrenvollen Tod bestimmt ist.

In den ärmeren europäischen Ländern wurde dieser Punkt erreicht (und nicht nur dort; wenn man der Monde glauben darf, dann zeitweilig auch im Elsaß); in Deutschland gab es in den üblichen Politquasselrunden immerhin schon Überlegungen, ob und inwieweit man medizinischem Personal bei solchen Entscheidungen durch vorgefertigte Richtlinien „helfen“ könne. Auch bei diesen Diskussionen fiel Herrn Sathom immer wieder auf, daß die „ethische Notlage“ als eben schicksalsgegeben wahrgenommen, die Hintergründe ihres Entstehens nicht überdacht werden.

Obwohl Gutachten seit Jahren vor einer Pandemie warnten, die in der globalisierten Welt unvermeidlich sei, wurde das Gesundheitswesen in fast allen westlichen Demokratien auf Profit getrimmt, auf die Durchführung gewinnbringender Behandlungen bei Vernachlässigung der Vorsorge für den „Fall der Fälle“. Massive Kürzungen bei Bettenbestand und Personal, einseitige Ausstattung der Kliniken, Gesundheit und Pflege als Ware, diese Prinzipien, bisher nicht hinterfragbar, rächen sich nun.


1) Texte der deutschsprachigen Monde Diplomatique sind in deren Online-Archiv frei verfügbar; allerdings mit Ausnahme der jeweils letzten drei Ausgaben, womit die hier gemeinte Ausgabe aktuell noch nicht freigeschaltet ist.

:: Zwei Arten von Freiheit (Nachtrag zu „Corona-Dummonstranten“)

Ich hatte ja kürzlich an dieser Stelle über die Motive von „Hygiene-Demonstranten“ spekuliert, von Menschen, die die Einschränkungen des öffentlichen Lebens im Zuge der Corona-Krise ablehnen; und hinter deren angeblicher Sorge um die Grundrechte einen stattdessen ausschlaggebenden Narzißmus vermutet. Eine Einforderung des Rechts also, sich rücksichts- und verantwortungslos verhalten zu dürfen.

In einem Kommentar des philosophie Magazins mit dem Titel „Maskuliner Trotz“, der mir inzwischen unterkam, denkt Autor Philipp Hübel über einen weiteren Aspekt nach: Daß dem Konflikt zwischen Befolgern und Gegnern der Schutzregeln zwei unterschiedliche Konzepte von „Freiheit“ zugrunde liegen. Kurz gefaßt, bedeute für Liberale und Wähler rechts der Mitte „Freiheit“ eine solche von jeglichem Zwang; dies sei ein „negativer“ Freiheitsbegriff (gekennzeichnet durch die Abwesenheit von etwas, Zwängen nämlich). Demgegenüber hätten Progressive und links der Mitte orientierte Menschen eher ein „positives“ Verständnis von Freiheit; sie hielten ein staatliches Eingreifen für nötig, um auch den Schwächeren der Gesellschaft eine freie Entfaltung zu ermöglichen.

Der Ansatz ist durchaus bedenkenswert; besonders, weil er sich auf andere Themenkomplexe übertragen läßt. Ein Beispiel: In einer komplett deregulierten Wirtschaft, die Unternehmen und Finanzmarkt-Reichen geradezu anarchische Freiheit gestattet, würde der Staat komplett darauf verzichten, Arbeitsgesetze, Krankheitsregelungen, Verbraucherschutzgesetze, Mietendeckel etc. zu erlassen. Für die Mehrheit der Bevölkerung würde dies bedeuten, unter beliebig hochgeschraubten Anforderungen und völlig ungeschützt vor arbeitgeberlicher Willkür ihre gesamte Zeit darauf zu verwenden, mit ununterbrochener Arbeit den explodierenden Mieten hinterher zu fronen. Für diese Mehrheit hieße das, faktisch (unabhängig von formal zugesicherten „Grundrechten“) in einem zustand der Sklaverei zu leben – also in völliger Unfreiheit. Dies um so mehr, als die einzige Tätigkeit, zu der ihnen Zeit bleibe – Arbeit – sie hindern würde, sich politisch zu informieren, zu engagieren, ggf. zu opponieren (sei es aus Zeitmangel an sich, oder dank körperlicher und geistiger Erschöpfung).

Man mag konstatieren, daß wir diesen Zustand infolge jahrzehntelanger, neoliberaler Lobbyarbeit bereits teilweise erreicht haben; unabhängig davon zeigt das Beispiel, daß eine gewisse Grenzsetzung der Freiheit bestimmter gesellschaftlicher Gruppen – besonders der mächtigeren darunter – notwendig ist, um auch alle anderen Gruppen am Gut der Freiheit teilhaben zu lassen.

Hübl verortet das liberale, „egoistische“ Freiheitskonzept vornehmlich bei Männern; das muß zu meinen eigenen Beobachtungen, daß auch Frauen auf den sogenannten „Hygiene-Demos“ vertreten sind, keinen Widerspruch darstellen. Beide Beobachtungen betreffen unterschiedliche Situationskontexte: Einmal die Demos mit ihrem gemischten Publikum, das andere Mal – in der Schilderung Hübls – das Verhalten von Einzelpersonen im Alltag (offen aggressiv den Sicherheitsabstand nicht einhalten, spöttisch-aggressives Verhalten gegenüber denen, die es tun). Hier mögen sich Männer tatsächlich auffällig egoistischer verhalten (meiner eigenen Wahrnehmung würde das sogar entsprechen). Auch die diagnostizierte Rolle der politischen Haltung stellt keinen grundlegenden Widerspruch dar; das Freiheitskonzept des Neoliberalismus/Konservatismus läßt sich durchaus als narzißtisch deuten (oder, wie Hübl es ausdrückt: Trotz).

(Ebenfalls interessant: „Wessen Freiheit?“, dito philosophie Magazin, Claus Dierksmeier.)

:: Da geht immer noch was (Amazon-Nachtrag)

Ich hatte mich hier ja kürzlich ausschweifend darüber echauffiert, wie die Werbeindustrie die Corona-Situation auszunutzen versucht (hier und hier); darunter auch dazu, wie Firmen publicityträchtig suggerieren, sich besonders um den Mitarbeiterschutz zu bemühen. Zu entsprechenden Vorwürfen gegen Amazon, ganz im Gegenteil die Gesundheit der Arbeiter*innen in den Warenlagern sogar zu gefährden, hatte ich mich dabei sehr zurückhaltend geäußert, weil ich keine Quelle zur sofortigen Überprüfung anbieten konnte. Denn während das Thema in deutschsprachigen Medien eher oberflächlich (vielleicht auch, aber das ist nur ein persönlicher Eindruck, auffällig zurückhalten) abgehandelt wurde, wäre der einzige m.E. ausführliche und brauchbare Online-Text nur hinter der Bezahlsperre der deutschsprachigen Ausgabe der Monde Diplomatique lesbar gewesen.1) Mittlerweile hat sich die Quellenlage jedoch ein wenig geändert.

Die deutschsprachige Ausgabe des Jacobin behandelt das Thema ebenfalls, nicht so ausführlich wie die Monde Diplomatique, doch immerhin (noch) frei zugänglich.

(Dazu, was The Jacobin ist, siehe hier; es handelt sich um den Versuch, die in den USA altehrwürdige Zeitschrift der Democratic Socialists, zu deren Vertretern z.B. Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez zählen, auch hierzulande zu etablieren. Herr Sathom wird das Ganze im Auge behalten und vielleicht gelegentlich rezensieren; er klopft einstweilen auf Holz, daß es nicht wie mit der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo endet).

Vielleicht auch interessant:

Taktiken des Union Bustings, der Sabotage gewerkschaftlicher Organisation von Mitarbeitern, gepaart mit extremer Überwachung der Angestellten, bei der von Amazon aufgekauften Biomarktkette Whole Foods.

Scheinbare GleichberechtigungEin-Prozent-Feminismus oder: Wie neoliberale Eliten und Reiche sich einen „sozial gerechten“ Anschein geben, indem sie gelegentlich Frauen oder Angehörige von Minderheiten – quasi als „Alibi“-Vorzeigepersönlichkeiten – zu sich „aufsteigen“ lassen.

(Website des Jacobin hier).


 

1) Nachtrag zum Nachtrag: Tatsächlich sind ältere Beiträge der deutschsprachigen Monde Diplomatique in deren Online-Archiv frei verfügbar; allerdings mit Ausnahme der jeweils letzten drei Ausgaben, womit die hier gemeinte Ausgabe aktuell noch nicht freigeschaltet ist. Ich weiß nicht, wieso mir das beim ersten Besuch der Website entgangen ist. Natürlich empfehle ich, die Herausgeber zu unterstützen, indem man ggf. eine Einzelausgabe kauft (ob man abonnieren will, kann man sich ja dann immer noch überlegen; das Blatt wendet sich an eine politisch links orientierte Leserschaft).

:: Das Jebsen-Problem

In der Guten Alten Zeit waren Verschwörungstheorien noch ein Spaßthema für Sozialwissenschaftler*innen mit Freude am Abseitigen. Denn bis vor einigen dingszig Jahren, in den 90ern so etwa, handelten sie von so offensichtlich irrwitzigen Dingen – Aliens, dem Weltuntergang durch den Monsterplaneten Nibiru, noch mehr Aliens, Gehirnwäsche durch Drogen aus dem Flugzeugauspuff, und nicht zuletzt: ALIENS! – daß kein Mensch, von ein paar ganz Unentwegten mal abgesehen, sie ernst nehmen konnte.

Seitdem allerdings hat sich einiges geändert. Vielleicht, weil mit einer Reihe ehemaliger Journalist*innen, Ken Jebsen zum Beispiel, Leute die Szene betreten haben, die über das intellektuelle und handwerkliche Rüstzeug verfügen, ihre Thesen plausibler wirken zu lassen; die fähig sind, wirklich vorhandene Problematiken, von bloßen Reizthemen bis hin zu durchaus berechtigter Gesellschaftskritik, für sich zu kapern und mit ihren abwegigen Erklärungsmodellen zu verkoppeln. Die Erfinder von Verschwörungstheorien haben sich professionalisiert. (Weitere Beispiele für diesen Vorgang wären der verstorbene UFO-Udo Udo Ulfkotte, und die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman).

Früher konnte man noch schmunzeln, wenn man las, Helmut Kohl heiße eigentlich Henoch Cohn und gehöre zu einer gewissen Weltverschwörung, und irgendwie hätte das Ganze auch was mit den Illuminaten zu tun. Diesen Charakter der belanglosen, weil von jeder gesellschaftlichen Wirklichkeit weit entfernten, Phantasterei haben die Lügenmärchen inzwischen verloren. Heute sind sie vielmehr … warte mal, warte mal; was ist das denn – meine Rechtschreibprüfung kennt das Wort „Illuminaten“ nicht! Da hat doch wer dran gedreht!

*Ähem* Tschuldigung. Ich dreh langsam durch, glaube ich. Wie auch immer.

Während solche Verschwörungsmythen also im Teich der reinen Phantasie fischten, bedienen sich ihre Erfinder*innen seit geraumer Zeit eines einfachen Tricks: Sie greifen Themen berechtigter Gesellschaftskritik auf, und verbinden sie mit den irrwitzigen „Erklärungen“, die sie dann für bestehende Probleme anbieten. Gern bedienen sie sich zum Beispiel auf dem Feld der Kapitalismuskritik. Wo allerdings seriöse Kritiker*innen, sowohl ausgewiesen linke als auch moderate, rationale Analysen der Probleme anbieten, die z.B. der Finanz- und Turbokapitalismus verursachen; wo sie diese Probleme zunächst einmal nur benennen, empirisch erfassen, und in einem weiteren Schritt als strukturelle Phänomene verstehen; da greifen Verschwörungstheoretiker*innen nur das Problem an sich auf und „erklären“ es dann durch ihre weiterhin verschwurbelten Mythengebilde.

Ihre Thesen gehen von einem „Kern Wahrheit“ aus, greifen z.T. gerechtfertigte Unzufriedenheit mit strukturell bedingten Problemen auf, und führen die zugrundeliegenden Mißstände auf hanebüchene „Ursachen“ zurück. So verursachen ungerechte Verteilung von Einkommen und Bildungschancen im Kapitalismus nachvollziehbare Existenzängste, doch die Angst wird auf einen „großen Bevölkerungsaustausch“ und ähnlichen Humbug umgelenkt. Das Treiben benennbarer, privilegierter Interessengruppen, von der „Lügenpresse“ durchaus erörtert, sowie durch Finanzmacht stabilisierte Herrschaftsstrukturen, werden zu Umtrieben vage vorgestellter „Eliten“ erklärt, über die man nichts genaues weiß, und sich eben deshalb alles mögliche unter ihnen vorstellen kann.

Daraus ergeben sich für diejenigen, die gesellschaftliche Mißstände (nicht nur die des Spätkapitalismus) einer sachlichen, bzw. gerechtfertigten Kritik unterziehen wollen, nun mehrere Probleme:

Durch die Verschwörungstheorie werden die wirklichen Ursachen solcher Mißstände vernebelt; Verschwörungsgläubige sind gehindert, diese Ursachen aktiv anzugehen und zu ändern. Stattdessen engagieren sie sich gegen nie geplante Impfpflichten, echauffieren sich auf sinnlosen Demos gegen nicht vorhandene Intrigen, oder toben durch die „sozialen“ Medien. Sie bekämpfen Phantome.