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:: Das Jebsen-Problem

In der Guten Alten Zeit waren Verschwörungstheorien noch ein Spaßthema für Sozialwissenschaftler*innen mit Freude am Abseitigen. Denn bis vor einigen dingszig Jahren, in den 90ern so etwa, handelten sie von so offensichtlich irrwitzigen Dingen – Aliens, dem Weltuntergang durch den Monsterplaneten Nibiru, noch mehr Aliens, Gehirnwäsche durch Drogen aus dem Flugzeugauspuff, und nicht zuletzt: ALIENS! – daß kein Mensch, von ein paar ganz Unentwegten mal abgesehen, sie ernst nehmen konnte.

Seitdem allerdings hat sich einiges geändert. Vielleicht, weil mit einer Reihe ehemaliger Journalist*innen, Ken Jebsen zum Beispiel, Leute die Szene betreten haben, die über das intellektuelle und handwerkliche Rüstzeug verfügen, ihre Thesen plausibler wirken zu lassen; die fähig sind, wirklich vorhandene Problematiken, von bloßen Reizthemen bis hin zu durchaus berechtigter Gesellschaftskritik, für sich zu kapern und mit ihren abwegigen Erklärungsmodellen zu verkoppeln. Die Erfinder von Verschwörungstheorien haben sich professionalisiert. (Weitere Beispiele für diesen Vorgang wären der verstorbene UFO-Udo Udo Ulfkotte, und die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman).

Früher konnte man noch schmunzeln, wenn man las, Helmut Kohl heiße eigentlich Henoch Cohn und gehöre zu einer gewissen Weltverschwörung, und irgendwie hätte das Ganze auch was mit den Illuminaten zu tun. Diesen Charakter der belanglosen, weil von jeder gesellschaftlichen Wirklichkeit weit entfernten, Phantasterei haben die Lügenmärchen inzwischen verloren. Heute sind sie vielmehr … warte mal, warte mal; was ist das denn – meine Rechtschreibprüfung kennt das Wort „Illuminaten“ nicht! Da hat doch wer dran gedreht!

*Ähem* Tschuldigung. Ich dreh langsam durch, glaube ich. Wie auch immer.

Während solche Verschwörungsmythen also im Teich der reinen Phantasie fischten, bedienen sich ihre Erfinder*innen seit geraumer Zeit eines einfachen Tricks: Sie greifen Themen berechtigter Gesellschaftskritik auf, und verbinden sie mit den irrwitzigen „Erklärungen“, die sie dann für bestehende Probleme anbieten. Gern bedienen sie sich zum Beispiel auf dem Feld der Kapitalismuskritik. Wo allerdings seriöse Kritiker*innen, sowohl ausgewiesen linke als auch moderate, rationale Analysen der Probleme anbieten, die z.B. der Finanz- und Turbokapitalismus verursachen; wo sie diese Probleme zunächst einmal nur benennen, empirisch erfassen, und in einem weiteren Schritt als strukturelle Phänomene verstehen; da greifen Verschwörungstheoretiker*innen nur das Problem an sich auf und „erklären“ es dann durch ihre weiterhin verschwurbelten Mythengebilde.

Ihre Thesen gehen von einem „Kern Wahrheit“ aus, greifen z.T. gerechtfertigte Unzufriedenheit mit strukturell bedingten Problemen auf, und führen die zugrundeliegenden Mißstände auf hanebüchene „Ursachen“ zurück. So verursachen ungerechte Verteilung von Einkommen und Bildungschancen im Kapitalismus nachvollziehbare Existenzängste, doch die Angst wird auf einen „großen Bevölkerungsaustausch“ und ähnlichen Humbug umgelenkt. Das Treiben benennbarer, privilegierter Interessengruppen, von der „Lügenpresse“ durchaus erörtert, sowie durch Finanzmacht stabilisierte Herrschaftsstrukturen, werden zu Umtrieben vage vorgestellter „Eliten“ erklärt, über die man nichts genaues weiß, und sich eben deshalb alles mögliche unter ihnen vorstellen kann.

Daraus ergeben sich für diejenigen, die gesellschaftliche Mißstände (nicht nur die des Spätkapitalismus) einer sachlichen, bzw. gerechtfertigten Kritik unterziehen wollen, nun mehrere Probleme:

Durch die Verschwörungstheorie werden die wirklichen Ursachen solcher Mißstände vernebelt; Verschwörungsgläubige sind gehindert, diese Ursachen aktiv anzugehen und zu ändern. Stattdessen engagieren sie sich gegen nie geplante Impfpflichten, echauffieren sich auf sinnlosen Demos gegen nicht vorhandene Intrigen, oder toben durch die „sozialen“ Medien. Sie bekämpfen Phantome.

:: Der Feldzug wider die Gegenöffentlichkeit

Na, Ihr Lotterbande. Sitzt Ihr schon wieder nutzlos rum und lest Blogs? Tz, tz, tz – das sollt Ihr doch nicht: erklären Euch nicht seit geraumer Zeit schon die Vertreter des „Qualitätsjournalismus“, erfüllt von heiligem Ernst und Eifer, beseelt von ihrer Mission unbestechlicher Wahrheitskündung, daß die Blogszene unseriös, inkompetent und ihre Einlassungen schlecht recherchierte Stammtischpamphlete seien? Daß die im Web kursierenden Meinungen nur bauchgesteuerte Emotionalität widerspiegeln, seelische Rülpser halbgebildeter Amateure gewissermaßen? Daß allein die etablierten „Qualitätsmedien“ sorgfältige Recherche, seriöse Berichterstattung, gedanklich profunden, wohl abgewogenen und sachlichen, demokratische Meinungsbildung fördernden Kommentar des Berichteten gewährleisten? Nee also schämt Euch!

Aber im Ernst: tatsächlich tobt ja bereits seit geraumer Zeit ein „Krieg“ (so man es so nennen will, der irgendwo im Folgenden verlinkte Herr Niggemeier tut’s, Herr Sathom findet’s eher eine so erbärmliche wie oft auch lächerliche Verleumdungskampagne) der Vertreter des etablierten Journalismus sowie der Verlage, die desselben Elaborate publizieren, wider die Gegenöffentlichkeit im Web; die Zunft der Erstgenannten, so heißt es von Seiten der Propagandisten, recherchiere ordentlich, berichte sachlich, wähle kompetent aus, welche Informationen es wert seien, dem Bürger zwecks weiterer Meinungsbildung präsentiert zu werden (was oft genug in Wirklichkeit heißt: vorab auszuwählen, was dem Rezipienten kund werden dürfe, was dem Zeitgeist entspricht, Meinungen und Emotionen in bestimmte Richtungen zu lenken, widerborstige Fakten auszublenden und vorzuenthalten), die Blogpublizierenden hingegen brabbelten Stammtischgefasel vor sich hin, gleich einem in der Untergrundbahn mit Unsichtbaren schimpfenden Betrunkenen, recherchierten wenn überhaupt, dann schlampig, und seien so oder so nicht ernst zu nehmen.

Herrn Sathom ärgert diese verlogene Kampagne schon lange; denn er verfolgt die Berichterstattung in den Mainstreammedien durchaus mit klarem, gebildetem, kritischem Blick, und allzu oft findet er auch und gerade in den „seriösen“ Medien eben jenes, was den Internetpublizisten vorgeworfen wird (oder Schlimmeres) – sei es nun in  Druckerzeugnissen von unverdientem Ruf, die als qualitativ hochwertige Tages- oder Wochenpublikationen gelten, sei es inmitten dessen, was zur Hauptsendezeit im Fernsehautomaten dargeboten wird. Meinungsmache, tendenziöse Berichterstattung, die von Kommentierung kaum oder gar nicht zu unterscheiden ist, durch Tonfall des Berichtes eingefärbt, Unfug, Halbwissen, dünkelhaftes Vorurteil und vieles mehr prägen und kennzeichnen auch und gerade, was ihm allenthalben aus druckerschwarzen Abgründen wie auch aus der Glotze Flimmern entgegenschlägt. Kurz: er weiß, daß hier ein Esel den anderen Langohr schimpft, und daß, wiewohl die Vorwürfe gegenüber einem Teil der geschmähten „2.0-Bürgerjournalisten“ berechtigt sind, sie umgekehrt auf etablierte Presse und Medien(Kurt Kister in der „Süddeutschen Zeitung“) genau so gut zutreffen – nur daß diese es leugnen, und es dazumal, ehe ihr kritische Konkurrenz im Netz erwuchs, es auch nie ruchbar wurde, ihr ungerechtfertigter Ruf also unangetastet blieb. Denn aufgefallen sind Herrn Sathom der Medien Unglaubwürdigkeit wie auch Tendenzcharakter schon zu Zeiten, da an ein Internet noch nicht zu denken war (s.u.).

Kürzlich nun fand Herr Sathom im Blog des Herrn Stefan Niggemeier, des wohlbekannten Medienjournalisten, mit welchem Herr Sathom durchaus nicht immer konform geht, einen ausgezeichneten Abriß der Scheinargumente, vermittels welcher etablierte Journalistenzunft und Verlagswesen ihre Konkurrenz zu diffamieren suchen. Der Text, Wutmäander zur Qualitätsdebatte geheißen, ist lang, doch beleuchtet Herr Niggemeier darin die Scheinargumente der Hohepriester der angeblichen Qualität, und widerlegt diese Schritt für Schritt, in weit luziderer Weise und klarerer Sprache, als Herr Sathom, seinerseits dem Bandwurmsatz verfallen, es je zu tun hoffen könnte; zudem ist jene Wutmäander, ihrem Titel zum Trotz, durchaus sachlich, betont auch und zeigt auf, daß und weshalb es eines professionellen Journalismus bedürfe, und fordert lediglich, daß dieser seiner Pflicht zur Zuverlässigkeit auch nachkomme, sie tagtäglich beweise, anstatt sie qua Selbstverklärung zu behaupten, sich dabei selbst jedoch zugleich jederzeit Lügen zu strafen. Herr Sathom empfiehlt daher, diesen ausgezeichneten Text sich zu Gemüte zu führen, um so mehr, als dieser Vieles, das sich sonst vereinzelt zum Thema findet, übersichtlich zusammenfaßt.

Anfügen möchte Herr Sathom lediglich einige kommentierende Dinge; und da gleich erstens, wenn denn schon vom Kommentieren die Rede ist, Folgendes: [Weiterlesen]