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:: Wohl bekomm’s

Die lecker mit Pferdefleisch gewürzten Fertiggerichte, die derzeit für Furore sorgen, könne man ja auch an die Armen verfüttern, ist derzeit aus christdemokratischem und wirtschaftsliberalem Lager zu vernehmen. Kesse Idee: der Arme als Müllschlucker. Da geht noch was, vielleicht, wenn demnächst mal wieder Nematodenskandal oder Rinderwahnsinn ist. Momentan – auch beim Pferdefleisch – rechtlich nicht machbar, aber wo ein Wille ist, findet sich vielleicht auch irgendwann auch ein Gesetzentwurf, gell.

Nun soll denen, die solche Vorschläge machen – nur beispielsweise den Herren Niebel (FDP) und Fischer (CDU) – gar nicht unterstellt werden, daß ihr Ansinnen auf solcher, oben zugespitzt skizzierter, Einstellung bzw. Denkweise beruht. Sie selbst meinen vielleicht tatsächlich, da auf eine ungeheuer menschenfreundliche Idee gekommen zu sein; glauben, den Bedürftigen etwas Gutes zu tun.

Bloß daß die Geste des Almosens dennoch – wie so oft – auch eine der Verachtung ist, wenn auch von dem, der sie vollführt, nicht bewußt als solche beabsichtigt.

Denn immerhin wollen sie ja den Armen das zu essen schenken, dessen weiteren Verkauf (also: Tausch für gutes Geld, an jene, die es eben haben) sie wohl auch selbst keinesfalls dulden wollen würden. Man findet es also in Ordnung, daß die „sozial Schwachen“ bekommen, was man anderen nicht zumuten würde; allein dadurch entlarvt sich ein Denken, daß die Menschen in zwei Sorten teilt. Es mag denen, die eine solche Sicht auf ihre Mitbürger haben, gar nicht als anstößig auffallen, sie mögen sich, wie gesagt, für guten Willens halten – doch ist dies eher ein Mangel ihrer Wahrnehmung, die stereotype Klischees des eigenen Denkens nicht hinterfragt.

Auch wird mancher einwenden, Pferdefleisch sei ja nicht ungenießbar, für viele sogar eine Delikatesse; doch vergißt derjenige, daß bei all der mafiösen Energie, mit der da Fleisch verschoben wird, gänzlich unklar bleibt, von was für Schindmähren das derzeit in Frage stehende Pferdefleisch nun wieder stammt, oder woran das Schlachtvieh womöglich krankte. Es geht hier um verunreinigte Lebensmittel, Leute, nicht um luxuriös gepimpte. Daß man jede Tiefkühllasagne individuell auf Keime oder Hormonverseuchung prüft, ehe sie ausgeteilt wird, glauben vermutlich auch ein Herr Niebel und ein Herr Fischer nicht (Schmerzmittel, die in Großbritannien und Frankreich verboten sind, haben die Briten man immerhin bereits gefunden. 

Ähnlich zynisch das vielerorts – auch von Otto Normalverbraucher – geäußerte Argument, wer so billiges Pfuschzeugs kaufe, sei selber schuld, und dürfe keine Qualität verlangen. Blöd nur, daß falsche Inhaltsangaben nun einmal Betrug sind und bleiben, egal, ob beispielsweise Haselnußcreme, die aus Hasenkötteln gemacht ist, nun einen Cent kostet oder drei Euro. Zumal für den Vertreiber noch genügend Gewinnspanne anfällt, ganz gleich, wie viel der Schwund kostet. Die Rechtsauffassung, die hier vertreten wird, ist somit kurios: Betrug nicht einmal mehr als minderschwerer Fall, sondern als völlige Selbstverständlichkeit, bei niedrigem Einzelpreis kein Grund zur Aufregung. Daß hier alle verhöhnt werden, die sich entweder bloß Billigfutter leisten, oder, von Arbeitshetze geplagt, eben nicht stundenlang selbst geerntete Naturzutaten zubereiten können, zeugt wie der Armenspeisungsvorschlag von der Einstellung derer, die solches äußern.

:: Habt euch nicht so oder: Sexismus, issen ditte?

Wir haben ja derzeit mal wieder eine feine Sexismus-Debatte, teils anläßlich des vor Jahresfrist stattgehabten, nun im Stern berichteten Interview-Verhaltens eines FDP-Politikers. Daß der Bericht erst jetzt erscheint (wofür die Journalistin, die das Interview damals führte, oder zu führen versuchte, wohlgemerkt eher nichts kann), ist eines; was man einmal mehr an Gegenrede oder abwiegelnden Bemerkungen hört von Leuten, denen die ganze Aufregung übertrieben erscheint, ein ganz anderes.

Daher kurz dies: Herr Sathom findet es immer wieder so lächerlich wie reichlich dreist, wenn Mannsbilder sich kompetent fühlen, für Frauen zu beurteilen und zu entscheiden, ob diese sich in bestimmten Situationen bedrängt oder belästigt fühlen dürfen. Ja, dürfen. Wenn sie sich anmaßen, den Damen vorzuschreiben, ob deren Empfinden gerechtfertigt sei (und meistenteils finden, es sei nicht); letztlich meinen, der Mann entscheide als Realitätsprüfer, ob weibliche Wahrnehmung zugelassen werden könne. Eben noch ganz die Herren der Schöpfung, und der Deutungshoheit obendrein.

Vergleichbares Verhalten: Sie treten jemand in den Allerwertesten; begehrt er auf, sagen Sie: Was stellen Sie sich so an, das tut doch gar nicht weh; ich weiß es genau, habe doch schließlich am eigenen Arsch auch nichts gespürt.

Oder, um den Spieß mal umzudrehen: jemand kippt Ihnen Bier über die Hose. Sie ereifern sich, er lacht jovial und sagt: Hab dich mal nicht so, Freundchen, Ihnen generös auf die Schulter klopfend. Mach doch nicht so’n Gescheiß, bist doch überempfindlich (denn: ist ja nicht meine Hose).

Die also jetzt wieder einmal tönen, da würde übertrieben, beweisen damit pausbäckige Unverfrorenheit: weil der eigene innere Dickhäuter nichts merkt, gilt ihm das Fühlen der Betroffenen als Überempfindlichkeit. So können sie denn lässig – mach dich mal locker, Baby – konstatieren, daß weder direkt Betroffene, noch deren empörte Geschlechtsgenossinnen Anlaß zur Klage hätten. So, als hätten sie dies für jene zu entscheiden, könnten das Empfinden Dritter als albern oder deplaziert abkanzeln, statt auch nur zu versuchen, es wenigstens zu respektieren (wenn man’s schon nicht kapiert).

Nebenbei noch eines: der Stern-Bericht über besagtes Interview wird teilweise angegriffen mit der Frage, weshalb er erst jetzt erscheine, und nicht schon im letzten Jahr. Die der Frage innewohnende Unterstellung, bei der Wahl des Veröffentlichungszeitpunktes spiele Kalkül gegen die FDP, oder gegen eines ihrer Mitglieder eine Rolle, ist heuchlerisch.

Denn sie verkürzt die Wahrnehmung eines allgemeinen Mißstands, den der Stern durchaus nicht auf das Verhalten des FDP-Spitzenkandidaten reduziert, auf eben solchen Einzelfall; womit sie zweierlei erreicht. Erstens, die Berichterstatter als unlauter zu diskreditieren, und zweitens, den verbreiteten Mißstand des Sexismus durch Darstellung des Berichts als Intrige/Sensationsmache/Wasimmer gleich mit zu entsorgen, völlig aus dem Blick zu entfernen: aus dem, was allzuviele Möchtergern-Alphamännchen tun, wird ein medialer Anschlag auf einen Einzelnen. Fall erledigt, mehr zu fragen gibt es nicht. So wird, was ein gesellschaftlich relevantes Thema ist, umgedeutet zu vereinzelter Dreckwerferei, und vom größeren Zusammenhang entkoppelt. Dabei müssen die Parteigenossen in der FDP nicht einmal so weit denken, versuchen vielleicht nur, ihren Fraktionschef zu schützen; andere, die ihm beispringen, interpretieren die Affäre womöglich bloß vor dem Hintergrund ihrer eigenen, stereotypen Denkklischees (oder fürchten um eigene schöpfungsherrliche Verhaltensprivilegien an Tagen, an denen sie auch mal lustig sind). So oder so greifen sie, bewußt oder unbewußt, auf ein klar definiertes, aus Herrschaftsverhältnissen hervorgehendes Interpretationsmuster zurück; eines, das männliches Urteil über weibliches, weibliches hingegen aus Prinzip in Frage stellt. Und so reihen sich diese Verteidigungsversuche hervorragend in die drei Abwehrstrategien, die das Blog der Frau Dingens aufzählt: Beschuldigung des Opfers, Ablenkung, Darstellung des Täters als Opfer.

Mehr zum Thema:

Frau Dingens
Frankfurter Rundschau
Stern
Süddeutsche Zeitung

:: Kid Westerwelle reitet wieder

Äußerungen des Kalibers, für die Herr Guido Westerwelle derzeit heftig kritisiert wird, hat er schon vor der Wahl getan; man sollte sich also nicht verwundern, hat man doch jederzeit wissen können, wes Geistes Kind der Mann ist. Gewählt haben genug Verblendete ihn – bzw. seine Partei – dennoch.

Diese Woche aber tönte es ganz neu aus Herrn Sathoms ZDF-Text in der Glotzkiste: Herr Westerwelle ließ verlauten, er sei mit der Debatte zufrieden; großer Zustimmung erfreue er sich. Das mag sich verhalten, wie es will (außer bei einigen Foren-Kommentatoren, die den Jauchekübel an Stammtischvorurteilen, aus dem Herr Westerwelle schöpft, offenbar genußfertig finden, ist davon nicht wirklich viel zu merken: die Umfragewerte der FDP sinken, zumal auch die vom sozialen Abstieg bedroht wähnenden Mittelschichtler unter den FDP-Wählern fürchten, gegebenenfalls bald zu denen zu zählen, die der Außenminister derzeit mobbt: siehe hier). Wenn’s jedoch stimmte, hieße das, daß eine abenteuerliche Weltdeutungsmär weiterhin Erfolg hat – wobei diese natürlich keineswegs allein auf Herrn Westerwelles Mist gewachsen ist, sondern einen Vulgärmythos darstellt, den Wirtschaftsliberale und ähnlich gesonnene Zeitgenossen seit eh und je propagieren. Zusammengebraut ist dieser nach altbewährtem Rezept: was eine Kellnerin wohl dazu sage, daß sie weniger bekäme als ein Hartz-IV-Empfänger, fragt Herr Westerwelle hier scheinheilig besorgt, beklagt zugleich einen Mangel an Leistungsethos, und appelliert damit an den guten, alten Sozialneid: irgendwelche Faulenzer laben sich am Steuergeld der Schaffenden und kriegen dann noch mehr vom Kuchen ab als diese.

Doch derjenige Punkt, der die eigentliche, hier erst wahrhaft teuflisch werdende Unwahrheit darstellt, ist ein anderer: denn die Freunde des Ellbogenkapitalismus und ihre Nach-dem-Mund-Redner stellen mit derlei Äußerungen die Tatsachen auf den Kopf.

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:: Choose your poison

Am 27.09. ist „Schicksalswahl“. Hat irgendein Politiker, dessen Namen Herr Sathom erfolgreich verdrängt hat, jedenfalls gesagt. Ein Datum wahrhaft apokalyptischen Ausmaßes und millenienprägender Bedeutung also, von dem, wenn nicht das Schicksal der gesamten Menschheit oder gar des Raumzeit-Kontinuums, so doch zumindest das des Abendlandes abhängt. Huijuijui. Und Herr Sathom weiß immer noch nicht, wen er wählen soll. Böser, unentschlossener Herr Sathom.

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