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:: Integrationsgesetz oder: Das Selbstgespräch der nicht Betroffenen

Willkommen im Blog, das verbitterte Selbstgespräche führt. 😎 Solche kann man allerdings auch zu Mehreren veranstalten, und dann können sie ganz lustig werden, wie am Sonntag mal wieder der „Presseclub“ bei Phoenix demonstrierte. Thema war das neue Integrationsgesetz. Außer dem von der taz entsandten Teilnehmer fanden’s alle einigermaßen geil. Herr Sathom will hier gar nicht en detail auf die Sendung eingehen; ihm fiel bloß anläßlich ihres Themas und mancher Äußerung dazu etwas auf, das die gesamte aktuelle Debatte kennzeichnet.

„Fordern und Fördern“ steht auf dem Banner, das über dem Gesetz weht. Und he, klingt das nicht irgendwie vertraut? Richtig – es ist eben die Parole, mit der die Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze übers Volk gebracht wurden. So ein Zufall.

Herr Sathom formulierte hier schon früher einmal den Verdacht, daß die Vorurteile, die Zuwanderern und einheimischen „Sozialschwachen“ (also: den Armen) entgegenschlagen, weitgehend dieselben sind. Wirft man einen Blick auf die Prämisse des neuen Gesetzes und die begleitende Propaganda derjenigen meiden, die es begrüßen, kann man den Eindruck gewinnen, daß hier tatsächlich sehr ähnlich, wenn nicht identisch argumentiert wird.

Indem man den Schlachtruf der Agenda 2010 wieder aus der Mottenkiste holt, übernimmt man deren implizite Unterstellung – gefordert und sanktioniert werden muß, denn ohne Arschtritt kommen diese faulen Versager nicht in die Gänge. Überhaupt ist das „und“ zwischen den F-Worten ein Schwindel; um Forderung plus Förderung geht es nicht. Daß man fordert, ist die Förderung; wenigstens in vielen Köpfen. Die Gef…ten brauchen den Tritt nämlich.

Wer einmal mit Hartz-Jobbern zusammengearbeitet und von ihren Erfahrungen gehört hat, oder seine Gewerkschaftszeitung liest, weiß hingegen, daß ihre Rückkehr auf den Ersten Arbeitsmarkt nicht an ihnen scheitert, die per Androhung von Leistungsentzug in Knochenjobs für minimalen Stundenlohn gezwungen, oder zu idiotischen Schulungen geschickt werden. Sondern daran, daß diese Rückkehr gar nicht gewollt ist. Die Bereitstellung eines Sklavenheers, das der Staat entlohnt, ist ein Geschenk an die Wirtschaft (u.a. lebt eine ganze Branche von Kursanbietern davon). Der Schwindel, es läge an den Ausgebeuteten, daß diese auch nach Jahren nicht zurück in „richtige“ Arbeit gelangen, verleumdet diese, um den Zusammenhang zu vertuschen.

Nun funktioniert dieser Trick immer weniger, je mehr Menschen sozial abrutschen und die Wirklichkeit des Hartz-Daseins selbst erfahren; doch bei den Zuwanderern wird der Mummenschanz wieder angelegt. Vielleicht, weil man hofft, mit dieser Gruppe erfolgreich verfahren zu können, wie damals mit den als „Sozialschmarotzer“ gebrandmarkten. Bei denen zieht das nicht mehr so richtig – aber prima, jetzt hat man neue Sündenböcke, auf die man den Unmut der Menschen lenken kann. Siehste, nicht der Bänker frißt dir die Wurst vom Brot, sondern der Flüchtling. Und wie damals der Sozialhilfeempfänger ist er durch das Vorurteil von vornherein diskreditiert, unglaubwürdig und damit mundtot gemacht; kann aufgrund seiner Lage kaum am Diskurs teilnehmen und sich praktischerweise nicht äußern; so daß man herrlich über ihn reden (und richten) kann, statt mit ihm. Wie eben einst und meist auch jetzt noch die Armen. In Polit-Talkshows zum Themen wie Hartz IV, „bildungsfernen Schichten“ etc. gehörten ja auch immer ganz bestimmte Leute nicht zur Gesprächsrunde – die nämlich, um die es ging. Andere saßen da und erklärten, was mit diesen Leuten nicht stimmt. Sie selbst hatten und haben zum Thema gefälligst nichts zu sagen – bloß Thema zu sein. Dieser Mechanismus wird nun in der Flüchtlingsfrage wieder angeschmissen.

Die Methode ist die bewährte – für die „Lösung“ des Problems werden die Betroffenen verantwortlich gemacht, indem man sie zu Verursachern erklärt. Schuld am Vorkommen von Armut sind die Armen, so die Botschaft damals; schuld am Integrationsproblem sind diesmal nicht fehlende Angebote z.B. von Sprachkursen oder fortdauernde Fremdenfeindlichkeit, an der jede Eingliederungsbemühung von Zuwanderern zerschellt, sondern – die Zugewanderten. So wie die Hartzer und Niedriglöhner nicht systemproduziert sind, sondern selbst schuld, haben sich eben auch die Einwanderer seit Jahrzehnten aus purem, bösen Willen jeder Integration verweigert und sich ihre Parallelgesellschaften gebastelt, und nicht etwa, weil man sie ständig zurückgewiesen hat. Und, na klar: Bildungsunwillig sind beide Gruppen; nicht etwa durch ein System, das Kinder von Gutverdienern bevorzugt, von Bildung ausgeschlossen.

Dank des Generalverdachts kann man so wunderbar fordern und (k)ein bißchen fördern – das Urteil über diejenigen, die auf der Strecke bleiben, ist im Gedanken, den Gesetz und konservativ-mediale Begleitmusik subtil transportieren, schon enthalten: „Selbst schuld“. Die, denen Integration mißlingt, haben versagt – nicht das System. So wie einst auch die Agenda 2010 Gleiches denen unterstellte, deren (Re-)Integration in den Ersten Arbeitsmarkt scheiterte.

Daß es Integrationsprobleme wie kriminelle Clans oder neuerdings „Antänzer“ gibt, soll hier gar nicht geleugnet werden. Aber wißt Ihr, Leute, dis kommt von dis. Läßt man Einheimische jahrelang zum Verrecken im Dreck liegen, werden sie – schlimmstenfalls – Nazis; behandelt man Zugewanderte eine nun schon viel längere Zeit wie Dreck, basteln sie sich eben ihre Parallelgesellschaften. Der Globalverdacht und das Herumgemurkse mit nicht vorhandenen Sprachkursen werden dieses Kind aber auch nicht wieder aus dem Brunnen holen.

Die Vertreterin der „Zeit“ sprach im Presseclub von einem „Selbstgespräch“, das die Gesellschaft gerade führe, und wollte mit dem Begriff wohl eine notwendige Richtungsebatte bezeichnen. Nur ist ein Selbstgespräch eben keine Diskussion. Jetzt wie einst sitzen wieder jene, die über Schwächere verfügen und deren Schicksal entscheiden, unter sich beisammen, und reden über die da unten; versichern einander in ihrer sozialen Seifenblase, daß sie schon am Besten wüßten, was denen draußen zu geschehen habe. Insofern hatte die Dame mehr recht, als sie ahnte – ein wunderschöner Freudscher Ausrutscher.

:: Die selbstgemachte Flüchtlingskrise

Ist das schön! Nach der Blockierung der Balkanroute ist die Flüchtlingskrise wieder ganz weit weg – die leidenden Menschen vielmehr, zur „Krise“ deklariert, die man endlich wie gehabt in HD als fernes Problem bestaunen darf.

Nun haben schon zuvor kesse Kabarettisten und andere Kritiker gemunkelt, die Krise sei selbstgemacht, u.a. durch die europäische Außen- und Wirtschaftspolitik. Doch es scheint, daß Europa für den massiven Flüchtlingsstrom des Jahres 2015 ganz direkt und unmittelbar ausgelöst hat; einen konkreten Anlaß dazu schuf. :: Die selbstgemachte Flüchtlingskrise weiterlesen

:: A propos de Cologne III – Hirnforschung am männlichen Subjekt

Wir erinnern uns: Im ersten Teil dieser Serie ging es u.a. um die Behauptung, wenn Frauen jetzt – nach den Ereignissen der Silvesternacht – noch einmal darauf hinweisen, daß sie schon lange auch Übergriffe deutscher Männer beklagen, dann wollten sie damit die Taten von Köln „relativieren“; und der im Beitrag erwähnte FAZ-Artikel ist wirklich so gemeint. Er bezichtigt diese Frauen des Versuchs, die Vorgänge der Silvesternacht zu verharmlosen. Davon zeugt auch die Vokabel der „Beschwichtigungsleistung“, die dort verwendet wird. Sie drückt aus, daß der FAZ-Autor nicht etwa argwöhnt, die gescholtene Feministin Anne Wizorek könnte deutsche Männer und zugewanderte „Trieblinge“ gleichsetzen wollen; sondern daß sie das, was in Köln geschah, seiner Auffassung nach herunterspielen will.

Was impliziert, daß Frauen, die sonst gegen sexuelle Übergriffe kämpfen, die Beschuldigten diesmal in Schutz nehmen. Sie kollaborieren also mit Männern, die etwas getan haben, das sie anderen Männern vorwerfen. Warum eigentlich sollten sie das tun?

Nun beschmunzeln derzeit ja landauf, landab konservative Denker die Zwickmühle der „Linken“, die Frauen und Einwanderer mögen (so etwa Dieter Nuhr, gehässigen Mienenspiels Meister und Künder des „gesunden Menschenverstands“); in den Zeilen des FAZ-Kommentars aber implodiert der Wunsch, den Gegner zappeln zu sehen, mit der Wucht einer LSD-Knallerbse. Engagierte Frauen sollen das, was sie sonst beklagen, diesmal verleugnen wollen.

Wie kann sich eine so offensichtlich irrsinnige Unterstellung also dem Hirn des Glossenschreibers entwinden? Wie kann sie in anderen Männerhirnen auf großes Willkommenshallo treffen? Herr Sathom meint, das zu erkunden, könnte eine lustige psychologische Expedition abgeben. Steigen wir also hinab in die Abgründe der patriarchalen Männerphantasie; hoffentlich habt Ihr eure Grubenhelme dabei.

Stört Euch nicht an den Tsathoggua-Statuen und diesen schwarzen Amöbenteilen, die überall rumkriechen, die tun nix; das sind bloß Verdrängungen. Wir haben ja die Helmlampen (das Zeug ist lichtscheu). Aber daß mir keiner die Phallussymbole Stalagmiten abbricht.

So. Wir befinden uns jetzt im patriarchalen Mann (beachten Sie dort drüben den wunderbaren Tropfstein; „Invader Jones“, wie wir ihn nennen, ist in Jahrtausenden so mächtig angeschwollen). Dieser ist kein „Mann“ im Sinne einer Person (also auch nicht der des hier kritisierten FAZ-Autors), sondern ein Typus; und als solcher auch keine Gruppe von Männern, zu der man eindeutig gehören kann oder nicht, sondern ein Sammelsurium von Vorstellungen, Einstellungen und Persönlichkeitsmerkmalen, die  im Verlauf der Sozialisation zum „Mann“ gesellschaftlich eingeimpft werden. Von diesen weist jeder so Aufgewachsene nicht alle, aber unterschiedlich viele auf, auch Herr Sathom, so gern er sich (wie jeder „deutsche“, hier sozialisierte Mann) davon ausnehmen … He! Hab‘ ich nicht gesagt, Ihr sollt die Dildosteine Stalagtitt – verdammt nochmal, das gibt’s doch nicht! Äh. Ich meine, faßt einfach die Naturwunder nicht an.

Halten wir fest: Die Möglichkeit, er selbst könne sich sexistisch/übergriffig verhalten, streitet der deutsch sozialisierte Kulturmann wie eh und je erbittert ab. Beim kulturfremden, „primitiven“ Mann hingegen läßt er dergleichen nicht nur als vorstellbar zu, sondern setzt sogar voraus, daß dieser Fremde sich so verhalten müsse. Und jetzt unterstellt er, diese Frauen würden die Partei jenes Fremden ergreifen, der da in Köln Amok lief. Soweit die Ausgangslage.

Habt Ihr eure Sigmund Freud-T-Shirts an? Dann hauen wir rein:

Bricht da bei den Vertretern dieser These vielleicht eine unbewußte Angst durch, die Damen sympathisierten mit den Angreifern, denn sie würden sich vielleicht sogar mal ganz gern von so einem virilen Naturburschen …?

Wem das weit hergeholt erscheint: Die sexuell selbstbestimmte Frau als Verräterin steht ganz oben auf der Liste maskuliner Angstphantasmen. Die macht, was sie will, und haut einem noch auf die Finger, wenn man auch mal möchte – wer weiß, wozu die noch imstande ist. Aber man(n) weiß es ja ganz genau, nicht wahr? Unsere hohe wie populäre Kultur liefern zahllose Exempel, die dem Mann zeigen sollen, wohin das führt, Jezebel, Mata Hari, Medusa heißen sie; er weiß: Das Weib, das über sich selbst verfügt, zieht’s zum Bösen hin.

:: A propos de Cologne II – Anzeigenflut

Im ersten Beitrag ging es um die Reaktion der konservativen Männlichkeit auf Frauen, die angesichts der Untaten von Köln darauf hinweisen, daß sie schon seit Langem Übergriffe europäischer Männer vergeblich beklagen. Tenor: Das sei alles gar nicht wahr; die Silvesternacht beweise, was für Ungeheuer da aus dem Orient herankrebsen, jeder Vorwurf an westliche Männer hingegen sei weiterhin weibliche Hysterie (das Wort belehrt den Lateiner: sowas kommt von der Gebärmutter; physiologisch bedingter Schwachsinn eben). Kurios dabei, wie diese Helden des Abendlandes sich zugleich dahingehend äußern, die renitenten Weibsbilder müßten bloß mal ordentlich und so weiter.

Kurz, der bisher gegen jeden Aufschrei“ bei Twitter oder sonstwo aufrecht erhaltene Mythos, Männer täten so etwas nicht, Feministinnen etc. würden bloß Unfug reden, soll weiter bestehen (ab jetzt nur mit der Ausnahme des Fremden).

So lassen sich auch Kommentatoren nicht lumpen und fabulieren, diese Frauen betrieben „Relativierung“. Behaupten also, daß Frauen, die sonst gegen Männergewalt eintreten, diesmal die Täter schützen bzw. deren Taten leugnen wollten – aus ideologischer Verblendung, oder aus, na, Gründen halt, weil, vermutlich weiß der betreffende FAZ-Kommentator das auch nicht so genau. Sein „Argument“: Die Anzahl der Übergriffe, die Frauenberatungsstellen und Feministinnen melden, wären erfunden, sein „Beweis“: es gäbe nicht entsprechend viele Anzeigen. Nur angezeigte Taten existieren – die Angaben irgendwelcher Beratungsstellen, wie viele Frauen sich an sie wenden würden, sind kraft feuilletonistischer Order Quatsch.

Nun liegen diesmal, da es sich um nichteuropäische Täter handelte, Anzeigen in enormer Zahl tatsächlich vor; daran gibt’s nichts zu deuteln. Sie sind ein Hauptargument derer, die Frauenverachtung einseitig am fremden Mann feststellen möchten. Gerade dem Fremdenhasser dienen sie als „Beweis“, daß „der Ausländer“ des Teufels sei.

Und so schreit er nun, daß man die unbequemen Wahrheiten endlich aussprechen müsse, das furchtbare Diktat der political correctness aufheben; doch daß Frauen oft nicht wagen, Übergriffe anzuzeigen, weil sie wissen, daß ihre Schilderung reflexartig bezweifelt, ihnen selbst die „Schuld“ zugeschoben wird („Warum muß die auch im Minirock …“), daß für sie eventuell mit einer Anzeige der Horror erst beginnt (auch wenn all das besser geworden scheint), ist auch eine „Wahrheit“.

Hypothese: Hängt die enorm hohe Anzeigenzahl nach Silvester vielleicht damit zusammen, daß sich diesmal einfach mehr Opfer trauen, eine Anzeige zu erstatten, weil sie bemerkt haben, zur Abwechslung einmal ernst genommen zu werden? Und zwar, weil der Täterytp der Öffentlichkeit, der Politik, der Gesellschaft opportun erscheint? Weil sie die Taten diesmal also, ohne weitere Erniedrigungen fürchten zu müssen, anzeigen dürfen?

Herr Sathom hält das immerhin für möglich: Da sich alle xenophoben Lieblingsphantasien an diesen Tätern hervorragend abarbeiten lassen, darf diesmal endlich wirklich passiert sein, was sonst abgestritten wird. Immerhin sickerten die Anzeigen (deren Strom ja nicht sofort begann) erst spärlich, nach den ersten Tagen jedoch immer stärker – d.h. sobald das öffentliche Echo den Opfern signalisierte, diesmal wären deutsche Männer und Medien schockiert, empört, schenkten ihnen Glauben.

Wie wär’s denn stattdessen damit: Doch, es kann auch beim Oktoberfest, in der U-Bahn, im Alltag so viele Übergriffe geben, wie Frauenorganisationen mitteilen. Nur daß diesmal die Öffentlichkeit den Opfern zeigt, daß sie auf allgemeinen Glauben hoffen dürfen, statt sich nur verschämt einer Beratungsstelle anvertrauen zu können. Und dort loszuwerden, wovon die empörte Männlichkeit nachher erzählt, es sei nicht passiert, und Frauenorganisationen spinnen ja. Insofern wirkt auffällig, daß diejenigen Frauen, die jetzt auf die Übergriffe auch deutscher Männer hinweisen, wie Nestbeschmutzerinnen behandelt werden.

Die Anzeigenzahlen selbst sind allerdings nur bedingt verläßlich. Dienstag abend war die Anzeigenflut laut Videotext auf über 800 geschwollen, davon 521 wegen sexueller Übergriffe; am Samstag auf 880, von denen plötzlich weniger – 414 – auf Übergriffe entfielen, der Rest auf Taschendiebstähle und andere Kinkerlitzchen. Ein Teil also auf Delikte, die vermutlich jede Silvesternacht, bei jeder Massenveranstaltung überhaupt, zustande kommen – aber nicht weiter breitgetreten, oder überhaupt der Polizei gemeldet werden. Der Anteil sexueller Delikte ist, konkrete Zahlen einmal beiseite, immer noch hoch und erschreckend. Würde nun jemand behaupten, mit diesen Anzeigen, die Wochen nach den Taten eintrudeln, stimme etwas nicht – sie würden sich z.B. irgendwo auf einem Computer selbst schreiben – würde das zu recht als Verschwörungstheorie zurückgewiesen. Daß aber Mitarbeiterinnen von Beratungsstellen für Frauen Sexualdelikte erfinden sollen, verkaufen uns die Leugner pausbäckig als Fakt.

Sie sind echt, diese Anzeigen, gewiß (bei den Abweichungen können Irrtümer und „stille Post“ eine Rolle spielen) – doch kämen sie auch ohne die öffentliche Solidarität mit den Opfern, und vor allem, kamen sie zuvor nie, weil stattdessen öffentliche Ablehnung drohte? Einer Sache ist Herr Sathom nämlich auch gewiß: Würden plötzlich hunderte Übergriffe eindeutig deutscher Männer von Frauenorganisationen behauptet, und in der Folge lawinenartig angezeigt, wären wohl längst Stimmen laut geworden, die Menge der Anzeigen sei absurd, so viele Vorkommnisse könne es gar nicht gegeben haben; eine Verschwörung der Emanzen müsse dahinterstecken (Der männliche Leser, der sich das nicht vorstellen kann, mag sich einer kurzen Selbstprüfung unterziehen. Würde er es glauben? Glaubte bisher den Frauen, die ohne Anzeigen argumentierten?).

:: A propos de Cologne I½ – Kurzer biographischer Einschub

Was bisher geschah: Sexuelle Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht +++ Täter offenbar überwiegend keine weißen Inländer +++ Konservative und Rechte schreien „Aha!“ und freuen sich +++ Feministinnen melden sich und sagen: „Moment! Wie weisen seit Ewigkeiten auf Übergriffe hin, die von westlichen Männern begangen werden, und das wird immer geleugnet oder heruntergespielt; die Männer behaupten stets, da war nix.“ +++ Das konservative Männerkartell röhrt auf: „War auch nicht! Nur Ausländer machen so was – wegen ihrer Kultur! Wir (ebenfalls kulturbedingt) nie! Schon wieder alles gelogen!“ +++ Herr Sathom meint: Isses nicht.

Man(n) hast sich beim Lesen des letzten Beitrags an dieser Stelle vielleicht gefragt, weshalb Herr Sathom meint, daß die von Feministinnen und Frauenberatungsstellen vorgebrachten Zahlen stimmen; woher er „wissen“ will, daß sie nicht übertrieben sind. Nun. Von allen Frauen, die er in seinem Leben kennengelernt hat, hat ihm beinahe jede zweite von sexuellen Belästigungen jeder Art erzählt – angefangen bei auffällig gesuchter Nähe (Berührungen) bis hin zu körperlichen Übergriffen. Lassen wir mal beiseite, ob das statistisch aussagekräftig ist (dann wären wir schon bei 50% – was nicht hieße, daß jeder zweite Mann so etwas tut, sondern nur, daß die es tun sehr umtriebig sind); Herr Sathom hat extrem aufdringliches bis bedrohliches Verhalten – trotz wiederholter „Neins“ – auch gelegentlich in einer Weise miterlebt, die ihn zum Eingreifen nötigte. Die Täter verkrümeln sich, wenn ihnen entgegen tritt; bei ihrem aggressiven Auftreten blieb es in diesen Fällen zum Glück. Wen aber will man da „anzeigen“? Das Phantom von der Bushaltestelle? Herr Sathom würde mal schätzen, daß 80% der Übeltäter, von denen ihm erzählt wurde, westliche Männer waren. Keine der Frauen, die ihm solche Erlebnisse mitteilten, hat sie angezeigt (bestenfalls darüber nachgedacht). Hauptgrund: es vergessen, hinter sich lassen wollen, das Gefühl, beschmutzt worden zu sein, das sich Außenstehenden – auch Polizist(inn)en – nun einmal ungern mitteilt. Und dann noch Folgendes. Je höher der „zivilisatorische Level“ der Männer, desto raffinierter gehen sie offenbar vor, soweit Herr Sathom das beurteilen kann. Sie wissen, die Situationen zu schaffen, in denen sie mit der Frau allein sind; sie verstehen es, ihr Verhalten in Anwesenheit Dritter vieldeutig zu gestalten. Ist die Hand auf der Schulter nur nett gemeint oder übergriffig, ab welcher Häufigkeit/Penetranz ist sie es, erweist sich frau vielleicht als albern oder zickig, wenn sie darauf hinweist, daß sie das nicht möchte? Ist das Belästigung oder nicht, wenn die Auszubildende vorbeikommt und das Gespräch der Anzugträger über ihre (herabsetzend geschilderten) weiblichen Eroberungen lauter wird, und einer damit prahlt, kondomfrei alles flachzulegen, weil er „den Geruch von verbranntem Gummi“ nicht möge? Nicht wen, aber was wollte man da anzeigen? „Entschuldigung, Officer, da rückt mir immer einer so komisch auf die Pelle – glaub ich jedenfalls.“ – „Ach ja? Armlänge, ne.“

:: A propos de Cologne I – Der Unterschied beim Übergriff

Die Übergriffe von Köln und Hamburg – und was für ein Umschwung im Land!

Jahre, Jahrzehnte lang wurde Belästigung von Frauen, wurden sexuelle Übergriffe und häusliche Gewalt als Kavaliersdelikt behandelt, oder glattweg geleugnet. Ein Kartell konservativer Männlichkeit in Politik und Presse hatte das Urteil verhängt, diesbezügliche Beschwerden einzelner Frauen oder ihrer Organisationen beruhten auf Einbildung und hysterischer Überempfindlichkeit; ebenso verhängte die Gesellschaft ein Schweigegebot über Betroffene, in Form drohenden Spießrutenlaufs, sollten sie dergleichen anzeigen. Und jetzt, jetzt auf einmal, nach den Ereignissen von Köln und Hamburg, werden die Betroffenen endlich ernst genommen, die Taten nicht mehr heruntergespielt und verschwiegen, wird offen über …

Ach so. Das hat sich geändert.

Nicht etwa das: Seit Langem beanstanden Frauen und deren Organisationen verbale wie tätliche sexuelle Belästigungen und Übergriffe – begangen von westlich sozialisierten, „deutschen“ Männern. Ob es um „freundliche Komplimente“ geht, um zudringliche Chefs, „zufällige“ Berührungen oder offensives Grapschen, werden ihre Beschwerden nicht ernst genommen, wird ihnen von Männern vorgeschrieben, wie sie die Vorgänge wahrzunehmen hätten: als harmlos, unbedeutend, die eigene Reaktion übertrieben. Die maskuline Reaktion bestand stets darin, anstelle der Frauen entscheiden zu wollen, wann sie „wirklich“ belästigt wurden, und wann sie es sich nur einbilden (nach Meinung der meisten konservativen Männer: immer).Und noch immer fürchten oder schämen sich Opfer, eine Vergewaltigung anzuzeigen (daß es diesmal Anzeigen regelrecht hagelt, wird noch wichtig werden).

Kaum glauben nun feministische Frauen, sie könnten angesichts der Empörung um Köln das Thema sexueller Übergriffe endlich auf breiter Basis öffentlich thematisieren – also auch in der deutschen Kultur noch vorhandene Einstellungen und Verhaltensweisen von Männern benennen –, wird ihnen erneut der Mund verboten; sogar unterstellt, sie wollten die Untaten von Köln „relativieren“, also übergriffige Männer diesmal in Schutz(!) nehmen. Die Lektion: Ja, es darf endlich darüber gesprochen werden – so lange den deutungshohen Herren der Schöpfung der Täterkreis genehm ist.

Um es ganz deutlich zu sagen: Die Angriffe auf Frauen in Köln und anderen Städten sind verabscheuungswürdig, durch nichts zu „relativieren“ – sind abstoßend, unerträglich, zum Kotzen. Die konkreten Täter müssen mit aller Härte verfolgt und bestraft werden.

Das gilt jedoch für jeden sexuellen Übergriff. Sollte es jedenfalls.

Und nun das Merkwürdige. Vor einiger Zeit geisterte kurz die Meldung durch den Videotext, die Kölner Polizei habe erklärt, sexuelle Übergriffe würden – in einem Zustand „alkoholbedingter Rohheit“ oder ähnlich – in der Silvesternacht seit Jahren vorkommen. Die Meldung hielt sich nicht lange; deutete aber an, daß die Ereignisse zum Jahreswechsel 2015/16 vielleicht quantitativ, aber nicht qualitativ neu waren. Von vornehmlich ausländischen Tätern war darin keine Rede; die Alkoholbedingung spricht eher für einheimische Sozialisation.

Und da wird nun interessant, daß nach Epochen des Leugnens der große Aufschrei jetzt erfolgt, zu einem Zeitpunkt, da er geeignet scheint, eine ganze Gruppe weitgehend Unbeteiligter – nämlich sämtliche Flüchtlinge, Migranten und „Fremden“ – unter Generalverdacht zu stellen.

Wie anders doch das Bild in vergangenen Jahren, wenn unterschiedlich schwerwiegendes Verhalten deutsch sozialisierter Männer ruchbar wurde, ob das eines gewissen FDP-Politikers, sexuelle Nötigung am Arbeitsplatz oder „nur“ ein paar Maulschellen für die Alte – und wie tief das Schweigen darüber, daß besoffene deutsche Jungmänner (ältere auch), ob allein oder in Banden, sich allzu häufig nicht anders verhalten, als diesmal die „Primitiven“ aus den „mittelalterlichen Kulturen“.

Denn wurden bisher Männer solchen Verhaltens angeklagt, trat stets – jedenfalls immer dann, wenn die Übeltäter „Deutsche“ waren – sofort jene sehr starke Fraktion auf, die fand, „eigentlich“ sei doch gar nichts passiert; die Weiber bloß hysterisch, und die sollen sich nicht so haben.

Worin bestand denn die Reaktion auf den Twitter-„Aufschrei“ der Frauen vor einiger Zeit?

Im Versuch, die betroffenen Frauen als überempfindliche Ziegen darzustellen; die vielen berichteten Erlebnisse als harmlos abzutun.

:: Die Faulen bleiben sitzen

. . . sagte heute in der Phoenix-Sendung Menschen in Europa – Jean-Claude Juncker im Gespräch mit Udo van Kampen der Erstgenannte.

Gemeint waren natürlich die Menschen, die in den Flüchtlingsländern zurückbleiben – weil sie nicht die Leistung der Überquerung des Mittelmeers auf sich nehmen, weil sie zu alt, zu arm sind, um zu fliehen, oder vielleicht wie die Kurden den Kampf gegen den IS führen. Wohlgemerkt sind die Flüchtlinge auch mutiger als die Sitzenbleiber, sie trauen sich ja was (mehr als diejenigen, die bleiben und gegen Armut oder Terror vor Ort kämpfen). Es wären eben nicht die Faulen, die kämen, plauderte Herr Juncker – die blieben zuhause sitzen.

Aha.

Eine merkwürdige Auffassung – wobei der Mut und die Zähigkeit, und, ja, auch die Leistung der Flüchtlinge, die Europa erreichen, nicht geschmälert werden soll; auch diese Menschen vollbringen etwas, setzen sich ein Ziel und erreichen es (vorerst – die letzte Schranke, die sie zu überwinden haben, sind wir mit unserem Egoismus). Doch was soll die Gleichung, die jene, die nicht fliehen, zu Faulpelzen, Feiglingen, Menschen zweiter Klasse degradiert; die überhaupt Menschen in Wertvolle und Wertlose einteilt?

Es sei nicht „the scum“, der Abschaum also, der zu uns käme, hat Herr Sathom vor einiger Zeit anderswo im Internet vernommen.

Nun, Abschaum ist etwas, das auf einer Dreckbrühe oben schwimmt; aber das einmal beiseite. Bei den in unserer Gesellschaft oben schwimmenden jedenfalls trifft man immer wieder auf die Auffassung, daß es sich bei den Flüchtlingen um Menschen handelt, die irgendwie besser sind als Andere. Ihre Bildung wird betont, ihre Qualifikation; leistungswillige, besondere Menschen kämen da, heißt es, anders als – wer?

Eine kurdische Peschmerga-Kämpferin, die täglich Leib und Leben riskiert und deren Leuten auch von unserem neuen Kumpel, Herrn Erdogan, zugesetzt wird? Ein afrikanischer Aktivist oder Journalist, der vor Ort gegen Armut und Unrecht kämpft, ein Grieche oder Afrikaner, der bleiben muß, weil er die greisen Eltern nicht verlassen kann? Alles fauler, feiger, nicht leistungsbereiter Abschaum?

Oder die Armen Europas etwa, die hiesigen „Sitzenbleiber“ der Gesellschaft, die wohl faul und feige, also an ihrem Los selbst schuld sein müssen, die „Bildungsfernen“, die sich dadurch als weit weniger wertvoll erweisen, als ein Computerspezialist aus Indien?

Die Logik Junckers und anderer, die so reden, ist kaum weniger menschenverachtend als die der „besorgten“ Rassisten, die sich derzeit wieder rühren, bei PEGIDA und anderswo. Nur teilt sie die Menschen nicht in ethnische Kategorien von Wert und Unwert ein, sondern in ökonomische. Der wirtschaftlich (so hofft man) nützliche Mensch ist der Gute.

In solch kurzen Bemerkungen, wie sie Monsieur Juncker heute von sich gab, geschieht so vieles zugleich. Daß da Arme gegen Arme ausgespielt werden, wäre die Kurzfassung. Doch sie faßt es nicht ganz.

Verschleiert wird, daß unser Bildungssystem die Wohlhabenden bevorzugt, und jene Bildung, für die man die Neuankömmlinge lobt, den ökonomisch Schwächeren strukturell vorenthält – ihnen reibt man die Flüchtlinge unter die Nase, um ihre Lage als eigenes Verschulden darzustellen, über das der hochbezahlte Leistungsträger zurecht die Nase rümpfen darf.

Geleugnet wird da auch, daß der Notstand des deutschen Bildungssystems, den jetzt angeblich die Flüchtlingsfluten erzeugen, längst existiert und systembedingt ist. Ferner, daß wirtschaftliche Not und Krieg in den Herkunftsländern der Flüchtenden von uns Europäern und Deutschen erzeugt werden, ersteres etwa, indem Freihandelsabkommen und vorgebliche Entwicklungshilfe Afrika in Armut halten; und daß die Hochgebildeten, die von dort oder auch aus Griechenland fliehen müssen, hier für Niedriglöhne ausgebeutet werden. Bei uns, heißt es etwa, herrsche „Fachkräftemangel“ – was soviel bedeutet wie: die Wirtschaft will nicht ausbilden, sondern lieber Kompetenz abgreifen, in die anderenorts investiert wurde; was dort privat oder staatlich aufgewendet wurde, soll uns zugute kommen. Menschen, die einer Not entkommen müssen, die wir miterzeugt haben, werden ihren Herkunftsländern entzogen; ihre Ausbildung wurde dort finanziert, genutzt aber wird sie hier, während sie dort eben fehlt. Und, wie praktisch: weil sie trotzdem nicht „gleichwertig“ ist, braucht man deren Inhaber nicht anständig zu bezahlen. Eine neue Form des Kolonialismus findet da letzten Endes statt – man muß nicht mehr irgendwo hinfahren, um Leute als Sklaven einzufangen, man treibt sie zu sich; und sortiert dann in „Transitzonen“ aus, wer bleiben, und wer zum Verrecken wieder umkehren darf.

Noch einmal: Refugees Welcome ist auch Herrn Sathoms Motto. Und seinetwegen auch Wirtschaftsflüchtlinge, he, warum nicht. Gegen die Flüchtlinge richtet sich das eben Gesagte keineswegs, leugnet auch nicht die immense Leistung, die sie wirklich vollbracht, noch das Leid, das sie ertragen haben. Und schon gar nicht die Menschenpflicht, sie aufzunehmen, zu versorgen, ihnen einen Start und ein neues Zuhause zu bieten.

Doch es ist schäbig, wie gerade diese Menschen stattdessen zum Spielball von Interessen gemacht werden, mal hochgelobt, mal verteufelt, je nachdem, welche Klientel gerade erfreut werden soll. Oder wie es jedes Mal heißt, man müsse die Fluchtursachen beseitigen, ohne daß dergleichen dann folgt, da der Verweis auf die Ursachen nur Ausrede dafür ist, abzuweisen; ein Anlaß, die altbekannte „Das Boot ist voll“-Rhetorik abzuspulen.

Und eben auch dafür, hier existierende gesellschaftliche Schranken zu verstärken, am Mythos zu häkeln vom irgendwie immanent wertvolleren Menschen, der offenbar schon mit dem Leistungsgen zur Welt kam, und „the scum“.

Stattdessen denselben Respekt vor jedem Menschen, gleiche Chancen für alle – das hieße beispielsweise, ein faires Bildungssystem für Jeden, Migranten, Einheimische, einheimisch gewordene Migranten. Stattdessen werden neue Linien der Verachtung durch die Gesellschaft gezogen, und alte verstärkt – entscheiden einmal mehr etablierte Machteliten, wen sie zu den Futtertrögen zulassen (vielleicht, wenn er brav ist), und wen nicht.

Nein, sie sind keine Rassisten – in wertlosen Dreck und erwünschtes Personal teilen sie die Menschheit nach anderen Maßstäben ein. Teilen sie uns ein, gleich welcher Herkunft, die tatsächlich keine Rolle spielt – denn wir sind Brüder und Schwestern, ja, Herr Sathom nennt uns ausdrücklich so, homo sapiens, unsere Geschwister aus Syrien, Afrika, von sonstwoher, die wir doch alle ein gleiches Recht auf gutes Leben haben sollten.

Den Flüchtlingen aber ermöglichen, heimisch zu werden, integriert – wie soll das gelingen, wenn unsere Gesellschaft schon per se ein Zuhause nur denen bietet, die ökonomisch saturiert sind, auserwählten Kreisen angehören, alle Anderen aber im eigenen Haus unter der Treppe wegsperrt? Integration allen außer den angeblich allein Nützlichen verweigert?

Was die Flüchtlinge zu uns treibt, sind Unrecht, Unterdrückung, Armut und Not. Unsere Antwort? Die eigenen Dünkel und Mauern, auch innerhalb unserer Gesellschaft, zu verstärken. Klischees von verdienter Armut und höherem Menschenwert des „Gebildeten“ zu repetieren in dysfunktionaler Leugnung der tatsächlichen Mechanismen, die Menschen verarmen und verzweifeln lassen – überall.

Was wir zuallererst vermeiden, wenn wir von der Flüchtlings-“Krise“ sprechen (Krisen gehen vorüber, aber macht Euch da mal nichts vor, Leute), ist der Blick auf deren Kernproblem: Uns.

Das Publikum übrigens goutierte Herrn Junckers Bemerkung mit Applaus.