Schlagwort-Archive: Gesundheitswesen

:: Wenn du lange genug das Corona-Virus anguckst, guckt es zurück (Glotztipps)

Die Corona-Krise ist auch eine Krise des Gesundheitswesens. Daß die Infektionskurve „flach gehalten“ werden muß, auch das Ergebnis einer jahrelangen, neoliberalen Politik, der Privatisierung von Kliniken und deren Umwandlung in profitorientierte Unternehmen, die sich weniger an medizinischen Notwendigkeiten (etwa der Bereithaltung von Notfallbetten, auch wenn diese in „normalen“ Zeiten nicht ausgelastet sind) oder den Bedürfnissen von Patienten orientieren, als daran, welche Behandlungen lukrativ sind, und welche nicht.

Die Lage ist nicht überall so prekär wie in Italien, wo Ärzte und Ärztinnen die „ethische“ Entscheidung treffen mußten, wen sie noch behandeln, und wen nicht; doch die brutalkapitalistische Logik der Gesundheitspolitik ist europaweit dieselbe. Daß man ähnliche Zustände in Deutschland immerhin für möglich hält, zeigt sich daran, daß derartige Diskussion auch hierzulande bereits – gewissermaßen vorbereitend – geführt wurden.

Wie es dazu kommen konnte (und welche Rolle die Bertelsmann-Stiftung dabei spielt, eine Organisation, deren „Gemeinnützigkeit“ merkwürdigerweise steuerrechtlich bisher nicht in Frage gestellt wird), illustriert gewohnt amüsant Die Anstalt vom 05.05.

Unter welchen prekären Bedingungen Pflegekräfte infolge dieser Politik arbeiten müssen – und das in der aktuellen Krise umso mehr – erfährt man aus einem Interview, das Anja Reschke (NDR) im Rahmen der Serie „After Corona Club“ mit dem Krankenpfleger Alexander Jorde führte (Jorde wurde durch seinen Appell an Angela Merkel in der Wahlarena 2017 bekannt; im Interview weist er u.a. auf Absurditäten wie die hin, daß ausgerechnet jetzt Pflegepersonal in Kurzarbeit geschickt wird – weil Krankenhäuser sich um Corona-Patienten kümmern müssen und dadurch profitablere Behandlungen, z.B. OPs, hintanstellen müssen). Eine Situation, die auch durch wohlfeiles Geklatsche der Zuschauer nicht erleichtert wird.

Beide Sendungen sind jedenfalls sehr instruktiv und sprechen wirkliche Probleme an, nicht das, was Verschwörungstheoretiker und demonstrierende Aluhüte derzeit dafür halten; Herr Sathom sacht: Kiekt. Denn könnta wat sehn.

:: Wege zum Glück

…oder: Gesundheit ist die Hauptsache, vor allem demnächst.

Das Thema ist an sich nicht neu, sondern spätestens seit der unsäglichen Dudelschmonzette „Don’t worry, be happy“ und dem ebenso zynischen Ramschschmöker „Anleitung zum Unglücklichsein“ – kurz, seit den narzißtischen 80ern – ein Dauerbrenner in populärpsychologischen Lebenshilferatgebern, esoterischen Zirkeln und schlampig zusammengehauenen, von Binsenweisheiten strotzenden Zeitschriftenartikeln: die Frage, wie man es denn schaffen könne, glücklich zu sein, und das bitteschön möglichst ununterbrochen, beschäftigt und ernährt ganze Branchen.

In letzter Zeit fällt Herrn Sathom jedoch auf, daß die Behandlung jener Problematik, die offenbar Unzählige umtreibt, noch einmal inflationär zugenommen hat, wobei sich zu dem quantitativen Anstieg medialer Aufmerksamkeit der neue Faktor höherer Weihen gesellt: selbst in „seriösen“ Talkshows der öffentlich-rechtlichen Dritten, ja sogar letztens am Sonntag im „Wissenschaftsforum Petersberg“ des Senders Phoenix beschäftigen sich mittlerweile die üblichen Sinngebungsexperten, Philosophen und andere Spin-Doktoren des gesellschaftlichen Bewußtseins (was, zum Teufel, soll beispielsweise ein „Glücksökonom“ sein, wie einer der Diskussionsteilnehmer auf dem Petersberge tatsächlich betitelt ward?) hochgelehrt und weise mit der Frage, was Glück sei, was glücklich mache, und vor Allem: ob Geld dazu beitrage und wie es auch ohne dasselbe ginge.

Herrn Sathom bringt das ins Grübeln. Daß die Frage nach dem Glück – bisher behandelt von irgendwelchen Hirschausens, deren These vornehmlich lautet, daß unglücklich nur die Doofen seien – solche Relevanz erhält, daß sie nunmehr vielen Sendeorts auch die wissenschaftlichen Eliten in Fahrt hält, oft souffliert von wohlbestallten und erfolgreichen Glückspilzen, von denen man sich Rat aus der Praxis erhofft, mag in Zeiten der Finanzkrise, da die Schere zwischen Arm und reich immer weiter aufklafft, viele den sozialen Abstieg dräuen sehen und allenthalben Frust und Murren – derzeit nur kurz gedämpft durch das Anästhetikum der Weltmeisterschaft, in deren Verlauf, so die Regenbogenpresse (Herr Sathom weiß nicht mehr, ob „B.Z.“ oder „Bild“), Herr Mesut Özil uns bereits einmal „ins Glück“ geschossen hat – herrschen, durchaus nachvollziehbar sein. Jedoch findet Herr Sathom, daß die Art, wie die Frage gestellt und wie sie beantwortet wird, durchaus Anlaß zur Analyse sei.

[Weiterlesen]