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:: Montimania

Na, auch gezittert vor Berlusconi? Kann man auch, kann man auch.

Aber nachdem die Schreckenswahl der lebenden Toten in Italien nun vorbei ist, kurz etwas anderes, das Herrn Sathom auffiel, wenn er so die Berichterstattung im Mainstream-TV begutachtete.

Und zwar, daß Kommentatoren, Vor-Ort-Korrespondenten und andere Statthalter der Deutungshoheit in den letzten Tagen und Wochen einmal mehr sich überschlugen bei Verkündung der Gewißheit, daß der eigentliche Erlöser Mario Monti heiße, und es so oder so ein Drama sei, wenn er nicht mehr das Sagen hat.

Das ist, wohlgemerkt, keine von den „Mainstream“-Medien gewebte Propaganda. Wer Zeitung liest, findet genug reflektiertere Aussagen zu Herrn Monti; im zu gewöhnlichen Tageszeiten zugänglichen Nachrichtenfernsehen, auch dem der Öffentlich-Rechtlichen, scheint das Denken in vertrauten Klischeeschubladen allerdings noch fröhliche Urständ zu feiern. Was der deutsche Durchschnittsbürger weiß – daß wir hierzulande belohnt werden, weil wir gegenüber den Finanzmärkten immer artig gewesen, die Griechen und Italiener hingegen leider Haue kriegen müssen, weil sie zu viel Nachtisch wollten; daß allein Technokraten aus der Privatwirtschaft es nun richten können, weil die, nicht wahr, immer sachlich und vernünftig entscheiden – wird ihm hier aufs Schönste bestätigt. Man ist eben unter sich in den Gefilden der Mittelschicht-Weltwahrnehmung.

Angesichts solch überwältigenden Konsensus mag es sinnlos scheinen, noch einmal einige simple Fakten – alle leicht zugänglich, recherchierbar, nichts davon Geraune an Stammtischen irgendwelcher Verschwörungstheoretiker – in die Hirne dübeln zu wollen. Dennoch sei noch einmal auf einiges bereits Gesagte hingewiesen.

Dazu gehört, daß Herr Monti – gleich anderen Europäischen Führungspersönlichkeiten – als internationaler Berater für die US-Bank Goldman Sachs tätig war, von der berichtet wurde, daß sie u.a. der griechischen Regierung half, ihre Staatsschulden zu verschleiern. Wohlgemerkt wird eine persönliche Verstrickung von Herrn Monti von niemandem behauptet; die Präsenz von Finanz- und Wirtschaftstechnokraten, die ihrerseits Verbindungen zu großen Kreditinstituten haben, wird jedoch zu Recht kritisch und kontrovers diskutiert.

Monti als Messias, irdische Inkarnation der Weisheit der Märkte: das ist bloß ein Beispiel von vielen für die typisch deutsche, simplifizierende Weltsicht, die wirkliche Hintergründe und Zusammenhänge der Finanzkrise ausblendet; wie etwa auch den, daß die „Rettungsmaßnahmen“, die Sparpläne auf Kosten italienischer, griechischer, spanischer Normalbürger, keineswegs der Rettung dieser Länder dienen, sondern derjenigen der Anleger, deutscher allzumal.

Es sind dies Fehlwahrnehmungen und Mißverständnisse, etwa auch in Bezug auf die Rolle mancher Rating-Agenturen in der Euro-Krise (was hier über österreichische Medien gesagt wird, könnte man ebenso für deutsche postulieren), die vor Allem darauf zurückgehen, daß Journalisten wie Publikum nicht immer, aber noch allzuoft gleichen Wahrnehmungsfiltern anhängen, Deutungsmustern, deren simpelstes lautet: wir = fleißig und vernünftig, die = faul und doof.

:: Kurze Anmerkung zur medialen Rhetorik in der „Euro-Krise“

Wer die Berichterstattung der Medien bezüglich der jüngsten Ramschbewertungen für Italien und Irland für rein sachlich hält, der frage sich, wieso da eigentlich dauernd von einer „Ansteckungsgefahr“ gefaselt wird, so als könne sich nach und nach ein Eurostaat beim anderen mit dessen Finanzlage infizieren, und als seien die betroffenen Staaten nicht teilweise durch eigenes Zutun betroffen, und als gerieten sie nicht zum anderen Teil einer nach dem anderen ins nicht immer nachvollziehbar eingestellte Visier der Ratingagenturen, die jeden Staat beinahe wie den nächsten Dominostein schubsen, oft nachdem dies durch unheilvolles öffentliches Gemunkel bereits vorbereitet wurde, womit die Abwertung des nächsten Landes schon zwangsläufig, ihr Eintreten als Erfüllung des Seherspruchs der Augurenenturen erscheint.

Der Begriff der Ansteckung appelliert an irrationale Ängste, droht mit der finanziellen Syphillis; er suggeriert aber vor allem, es mit einem natürlichen, ja naturgesetzlichen Vorgang zu tun zu haben, der zwangsläufig und unausweichlich ist (außer, das Gegenmittel der „Finanzspritze“ wirkt), und nicht mit einem menschengemachten Phänomen, wobei die menschlichen Akteure sowohl die Schuldenmacher als auch die selbsterfüllende Prophezeiungen in die Welt setzenden Ratingagenturen sind, die aufgrund von Mutmaßungen die Kreditwürdigkeit von Ländern erschüttern, welche dann auch prompt noch tiefer in die Bedrouille geraten. Anders formuliert: das Reden von „Ansteckung“ macht glauben, das Problem springe wie ein Bazillus eigenaktiv von einem Land auf das andere über, und sei nicht zumindest anteilig von den Rating-Agenturen dorthin gelenkt; daß ein Euro-Staat um den anderen herabgestuft wird, erscheint nicht als Resultat der (wie gut oder schlecht auch immer begründeten) sukzessiven Herabstufungen durch die Agenturen, sondern als selbststeuernder Prozeß.

Es ist dies kennzeichnend für die Art, wie in der Sprache des Wirtschaftsliberalismus und vieler Medien auch vom „Markt“ die Rede ist: als sei er eine objektive, deterministische Macht, deren „Gesetzen“ man sich nur unterwerfen kann, gleich um den Preis welchen Sozialabbaus oder welcher Unmenschlichkeit („man“ muß eben für Niedriglöhne unter Arbeitsbedingungen, die an Sklaverei grenzen, produzieren lassen, weil „der Markt“ es diktiert, gelle); eine transzendente Macht, die ohne menschliches Zutun agiert und menschliches Wohlverhalten diktiert, und nicht ein dynamisches Geschehen, das von Menschen gemacht wird und rational analysiert werden kann.