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:: #alledichtimhirn oder was?!?

Die Macherïnnen der #allesdichtmachen-Inititiative, die letzte Woche so hohe Wellen schlug, haben inzwischen ihren wohlverdienten Shitstorm geerntet; unnötig, hier noch nachzulegen. Einige sind inzwischen abgesprungen und/oder haben sich entschuldigt, oder geben sich mißverstanden; wie glaubhaft das jeweils ist, will ich hier nicht entscheiden. Andere meinen, Applaus von der „falschen Seite“ erhalten zu haben, von der sie sich natürlich schleunigst distanzierten; dazu kann man nur sagen: Nun, Leute, wenn Ihr Applaus von den „Falschen“ bekommt, dann vielleicht, weil Ihr was Falsches gesagt habt. Denkt mal drüber nach.

Zur Ehrenrettung gibt es Hinweise, daß einige der Beteiligten wohl – teils unter Vorspiegelung falscher Anliegen der Aktion – in die ganze Geschichte hinein gelockt wurden (wer da weshalb hinter steckte, dazu auch hier einige Erkenntnisse). Lassen wir das mal so stehen, und reden über den Tenor der Aktion.

Der Hauptvorwurf gilt dem völligen Fehlen jeglicher Empathie mit denen, die unter Corona leiden. Und das zu recht. Die höhnische „Ironie“ der Videos verspottet alle, die wirklich unter der Pandemie leiden, statt sich als immerhin gut bezahlte Promi-Schauspielerïnnen zuhause zu langweilen: Angehörige Verstorbener, um ihr Leben kämpfende Menschen auf den Intensivstationen, medizinisches Personal, das vor Erschöpfung bald zusammenbricht; von den Vielen, die täglich als Supermarktpersonal, auf dem Bau oder in Amazons Lagerhallen ihr Leben riskieren, wollen wir nicht einmal anfangen. Wer da noch – wie manche Beteiligte – behauptet, die Empörung zeuge nur davon, daß die „Untertanen“ zu blöd wären, Ironie oder Sarkasmus zu verstehen, macht sich etwas vor. Denn es gibt Situationen, in denen Ironie unangemessen ist; zu blankem Hohn wird. Der eben auf Betroffene wie bestürzende Empathielosigkeit wirken muß – weil er das ist. Wer das nicht begreift, ist eiskalt und voller Verachtung für die Leidenden.

Wer als armer, in Isolationshaft gefangener Promi ablästert, während die Fahrradsklaven radeln, um den sicher geborgenen Homeworkern ihr Sushi zu bringen, muß zynisch wirken; auch dann, wenn er/sie vielleicht wirklich auf die Situation der Kulturschaffenden aufmerksam machen wollte. Denn zu denen, die deutlich existenziell bedroht sind, gehören die Macherïnnen von #allenichganzdicht garantiert nicht.

Man muß den Beteiligten also wirklich fehlende Empathie vorwerfen; oder, sollte das alles „gar nicht so gemeint“ gewesen sein, eine völlige Ignoranz gegenüber denen, die unter Corona wirklich ernsthaft leiden, also eine Neigung zur Nabelschau, die an Naivität grenzt; alles außerhalb des Elfenbeinturms nicht wahrnimmt.

Aber: Das ganze Theater ist auch ein Symptom; für einen Zustand der Gesellschaft, der weit über die Affäre hinausgeht.

Die beste Einordnung des Geschehens findet sich m.E. in der Zeitschrift derFreitag, in einem Artikel, der die Motivation der Schauspielerïnnen in einer Entsolidarisierung der Gesellschaft verortet; der aufzeigt, daß auch diese aktuell privilegierten Personen von Existenzangst getrieben werden, da wir zu einer Gesellschaft geworden sind, die weitgehend unsolidarisch funktioniert, so daß jede/r auf sich selbst gestellt ist – und damit notwendigerweise blind für die Nöte Anderer. Auch die Entwicklung, die uns dahin führte, wird kurz angerissen, was an sich schon ein Novum ist, denn – abgesehen von Böhmermans zufällig zeitnaher Sendung – wäre mir neu, daß die jüngere Vergangenheit einmal dahingehend analysiert worden wäre (außerhalb linker Medien zumindest).

Und damit wären wir beim Thema, denn zu diesem Feld ist – leider – noch so viel mehr zu sagen. Dringend zu sagen; und endlich einmal zu sagen.

:: TV-Tipp: Rollerball (1975)

Und weil ich gerade dabei bin (zwar leider knapp dran, aber ich habe es selbst gerade erst bemerkt): arte zeigt am Montag, dem 22.03., um 21:45 Uhr den Science-Fiction-Film Rollerball (1975), offenbar ohne demnächst geplante Wiederholungen.

Ein 2002 produziertes Remake, das mit dem Original so gut wie nichts zu tun hat – schon gar nicht, was dessen Qualität anbelangt – ist vermutlich einer der schlechtesten Filme aller Zeiten, und sei nur erwähnt, um Verwechslungen zu vermeiden (ein pikantes Detail dazu aber unten). Das Original dagegen, ein Klassiker des Genres, paßt in verschiedene Kategorien. Einerseits als für damalige Verhältnisse außerordentlich brutaler Actionfilm, zumindest, soweit es Mainstream-Produktionen betrifft, mit einem bestens geeigneten James Caan in der Hauptrolle; andererseits als düstere soziale Dystopie, in der die Welt von Konzernen regiert wird, die an die Stelle staatlicher Regierungen getreten sind (hallo Nevada).

Um die Massen zu kontrollieren, gibt es Rollerball – einen brutalen Teamsport, der an Gladiatorenkämpfe erinnert. Als Veteran des Spiels und Liebling des Publikums wird Jonathan E. (Caan) der dekadenten Elite gefährlich; man fürchtet, er könne aufgrund seiner Popularität Einfluß auf die Massen gewinnen, was für ihn, obwohl er tatsächlich keine entsprechenden Ambitionen hegt, lebensgefährlich wird. Ich will hier nicht zu viel verraten; daher folgen nur einige kurze Spoiler (ggf. den folgenden Absatz überspringen).

SPOILER ANFANG: Zu den eindringlichsten Sequenzen des Films gehört Jonathan E.s Besuch beim Supercomputer Zero. Jonathan, der bereits herausgefunden hat, daß alle Bücher digitalisiert und danach vernichtet wurden, will herausfinden, auf welcher Grundlage die Konzerne ihre Entscheidungen treffen (wie sich zeigt, wurden die digitalisierten historischen Aufzeichnungen editiert, also verfälscht); der Computer – eine Art denkender Flüssigkeit – gilt als einer der Speicher des gesammelten menschlichen Wissens. Es stellt sich heraus, daß Zero – den die Konzernchefs offenbar seit geraumer Zeit nicht mehr konsultieren– vollkommen wahnsinnig ist und Informationen verlegt, durcheinanderbringt oder vergißt. Die Sequenz trägt zur Atmosphäre des Films bei, der eine in Teilen wahnsinnige Welt zeigt – z.B., wenn superreiche Partygäste Bäume zum Spaß mit Laserpistolen abfackeln. (Hinweis: In der ursprünglichen Spoilersektion hatte ich einige Details falsch angegeben, da ich den Film vor Ewigkeiten gesehen, und Einzelheiten falsch erinnert hatte; ich habe das korrigiert). SPOILER ENDE

Rollerball ist kein vergnüglicher Film, so wenig wie etwa Silent Running/Lautlos im Weltraum – sondern ein atmosphärisch starker, verstörender Ausblick in eine dystopische Zukunft, der mit harten Actionsequenzen nicht geizt. Die Mischung aus düsterer Zukunftsvision und bitterböser Satire, die oft nahezu irrsinnige Züge annimmt (und dadurch den Irrsinn der gezeigten Welt verdeutlicht), ist dabei typisch für Filme der Zeit (Kubricks Doktor Seltsam und A Clockwork Orange wären andere Beispiele).

Ah, und noch das pikante Detail: Das vermasselte Remake von 2002 beendete auch die Karriere des Regisseurs John McTiernan, immerhin verantwortlich für Klassiker wie Predator, Die Hard und Jagd auf Roter Oktober. Grund hierfür war ironischerweise, daß McTiernan mit dem Produzenten in Streit darüber geraten war, was für eine Art Film das Remake werden sollte; worauf er einen Privatdetektiv anheuerte, um diesen Produzenten illegal abzuhören (offenbar, um ihn bei negativen Äußerungen über andere Studiobosse, oder bei falschen Aussagen gegenüber dem Studio zu „ertappen“). McTiernan wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er dazu gegenüber dem FBI falsche Aussagen gemacht hatte, und konnte seitdem in Hollywood nie wieder richtig Fuß fassen. (Ich habe keine Ahnung, weshalb er nicht wegen des illegalen Auftrags selbst verurteilt wurde; Wikipedia macht keine Angaben dazu, und ich habe keine Lust, das langwierig zu recherchieren.)

Wir wissen nicht, was für einen Film McTiernan machen wollte; was entstand, ist ein abgrundtief schlechtes Remake – für das ausgerechnet der Regisseur, der es (vielleicht) verhindern wollte, sich auch noch mit je einem Stinkers Bad Movie Award für die schlechteste Regie und das schlechteste Remake schmücken darf.

:: Konzernregierung statt Demokratie?

Klingt wie ein überzogenes Angstszenario aus einem dystopischen Science-Fiction-Film der Cyberpunk-Ära: Statt demokratisch gewählter Regierungen beherrschen Konzerne die Welt; aus Staatsbürger*innen werden Angestellte, oder eher: Leibeigene – gleich denen der Feudalzeit.

Is aber so (herzlichen Glückwunsch zum 50. übrigens, Sendung mit der Maus). Oder jedenfalls vielleicht bald.

Im US-Staat Nevada wurde bereits im Februar eine Gesetzesinitiative auf den Weg gebracht, die Big-Tech-Konzernen ermöglichen soll, eigene Regierungen auf dem Gebiet dieses Staates zu installieren. Soll heißen: Auf einem Gebiet, das der Konzern aufkauft, ist die Autorität der gewählten Staatsregierung teilweise ausgehebelt; die Konzernführung kann u.U. Gesetze erlassen, jedenfalls eine eigene Gerichtsbarkeit unterhalten, Steuern eintreiben und das Schulwesen organisieren.

Zumindest anfangs sollen diese „Zonen“ noch als Bestandteil der Counties (kleinere Regierungsbezirke innerhalb eines Staates) agieren; diese sollen sich jedoch nach und nach aus der Verantwortung zurückziehen, um den Geschehnissen im nunmehr weitgehend unabhängigen Googlevanien oder Blockchainopia freien Lauf zu lassen.

Die letztliche Formulierung des Gesetzes ist noch nicht abzusehen, da es sich vorläufig um einen Entwurf handelt. Dieser reicht allerdings aus, Besorgnis zu erregen. Beispiel Gesetzgebung: Ob ein solcher Konzernstaat eigene Gesetzgebungsgewalt hätte, ist unklar. Technisch gälte er als eigenständiger County des Staates Nevada; Counties sind in den USA, je nach Staat, sehr unterschiedlich organisiert und besitzen teils eingeschränkte, teils keine legislativen Befugnisse. In Nevada haben zumindest bestimmte Stadtstaaten (Incorporated Towns) eingeschränkte Gesetzgebungsgewalt; ähnliches gilt für Counties (z.B. bei Zulassung oder Verbot von Prostitution). Wesentlich ist dabei, daß solche Gesetze nicht gegen die übergeordneten des Staates Nevada verstoßen (die allerdings sehr konzernfreundlich sind). Möglicherweise könnte sich ein Konzern-„County“, abhängig von den Freiräumen, die das Staatsrecht gewährt, z.B. die Arbeits- und Umweltgesetze selbst schreiben. Was das angesichts der längst geläufigen Methoden und Firmenphilosophien großer Konzerne – Union-Bashing etwa, die Bekämpfung von Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungen, und skrupellose Umweltzerstörung wie z.B. beim Fracking – bedeuten würde, kann man sich vorstellen.

Würden nicht etablierte Medienoutlets über diese Gesetzesinitiative berichten – etwa die Nachrichtenagentur AP (hier), oder Stephen Colbert in seiner Late-Night-Show (hier) –, müßte man dieses Szenario für den feuchten Traum eines Verschwörungstheoretikers halten. Und natürlich könnte man es achselzuckend abtun, als exzessiven Vorstoß einiger Politiker, vermutlich böser Republikaner (aber denkste; siehe nächste Seite). Tatsächlich handelt es sich um den jüngsten Exzeß einer höchst gefährlichen, schon lange stattfindenden Entwicklung.

:: Das Kapital in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise ist nicht nur eine des Gesundheitswesens oder der Bedrohung durch eine äußere Gefahr (hier eine Krankheit), sondern auch eine des Kapitalismus. Denn daß das Gesundheitswesen vieler Länder – in unterschiedlichem Ausmaß – unter der Zahl der Infektionen zusammenbrechen könnte (oder es tat), verdankt sich vor Allem einer neoliberalen Gesundheitspolitik, die jahrzehntelang auf Privatisierung, Einsparung (z.B. von Notfallbetten) und Profitmaximierung gesetzt hat.

So kritisierte die deutsche Ausgabe von Le Monde Diplomatique schon am 9./10.04.2020 unter dem Titel „Marktlogik und Katastrophenmedizin“, daß die Diskussion um das Flachhalten der Infektionskurve eben auch damit zusammenhängt, daß nicht genügend Behandlungsplätze für Schwerkranke vorhanden sind; diese wurden infolge der Privatisierungen von Krankenhäusern eingespart.1) Zugleich würden aber auch und gerade Journalisten die „kritische Schwelle“, die nicht überschritten werden dürfe, als „quasi gottgegeben“ akzeptieren, statt zu reflektieren, daß die niedrige Zahl an Behandlungsplätzen Ergebnis politischer Entscheidungen ist. Oder anders gesagt: Journalisten und Politiker (denkt Euch das *innen) akzeptieren einen von Marktlogik diktierten Zustand (Medizin muß profitabel sein) als schlicht naturbedingt – ähnlich, wie sie „den Markt“ oder „den Aktienindex“ eher wie Naturgewalten wahrnehmen, als von Menschen konstruierte Gebilde. An den Umstand, daß nicht genügend Intensivbetten vorhanden sind, knüpfen sie eine Diskussion um flachgehaltene Infektionskurven und ethische Entscheidungen darüber, wer im Extremfall noch behandelt werden könne, und wen man dem Tod überlassen müsse – ohne zu reflektieren, warum Betten fehlen: Das ist eben so.>

Das Problem wurde auch in der ZDF-Sendung Die Anstalt vom 05.05. behandelt: Privatisierungen und neoliberales Profitdiktat sorgten dafür, daß der Klinikbetrieb zunehmend auf gewinnbringende chirurgische Eingriffe ausgerichtet wurde, während für die Behandlung weniger lukrativer Erkrankungen Plätze fehlen – auch und gerade als Vorsorge für den Katastrophenfall, obwohl Fachleute seit Jahren warnen, daß im Zuge der Globalisierung Pandemien unausweichlich werden. (Interessant, welche Rolle dabei in Deutschland die Bertelsmann-Stiftung spielte, die bei dieser Umgestaltung die Politik beriet; um so mehr, als die Stiftung weiterhin als gemeinnützig gilt, während mißliebigen Organisationen wie attac wegen Einflußversuchen auf die Politik seit einiger Zeit die Gemeinnützigkeit aberkannt wird.)

Die Folgen solcher Politik sind verheerend: Von elf Krankenhausbetten pro tausend Einwohner (1980), so die Monde, sank die Zahl auf sechs im Jahr 2020; in Italien existierten 1980 für „schwere Fälle“ 922 Betten pro 100.000 Einwohner, inzwischen nur noch 275. Bereits der Normalbetrieb gleiche einer „Katastrophenmedizin“, was zu Überlegungen führe, eine „Altersgrenze für den Zugang zur Intensivversorgung festzulegen.“

Womit ein weiterer Punkt angesprochen wäre: die ethische Debatte. Wer soll, „wenn alle Stricke reißen“, noch behandelt, wer dem Tod überlassen werden? Wer geopfert, wenn die Kapazitäten nicht ausreichen? In Frankreich ist bereits die Rede von „Kriegsmedizin“, also einer Situation, in der Ärzte und Ärztinnen wie im Lazarett entscheiden sollen, welcher Soldat noch zu retten, und welcher leider zum ehrenvollen Tod bestimmt ist.

In den ärmeren europäischen Ländern wurde dieser Punkt erreicht (und nicht nur dort; wenn man der Monde glauben darf, dann zeitweilig auch im Elsaß); in Deutschland gab es in den üblichen Politquasselrunden immerhin schon Überlegungen, ob und inwieweit man medizinischem Personal bei solchen Entscheidungen durch vorgefertigte Richtlinien „helfen“ könne. Auch bei diesen Diskussionen fiel Herrn Sathom immer wieder auf, daß die „ethische Notlage“ als eben schicksalsgegeben wahrgenommen, die Hintergründe ihres Entstehens nicht überdacht werden.

Obwohl Gutachten seit Jahren vor einer Pandemie warnten, die in der globalisierten Welt unvermeidlich sei, wurde das Gesundheitswesen in fast allen westlichen Demokratien auf Profit getrimmt, auf die Durchführung gewinnbringender Behandlungen bei Vernachlässigung der Vorsorge für den „Fall der Fälle“. Massive Kürzungen bei Bettenbestand und Personal, einseitige Ausstattung der Kliniken, Gesundheit und Pflege als Ware, diese Prinzipien, bisher nicht hinterfragbar, rächen sich nun.


1) Texte der deutschsprachigen Monde Diplomatique sind in deren Online-Archiv frei verfügbar; allerdings mit Ausnahme der jeweils letzten drei Ausgaben, womit die hier gemeinte Ausgabe aktuell noch nicht freigeschaltet ist.

:: Da geht immer noch was (Amazon-Nachtrag)

Ich hatte mich hier ja kürzlich ausschweifend darüber echauffiert, wie die Werbeindustrie die Corona-Situation auszunutzen versucht (hier und hier); darunter auch dazu, wie Firmen publicityträchtig suggerieren, sich besonders um den Mitarbeiterschutz zu bemühen. Zu entsprechenden Vorwürfen gegen Amazon, ganz im Gegenteil die Gesundheit der Arbeiter*innen in den Warenlagern sogar zu gefährden, hatte ich mich dabei sehr zurückhaltend geäußert, weil ich keine Quelle zur sofortigen Überprüfung anbieten konnte. Denn während das Thema in deutschsprachigen Medien eher oberflächlich (vielleicht auch, aber das ist nur ein persönlicher Eindruck, auffällig zurückhalten) abgehandelt wurde, wäre der einzige m.E. ausführliche und brauchbare Online-Text nur hinter der Bezahlsperre der deutschsprachigen Ausgabe der Monde Diplomatique lesbar gewesen.1) Mittlerweile hat sich die Quellenlage jedoch ein wenig geändert.

Die deutschsprachige Ausgabe des Jacobin behandelt das Thema ebenfalls, nicht so ausführlich wie die Monde Diplomatique, doch immerhin (noch) frei zugänglich.

(Dazu, was The Jacobin ist, siehe hier; es handelt sich um den Versuch, die in den USA altehrwürdige Zeitschrift der Democratic Socialists, zu deren Vertretern z.B. Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez zählen, auch hierzulande zu etablieren. Herr Sathom wird das Ganze im Auge behalten und vielleicht gelegentlich rezensieren; er klopft einstweilen auf Holz, daß es nicht wie mit der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo endet).

Vielleicht auch interessant:

Taktiken des Union Bustings, der Sabotage gewerkschaftlicher Organisation von Mitarbeitern, gepaart mit extremer Überwachung der Angestellten, bei der von Amazon aufgekauften Biomarktkette Whole Foods.

Scheinbare GleichberechtigungEin-Prozent-Feminismus oder: Wie neoliberale Eliten und Reiche sich einen „sozial gerechten“ Anschein geben, indem sie gelegentlich Frauen oder Angehörige von Minderheiten – quasi als „Alibi“-Vorzeigepersönlichkeiten – zu sich „aufsteigen“ lassen.

(Website des Jacobin hier).


 

1) Nachtrag zum Nachtrag: Tatsächlich sind ältere Beiträge der deutschsprachigen Monde Diplomatique in deren Online-Archiv frei verfügbar; allerdings mit Ausnahme der jeweils letzten drei Ausgaben, womit die hier gemeinte Ausgabe aktuell noch nicht freigeschaltet ist. Ich weiß nicht, wieso mir das beim ersten Besuch der Website entgangen ist. Natürlich empfehle ich, die Herausgeber zu unterstützen, indem man ggf. eine Einzelausgabe kauft (ob man abonnieren will, kann man sich ja dann immer noch überlegen; das Blatt wendet sich an eine politisch links orientierte Leserschaft).

:: Wenn du lange genug das Corona-Virus anguckst, guckt es zurück (Glotztipps)

Die Corona-Krise ist auch eine Krise des Gesundheitswesens. Daß die Infektionskurve „flach gehalten“ werden muß, auch das Ergebnis einer jahrelangen, neoliberalen Politik, der Privatisierung von Kliniken und deren Umwandlung in profitorientierte Unternehmen, die sich weniger an medizinischen Notwendigkeiten (etwa der Bereithaltung von Notfallbetten, auch wenn diese in „normalen“ Zeiten nicht ausgelastet sind) oder den Bedürfnissen von Patienten orientieren, als daran, welche Behandlungen lukrativ sind, und welche nicht.

Die Lage ist nicht überall so prekär wie in Italien, wo Ärzte und Ärztinnen die „ethische“ Entscheidung treffen mußten, wen sie noch behandeln, und wen nicht; doch die brutalkapitalistische Logik der Gesundheitspolitik ist europaweit dieselbe. Daß man ähnliche Zustände in Deutschland immerhin für möglich hält, zeigt sich daran, daß derartige Diskussion auch hierzulande bereits – gewissermaßen vorbereitend – geführt wurden.

Wie es dazu kommen konnte (und welche Rolle die Bertelsmann-Stiftung dabei spielt, eine Organisation, deren „Gemeinnützigkeit“ merkwürdigerweise steuerrechtlich bisher nicht in Frage gestellt wird), illustriert gewohnt amüsant Die Anstalt vom 05.05.

Unter welchen prekären Bedingungen Pflegekräfte infolge dieser Politik arbeiten müssen – und das in der aktuellen Krise umso mehr – erfährt man aus einem Interview, das Anja Reschke (NDR) im Rahmen der Serie „After Corona Club“ mit dem Krankenpfleger Alexander Jorde führte (Jorde wurde durch seinen Appell an Angela Merkel in der Wahlarena 2017 bekannt; im Interview weist er u.a. auf Absurditäten wie die hin, daß ausgerechnet jetzt Pflegepersonal in Kurzarbeit geschickt wird – weil Krankenhäuser sich um Corona-Patienten kümmern müssen und dadurch profitablere Behandlungen, z.B. OPs, hintanstellen müssen). Eine Situation, die auch durch wohlfeiles Geklatsche der Zuschauer nicht erleichtert wird.

Beide Sendungen sind jedenfalls sehr instruktiv und sprechen wirkliche Probleme an, nicht das, was Verschwörungstheoretiker und demonstrierende Aluhüte derzeit dafür halten; Herr Sathom sacht: Kiekt. Denn könnta wat sehn.

:: Da geht noch was II

Und während wir hier sitzen und auf ein Ende der häuslichen Isolationshaft warten, gehen die kürzlich erwähnten Bemühungen der Werbeindustrie munter weiter: Ein gewisser Sportklamottenhersteller, der anfänglich wegen der Krise keine Miete mehr bezahlen wollte, läßt hippe Schönlinge in YouTube-Videos dazu einladen, ihnen im „Hometeam“ Gesellschaft zu leisten, indem man ebenfalls Berichte aus dem eigenen Wohnkabuff uploadet; Audi läßt die vier Ringe des Firmenlogos diese in einem kurzen, eher einfallslosen Clip auseinander- und wieder zusammenflitschen, was irgendwie mit gleichzeitig zusammenhalten und Abstand halten zu tun haben soll; eine Einzelhandelskette lädt, darin dem Sportkonzern ähnlich, zum Teilen lustiger Spaßvideos aus dem Virenexil ein und gibt sich im Off-Kommentar besonders eifrig, alle für ihre Geduld zu loben, sie das Schöne an der Situation sehen zu lassen (endlich mal mehr Zeit zuhause), und sich selbst Unternehmen zu präsentieren, das – natürlich aus rein altruistischen Gründen – ganz solidarisch seinen Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Anstrengung leistet.

Nicht das Virus, sondern die Möglichkeit, die Pandemie marketingstrategisch auszuwerten, läßt die ganze Werbebranche fiebern; die Versuche, die Seuche zur Selbstdarstellung zu nutzen, nehmen schlicht kein Ende. Mit glänzenden Augen schwitzen die Werbemacher eine coronale Reklame nach der anderen aus; denn sie wittern Bares, und ihre Auftraggeber sehen die Chance, Markenbindung zu erzeugen, indem man sich ein verantwortungsbewußtes Image gibt, betont, für die Kunden da zu sein, sich abmüht, es ihnen auch in der Krise angenehm und bequem zu machen. Die Flut solcher Clips jedenfalls läßt vermuten, daß da eine ganz andere Infektion um sich greift, die der Gehirne, die besoffen werden von der Möglichkeit, Kapital aus der Pandemie zu schlagen.

Nun kann man sich natürlich bei jedem neuen Video noch einmal mehr ereifern, mach ich ja gerade; aber das wird auf die Dauer ein wenig ermüdend. Und auch ein bißchen zwanghaft. Besser wäre vielleicht, die vielfältigen Eindrücke von Werbekampagnen, die derzeit die Virenlage ausnutzen, einmal analytisch einzuordnen. Was geschieht da eigentlich?

Lassen wir also mal die Frage beiseite, was das für Leute sind, die angesichts der aktuellen Situation nicht „Oh scheiße“ denken, sondern „He, geil“, und Werbestrategien erbrüten. Versuchen wir uns lieber einmal an einer Analyse der Vorgehensweise und der daraus ersichtlichen Ziele.

Grob lassen sich dabei drei unterschiedliche Vorgehensweisen ausmachen, die auch in Mischformen auftreten.

Da ist zum einen eine Form von, na, sagen wir Ranschmeißerei. Ralph Lauren beispielsweise wirbt in Buswartehäuschen mit Plakaten, die versichern, daß Ralph – Gott segne ihn – in diesen schweren Zeiten Seite an Seite mit unseren Liebsten, Angehörigen und Freunden steht, denn: „We are one family“. Nun kennt Herr Sathom den Herrn Lauren nicht und weiß daher auch nicht recht, ob er ihn wirklich in seiner Familie haben möchte; klar sein dürfte hingegen das Kalkül des Konzerns: Sich nicht als profitorientiertes Unternehmen darzustellen, sondern als Träger einer philanthropischen Mission, die alle Menschen zu einer globalen Familie vereinigen will, die sich gegenseitig in wärmender Umarmung hält. Und dabei vermutlich durchweg Klamotten von Ralph Lauren trägt, als Partnerlook sozusagen. Hier menschelt es; das Unternehmen spricht die Betrachter/innen an, als sei es selbst ein Mensch, mitfühlend zugewandt, und könnte durch seine Bekundungen den momentanen Mangel an tatsächlicher Nähe heilen. Wir sollen uns wirklich liebgehabt und getröstet fühlen, weil der Ralph uns so gern hat.

Eine andere Taktik besteht darin, Promis, Influencer, oder als angebliche Angestellte gecastete Schauspieler noch einmal dieselben Ratschläge aufsagen zu lassen, die auch vom Robert-Koch-Institut und anderen Experten, sowie von staatlichen Stellen zu hören sind – Abstand halten, Hände waschen, nicht die Leute anhusten. Man könnte dies als die billigste Art bezeichnen, die Situation auszubeuten: Anweisungen, die von anderen erarbeitet wurden, von öffentlichen Institutionen zumeist, werden einfach gekapert und wiederholt; womit das Unternehmen als fürsorglicher Ratgeber zu agieren vorgibt, der Aufgaben übernimmt, die normalerweise ins Ressort staatlicher Daseinsvorsorge fallen (siehe dazu unten mehr). Hier soll gesamtgesellschaftliches Verantwortungsbewußtsein demonstriert werden; der Eindruck erweckt, das Unternehmen handle aus eigenem Antrieb und solidarischer Haltung heraus zum Wohl der Allgemeinheit (und versuche nicht etwa nur, sich dieses Image zu geben). „Billig“ ist dieses Vorgehen insofern, als man dazu kaum eigene Ideen braucht; man muß sich nur an dem bedienen, was öffentliche Institutionen bereits an Warnhinweisen erarbeitet haben.

:: Profitinteresse vs. Wohltätigkeit

Würde jemand hungrigen Menschen noch das letzte Stück Brot nehmen? Jemand, der selbst durchaus genug zu essen hat? Nun, so weit würde es vielleicht niemand treiben; ähnlich weit aber, das geht schon. Man kann es sogar mit der großen Geste Weltverbesserers tun – und sich dafür selbst feiern. Man muß dazu nur ein Start-Up gründen; und bereit sein, dort zu wildern, wo Lebensmittel Bedürftigen zugänglich gemacht werden.

Es folgt ein Lehrstück in Kapitalismus.

Einem Artikel der „Berliner Zeitung“ vom Montag (auch online verfügbar) zufolge haben Start-Ups begonnen, die wichtigste Ressource der Tafeln für Bedürftige anzugreifen: Lebensmittel.

Daß deren Verschwendung ein Problem darstellt, läßt sich nicht leugnen. Immerhin ein geringer Teil dessen, was sonst wegen vermeintlicher Mängel weggeworfen würde, erreicht wenigstens arme und an der Armutsgrenze lebenden Menschen, indem es vom Handel gespendet, und von Tafeln günstig oder kostenlos abgegeben wird.

Die Berliner Tafel verteilt laut o.g. Artikel monatlich 660 Tonnen Lebensmittel an Menschen, die sich sonst kaum ausreichend ernähren könnten – und deren Zahl steigt: Allein unter Senioren soll im letzten Jahr ein Anstieg um 20 Prozent verzeichnet worden sein.

Es ist ein System dringend gebotener, wenn auch marginaler Hilfe – und selbst diese geringfügige Linderung bestehender Not gerät in Gefahr, wenn wirtschaftliche Interessen ins Spiel kommen; wenn das verfügbare „Angebot“ an überschüssigen Lebensmitteln Konkurrenten auf den Plan ruft, die aus dem „Essensmüll“ auf eine Weise Profit zu schlagen versprechen, die Finanzinvestoren aufhorchen läßt.

Enter the Start-Up.

Einige solche Unternehmen haben begonnen, dem Handel Lebensmittel abzunehmen, die dieser sonst wegwerfen oder den Tafeln als Spende überlassen würde; stattdessen werden sie dann stark rabattiert in eigenen Filialen verkauft. Das Unternehmen Sirplus (Sirplus – Surplus – verstehste?) residiert in Berlin; ein weiteres, Matsmart aus Schweden, wird demnächst auf den deutschen Markt drängen. Unterstützt von finanzstarken Investoren, z.B. dem Ikea-Konzern, will die Firma auch in andere europäische Länder expandieren. Besonderer Service: Es wird auch nach Hause geliefert.

Nun muß das keine dramatischen Folgen für die Versorgung Bedürftiger und Mittelloser haben. Man könnte hoffen, daß eine Koexistenz beider Verwertungsformen möglich ist. Der Expansionsdrang der betreffenden Unternehmen allerdings läßt nichts Gutes erwarten – und tatsächlich spürt die Berliner Tafel, so laut „Berliner Zeitung“ deren Vorsitzende, bereits einen Spendenrückgang. Die Start-Ups bieten dem Handel weitaus attraktivere Konditionen; dieser kann die Ware an sie weiterverkaufen, statt sie zu verschenken, was ihn auch steuerlich begünstigt.

:: Noch etwas flexibler, bitte

Das Unternehmen bevorzugt entwurzelte, isolierte, folgsame Arbeiter.
Über Bananen und Republiken, Dokumentation von Mathilde Damoisel (arte)

Noch mehr Flexibilität forderte kürzlich der oberste Wirtschaftsweise Christoph Schmidt: Daß der Arbeitstag nach acht Stunden ende, sei „veraltet“, und nach Feierabend einer Telefonkonferenz beizuwohnen oder beim Frühstück die Mails zu checken, müsse möglich sein.

Nun weiß Herr Sathom nicht, in welchem Land Herr Schmidt lebt; ihn dünkt aber, daß der Arbeitstag ohnehin schon länger als acht Stunden dauert und für viele Menschen schlicht gar nicht endet (die heute-show hat noch ein hübsches Satirestück zum Thema gedichtet).

Doch ist der Zeitpunkt für eine solche Forderung nicht eigentümlich? Daß sie in einer Phase des Wirtschaftswachstums, der angeblich hervorragenden Beschäftigungszahlen, ohne ökonomische Not also, ergeht (gewöhnlich „begründen“ wirtschaftsliberale Kreise die Forderung nach mehr Arbeit bei weniger Lohn ja mit drohender Katastrophe), sagt einiges aus.

Denn scheinbar anlaßlos, wie sie geäußert wird, zeugt sie vom totalen Verwertungsanspruch des neoliberalen Geistes an den Menschen, einem Anspruch, der stets gegenwärtig ist, und daher keinen Anlaß benötigt.

Daß der/die Arbeitnehmer/in selbst im Zusammensein mit der Familie oder im partnerschaftlichen Miteinander zwar körperlich „da“, zugleich aber abwesend sein sollen, geistig und tätig eben bei der Arbeit; daß ihr „Da-Sein“ also weit über die eigentliche (bezahlte) Arbeitszeit von den Begehrlichkeiten des Arbeitgebers absorbiert werde; dieses Verlangen zielt ja auf die Ausweitung des bereits Stattfindenden, das sich in unbezahlten Überstunden, ständiger Verfügbarkeit, nirgends gemessener und gezählter Mehrarbeit äußert.

Dahinter nun verbirgt sich mehr als die vermeintliche „Gier“ der „Reichen“, die auf diese Art noch mehr Profit aus dem Einzelnen schöpfen wollen. Bloße „Gier“ stellt eine an sich unsinnige Motivation dar, bedenkt man, daß „die Reichen“ ohnehin mehr besitzen, als noch die maßloseste Gier verlangen könnte; die häufige Verwunderung darüber, daß sie immer noch mehr wollen, zeugt nur von der Unfähigkeit, zu begreifen, daß es allein ums „Haben“ nicht geht. Darum, über Alles und Jedes verfügen zu können, ohne daß sich nur ein Partikel Welt diesem Zugriff verweigere, schon eher.

Die lückenlose Nutzung noch der letzten Sekunde Lebenszeit, die Angestellte und Arbeiter zur Verfügung stellen können, drückt ein Streben nach absoluter Herrschaft aus. Ihm zugrunde liegt, was der Philosoph Günther Anders mit dem Begriff „Wirtschaftsontologie“ als versteckte Philosophie der Industriegesellschaft bezeichnete: das Diktat, daß es nichts geben solle, dürfe, das dem Zugriff, der Bearbeitung, der Beherrschung durch die Mächtigen des Industriezeitalters entzogen bleibe. Daß auch der Mensch in der Gesamtheit seiner Möglichkeiten einer solchen Weltsicht nur als Roh- und Werkstoff gilt, ergibt sich zwangsläufig.

So verrät die Forderung nach noch mehr Flexibilität, scheinbar grundlos, wie sie aktuell geäußert wird, letztlich einen totalen – und in seiner Weigerung, irgend etwas entkommen zu lassen, auch totalitären – Verfügbarkeitsanspruch, den, daß kein Augenblick im Leben des Einzelnen der Nutzung durch die Endverwerter der Welt, die Herrschenden, entgehen dürfe; und kein Ort, auch der privateste nicht, Zuflucht davor bieten möge.

:: Der sanfte Trump

Seit Emmanuel Macrons Amtsantritt begleitet ein seltsames Begrüßungskonzert jeden Schritt des neuen französischen Staatspräsidenten. Es erklingt u.a. aus dem benachbarten Deutschland. Nicht, daß sich nur in Frankreich selbst auch skeptische und besorgte Stimmen erheben würden; kritische Berichterstattung findet sich ebenso hierzulande: Ein Artikel in der FAZ etwa analysiert Macrons neoliberale Ausrichtung ebenso wie die Probleme, die sein „aus Vertretern der Zivilgesellschaft“ zusammengesetztes Personal mit sich bringt, das, wie der Autor vermerkt, politisch nicht so jungfräulich ist, wie oft der Anschein erweckt wird.

Es sind vielmehr bestimmte Interessengruppen, die sich seit den französischen Wahlen – der des Präsidenten, und der des Parlaments – auf dieser Seite des Rheins an der Verklärung des jungen Hoffnungsträgers abarbeiten. Und daß ausgerechnet Peter „Wer braucht soziale Gerechtigkeit, laß doch die Reichen Almosen geben, wie sie grad zufällig Lust haben“ Sloterdijk von Macron als „Erscheinung“ im Range einer Jeanne D’Arc schwurbelt (dito FAZ), sollte einen ja immerhin ein wenig mißtrauisch machen. Dem zuerst verlinkten FAZ-Artikel ist eigentlich in der Sache nichts hinzuzufügen; es lohnt sich jedoch die Frage, wer den neuen Präsidenten eigentlich außerhalb Frankreichs so feiert, und warum.

Bundesdeutsche Politiker und manche Intellektuelle wetteifern da um die lauteste Lobeshymne auf die Lichtgestalt. Nicht weniger als der Retter Europas soll er sein, Reformator Frankreichs, Held eines wieder erstarkenden Liberalismus, der zwar vor allen Dingen ein wirtschaftlicher ist, aber, nicht wahr, neoliberale und kapitalfreundliche Politik erzeugen ja Freiheit und Weltoffenheit quasi als Abfallprodukt, und Macron, immerhin Bezwinger der furchtbaren Marine Le Pen, steht für Hoffnung, Optimismus, Mut anstelle der Angst, die jene predigt; Schlagworte wie „Reform“ aber ziehen hierzulande ohnehin allemal. Glaubt man den Texten, die da Manchen aus der Tastatur purzeln, ist Emmanuel Macron schon kein Sterblicher mehr, sondern vom Himmel gestiegener Sohn der Sonne – wie sein Namenspatron ein Erlöser, der die Hülle des bloß Menschlichen jedoch längst abgestreift hat.

Andere betrachten den Messias kritischer, und durchaus besorgt. Ihn, heißt es mahnend, hätten die Franzosen keineswegs gewählt, bloß gegen Le Pen gestimmt; was immerhin die hier gern vertretene Auffassung relativiert, dort hätte man sich für etwas entschieden, das deutsche Politiker gern in Macron verkörpert sehen möchten (im Wesentlichen wohl eine Germanisierung der Grande Nation, was ihren Umgang mit „sozial Schwachen“, Arbeitslosen und Arbeitnehmern angeht). Es ist so gesehen nicht Macron, der Marine Le Pen verhinderte; es waren die Franzosen, da sie ihn mangels sonstiger Alternativen zähneknirschend wählten. Und einiges am Verhalten des neuen Präsidenten weckt bei seinen Untertanen Befremden.

Es gilt u.a. die Rede des Präsidenten in Versailles. Sie behandelte auch Macrons Großprojekt, die Moralisierung der Politik. Zwei Maßnahmen sollen diese fördern – einmal ein Gesetz, das die Anstellung von Familienangehörigen verbietet, zum anderen die Berufung von Vertretern der Zivilgesellschaft, Personen also, die nicht im Politikbetrieb groß geworden, nicht über die Jahre durch Parteiklüngelei und Pöstchenwirtschaft verdorben worden sind. Das hört sich gut an, so lange man übersieht, daß viele dieser Vertreter Unternehmer sind, daß also z.B. Arbeitgeber über die geplante Änderung des Arbeitsrechts entscheiden – ganz so, als setzte man gleich Lobbyvertreter ins Parlament; daß also die neuen Abgeordneten durchaus ihre eigenen Interessenkonflikte mitbringen (weshalb einige, nachdem diese ruchbar wurden, auch bereits wieder gehen mußten). Hier werden Nuancen interessant. In seiner Versailler Rede nämlich forderte Emmanuel Macron, daß mit der Suche nach korrupten Parlamentariern nun aber gefälligst auch langsam wieder Schluß sein müsse. Er fand Worte, die den Eindruck erwecken, die Medien betrieben eine böswillige Hexenjagd; und verlangte, das solle nun aufhören. Anders ausgedrückt – was ihn auch an die Macht brachte, der Überdruß an „Volksvertretern“, die alles andere als das Volk vertreten, soll nun, für die eigene Regierung, nicht mehr gelten; die Kritik am politischen Establishment habe jetzt, da seine Anhänger es stellen, zu verstummen. Es kommt ja das neue Gesetz. Alles wird gut, regelt sich ab jetzt von selbst; die Medien dürfen gern wieder in eine andere Richtung blicken.