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:: Der verengte Blick

Nach wie vor hält sich, neuerdings unter Covidioten „Maßnahmenkritikern“, die Vorstellung einer „Lügenpresse“, die hierzulande Falschmeldungen verbreitet, Wahrheiten unterdrückt, und das ggf. auf Anweisung finsterer Mächte – wahlweise aus hohen Regierungskreisen, oder aus dem Inneren der Erde – tut.

Klar: Das ist reiner Blödsinn. Doch die Auffassung, daß die Medien kein verläßliches Gesamtbild der Gesellschaft oder bestimmter ihrer Probleme zeichnen, rührt irgendwo her – und trotz abwegiger Erklärungen für das Warum ist sie als Wahrnehmung nicht völlig falsch.

Ein Beispiel.

Wer im vergangenen Jahr die mediale Berichterstattung über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Arbeitsmarkt verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, daß sich 90% der Bevölkerung im Home Office befinden – und nur ein verschwindend geringer Teil, der im Einzelhandel oder im Krankenhaus den Laden in wahrsten Sinne des Wortes am Laufen hält, noch vor Ort arbeitet.

Oder besser: Zumindest im öffentlich-rechtlichen Fernsehen behandelte der Löwenanteil der Berichte die Situation der im Home Office arbeitenden, z.B. die Belastung durch die gleichzeitige Betreuung der Kinder und das Home Schooling. Über die psychologischen Auswirkungen fehlender Ausgehmöglichkeiten und realer Treffen mit Freunden wurde ausgiebig berichtet, und Kleinkünstler*innen und Kulturschaffende erhielten ausgiebig Möglichkeit, sich dazu zu äußern, wie sehr sie Auftrittsmöglichkeiten vor körperlich anwesendem Publikum vermissen, oder überhaupt ihren Alltag meistern.

Viel Sendezeit, viele Textspalten widmeten sich ausführlich den Leiden der Betroffenen, die daheim den Schrecken tobender Kleinkinder ertragen, und zugleich gemütlich vom Sessel aus ihrer Arbeit nachgehen mußten. Okay, das ist vielleicht auch nicht schön; nur, daß tatsächlich zu jedem Zeitpunkt nur etwa 15 – 25% aller Beschäftigten, variierend je nach Studie und Erhebungszeitraum, tatsächlich auf diese Weise arbeiteten. Die Mehrheit der Werktätigen war an der Supermarktkasse, im Pflegebetrieb, auf dem Weg zur Arbeit in öffentlichen Verkehrsmitteln jederzeit dem vollen Risiko der Pandemie ausgesetzt. Medial und damit öffentlich wurde diese Mehrheit jedoch kaum wahrgenommen; Berichte über sie, und über tragische Home-Office-Schicksale, standen also in krassem Mißverhältnis zur wirklichen Verteilung.

Anders ausgedrückt: Die Berichterstattung verhielt sich umgekehrt zur tatsächlichen Situation. Über eine Minderheit wurde mehrheitlich berichtet, die Mehrheit dagegen kaum beachtet. Die Medienschaffenden, könnte man sagen, berichteten quantitativ überwiegend von der Lage einer relativ kleinen gesellschaftlichen Gruppe – der, der sie selbst angehören; und deren Belange sie als die wichtigeren, d.h. berichtenswerten, betrachteten. Danach folgten, hierarchisch gestaffelt, alle anderen Gruppen, je nachdem, wie nahe ihnen diese als Gegenstände ihrer Berichterstattung schon vorher standen; oder die sich in der privilegierten Situation befinden, sich öffentlich Gehör verschaffen zu können (Künstler*innen, Theaterschaffende). Je größer die soziale Distanz, je geringer der Status, desto geringer das mediale Interesse; Geringverdiener*innen, Supermarktpersonal z.B., fanden als Letzte statt.

Unbenommen – die Arbeit im Home Office hat ihre eigenen Probleme, etwa ein Anwachsen des Zugriffs der Vorgesetzten auf die Arbeitenden, deren Privatleben Gefahr läuft, vom Arbeitsalltag verschlungen und sukzessive ersetzt zu werden; dennoch existiert hier ein Mißverhältnis, insbesondere, da Empathie und Interesse sich fast ausschließlich auf eine Minderheit richten, die man in einer Pandemielage durchaus als privilegiert ansehen darf (weil besser geschützt als die Mehrheit).

Warum ist das so?

:: Einmal M-Kopf mit Z-Soße, bitte

Kürzlich gab es ja einige Aufregung um die WDR-Talkshow “Die letzte Instanz”, in der sich einige Gäste – darunter Thomas „Ich werd alt“ Gottschalk und weiß der Teufel, wer die anderen Schnösel und die eine Frau da waren – u.a. echauffierten, daß sie nicht mehr Z1#3<n3;-Soße sagen dürfen oder M(rassistische Bezeichnung hier einsetzen)-Kopf und was nicht noch. Eine Sendung, in der die Beteiligten nach allgemeinen Einvernehmen rassistische Klischees, vornehmlich antiziganistische, reproduzierten und sich aufregten, daß die Betroffenen selbst nicht mehr als Soßenzutat genannt werden möchten. Weil nämlich schon allein wegen der Ermordung zahlloser Sinti und Roma in der NS-Zeit. Kann man nachvollziehen. Bloß die versammelten Promis nicht (und genügend andere Leute ebenfalls nicht). Die fühlen sich nämlich irgendeines heimeligen Wohlgefühls nostalgischer Erinnerung an kinderselige Tage beraubt, weil in der guten Alten Zeit haben wir schon immer so gesagt.

Die Äußerungen solcher Leuchttürme deutscher Leitkultur zogen natürlich weidliche Kritik im gesamten Internet nach sich – Shitstorm nennen das die, die solche Kritik nicht dulden oder hören wollen. Und wirklich – vor dem Hintergrund jahrhundertelanger Diskriminierung sollte das ja auch nicht so schwer sein. Sagen wir z.B. „Paprikasoße“.

Kommen Sie, versuchen Sie’s mal. Erst Paprika, dann Soße. Pap-ri-ka-so-ße. Paprikasoße.

Geht doch, oder? Ist doch ganz einfach, nicht?

Scheinbar nicht. Herr Sathom will hier gar nicht auf die in der Sendung geäußerten Ansichten kritisch eingehen – das haben Andere genügend getan – sondern angesichts solcher, scheinbar nicht enden wollender Diskussionen eine Frage stellen, die ihn gelegentlich beschäftigt: Warum regen sich viele weiße Privilegierte (Promis, Kolumnisten, usw., usw.) eigentlich über das Ansinnen auf, eine sensiblere Sprache zu benutzen? Oder überhaupt die ihnen „Anderen“ – von anderer Hautfarbe oder sexueller Orientierung z.B. – zu respektieren?

Denn was verlieren sie denn, wenn sie einen blöden Soßennamen nicht mehr benutzen dürfen? Hängt ihr Selbstwertgefühl wirklich an so etwas?

Mal ehrlich: Herrn Sathom – selbst ein alter, weißer Sack – ist es scheißegal, ob er zukünftig „Paprikasoße“ sagen soll. Oder „Ungarische Soße“. Oder seinethalben wie immer so eine Soße auf ungarisch hieße, obwohl sie eine deutsche Erfindung ist. Früher, das gibt er offen zu, war ihm das Z-Wort egal, obwohl er keinerlei Vorurteile gegen die damit bezeichnete Gruppe hegte; es war ihm egal, weil er ein privilegierter Weißer war, den die damit verbundene Diskriminierung ja nicht betraf; und er sich folglich nie fragte, wie sich eigentlich Sinti*ze und Rom*nja fühlen, wenn sie es hören. Er meinte das Wort nie diskriminierend; aber er konnte sich eben zugleich auch nicht vorstellen, daß die so Bezeichneten sich dadurch gekränkt fühlen würden. Insofern war er ganz, wie es die Feminstin Sibel Schick mal für Männer formulierte, strukturell bedingt ein Arschloch.

Aber hier kommt die Pointe. Aus eben diesem Grund muß sich Herr Sathom auch nicht aufregen, wenn ihm abverlangt wird, dieses Wort nicht mehr zu gebrauchen. Ihm kann wurscht sein, ob es zukünftig „Paprikasoße“ heißt. Denn: Ihm wird ja nichts weggenommen.

Und das ist der Punkt. Es kostet keinerlei Anstrengung, ist keine Zumutung, beraubt einen keinerlei objektiven Vorteils; es ist vielmehr sensibel und bedeutet, die Menschen, die es verlangen, zu respektieren. Und falls es ein Privileg wäre, das dadurch eingeschränkt würde, dann wohl doch ein ziemlich schäbiges, also leicht verzichtbares Privileg.

Warum also regen sich Vertreter*innen der Mehrheitsgesellschaft bei solchen Themen immer wieder so auf, als würden ihnen Grundrechte geraubt? Die Aggressivität, die Empörung, das Getue, sie wirken, als hätten die Betreffenden das Gefühl, ihnen würde ein Arm abgeschnitten.

Anderes Beispiel: Transgender-Toiletten. Irgendwann vor längerer Zeit – Herr Sathom erinnert sich nicht genau – brachten Leute, die sich als transsexuell oder geschlechtlich unbestimmt verstehen, die Idee einer dritten Klotür auf. In öffentlichen Toiletten also eine für herkömmliche Cis-Männer, eine für Frauen, eine für alle anderen. Gab das einen Radau.