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:: Faschismus und Bürgertum oder: Wer wählt Le Pen?

Morgen entscheidet Frankreich, wer das Land die nächsten Jahre als Präsident/in führt: Marine Le Pen, die für Abschottung, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsruck und gegen Europa steht, oder Macron, auch hier in Deutschland erhoffte Lichtgestalt und Messias, der braunen Gefahr zu wehren, dabei zugleich mit dem Finanzkapital verbandelt und bereit, „notwendige Reformen“ durchzuführen, die an die hiesige Agenda 2010 erinnern, wobei er sein geplantes, drastisches Strafsystem pausbäckig als „Recht auf Arbeitslosigkeit“ verbrämt (der Trick: Arbeitslosengeld bekäme auch, wer selbst kündigt – jedenfalls so lange, bis er zweimal eine Tätigkeit, für die er vielleicht gar nicht qualifiziert ist, abgelehnt hat). Was Macron mangels eigener Partei und parlamentarischer Unterstützung genau bewirken kann, bleibt dabei zunächst unklar, aber auch gleichgültig – für alle, die ein Regime Le Pen zu Recht fürchten, ist er der Heiland des Augenblicks, für seine Mission schon mit dem passenden Vornamen gesegnet, Emmanuel, in der christlichen Tradition eine Bezeichnung für den auferstandenen Herrn. Ein Erlöser, so strahlend, daß Herr Lindner von der FDP gern der deutsche Macron würde, allein, das Zeug dazu hat er wohl so wenig wie dereinst Rolf Kauka das zum „deutschen Walt Disney“, zu dem man ihn gern stilisiert hätte. Ob man mit Macron/Le Pen nicht lediglich die Wahl zwischen Teufel und Beelzebübin hat, fragen sich andere, und eine Bewegung, die zum Nichtwählen bzw. zur Abgabe ungültiger Stimmzettel aufruft, gerade das als Ausdruck politischen Willens ansieht, findet ebenfalls viele Anhänger.

Die anstehende Schicksalswahl – die diese Bezeichnung zur Abwechslung verdient – soll hier als Anlaß dienen, einen kurzen Rückblick auf den Erfolg des Rechtspopulismus in den vergangenen Jahren zu werfen, und dabei eine seiner Merkwürdigkeiten zu beleuchten.

Im letzten TV-Duell vor der Wahl hielt Le Pen ihrem Gegner u.a. vor, er stünde als Ultraliberaler für einen „Krieg aller gegen alle“. Diese Äußerung ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert.

Einerseits verbirgt sich hinter der Äußerung, auch wenn sie hier als eher flapsige Parole daherkommt, eine beklemmend realistische Einschätzung der kapitalistischen Gesellschaft. Auch Herr Sathom hat in diesem Blog schon vor längerer Zeit die These aufgestellt, der Euphemismus der „Wettbewerbsgesellschaft“ beschönige einen wirtschaftlichen Bürgerkrieg Jeder gegen Jeden; verhülle, daß wir es nicht nur normal, sondern richtig finden, daß es in der Gesellschaft „Gewinner“ und „Verlierer“ gäbe, wobei die letzteren – anders als im spielerischen Wettbewerb – Elend und Not, gegebenenfalls den Kältetod als Obdachloser, zu gewärtigen haben, gerechte Strafe des „Lebens“ für diejenigen, die „zu spät kommen.“ Der Gedanke ist uns so eingefleischt, daß wir ihn nicht einmal in Frage stellen, unsere Kinder von einem Förderkurs in den nächsten hetzen (sofern wir es uns leisten können), um sie zu Supersoldaten für den globalen Leistungskampf von Morgen abzurichten; daß wir uns selbst ständig zu „optimieren“ suchen, uns entsolidarisiert haben, beständig gegeneinander statt miteinander leben. Geführt wird dieser Krieg nicht nur zwischen den einzelnen Individuen, sondern auch den Schichten: Die „Abgehängten“, „Geringqualifizierten“, die „Globalisierungsverlierer“ sind vom gesellschaftlichen Mainstream eben nicht nur „vergessen“ worden, wie es jetzt allenthalben heißt, sondern aktiv bekämpft. Sie wurden in demütigende Minderlohnverhältnisse gezwungen, um Teilhabe und und Rechte gebracht, als Faulpelze und Sozialschmarotzer verleumdet; mit dem Vorurteil, sie würden nur jammern und die Verantwortung für ihr Versagen auf andere abschieben wollen, hat man sie effektiv geknebelt und jeglicher Mitsprache beraubt.

Andererseits stehen die Rechte, und mit ihr Mme. Le Pen, kaum für einen gesellschaftlichen Zustand, der nicht kriegerisch wäre. Der Krieg ist für die Zeit nach der Wahl bereits erklärt – den Zuwanderern sowieso, den Homosexuellen, dazu all jenen, die nicht das klassische, bürgerliche Familienmodell leben, und überhaupt den Frauen, ob sie nun allein erziehen, abtreiben oder sonst etwas tun müssen oder wollen, daß ihrer „naturgewollten“ Rolle widerspricht. Ein von der Rechten regiertes Land – das beweist u.a. Ungarn – befindet sich allerdings in einem dauernden Kriegszustand gegen Teile der Bevölkerung, wie er jedes autoritäre Regime, auch Putins Rußland oder Erdogans Türkei, kennzeichnet. Auch der Vorwurf des wirtschaftlichen Liberalismus ist eigentümlich. Wirft man einen Blick in die Parteiprogramme – auch das der deutschen AfD – zeigt sich schnell, daß gerade die Rechte wirtschaftsliberale Positionen vertritt, die mit sozialer Gerechtigkeit unvereinbar sind. Was sie den Vertretern eines globalen Freihandelskapitalismus vorwirft, propagiert sie selbst, zeigt sich gnadenlos gegenüber den ärmeren Schichten; verschoben ist lediglich der Fokus.

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:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

Leute, die Lage ist ernst. Die fundamental-islamistischen, von sinistren US-Finanzmogulen (deren wahre Hintermänner die Invasoren von der Wega sind) finanzierten, sozialistischen Freimaurer-Illluminaten (jetzt neu und verbessert auch als „Krypto-Illuminaten“ erhältlich) sind unter uns – und zwar direkt unter uns, angesiedelt in von den Templern und den Weisen von Zion aufgegebenen Katakomben, direkt nebenan von den Maulswurfsmenschen und den unter der Antarktis hausenden, nach dem Zweiten Weltkrieg dorthin geflohenen Nazis, die nur darauf warten, mit ihren Vril-getriebenen Flugscheiben die Weltherrschaft an sich zu reißen. Irgendwas ist aber auch wirklich immer.

Aber ernsthaft: wenn Herrn Sathom etwas aufregt, dann sind es – neben der schwarz-gelben Koalition, dem Brutalkapitalismus und tausenderlei anderem Zeugs – Verschwörungstheoretiker. Manchmal, das gesteht Herr Sathom zu, sind diese ja immerhin ganz amüsant; zu Unterhaltungszwecken und fröhlicher Erbauung goutiert Herr Sathom ihr Geschwafel sogar gern, so lang sie jedenfalls nur von außerirdischen Invasionsplänen, der wahren Entstehungsgeschichte der ägyptischen Pyramiden oder allerlei Tand über den 21.12.2012 schwafeln, einen Tag, an dem nämlich der Planet Fidibus – was? Wie? Ach so. Herrn Sathoms Gedankenkontrolleur teilt ihm grad mit, das Ding heiße Nibiru – über uns kommt, so daß man sich an selbigem Datum allem Vernehmen nach wohl besser vorsehen sollte, sofern man nicht über die richtigen feinstofflichen Veibräischns oder eine durchgeladene Phasenpistole verfügt.

Der Planet Nibiru meint's ernst
:: Leg Dich nich mit dem Planeten Nibiru an, Alter --- (Bild Copyright © 2009 Sathom)

Sauer macht’s Herr Sathom jedoch, erfüllt ihn mit heiligem Zorn gar, wenn das nichtswürdige Pack sich ganz bestimmter Themen bemächtigt, nämlich solcher, die auch dem allgemein bewußt und kritisch denkenden Menschen am Herzen liegen müssen: nämlich etwa der Kapitalismus-, Herrschafts- und Medienkritik oder ökologischer Fragestellungen. Diese okkupiert das realitätsferne, aber veröffentlichungstechnisch sehr rege Völkchen, und vermischt sie mit seinen eigenen Spintisierereien, was wohl nachvollziehbarerweise  der ernsthaften Behandlung jener Fragen kaum nützlich ist – ihr eventuell, wie Herr Sathom aufzuzeigen gedenkt, sogar schadet. Und zwar dieweil viele die mit den Aussagen begründeter Kritik gewürzten Verschwörungstheorien möglicherweise nicht leicht von fundierten Aussagen zu scheiden wissen, und umgekehrt, weil sie den Apologeten kritikwürdiger Zustände ein Argument liefert, auch reflektierte, begründete Kritik einfach qua Hinweis auf die Ähnlichkeit in den Ruch von Konspirationsgefasel zu bringen.

Letztlich ist diejenige Art von Kritik, die Herr Sathom hier als „begründet“ bezeichnet, eine solche, die den Versuch unternimmt, qua Aufklärung den Subjekten die Möglichkeit zu verschaffen, ihrer Interessen und deren Gefährdung gewahr zu werden, die Entscheidung darüber mit zu beeinflussen, wie die Gesellschaft sich entwickelt, und am Diskurs teilnehmend ihr eigenes Geschick mitzubestimmen; wozu diese Kritik unter anderem oligarchische, undemokratische Methoden, nur bestimmten Interessengruppen einseitig das Zepter zu überlassen, bloßstellt. Aufdeckung medialer Manipulation (oder zeitgeistgesteuerter Weltdarstellung) und lobbyistischer Einflußnahme gehört ebenso zu ihrem Handwerkszeug wie die Darstellung der Konsequenzen, welche das Handeln bestimmter Interessengruppen für die Allgemeinheit hat. Auch eine fundierte Wissenschaftskritik, welche ideologische oder interessengeleitete Hintergründe vorgeblich objektiver Erkenntnis analytisch beleuchtet, muß Anliegen solcher Kritik sein. Der Typus von Verschwörungstheorie, den Herr Sathom im Folgenden zu besprechen gedenkt, greift nun Ergebnisse und Themen solcher Kritik auf, entfremdet sie ihrem ursprünglichen Zweck und Anliegen, und verwendet sie als Versatzstück realitätsferner Phantasmen, um letzteren eine gewisse Plausibilität, einen scheinbaren Hauch Realismus zu verleihen, und um das Publikum glauben zu machen, es fände seine Interessen, seine Bedürfnis nach Transparenz und nach handlungsmächtig machender Aufklärung in diesen Phantasiegebilden widergespiegelt – ein fataler Irrtum, da das verschwörungstheoretische Konstrukt von gesellschaftlichen, politischen und sozialen Realitäten so weit entfernt ist wie der Delta- vom Alpha-Quadranten.

All dies läßt es dem Herrn Sathom angebracht scheinen, eine kritische und auch skeptische Weltsicht einerseits von wirren Phantasmen andererseits einmal ganz explizit und fein säuberlich zu trennen. Dabei wird sein Augenmerk weniger der komplett versponnenen Verschwörungstheorie, als einem anderen Phänomen gelten: nämlich der seriöse Kritik vortäuschenden Konspirationsfabel, welche Motive des kritischen Diskurses aufgreift, und sich dadurch als Teil desselben maskiert, jedoch tolldreist realitätsferne bzw. irreführende Erklärungsmuster anbietet, und ihrer Variante, deren Deutungsmuster weniger auffällig irr sind, da ihnen das übernatürliche oder außerirdische Element fehlt, die jedoch ebenfalls von wirklichen Hintergründen ablenkt (und die Herr Sathom für weitaus gefährlicher hält).

Leugnet Herr Sathom die Existenz obskurer Verschwörungen nur, weil er selbst einer angehört? --- (Bild Copyright © 2009 Sathom)
:: Leugnet Herr Sathom die Existenz obskurer Verschwörungen nur, weil er selbst einer angehört? --- (Bild Copyright © 2009 Sathom)

Wie kommt nun Herr Sathom drauf, sich aktuell über derlei zu erregen? Nun, ihm fiel kürzlich ein lustiger Bestellkatalog des Kopp-Verlags (seines Zeichens auf Verschwörungstheorien und Pseudowissenschaften spezialisiert) in die Hände, der sowohl selbst verlegte Pamphlete als auch Werke anderer Verlage an die Leichtgläubigen verramscht; und was er darin fand, ließ ihn bei allem Grinsen über die feilgebotenen Erzeugnisse wirrer (aber sicherlich geschäftstüchtiger) Geister doch kalten Zorn in sich aufsteigen spüren. Denn in jenem Katalog („KOPP Aktuell – Bücher, daß Ihnen die Augen tränen die Ihnen die Augen öffnen“) paradieren eben Beispiele für das soeben beschriebene. Und so nimmt Herr Sathom den Katalog zum Exempel, um anhand der Schundliteratur, die dieser präsentiert, vorzuführen, wie das Banditenpack der Verschwörungsschwafler vorgeht, sich begründeter, analytischer und reflektierter Gesellschaftskritik anähnelt. Dabei wird auch aufzuzeigen sein, wie die spezielle Art von Blödsinn, die Herrn Sathom so erregt, sich von den leicht als Quatsch durchschaubaren UFO- und Atlantis-Theorien unterscheidet, und deshalb schwerer als Verschwörungstheorie zu identifizieren ist; allerdings eben doch als solche identifiziert werden kann. Insofern: Herrn Sathoms Vortrag ist lang, doch keine Sorge – es kommt genug Kasperlquatsch über fliegende Untertassen und dergleichen mehr darin vor, daß es einem nicht langweilig werde.

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:: Opel! „taz“! Imperium! – Der multithematische Monumentalartikel in Überlänge

…weshalb Genuß von Knabberzeug beim Lesen und Pinkelpausen ausdrücklich erlaubt, sogar empfohlen sind.

Und worum geht’s? Nun, das verrät Herrn Sathoms

Prolog: GM behält Opel, die „taz“ kommentiert

Tja, es ist so gekommen, wie man schon vor der Wahl hätte ahnen können (oder besser: wissen mußte, da es sich bereits abzeichnete): General Motors möchte Opel doch lieber behalten. Gewerkschaftler und Politiker heulen auf, da der präferierte Magna-Deal nun gescheitert ist – wobei, wie die „taz“ am 05.11. ganz richtig schrieb, es gar nicht so sicher ist, ob Magna die bessere Alternative für die Opel-Beschäftigten gewesen wäre, wollte doch auch Magna mehr als 11.000 Stellen abbauen und bot zwar Bestandsgarantien für die Werke, deren Einhaltung jedoch in den Sternen stand. Die pflichtschuldige Empörung der Politik, auch damit hat die „taz“ Recht, klingt nach heimlicher Erleichterung – man hat die Sache vom Hacken, wäre Opel mit Magna zugrundegegangen, wäre die Politik, welche das Magna-Modell propagierte, verantwortlich gewesen, geht’s nun mit General Motors schief, dann ist allein GM in der Verantwortung.

So weit, so gut – oder vielmehr schlecht. Was an der „taz“-Berichterstattung (genauer gesagt, am Tenor der Kommentare) jedoch bei aller sachlicher Richtigkeit ebenfalls auffällt, gibt Herrn Sathom zu denken.

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