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:: Der verengte Blick

Nach wie vor hält sich, neuerdings unter Covidioten „Maßnahmenkritikern“, die Vorstellung einer „Lügenpresse“, die hierzulande Falschmeldungen verbreitet, Wahrheiten unterdrückt, und das ggf. auf Anweisung finsterer Mächte – wahlweise aus hohen Regierungskreisen, oder aus dem Inneren der Erde – tut.

Klar: Das ist reiner Blödsinn. Doch die Auffassung, daß die Medien kein verläßliches Gesamtbild der Gesellschaft oder bestimmter ihrer Probleme zeichnen, rührt irgendwo her – und trotz abwegiger Erklärungen für das Warum ist sie als Wahrnehmung nicht völlig falsch.

Ein Beispiel.

Wer im vergangenen Jahr die mediale Berichterstattung über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Arbeitsmarkt verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, daß sich 90% der Bevölkerung im Home Office befinden – und nur ein verschwindend geringer Teil, der im Einzelhandel oder im Krankenhaus den Laden in wahrsten Sinne des Wortes am Laufen hält, noch vor Ort arbeitet.

Oder besser: Zumindest im öffentlich-rechtlichen Fernsehen behandelte der Löwenanteil der Berichte die Situation der im Home Office arbeitenden, z.B. die Belastung durch die gleichzeitige Betreuung der Kinder und das Home Schooling. Über die psychologischen Auswirkungen fehlender Ausgehmöglichkeiten und realer Treffen mit Freunden wurde ausgiebig berichtet, und Kleinkünstler*innen und Kulturschaffende erhielten ausgiebig Möglichkeit, sich dazu zu äußern, wie sehr sie Auftrittsmöglichkeiten vor körperlich anwesendem Publikum vermissen, oder überhaupt ihren Alltag meistern.

Viel Sendezeit, viele Textspalten widmeten sich ausführlich den Leiden der Betroffenen, die daheim den Schrecken tobender Kleinkinder ertragen, und zugleich gemütlich vom Sessel aus ihrer Arbeit nachgehen mußten. Okay, das ist vielleicht auch nicht schön; nur, daß tatsächlich zu jedem Zeitpunkt nur etwa 15 – 25% aller Beschäftigten, variierend je nach Studie und Erhebungszeitraum, tatsächlich auf diese Weise arbeiteten. Die Mehrheit der Werktätigen war an der Supermarktkasse, im Pflegebetrieb, auf dem Weg zur Arbeit in öffentlichen Verkehrsmitteln jederzeit dem vollen Risiko der Pandemie ausgesetzt. Medial und damit öffentlich wurde diese Mehrheit jedoch kaum wahrgenommen; Berichte über sie, und über tragische Home-Office-Schicksale, standen also in krassem Mißverhältnis zur wirklichen Verteilung.

Anders ausgedrückt: Die Berichterstattung verhielt sich umgekehrt zur tatsächlichen Situation. Über eine Minderheit wurde mehrheitlich berichtet, die Mehrheit dagegen kaum beachtet. Die Medienschaffenden, könnte man sagen, berichteten quantitativ überwiegend von der Lage einer relativ kleinen gesellschaftlichen Gruppe – der, der sie selbst angehören; und deren Belange sie als die wichtigeren, d.h. berichtenswerten, betrachteten. Danach folgten, hierarchisch gestaffelt, alle anderen Gruppen, je nachdem, wie nahe ihnen diese als Gegenstände ihrer Berichterstattung schon vorher standen; oder die sich in der privilegierten Situation befinden, sich öffentlich Gehör verschaffen zu können (Künstler*innen, Theaterschaffende). Je größer die soziale Distanz, je geringer der Status, desto geringer das mediale Interesse; Geringverdiener*innen, Supermarktpersonal z.B., fanden als Letzte statt.

Unbenommen – die Arbeit im Home Office hat ihre eigenen Probleme, etwa ein Anwachsen des Zugriffs der Vorgesetzten auf die Arbeitenden, deren Privatleben Gefahr läuft, vom Arbeitsalltag verschlungen und sukzessive ersetzt zu werden; dennoch existiert hier ein Mißverhältnis, insbesondere, da Empathie und Interesse sich fast ausschließlich auf eine Minderheit richten, die man in einer Pandemielage durchaus als privilegiert ansehen darf (weil besser geschützt als die Mehrheit).

Warum ist das so?

:: La guerre, encore?

Was der US-amerikanische „Krieg gegen den Terror“ erreichte, ist hinlänglich bekannt: Haß, Zulauf für Terroristen – mehr Terror.

Insofern wirkt es beunruhigend, daß der französische Staatspräsident François Hollande aktuell in eine Kriegsrhetorik verfällt, die den Äußerungen George W. Bushs nach den Anschlägen des elften September verblüffend ähnelt, sogar beinahe identisch scheint. Dies um so mehr, als sie mit einer Einschränkung der Bürgerrechte einhergeht, wie sie in den USA unter dem Eindruck der Attacken ebenfalls etabliert wurde.

Daß die Anschläge von Paris erschreckend, empörend und verwerflich waren, daß Solidarität mit unseren französischen Nachbarn selbstverständlich ist, sollte keiner Erwähnung bedürfen. Doch Ziel von Terroristen sind, zusätzlich zu den Menschen, die ihnen zum Opfer fallen, auch die Überlebenden. Diese sollen traumatisiert, verängstigt, von ihren eigenen Werten abgebracht werden; kurz, von einem Leben, das nicht terroristisch ist. Eines, dessen Anblick der Terrortäter nicht erträgt.

Bestimmte Maßnahmen nach Terrorakten verhelfen den Tätern vielleicht gerade zum erwünschten Ergebnis: Dieses Leben einzuschränken, zu bedrücken – wenn nicht abzuschaffen.

Dabei ist „Krieg“ (statt gezielter Maßnahmen als Rundumschlag geführt) kontraproduktiv, und zunehmende Überwachung zumindest nicht zielführend. Bereits vor den Pariser Anschlägen erlaubten französische Gesetze Überwachungsmaßnahmen, die wir – etwa beim Thema Vorratsdatenspeicherung – noch kontrovers diskutieren; sie haben nichts genützt.

Folgt das Schema der französischen, der europäischen Reaktion auf die Ereignisse des Wochenendes diesem fatalen Schema? Und die französischen Medien? Folgen sie, ähnlich wie damals die amerikanischen, im derzeitigen Schockzustand ihrem Präsidenten blindlings? Oder setzen sie gerade das, was sie unterscheidet, die Werte von Liberté, Egalité, Fraternité dagegen?

Ein Bericht des NDR-Medienmagazins ZAPP beleuchtet die Situation.

:: Nachtrag zu Gute Märchen, böse Märchen

Wie methodisch unsauber die vom Stern beauftragte Umfrage tatsächlich ist, belegt die Rubrik „Durchgezappt“ des WDR-Medienmagazins ZAPP vom 04.11. – und legt launig eine eigene, parodistisch-abstruse Umfrage vor.

Ebenfalls in dieser Folge: Die Reportage „Alles Lüge oder was? Wenn Nachrichten zur Waffe werden“ (Text zur Sendung hier) aus der ARD-Serie Die Story im Ersten (Thema: Nachrichtenfälschung), deren Video leider nur bis zum 26.10. in der Mediathek vorlag, wird von ZAPP noch einmal aufgegriffen. Interessant vielleicht auch dieser ältere Artikel über die Probleme der Nachrichtenverifikation angesichts zunehmenden Aktualitätsdrucks, und die Verläßlichkeit von Online-Quellen.

:: Gute Märchen, böse Märchen

Da haben wir’s.

Laut einer Forsa-Umfrage glauben mittlerweile 44% der Deutschen, die hiesigen Medien würden „von ganz oben gesteuert“; daß der immer wieder erhobene „Lügenpresse“-Vorwurf also zutrifft.

Lassen wir die methodischen Probleme solcher Umfragen einmal beiseite. Zu denen der vorgelegten Untersuchung zählt etwa, daß sie an lediglich 1002 Befragten vorgenommen wurde, und die gestellten Fragen verschiedene Thesen zusammenfassen, weshalb man z.B. der Aussage, die Presse werde von „oben“ gesteuert und verbreite deshalb „geschönte und unzutreffende Meldungen“, nur pauschal zustimmen, oder sie komplett verneinen kann – ganz gleich, ob man den einen Vorbehalt teilt, den anderen nicht. Nein, stören wir uns nicht an solchen Details.

Denn daß die deutschen Medien in den letzten Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, massiv Vertrauen verspielt haben, kann – auch wenn das Ausmaß sich kaum in exakte Zahlen fassen läßt – ja nicht geleugnet werden. Zu den Ursachen stellt das Blog der Karlshochschule einige interessante Thesen auf, denen sich weitere Gründe – von denen auch dieses Blog bereits einige benannte – leicht hinzufügen ließen. Ein Großteil der Kritik ist berechtigt, die Problematik allerdings sicherlich komplexer, als daß Thesen einer Zentralsteuerung von „ganz oben“ sie erklären könnten. Schlechte Berichterstattung verdankt sich Strukturen und Bedingungen des Medienbetriebs; diese aufzuzeigen, bedarf keiner Hypothesen, die so unnötig wie angesichts der Vielzahl der Branchentätigen absurd sein müssen; und auch nicht klären, wo „ganz oben“ eigentlich sein soll, und wer sich da herumtreibt – außer, man vermutet als Drahtzieher eben „die da“, wer immer sie sind.

An sich wäre die zunehmende Medienkritik also zu begrüßen, zeugte sie von wachsendem analytischem Verstand des Publikums – von seiner zunehmenden Fähigkeit, die Herkunft von Informationen zu hinterfragen, das Zustandekommen von Nachrichten, die mit ihnen verfolgten Absichten, die durch ihre Zurichtung erzeugte Weltdeutung zu durchschauen. Und hier beginnt das Problem.

Es besteht nicht in der mißtrauischen Haltung gegenüber den etablierten Medien, sondern darin, daß gerade die Skeptiker sich oft genug völlig unkritisch anderen Quellen zuwenden, die sie nun als fraglos glaubwürdig akzeptieren.

Dazu gehört auch, Widersprüche zum Bild der durchweg manipulativen Mainstream-Medien zu ignorieren. In sozialen Netzwerken und Blog-Kommentaren findet sich regelmäßig die Auffassung, die per „Zwangsabgabe“ finanzierten Öffentlich-Rechtlichen wären ferngesteuerte Lügner, als würden diese nicht (ggf. in den von Gebührengegnern reflexartig für überflüssig erklärten Drittprogrammen) immer wieder differenziert und kritisch berichten; als stammten die Aufklärung US-amerikanischer Lügen über Saddams Giftgaslager, oder kritische Berichte zu Freihandelsabkommen und Brutalkapitalismus, nicht aus eben diesen gescholtenen Medien. Oder als würden Sendungen wie „Die Anstalt“, vielen ein Hort wahrheitstreuer Aufklärung, nicht vom ZDF, sondern illegal von Rebellen auf YouTube verbreitet.

Derartige Widersprüche, auch der, daß hiesige mediale Fehler – vom Irrtum bis zur Mogelei – eben auch von den etablierten Medien entlarvt werden, stören die Kritiker der „Lügenpresse“ kaum. Viele Informationen, auf die sie sich berufen, stammen aus eben dieser, ein Umstand, den sie hervorragend auszublenden vermögen; was um so kurioser wirkt, als sie ohnehin gern behaupten, die „offiziellen“ Medien nicht mehr zu rezipieren (aber genau wissen, was diese verbreiten).

Was geschieht hier?

Eine zunehmende Medienkritik hat die alten Leitmedien als vermeintliche Bollwerke der Wahrheit und qualifizierten Weltdeutung erschüttert. Man sollte daher meinen, wir hätten eine reflektierte Haltung gegenüber medialen Verlautbarungen jeglicher Herkunft entwickelt. Stattdessen paart sich die grundsätzliche Ablehnung „der“ Medien (der westlichen wohl) inzwischen häufig mit kritikloser Bereitschaft, jede Verlautbarung obskurer Hintertreppenquellen unhinterfragt anzunehmen; sie müssen lediglich das Gegenteil dessen behaupten, was uns die ARD erzählt. Ob es sich um die 9/11-„Truther“ dieser Welt handelt, das russische Staatsfernsehen oder nicht überprüfbare Behauptungen auf Facebook, aus denen „Volkes Stimme“ spricht, bleibt völlig gleichgültig; wer behauptet, irgendwo hätten irgendwelche Flüchtlinge die Zebras im Zoo vergewaltigt, ist automatisch glaubwürdiger als die „Lügenpresse“, die das ja bloß wieder vertuscht. Weite Teile der Öffentlichkeit scheinen keineswegs bereit, jeder Quelle, die als Besitzer der Wahrheit auftritt, mit kritischem Vorbehalt zu begegnen; sondern willens, sich neue Vorsager zu suchen, denen man nach Verlust der bisherigen wieder bedingungslos glauben darf.

Das ist das eigentlich Erschreckende an der Glaubwürdigkeitskrise der Medien: Daß sie nicht Ausdruck der Kritikfähigkeit mündiger Bürger scheint, sondern der Suche nach neuen Autoritäten, die uns fortan an das eigene Denken wieder abnehmen könnten – jene schreckliche Last, die der Verlust alter Weltdeutungsinstanzen uns aufzwang; daß es nicht heißt, „laßt uns kritisch und aufmerksam die mediale Verstrickung in gesellschaftliche Denkklischees und Machtstrukturen beobachten“, sondern gefragt wird, wer denn nun die „Wahrheit“ spräche, mithin fraglos ehrlich, dabei auch irrtumsfrei, also unbedingt verläßlich sei. So daß man endlich zurück in die gute alte Zeit findet, da man nicht selbst zu überlegen brauchte, wer denn nun gerade dummes Zeug redet. Denn, nicht wahr, wenn man „weiß“, wer immer die Wahrheit sagt, weshalb ergo jeder Andere immer lügt, das ist doch viel einfacher, als jedes Mal selbst kritisch den Einzelfall prüfen zu müssen.

Wie ist das aber nun mit der Wahrheit, jenem flüchtigen Ding? Als einen der Kardinalfehler der etablierten Medien macht der Blogartikel der Karslhochschule eben jenen Anspruch aus, „Wahrheit“ zu verkünden; wer diesen verfehlt, bzw. dabei erwischt wird, ist automatisch diskreditiert. Weiter bedeutet, sich als Wahrheitskünder zu geben, zwangsläufig den Lieferanten gegenläufiger Information der Lüge zu bezichtigen – jedenfalls dann, wenn der eigene Hoheitsanspruch auf die Wahrheit absolut ist.

Kann man die gegenwärtige Medienkrise also so deuten, daß die Künder der „Lügenpresse“-Botschaft bzw. deren Quellen, von Russia Today bis Ufobücher-Verlag, dieses Spiel einfach besser, geschickter spielen als die satt und etwas feist, daher selbstzufrieden gewordenen Leitmedien?

Herr Sathom fürchtet, daß das Problem damit nicht vollständig gefaßt ist.

Gewünscht wird nicht, endlich verläßlich informiert zu werden; sondern sich nach dem Glaubwürdigkeitsverlust der alten nun neuen Autoritäten zuwenden zu dürfen, die wieder als unfehlbar gelten können; denen man also wieder ungeprüft alles glauben darf. Autoritäten sollen sie sein in dem Sinne, daß sie nicht nur berichten, sondern bestimmen und verfügen, was ist. Denn es geht nicht nur um das Bedürfnis nach Nachrichtenquellen, denen man wieder gemütlich vom Ohrensessel aus alles ungeprüft abkaufen kann. Auch ein Fürsprecher sollen sie sein, die Meinung des Rezipienten vertreten – durch sie will man selbst sprechen, und auf diese Weise Macht ausüben. Als „wahr“ empfinden die Anhänger jeder Presse, was ihrer vorgefaßten Meinung entspricht – die Dienstleistung, ihnen solche Wahrheiten zu liefern, erbringen die alteingesessenen Medien nicht mehr zuverlässig, müssen also ausgewechselt werden.

Für diese Sichtweise spricht einiges.

Den ironischerweise schmäht man ja die „Blockmeinung“ der Medien teilweise zu Recht, setzt dann aber bloß die eigene, mindestens ebenso einäugige, dagegen – tatsächlich scheint gerade die Vielfalt medial verbreiteter Meinungen und Perspektiven zu stören. Die auf den Tisch gesetzte Faust, das „nur so ist es, und nicht anders (wie ich es sehe nämlich)“, ist der Gestus des „Lügenpresse“-Rufers. Nicht „Wahrheit“ als zutreffende Darstellung dessen, was ist, sucht er; sondern verlangt, daß seine Weltdeutung als Wahrheit gelte, inklusive klar gezogener Grenzen zwischen schwarz und weiß, mit ihm auf der Lichtseite, daß es ihm Autorität und Herrschaftsanspruch schaffe. Daß er damit den Spieß, den die Leitmedien als Sprachrohr der „staatstragenden Mitte“ schwingen, bloß umdreht, soll gar nicht geleugnet werden; daß er etwas an der Mechanik herrschaftstragender Deutungshoheiten ändern möchte, sollte er hingegen nicht behaupten. Zur Wahrheit bloß deklarierte Blockmeinung wünscht er ja gerade, nur die eigene soll es sein; die Mediendiktatur, die er errichten würde, erhielte er die Gelegenheit, könnte sich sehen lassen. Verfolgt man seine Wutausbrüche im Netz, weiß man: wäre seine „Wahrheit“ die herrschende, könnten sich Andersdenkende warm anziehen.

Man bedient sich eben nicht mutig des eigenen Verstandes, wie Kant einst versonnen forderte – verlangt stattdessen kategorische Gut-Böse-Schemata zurück, ruft nach Weltdeutern, die solche verläßlicher liefern als jene, die vor dem selbst erhobenen Wahrheitsanspruch versagten. Kann ein Teil der Medienschelte darauf beruhen, daß man schlicht von ihnen enttäuscht ist, die sich erwischen ließen; einen betrogen um das schöne Vorrecht, aus ihren Brüsten Wahrheitsmilch zu saugen, die Botschaft nämlich, rechtens zur herrschenden Mehrheit zu zählen (in jenen Zeiten, da diese noch schweigen durfte, um Macht auszuüben)? Es scheint leider so; der Zorn der „Lügenpresse“-Rufe auf den Straßen, in den Foren klingt danach. Was den Medien übel genommen wird, ist nicht, daß sie „lügen“ würden; sondern daß sie nicht mehr das eigene Interesse als Staatsräson, die eigenen Meinungen als Wahrheit verkaufen.

Viele sind von gesellschaftlicher Teilhabe und Mitbestimmung ausgeschlossen, von sozialem Abstieg bedroht, viele andere fürchten all dies; ihr Ärger darüber ist berechtigt. Zu Kritikfähigkeit gegenüber Macht und Meinungsmache hat dies jedoch nicht geführt. Vielmehr zum Verlangen nach einer neuen Interessenvertretung, die zu Macht verhilft, indem sie den Machtanspruch auf die Behauptung eines Wahrheitsmonopols gründet: Wo „Bild“ war, soll Russia Today werden.

Letztlich trifft es zu, daß in den letzten Jahrzehnten die Wirtschaftsliberalen mit ihrer Propaganda das Machtzepter des Zeitgeistes schwangen, sie fast ungefiltert durch die Medien verbreiten konnten; und daß diejenigen, für die das Leben im Kapitalismus immer härter wurde, sich oft genug noch als Versager verhöhnen lassen durften. Allerdings: Auch der Gegenwind für die offizielle, neoliberale Blockmeinung wehte aus den Senderäumen der Öffentlich-Rechtlichen, der „Lügenmedien“. Haben wir daraus nichts Besseres gelernt, als den Übergang dieses Zepters in unsere Hände zu fordern, die es nun (als unsere vermeintlichen Vertreter) totalitär und autoritär schwingen mögen? Gälte es nicht vielmehr, Strukturen der Meinungsmache generell aufzubrechen, eine Mühsal gewiß, da man immer neue Schliche durchschauen muß, aber notwendig?

Gleiches gilt übrigens auch für staatliche Autorität und Konzernmacht. Statt Herrschaftsstrukturen generell kritisch zu bewerten, wünschen wir uns, nun, da die USA diskreditiert sind, daß Putin Zar im Reich des Guten sei, und RT sein Quell der Wahrheit; und daß russische Bomben Zivilisten schonen, da die Splitter sie irgendwie von IS-Terroristen unterscheiden können, warum nicht, im russischen Staatsfernsehen erfährt man ja – anders als in unseren „Lügenmedien“ – nichts von fuck-ups der eigenen Seite, also kann es auch keine gegeben haben.

Die Wahrheit ist ein flatterhaftes Wesen, von dem mal der eine, mal der andere einen Zipfel erhascht, sich dann wieder irrt, aufs Neue suchen muß; vielleicht existiert sie gar nicht, ist bloß Konstrukt, Machtansprüche zu begründen. So muß man stets gewärtig sein, sich selbst zu täuschen, vorschnell als wahr aufzufassen, was dem eigenen Vorurteil entspricht. Die Macher der etablierten Medien bilden da keine Ausnahme. Aber nicht diese Einsicht leitet die „Lügenpresse“-Schreier; vielmehr verlangen sie, daß es eine simple Wahrheit gebe, und daß sie die ihre sei. Mithin also, daß fortan sie entscheiden, was Medien aussprechen dürften. Was sie auf deren Websites denn auch lautstark fordern.

Das schöne Wort Wahrheit, ein problematischer Begriff; so gesehen prangt es ein wenig zu unverzagt im Vorspann der „Anstalt“, deren Macher sich bei allem löblichen Einsatz für Flüchtlinge zugleich in der letzten Folge nicht zu schade waren, posthum alle gewesenen Diktatoren des nahen und mittleren Ostens zu Heroen der Frauenbefreiung zu verklären. Gefoltert haben die ganz bestimmt nicht – das tut nur der Amerikaner, das zähnefletschende Biest, im Rollentausch mit „dem Russen“ früherer Zeiten. Wer aber Uthoff und von Wagner zu Propheten erklärt (ein Status, den sie selbst gar nicht beanspruchen), der darf sich weltweise dünken, und besser, moralisch zumal, als der unaufgeklärte Abschaum. Ja, der sollte eigentlich das Sagen haben.

Sich auf neue Hoheiten der Weltdeutung zu berufen, hat dabei unleugbar den Vorteil, jeden Einwand als Lüge denunzieren zu können. Und sich qua Identifikation mit den Wahrheitskündern auf der richtigen Seite wähnen zu dürfen – jener der zweifellos Gerechten, der lauteren, lichten Reinen. Denn so irrtumsfrei und moralisch, so über jeden Zweifel erhaben wie sie wäre man dann, als ihr Gefolgsmensch, ja auch; der eigenen Fähigkeit zu irren entledigt. Und damit einer von denen, die bestimmen sollten, verdammt nochmal, was wahr ist, und wie die Dinge deswegen zu laufen hätten.

Wer die Wahrheit zu kennen behauptet, legitimiert sich als Inhaber des Deutungsmonopols, als denjenigen, dessen öffentliche Rede Herrschaftsstrukturen setzt, und stabilisiert. Diese Zusammenhänge aufzubrechen, hieße, Aufklärung zu betreiben – auch schwierige, schmerzhafte Selbstkritik. Eben danach verlangt es den Kritiker der „Lügenpresse“ keineswegs. Er will ja die alten, klar gezogenen Grenzen zwischen Licht und Schatten zurück; die simplen Welterklärungen, die Herrschaft begründen, diesmal aber ihn auf Seiten der Herrschenden einordnen. Nun ist das mit der Herrschaft so eine Sache – sie ist ähnlich schwer greifbar wie die Wahrheit, oder auch die von den Herren Kalkofe und Rütters berühmt gemachte kleine Fee, die im Kopf Vanilletee kocht. So orientiert man sich eben zu größeren Autoritäten hin, die einem die Arbeit des Grübelns wieder abnehmen; und auf deren Aussagen man den Anspruch gründen kann, was die Zeitung zu schreiben hätte.

Wir haben unsere Autoritäten verloren – leider hat uns das nicht autoritätskritisch gemacht. Einsam wäre das und zugig so allein, ohne Vorbeter und Lichtgestalten, von deren Schein auch auf uns etwas abglänzt, uns über die Tumben und Bösen erhöht. Und da es nun kalt geworden ist an den Schultern der USA und der Süddeutschen Zeitung, suchen wir uns neue Schöße, auf die wir uns setzen können; neue Geschichtenerzähler, die Märchenstunde halten, nur daß diesmal wirklich alles wahr ist. Ganz bestimmt.

:: JournAfrica! – Die Sicht afrikanischer Journalisten

Na Leute, wißt Ihr auch so gut über Afrika bescheid? Daß da alle arm sind, Leopardenfelle anhaben und mit Speeren rumhopsen?

Schluß damit: Die Plattform JournAfrica! veröffentlicht – deutsch, englisch und französisch übersetzt – Texte afrikanischer Journalisten, die neben einheimischer Realität auch den afrikanischen Blick auf Europa wiedergeben. Die afrikanischen Blicke vielmehr, da der Kontinent keineswegs der gesellschaftlich homogene Brei ist, als den wir ihn gerne wahrnehmen.

Die Artikel belegen, daß nicht nur hiesige Medien über Afrika berichten, sondern umgekehrt auch afrikanische Journalisten kritische Blicke auf Europa werfen; dies auch eine Korrektur der leider noch häufigen Wahrnehmung, nur wir könnten analysieren und – gern mit dem postkolonialen Überlegenheitsgestus des vernünftigeren Abendländers, der auf dem Treppchen zur reinen Vernunft stets ein paar Schritte voraus ist – „einordnen“, was in anderen Teilen der Welt geschieht.

Und hättet Ihr gewußt, daß man auch in Burundi Charlie war, oder wie afrikanische Journalisten die Diskriminierung von Afroamerikanern in den USA kommentieren?

Die Zukunft von JournAfrica! ist noch ungeklärt, da die derzeit hauptsächlich von Fördergeldern abhängige Finanzierung nicht ewig währen wird; die Macher hoffen auf ein Gründerstipendium. Auch aus diesem Grund lohnt es, ab und zu mal vorbeizusurfen, und zu lesen: Klickzahlen, also Erfolg bzw. Attraktivität der Plattform könnten schließlich zum Argument für weitere Förderung sein. Oder sogar dazu führen, daß sich das Projekt über Weitergabe von Artikeln an Dritte irgendwann selbst trägt.

Ebenfalls zum Thema: Ein Bericht des Medienmagazins ZAPP

:: Germanwings-Absturz: Mediale Perversionen

Es ist ekelerregend. Name und Wohnort des Copiloten der abgestürzten Germanwings-Maschine werden im Fernsehen genannt, Bilder des Hauses seiner Eltern gezeigt; Sendungen wie „Brisant“ laden Passanten ein, sich ins Mikrophon zu erregen, daß hier einer nicht nur sich selbst, sondern noch 149 andere umgebracht hätte. Lediglich auf Phoenix – einem Sender, der allerdings ebenfalls schon gestern aller Welt mitteilte, wie der Mann hieß und wo seine Angehörigen leben – darf ein Psychiater darauf hinweisen, daß weder die gefundenen Krankschreibungen noch die Aufzeichnungen des Stimmrecorders irgend etwas eindeutig belegen. Was aber niemanden hindert, weder Presse noch Publikum, sich wie Aasgeier um dieses Nichts zu versammeln. Und die Angehörigen des Copiloten aller Welt auszuliefern, zum Anstarren mindestens, vielleicht auch Schlimmeres, Schmähung, Bedrohung.

Der Mann könnte ebenso gut eine Grippe gehabt haben, im Cockpit kollabiert sein. Macht nichts – diverse Boulevardpostillen wissen nicht nur: das ist der „Amok-Pilot“; sie haben außer dem Namen auch gleich sein Foto titelseitengroß parat. Damit Nachbarn und Bekannte der Familie auch Bescheid wissen und sich daran freuen können. Wie das medienkritische BILDblog berichtet, hat ein gewisses hiesiges Blatt die Ereignisse sogar als „Ritualmord“ des Copiloten durchschaut.

Von der „seriösen“ Berichterstattung unterscheidet sich all dies jedoch nur im Duktus. Mit pausbäckiger Unschuldsmiene verfahren die öffentlich-rechtlichen Medien ebenso, begleitet von der ständigen Versicherung, es nicht tun. Die Journalisten jeder Couleur kennen keinen Anstand – wie der oben verlinkte Artikel ebenfalls berichtet, belagern sie das Haus der Eltern des Copiloten, horchen Nachbarn aus, betreiben eine Hetzjagd. Veröffentlichen in ihrem Eifer statt dem Bild des Unglücksfliegers das eines Unbeteiligten – nicht er erste Fall, man denke an Winnenden –, dessen Bekanntenkreis dann heimgesucht wird. Gipfel der Perversion: trauernden Mitschülern – Kindern – wird von der Meute Geld dafür geboten, vorformulierte Sätze in die Kamera zu sprechen.

Wie bereits am Mittwoch, unmittelbar nach dem Absturz, als sämtliche Medien mangels konkreter Informationen ununterbrochen berichteten, daß sie derzeit nichts zu berichten hätten; betonten, daß sich Spekulationen verbieten würden, um dann munter drauflos zu spekulieren, sensationsträchtige Möglichkeiten anzudeuten, spektakuläre Hintergründe zu suggerieren („. . . aber ich muß trotzdem nochmal fragen, Herr Experte, könnte da vielleicht . . .“ – nein, müßt ihr nicht, bzw. warum „müßt“ ihr eigentlich – oder wollt ihr nur, obwohl ihr nicht müßtet; nicht solltet?) – gerade so führt man nun die Hinterbliebenen des mutmaßlichen Unglücksfliegers vor. Die dürfen sich nicht nur mit der Möglichkeit auseinandersetzen, daß ein Mitglied ihrer Familie den Absturz herbeigeführt haben könnte (sofern es eben, was noch nicht belegt ist, absichtlich geschah); sondern auch damit, daß sie weltweit dem gaffenden Blick der Meute ausgeliefert werden. Noch einmal: in Anbetracht einer Möglichkeit; nicht einmal, auch wenn das nichts besser machte, eines Beweises.

Ob der Copilot fahrlässig Gesundheitsprobleme ignorierte oder, wie alle Sensationsgierigen landauf, landab wissen wollen, Suizid mit angeschlossenem Massenmord beging, spielt keine Rolle für den schäbigen Umgang mit seinen Angehörigen. Rechtfertigt nicht, sie verantwortungslos zum Glotzobjekt all der müßigen Gaffer zu machen, denen das Unglück nur Ausreden für die Befriedigung ihres Voyeurismus liefert; denen, die auch bei einem Auffahrunfall stehen bleiben und luchsen, ob sie nicht einen Blick auf Blut oder Gekröse erhaschen.

Noch widerlicher ist, daß auch die Passagiere, die Opfer, dabei mißbraucht werden. Was da bei Straßeninterviews das gesunde Volksempfinden in die Mikrophone blökt, zeugt weder von echtem Mitgefühl noch ehrlicher Empörung. Der geheuchelten Anteilnahme, der (auch sich selbst) vorgespielten Erschütterung, die jede neue Informationslücke gierig aufsaugt, werden die Opfer zum Vehikel dazu, sich selbst als mitleidend, mitfühlend zu stilisieren; zur Ausrede, nach einem Verweis pro forma auf die Toten, sofort über den Schurken am Steuerknüppel zu phantasieren, in Bestrafungswünschen post mortem zu schwelgen. Ein Mechanismus, der ähnlich bei Berichten von Kindermorden greift: kaum so lange verweilt der Gedanke wirklich beim Opfer, daß es ausreichenden Anlaß für wohltuende Vorstellungen davon liefert, was man mit dem Täter gern so alles anstellen würde.

Hier ist der vermeintliche Täter dem Rachegelüst entzogen, das ohnehin meist aufgestauten Zorn maskiert, aus zahllosen Frustrationen entstanden, der mit dem jeweiligen Anlaß seiner Entladung in keinerlei Zusammenhang steht; ziellos wuchert, endlich dann, wenn es irgendwo knallt, auf einen Schuft gerichtet werden darf. Wenigstens hat man hier noch seine Familie, die nun herhalten muß, und sei es nur, indem man sie durch Bloßstellung abstraft. Oder kann noch einmal auf den Toten eintreten, gleich stellvertretend für alle diese Verrückten, ein Glück, sie kommen nicht ganz so leicht davon.

Die bösen Medien also mal wieder? Nicht so einfach, Herrschaften. Denn die Medienmacher spekulieren nicht zu Unrecht auf ein Publikum, das die Gelegenheit freudig begrüßt, sich als Unfalltourist zu ergehen, und sich dabei noch als zu den Guten gehörig zu gerieren. Und so wird die Familie des Copiloten vorgeführt, über Wahnsinn des Mannes spekuliert, lüstern in Leichnamen gestochert; alles in dem Gefühl, es aus rechtschaffener Empörung zu tun, einer der Anständigen und Ehrbaren zu sein – der aufrichtig Erschütterten.

Man ist klüger geworden seit den Tagen, da die Medienmeute um die Gladbecker Geiselnahme herumlungerte; gibt sich verhaltener, jedenfalls außerhalb des Boulevards. Die Komplizenschaft zwischen den Medienmachern und ihrem Publikum dauert dennoch fort, wobei schamlos, maßlos, mitleid- und gnadenlos den Opfern gegenüber, auch die Fratze des Zuschauers all ihre Häßlichkeit zeigt.

Es regte sich, gleich zu Beginn des medialen Spekulationsamoks, auch Widerstand; hier etwa, auch auf Facebook und Twitter, und allgemein in medienkritischen Blogs. Allein das relativiert den Eindruck einer ganz und gar verkommenen Öffentlichkeit. Die Verwertungsmaschinerie – den Schlachthausbetrieb, der Opfer und Angehörige zu Unterhaltungsware erniedrigt – hält es nicht auf.

Manchen, auch das eine Relativierung, darf ihre Betroffenheit wirklich geglaubt werden; die des Bundespräsidenten etwa, über den der Verfasser sonst wenig Gutes zu sagen weiß, wirkt ehrlich. Es wäre zu hoffen, daß er Recht hat, wenn er die Trauer um die Opfer als Zeichen dafür nimmt, daß wir in einer „Gesellschaft von Menschen“ leben, nicht bloß von „funktionierenden Wesen“. Ein ehrbarer Gedanke.

Aber die Maschine; die Maschine. Sie läuft, und wird das nächste Mal wieder laufen.

 

Eines noch.
Die demonstrative, öffentliche Trauer dieser Tage – nützt sie den Angehörigen eigentlich? Raubt sie ihnen nicht vielmehr der Möglichkeit, um ihre Toten zu trauern, indem sie diese zum öffentlichen Gut, dem Gegenstand der angeblichen Trauer Aller macht? Nimmt sie den Familien und Freunden ihre Lieben nicht ein zweites Mal – endgültig, als die Ihren nämlich?

Denn die da alle zu trauern behaupten (oder ihre gespielte Trauer öffentlichkeitswirksam vor sich hertragen) – sie kennen weder die Opfer, noch die Hinterbliebenen. Ihre Trauer ist – zumindest häufig – Anmaßung, zu der sie kein Recht haben; ist sentimental verlogene Identifikation mit den Angehörigen, kitschige Selbststilisierung, und insofern übergriffig. Sie vergemeinschaftet die Toten, macht sie zum Gegenstand der Bedürfnisse des Publikums, und reißt sie damit ein zweites Mal aus dem Schoß ihrer Familien, aus ihrem Freundeskreis.

Mitgefühl – ja. Unterstützung – unbedingt. Aber bitte nicht diese Erniedrigung zu einem weiteren Unterhaltungsmehrwert.

:: Endlich wieder alles klar

Herr Sathom hatte zum Jahreswechsel wieder so eine Diskussion am Silvestertisch und dachte:

Hach, wie gut, daß es Russia Today gibt.

Was war das irritierend die letzten Jahre. Als wir merken mußten: unsere seriösen Qualitätsmedien sind das gar nicht immer, liefern oft zur Information die Weltdeutung im Sinne der bestehenden Herrschafts- oder Gesellschaftsordnung gleich mit; stellen Dinge einseitig dar, vertreten unisono eine Blockmeinung – Herrschaftsmeinung, die den herrschenden Klassen genehme eben; sangen das Loblied des Sozialabbaus, des Kapitalmarktes, der allem innewohnt und es gottgleich zum Besten regelt, weshalb die immer ärmer werdenden selbst schuld sind, und der wohlbestallte Bürger in der Mitte der Gesellschaft siedelt, dieweil die an den „Rändern“ – denn das impliziert die Rede von der „bürgerlichen Mitte“ – als Bürger gar nicht zählen. Weshalb sie auch nicht gefragt werden, und man in Talkshows über Hartz-IV-Empfänger redet, aber nicht mit ihnen.

Doch nun wird alles anders!

Vorbei die Zeit der Verwirrung; zuende auch die Zumutung, ständig kritisch zu hinterfragen, was man da liest oder sieht, und überlegen zu sollen, woher das kommt – etwa daher, daß auch Journalisten voreingenommen sind, oft derselben gesellschaftlichen Schicht entstammen und deren Weltsicht unkritisch teilen? In der Kommunikation mit anderen Mitgliedern ihrer in-group einander ihre Vorurteile bestätigen? Die Nachricht in ihr festliegendes, oft nicht bewußt reflektiertes Weltbild einsortieren, sie gemäß aktueller Denkklischees deuten? Manchmal einfach auch schlampig recherchieren, oder voneinander abschreiben? Wäre alles denkbar. Daß gerade ein gemeinsames Weltbild die Berichterstatter prägt, dafür war ja erst kürzlich die antigewerkschaftliche Angstmacherei angesichts der Lokführer- und Pilotenstreiks mit ihrem munteren Rückfall in 90er-Jahre-Rhethorik ein anschauliches Beispiel. Kurz, da kommt einiges zusammen, und eine einzige Ursache, ein lenkender Schuft, ist nicht immer auszumachen.

Doch mit solch komplexen Wirrnissen müssen wir uns nicht länger plagen. Nicht länger solch vertrieselte, von Fall zu Fall unterschiedlich gehäkelte Ursachenknäuel aufknoten. Endlich, endlich ist die Welt wieder einfach, und aufs Beste erklärt.

Die Medien sind gesteuert! (Aha!) Doch nun enthüllt uns eine über jeden Zweifel erhabene Instanz endlich die Wahrheit! (Hurra!) Der dürfen wir endlich wieder ungeprüft alles glauben! (Uff!)

Und ist ja auch alles hochplausibel:

Wenn wir – „der Westen“ – nun doch nicht die Guten sind, dann müssen es wohl „die Russen“ sein. Zumal die ja überhaupt nicht dieser Tage Transsexuellen das Autofahren verboten haben. Und muß wohl bei ihnen auch der Hort der holden Tatsachen wohnen, dieser aber Russia Today sein, wo nur Edelmenschen arbeiten, und selbstlos, unermüdlich, Töpfe voll eitel Wahrheitshonig über uns ausgießen. Und weil das so ist, hörte man in unseren unseren durchkorrumpierten Westmedien ja auch ü-ber-haupt nichts vom Folterbericht der CIA, und laufen auf 3sat auch gar keine kapitalismuskritischen Dokumentationen – während RT ganz offen zeigt, wie in der heiligen Rus marodierende Banden mit dem Segen der orthodoxen Kirche Homosexuelle foltern und Videos davon online stellen, die Polizei die Täter aber nicht identifizieren kann, obwohl die freudig ihre Rüssel in die Kamera halten und ggf. die einzigen Bewohner des dörflichen Tatorts sind.

Wie schön: ehe man sich mühsam durch den Mediendschungel quält, Meinungen vergleicht, Quellen prüft, gesellschaftlichen Entwicklungen analytisch begegnet, vielleicht mal ein paar politologische oder soziologische Bücher liest (Tipp: Eva Herman schreibt die nicht), kann man doch auch einfach entscheiden, daß unsere Medien eben durch die Bank lügen – weil nämlich Obama und Merkel morgens bei SZ und „Zeit“ anrufen und den Redakteuren in den Block diktieren,welche Meldungen erwünscht sind. Sofern die Illuminaten das nicht gleich selbst erledigen, statt solche Politmuppets vorzuschicken.

Lästige Wahrnehmungen wie die, daß auch Westmedien immer wieder kritisch berichten; daß der britische Guardian mutig, gegen Regierungsdruck, Edward Snowdens Enthüllungen publizierte; daß gerade die als „gesteuertes“ Leitmedium geschmähte SZ eben auch einen kapitalismuskritischen Heribert Prantl hat; daß immerhin offen berichtet wurde vom Schwindel der Biowaffen in Saddam Husseins Bastelkeller; all diesen lästigen Quatsch weiß der Erleuchtete, dem die Welt dank RT wieder eine geordnete ist, beiseite zu wischen. So was passiert unfallshalber, erklärt er, und dauert grad, bis wieder „der Maulkorb“ verhängt wird; oder er nimmt es einfach gar nicht zur Kenntnis. Auch der Widerspruch, daß die – sonst durchaus aufklärerischen und klugen – Insassen der „Anstalt“ in der letzten Sendung vor Jahresende so froh wie unbekümmert suggerierten, RT betreibe wenigstens im Gegensatz zur SZ richtigen Journalismus, und daß sie das im bösen ZDF auch dürfen, stört ihn nicht im Geringsten.

Darum hält er sich auch nicht damit auf, zu bestimmten Debatten auch andere europäische, oder gar US-amerikanische Medien zu konsultieren. Schieflagen der deutschen Berichterstattung und Talkshow-Welterklärung, die einem uniformen mindset der deutschen Medien entspringen, machen auch diese bereits sichtbar (wie etwa in der Debatte zum Beschneidungsurteil). Aber das würde ein zu pluralistisches Bild der Westmedien zeichnen. Lieber sucht man sich ein unfehlbares Orakel.

Denn neeein, das staatsfinanzierte RT ist natürlich kein Propagandainstrument; wäre ja noch schöner. Dann müßten wir uns ja klar machen, daß keine Seite ausschließlich „gut“ oder „böse“ ist; daß in der Ukraine alle beteiligten Machtblöcke ihre Interessen auf Kosten der ukrainischen und russischen Zivilbevölkerung verfolgen; daß auch die Erklärungen für fuck-ups der Westmedien, die Herr Sathom hier ja auch schon geißelte, etwas komplizierter sind als im Kasperltheater, wo der Teufel Hörner hat, damit man weiß, er ist der Böse. Kurz, wir müßten ständig, wie der alte Kant mal formulierte, den Mut haben, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Und wie ist das doch, wenn es dazu schon keines Mutes wie zu Inquisitionszeiten mehr bedarf, furchtbar anstrengend.

Da ist es einfacher, sich um 180 Grad zu drehen. Waren vorher wir die ausschließlich Guten und „die“ eben die Bösen, ist’s jetzt halt andersrum; alle Ukrainer gelten plötzlich als Nazis, und Greueltaten werden natürlich nur an den Separatisten verübt, nie von ihnen. Und das Feinste: statt ständig aufmerksam beobachten und kritisch hinterfragen, Quellen auswerten zu müssen, weiß man sich jetzt wieder qua Identifikation mit einer unfehlbaren Instanz auf Seiten des Guten; im Vollbesitz der einen, lichten, lauteren Wahrheit. Hat endlich wieder den Durchblick! Weiß bescheid – das heißt, darf „wissen“, was einem in den Kram paßt. Gut, daß die Welt wieder sauber aufgeteilt ist in schwarz und weiß; man selbst auf der richtigen Seite. Bloß glauben muß, was aus der einen Quelle stammt, und an die Suppe aus der anderen eben nicht. Weiteres Denken: endlich wieder unnötig.

Wie da selbst Leute, die sich dem aufklärerischen Geist verschrieben haben, diesen in letzter Zeit manchmal diskreditieren, indem sie einseitig in eine populäre Kerbe hauen (ja, Herr Sathom guckt euch an, Anstaltsbetreiber), ist zumindest besorgniserregend.

Auch der heitere Herr Pispers irrt (selten, aber kommt vor), wenn er – etwa im Programm „Bis neulich 2014“ – zumindest suggeriert, „die Medien“ würden bestimmte Nachrichten in irreführender Absicht machen. Gewiß gibt es in den höheren Verlagsetagen auch Drahtzieher, die politischen Agenden folgen; sicher beeinflussen PR-Agenturen und Lobbyisten Themenwahl und Weltdeutung; gewiß gibt es sogar propagandistische Kampagnen (wer hat z.B. in den letzten Jahrzehnten Arbeitslose und „Sozialschmarotzer“ diffamiert, daß die Balken knirschen?). Doch die Mehrzahl der „Medienmacher“, Journalisten, Kommentatoren, Feuilletonisten, deuten die Welt ganz von sich aus gemäß ihrer schichtspezifischen Dressur. Manche von ihnen mögen als Chefredakteure einer politischen Agenda folgen, in Absprache mit Kumpels aus anderen Verlagen handeln; Kommentatoren dem Geltungsdrang frönen, gesellschaftliche Entwicklungen anstoßen und steuern, oder die Politik vor sich hertreiben zu wollen. Und, ja: Manche lügen. Dagegen kann man aufklärerisch anreden; die Lösung kann jedoch nicht darin bestehen, sämtliche Journalisten – vom Chefredakteur bis zum Fußvolk mit Mikrophon – per Verschwörungstheorie zu einem abgestimmt handelnden Netzwerk zu erklären, und vor allem: einfach die Instanz zu wechseln, der man nun unkritisch alles von den Lippen abliest; von der man nun glaubt, sie sei unfehlbar, lauter in ihren Absichten, und jedes ihrer Worte licht und wahr.

Wenigstens den Leuten von der heute-show ist mal was anderes eingefallen: angeregt durch Bilder von Bildern aggressiven, schon ansatzweise gewaltbereiten Verscheuchungsverhaltens der PEGIDA-Demonstranten gegenüber ARD-Journalisten, schickten sie kurz vor Jahresende den billigst als RT-Mitarbeiter verkleideten Carsten van Ryssen zur Demo, dem die Teilnehmer trotz eines so eindeutig vorgetäuschten russischen Akzents, daß Herr Sathom Ohrenpilz bekam, bereitwilligst Auskunft gaben. Natürlich entstammen auch die gezeigten Interviewmitschnitte einer Auswahl (aber im Ernst: wollt Ihr euch sowas drei Stunden lang geben, Folks?); aber wie sich da mancher um Kopf und Kragen redet im Glauben, zum einzigen Wahrheitssender des Planeten zu sprechen, ist dennoch entlarvend.

Jedenfalls: die Dinge sind ein bißchen komplizierter, Leute; einfach bloß bei den „Guten“ und „Bösen“ die Hüte auszutauschen, um mal eine idiotische Metapher aus dem Reich des Meetinggeschwafels aufzugreifen, reicht da nicht.

Und, ach ja – Herr Sathom stimmt allem, was die Macher der „Anstalt“ in letzter Zeit zum Thema Flüchtlinge sagten, aus tiefstem Herzen zu. Er fragte sich bloß neulich: wo doch jetzt wir die Bösen sind und Putin & Co. die Guten, wie viele syrische Flüchtlinge nimmt Rußland da eigentlich auf? Man hört so gar nichts.

Schön, das verschweigen wohl wieder bloß die bösen Westmedien, und RT ist einfach zu bescheiden, um deswegen Wind zu machen.

Diese guten Menschen!

:: Ratingagenturen sind böse – richtig?

Sind sie?

Den einen gelten Ratingagenturen als diejenigen, die von europäischen Regierungen eine rabiate Sparpolitik fordern, mittels derer die europäische Schuldenkrise einmal mehr auf Kosten jener bewältigt werden soll, die ohnehin wenig haben, indem die Durchschnittsbevölkerung – beispielsweise die griechische – durch radikale soziale Einschnitte belastet wird, indem ganze Ökonomien kaputtgespart werden, während die großverdienenden Profiteure des Desasters ihr Geld in Form von Auslandsimmobilien in Sicherheit bringen. Den anderen als Agenten in einem Vernichtungskrieg gegen den Euro, die trotz Sparbemühungen europäische Länder ohne wirkliche Sachgründe ein ums andere Mal herabstufen. Als Kapitalismuskritiker sollte man dem allgemeinen Bias gegenüber den Ratingagenturen wohl zustimmen, sind deren Mitarbeiter doch die derzeit populärsten Buhmänner – oder?

Der provokant betitelte Artikel „Standard & Poors: Die Stimme der Vernunft“ erhellt – ohne S&P und anderen Ratingagenturen gegenüber so unkritisch zu sein, wie der Titel suggeriert – wie mit falsch dargestellten, angeblichen Aussagen und Forderungen von Ratingagenturen Politik gemacht wird, und wie stereotypes Denken von Medienvertretern dies unterstützt. Ratingagenturen werden hier als Teil eines Systems verstanden, das Krisen wie die gegenwärtige produziert, jedoch nicht als Ursache des Übels.

Was dabei über österreichische Politiker, Interessenvertreter und Medien ausgesagt wird, läßt sich ohne Weiteres auf Deutschland übertragen, trifft sogar hierzulande vielleicht noch eher zu: die Herabstufung von Euro-Ländern, so die von Medien und Politik monoton vertretene Auffassung, beruhe darauf, daß die betroffenen Länder zu wenig sparen; mehr Disziplin müsse ihnen aufgezwungen werden, und dazu seien soziale Einschnitte, wie sie Deutschland zum wirtschaftlichen Musterschüler machen, ihnen notfalls aufzuzwingen. Niedriglöhne, Kürzungen bei Renten, Sozialleistungen – dies, so wird allenthalben verbreitet, sind die Maßnahmen, welche von den Agenturen eingefordert werden, und deren mangelhafte Durchführung zu weiteren Herabstufungen führt; und daß etwa Deutschland aktuell gut dastehe, sei beispielsweise Niedriglöhnen und Aufstockerjobs zu verdanken, die sich andere zum Beispiel nehmen müßten, so wie auch die geringe Neuverschuldung. Kommt es trotz aller Sparanstrengungen zu weiteren Herabstufungen, sind die Schuldigen schnell ausgemacht: je nach Interessenlage werden entweder die immer noch zu sparsäumigen Miteuropäer gerügt oder die Ratingagenturen, denen man bösen Willen und Kriegsführung gegen den Euro unterstellt.

Doch was beispielsweise S&P tatsächlich zu sagen haben, liest sich überraschend anders, als allgemein kolportiert: die Gipfelvereinbarung der EU vom 09.12.11, liest man verblüfft, sei geprägt von einer „einseitigen Interpretation der Ursachen der Staatsschuldenkrise“; diese bestünde in der falschen Annahme, daß die „derzeitigen finanziellen Unsicherheiten primär von mangelnder budgetärer Disziplin in den Peripheriestaaten der Eurozone herrühren.“ Im Gegensatz dazu betrachten S&P die Krise vornehmlich als „Ergebnis der steigenden außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte und auseinanderlaufender Wettbewerbsfähigkeit“ zwischen den Euro-Staaten. Weitere Details sind unter o.a. Quelle zu finden; das überraschende Fazit des Artikels: S&P stehen mit ihrer Analyse der Krisenursachen und ihrer Auffassung zu möglichen Lösungen dem deutschen Gewerkschaftsbund DGB weitaus näher als dem, was rigide deutsche Sparpolitker stattdessen – unter Berufung auch auf S&P – propagieren.

Während Politiker tatsächliche Analysen und Vorschläge von Ratingagenturen falsch darstellen, um eine ideologisch bedingte Sparpolitik zu Lasten der Bevölkerung zu rechtfertigen, und hierzulande vielleicht auch, um hegemoniale, auf Ressentiments gründende Phantasien zu verkünden (wie etwa kürzlich die, daß der griechischen Regierung ein Sparkommissar vor die Nase zu setzen sei), führt auf Seiten von Medienvertretern hingegen offenbar ein stereotypes, klischeehaftes Denken zu völligem Mißverständnis dessen, was etwa von S&P verkündet wird: daß es Herabstufungen gebe, obwohl man sich in Europa mit dem Sparen so anstrenge, verwundert sich da ein Ö1-Journalist. Und auch die Rolle, die Lobbyinteressen vertretende „Experten“ bei der Uminterpretation dessen, was S&P sagen, wird im Artikel beleuchtet.

In Zusammenhang mit der von S&P benannten Krisenursache eines wirtschaftlichen Ungleichgewichts zwischen den Euro-Staaten ist noch ein weiterer Gesichtspunkt von Interesse: nämlich der, daß gerade Deutschlands scheinbar mustergültiges Verhalten zur Krise beiträgt, wenn nicht sogar eine der Ursachen darstellt. Der wirtschaftliche Erfolg bzw. Vorsprung der Bundesrepublik beruht aktuell in starkem Maße auf der seit Jahren betriebenen Förderung des Niedriglohnsektors; daß dies zur wirtschaftlichen Erosion der umliegenden Staaten ursächlich beiträgt, ist zumindest die Auffassung des früheren Staatssekretärs im Bundesministerium für Finanzen und jetzigen Chef-Volkwirts der UNO-Organsisation UNTAD, Heiner Flassbeck. Gründe für diese Auffassung wie auch für die, daß Deutschland die Krise verschärft, indem es die Inflationsziele der EU nicht erreicht, sondern unterschreitet, erläuterte Flassbeck in einer Rede anläßlich eines in den USA stattfindenden Kongresses zur Eurokrise, die (in englischer Sprache) hier auf YouTube zu finden ist.

Quellen:

:: 15th October

Wer wissen möchte, was am morgigen, durch „Occupy Wall Street“ angestoßenen globalen Aktionstag in seiner Nähe vorgeht und sich beteiligen will, findet Infos dazu u.a. bei Attac:

Allgemein / europaweit: http://www.attac.de/aktuell/eurokrise/aktionstag-1510/

Deutschland: http://www.attac.de/aktuell/eurokrise/aktionstag-1510/dezentrale-aktionen/

Krisenanhörung von Attac in Berlin: http://www.attac.de/aktuell/eurokrise/europaweiter-aktionstag/krisenanhoerung/

Livestream der Krisenanhörung: http://www.attac.de/krisenanhoerung-live

Geplante Veranstaltungsdauer der Krisenanhörung ist 10:00 (Beginn des ersten Hearings) – 16:45 Uhr; der Livestream beginnt laut Attac-Website am 15.10.2011 um 09:00 Uhr.

:: Occupy Wall Street II

So schnell kann es gehen: gestern noch sinniert Herr Sathom über die in der Glotze geringfügig bis gar nicht stattfindende Berichterstattung zur „Occupy Wall Street“-Bewegung, heute schon finden sich im Sat1-Text und im ZDF-Text (zum Zeitpunkt, da dies geschrieben wird, allerdings noch nicht bei der ARD) Berichte über die Proteste.

Anlaß scheint kurioserweise, daß zuletzt eine Demonstration in der New Yorker Upper East Side, also einem „Reichenviertel“, Wohnsitz vieler Milliardäre gar, stattfand. Offenbar läßt der Ort des Geschehens dieses plötzlich einer Meldung wert erscheinen.

Bei Sat1 spendiert man sogar eine sechsseitige Hintergrundinfo zum Thema; Darstellung und Bewertung der Ereignisse ähneln dort allerdings noch dem, was anfänglich auch für die US-Medien kennzeichnend war und sich, soweit Herr Sathom es überblicken kann, auch in eher konservativen Medien hierzulande noch hält: die Demonstranten, die ja aus verschiedensten gesellschaftlichen Schichten stammen und diverse Anliegen vertreten, eine ein „diffuses Unbehagen“, für das sie die Banken verantwortlich machten.

Die Zielrichtung solcher Formulierungen ist klar: der Protest soll als irrational, und infolge dessen auch an die falsche Adresse gerichtet dargestellt werden – die Teilnehmer, so der Subtext, wissen wohl nicht genau, was ihre Lage verursacht, beschweren sich larmoyant über eigene Wehwehchen, geringfügige womöglich („Unbehagen“), weil sie persönlich zu kurz kommen, und machen mangels Durchblick eine Instanz dafür verantwortlich („die Banken“), die gar nichts dafür kann.

Ob eine solche Darstellung beabsichtigt ist, oder ob sich die Verfasser derartiger Texte nur in mangelndem Begriffsverständnis verheddern (etwa weil sie nicht wissen, was „diffus“ bedeutet), sei dahingestellt; fest steht, daß die Anliegen der „Occupy Wall Street“-Bewegung vielfältig, aber im Einzelnen klar formuliert sind (also eben durchaus nicht „diffus“), und in eine ebenso klare Ursachenkritik gegenüber dem politischen und wirtschaftlichen System (und nicht nur an „den Banken“) münden, die durchaus begründet ist und auch von analytischen Denkern (wie etwa dem Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz) getragen wird. Es ist allerdings Usus, Proteste als emotionales Bauchgrimmen abzuwerten und ihnen damit die Berechtigung abzusprechen.

Andererseits bietet der Sat1-Text (Seite 128) auf der letzten Seite seines Hintergrundberichts immerhin einen Überblick über in Deutschland geplante Aktionen sowie diesbezügliche Internetadressen (www.15october.net und www.attac.de) an; Herr Sathom ist gespannt, wie sich Situation und die Berichterstattung weiter entwickeln.