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:: Von hier an: Trump

Keine Sorge, das kommt auch noch vor. Der neue US-Präsident wird heute eingesetzt; zu ihm hangeln wir uns schon hin.

Befassen wir uns aber zunächst mit einer besonders lustigen AfD-Forderung. Nein, nicht dem Mist, den Björn Höcke verzapft hat, und der im Augenblick alle so aufregt, von wegen es bräuchte eine erinnerungspolitische Wende, und das Berliner Holocaust-Mahnmal sei ein „Denkmal der Schande“ – das alles hätte man längst wissen können. Wes Geistes Kind die AfD-Führungsriege ist, lag lange schon offen, und auch das Ausmaß ihrer ideologischen Bräune; wer da jetzt erstaunt tut oder sich erst nach Höckes Anfall von Ehrlichkeit empört, hat die vergangenen Jahre unter einem Stein verbracht.

Es klingt daher zwar gewitzt, wenn Sascha Lobo, jener leicht überschätzte Erklärer der platzeprallen sozialen Harnblasen des Internet, auf Spiegel Online fordert, sich Höckes Rede aber auch ja anzusehen, damit diesmal keiner hinterher sagen könne, er habe nichts gewußt; Herr Lobo liegt gern schon einmal halb daneben, diesmal aber völlig richtig – nur ist er leider zu spät dran. Wissen kann man das, was sich da nun so offensichtlich zeigte, schon lange. Herr Lobo hat allerdings recht, wenn er schreibt, daß fünf Nazis in einer Gruppe von hundert Leuten diese zwar nicht insgesamt zu Nazis machen, daß jedoch das Verhalten der restlichen fünfundneunzig, sobald diese wenigen ihre Fahnen und Parolen sprechen lassen, durchaus bedeutsam sei. Verbannen sie die fünf nicht aus ihrer Gruppe, könne oder müsse dieses Verhalten sehr wohl als „Absichtserklärung der gesamten Gruppe verstanden werden.“ Stimmt. Diejenigen AfD- und Pegida-Anhänger, die darauf beharren, nur „besorgte Bürger“ statt Nazis zu sein, müssen erklären, weshalb sie dann mit welchen gemeinsam marschieren. Warum sie ihre Besorgnisse – ganz gleich, wie berechtigt diese sind – nicht in säuberlicher Scheidung von jenen vortragen. Wer NPD-Kader und andere Rechte in seiner Mitte duldet, hat keine Ausrede. Oder, wie das amerikanische Sprichwort sagt: You lie down with dogs, you get up with fleas; ohne Tiervergleiche in seiner hiesigsprachigen Entsprechung: Gleich und gleich gesellt sich gern. Das könnten sich auch jene Politiker und Journalisten einmal sagen, die dafür plädieren, nicht alle „in eine Topf zu werfen“ – da hineingeworfen haben die sich nämlich längst selbst. Insofern auch das nichts Neues, aber gut und offenbar notwendig, daß Herr Lobo noch einmal daran erinnert.

A propos säuberlich: Es gehört ja zu den beliebten Erzählmotiven der Rechten, daß die Scheidung zwischen Rechts und Links nicht mehr existiere. Von Seiten der Rechten ist diese Behauptung eine rein taktische; sie liefert jedem, der sich AfD, Pegida, „Identitären“ usw. anschließen will, eine nützliche Ausrede, weshalb er deswegen nicht „rechts“ sei. Erstaunlich jedoch ist, wie beflissen teils auch bürgerliche Medien und Politiker diese gedanklich schlampige, unsachliche Entdifferenzierung übernehmen. Vielleicht, weil sie dem Establishment ermöglicht, linke und andere Kapitalismuskritik gleich mit abzuqualifizieren, sie mit dem gemeinsamen Etikett „Populismus“ zu versehen? Hier scheint es ganz genehm, unterschiedliche Dinge in denselben Topf zu werfen und kräftig umzurühren.

Aber wie gesagt – lassen wir das. Widmen wir uns lieber etwas Ulkigem an diesem Tag, da John Carpenters Escape from L.A. – oft als ernst gemeinter, aber schlecht gemacher Apokalypsenfilm mißverstanden, tatsächlich eine Satire – Wirklichkeit zu werden droht. Wenn die Welt schon untergeht, dann wenigstens lustig.

Die AfD möchte nämlich auch gern, und hier beweist sie Sinn für Humor, daß das pfälzische Dorf, dem Donald Trumps Vorfahren entstammen, touristischer Wallfahrtsort werde. Die Einwohner des Örtchens sind, von Ausnahmen abgesehen, eher wenig begeistert. Für Deutschlandradio Kultur ist die Forderung Anlaß zu ein wenig Ahnenforschung. Und siehe da: Trumps Großvater war ein illegaler – nun, nicht Einwanderer, sondern Auswanderer. Er drückte sich nämlich darum, von seinem Landesfürsten und Leibeigner die Erlaubnis zum Verduften einzuholen, weshalb dieser ihn später auch nicht zurückhaben wollte. Auch der Prinzregent Luitpold habe sich auf entsprechende Anschreiben ungnädig gezeigt, heißt es; gewissermaßen eine Ablehnung des Asylgesuchs eines Rückkehrers. Damit nicht genug – den Grundstein zum trumpschen Vermögen legte der Opa offenbar unter anderem durch Bordellbetrieb. Ja da schau her. All das ist vielleicht nicht notwendig zu wissen, und ebenfalls nicht neu – aber zumindest noch einmal eine pikante Fußnote, kurz bevor das Tier 666 der nächste Präsident den Thron besteigt. Wird Senator Palpatine Donald Trump die galaktische Republik zerschlagen Amerika wieder groß machen, und Europa zerlegen? Popcorn, bitte.

Kommt alles, wie von Carpenter prophezeit? Seine andere Satire, Sie leben!, hat das Wüten des Finanzkapitalismus ja inzwischen bestätigt. Wie war das noch in Die Fürsten der Finsternis? „Dies ist eine Warnung aus der Zukunft“? Und kann Trump eine volle Amtszeit durchhalten? Verlassen wir uns hier nicht auf einen Pfuscher wie Nostradamus, hören wir gleich die Experten: Und es wurde ihm ein Mund gegeben, der große Dinge und Lästerungen redete; und es wurde ihm Macht gegeben, zweiundvierzig Monate zu wirken (Offenbarung 13,5). Na, das sieht doch ganz gut aus; im letzten Jahr wird irgendwas sein.

Nun, fröhlich geht die Welt zugrunde; und das ist ja immerhin auch was wert. Das Deutschlandradio weiß dank einer erfolgreichen Totenbeschwörung übrigens auch, was Karl Marx von alledem gehalten hätte: Ein hörenswerter Beitrag.

:: „Lügenpresse“ und kein Ende (oder: Frankensteins Sohn gegen die Satanstöchter aus der Hölle)

Weil Herr Sathom grad dabei ist, hier weitere Überlegungen zum Thema (frühere siehe hier und hier).

Vor einiger Zeit bei Hart aber Fair: Frau Anja Reschke (ARD) und Herr Alexander Gauland (AfD) am Ende der Sendung (Zeitindex 1:12:30). Warum halten so Viele die hiesige Presse für verlogen oder gesteuert? Anlaß diesmal die Behauptung der Rechten und auch vieler Konservativer, es gäbe ein „Schweigekartell“ bezüglich der Kriminalität von Zuwanderern. Herr Gauland fabuliert erneut von der „öffentlich-rechtlichen Schweigespirale“. Frau Reschke weist – beinahe verzweifelt – darauf hin, daß die Öffentlich-Rechtlichen stets ausführlich und wahrheitsgetreu berichtet haben. Er erwidert ihr, daß die Leute aber „das Gefühl“ hätten, nicht zutreffend unterrichtet zu werden. Frau Reschke sagt, sie könne aber nichts dafür, wenn die Menschen sich die Berichte gar nicht ansähen, man hätte nun einmal berichtet. Herr Gauland beharrt auf dem Gefühl der Leute: „Das mag ja sein, aber …“

Das Kuriose an der Szene: daß die Medienvertreterin, obwohl Herr Gauland sein „mag ja sein“ zugestehen muß, nicht durchdringt; als hindere beide, sie und den AfD-Politiker, ein kommunikativer Abgrund. Doch was ließ sich da nicht überbrücken?

Bleiben wir einmal bei diesem „Gefühl“ – dem also, was Alexander Gauland gegen die von Frau Reschke angeführten Fakten setzte. Es ist in dieser Form unzutreffend, meint Herr Sathom; verkennt die Realität unserer Medien. Die Erklärung dafür haben das bürgerliche Establishment wie auch der linke Faschismusgegner schnell bei der Hand – die Gefühle und Wahrnehmungen derer, die den Medien und der Politik nicht mehr glauben, seien „dumpf“, eben nur Gefühle, irrational; kurz, diejenigen, die sie hegen, „dumm“.

Na schön. Was genau meinen diese Leute denn wahrzunehmen? Daß sie belogen und betrogen würden, man auf sie und ihre Meinung pfeife, daß die Gesellschaft sie abgeschrieben habe. Wie kommen die bloß auf sowas? Herrn Sathom fällt dazu ein vor längerer Zeit gesehener Fernsehbericht ein.

Es ging um ostdeutsche Gemeinden (Titel der Sendung und Bundesland erinnert Herr Sathom leider nicht), in denen die NPD Mitglieder warb. Sie tat dies durch Veranstaltung von Kinderfesten, Ringelpiezen mit Grillvergnügen, kurz, Unterhaltungsangeboten für eine Bevölkerung, die arbeitslos auf dem platten Land in ziemlicher Tristesse sich selbst überlassen blieb. Auch „sozial“ engagierten sich die NPDler (natürlich: nur für blonde, blauäugige). Kaum wurden die Evangelische Kirche, die politischen Gemeindevertreter, die Institutionen unserer Gesellschaft also, dessen gewahr, brach hektische Aktivität aus. Solche Angebote müssen auch von uns her, aber fix, ehe alles zu spät ist.

Wohlgemerkt: Nicht vorher. Erst, als Gefahr bestand, die gesellschaftlich Abgehängten könnten Radikalen zum Stimmvieh werden, entstand spontanes Interesse, sich um sie zu kümmern; zuvor ließ man sie jahrelang im Dreck liegen, waren sie der Gesellschaft – deren arrivierten, etablierten Kreisen zumindest – scheißegal. Man hatte sie regelrecht zum Verrecken da zurückgelassen, an den „Rändern der Gesellschaft“; abgeschrieben, überflüssig. Mehr noch – so lange (bis zur Finanzkrise) der Zeitgeist des Hurra-Kapitalismus über die Stoppelfelder wehte, durften sie sicher sein, zusätzlich noch die Butzemänner der Nation zu sein – die Verlierer, Versager, die Lächerlichen und Ausgelachten, die man den Kindern zeigt, wenn sie in der Schule nicht fleißig lernen wollen. Guck mal, du willst doch Leistungsträger werden und nicht so einer wie die.

:: Immer wieder „Lügenpresse“

Herr Sathom hatte den Themenkomplex schon, aber jüngere Ereignisse … usw., usw.

Das NDR-Medienmagazin ZAPP widmete die ganze Sendung vom 17.02.2016 dem Thema „Lügenpresse“; besonders der Frage, ob und inwieweit der Vorwurf ein Umdenken unter deutschen Medienmachern, eine Art von Selbstkritik hervorruft.

Da war einiges Erfreuliche zu hören. So die Erkenntnis, daß Journalisten, Redakteure usw. häufig ihren Beruf als mit einem Erziehungsauftrag verbunden mißverstehen; dito, daß sie oft durchaus einen gemeinsamen Bias teilen, eine uniforme Weltsicht, auch deswegen, weil sie denselben sozialen Schichten entstammen bzw. in ihrer eigenen social bubble unter sich sind. Solche Punkte wurden auch in diesem Blog bereits diskutiert, zumal sie gewisse fuck-ups unserer Medien plausibler erklären als irgendwelche Verschwörungstheorien, denen zufolge jeder Journalist von transsexuellen Bio-Robotoiden vom Planeten X ferngesteuert wird. Was die gemeinsame soziale Herkunft bzw. Schicht angeht, blieb Herrn Sathom allerdings unklar, weshalb unsere Medienmacher vornehmlich „links“ stehen sollen; den Eindruck gewann er gerade in den Jahren bis zur Finanzkrise, in denen der Ellbogenkapitalismus hochgejubelt wurde, eher nicht. Kann es sein, daß da ein Vorurteil der Rechten, die derzeit auf Montagsdemos herumspazieren, zum Fakt uminterpretiert wurde? (Auch das eine Beobachtung der vergangenen Monate – daß die Selbstkritik gelegentlich Züge des Einknickens vor dem Gebrüll annimmt.)

Natürlich kann man in 30 Minuten nicht alle Aspekte eines solchen Themas abhandeln. Entsprechend vermißte Herr Sathom einen, der ihm wichtig erscheint. Das merkwürdige Phänomen nämlich, daß die Menschen inzwischen gegenüber hiesigen Medien weitaus kritikfähiger sind, als früher – diese Kritikfähigkeit dann aber bei der Suche nach alternativen Informationsquellen nicht anwenden. Daß sie eine gewisse Meinungsblockmentalität, ein homogenes Weltbild unserer Medien erkennen; daß sie differenziertere Berichterstattung fordern; dann aber losgehen und Plattformen wie Russia Today ungeprüft alles glauben, ihr gerade erworbenes Bewußtsein dort sofort am Garderobenständer wieder abgeben. Wie merkwürdig: Da hinterfragt man alles, prüft kritisch, glaubt nichts – und wendet sich dann neuen Orakeln einer vermeintlichen Wahrheit zu, erklärt sie unkritisch und naiv für erhaben über jeglichen Verdacht. Es ist, als träte man aus der Kirche aus, weil man nicht mehr an den lieben Gott glaubt – um sich dann sofort einer Sekte anzuschließen, die den großen Wutzschniepel anbetet. Weil, das muß ja dann diesmal stimmen.

Herr Sathom wiederholt sich; doch ihm bleibt der hier schon geäußerte Verdacht, daß zumindest die sehr aggressiven „Lügenpresse“-Rufer durchaus keine differenzierte, objektive Berichterstattung wünschen, sondern mit einer einseitigen und dogmatischen durchaus zufrieden wären – so lange es ihre Blockmeinung wäre, die da als alleinige „Wahrheit“ verkündet wird. Daß die Medien während der Ukraine-Krise einseitig berichteten, wird nicht kritisiert, weil sie es zugunsten der Ukrainer taten; sondern weil man verlangt, die Darstellung hätte ausschließlich den Standpunkt der russischen Seite wiedergeben sollen (der auch nicht wirklich interessiert, sondern nur Anlaß bietet, den Westen pauschal zu diskreditieren). Anders erklärt sich nicht recht, warum man zwar Mängel hiesiger Medien erkennt und angreift, Verlautbarungen von Russia Today hingegen unhinterfragt glaubt.

:: Einige Einwände zu kürzlichen Verlautbarungen der bekannten Frau M.

„PEGIDA“ bestimmt weiterhin einen großen Teil der öffentlichen Debatte; nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo nur um so mehr.

In der vergangenen Woche forderte Bundeskanzlerin Merkel eine „demokratische Rückbesinnung“. Diskriminierung und Ausgrenzung dürften in der Gesellschaft keinen Platz haben; jeder „Generalverdacht“ verbiete sich. Das erinnert an die Neujahrsrede, in der sie den „PEGIDA“-Teilnehmern „Kälte im Herzen“ vorwarf. Gleichzeitig spricht sich die Kanzlerin unter dem Eindruck der Pariser Attentate für eine Rückkehr zur Vorratsdatenspeicherung aus – soviel zum Demokratieverständnis.

Demgegenüber ist noch einmal festzuhalten:

Erstens, flächendeckende Überwachung ist kein geeignetes Mittel, Terroristen an ihren Taten zu hindern, oder sie aufzuspüren. Dies ist auch nicht ihr angestrebter Zweck.

Professionelle Terroristen verfügen längst über Mittel und Methoden, sich solchen Überwachungstechniken zu entziehen; daß ihnen das wieder und wieder gelingt, dafür sind die Taten von Paris nur die letzten einer Vielzahl von Belegen. Zu solchen Mitteln gehören, wie medial oft erwähnt und berichtet, der Tausch von Handychipkarten, unverfängliche Gesprächsthemen als Codes u.v.m.

Offen lesbar wie ein Buch ist per totaler Überwachung nur einer: der ganz gewöhnliche, aber vielleicht politisch, gewerkschaftlich oder gesellschaftskritisch aktive Bürger. Dieser verfügt schlichtweg nicht über das know-how, sich der völligen Erfassung zu entziehen. Und ihm gilt auch die eigentliche Aufmerksamkeit.

So berichtete etwa der Guardian schon vor einiger Zeit von Forschungsprojekten amerikanischer Universitäten, die Methoden entwickeln sollen, potentielle politische Bewegungen (vergleichbar etwa mit der Friedensbewegung der 1980er Jahre oder Occupy, aber auch lokalen Bürgerinitiativen) frühzeitig zu erkennen, die Rolle einzelner Vertreter zu identifizieren, und die öffentliche Meinungsbildung zu Anliegen solcher Bewegungen zu steuern. Daß die Ausbreitung sozialer Bewegungen dabei als „Infektion“ (contagion) bezeichnet wird, verdeutlicht die Einstellung der Überwacher zu legitimen, demokratischen Aktivitäten der Bürger.

Die Sammelwut der Big-Data-Fetischisten gilt den Demokraten, nicht den Feinden der Demokratie.  Und die totale Erfassung dient neben politischen auch wirtschaftlichen Zwecken. Unter dem Eindruck der Taten von Paris einer verstärkten Überwachung das Wort zu reden, spielt gerade Jenen in die Hände, die Freiheit und Selbstbestimmung untergraben wollen.

Daß die Forderung nach stärkerer Überwachung ausgerechnet aus dem politischen Lager kommt, das durch Unterzeichnung von Abkommen wie TTIP eine de facto-Abschaffung der Demokratie zumindest zuläßt, wenn nicht betreibt, muß zu denken geben.

Zweitens: Wie hier bereits früher ausgeführt, dürfte die Erfahrung von Diskriminierung, Ausgrenzung und Generalverdacht neben Migranten auch den sozial Deklassierten unserer Gesellschaft – darunter jenen von ihnen, die bei „PEGIDA“ mitmarschieren – traurigerweise mehr als geläufig sein. Soweit sich unter den Anhängern „gebildete“ (zumindest ihrer eigenen Meinung nach) Bürger, oder Besserverdiener finden, geht ihnen vermutlich ein intuitives Verständnis dafür, daß auch ihnen im Fall des sozialen Abrutschens Gleiches droht, durchaus nicht ab.

Die „Kälte im Herzen“, von der die Kanzlerin spricht, erfahren Menschen in unserer Gesellschaft täglich am eigenen Leib. Dies gehört zur Normalität, zur Diktion der Verachtung, zur erniedrigenden Behandlung, die allgemein üblich geworden sind unter dem Vorzeichen des Radaukapitalismus. Der Generalverdacht gegen die Armen, der höhnische Blick von oben auf die „Verlierer“, der Zynismus, mit dem Gentrifikation betrieben wird und vieles mehr, sie gehen vom Establishment aus. Also von vielen derjenigen, die sich als Prominente über „PEGIDA“ empören.

Umgekehrt: In der abstrusen Furcht der „PEGIDA“-Demonstranten vor einer keineswegs drohenden „Islamisierung“ äußert sich natürlich Fremdenhaß; mit diesem geben sie jedoch nur die Verachtung weiter, die sie selbst längst erleben (oder noch zu erfahren fürchten). Beziehungsweise: sie suchen nach jemandem, dem gegenüber sie sich so schäbig verhalten können, wie der Umgang allgemein längst geworden ist. Mangels sozialen Status greifen sie dabei – unausweichlich – so tief in die Klamottenkiste des Primitiven wie möglich; ihre Auswahl an Opfern ist schlichtweg kleiner. Wer wohlhabend ist, hat eine größere: er kann wahlweise Hartz IV-Empfänger, „bildungsfernes“ Prekariat, jeden beliebigen Hausmeister verachten. Gegen Flüchtlingsheime in Nachbarschaft seiner Villa klagt er vor Gericht. Er hat es nicht nötig – und das ist Ausdruck seines „höheren“ Standes – sein menschenverachtendes Ressentiment so deutlich zu zeigen wie Jene.

Indizien: Das „Licht aus“ der Stadtverwaltungen, der symbolische „Kehraus“ der Gegendemonstranten. Sie verdeutlichen es, sagen: wir wollen euch nicht sehen; ihr seid Dreck. Sie stellen etwas anderes dar als eine (notwendige) Absage an Rassismus und Islamophobie. Sie bringen zum Ausdruck, daß die „Gerechten“ ihrerseits einen Abschaum benötigen, auf den sie spucken können.

So widerlich die Fremdenfeindlichkeit von „PEGIDA“ auch sein mag – in vieler Hinsicht ist die Bewegung letztlich die nur wenig häßlichere kleine Schwester der gutbürgerlichen Mittelschicht, und Enkelkind der höheren Klassen.

Diffamierung, Vorurteile – teilweise gleichlautend mit rassistischen; aus der warmen „Mitte“ der Gesellschaft verstoßen, oder von ihr abgelehnt zu werden; das erleben bei uns Arme und Migranten gleichermaßen. Ressentiment und kalte Verachtung – wer das Vorrecht hat, diese gegenüber Anderen zum Ausdruck zu bringen, darum geht es beim Konflikt zwischen „PEGIDA“ und Gutmenschen wirklich; nicht darum, Einstellungen, mittels derer in unserer Gesellschaft Gräben gezogen, Machtverhältnisse begründet werden, wirklich zu bekämpfen. „PEGIDA“ ist der Versuch, endlich wieder zugelassen zu werden zum Mob, der diese Grenzen ziehen darf. Die Gegenbewegung der, als auserlesener Kreis, dessen Ressentiment gestattet ist, unter sich zu bleiben.

Liest man den Forderungskatalog von „PEGIDA“, stellt man fest, daß viele der offiziellen, schriftlich fixierten Äußerungen moderat scheinen (während andere dezidiert antipluralistisch sind). Einige fordern sogar eine offenere Flüchtlingspolitik, als derzeit praktiziert. Allerdings unterscheidet auch „PEGIDA“ – wie etablierte Politiker ebenfalls, etwa Sigmar Gabriel – zwischen erwünschten und unerwünschten Flüchtlingen. Daß die Stoßrichtung dennoch aggressiver fremdenfeindlich, und von Vorurteilen durchtränkt ist, erweist – neben Ansichten und Verhalten der Demonstranten – auch die irrsinnige Selbstbenennung der „Bewegung“, die von einer „Islamisierung des Abendlandes“ faselt. Doch ist das, was sich da äußert, so verschieden vom Geist der Ablehnung, der das gesellschaftliche Gegeneinander überall prägt? Man muß begreifen, daß „PEGIDA“ der Gesamtgesellschaft einen Spiegel vorhält. Die häßliche Fratze, die diese darin erblickt, ist weitenteils auch ihre eigene.

Noch einmal: hier geht es nicht darum, „PEGIDA“ – oder auch bestimmte Kreise der AfD – nachsichtig zu verstehen, oder ihre Fremdenfeindlichkeit gar zu entschuldigen. Sondern um die Feststellung, daß „PEGIDA“ & Co. genau so unsolidarisch und sozial egoistisch sind wie ihre Gegner im bürgerlichen Lager. Wie die Grünen etwa, längst eine Partei der Besserverdiener und der sozialen Verachtung. Es sind die im Stich gelassenen, die das Establishment da aufstehen sieht. Daß diese Protestierenden keineswegs die Gerechten sind, sondern das Privileg anstreben, wieder auf Seiten der Ungerechten stehen zu dürfen – daß sie Opfer (Migranten, Flüchtlinge, Menschen, die „anders“ sind) suchen, gegen die sie so menschenverachtend reden und handeln dürfen, wie in unserer Gesellschaft gegen alle Schwächeren geredet und gehandelt wird, steht außer Frage. Nur: Das Establishment macht’s vor.

Den Demonstranten das vorzuwerfen, was man ihnen antat; selbst weiterhin tut; was jenseits der Sonntagsreden zum normalen Umgang miteinander in dieser Gesellschaft gehört: ist Heuchelei.

Die „PEGIDA“-Demonstranten ihrerseits rechtfertigt das nicht: denn statt gegen die Mechanismen der Verachtung zu protestieren, versuchen sie nur, aus der Position der Verachteten wieder in die von Verächtern zu gelangen. Jemand anders soll der ständig Beschimpfte, verächtlich gemachte, der Ausgeschlossene sein; nicht sie selbst.

Übrigens: Daß Lutz Bachmann jetzt beim Hitlergrüßen erwischt wurde (Ja sowas! Der Bachmann ein Rechter?! Wer hätte das gedacht!), ändert an dieser Einschätzung von „PEGIDA“ nichts. Gewiß werden sich nicht Wenige zufrieden zurücklehnen – aha, eben lauter tumbe Rassisten, wußten wir’s doch; Fall erledigt.

Daß die Motivlage der Pegidianer äußerst heterogen ist; daß sie sich unter dem falschen Banner vereinigen, der an die Wand gemalte Feind nicht existiert, daran bestand schon vorher kein Zweifel. Auch nicht daran, daß die Frage, warum sich solche Menschen ausgerechnet auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der Fremdenfeindlichkeit einigen, keineswegs dadurch beantwortet ist, daß man die Xenophobie der Parole halt feststellt.

Die Gefahr besteht, daß nun die Selbstgerechten mit der Entlarvung Bachmanns – die, mal im Ernst, niemanden überraschen kann und somit auch keine ist – auch die vielfältigen Anliegen, die „PEGIDA“-Demonstranten auf die Straße führten, als fein säuberlich abgehakt vom Tisch wischen. Eben alles nur Quatsch, und alle Teilnehmer rassistische Spinner. Daß erklärt wird, was immer die einzelnen wollten, auch jene, die dezidiert keine Islamophoben sind, sei diskreditiert und ihre Beschwerde damit gegenstandslos. Daß sie daran selbst Mitschuld tragen, wenn sie sich einem so fehlgeleiteten Motto anschließen, statt ihre jeweils separaten Interessen als eben solche zu artikulieren, unbenommen – daß dieses Abhaken dennoch falsch wäre, aber auch. Es führte nur zu weiter schwelendem Mißmut, der sich irgendwann wieder falsche Gräben bahnt.

 

:: Nachrede zu „Pegida“

In seiner Rede anläßlich der Anti-“PEGIDA“-Demo in Dresden äußerte Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich am Samstag vieles, dem man nur zustimmen kann. Weltoffen, tolerant, mitmenschlich sei Dresden, mit der Kraft zur Integration aller in dieser Gesellschaft ausgestattet; ein Appell an grundlegende Werte, der ehrlich gemeint wirkte.

Herr Sathom hat dennoch, im Licht des kürzlich hier gesagten, einen Einwand. Es wäre begrüßenswert, wenn sich die Gesellschaft angesichts des Zerrspiegels, den ihr „PEGIDA“ vorhält, auf die aufgezählten Tugenden besinnen würde; doch mitmenschlich und integrationsstark zeigt sie sich wohl schon seit Jahren eher nicht – gegenüber Migranten und einheimischen Sozialabsteigern. (Und da Tillich auf die kulturellen Errungenschaften Dresdens anspielte: gerade im Jubeltrubel bunten Kulturlebens werden diejenigen, die es als billige Arbeitskräfte an Garderoben, am Einlaß oder in der Sicherheit erst ermöfglichen, oft genug übersehen und untergepflügt.)

Weite Teile der Gesellschaft überantwortet man seit Langem gleichermaßen dem Verrecken; hat sie, Mitbürger gleich welchen ethnischen und kulturellen Hintergrunds, aufgegeben, überläßt sie achselzuckend ihrem Schicksal. Wenigstens, bis sie negativ auffällig werden.

Doch läßt man Menschen verkommen, darf man sich nicht scheinheilig verwundern, als was für „Tiere“, manchmal verroht, manchmal radikalisiert, vielleicht emotional und intellektuell erodiert, sie dann zuletzt aus ihren Löchern zu kriechen scheinen. (Aber: daß sie kaum mehr als Tiere seien, hat man wohl schon vorher beschlossen; schön, wenn man sich dann dadurch bestätigt sehen darf, daß sie sich auch wie welche benehmen.)

Was soll Herr Sathom etwa davon halten, wenn er irgendwelchen Fernsehberichten entnimmt, daß die NPD in Ostdeutschland mit Kinderfesten und allerlei Ringelpietz auf Menschenfang geht – und es der evangelischen Kirche und anderen „Anständigen“ erst daraufhin einfällt, sich auch mal ein bißchen um die zu kurz gekommenen zu kümmern? Mitmenschlich, integrationsfähig, das hieße, es vorher zu tun – um der Sache selbst willen; ehe die Betroffenen zum Objekt eines Gezerres zwischen Demokratiefeinden und trägen Wohlstandbürgern werden.

Diese Art der Gesellschaft, mit Menschen umzugehen, die nicht in etablierte Schemata passen oder aus ihnen herausfielen, entspringt einem menschenverachtenden Denken; die Rhetorik, die das Handeln gegenüber solchen Ausgegrenzten vorbereitet und begleitet, auch. Hat man sie dann an den Rand der Gesellschaft treiben lassen, nein, sogar aktiv getrieben, wirft man ihnen vor, dort angeschwemmt zu liegen. Es paßt zu diesem Kreislauf der Menschenverachtung, daß ausgerechnet Hartzkanzler Schröder in den letzten Tagen einen „Aufstand der Anständigen“ forderte.

Die „Anständigen“? Es sind oft genug sie – die sich nun als Verteidiger hehren Anstands in die Brust werfen – welche die Unanständigen erst erzeugten; sie fortwarfen wie Müll. Das sollte man bedenken, ehe man sich mokiert, was da im Dreck herumkriecht.

:: Endlich wieder alles klar

Herr Sathom hatte zum Jahreswechsel wieder so eine Diskussion am Silvestertisch und dachte:

Hach, wie gut, daß es Russia Today gibt.

Was war das irritierend die letzten Jahre. Als wir merken mußten: unsere seriösen Qualitätsmedien sind das gar nicht immer, liefern oft zur Information die Weltdeutung im Sinne der bestehenden Herrschafts- oder Gesellschaftsordnung gleich mit; stellen Dinge einseitig dar, vertreten unisono eine Blockmeinung – Herrschaftsmeinung, die den herrschenden Klassen genehme eben; sangen das Loblied des Sozialabbaus, des Kapitalmarktes, der allem innewohnt und es gottgleich zum Besten regelt, weshalb die immer ärmer werdenden selbst schuld sind, und der wohlbestallte Bürger in der Mitte der Gesellschaft siedelt, dieweil die an den „Rändern“ – denn das impliziert die Rede von der „bürgerlichen Mitte“ – als Bürger gar nicht zählen. Weshalb sie auch nicht gefragt werden, und man in Talkshows über Hartz-IV-Empfänger redet, aber nicht mit ihnen.

Doch nun wird alles anders!

Vorbei die Zeit der Verwirrung; zuende auch die Zumutung, ständig kritisch zu hinterfragen, was man da liest oder sieht, und überlegen zu sollen, woher das kommt – etwa daher, daß auch Journalisten voreingenommen sind, oft derselben gesellschaftlichen Schicht entstammen und deren Weltsicht unkritisch teilen? In der Kommunikation mit anderen Mitgliedern ihrer in-group einander ihre Vorurteile bestätigen? Die Nachricht in ihr festliegendes, oft nicht bewußt reflektiertes Weltbild einsortieren, sie gemäß aktueller Denkklischees deuten? Manchmal einfach auch schlampig recherchieren, oder voneinander abschreiben? Wäre alles denkbar. Daß gerade ein gemeinsames Weltbild die Berichterstatter prägt, dafür war ja erst kürzlich die antigewerkschaftliche Angstmacherei angesichts der Lokführer- und Pilotenstreiks mit ihrem munteren Rückfall in 90er-Jahre-Rhethorik ein anschauliches Beispiel. Kurz, da kommt einiges zusammen, und eine einzige Ursache, ein lenkender Schuft, ist nicht immer auszumachen.

Doch mit solch komplexen Wirrnissen müssen wir uns nicht länger plagen. Nicht länger solch vertrieselte, von Fall zu Fall unterschiedlich gehäkelte Ursachenknäuel aufknoten. Endlich, endlich ist die Welt wieder einfach, und aufs Beste erklärt.

Die Medien sind gesteuert! (Aha!) Doch nun enthüllt uns eine über jeden Zweifel erhabene Instanz endlich die Wahrheit! (Hurra!) Der dürfen wir endlich wieder ungeprüft alles glauben! (Uff!)

Und ist ja auch alles hochplausibel:

Wenn wir – „der Westen“ – nun doch nicht die Guten sind, dann müssen es wohl „die Russen“ sein. Zumal die ja überhaupt nicht dieser Tage Transsexuellen das Autofahren verboten haben. Und muß wohl bei ihnen auch der Hort der holden Tatsachen wohnen, dieser aber Russia Today sein, wo nur Edelmenschen arbeiten, und selbstlos, unermüdlich, Töpfe voll eitel Wahrheitshonig über uns ausgießen. Und weil das so ist, hörte man in unseren unseren durchkorrumpierten Westmedien ja auch ü-ber-haupt nichts vom Folterbericht der CIA, und laufen auf 3sat auch gar keine kapitalismuskritischen Dokumentationen – während RT ganz offen zeigt, wie in der heiligen Rus marodierende Banden mit dem Segen der orthodoxen Kirche Homosexuelle foltern und Videos davon online stellen, die Polizei die Täter aber nicht identifizieren kann, obwohl die freudig ihre Rüssel in die Kamera halten und ggf. die einzigen Bewohner des dörflichen Tatorts sind.

Wie schön: ehe man sich mühsam durch den Mediendschungel quält, Meinungen vergleicht, Quellen prüft, gesellschaftlichen Entwicklungen analytisch begegnet, vielleicht mal ein paar politologische oder soziologische Bücher liest (Tipp: Eva Herman schreibt die nicht), kann man doch auch einfach entscheiden, daß unsere Medien eben durch die Bank lügen – weil nämlich Obama und Merkel morgens bei SZ und „Zeit“ anrufen und den Redakteuren in den Block diktieren,welche Meldungen erwünscht sind. Sofern die Illuminaten das nicht gleich selbst erledigen, statt solche Politmuppets vorzuschicken.

Lästige Wahrnehmungen wie die, daß auch Westmedien immer wieder kritisch berichten; daß der britische Guardian mutig, gegen Regierungsdruck, Edward Snowdens Enthüllungen publizierte; daß gerade die als „gesteuertes“ Leitmedium geschmähte SZ eben auch einen kapitalismuskritischen Heribert Prantl hat; daß immerhin offen berichtet wurde vom Schwindel der Biowaffen in Saddam Husseins Bastelkeller; all diesen lästigen Quatsch weiß der Erleuchtete, dem die Welt dank RT wieder eine geordnete ist, beiseite zu wischen. So was passiert unfallshalber, erklärt er, und dauert grad, bis wieder „der Maulkorb“ verhängt wird; oder er nimmt es einfach gar nicht zur Kenntnis. Auch der Widerspruch, daß die – sonst durchaus aufklärerischen und klugen – Insassen der „Anstalt“ in der letzten Sendung vor Jahresende so froh wie unbekümmert suggerierten, RT betreibe wenigstens im Gegensatz zur SZ richtigen Journalismus, und daß sie das im bösen ZDF auch dürfen, stört ihn nicht im Geringsten.

Darum hält er sich auch nicht damit auf, zu bestimmten Debatten auch andere europäische, oder gar US-amerikanische Medien zu konsultieren. Schieflagen der deutschen Berichterstattung und Talkshow-Welterklärung, die einem uniformen mindset der deutschen Medien entspringen, machen auch diese bereits sichtbar (wie etwa in der Debatte zum Beschneidungsurteil). Aber das würde ein zu pluralistisches Bild der Westmedien zeichnen. Lieber sucht man sich ein unfehlbares Orakel.

Denn neeein, das staatsfinanzierte RT ist natürlich kein Propagandainstrument; wäre ja noch schöner. Dann müßten wir uns ja klar machen, daß keine Seite ausschließlich „gut“ oder „böse“ ist; daß in der Ukraine alle beteiligten Machtblöcke ihre Interessen auf Kosten der ukrainischen und russischen Zivilbevölkerung verfolgen; daß auch die Erklärungen für fuck-ups der Westmedien, die Herr Sathom hier ja auch schon geißelte, etwas komplizierter sind als im Kasperltheater, wo der Teufel Hörner hat, damit man weiß, er ist der Böse. Kurz, wir müßten ständig, wie der alte Kant mal formulierte, den Mut haben, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Und wie ist das doch, wenn es dazu schon keines Mutes wie zu Inquisitionszeiten mehr bedarf, furchtbar anstrengend.

Da ist es einfacher, sich um 180 Grad zu drehen. Waren vorher wir die ausschließlich Guten und „die“ eben die Bösen, ist’s jetzt halt andersrum; alle Ukrainer gelten plötzlich als Nazis, und Greueltaten werden natürlich nur an den Separatisten verübt, nie von ihnen. Und das Feinste: statt ständig aufmerksam beobachten und kritisch hinterfragen, Quellen auswerten zu müssen, weiß man sich jetzt wieder qua Identifikation mit einer unfehlbaren Instanz auf Seiten des Guten; im Vollbesitz der einen, lichten, lauteren Wahrheit. Hat endlich wieder den Durchblick! Weiß bescheid – das heißt, darf „wissen“, was einem in den Kram paßt. Gut, daß die Welt wieder sauber aufgeteilt ist in schwarz und weiß; man selbst auf der richtigen Seite. Bloß glauben muß, was aus der einen Quelle stammt, und an die Suppe aus der anderen eben nicht. Weiteres Denken: endlich wieder unnötig.

Wie da selbst Leute, die sich dem aufklärerischen Geist verschrieben haben, diesen in letzter Zeit manchmal diskreditieren, indem sie einseitig in eine populäre Kerbe hauen (ja, Herr Sathom guckt euch an, Anstaltsbetreiber), ist zumindest besorgniserregend.

Auch der heitere Herr Pispers irrt (selten, aber kommt vor), wenn er – etwa im Programm „Bis neulich 2014“ – zumindest suggeriert, „die Medien“ würden bestimmte Nachrichten in irreführender Absicht machen. Gewiß gibt es in den höheren Verlagsetagen auch Drahtzieher, die politischen Agenden folgen; sicher beeinflussen PR-Agenturen und Lobbyisten Themenwahl und Weltdeutung; gewiß gibt es sogar propagandistische Kampagnen (wer hat z.B. in den letzten Jahrzehnten Arbeitslose und „Sozialschmarotzer“ diffamiert, daß die Balken knirschen?). Doch die Mehrzahl der „Medienmacher“, Journalisten, Kommentatoren, Feuilletonisten, deuten die Welt ganz von sich aus gemäß ihrer schichtspezifischen Dressur. Manche von ihnen mögen als Chefredakteure einer politischen Agenda folgen, in Absprache mit Kumpels aus anderen Verlagen handeln; Kommentatoren dem Geltungsdrang frönen, gesellschaftliche Entwicklungen anstoßen und steuern, oder die Politik vor sich hertreiben zu wollen. Und, ja: Manche lügen. Dagegen kann man aufklärerisch anreden; die Lösung kann jedoch nicht darin bestehen, sämtliche Journalisten – vom Chefredakteur bis zum Fußvolk mit Mikrophon – per Verschwörungstheorie zu einem abgestimmt handelnden Netzwerk zu erklären, und vor allem: einfach die Instanz zu wechseln, der man nun unkritisch alles von den Lippen abliest; von der man nun glaubt, sie sei unfehlbar, lauter in ihren Absichten, und jedes ihrer Worte licht und wahr.

Wenigstens den Leuten von der heute-show ist mal was anderes eingefallen: angeregt durch Bilder von Bildern aggressiven, schon ansatzweise gewaltbereiten Verscheuchungsverhaltens der PEGIDA-Demonstranten gegenüber ARD-Journalisten, schickten sie kurz vor Jahresende den billigst als RT-Mitarbeiter verkleideten Carsten van Ryssen zur Demo, dem die Teilnehmer trotz eines so eindeutig vorgetäuschten russischen Akzents, daß Herr Sathom Ohrenpilz bekam, bereitwilligst Auskunft gaben. Natürlich entstammen auch die gezeigten Interviewmitschnitte einer Auswahl (aber im Ernst: wollt Ihr euch sowas drei Stunden lang geben, Folks?); aber wie sich da mancher um Kopf und Kragen redet im Glauben, zum einzigen Wahrheitssender des Planeten zu sprechen, ist dennoch entlarvend.

Jedenfalls: die Dinge sind ein bißchen komplizierter, Leute; einfach bloß bei den „Guten“ und „Bösen“ die Hüte auszutauschen, um mal eine idiotische Metapher aus dem Reich des Meetinggeschwafels aufzugreifen, reicht da nicht.

Und, ach ja – Herr Sathom stimmt allem, was die Macher der „Anstalt“ in letzter Zeit zum Thema Flüchtlinge sagten, aus tiefstem Herzen zu. Er fragte sich bloß neulich: wo doch jetzt wir die Bösen sind und Putin & Co. die Guten, wie viele syrische Flüchtlinge nimmt Rußland da eigentlich auf? Man hört so gar nichts.

Schön, das verschweigen wohl wieder bloß die bösen Westmedien, und RT ist einfach zu bescheiden, um deswegen Wind zu machen.

Diese guten Menschen!

:: Nachtgedanken zu „PEGIDA“

Die Aktionen der „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes“ („PEGIDA“) riefen anfangs hastig wirkende Erklärungsversuche, inzwischen, endlich, berechtigte Empörung und entschlossenen Widerstand hervor.

Die Deutungsmuster der Erklärungen sind altbewährt, reichen von „dumpfen“ Bedrohungsgefühlen und Ressentiments über das lustige Ostdeutschen-Bashing in der heute-show des ZDF, als ob es in den alten Bundesländern keine Ableger gäbe, bis hin zur Annahme, die Teilnehmer aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten seien irgendwie mit irgendwas unzufrieden, und lenkten ihre Wut auf Migranten um. Daran zumindest ist etwas dran. Als Erklärung des Phänomens „PEGIDA“jedoch ist diese Feststellung des Offensichtlichen unzureichend.

Herrn Sathom scheint, daß bei alledem ein wesentlicher Aspekt unbemerkt bleibt. Vielleicht, weil er der Wahrnehmung entzogen ist, einen blinden psychologischen Fleck darstellt; oder nicht wahrgenommen werden soll.

Richtig ist, daß die Teilnehmer der PEGIDA-Demonstrationen sich aus Bürgern unterschiedlichster Motivation und politischer Einstellung rekrutieren; daß sie aber offenbar in fremdenfeindlichen Ängsten den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Dumpf, irrational, weil unbegründet, ist die geäußerte Angst vor einer „Islamisierung“ sicher – nur, daß das nichts erklärt. Jedenfalls nicht, wie die ganz unterschiedlichen Ängste und Unzufriedenheiten dieser Menschen sich gemeinsam an ein Motiv hängen können; auch nicht, wieso sie gegen ein nachweislich nicht existentes Problem angehen sollten, was in Bezug auf ihre eigentlichen Klagen kontraproduktiv und wohl kaum „zielführend“ ist. Daß in der Gesellschaft xenophobe Vorstellungen vorhanden sind, gewissermaßen gebrauchsfertig vorliegen, ist unleugbar; ebenso, daß es einen latenten – oder auch gar nicht so latenten – Rassismus in Deutschland gibt. Daß aber jemand, der beispielsweise sozialen Abstieg befürchtet, oder gerade erleidet, zwingend auf rassistische Erklärungsmodelle verfallen muß (statt, beispielsweise, auf eine rationale Kapitalismuskritik), wird dadurch nicht erklärt – es sei denn, man nimmt pauschal an, daß alle Beteiligten Idioten sind. Eine Annahme, die – möglicherweise – Teil des Problems ist.

Dazu einige Vermutungen.

Sie sollen das, was da unter dem Kürzel „PEGIDA“ veranstaltet wird, weder beschönigen noch mit verständnisvoller Nachsicht behandeln; sondern drücken die Befürchtung aus, daß sich hier etwas äußert, das nicht nur Sache einiger, irgendwie zufällig halt fremdenfeindlicher Trottel ist, sondern Anzeichen eines gesellschaftlichen Zustands (oder Mißstands), der auch in die Reihen jener hineinreicht, die sich besten Gewissens als Gegner PEGIDAs, als tolerante, weltoffene Bürger betrachten.

Herr Sathom möchte seine Verdachtsmomente zunächst einzeln benennen und anschließend ausführlich erläutern. Sie lauten:

Erstens, die Teilnehmer der PEGIDA-Demonstrationen und ihre Gegner gleichen sich in einer Hinsicht. Beide teilen etwas; nämlich eine Haltung, die in unserer Gesellschaft maßgebliches Werkzeug der Errichtung und Aufrechterhaltung von Herrschaft, sowie der Abgrenzung sozialer Schichten darstellt. Es ist die Verachtung des anderen, insbesondere dessen, der zwar als bedrohlich gemalt, eigentlich aber als schwächer, wehrloser – also gefahrlos angreifbar – wahrgenommen wird.

Die PEGIDA-Bewegten rekrutieren sich – wenigstens teilweise – aus solchen Verachteten, den „Verlierern“ am „Rand“ Der Gesellschaft, zum anderen Teil als solchen, die fürchten, durch Abstieg bald der Verachtung anheimzufallen; doch sie zweifeln den Mechanismus der Verachtung nicht an; protestieren nicht dagegen, daß sie als sozial Deklassierte von den „höheren“ Schichten, dem Establishment, den „Eliten“ verachtet und unwürdig behandelt werden, noch dagegen, daß diese Form der Verachtung in unserer Gesellschaft überhaupt prägend für den Umgang geworden ist. Sie fordern schlicht, statt zu den Verachteten zu den Verächtern gehören zu dürfen. Sie müssen zu diesem Zweck eine Gruppe finden, von der sie intuitiv hoffen, diese sei gesellschaftlich noch weniger akzeptiert als sie selbst sind, oder sich wähnen.

Zweitens geht es ihnen folgerichtig nicht um eine Veränderung des Gesellschaftssystems bzw. der Herrschafts- und Verteilungsverhältnisse; noch um eine Änderung der Mechanismen (u.a. Verächtlichmachung), mittels derer diese gefestigt werden. Sie können daher gar nicht gegen die eigentlichen Ursachen ihrer Unzufriedenheit angehen; dazu müßten sie das System infrage stellen, innerhalb dessen sie ja selbst etabliert sein, bzw. wieder werden möchten. Insofern, als sie die Haltung der Verachtung teilen, d.h. zustimmen, daß es verachtenswerte Andere gebe, ist ihnen die Wahrnehmung derjenigen, von denen sie verachtet werden, als ihrem eigentlichen Gegner tatsächlich unmöglich. Psychologisch unmöglich, unabhängig von ihrer Intelligenz oder „Bildung“. Denn: sie wollen ja deren Platz einnehmen, oder sich wenigstens unter sie reihen.

Das Privileg, verachten zu dürfen, das die Eliten ihnen gegenüber ausüben, reklamieren sie für sich selbst.

Drittens: Daß sich Menschen, die aus verschiedensten Gründen erbittert, unzufrieden oder wütend sind, unter dem Banner radikaler Thesen oder im Gefolge sogenannter „Rattenfänger“ sammeln (Sprache der Verachtung: sie erklärt die Eingefangenen zu Ratten), daß sie sich dabei bizarre Verschwörungstheorien oder fremdenfeindliche Parolen zueigen machen, zu Recht diskreditierte Weltdeutungsmodelle; daß sie also in einem höchst dubiosen Umfeld in Erscheinung treten und sich äußern, stabilisiert gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse. Der gemeinsame Nenner des Rassismus, den die Gesellschaft als Auffangbecken bereithält und am Leben erhält (etwa, indem Angela Merkel im Verlauf der Eurokrise die Griechen pauschal als faul verunglimpfte), erfüllt mehrere Zwecke. Die rassistische Thesen übernehmen, sind an der Wahrnehmung der wirklichen Ursachen ihrer Probleme gehindert; sie sind leicht zu verurteilen, ohne nach diesen Ursachen zu fragen (sofern Politiker davon reden, ihre „Sorgen ernst zu nehmen“, können sie auf die rassistischen, unbegründeten Sorgen Bezug nehmen, statt auf die wirklichen); sie sind, unschädlich gemacht, da diskreditiert, in einem Auffangbecken versammelt, das ihren Protest entschärft und verpuffen läßt.

Der Nutzen solcher Proteste ist also der, daß sie Menschen mit unterschiedlichsten Anlässen zur Unzufriedenheit zusammenführen, in Gruppen, die leicht als bösartige Spinner abgehakt werden können; denen zuzuhören also unnötig ist (es sei denn, um eine restriktive Flüchtlingspolitik zu rechtfertigen, die jedoch die eigentlichen Probleme der meisten Protestierer weder löst, noch überhaupt berührt). Während von jenen, die sich nun als Islamgegner echauffieren, zugleich nicht mehr befürchtet werden muß, daß sie sich anderweitig engagieren, womöglich gar wirklich im Sinn ihrer Interessen.

Viertens (falls Sie noch dabei sind): Die PEGIDA-Demonstranten, irgendwelche andere Vor-Ort-Protestler gegen Flüchtlingsunterkünfte, liefern ein öffentliches Schauspiel; eines, das Herrschafts- und Sozialverhältnisse spiegelt, und zugleich rechtfertigt. Das Schauspiel nützt dem Publikum, das die Darbietung ablehnt, mehr als den Darstellern, auch wenn beiden Seiten der Charakter des inszenierten Spiels nicht bewußt ist, sondern dieses sich dynamisch aus ihren Haltungen/Einstellungen entwickelt.

Indem sich sozial Deklassierte durch Äußerung rassistischer Thesen diskreditieren, bestätigen sie selbst ungewollt den Anspruch der „höheren“ Klassen, sie zu unterdrücken, zu maßregeln, ihre Anliegen als ungerechtfertigt abzuhaken: der Mob muß in Schach gehalten werden.

Begründung

Einen von mehreren Ausgangspunkten der Thesen liefert die schon vor einiger Zeit auf zdf_neo gelaufene Dokumentation Der Rassist in uns, die ein Sozialexperiment begleitet. In dessen Verlauf gelingt es den Versuchsleitern, in einer Gruppe von Migranten binnen kürzester Zeit rassistische Vorurteile gegen eine andere Gruppe aufzubauen. Die „Opfer“ des Vorurteils ihrerseits, allesamt Einheimische, beginnen nach ebenso kurzer Zeit, sich den Vorurteilen entsprechend zu verhalten, oder vielmehr: sich so zu verhalten, daß die kurzzeitig rassistisch „gemachte“ Gruppe ihr Vorurteil bestätigt sieht. Wie gelingt das?
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