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:: Einmal M-Kopf mit Z-Soße, bitte

Kürzlich gab es ja einige Aufregung um die WDR-Talkshow “Die letzte Instanz”, in der sich einige Gäste – darunter Thomas „Ich werd alt“ Gottschalk und weiß der Teufel, wer die anderen Schnösel und die eine Frau da waren – u.a. echauffierten, daß sie nicht mehr Z1#3<n3;-Soße sagen dürfen oder M(rassistische Bezeichnung hier einsetzen)-Kopf und was nicht noch. Eine Sendung, in der die Beteiligten nach allgemeinen Einvernehmen rassistische Klischees, vornehmlich antiziganistische, reproduzierten und sich aufregten, daß die Betroffenen selbst nicht mehr als Soßenzutat genannt werden möchten. Weil nämlich schon allein wegen der Ermordung zahlloser Sinti und Roma in der NS-Zeit. Kann man nachvollziehen. Bloß die versammelten Promis nicht (und genügend andere Leute ebenfalls nicht). Die fühlen sich nämlich irgendeines heimeligen Wohlgefühls nostalgischer Erinnerung an kinderselige Tage beraubt, weil in der guten Alten Zeit haben wir schon immer so gesagt.

Die Äußerungen solcher Leuchttürme deutscher Leitkultur zogen natürlich weidliche Kritik im gesamten Internet nach sich – Shitstorm nennen das die, die solche Kritik nicht dulden oder hören wollen. Und wirklich – vor dem Hintergrund jahrhundertelanger Diskriminierung sollte das ja auch nicht so schwer sein. Sagen wir z.B. „Paprikasoße“.

Kommen Sie, versuchen Sie’s mal. Erst Paprika, dann Soße. Pap-ri-ka-so-ße. Paprikasoße.

Geht doch, oder? Ist doch ganz einfach, nicht?

Scheinbar nicht. Herr Sathom will hier gar nicht auf die in der Sendung geäußerten Ansichten kritisch eingehen – das haben Andere genügend getan – sondern angesichts solcher, scheinbar nicht enden wollender Diskussionen eine Frage stellen, die ihn gelegentlich beschäftigt: Warum regen sich viele weiße Privilegierte (Promis, Kolumnisten, usw., usw.) eigentlich über das Ansinnen auf, eine sensiblere Sprache zu benutzen? Oder überhaupt die ihnen „Anderen“ – von anderer Hautfarbe oder sexueller Orientierung z.B. – zu respektieren?

Denn was verlieren sie denn, wenn sie einen blöden Soßennamen nicht mehr benutzen dürfen? Hängt ihr Selbstwertgefühl wirklich an so etwas?

Mal ehrlich: Herrn Sathom – selbst ein alter, weißer Sack – ist es scheißegal, ob er zukünftig „Paprikasoße“ sagen soll. Oder „Ungarische Soße“. Oder seinethalben wie immer so eine Soße auf ungarisch hieße, obwohl sie eine deutsche Erfindung ist. Früher, das gibt er offen zu, war ihm das Z-Wort egal, obwohl er keinerlei Vorurteile gegen die damit bezeichnete Gruppe hegte; es war ihm egal, weil er ein privilegierter Weißer war, den die damit verbundene Diskriminierung ja nicht betraf; und er sich folglich nie fragte, wie sich eigentlich Sinti*ze und Rom*nja fühlen, wenn sie es hören. Er meinte das Wort nie diskriminierend; aber er konnte sich eben zugleich auch nicht vorstellen, daß die so Bezeichneten sich dadurch gekränkt fühlen würden. Insofern war er ganz, wie es die Feminstin Sibel Schick mal für Männer formulierte, strukturell bedingt ein Arschloch.

Aber hier kommt die Pointe. Aus eben diesem Grund muß sich Herr Sathom auch nicht aufregen, wenn ihm abverlangt wird, dieses Wort nicht mehr zu gebrauchen. Ihm kann wurscht sein, ob es zukünftig „Paprikasoße“ heißt. Denn: Ihm wird ja nichts weggenommen.

Und das ist der Punkt. Es kostet keinerlei Anstrengung, ist keine Zumutung, beraubt einen keinerlei objektiven Vorteils; es ist vielmehr sensibel und bedeutet, die Menschen, die es verlangen, zu respektieren. Und falls es ein Privileg wäre, das dadurch eingeschränkt würde, dann wohl doch ein ziemlich schäbiges, also leicht verzichtbares Privileg.

Warum also regen sich Vertreter*innen der Mehrheitsgesellschaft bei solchen Themen immer wieder so auf, als würden ihnen Grundrechte geraubt? Die Aggressivität, die Empörung, das Getue, sie wirken, als hätten die Betreffenden das Gefühl, ihnen würde ein Arm abgeschnitten.

Anderes Beispiel: Transgender-Toiletten. Irgendwann vor längerer Zeit – Herr Sathom erinnert sich nicht genau – brachten Leute, die sich als transsexuell oder geschlechtlich unbestimmt verstehen, die Idee einer dritten Klotür auf. In öffentlichen Toiletten also eine für herkömmliche Cis-Männer, eine für Frauen, eine für alle anderen. Gab das einen Radau.

:: Der Dieter mal wieder (Part III: Nimmt das denn gar kein Ende?!?)

Bisher in diesem Theater: Teil I („Empty Skull Island“) und Teil II („Der Geistesgnom vom Kleinkunstfriedhof oder: Panik am Bahnhofskiosk“)

And now to the fucking Fazit.

Vorsicht, es wird ein bißchen redundant; aber ich wollte einige angerissene Punkt noch einmal schärfer herausarbeiten.

Zunächst: Es mag ein wenig merkwürdig erscheinen, daß ich mich im ersten Teil an einer zwei Jahre alten Sendung von Dieter Nuhr abarbeite; abgesehen davon, daß mich der damalige Auftritt noch lange negativ beschäftigt hat, denke ich aber, daß dieses ältere Programm und der Bogenschlag zur kürzlichen Hasters-Debatte zeigen, daß wir es bei Nuhr mit einer umfassenden, über Jahre unveränderten Agenda und Ideologie zu tun haben, nicht um einzelne Irrtümer, Ausrutscher oder Überspitzungen eines Kabarettisten. Das Gerechtigkeits-Programm von 2018 zeigt Nuhrs Methode und Weltanschauung wie unter einem Brennglas; man könnte auch sagen: Das ist nichts, was ihm, wie jedem Satiriker, mal passieren kann; sondern in allen von Nuhrs Programmen eben – Programm.

Das in den vorangehenden Artikeln skizzierte Problem besteht darin, daß es dabei eben nicht nur um Dieter Nuhr geht; daß er lediglich für ein größeres, umfassenderes Problem steht, das den gesamten gesellschaftlichen Diskurs verzerrt. Das nämlich, daß ein privilegiertes, gutsituiertes Bürgertum von einer stark ausgeprägten sozialen Ungerechtigkeit profitiert bzw. diesen Zustand leugnet; während es zugleich seine glücklichere Stellung für gerechtfertigt, weil vernünftig begründet hält. Denn Dieter Nuhr erklärt den Leuten ja nichts (wie es etwa Volker Pispers, Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig oder Günther Schramm versuchten); er erzählt ihnen bloß, was sie ohnehin schon denken. Und verstärkt dieses Denken, indem er sich als Inbegriff kühler, entspannter Ratio präsentiert: Die Stimme der Vernunft, die euch recht gibt.

Ironisch daran ist, daß die konservativen Bürger*innen sich zugleich für die einzige Personengruppe halten, die beurteilen kann, daß die bestehenden Herrschafts- und Verteilungsverhältnisse „vernünftig begründet“ sind; denn nur sie verfügen, so ihre Selbsteinschätzung, über die zum Urteil befähigende Vernunft. Sie ist, gewissermaßen, ihr Eigentum; als Beleg dafür gilt ihnen ihr sozialer Status. Das ist etwa so, als würde sich ein Schüler im Jahreszeugnis eine Eins in Mathematik geben, ganz gleich, wie viele Dreien und Vieren er bei schriftlichen Tests produziert hat – und dies damit begründen, daß er eben „wisse“, daß er ein Genie in Mathe sei (und zwar, weil er ja eine Eins habe). Kurz, nur man selbst – als Angehöriger einer bestimmten Schicht – verfügt über die nötige Vernunft, zu befinden, was vernünftig sei; und siehe da, zufällig ist es das, was zum eigenen Vorteil gereicht.

Dieter Nuhr ist es gelungen, sich als besonnenen, aufgeklärten Mann zu präsentieren, der ruhig nachdenkt, bevor er spricht, der abwägt, rational argumentiert; kurz, den idealtypischen Vertreter des aufgeklärten, mitteleuropäischen Bürgertums. Daß er das bewerkstelligen konnte, wirkt um so bizarrer, als er seine Berufung auf die Wissenschaft immer wieder Lügen straft, indem er deren Ergebnisse verzerrt darstellt, wenn seine vermeintlich rationalen Ausführungen nicht gleich kompletter Bullshit sind.

Tatsächlich vermochte Nuhr, sich als Mann mit solchen Qualitäten darzustellen, indem er sie einfach nur behauptet; er wird nicht müde, in Interviews oder auf der Bühne von sich als einem Vertreter wissenschaftlichen, rational-aufgeklärten Denkens zu reden. Er vollführt das Kunststück, sich hinzustellen und einfach zu sagen „ich denke rational und wissenschaftlich“, um dann den größten Quatsch zu erzählen – und es funktioniert.

:: Der Dieter mal wieder (Part II: Dieter Nuhr vs. Alice Hasters)

Hallo Leute, willkommen zu Teil 2 unseres lustigen Dieter-Bashings (#LaßsteckenichhabkeinTwitter). Lektüre des vorangehenden Artikels wird dringend empfohlen (da geht’s mehr ums Prinzipielle als um einen Einzelfall, und die Leute sollen ja wissen, warum ich mich so echauffiere; außerdem beziehe ich mich immer wieder auf das dort Gesagte).

Nun aber zum jüngsten Aufreger um den Dieter.

Der hat sich nämlich selbst aufgeregt über ein Buch, das er am Bahnhofskiosk gesehen haben will. Es heißt „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen – aber wissen sollten“ und stammt von einer Frau Alice Hasters. Das Buch sei in den USA ein „Riesenrenner“, weiß Dieter, und: Der Titel sei „reißerisch“ und selbst rassistisch, weil er Weißen „aufgrund ihrer Hautfarbe automatisch Rassismus unterstelle.“

Ähm … ja. Lassen wir mal beiseite, daß Dieter das Buch nicht gelesen hat (und es auch gar nicht behauptet); denn es geht noch blöder. Frau Hasters ist nämlich eine deutsche Journalistin, deren Schmöker in den USA nie erschienen, bisher noch nicht einmal ins Englische übersetzt worden ist. Das ficht den Dieter nicht an, zu behaupten, daß solch linke Scheinintellektualität und Arroganz maßgeblich zum Aufstieg Donald Trumps beigetragen hätten. Weil, Alice Hasters, das klingt ja irgendwie englisch, das kann ja wohl keine Deutsche sein (schwarz ist sie auch noch), das muß ja dann ein amerikanisches Buch sein und deshalb. So ungefähr dürfte sich der intellektuelle Prozeß in Dieters Zwiebel abgespielt haben. Soviel, nochmals, zu seiner Selbstinszenierung als der Aufklärung verpflichteter Vernunftmensch (siehe vorangegangener Artikel). Wirklich ein besonnener Faktenchecker, der Dieter: Schwarze Autorin = bestimmt ein US-Bestseller = irgendwas mit Rassismus gegen Weiße weil kommt mir plausibel vor. So geht rationales Denken.

Auf seinen geistigen Schiffbruch angesprochen, erklärt er, der „formale Fehler“ und dessen „Nebensächlichkeit“ wären im Fact-Checking unbemerkt geblieben.

WIRKLICH, DIETER? Weißt Du als abiturbestätigter Bildungsmensch tatsächlich nicht, daß man über die These einer Autorin nichts wissen kann, wenn man das verdammte Buch eingestandenermaßen NICHT MAL GELESEN HAT? Oder daß nicht jede(r) Deutsche SCHLOHWEISS IST WIE GEISTER-BOB, UND NICHT JEDE FRAU MIT SCHWARZER HAUTFARBE AUTOMATISCH US-BÜRGERIN? Mal ganz abgesehen davon, DASS SCHLUSSFOLGERUNGEN IN FORM WILDER GEDANKENSPRÜNGE, BASIEREND AUF UNGEPRÜFTEN VORANNAHMEN, gerade so IRRATIONAL sind, wie du es anderen ständig vorwirfst? Und WER ZUM TEUFEL IST GEISTER-BOB, WARUM KOMMT UNS HERR SATHOM HIER MIT VERWEISEN AUF IRGENDWELCHE ALTEN FILME MIT PAUL NEWMAN?!?

Und das von Dir, der sich stets als bodenständiger Bildungsbürger gibt; und sich so stolz auf den Geist der Aufklärung beruft, als würde der Kerl neben Dir stehen und jedes deiner Worte abnicken? Also wirklich, Dieter. Manchmal machst du mich so wütend, daß ich direkt in Großbuchstaben schreibe.

Nun ist gerade der Gedankensprung in Nuhrs Aussagen zum Hasters-Buch nicht unwichtig. Um zu erklären, weshalb, muß ich etwas ausholen.

:: Liebe Junge Weiße Männer

Bloß weil ich grad dabei bin, an imaginierte Ansprechpartner*innen zu schreiben und so:

Jungs … Ich habe schlechte Nachrichten für euch. Es ist nämlich so:

Ich habe Euch durchschaut.

Doch, doch. Leider. Was es da zu durchschauen gäbe, fragt Ihr? Oder fragt ja vielleicht auch nicht, aber ich erzähl’s euch trotzdem.

Mir fällt da nämlich seit einiger Zeit eine beunruhigende Tendenz in euren Texten auf. Anfangs hielt ich es noch für Einzelfälle, auch Einbildung vielleicht, doch dazu ist mir kürzlich einmal zu häufig – und eklatant auffällig – untergekommen. Ich habe den betreffenden Artikel hier eingehender analysiert; was auf ihn zutrifft, gilt, aber für Vieles, daß ich derzeit aus der Feder jungweißer, jungmännlicher, hoffnungsvoller Meinungsmacher der Zukunft lese.

Ich stelle die These einfach mal vorweg. Ich behaupte, daß Ihr bestimmte Themen – Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Klimawandel oder Gendergerechtigkeit – nur kapert, um euch durch Verweis auf eure eigene Jugend, die offenbar eure einzige Legitimation darstellt, selbst in Szene zu setzen. Und daß Ihr dabei pauschal eine ganze Generation – wahlweise die männlichen Älteren, wahlweise alle Älteren – zum Gegenstand einer Diffamierungskampagne macht. Kurz, daß euch diese Themen nur als Vorwand dienen, daß ihr sie den eigentlich Betroffenen raubt, um unter Verweis auf euer Alter zweierlei zu behaupten: Daß euch das alles nicht betrifft, weil euch, obwohl weiß und männlich, der Hauptmakel fehlt; und daß die Alten an allem schuld wären, weil sie pauschal allesamt derselben politischen Orientierung, derselben Persönlichkeitsstruktur, einer uniformen Altersbosheit schuldig seien.

Die Masche ist dabei stets die gleiche, mal weniger, mal – wie im oben verlinkten Beispiel – mehr offensichtlich: Man picke sich ein kontroverses Thema heraus, beziehe pro forma Stellung; und baue dann in seinen Text Floskeln wie „alte weiße Männer“ oder „Boomer“ ein, nebst tunlichen verweisen auf die eigene Jugendlichkeit. Das kommt manchmal ganz offen, manchmal auch als Subtext daher (pauschal alle älteren Leute als Bösewichte zu markieren, drückt ja schon implizit aus, daß man selbst aufgrund eigener Jugend keiner ist (btw. Was wäre hier die genderkorrekte Bezeichnung – Bösewicht*innen?)). Am Ende steht da ein Text ohne Erkenntniswert (solche haben die eigentlich Betroffenen, für die Ihr euch einzusetzen vorgebt, schon selbst viel qualifizierter geliefert); ein Text, von dem lediglich übrig bleibt, daß Ihr euch qua eurer Jugend als die neuen Inhaber der Meinungs- und Deutungshoheit legitimiert wißt, während Ältere per se ins Schweigen befördert gehören.

Dazu müßt Ihr natürlich – eben mittels solcher Gruppenbezeichnungen – den Eindruck erwecken, daß alle Angehörigen einer Generation (oder mehrerer, aller vor euch geborener eben) ein gemeinsames Mindset, eine uniforme Persönlichkeitsstruktur und politische Haltung, teilen. Kurz, eine Gruppe kreieren, die sich als Gegenstand eines stereotypen Vorurteils eignet: Die sind alle gleich.

:: Die Faulen bleiben sitzen

. . . sagte heute in der Phoenix-Sendung Menschen in Europa – Jean-Claude Juncker im Gespräch mit Udo van Kampen der Erstgenannte.

Gemeint waren natürlich die Menschen, die in den Flüchtlingsländern zurückbleiben – weil sie nicht die Leistung der Überquerung des Mittelmeers auf sich nehmen, weil sie zu alt, zu arm sind, um zu fliehen, oder vielleicht wie die Kurden den Kampf gegen den IS führen. Wohlgemerkt sind die Flüchtlinge auch mutiger als die Sitzenbleiber, sie trauen sich ja was (mehr als diejenigen, die bleiben und gegen Armut oder Terror vor Ort kämpfen). Es wären eben nicht die Faulen, die kämen, plauderte Herr Juncker – die blieben zuhause sitzen.

Aha.

Eine merkwürdige Auffassung – wobei der Mut und die Zähigkeit, und, ja, auch die Leistung der Flüchtlinge, die Europa erreichen, nicht geschmälert werden soll; auch diese Menschen vollbringen etwas, setzen sich ein Ziel und erreichen es (vorerst – die letzte Schranke, die sie zu überwinden haben, sind wir mit unserem Egoismus). Doch was soll die Gleichung, die jene, die nicht fliehen, zu Faulpelzen, Feiglingen, Menschen zweiter Klasse degradiert; die überhaupt Menschen in Wertvolle und Wertlose einteilt?

Es sei nicht „the scum“, der Abschaum also, der zu uns käme, hat Herr Sathom vor einiger Zeit anderswo im Internet vernommen.

Nun, Abschaum ist etwas, das auf einer Dreckbrühe oben schwimmt; aber das einmal beiseite. Bei den in unserer Gesellschaft oben schwimmenden jedenfalls trifft man immer wieder auf die Auffassung, daß es sich bei den Flüchtlingen um Menschen handelt, die irgendwie besser sind als Andere. Ihre Bildung wird betont, ihre Qualifikation; leistungswillige, besondere Menschen kämen da, heißt es, anders als – wer?

Eine kurdische Peschmerga-Kämpferin, die täglich Leib und Leben riskiert und deren Leuten auch von unserem neuen Kumpel, Herrn Erdogan, zugesetzt wird? Ein afrikanischer Aktivist oder Journalist, der vor Ort gegen Armut und Unrecht kämpft, ein Grieche oder Afrikaner, der bleiben muß, weil er die greisen Eltern nicht verlassen kann? Alles fauler, feiger, nicht leistungsbereiter Abschaum?

Oder die Armen Europas etwa, die hiesigen „Sitzenbleiber“ der Gesellschaft, die wohl faul und feige, also an ihrem Los selbst schuld sein müssen, die „Bildungsfernen“, die sich dadurch als weit weniger wertvoll erweisen, als ein Computerspezialist aus Indien?

Die Logik Junckers und anderer, die so reden, ist kaum weniger menschenverachtend als die der „besorgten“ Rassisten, die sich derzeit wieder rühren, bei PEGIDA und anderswo. Nur teilt sie die Menschen nicht in ethnische Kategorien von Wert und Unwert ein, sondern in ökonomische. Der wirtschaftlich (so hofft man) nützliche Mensch ist der Gute.

In solch kurzen Bemerkungen, wie sie Monsieur Juncker heute von sich gab, geschieht so vieles zugleich. Daß da Arme gegen Arme ausgespielt werden, wäre die Kurzfassung. Doch sie faßt es nicht ganz.

Verschleiert wird, daß unser Bildungssystem die Wohlhabenden bevorzugt, und jene Bildung, für die man die Neuankömmlinge lobt, den ökonomisch Schwächeren strukturell vorenthält – ihnen reibt man die Flüchtlinge unter die Nase, um ihre Lage als eigenes Verschulden darzustellen, über das der hochbezahlte Leistungsträger zurecht die Nase rümpfen darf.

Geleugnet wird da auch, daß der Notstand des deutschen Bildungssystems, den jetzt angeblich die Flüchtlingsfluten erzeugen, längst existiert und systembedingt ist. Ferner, daß wirtschaftliche Not und Krieg in den Herkunftsländern der Flüchtenden von uns Europäern und Deutschen erzeugt werden, ersteres etwa, indem Freihandelsabkommen und vorgebliche Entwicklungshilfe Afrika in Armut halten; und daß die Hochgebildeten, die von dort oder auch aus Griechenland fliehen müssen, hier für Niedriglöhne ausgebeutet werden. Bei uns, heißt es etwa, herrsche „Fachkräftemangel“ – was soviel bedeutet wie: die Wirtschaft will nicht ausbilden, sondern lieber Kompetenz abgreifen, in die anderenorts investiert wurde; was dort privat oder staatlich aufgewendet wurde, soll uns zugute kommen. Menschen, die einer Not entkommen müssen, die wir miterzeugt haben, werden ihren Herkunftsländern entzogen; ihre Ausbildung wurde dort finanziert, genutzt aber wird sie hier, während sie dort eben fehlt. Und, wie praktisch: weil sie trotzdem nicht „gleichwertig“ ist, braucht man deren Inhaber nicht anständig zu bezahlen. Eine neue Form des Kolonialismus findet da letzten Endes statt – man muß nicht mehr irgendwo hinfahren, um Leute als Sklaven einzufangen, man treibt sie zu sich; und sortiert dann in „Transitzonen“ aus, wer bleiben, und wer zum Verrecken wieder umkehren darf.

Noch einmal: Refugees Welcome ist auch Herrn Sathoms Motto. Und seinetwegen auch Wirtschaftsflüchtlinge, he, warum nicht. Gegen die Flüchtlinge richtet sich das eben Gesagte keineswegs, leugnet auch nicht die immense Leistung, die sie wirklich vollbracht, noch das Leid, das sie ertragen haben. Und schon gar nicht die Menschenpflicht, sie aufzunehmen, zu versorgen, ihnen einen Start und ein neues Zuhause zu bieten.

Doch es ist schäbig, wie gerade diese Menschen stattdessen zum Spielball von Interessen gemacht werden, mal hochgelobt, mal verteufelt, je nachdem, welche Klientel gerade erfreut werden soll. Oder wie es jedes Mal heißt, man müsse die Fluchtursachen beseitigen, ohne daß dergleichen dann folgt, da der Verweis auf die Ursachen nur Ausrede dafür ist, abzuweisen; ein Anlaß, die altbekannte „Das Boot ist voll“-Rhetorik abzuspulen.

Und eben auch dafür, hier existierende gesellschaftliche Schranken zu verstärken, am Mythos zu häkeln vom irgendwie immanent wertvolleren Menschen, der offenbar schon mit dem Leistungsgen zur Welt kam, und „the scum“.

Stattdessen denselben Respekt vor jedem Menschen, gleiche Chancen für alle – das hieße beispielsweise, ein faires Bildungssystem für Jeden, Migranten, Einheimische, einheimisch gewordene Migranten. Stattdessen werden neue Linien der Verachtung durch die Gesellschaft gezogen, und alte verstärkt – entscheiden einmal mehr etablierte Machteliten, wen sie zu den Futtertrögen zulassen (vielleicht, wenn er brav ist), und wen nicht.

Nein, sie sind keine Rassisten – in wertlosen Dreck und erwünschtes Personal teilen sie die Menschheit nach anderen Maßstäben ein. Teilen sie uns ein, gleich welcher Herkunft, die tatsächlich keine Rolle spielt – denn wir sind Brüder und Schwestern, ja, Herr Sathom nennt uns ausdrücklich so, homo sapiens, unsere Geschwister aus Syrien, Afrika, von sonstwoher, die wir doch alle ein gleiches Recht auf gutes Leben haben sollten.

Den Flüchtlingen aber ermöglichen, heimisch zu werden, integriert – wie soll das gelingen, wenn unsere Gesellschaft schon per se ein Zuhause nur denen bietet, die ökonomisch saturiert sind, auserwählten Kreisen angehören, alle Anderen aber im eigenen Haus unter der Treppe wegsperrt? Integration allen außer den angeblich allein Nützlichen verweigert?

Was die Flüchtlinge zu uns treibt, sind Unrecht, Unterdrückung, Armut und Not. Unsere Antwort? Die eigenen Dünkel und Mauern, auch innerhalb unserer Gesellschaft, zu verstärken. Klischees von verdienter Armut und höherem Menschenwert des „Gebildeten“ zu repetieren in dysfunktionaler Leugnung der tatsächlichen Mechanismen, die Menschen verarmen und verzweifeln lassen – überall.

Was wir zuallererst vermeiden, wenn wir von der Flüchtlings-“Krise“ sprechen (Krisen gehen vorüber, aber macht Euch da mal nichts vor, Leute), ist der Blick auf deren Kernproblem: Uns.

Das Publikum übrigens goutierte Herrn Junckers Bemerkung mit Applaus.

:: Nachrede zu „Pegida“

In seiner Rede anläßlich der Anti-“PEGIDA“-Demo in Dresden äußerte Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich am Samstag vieles, dem man nur zustimmen kann. Weltoffen, tolerant, mitmenschlich sei Dresden, mit der Kraft zur Integration aller in dieser Gesellschaft ausgestattet; ein Appell an grundlegende Werte, der ehrlich gemeint wirkte.

Herr Sathom hat dennoch, im Licht des kürzlich hier gesagten, einen Einwand. Es wäre begrüßenswert, wenn sich die Gesellschaft angesichts des Zerrspiegels, den ihr „PEGIDA“ vorhält, auf die aufgezählten Tugenden besinnen würde; doch mitmenschlich und integrationsstark zeigt sie sich wohl schon seit Jahren eher nicht – gegenüber Migranten und einheimischen Sozialabsteigern. (Und da Tillich auf die kulturellen Errungenschaften Dresdens anspielte: gerade im Jubeltrubel bunten Kulturlebens werden diejenigen, die es als billige Arbeitskräfte an Garderoben, am Einlaß oder in der Sicherheit erst ermöfglichen, oft genug übersehen und untergepflügt.)

Weite Teile der Gesellschaft überantwortet man seit Langem gleichermaßen dem Verrecken; hat sie, Mitbürger gleich welchen ethnischen und kulturellen Hintergrunds, aufgegeben, überläßt sie achselzuckend ihrem Schicksal. Wenigstens, bis sie negativ auffällig werden.

Doch läßt man Menschen verkommen, darf man sich nicht scheinheilig verwundern, als was für „Tiere“, manchmal verroht, manchmal radikalisiert, vielleicht emotional und intellektuell erodiert, sie dann zuletzt aus ihren Löchern zu kriechen scheinen. (Aber: daß sie kaum mehr als Tiere seien, hat man wohl schon vorher beschlossen; schön, wenn man sich dann dadurch bestätigt sehen darf, daß sie sich auch wie welche benehmen.)

Was soll Herr Sathom etwa davon halten, wenn er irgendwelchen Fernsehberichten entnimmt, daß die NPD in Ostdeutschland mit Kinderfesten und allerlei Ringelpietz auf Menschenfang geht – und es der evangelischen Kirche und anderen „Anständigen“ erst daraufhin einfällt, sich auch mal ein bißchen um die zu kurz gekommenen zu kümmern? Mitmenschlich, integrationsfähig, das hieße, es vorher zu tun – um der Sache selbst willen; ehe die Betroffenen zum Objekt eines Gezerres zwischen Demokratiefeinden und trägen Wohlstandbürgern werden.

Diese Art der Gesellschaft, mit Menschen umzugehen, die nicht in etablierte Schemata passen oder aus ihnen herausfielen, entspringt einem menschenverachtenden Denken; die Rhetorik, die das Handeln gegenüber solchen Ausgegrenzten vorbereitet und begleitet, auch. Hat man sie dann an den Rand der Gesellschaft treiben lassen, nein, sogar aktiv getrieben, wirft man ihnen vor, dort angeschwemmt zu liegen. Es paßt zu diesem Kreislauf der Menschenverachtung, daß ausgerechnet Hartzkanzler Schröder in den letzten Tagen einen „Aufstand der Anständigen“ forderte.

Die „Anständigen“? Es sind oft genug sie – die sich nun als Verteidiger hehren Anstands in die Brust werfen – welche die Unanständigen erst erzeugten; sie fortwarfen wie Müll. Das sollte man bedenken, ehe man sich mokiert, was da im Dreck herumkriecht.

:: Nachtgedanken zu „PEGIDA“

Die Aktionen der „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes“ („PEGIDA“) riefen anfangs hastig wirkende Erklärungsversuche, inzwischen, endlich, berechtigte Empörung und entschlossenen Widerstand hervor.

Die Deutungsmuster der Erklärungen sind altbewährt, reichen von „dumpfen“ Bedrohungsgefühlen und Ressentiments über das lustige Ostdeutschen-Bashing in der heute-show des ZDF, als ob es in den alten Bundesländern keine Ableger gäbe, bis hin zur Annahme, die Teilnehmer aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten seien irgendwie mit irgendwas unzufrieden, und lenkten ihre Wut auf Migranten um. Daran zumindest ist etwas dran. Als Erklärung des Phänomens „PEGIDA“jedoch ist diese Feststellung des Offensichtlichen unzureichend.

Herrn Sathom scheint, daß bei alledem ein wesentlicher Aspekt unbemerkt bleibt. Vielleicht, weil er der Wahrnehmung entzogen ist, einen blinden psychologischen Fleck darstellt; oder nicht wahrgenommen werden soll.

Richtig ist, daß die Teilnehmer der PEGIDA-Demonstrationen sich aus Bürgern unterschiedlichster Motivation und politischer Einstellung rekrutieren; daß sie aber offenbar in fremdenfeindlichen Ängsten den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Dumpf, irrational, weil unbegründet, ist die geäußerte Angst vor einer „Islamisierung“ sicher – nur, daß das nichts erklärt. Jedenfalls nicht, wie die ganz unterschiedlichen Ängste und Unzufriedenheiten dieser Menschen sich gemeinsam an ein Motiv hängen können; auch nicht, wieso sie gegen ein nachweislich nicht existentes Problem angehen sollten, was in Bezug auf ihre eigentlichen Klagen kontraproduktiv und wohl kaum „zielführend“ ist. Daß in der Gesellschaft xenophobe Vorstellungen vorhanden sind, gewissermaßen gebrauchsfertig vorliegen, ist unleugbar; ebenso, daß es einen latenten – oder auch gar nicht so latenten – Rassismus in Deutschland gibt. Daß aber jemand, der beispielsweise sozialen Abstieg befürchtet, oder gerade erleidet, zwingend auf rassistische Erklärungsmodelle verfallen muß (statt, beispielsweise, auf eine rationale Kapitalismuskritik), wird dadurch nicht erklärt – es sei denn, man nimmt pauschal an, daß alle Beteiligten Idioten sind. Eine Annahme, die – möglicherweise – Teil des Problems ist.

Dazu einige Vermutungen.

Sie sollen das, was da unter dem Kürzel „PEGIDA“ veranstaltet wird, weder beschönigen noch mit verständnisvoller Nachsicht behandeln; sondern drücken die Befürchtung aus, daß sich hier etwas äußert, das nicht nur Sache einiger, irgendwie zufällig halt fremdenfeindlicher Trottel ist, sondern Anzeichen eines gesellschaftlichen Zustands (oder Mißstands), der auch in die Reihen jener hineinreicht, die sich besten Gewissens als Gegner PEGIDAs, als tolerante, weltoffene Bürger betrachten.

Herr Sathom möchte seine Verdachtsmomente zunächst einzeln benennen und anschließend ausführlich erläutern. Sie lauten:

Erstens, die Teilnehmer der PEGIDA-Demonstrationen und ihre Gegner gleichen sich in einer Hinsicht. Beide teilen etwas; nämlich eine Haltung, die in unserer Gesellschaft maßgebliches Werkzeug der Errichtung und Aufrechterhaltung von Herrschaft, sowie der Abgrenzung sozialer Schichten darstellt. Es ist die Verachtung des anderen, insbesondere dessen, der zwar als bedrohlich gemalt, eigentlich aber als schwächer, wehrloser – also gefahrlos angreifbar – wahrgenommen wird.

Die PEGIDA-Bewegten rekrutieren sich – wenigstens teilweise – aus solchen Verachteten, den „Verlierern“ am „Rand“ Der Gesellschaft, zum anderen Teil als solchen, die fürchten, durch Abstieg bald der Verachtung anheimzufallen; doch sie zweifeln den Mechanismus der Verachtung nicht an; protestieren nicht dagegen, daß sie als sozial Deklassierte von den „höheren“ Schichten, dem Establishment, den „Eliten“ verachtet und unwürdig behandelt werden, noch dagegen, daß diese Form der Verachtung in unserer Gesellschaft überhaupt prägend für den Umgang geworden ist. Sie fordern schlicht, statt zu den Verachteten zu den Verächtern gehören zu dürfen. Sie müssen zu diesem Zweck eine Gruppe finden, von der sie intuitiv hoffen, diese sei gesellschaftlich noch weniger akzeptiert als sie selbst sind, oder sich wähnen.

Zweitens geht es ihnen folgerichtig nicht um eine Veränderung des Gesellschaftssystems bzw. der Herrschafts- und Verteilungsverhältnisse; noch um eine Änderung der Mechanismen (u.a. Verächtlichmachung), mittels derer diese gefestigt werden. Sie können daher gar nicht gegen die eigentlichen Ursachen ihrer Unzufriedenheit angehen; dazu müßten sie das System infrage stellen, innerhalb dessen sie ja selbst etabliert sein, bzw. wieder werden möchten. Insofern, als sie die Haltung der Verachtung teilen, d.h. zustimmen, daß es verachtenswerte Andere gebe, ist ihnen die Wahrnehmung derjenigen, von denen sie verachtet werden, als ihrem eigentlichen Gegner tatsächlich unmöglich. Psychologisch unmöglich, unabhängig von ihrer Intelligenz oder „Bildung“. Denn: sie wollen ja deren Platz einnehmen, oder sich wenigstens unter sie reihen.

Das Privileg, verachten zu dürfen, das die Eliten ihnen gegenüber ausüben, reklamieren sie für sich selbst.

Drittens: Daß sich Menschen, die aus verschiedensten Gründen erbittert, unzufrieden oder wütend sind, unter dem Banner radikaler Thesen oder im Gefolge sogenannter „Rattenfänger“ sammeln (Sprache der Verachtung: sie erklärt die Eingefangenen zu Ratten), daß sie sich dabei bizarre Verschwörungstheorien oder fremdenfeindliche Parolen zueigen machen, zu Recht diskreditierte Weltdeutungsmodelle; daß sie also in einem höchst dubiosen Umfeld in Erscheinung treten und sich äußern, stabilisiert gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse. Der gemeinsame Nenner des Rassismus, den die Gesellschaft als Auffangbecken bereithält und am Leben erhält (etwa, indem Angela Merkel im Verlauf der Eurokrise die Griechen pauschal als faul verunglimpfte), erfüllt mehrere Zwecke. Die rassistische Thesen übernehmen, sind an der Wahrnehmung der wirklichen Ursachen ihrer Probleme gehindert; sie sind leicht zu verurteilen, ohne nach diesen Ursachen zu fragen (sofern Politiker davon reden, ihre „Sorgen ernst zu nehmen“, können sie auf die rassistischen, unbegründeten Sorgen Bezug nehmen, statt auf die wirklichen); sie sind, unschädlich gemacht, da diskreditiert, in einem Auffangbecken versammelt, das ihren Protest entschärft und verpuffen läßt.

Der Nutzen solcher Proteste ist also der, daß sie Menschen mit unterschiedlichsten Anlässen zur Unzufriedenheit zusammenführen, in Gruppen, die leicht als bösartige Spinner abgehakt werden können; denen zuzuhören also unnötig ist (es sei denn, um eine restriktive Flüchtlingspolitik zu rechtfertigen, die jedoch die eigentlichen Probleme der meisten Protestierer weder löst, noch überhaupt berührt). Während von jenen, die sich nun als Islamgegner echauffieren, zugleich nicht mehr befürchtet werden muß, daß sie sich anderweitig engagieren, womöglich gar wirklich im Sinn ihrer Interessen.

Viertens (falls Sie noch dabei sind): Die PEGIDA-Demonstranten, irgendwelche andere Vor-Ort-Protestler gegen Flüchtlingsunterkünfte, liefern ein öffentliches Schauspiel; eines, das Herrschafts- und Sozialverhältnisse spiegelt, und zugleich rechtfertigt. Das Schauspiel nützt dem Publikum, das die Darbietung ablehnt, mehr als den Darstellern, auch wenn beiden Seiten der Charakter des inszenierten Spiels nicht bewußt ist, sondern dieses sich dynamisch aus ihren Haltungen/Einstellungen entwickelt.

Indem sich sozial Deklassierte durch Äußerung rassistischer Thesen diskreditieren, bestätigen sie selbst ungewollt den Anspruch der „höheren“ Klassen, sie zu unterdrücken, zu maßregeln, ihre Anliegen als ungerechtfertigt abzuhaken: der Mob muß in Schach gehalten werden.

Begründung

Einen von mehreren Ausgangspunkten der Thesen liefert die schon vor einiger Zeit auf zdf_neo gelaufene Dokumentation Der Rassist in uns, die ein Sozialexperiment begleitet. In dessen Verlauf gelingt es den Versuchsleitern, in einer Gruppe von Migranten binnen kürzester Zeit rassistische Vorurteile gegen eine andere Gruppe aufzubauen. Die „Opfer“ des Vorurteils ihrerseits, allesamt Einheimische, beginnen nach ebenso kurzer Zeit, sich den Vorurteilen entsprechend zu verhalten, oder vielmehr: sich so zu verhalten, daß die kurzzeitig rassistisch „gemachte“ Gruppe ihr Vorurteil bestätigt sieht. Wie gelingt das?
[Weiterlesen]

:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

Leute, die Lage ist ernst. Die fundamental-islamistischen, von sinistren US-Finanzmogulen (deren wahre Hintermänner die Invasoren von der Wega sind) finanzierten, sozialistischen Freimaurer-Illluminaten (jetzt neu und verbessert auch als „Krypto-Illuminaten“ erhältlich) sind unter uns – und zwar direkt unter uns, angesiedelt in von den Templern und den Weisen von Zion aufgegebenen Katakomben, direkt nebenan von den Maulswurfsmenschen und den unter der Antarktis hausenden, nach dem Zweiten Weltkrieg dorthin geflohenen Nazis, die nur darauf warten, mit ihren Vril-getriebenen Flugscheiben die Weltherrschaft an sich zu reißen. Irgendwas ist aber auch wirklich immer.

Aber ernsthaft: wenn Herrn Sathom etwas aufregt, dann sind es – neben der schwarz-gelben Koalition, dem Brutalkapitalismus und tausenderlei anderem Zeugs – Verschwörungstheoretiker. Manchmal, das gesteht Herr Sathom zu, sind diese ja immerhin ganz amüsant; zu Unterhaltungszwecken und fröhlicher Erbauung goutiert Herr Sathom ihr Geschwafel sogar gern, so lang sie jedenfalls nur von außerirdischen Invasionsplänen, der wahren Entstehungsgeschichte der ägyptischen Pyramiden oder allerlei Tand über den 21.12.2012 schwafeln, einen Tag, an dem nämlich der Planet Fidibus – was? Wie? Ach so. Herrn Sathoms Gedankenkontrolleur teilt ihm grad mit, das Ding heiße Nibiru – über uns kommt, so daß man sich an selbigem Datum allem Vernehmen nach wohl besser vorsehen sollte, sofern man nicht über die richtigen feinstofflichen Veibräischns oder eine durchgeladene Phasenpistole verfügt.

Der Planet Nibiru meint's ernst
:: Leg Dich nich mit dem Planeten Nibiru an, Alter — (Bild Copyright © 2009 Sathom)

Sauer macht’s Herr Sathom jedoch, erfüllt ihn mit heiligem Zorn gar, wenn das nichtswürdige Pack sich ganz bestimmter Themen bemächtigt, nämlich solcher, die auch dem allgemein bewußt und kritisch denkenden Menschen am Herzen liegen müssen: nämlich etwa der Kapitalismus-, Herrschafts- und Medienkritik oder ökologischer Fragestellungen. Diese okkupiert das realitätsferne, aber veröffentlichungstechnisch sehr rege Völkchen, und vermischt sie mit seinen eigenen Spintisierereien, was wohl nachvollziehbarerweise  der ernsthaften Behandlung jener Fragen kaum nützlich ist – ihr eventuell, wie Herr Sathom aufzuzeigen gedenkt, sogar schadet. Und zwar dieweil viele die mit den Aussagen begründeter Kritik gewürzten Verschwörungstheorien möglicherweise nicht leicht von fundierten Aussagen zu scheiden wissen, und umgekehrt, weil sie den Apologeten kritikwürdiger Zustände ein Argument liefert, auch reflektierte, begründete Kritik einfach qua Hinweis auf die Ähnlichkeit in den Ruch von Konspirationsgefasel zu bringen.