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:: Ratingagenturen sind böse – richtig?

Sind sie?

Den einen gelten Ratingagenturen als diejenigen, die von europäischen Regierungen eine rabiate Sparpolitik fordern, mittels derer die europäische Schuldenkrise einmal mehr auf Kosten jener bewältigt werden soll, die ohnehin wenig haben, indem die Durchschnittsbevölkerung – beispielsweise die griechische – durch radikale soziale Einschnitte belastet wird, indem ganze Ökonomien kaputtgespart werden, während die großverdienenden Profiteure des Desasters ihr Geld in Form von Auslandsimmobilien in Sicherheit bringen. Den anderen als Agenten in einem Vernichtungskrieg gegen den Euro, die trotz Sparbemühungen europäische Länder ohne wirkliche Sachgründe ein ums andere Mal herabstufen. Als Kapitalismuskritiker sollte man dem allgemeinen Bias gegenüber den Ratingagenturen wohl zustimmen, sind deren Mitarbeiter doch die derzeit populärsten Buhmänner – oder?

Der provokant betitelte Artikel „Standard & Poors: Die Stimme der Vernunft“ erhellt – ohne S&P und anderen Ratingagenturen gegenüber so unkritisch zu sein, wie der Titel suggeriert – wie mit falsch dargestellten, angeblichen Aussagen und Forderungen von Ratingagenturen Politik gemacht wird, und wie stereotypes Denken von Medienvertretern dies unterstützt. Ratingagenturen werden hier als Teil eines Systems verstanden, das Krisen wie die gegenwärtige produziert, jedoch nicht als Ursache des Übels.

Was dabei über österreichische Politiker, Interessenvertreter und Medien ausgesagt wird, läßt sich ohne Weiteres auf Deutschland übertragen, trifft sogar hierzulande vielleicht noch eher zu: die Herabstufung von Euro-Ländern, so die von Medien und Politik monoton vertretene Auffassung, beruhe darauf, daß die betroffenen Länder zu wenig sparen; mehr Disziplin müsse ihnen aufgezwungen werden, und dazu seien soziale Einschnitte, wie sie Deutschland zum wirtschaftlichen Musterschüler machen, ihnen notfalls aufzuzwingen. Niedriglöhne, Kürzungen bei Renten, Sozialleistungen – dies, so wird allenthalben verbreitet, sind die Maßnahmen, welche von den Agenturen eingefordert werden, und deren mangelhafte Durchführung zu weiteren Herabstufungen führt; und daß etwa Deutschland aktuell gut dastehe, sei beispielsweise Niedriglöhnen und Aufstockerjobs zu verdanken, die sich andere zum Beispiel nehmen müßten, so wie auch die geringe Neuverschuldung. Kommt es trotz aller Sparanstrengungen zu weiteren Herabstufungen, sind die Schuldigen schnell ausgemacht: je nach Interessenlage werden entweder die immer noch zu sparsäumigen Miteuropäer gerügt oder die Ratingagenturen, denen man bösen Willen und Kriegsführung gegen den Euro unterstellt.

Doch was beispielsweise S&P tatsächlich zu sagen haben, liest sich überraschend anders, als allgemein kolportiert: die Gipfelvereinbarung der EU vom 09.12.11, liest man verblüfft, sei geprägt von einer „einseitigen Interpretation der Ursachen der Staatsschuldenkrise“; diese bestünde in der falschen Annahme, daß die „derzeitigen finanziellen Unsicherheiten primär von mangelnder budgetärer Disziplin in den Peripheriestaaten der Eurozone herrühren.“ Im Gegensatz dazu betrachten S&P die Krise vornehmlich als „Ergebnis der steigenden außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte und auseinanderlaufender Wettbewerbsfähigkeit“ zwischen den Euro-Staaten. Weitere Details sind unter o.a. Quelle zu finden; das überraschende Fazit des Artikels: S&P stehen mit ihrer Analyse der Krisenursachen und ihrer Auffassung zu möglichen Lösungen dem deutschen Gewerkschaftsbund DGB weitaus näher als dem, was rigide deutsche Sparpolitker stattdessen – unter Berufung auch auf S&P – propagieren.

Während Politiker tatsächliche Analysen und Vorschläge von Ratingagenturen falsch darstellen, um eine ideologisch bedingte Sparpolitik zu Lasten der Bevölkerung zu rechtfertigen, und hierzulande vielleicht auch, um hegemoniale, auf Ressentiments gründende Phantasien zu verkünden (wie etwa kürzlich die, daß der griechischen Regierung ein Sparkommissar vor die Nase zu setzen sei), führt auf Seiten von Medienvertretern hingegen offenbar ein stereotypes, klischeehaftes Denken zu völligem Mißverständnis dessen, was etwa von S&P verkündet wird: daß es Herabstufungen gebe, obwohl man sich in Europa mit dem Sparen so anstrenge, verwundert sich da ein Ö1-Journalist. Und auch die Rolle, die Lobbyinteressen vertretende „Experten“ bei der Uminterpretation dessen, was S&P sagen, wird im Artikel beleuchtet.

In Zusammenhang mit der von S&P benannten Krisenursache eines wirtschaftlichen Ungleichgewichts zwischen den Euro-Staaten ist noch ein weiterer Gesichtspunkt von Interesse: nämlich der, daß gerade Deutschlands scheinbar mustergültiges Verhalten zur Krise beiträgt, wenn nicht sogar eine der Ursachen darstellt. Der wirtschaftliche Erfolg bzw. Vorsprung der Bundesrepublik beruht aktuell in starkem Maße auf der seit Jahren betriebenen Förderung des Niedriglohnsektors; daß dies zur wirtschaftlichen Erosion der umliegenden Staaten ursächlich beiträgt, ist zumindest die Auffassung des früheren Staatssekretärs im Bundesministerium für Finanzen und jetzigen Chef-Volkwirts der UNO-Organsisation UNTAD, Heiner Flassbeck. Gründe für diese Auffassung wie auch für die, daß Deutschland die Krise verschärft, indem es die Inflationsziele der EU nicht erreicht, sondern unterschreitet, erläuterte Flassbeck in einer Rede anläßlich eines in den USA stattfindenden Kongresses zur Eurokrise, die (in englischer Sprache) hier auf YouTube zu finden ist.

Quellen:

:: Kurze Anmerkung zur medialen Rhetorik in der „Euro-Krise“

Wer die Berichterstattung der Medien bezüglich der jüngsten Ramschbewertungen für Italien und Irland für rein sachlich hält, der frage sich, wieso da eigentlich dauernd von einer „Ansteckungsgefahr“ gefaselt wird, so als könne sich nach und nach ein Eurostaat beim anderen mit dessen Finanzlage infizieren, und als seien die betroffenen Staaten nicht teilweise durch eigenes Zutun betroffen, und als gerieten sie nicht zum anderen Teil einer nach dem anderen ins nicht immer nachvollziehbar eingestellte Visier der Ratingagenturen, die jeden Staat beinahe wie den nächsten Dominostein schubsen, oft nachdem dies durch unheilvolles öffentliches Gemunkel bereits vorbereitet wurde, womit die Abwertung des nächsten Landes schon zwangsläufig, ihr Eintreten als Erfüllung des Seherspruchs der Augurenenturen erscheint.

Der Begriff der Ansteckung appelliert an irrationale Ängste, droht mit der finanziellen Syphillis; er suggeriert aber vor allem, es mit einem natürlichen, ja naturgesetzlichen Vorgang zu tun zu haben, der zwangsläufig und unausweichlich ist (außer, das Gegenmittel der „Finanzspritze“ wirkt), und nicht mit einem menschengemachten Phänomen, wobei die menschlichen Akteure sowohl die Schuldenmacher als auch die selbsterfüllende Prophezeiungen in die Welt setzenden Ratingagenturen sind, die aufgrund von Mutmaßungen die Kreditwürdigkeit von Ländern erschüttern, welche dann auch prompt noch tiefer in die Bedrouille geraten. Anders formuliert: das Reden von „Ansteckung“ macht glauben, das Problem springe wie ein Bazillus eigenaktiv von einem Land auf das andere über, und sei nicht zumindest anteilig von den Rating-Agenturen dorthin gelenkt; daß ein Euro-Staat um den anderen herabgestuft wird, erscheint nicht als Resultat der (wie gut oder schlecht auch immer begründeten) sukzessiven Herabstufungen durch die Agenturen, sondern als selbststeuernder Prozeß.

Es ist dies kennzeichnend für die Art, wie in der Sprache des Wirtschaftsliberalismus und vieler Medien auch vom „Markt“ die Rede ist: als sei er eine objektive, deterministische Macht, deren „Gesetzen“ man sich nur unterwerfen kann, gleich um den Preis welchen Sozialabbaus oder welcher Unmenschlichkeit („man“ muß eben für Niedriglöhne unter Arbeitsbedingungen, die an Sklaverei grenzen, produzieren lassen, weil „der Markt“ es diktiert, gelle); eine transzendente Macht, die ohne menschliches Zutun agiert und menschliches Wohlverhalten diktiert, und nicht ein dynamisches Geschehen, das von Menschen gemacht wird und rational analysiert werden kann.