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:: Erster Mai: Videos glotzen

Herr Sathom hat sich in diesen Coronawochen der Bingewatcherei ergeben, daß ihm die Augen bluten – kein Video von Lindsay Ellis (hervorragende Film- und Kulturkritikerin), coldmirror (muß ich sie vorstellen?) oder Red Letter Media (lustige Filmrezensionen, viel Horror), die er inzwischen nicht kennt (Hasan Minhaj und maiLab, ihr kommt auch noch dran). Aber jetzt mal zwei Guckempfehlungen zum 1. Mai, immerhin ja ein Arbeiterfeiertag.

In diesem Blog wurde ja bereits der Frage nachgegangen, ob sich Politik vielleicht vornehmlich den Interessen der Wohlhabenden bis Reichen widmet, die Ärmeren hingegen vernachlässigt, oder sogar zu deren Schaden handelt, wenn dies der bessergestellten Klientel nützt; mit diesem Thema befaßt sich auch die ARD-Dokumentation „Ungleichland – Macht“. Sie zeigt auf, wie Reichtum zu Macht wird und ermöglicht, Politik zu beeinflussen (wobei die Politiker teils weniger wie Komplizen, sondern eher wie Geiseln wirken), wie Reiche Vernetzungsvorteile nutzen können, die Ärmeren fehlen, kurz, wie sie hinter den Kulissen die Welt nach ihrem Gusto gestalten können. Auch die Selbstreproduktion einer Geldelite wird thematisiert (bessere Schulbildung an teuren Privatschulen, schwindende Aufstiegschancen für Kinder weniger begüterter Eltern, Zementierung der gesellschaftlichen Trennung in Arm und Reich). Aufschlußreich auch die Darstellung des Monopoly-Experiments, das die Eigenwahrnehmung reicher Erfolgsmenschen psychologisch untersucht. Teilt man Monopoly-Spieler in zwei Gruppen, und gibt einer doppelt so viel Startkapital und zwei Würfel, führen diese „reichen“ Teilnehmer ihre Erfolge nachträglich auf ihr größeres Können, ihre Entschlußfreudigkeit, ihre Intelligenz etc. zurück, jedoch kaum auf ihren Anfangsvorteil. Zugleich verhalten sie sich auch während des Spiels „großspuriger“, verwenden raumgreifende Körpersprache, bedienen sich häufiger bei den Snacks, setzen ihre Figuren geräuschvoll knallend. Man könnte sagen, das Experiment entlarve die Selbststilisierungsmythen der (erfolg)reicheren Gewinner des Finanzkapitalismus pointierter als jede lange Analyse.

Die Dokumentation ist Teil einer Serie (die anderen Folgen heißen „Ungleichland – Reichtum“ und „Ungleichland – Chancen“) und Bestandteil eines umfangreicheren Projekts namens „Docupy“ (dort auch noch einmal das Monopoly-Experiment als Filmschnipsel, allerdings ohne deutsche Synchronisation); „Ungleichland – Macht“ scheint allerdings der konzentrierteste Teil der Serie, der auch auf das Chancenthema genügend Schlaglicht wirft.

Die zweite Empfehlung gilt der arte-Dokumentation „Nicht länger Nichts“ zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Mit vier jeweils einstündigen Folgen ein ordentlicher Brocken, den man kaum an einem Stück verdauen kann, ist sie dafür ungeheuer interessant. Herr Sathom würde sie unbedingt empfehlen; obwohl er eigentlich meint, über das Thema einigermaßen bescheid zu wissen, hat sie ihm einige Kenntnislücken geschlossen. Daß heutige Vorstellungen über das Elend der arbeitenden Bevölkerung während der ersten und zweiten industriellen Revolution beinahe romantisierend harmlos sind, ist eine Erkenntnis, die man aus der Reihe mitnehmen kann (was positive Relativierungen, etwa die, daß das Ganze ja zum Entstehen von Gewerkschaften etc. geführt habe, leicht zynisch erscheinen läßt); der eine oder andere Aha-Effekt kommt noch hinzu. Mister S. grübelt jz.B.a schon lange, wie eine „Arbeiterpartei“ wie die SPD nicht erst mit Schaffung der Agenda 2010, sondern schon während der Weimarer Zeit oft gegen die Interessen der Arbeitenden handeln, und das stets als „Pragmatismus“ bzw. „Realismus“ rechtfertigen konnte; dazu hat er einige Ideen, über die er zu gegebener Zeit mal was bloggen könnte. Er hat ja’n Blog, ne, manchmal fällt ihm das wieder ein. „Nicht länger Nichts“ liefert eine weitere, zumindest partielle Erklärung: Eine Art „Gründungsirrtum“ der Partei, die aus dem marxistischen Geschichtsbild folgerte, daß das Ende des Kapitalismus quasi „von selbst“ kommen würde – ohne, daß man etwas dazu tun müßte; und sich deshalb von Anbeginn wenigstens teilweise eher damit befaßte, die Arbeiter vorbereitend zu Kleinbürgern zu erziehen – gewissermaßen einer künftigen Bourgeoisie im Wartestand –, statt sich konsequent um deren Anliegen zu kümmern. Immerhin eine interessante These, die Einiges am Liebäugeln der Partei mit der Bürgerlichkeit erklären würde.

Die vier Teil der Serie – „Fabrik“, „Barrikade“, „Fließband“, und „Auflösung“ – sind wie die „Ungleichland“-Reihe auf YouTube verfügbar.

Ja nee guckt das mal, wenn’s Euch interessiert. Oder macht was anderes, ich kann’s ja auch nicht ändern.

:: No anarchy in the UK

Die Gewalt in Großbritannien hat ihre Gegenreaktionen provoziert. Während Premier Cameron und andere die plündernden Banden als bloße Kriminelle sehen und auf hartes Durchgreifen setzen, kommt es zu einer Art „Aufstand der Anständigen“; Bürger engagieren sich im Netz gegen die Gewalt, helfen bei Aufräumarbeiten und filmen sich dabei für YouTube, rufen zu Spenden für die Opfer auf (siehe hier).

All das ist lobenswert und richtig; und um ein mögliches Mißverständnis zu vermeiden: die abscheuliche Gewalt, die neben Zerstörungen (oft an der „falschen Adresse“, bei kleinen Ladenbesitzern, an Wohngebäuden) den Tod mehrerer Menschen zur Folge hatte, ist auf jeden Fall zu verurteilen.

Dennoch: beim Verfasser dieser Zeilen bleibt angesichts des demonstrativen Schulterschlusses der „Guten“ gegen die „Bösen“ ein unangenehmer Beigeschmack zurück.

Es ist, als würden diejenigen, die sich jetzt zu Wort melden, eben jene gesellschaftlichen Werte der Friedfertigkeit, Humanität und gesellschaftlichen Solidarität, die den Angehörigen der sozialen Randgruppen, die da wüteten, jahre- und jahrzehntelang vorenthalten wurden, nun allein für sich reklamieren – indem man sie nun denen entgegenbringt, die man als Mitbürger ansieht, dieweil man vorher zuließ, daß die anderen zu Unbürgern wurden. So, als sei man selbst dieser Werte im Übermaß teilhaftig, obwohl man andere – auf gesamtgesellschaftlicher Breite – nicht entsprechend behandelte. Sie stattdessen, politischerseits, von der Zugehörigkeit der Gesellschaft ausschloß, zuließ, wie immer mehr in dieses Abseits gerieten und irgendwann bereits hineingeboren wurden, und von Seiten der jetzt Empörten und Verstörten gleichgültig danebenstand, während dies passierte – Hauptsache, die eigenen Schäfchen waren im Trockenen.

Jetzt ist die Gelegenheit zum endgültigen Todesstoß da: Menschen, die lange genug inhuman behandelt werden, können sich zu Bestien entwickeln – und wenn dies geschieht, proklamiert die Gesellschaft ihren eigenen Humanismus, und erklärt die Außenseiter endgültig zu dessen Feinden, beraubt sie also noch jedes letzten Anspruchs, als Menschen angesehen zu werden, hat nun den Freibrief, sie so verächtlich zu sehen und zu behandeln, wie sie es ohnehin schon tat. Man sieht sich selbst als Statthalter der Menschwürde – die man den Anderen zuvor schon raubte, ihnen nun aber endlich, vermeintlich zu Recht, absprechen darf.

Die scheinbar zivilcouragierte Solidarität, die nun ausbricht, sagt eben auch Folgendes: wir sind die Humanen, aber – die humanitären Werte gelten nur für unsere gesellschaftliche Gruppe; jetzt zeigen wir uns untereinander so human und solidarisch, wie wir es zuvor euch gegenüber nicht taten, und auch niemals tun würden, und wenn ihr kollektiv verhungert. Allein als inhuman gebrandmarkt werdet aber ihr. Die zynische Heuchelei besteht darin, deutlich zu zeigen, wie solidarisch und zivilgesellschaftlich orientiert man doch ist, human aber nur der eigenen in-group gegenüber zu handeln – daß man den Anderen gegenüber allzulang inhuman handelte, kann man hervorragend vertuschen, indem man sich geriert, als ob nur diese Anderen die humanitären und zivilisatorischen Werte mit Füßen träten, man selbst aber nicht. Wobei es durchaus hilfreich ist, daß man selbst so schlau war, den eigenen Egoismus, das eigene gleichgültige Verreckenlassen anderer Mitglieder der Gesellschaft, nicht mittels physischer Gewalt zu betreiben.

:: Anarchy in the UK?

Die gewalttätigen Ausschreitungen, die sich ausgehend vom Londoner Bezirk Tottenham wie ein Lauffeuer auf andere britischen Städte ausgeweitet haben, bescheren uns aktuell Bilder verheerender Zerstörung; die Konsequenzen für kleine und mittelständische Unternehmer, deren Geschäfte Plünderungen zum Opfer fielen, sind für deren Existenz potentiell katastrophal.

Wer angesichts solcher Aggressivität nach Ursachen fragt, gerät gerade hierzulande schnell in Verdacht, die Gewalt „rechtfertigen“ zu wollen; dennoch soll hier der Blick auf derlei Ursachen gerichtet werden, ohne dabei zu verhehlen, daß die Gewalt, die sich derzeit äußert, nicht nur abzulehnen, sondern auch sinnlos ist.

Sinnlos allerdings nicht in der Hinsicht, die wohl der Moderator der am Dienstagabend ausgestrahlten „ZDF spezial“-Sendung meinte, als er das gern benutzte, suggestive Adjektiv einmal mehr dazu nutzte, dem vorm Bildschirm hockenden braven Bürger angesichts eines aus irrationalen, unverständlichen Gründen hausenden Mobs einen wohligen Schauer über den Rücken zu senden – sondern deswegen, weil eine Analyse der Hintergründe zeigt, daß die Gewalt tatsächlich kaum Sinn hat, jedenfalls nicht dazu taugt, an den sie auslösenden Faktoren etwas zu ändern. Daß sie auch per se moralisch falsch ist, bleibt davon unberührt; daß sie Ursachen hat, die in einer anderen, lange währenden Form von sozialer Gewalttätigkeit gegenbüber den momentanen Tätern liegen, ändert sich auch durch moralische Erwägungen nicht.

Das „ZDF spezial“ lenkte den Blick zunächst auf die Opfer von Plünderungen, etwa auf einen Friseur, der angesichts seines verwüsteten Ladens erklärt, die Täter seien „lower than animals“; Herrn Sathoms Mitgefühl kühlt sich bei solchen Äußerungen bei allem Verständnis merklich ab. Vermutlich, sagt er sich, ist denen, die da wüten, schon lange signalisiert worden, daß sie eben das sind: weniger als Tiere; daß sie, wie es in einem ansonsten von allerlei Geschwafel (etwa dem, daß zumindest die Anführer Psychopathen wären) wimmelnden BBC-Bericht ein Soziologe ausdrückt, „have no „stake in conformity““, und daß sie nichts zu verlieren hätten – „no career to think about“. Denn: „“They are not ‚us‘. They live out there on the margins, enraged, disappointed, capable of doing some awful things.““

Immerhin, um Objektivität bemühte sich die ZDF-Sendung trotz des Unterfangens, das komplexe Thema in 15 Minuten durchzuhecheln: auch hier kam man darauf, unter Hinzuziehung eines Londoner Korrespondenten, daß sich diejenigen, die an den Ausschreitungen (Krawallen, Plünderungen – nur einen Begriff vermeidet man: „soziale Unruhen“) teilnehmen, nicht als Teil der Gesellschaft begreifen. Sie gehören nicht dazu – ausgegrenzt, chancenlos, von keinerlei Interesse für Politiker oder andere Mitglieder der Gesellschaft sind sie, mit oder ohne Migrationshintergrund, Einwandererkinder wie Weiße, Fremde in einem fremden Land. Sie sind, im wahrsten Sinne des Wortes, von jeglicher Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen – und haben dementsprechend wenig zu verlieren. Verwundert es, daß sie den Werten jener Gesellschaft nicht mehr Respekt entgegenbringen, als diese ihnen schon ein Leben lang?

Einige wenige Fakten gab es: etwa, daß Gelder für die Jugendarbeit in Tottenham um 70% gekürzt wurden; und gleichzeitig, denkt Herr Sathom bei sich, investiert London derzeit Unsummen in die Olympischen Sommerspiele 2012, was mit einem großflächigen social cleansing – einer nicht ethnischen, sondern sozialen Säuberung – einhergeht: „heruntergekommene und bisher vernachlässigte Stadtviertel in der Umgebung von olympischen Sportstätten“ würden „saniert und aufgewertet“, sabbelt das „Europamagazin“ der ARD (siehe hier) – und unterschlägt, daß dies mit rapide steigenden Mieten und der Vertreibung der vorherigen Bewohner einhergeht; diese bisher Vernachlässigten werden von der Aufwertung nichts haben, sondern rausgeschmissen, finanzkräftigeren Einwohnern gehört die neue Luxusumgebung. All dies für einen Event, der Geld in die Taschen der Veranstalter spülen und den Athleten, die sich um derlei ebensowenig scheren dürften, wie um Menschrechtsverletzungen in China, Goldmedaillen und Ruhm bescheren wird, den Ausgegrenzten aber einmal mehr etwas vor Augen stellen dürfte, an dem sie nicht teilhaben können, was wiederum aber eh kein Schwein interessiert. Sie verlieren ihr Zuhause, werden faktisch vertrieben, und geblendet vom olympischen Feuerwerk sieht niemand hin, würde es aber auch ohne solche Lightshow nicht sehen wollen – genau dies ist das Erleben ganzer Generationen.

:: What’s in a rich man’s head

Manchmal muß Herr Sathom sich einfach aufregen. So wie Donnerstag nacht, da er, vom anstrengenden Tagwerk ermüdet, auf Entspannung sinnend durch die Fernsehkanäle zappte und im ZDF-Infokanal (wie immer in derlei Fällen also im Spartenkanal versteckt und dem Mainstream-Publikum somit eher unzugänglich) einer Dokumentation ansichtig wurde, darin man der Frage nachzugehen gedachte, was „gerecht“ sei, und das Dasein der Reichen mit der Fron der Billiglöhner verglich (inklusive Selbstversuch des ZDF-Reporters als Niedriglohnarbeiter). Anläßlich eines Ringelpietzes auf Sylt frug der wackere Reporter den daselbst sich die Ehre gebenden Herrn Wolfgang Joop, wie er die Sache – also das Verhältnis der Entlohnungen – einschätze, und Herr Joop gab gut gelaunt eine Antwort, die sicher prototypisch ist für der Wohlbestallten Gesinnung: daß nämlich erstens extreme Leistung auch extrem belohnt werden müsse, und dann, und dies fand Herr Sathom bemerkenswert, einen Ausspruch des Kollegen Lagerfeld zitierend: daß der Charme des Lebens darin bestünde, daß es eben nicht gerecht sei, und daß ein „System“, darin es gerecht zuginge, doch etwas Merkwürdiges oder Seltsames (der genauen Wortwahl entsinnt sich Herr Sathom nicht, sinngemäß jedenfalls: etwas Absonderliches) sein müsse. Die erste Aussage verdient eine ausführliche kritische Würdigung; doch nehmen wir uns zunächst einmal die zweite vor (wohlgemerkt: Herr Sathom behauptet nicht, sie stamme ursprünglich in dieser Form von Herrn Lagerfeld, sondern nur, daß Herr Joop zumindest glaubte, dem sei so).

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