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:: Sprachliches Framing und politische Agenda

Ein Nachtrag zu #alledichtvomsaufen:

In diesem Beitrag hatte ich die These aufgestellt, daß spätestens seit den 2000ern eine massive gesellschaftliche Spaltung stattgefunden hat, die nicht nur Gräben zwischen verschiedenen sozialen Schichten aufgerissen, sondern die Gesellschaft beinahe atomisiert hat – von ihr nur ein Nebeneinander von Individuen übrig ließ, die einander feindselig und egoistisch gegenüberstehen. Beim Versuch, diese Entwicklung zu beschreiben, zählte ich einige ihrer Stationen auf – die Diffamierung sozial schlechter gestellter Menschen als faul, die medialen Kampagnen zur Schwächung der Gewerkschaften etc.; vieles weitere ließe sich durchaus noch hinzufügen. Dabei erwähnte ich u.a., daß in der öffentlichen Sprache, der medialen Berichterstattung usw. das Adjektiv „sozial“ plötzlich spurlos verschwand, oder durch andere Begriffe ersetzt wurde.

Man kann natürlich fragen, weshalb ein solches Detail, eine so geringfügige Änderung im Sprachgebrauch, so wichtig sein soll. Das ist es jedoch; denn plötzliche Änderungen von Begriffen oder Floskeln können ein bestimmtes „Mindset“ vorbereiten, Akzeptanz in der Bevölkerung für eine politische Agenda, politische Pläne – oder sie können einem solchen Mindset bzw. Zeitgeist entspringen und verstärkend darauf einwirken. Wie das?

Kurz gesagt, welche Begriffe und Floskeln wir verwenden, beeinflußt unsere Vorstellung von der Realität. Besonders dann, wenn wir sie regelmäßig hören (was ihnen eine gewisse Selbstverständlichkeit verleiht; sie sind nicht mehr erklärungsbedürftig, sondern einfach „da“). Man könnte sagen, es verändert das „Framing“ unserer Wahrnehmung. So kann man unsere Bereitschaft erhöhen, bestimmten Maßnahmen oder Gesetzen zuzustimmen, sie abzulehnen, oder gesellschaftliche Entwicklungen positiv oder negativ zu bewerten. Die Methoden, das zu erreichen, können unterschiedlich komplex ausfallen; gelegentlich reicht es aber, einzelne Worte zu streichen oder einzuführen.

Wie so etwas funktioniert, erklärt recht gut der YouTuber Beau of the Fifth Column in diesem Video. Dort geht es um die Bereitschaft der US-Bürger, immens hohe Militärausgaben zu akzeptieren. Die Methode: Politische bzw. wirtschaftliche Gegner, Rußland und China, die bisher militärtechnisch als „near peers“ (nahezu Gleichrangige) bezeichnet wurden, heißen plötzlich offiziell „peers“ (also Gleichrangige) – durch eine winzige Veränderung im Sprachgebrauch erscheint deren militärisches Potential plötzlich immens gewachsen, obwohl es das tatsächlich nicht ist. Man könnte natürlich auch propagandistisch mächtig auf die Pauke hauen und behaupten, die Russen würden in dieser und jener Weise aufrüsten; damit würde man aber Tatsachenbehauptungen in die Welt setzen, die überprüft und ggf. bestritten werden könnten. Eine geringfügige Änderung der Bezeichnung dagegen werden die meisten Menschen (auch Journalistïnnen) kaum bemerken; gerade weil sie sich im Wust des täglich Gesagten der Aufmerksamkeit entzieht, gewissermaßen „durchrutscht“, ist sie so wirkungsvoll. Hat man oft genug gehört, daß der außenpolitische Gegner militärisch ein „peer“ ist, also ein gleichwertiger Gegner, dem man wieder davonsprinten muß, akzeptiert man es irgendwann als Selbstverständlichkeit; während man, würde es offensiv behauptet, sich vielleicht fragen würde, wie er das auf einmal geschafft hat, ich meine, gestern hatte der noch gerade mal drei Panzer, nanu.

Ein anderes Beispiel, in letzter Zeit oft medial behandelt: Es macht einen Unterschied, ob man von „Klimawandel“, „Klimakatastrophe“ oder „Erderhitzung“ spricht; jeder dieser Begriffe weckt andere Assoziationen, gepaart mit unterschiedlich starken Gefühlen der Dringlichkeit, etwas gegen diese Entwicklung zu unternehmen. Während „Klimawandel“ beinahe harmlos klingt, wie etwas, das einen kaum kümmern muß (und gegen das sich wenig tun läßt, weil Dinge sich eben ändern), legt „Erderhitzung“ schleuniges Handeln nahe, ehe uns hier nachher noch der Arsch brennt. Je nachdem, wer welche politische Agenda verfolgt, kann die Öffentlichkeit so auf eine Politik von Passivität bis zu starker Aktivität eingestimmt werden. Also: Allein die Wortwahl kann das „Bewußtsein“ der Angesprochenen stärker beeinflussen als jede ausführliche Erklärung.

Was bedeutet das jetzt im Zusammenhang mit dem Verschwinden des „Sozialen“ aus dem damaligen Sprachgebrauch? Bleiben wir bei den zwei Punkten, die ich im o.g. Artikel erwähnt hatte.

:: Einmal M-Kopf mit Z-Soße, bitte

Kürzlich gab es ja einige Aufregung um die WDR-Talkshow “Die letzte Instanz”, in der sich einige Gäste – darunter Thomas „Ich werd alt“ Gottschalk und weiß der Teufel, wer die anderen Schnösel und die eine Frau da waren – u.a. echauffierten, daß sie nicht mehr Z1#3<n3;-Soße sagen dürfen oder M(rassistische Bezeichnung hier einsetzen)-Kopf und was nicht noch. Eine Sendung, in der die Beteiligten nach allgemeinen Einvernehmen rassistische Klischees, vornehmlich antiziganistische, reproduzierten und sich aufregten, daß die Betroffenen selbst nicht mehr als Soßenzutat genannt werden möchten. Weil nämlich schon allein wegen der Ermordung zahlloser Sinti und Roma in der NS-Zeit. Kann man nachvollziehen. Bloß die versammelten Promis nicht (und genügend andere Leute ebenfalls nicht). Die fühlen sich nämlich irgendeines heimeligen Wohlgefühls nostalgischer Erinnerung an kinderselige Tage beraubt, weil in der guten Alten Zeit haben wir schon immer so gesagt.

Die Äußerungen solcher Leuchttürme deutscher Leitkultur zogen natürlich weidliche Kritik im gesamten Internet nach sich – Shitstorm nennen das die, die solche Kritik nicht dulden oder hören wollen. Und wirklich – vor dem Hintergrund jahrhundertelanger Diskriminierung sollte das ja auch nicht so schwer sein. Sagen wir z.B. „Paprikasoße“.

Kommen Sie, versuchen Sie’s mal. Erst Paprika, dann Soße. Pap-ri-ka-so-ße. Paprikasoße.

Geht doch, oder? Ist doch ganz einfach, nicht?

Scheinbar nicht. Herr Sathom will hier gar nicht auf die in der Sendung geäußerten Ansichten kritisch eingehen – das haben Andere genügend getan – sondern angesichts solcher, scheinbar nicht enden wollender Diskussionen eine Frage stellen, die ihn gelegentlich beschäftigt: Warum regen sich viele weiße Privilegierte (Promis, Kolumnisten, usw., usw.) eigentlich über das Ansinnen auf, eine sensiblere Sprache zu benutzen? Oder überhaupt die ihnen „Anderen“ – von anderer Hautfarbe oder sexueller Orientierung z.B. – zu respektieren?

Denn was verlieren sie denn, wenn sie einen blöden Soßennamen nicht mehr benutzen dürfen? Hängt ihr Selbstwertgefühl wirklich an so etwas?

Mal ehrlich: Herrn Sathom – selbst ein alter, weißer Sack – ist es scheißegal, ob er zukünftig „Paprikasoße“ sagen soll. Oder „Ungarische Soße“. Oder seinethalben wie immer so eine Soße auf ungarisch hieße, obwohl sie eine deutsche Erfindung ist. Früher, das gibt er offen zu, war ihm das Z-Wort egal, obwohl er keinerlei Vorurteile gegen die damit bezeichnete Gruppe hegte; es war ihm egal, weil er ein privilegierter Weißer war, den die damit verbundene Diskriminierung ja nicht betraf; und er sich folglich nie fragte, wie sich eigentlich Sinti*ze und Rom*nja fühlen, wenn sie es hören. Er meinte das Wort nie diskriminierend; aber er konnte sich eben zugleich auch nicht vorstellen, daß die so Bezeichneten sich dadurch gekränkt fühlen würden. Insofern war er ganz, wie es die Feminstin Sibel Schick mal für Männer formulierte, strukturell bedingt ein Arschloch.

Aber hier kommt die Pointe. Aus eben diesem Grund muß sich Herr Sathom auch nicht aufregen, wenn ihm abverlangt wird, dieses Wort nicht mehr zu gebrauchen. Ihm kann wurscht sein, ob es zukünftig „Paprikasoße“ heißt. Denn: Ihm wird ja nichts weggenommen.

Und das ist der Punkt. Es kostet keinerlei Anstrengung, ist keine Zumutung, beraubt einen keinerlei objektiven Vorteils; es ist vielmehr sensibel und bedeutet, die Menschen, die es verlangen, zu respektieren. Und falls es ein Privileg wäre, das dadurch eingeschränkt würde, dann wohl doch ein ziemlich schäbiges, also leicht verzichtbares Privileg.

Warum also regen sich Vertreter*innen der Mehrheitsgesellschaft bei solchen Themen immer wieder so auf, als würden ihnen Grundrechte geraubt? Die Aggressivität, die Empörung, das Getue, sie wirken, als hätten die Betreffenden das Gefühl, ihnen würde ein Arm abgeschnitten.

Anderes Beispiel: Transgender-Toiletten. Irgendwann vor längerer Zeit – Herr Sathom erinnert sich nicht genau – brachten Leute, die sich als transsexuell oder geschlechtlich unbestimmt verstehen, die Idee einer dritten Klotür auf. In öffentlichen Toiletten also eine für herkömmliche Cis-Männer, eine für Frauen, eine für alle anderen. Gab das einen Radau.

:: Das Problem mit dem Gendersternchen

Jede(r) kennt sie: Das Binnen-I (wie in KinderInnen), den/die Schaffner_in, und seit einiger Zeit auch jenes Sternchen, das den Genderabgrund überbrückt, uns Bürokrat*innen beschert.

Nun ist Herr Sathom wirklich der Letzte, der leugnen würde, daß unsere Sprache patriarchalisch und phallisch geprägt ist, jedenfalls das männliche Geschlecht bevorzugt, es nämlich als Normalfall setzt; Frauen als irgendwie auch gemeint subsumiert, und von ihnen erwartet, das hinzunehmen.

Insofern findet er die Aufregung um jene Uni, die vor einiger Zeit den Spieß umdrehte und für den eigenen Hausgebrauch die feminine Form zur primären erklärte, entlarvend: Plötzlich finden Männer „lächerlich“, was sie von Frauen widerspruchslos zu akzeptieren verlangen. Dabei wird ihnen ihre Pirouette nicht einmal bewußt – stören sich Frauen an der sprachlichen Bevorzugung des Maskulinums, regen sie sich über eine bedeutungslose, keineswegs diskriminierende Kleinigkeit auf, doch kaum ändert sich der Artikel, brüllt Er „Frechheit!“; und findet selbige so unnötig, wie die eigene nicht anstößig.

Daß die oben erwähnten, sicherlich gutgemeinten Schreibregelungen aber Herrn Sathom auch in Schriftstücken, die er inhaltlich bejaht (zu Genderfragen, Frauenrechten usw.), nicht so recht behagen, hat also andere Gründe als den, daß er das Problem nicht sähe oder zu jenen zählte, die finden, es gäbe keins, und es sei doch „normal“, daß man Frauen in die maskuline Allgemeinvokabel einschließt.

Die Gründe, aus denen er das Binnen-I, das Gendersternchen und ihre Geschwister dennoch nicht mag, sind diese:

1.) Keiner dieser Ansätze erfüllt seinen vorgeblichen Zweck, da die Varianten nicht gesprochen werden können (das Binnen-I noch eher als das *). Gerade wenn Sprache unser Denken und Fühlen, unser „Bewußtsein“ prägt, kann eine „Lösung“, die den alltäglichen Sprachgebrauch nicht einschließt, und die gewöhnliche, alltägliche Umgangssprache behandelt, als existiere sie gar nicht, nichts bewirken. Eine Veränderung unseres Denkens erforderte eben auch, daß sich ein anderer Sprachgebrauch, ein anderes sprachliches Verhältnis der Geschlechter, einschleift durch häufigen, regelmäßigen Gebrauch – eine Praxis also, die kaum dadurch hergestellt wird, daß nicht auszusprechende Unlaute einen neuen Abgrund zwischen Schriftsprache und Rede aufreißen.

2.) Daß der Umstand, daß Menschen miteinander nicht nur texten, sondern auch reden, ignoriert wird, zeugt von einem kulturellen Bias, der nur die Schriftsprache als eigentliche gelten läßt. Was Pöbels auf der Straße radebrechen, den „restringierten Code“, halten eingefleischte Schriftsprachler auf den Höhen ihrer intellektuellen Zenithe für minderwertig, Ausdruck der Blödheit jener da unten – und was tun sie?

Erfinden Sprachregelungen, die von den Blöden intuitiv als unsinnig („nicht zielführend“) erkannt und abgelehnt werden – und bestätigen sich damit flugs das Vorurteil, daß die Massen eben rückständig und doof sind.

:: Gedanken zur aktuellen „Bild“-Werbekampagne

Herr Sathom hatte sich ja bereits zu deren Beginn einmal ereifert über die immer noch laufende Werbekampagne einer gewissen Postille, darin schamlose Gestalten, Prominente genannt, ihre Meinung zu dem Blatte äußern und dies dazu sogar noch kritischerweise tun dürfen sollen (wie „kritisch“ diese Meinungen dann noch sein können, zeigte bisher unter Anderem der reichlich lauwarme Versuch des Herrn Kerner, nicht zu reden von ähnlichem Scheitern Gregor Gysis oder Thomas Gottschalks); damals fragte Herr Sathom, moralinsauer altmodisch wie er ist, wie sie nur können, und sann über mögliche Erklärungen nach.

Gründe für solch schändliche Zusammenarbeit, bei welcher eine Hand die andere wäscht und sich darob erst recht beschmutzt, zeigte ja bereits dereinst der Herr Wallraff in seinem „Aufmacher“ auf, und auch hier findet man Antworten auf diese Frage, noch ergänzt um den Hinweis, daß manche auch aus purer Not mit den Wölfen der Regenbogenpresse heulen müssen (oder zu müssen meinen), so sie nicht das Rückgrat haben, sich gegen an Erpressung grenzende Methoden oder eigenen Interessendruck, gerichtet auf das Bedürfnis nach wohlgesonnener Presse, zu verwahren (was ironischerweise genau das ist, womit die „Bild“ in der aktuellen Werbekampagne auch noch arrogant prahlt, wenn manche ihrer prominenten Propagandisten davon schwadronieren, daß man an dem Blatt eben nicht vorbei käme; denn so sicher ist man sich der eigenen, verhängnisvollen Medienmacht, daß man sie so burschikos wie skrupellos auch noch demonstrativ als Vorzug herauskehrt). Da kann’s schnell passieren, daß wie im Falle einer Frau Sibel Kekilli nach verweigertem Interview das Bildungsblatt einem das Familienleben zu zerstören sucht, oder daß einer Frau Charlotte Roche mit schlechter Presse gedroht wird, so sie nicht Einzelheiten über tragische innerfamiliäre Ereignisse ausplaudert, wie insgesamt hier nachzulesen ist.

Jedoch, nachdem Zeit ins Land gegangen und eine Promimeinung der nächsten gefolgt ist, drängt sich Herrn Sathom eine ganz andere Frage auf. Neulich im Bus (wie Don Martin gesagt hätte), wie schon seit Tagen und Wochen zum wiederholten Male vorbeifahrend an den allüberall ausgehängten Elaboraten einer Frau Schöneberger, eines Herrn Schweiger, eines Pseudo-Goth, Bill Kaulitz geheißen, und eines Herrn Philipp Lahm (welch ein Name für einen Sportler), drängte sich Herrn Sathom ein ungeheuerlicher Verdacht auf.

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