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:: Der sanfte Trump

Seit Emmanuel Macrons Amtsantritt begleitet ein seltsames Begrüßungskonzert jeden Schritt des neuen französischen Staatspräsidenten. Es erklingt u.a. aus dem benachbarten Deutschland. Nicht, daß sich nur in Frankreich selbst auch skeptische und besorgte Stimmen erheben würden; kritische Berichterstattung findet sich ebenso hierzulande: Ein Artikel in der FAZ etwa analysiert Macrons neoliberale Ausrichtung ebenso wie die Probleme, die sein „aus Vertretern der Zivilgesellschaft“ zusammengesetztes Personal mit sich bringt, das, wie der Autor vermerkt, politisch nicht so jungfräulich ist, wie oft der Anschein erweckt wird.

Es sind vielmehr bestimmte Interessengruppen, die sich seit den französischen Wahlen – der des Präsidenten, und der des Parlaments – auf dieser Seite des Rheins an der Verklärung des jungen Hoffnungsträgers abarbeiten. Und daß ausgerechnet Peter „Wer braucht soziale Gerechtigkeit, laß doch die Reichen Almosen geben, wie sie grad zufällig Lust haben“ Sloterdijk von Macron als „Erscheinung“ im Range einer Jeanne D’Arc schwurbelt (dito FAZ), sollte einen ja immerhin ein wenig mißtrauisch machen. Dem zuerst verlinkten FAZ-Artikel ist eigentlich in der Sache nichts hinzuzufügen; es lohnt sich jedoch die Frage, wer den neuen Präsidenten eigentlich außerhalb Frankreichs so feiert, und warum.

Bundesdeutsche Politiker und manche Intellektuelle wetteifern da um die lauteste Lobeshymne auf die Lichtgestalt. Nicht weniger als der Retter Europas soll er sein, Reformator Frankreichs, Held eines wieder erstarkenden Liberalismus, der zwar vor allen Dingen ein wirtschaftlicher ist, aber, nicht wahr, neoliberale und kapitalfreundliche Politik erzeugen ja Freiheit und Weltoffenheit quasi als Abfallprodukt, und Macron, immerhin Bezwinger der furchtbaren Marine Le Pen, steht für Hoffnung, Optimismus, Mut anstelle der Angst, die jene predigt; Schlagworte wie „Reform“ aber ziehen hierzulande ohnehin allemal. Glaubt man den Texten, die da Manchen aus der Tastatur purzeln, ist Emmanuel Macron schon kein Sterblicher mehr, sondern vom Himmel gestiegener Sohn der Sonne – wie sein Namenspatron ein Erlöser, der die Hülle des bloß Menschlichen jedoch längst abgestreift hat.

Andere betrachten den Messias kritischer, und durchaus besorgt. Ihn, heißt es mahnend, hätten die Franzosen keineswegs gewählt, bloß gegen Le Pen gestimmt; was immerhin die hier gern vertretene Auffassung relativiert, dort hätte man sich für etwas entschieden, das deutsche Politiker gern in Macron verkörpert sehen möchten (im Wesentlichen wohl eine Germanisierung der Grande Nation, was ihren Umgang mit „sozial Schwachen“, Arbeitslosen und Arbeitnehmern angeht). Es ist so gesehen nicht Macron, der Marine Le Pen verhinderte; es waren die Franzosen, da sie ihn mangels sonstiger Alternativen zähneknirschend wählten. Und einiges am Verhalten des neuen Präsidenten weckt bei seinen Untertanen Befremden.

Es gilt u.a. die Rede des Präsidenten in Versailles. Sie behandelte auch Macrons Großprojekt, die Moralisierung der Politik. Zwei Maßnahmen sollen diese fördern – einmal ein Gesetz, das die Anstellung von Familienangehörigen verbietet, zum anderen die Berufung von Vertretern der Zivilgesellschaft, Personen also, die nicht im Politikbetrieb groß geworden, nicht über die Jahre durch Parteiklüngelei und Pöstchenwirtschaft verdorben worden sind. Das hört sich gut an, so lange man übersieht, daß viele dieser Vertreter Unternehmer sind, daß also z.B. Arbeitgeber über die geplante Änderung des Arbeitsrechts entscheiden – ganz so, als setzte man gleich Lobbyvertreter ins Parlament; daß also die neuen Abgeordneten durchaus ihre eigenen Interessenkonflikte mitbringen (weshalb einige, nachdem diese ruchbar wurden, auch bereits wieder gehen mußten). Hier werden Nuancen interessant. In seiner Versailler Rede nämlich forderte Emmanuel Macron, daß mit der Suche nach korrupten Parlamentariern nun aber gefälligst auch langsam wieder Schluß sein müsse. Er fand Worte, die den Eindruck erwecken, die Medien betrieben eine böswillige Hexenjagd; und verlangte, das solle nun aufhören. Anders ausgedrückt – was ihn auch an die Macht brachte, der Überdruß an „Volksvertretern“, die alles andere als das Volk vertreten, soll nun, für die eigene Regierung, nicht mehr gelten; die Kritik am politischen Establishment habe jetzt, da seine Anhänger es stellen, zu verstummen. Es kommt ja das neue Gesetz. Alles wird gut, regelt sich ab jetzt von selbst; die Medien dürfen gern wieder in eine andere Richtung blicken.

:: Erfolgsmodell Persönlichkeitsstörung

Nun also auch hier doch noch einmal Trump; hilft ja nix. Allerdings nicht, um sich unter die Chronisten der Katastrophenmeldungen zu reihen – nicht, daß die ersten Amtstaten des neuen US-Präsidenten nicht katastrophal genug wären, doch es hieße, lediglich zu wiederholen, was derzeit aus allen Medienkanälen über uns hereinbricht, und von beinahe jeder anderen Thematik ablenkt –, sondern weil ein spezifischer Aspekt der Debatten über Trump verdient, in größeren Bezug gesetzt zu werden.

Es geht um eine Frage, die derzeit viele Trump-Gegner in den USA umtreibt, und teils wie eine verzweifelte Hoffnung auf Amtsenthebung, teils ängstlich, teils mit Häme diskutiert wird; eine Frage, die längst auch deutsche Diskussionen erreicht hat. Drücken wir es „volkstümlich“ aus:

Ist Donald Trump verrückt?

Weisen seine persönlichen Angriffe, das Nachäffen eines körperlich beeinträchtigten Journalisten, die verbalen Ausfälle gegen Frauen, seine manische Twitter-Besessenheit (der er sich offenbar lieber widmet, als Entscheidungen sorgfältig zu überlegen), seine Meinungswechsel (Zweistaatenlösung in Palästina hüh, dann hott), seine unbeendeten Sätze und vieles mehr, auf eine Persönlichkeitsstörung hin? Lügt Trump, wenn er behauptet, bei seiner Amtseinführung wären Menschenmassen anwesend gewesen, wenn er „alternative Fakten“ präsentiert, oder leidet der Präsident an Realitätsverlust?

Grundsätzlich lassen sich drei Strömungen unterscheiden. Die einen halten Trump schlichtweg für durchgeknallt. Unterschiede gibt es hier lediglich in der Frage nach Grad und Natur der Störung: Der bezwingend witzige Keith Olbermann vom GQ-Magazin nennt in seiner YouTube-Serie The Resistance durchaus beunruhigende Symptome, um sich auf eine explizite Diagnose festzulegen: „He’s mad.“.Andere Vertreter dieser These vermuten beim 69-jährigen Trump frühe Anzeichen von Alzheimer bzw. Demenz; und in der Sendung Hart aber fair zählt der Psychiater Borwin Bandelow Indizien für eine narzißtische Persönlichkeitsstörung auf (von ca. Min. 39:22 – 48:48), wenn er auch mit einer Ferndiagnose vorsichtig bleiben will.

Die Gegenposition besteht in der Auffassung, daß Trumps Verhalten nichts mit „Aussetzern“ oder mangelnder Impulskontrolle zu tun hätte. Es handele sich um Verhandlungsmethoden, die er bereits als Geschäftsmann verwendet habe; die Unsicherheit, was er tun werde, die Einschüchterung und Verächtlichmachung anderer, all das wären Verhaltensweisen, die den businessman Trump kennzeichnen, und die er nun ins politische Leben übertrage. Die Kognitionspsychologin Elisabeth Wehling wiederum betrachtet alles,was Trump tut oder sagt, als sorgfältig geplant, choreographiert; bei seinem scheinbar unzurechnungsfähigen Verhalten handele es sich um eine als framing bezeichnete Methode der psychologischen bzw. sprachlichen Manipulation, bei der an tiefsitzende Ressentiments (gegen Latinos, Afrikaner, Frauen, Homosexuelle etc.) der Zielgruppe appelliert werde – eben an deren Gedankenwelt, ihren „frame“.