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:: Verschwörungsmythen: Ein anderer Erklärungsansatz

Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien? Dazu gibt es einige gängige Erklärungsansätze. Herr Sathom hatte sich allerdings schon in einigen vorangehenden Artikeln unzufrieden mit diesen üblichen Modellen geäußert.

Immer, wenn Verschwörungsideen zu bestimmten Themen „hochkochen“ (Migration als „Bevölkerungsaustauch“, Errichtung einer „Impfdiktatur“ samt eingepflanzter Mikrochips etc.), feiern auch Theorien zur Erklärung des Erfolgs solcher Narrative mediale Hochkonjuktur. Es sind immer die gleichen Erklärungen, deren ständige Wiederholung keine neuen Erkenntnisansätze liefert, und die, so mein Eindruck, teilweise falsch oder unzulänglich sind (darin gleichen sie der ewigen Theorie von den „Killerspielen“, die Amokläufe verursachen).

Mit den Gründen für diesen Eindruck wollte ich mich in näherer Zeit einmal auseinandersetzen, doch da ich aktuell nicht absehen kann, wann ich dazu komme, vorerst ein Verweis auf eine ganz andere Annäherung: Im Interview mit ZEIT ONLINE betrachtet Cory Doctorow Verschwörungsgläubige als Menschen, die „im letzten Moment der Wahrheitssuche „falsch abgebogen“ sind. Er verweist dabei auch darauf, daß diese Menschen in ihrer Argumentation oft auf tatsächliche Mißstände – die Macht der Pharmakonzerne z.B., oder tatsächliche Intrigen, die irgendwie ans Licht kamen – hinweisen können; und daß sie in dieser Hinsicht oft verblüffend gut, und zutreffend informiert sind. Diese Annäherung spricht den Betreffenden nicht jegliche intellektuelle Kapazität ab, während die herkömmlichen, medial gern verbreiteten Erklärungsmuster sie oft als dumme, rein emotional reagierende Wesen zeichnen, die in persönlichen Lebenskrisen fast mechanisch nach Verschwörungstheorien greifen; Automaten eher als denkfähige Subjekte, die vom Schulpsychologen seziert und „erklärt“ werden können.

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:: Das Jebsen-Problem

In der Guten Alten Zeit waren Verschwörungstheorien noch ein Spaßthema für Sozialwissenschaftler*innen mit Freude am Abseitigen. Denn bis vor einigen dingszig Jahren, in den 90ern so etwa, handelten sie von so offensichtlich irrwitzigen Dingen – Aliens, dem Weltuntergang durch den Monsterplaneten Nibiru, noch mehr Aliens, Gehirnwäsche durch Drogen aus dem Flugzeugauspuff, und nicht zuletzt: ALIENS! – daß kein Mensch, von ein paar ganz Unentwegten mal abgesehen, sie ernst nehmen konnte.

Seitdem allerdings hat sich einiges geändert. Vielleicht, weil mit einer Reihe ehemaliger Journalist*innen, Ken Jebsen zum Beispiel, Leute die Szene betreten haben, die über das intellektuelle und handwerkliche Rüstzeug verfügen, ihre Thesen plausibler wirken zu lassen; die fähig sind, wirklich vorhandene Problematiken, von bloßen Reizthemen bis hin zu durchaus berechtigter Gesellschaftskritik, für sich zu kapern und mit ihren abwegigen Erklärungsmodellen zu verkoppeln. Die Erfinder von Verschwörungstheorien haben sich professionalisiert. (Weitere Beispiele für diesen Vorgang wären der verstorbene UFO-Udo Udo Ulfkotte, und die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman).

Früher konnte man noch schmunzeln, wenn man las, Helmut Kohl heiße eigentlich Henoch Cohn und gehöre zu einer gewissen Weltverschwörung, und irgendwie hätte das Ganze auch was mit den Illuminaten zu tun. Diesen Charakter der belanglosen, weil von jeder gesellschaftlichen Wirklichkeit weit entfernten, Phantasterei haben die Lügenmärchen inzwischen verloren. Heute sind sie vielmehr … warte mal, warte mal; was ist das denn – meine Rechtschreibprüfung kennt das Wort „Illuminaten“ nicht! Da hat doch wer dran gedreht!

*Ähem* Tschuldigung. Ich dreh langsam durch, glaube ich. Wie auch immer.

Während solche Verschwörungsmythen also im Teich der reinen Phantasie fischten, bedienen sich ihre Erfinder*innen seit geraumer Zeit eines einfachen Tricks: Sie greifen Themen berechtigter Gesellschaftskritik auf, und verbinden sie mit den irrwitzigen „Erklärungen“, die sie dann für bestehende Probleme anbieten. Gern bedienen sie sich zum Beispiel auf dem Feld der Kapitalismuskritik. Wo allerdings seriöse Kritiker*innen, sowohl ausgewiesen linke als auch moderate, rationale Analysen der Probleme anbieten, die z.B. der Finanz- und Turbokapitalismus verursachen; wo sie diese Probleme zunächst einmal nur benennen, empirisch erfassen, und in einem weiteren Schritt als strukturelle Phänomene verstehen; da greifen Verschwörungstheoretiker*innen nur das Problem an sich auf und „erklären“ es dann durch ihre weiterhin verschwurbelten Mythengebilde.

Ihre Thesen gehen von einem „Kern Wahrheit“ aus, greifen z.T. gerechtfertigte Unzufriedenheit mit strukturell bedingten Problemen auf, und führen die zugrundeliegenden Mißstände auf hanebüchene „Ursachen“ zurück. So verursachen ungerechte Verteilung von Einkommen und Bildungschancen im Kapitalismus nachvollziehbare Existenzängste, doch die Angst wird auf einen „großen Bevölkerungsaustausch“ und ähnlichen Humbug umgelenkt. Das Treiben benennbarer, privilegierter Interessengruppen, von der „Lügenpresse“ durchaus erörtert, sowie durch Finanzmacht stabilisierte Herrschaftsstrukturen, werden zu Umtrieben vage vorgestellter „Eliten“ erklärt, über die man nichts genaues weiß, und sich eben deshalb alles mögliche unter ihnen vorstellen kann.

Daraus ergeben sich für diejenigen, die gesellschaftliche Mißstände (nicht nur die des Spätkapitalismus) einer sachlichen, bzw. gerechtfertigten Kritik unterziehen wollen, nun mehrere Probleme:

Durch die Verschwörungstheorie werden die wirklichen Ursachen solcher Mißstände vernebelt; Verschwörungsgläubige sind gehindert, diese Ursachen aktiv anzugehen und zu ändern. Stattdessen engagieren sie sich gegen nie geplante Impfpflichten, echauffieren sich auf sinnlosen Demos gegen nicht vorhandene Intrigen, oder toben durch die „sozialen“ Medien. Sie bekämpfen Phantome.

:: TV-Tipp: Die Krise des etablierten Journalismus und das Internet auf arte

Ja, ja, Herr Sathom weiß: er hat Fortsetzungen seiner lustigen Erörterungen hirnverbrannter Verschwörungstheorien und seiner am Beispiel der Kreationisten-Evolutionisten-Kontroverse noch weiter zu entwickelnden Ergüsse zu erkenntnisleitenden Interessen versprochen; doch Herr Sathom hat viel zu tun und muß nach der Arbeit aktuell auch immer erstmal wieder runterkommen, und ihm ist allgemein derzeit nicht so nach bloggen, weshalb das eben so lang wird warten müssen, bis ihn wieder der Hafer sticht, wofür er um Entschuldigung bittet. Außerdem kommt eine immer wieder beliebte Verschwörungstheorie auch in diesem Artikel vor, und das ist doch auch schon mal was.

Jedenfalls für den Augenblick nur kurz something completely different: auf arte verfolgte Herr Sathom am Dienstag abend die Sendung „Frankreichs Meinungsmacher packen aus“ und die anschließende arte-Debatte, die sich mit der Krise des etablierten Journalismus bzw. seiner papierenen Verbreitungswege, sowie mit der Konkurrenz durchs Internet befaßte. Herr Sathom fand erstgenannte Sendung wie anschließende Diskussion durchaus ambivalent – da gab’s offenherzige und gedämpfte Selbstkritik journalistischer Größen, berechtigte Kritik an den Fehlern des etablierten Journalismus, Verteufelung des Web als ausschließlicher Ort miserabel recherchierter Verschwörungstheorien (die’s ja sehr wohl gibt) neben großer Gelassenheit und positiver Sicht auf’s Internet (explizit allerdings nur bei einem Protagonisten der Meinungsmacher-Sendung, dessen Ausführungen Herr Sathom sehr erfreulich fand). Insgesamt war das Ganze jedoch – obwohl z.B. gerade auf der Verschwörungsgeschichte sehr herumgeritten ward, damit sie sich auch ja keinem Zuschauer nicht als erste Assoziation zum „Bürgerjournalismus“ ins Hirn brenne – ausgesprochen interessant und weniger hysterisch als manche Verlautbarungen, die sonst so zu dem Thema vorgetragen werden; und wenn auch nur darum interessant, daß sich hier zu erleben Gelegenheit bot, wie manche altgediente Journalisten selbst die Sache sehen: eine Innensicht aus der Perspektive derselben gewissermaßen. Herr Sathom meint also empfehlenderweise, daß man sich die Wiederholung des Ganzen durchaus einmal zu Gemüte führen kann, um sich ein Bild der Diskussion, vor Allem aber: der Wahrnehmung, insbesondere der Selbstwahrnehmung journalistisch Berufstätiger bezüglich der genannten Themen zu machen.

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:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

Leute, die Lage ist ernst. Die fundamental-islamistischen, von sinistren US-Finanzmogulen (deren wahre Hintermänner die Invasoren von der Wega sind) finanzierten, sozialistischen Freimaurer-Illluminaten (jetzt neu und verbessert auch als „Krypto-Illuminaten“ erhältlich) sind unter uns – und zwar direkt unter uns, angesiedelt in von den Templern und den Weisen von Zion aufgegebenen Katakomben, direkt nebenan von den Maulswurfsmenschen und den unter der Antarktis hausenden, nach dem Zweiten Weltkrieg dorthin geflohenen Nazis, die nur darauf warten, mit ihren Vril-getriebenen Flugscheiben die Weltherrschaft an sich zu reißen. Irgendwas ist aber auch wirklich immer.

Aber ernsthaft: wenn Herrn Sathom etwas aufregt, dann sind es – neben der schwarz-gelben Koalition, dem Brutalkapitalismus und tausenderlei anderem Zeugs – Verschwörungstheoretiker. Manchmal, das gesteht Herr Sathom zu, sind diese ja immerhin ganz amüsant; zu Unterhaltungszwecken und fröhlicher Erbauung goutiert Herr Sathom ihr Geschwafel sogar gern, so lang sie jedenfalls nur von außerirdischen Invasionsplänen, der wahren Entstehungsgeschichte der ägyptischen Pyramiden oder allerlei Tand über den 21.12.2012 schwafeln, einen Tag, an dem nämlich der Planet Fidibus – was? Wie? Ach so. Herrn Sathoms Gedankenkontrolleur teilt ihm grad mit, das Ding heiße Nibiru – über uns kommt, so daß man sich an selbigem Datum allem Vernehmen nach wohl besser vorsehen sollte, sofern man nicht über die richtigen feinstofflichen Veibräischns oder eine durchgeladene Phasenpistole verfügt.

Der Planet Nibiru meint's ernst
:: Leg Dich nich mit dem Planeten Nibiru an, Alter — (Bild Copyright © 2009 Sathom)

Sauer macht’s Herr Sathom jedoch, erfüllt ihn mit heiligem Zorn gar, wenn das nichtswürdige Pack sich ganz bestimmter Themen bemächtigt, nämlich solcher, die auch dem allgemein bewußt und kritisch denkenden Menschen am Herzen liegen müssen: nämlich etwa der Kapitalismus-, Herrschafts- und Medienkritik oder ökologischer Fragestellungen. Diese okkupiert das realitätsferne, aber veröffentlichungstechnisch sehr rege Völkchen, und vermischt sie mit seinen eigenen Spintisierereien, was wohl nachvollziehbarerweise  der ernsthaften Behandlung jener Fragen kaum nützlich ist – ihr eventuell, wie Herr Sathom aufzuzeigen gedenkt, sogar schadet. Und zwar dieweil viele die mit den Aussagen begründeter Kritik gewürzten Verschwörungstheorien möglicherweise nicht leicht von fundierten Aussagen zu scheiden wissen, und umgekehrt, weil sie den Apologeten kritikwürdiger Zustände ein Argument liefert, auch reflektierte, begründete Kritik einfach qua Hinweis auf die Ähnlichkeit in den Ruch von Konspirationsgefasel zu bringen.

:: Mars-Migranten? Morlocks? Nach „Hobbits“ jetzt Khazad-dûm entdeckt?

Herr Sathom staunte nicht schlecht: „Alien-Alarm?“ fragte diese Woche (am 25.08.) die „Bild“ suggestiv auf ihrer Titelseite, und zeigte dazu das Abbild von etwas, das von einem mumifizierten Säugling über einen fossilen Hominiden bis hin zu einem billigen Special Effect aus „Embryo des Yog-Sothoth“ oder „Shub-Nigguraths Töchter gegen Godzillas Bandwurm“ alles mögliche sein kann; Herrn Sathom beschäftigen zwar ganz andere Fragen, etwa welcher Koprophile welcher die Konsequenzen seines Handelns nicht bedenkende Mensch eigentlich diese Art von Toilettenschüsseln erfunden hat, die trichterförmig in ein direkt unterm Hintern liegendes Wasserloch münden, aus dem bei Anwendung alles nach oben spritzt (eine außerirdische Verschwörung?), er fragt aber dennoch zurück: wieso eigentlich Alien-„Alarm“? Diese Xenophobie immer, findet er, wird langsam ermüdend. Aber war ja an sich zu erwarten, ist ja von jeher das Credo erzkonservativer Presse, Politiker und auch deren Klientel: „Deutschland ist kein Einwanderungsland, nein, nein, und meine Suppe ess’ ich auch nicht“. Was geschähe, landeten wirklich Außerirdische in unseren klimagefährdeten Gefilden, kann sich Herr Sathom somit lebhaft vorstellen. Da würde selbiger an deren Stelle auch sicherheitshalber einen durchgeladenen Disruptor parat halten.

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:: Endlich geknackt: der Oscar Wilde-Code

Geleitet von Neugier ob der Titel, folgte Herr Sathom kürzlich den Links zu zwei Artikeln, welche zu jenen gehörten, die ihm kontinuierlich als neu in die geheime Schaltzentrale seiner Meckerecke geflattert kommen; und wie er’s schon geahnt, fand er sich wieder in einem Blog, welches gar krause, esoterische Fabeln verschwörungstheoretischen Inhalts in die Welt des Datennetzes hineinwebt. Die Kuriosität derselben ist von solch immensem Gehalt, daß Herr Sathom sich derzeit außerstande sieht, angesichts der Neuheit dieses schwarzen Bretts der Fantasien zu entscheiden, ob es sich um Satire handle oder ernst gemeint sei; wiewohl er aber dem Betreiber, bis er ein fundierteres Urteil abgeben kann, gern Ersteres zugute halten will, war Herr Sathom doch schockiert – nicht nur, weil jenes Blog sich desselben visuellen Themes befleißigt wie das seine (Update 09.12.2009: mittlerweile allerdings nicht mehr, da Herr Sathom sich inzwischen ein anderes Theme erkoren hat), sondern auch, dieweil der unheilvolle Feind, von welchem dort schwadroniert wird, als „Underground Reich“ tituliert wird, was den Herrn Sathom arg verstimmt, ja gar empört, ist er es doch, der acheronta movebo, und fühlt sich durch die Inbezugsetzung  des Untergründigen zu ominösen Schurkenbünden beleidigt, doch schlimmer noch: denn sollte der Verschwörungstheoretiker Recht haben und es ein solches Reich doch geben, was hätte Herr Sathom dann davon zu halten? Sollte da jemand versuchen, sein eigenes Untergrundimperium des tief gründelnden Gedankens zu usurpieren, gar an seinem aus eitel Bimsstein kunstfertig geschnitzten Thron zu sägen, um welchen Herr Sathom die Heerscharen seiner Maulwurfsmenschen, daselbst ihre Existenz dem Wunder der mikrowelleninduzierten Mutation verdankend, geschart hat? Müßte Herr Sathom dann, anders als geplant, seine wühlenden Horden gegen jenen Konkurrenten entfesseln, und nicht erst, wie er es gewollt hat, um 6:66 Uhr am 06.06. des Jahres 2012, in welchem der Maya-Kalender seinen Zyklus beschließt? Unschöne Aussichten, denen Herr Sathom sich nur ungern stellt.

Unbenommen all dessen jedoch fühlte sich Herr Sathom inspiriert, zum Zwecke der Überprüfung eines der dortigen Beiträge ein kleines Experiment zu wagen, das er hier gern vorstellen will. [Weiterlesen]