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:: Nach(t)gedanken zu The Walking Dead

Einige Nachträge zu Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead, der kürzlich hier erschienenen Serie zur Serie.

Zur Literatur:

Die Verweise auf Klaus Theweleit und Günther Anders beziehen sich auf:

Theweleit, Klaus: Männerphantasien, Band 2: Männerkörper. Zur Psychoanalyse des weißen Terrors, darin u.a. die Abschnitte Innen: das Fremde als ‹Urmensch› und Masse und Kultur. – Der ‹hochstehende einzelne› im 3. Kapitel: Die Masse und ihre Gegenbildungen.

Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen, Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, darin vornehmlich auf den Abschnitt Die Welt als Phantom und Matrize, IV: Die Matrize.

Die Themen des vermeintlichen „Urmenschen“, der jedoch künstlich erzeugt ist, und der Gleichsetzung der „Masse“ mit Seuchen, unteren Klassen (Armen, Arbeitslosen etc.) und der „Masse der Toten“, die für das eigene verdrängte Innere steht, werden bei Theweleit auch außerhalb der genannten Stellen immer wieder aufgegriffen. Hierzu eine Anmerkung: Die Identifikation bedrohlicher Menschenmassen mit der Syphilis zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aber auch die Aussage von Showrunner Scott Gimple, eine der Inspirationsquellen für The Walking Dead sei Camus‘ Die Pest gewesen, legen den Verdacht nahe, daß die Zombies unserer Populärkultur stellvertretend für die Seuchenangst und Ansteckungsfurcht stehen, die damals politischen Gegnern, Feinden im Krieg, Kommunisten etc. galten. Zombies könnten dann den gefürchteten/gehaßten Anderen verkörpern, ohne diesen Anderen konkret benennen zu müssen. Sie würden es dem Publikum also ersparen, sich offen zu eigenen Vorurteilen zu bekennen (anders als etwa der Kriegsfilm des 20. Jahrhunderts, der Asiaten statt Untoter antanzen läßt). Zudem kämen sie aus, ohne auf heute selten gewordene, tatsächliche Seuchen zu rekurrieren.

Zum Zombie als sozialem Verlierer (Teil III) und zum adligen Vampir als seinem Gegenstück (Fazit):

Ich borge mir im Fazit den Begriff des hochstehenden Einzelnen, den Klaus Theweleit geprägt hat. Ursprünglich beschreibt er die Auffassung des „Gebildeten“, aufgrund seines größeren Werts als Kulturträger über dem „Pöbel“ zu stehen, also zu Recht auch eine höhere soziale Position zu besetzen (die seine immanente Überlegenheit spiegelt; womit die Gesellschaftsordnung, die ihn bevorzugt, also nur der wirklichen Ordnung der Dinge entspricht).

Der gräfliche Vampir alter Schule würde hingegen als Aristokrat des Bösen der Selbststilisierung eines immer mehr entmachteten Adels dienen, der sich im viktorianischen Zeitalter aufgrund seiner Dekadenz als immer noch höherstehend phantasieren kann – er „ragt aus der Masse“, weil er deren bürgerliche Moral verhöhnt. Der nachgeborene Dandy vom Typ eines Lord Byron hat weder im demokratischen Parlament, noch in der Versammlung des weiterhin mächtigen, konservativen Altadels eine Stimme. Wenigstens als Ausschweifender kann er sich, sonst faktisch bedeutungslos, noch Teil der Avantgarde wähnen.

Verglichen mit diesem aristokratischen Schurken ist der Zombie tatsächlich der Prolet, weniger: Der absolute Bodensatz des Bösen. Ist der eine Gourmet, so der andere Gourmand; und er benötigt weder erotischen Charme noch hypnotische Kräfte, nur seine schiere Masse, um zu überwältigen. Demzufolge wäre die Furcht vor dem Aufstand der Armen ein weiterer möglicher Subtext von Zombie-Erzählungen.

:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead – (Fazit)

Bedingt durch Krankheit, Arbeitsbelastung und zwischenzeitlich aufgekommene, andere Themen, erst jetzt – und endlich – der letzte Teil der Walking Dead-Betrachtung.

Was bleibt? Wir hatten festgestellt, daß TWD Wirklichkeit konstruiert; was man von jeder Serie, jeder Erzählform überhaupt sagen kann. TWD gehört jedoch nicht zu den Erzählungen, die sich mit dem Bau einer eigenen, für die Narration eben benötigten Scheinwelt begnügen, schon gar nicht zu denen, die ihre Scheinhaftigkeit sogar offen eingestehen, bzw. als Stilmittel einsetzen (wie etwa The Avengers alias Mit Schirm, Charme und Melone); sondern zu denen, die durch Handlungsführung und Dialog den Eindruck erwecken, ihre „Wirklichkeit“ beschreibe auch die Welt jenseits der Mattscheibe.

Wir haben erörtert, mittels welcher Tricks ein solches Konstrukt vorgeben kann, Wirklichkeit als solche wiederzugeben; und daß es wesentlich die „wirkliche“ „Natur“ bzw. Daseinsform des Menschen ist, die da zu vermitteln behauptet wird – als einer Bestie nämlich, die er „in Wahrheit“ immer ist, auch in scheinbar geordneten gesellschaftlichen Verhältnissen ohne Zombie-Katastrophe.

Die angebliche, tatsächlich nur aus passenden Versatzstücken errichtete Realität transportiert dabei eine Ideologie, ein Menschenbild; wir fragten, ob dessen Verbreitung notwendig die bewußte Absicht der Serienschöpfer sein müsse, und das Publikum die latente „Botschaft“ der Serie auch so aufnimmt. Endgültig beantworten ließen sich beide Fragen nicht, die erste jedoch plausibel verneinen, für die andere feststellen, daß die Rezeption sehr unterschiedlich ausfällt, was maßgeblich davon abhängt, ob Zuschauer ihre Wahrnehmung auf die Charakterentwicklung der handelnden Figuren fokussieren, oder ob sie die von diesen Figuren geäußerten Meinungen als objektiv zutreffend, also unabhängig von der Persönlichkeit der Helden, rezipieren.

Sind unsere im dritten Teil aufgestellten Thesen damit obsolet?

Nicht ganz.

Wie gesagt handelt eine – gemessen an früheren Zeiten – vergleichsweise große Zahl von Unterhaltungsformaten aktuell vom Bösen im Menschen, und ist gerade damit außerordentlich erfolgreich; scheint also den Publikumsgeschmack, Zeitgeist, wie immer man es nennen will, zu treffen.

Gab es früher nur „Dallas“, sind heutzutage Serien, die nach unseren Moralvorstellungen explizit „böse“ Menschen am Werk zeigen, weitaus häufiger; und was ist Game Of Thrones anderes als Dallas mit Schwertern? Die Verlegung in ein scheinbar realistisches Mittelalter (die Drachen einmal beiseite gelassen) macht die Idee, daß der Mensch grundsätzlich schlecht sei, nur plausibler. Der zivilisatorische Anstrich war, glaubt man, in vergangenen Zeiten dünner; die Natur des Menschen trat unter weniger Farbschichten noch offener zutage. Die archaische Vergangenheit als Handlungszeitraum suggeriert, daß der Mensch unverstellt, näher an seinem vermeintlichen Naturzustand, gezeigt werde; in der postapokalyptischen Erzählung übernimmt der Zusammenbruch der Zivilisation diese Funktion.

Natürlich übt das Böse, üben böse Protagonisten stets eine Faszination aus; doch der betörende Vampirgraf, der einst seinen tödlichen Schmäh versprühte, erotisch unwiderstehlich gerade in seiner Verruchtheit, war ein hochstehender Einzelner, um einen Begriff von Klaus Theleweit zu entführen; einer, der sich über die Moral, und damit die „gewöhnliche Masse“ stellte. Darum war er einsam, darum „geadelt“; weil er sich über die Anderen erhob. Wovon wir hier reden, ist jedoch trotz charmanter Lannisters gerade die Masse der Menschen, die allesamt verkommen sind; ist nicht der romantisch-luziferische Rebell, sondern der Mensch an sich.

:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (V) – Rezeption

Nach längerer Pause nähern sich die Wandelnden Toten nun endlich der Zielgeraden. An den Stationen ihres Weges konnten wir bisher feststellen, daß die Serie immer wieder auf ein spezifisches Menschenbild rekurriert, bestehend in der Behauptung, daß jeder Mensch (nicht nur der untote) eine potentielle Gefahr darstellt. Die Serie konstruiert dabei Situationen, die feindseliges Mißtrauen gegenüber Unbekannten gerechtfertigt erscheinen lassen, sogar dazu legitimieren, mit Fremden ggf. zuerst nach dem Motto „Jeder ist sich selbst der Nächste“ zu verfahren, bevor sie es können. Das in Dialogsequenzen immer wieder aufgegriffene Thema der „Wirklichkeit“ wird dabei hauptsächlich so behandelt, als gäbe dieses Menschenbild den Zustand/die Verfassung des Menschen auf allgemeingültige, über die Situation der Zombiekatastrophe hinaus zutreffende Weise wieder. Anders ausgedrückt, beharren tragende Figuren der Serie darauf, daß menschliche Bestialität nicht der aktuellen Lage geschuldet, sondern immanente Natur des Menschen sei. Ob die Autoren der Serie damit bewußt eine Botschaft propagieren wollen, blieb unklar, da sie immer wieder Brüche einbauen und sich der ständige Rekurs auf die feindselig-paranoide Auffassung vom Wesen des Menschen auch anders erklären ließ.

Wie wird TWD nach allem bisher gesagten nun tatsächlich rezipiert? Als solche „Botschaft“, daß der Mensch von Natur aus böse sei? Als daraus gelesene Rechtfertigung für eigenen Zynismus? Als nichts davon?

Es ist schwierig, hier ein zuverlässiges Gesamtbild zu erstellen; die zahllosen Online-Rezensionen und Diskussionen würden eine umfangreiche empirische Recherche bedingen, zeigen allerdings bei kurzem Überblick, daß die Zuschauer die Ereignisse der Serie völlig unterschiedlich interpretieren.

Die Rezeption fällt also deutlich auseinander, besonders was die Konfrontation der Gruppe um Rick mit der Zivilisation Alexandrias, und Ricks Reaktion auf diese angeht.

Während ein deutschprachiger Rezensent der Auffassung ist, daß die Alexandrier vollkommen unfähig sind, und sich wundert, wie sie überhaupt überleben konnten, sind Kommentatoren im englischsprachigen Blog io9 z.T. der Auffassung, daß es der traumatisierte Rick ist, der an der neuen Umgebung scheitert; eher an der Figur Rick als an einer möglichen „Message“ orientiert, wird etwa festgestellt, daß Rick „ has been crazy for a while“, was die Konfrontation mit Alexandria lediglich offenbar mache. Andere Kommentatoren verweisen darauf, daß Rick zunächst keinen Versuch macht, den Alexandriern zu erklären, weshalb sie ihre Lebensart ändern müßten, sondern sie einfach zu hintergehen plant – für einen „Realisten“, der die Situation besser versteht als die Einwohner, ein ausgesprochen dysfunktionales Verhalten. Zuletzt findet sich in einem Kommentar die Auffassung, daß Gesellschaft wirklich nur Schein sei – der allerdings auf einem Vertrag Aller basiert, so zu tun, als ob wir gute Menschen wären. Ricks Beharren auf einer anderen Wirklichkeit deutet er jedoch nicht so, daß er den naiven Alexandriern überlegen sei, sondern vielmehr als Versagen, als Unfähigkeit, diesen Vertrag erneut einzugehen. (Herrn Sathoms Lieblingskommentar in diesem Thread lautet übrigens: „Have a Snickers, Rick – You’re like Rick when you’re hungry“.)

Die deutsche Rezension ist dabei auch insofern interessant, als sie uns auf das bereits behandelte Thema der inszenierten Realität zurückbringt. Denn dem o.g. deutschen Rezensenten zwar fällt auf, daß die Alexandrier angesichts ihrer Unfähigkeit und Feigheit „mehr Glück als Verstand“ gehabt haben müssen, um bisher zu überleben; er faßt dies als Bestätigung auf, daß Rick & Co. im Recht sind, statt zu bemerken, daß die Autoren der Serie mit Alexandria eine ausgesprochen unwahrscheinliche Gesellschaft in die Landschaft setzen. Im Kontext der Zombiekalypse, wie sie bisher in der Serie beschrieben wurde, kann es Alexandria wie gesagt eigentlich nicht geben; gerade wenn die Sichtweise Ricks und seiner Leute zuträfe, müßte die Safe Zone längst ausgelöscht worden sein. Alexandria ist das perfekte Beispiel für den als Realität zugerichteten Schein, der bereits besprochen wurde – es existiert entweder nur, um zu beweisen, daß der zivilisierte/“gute“ Mensch dem „wilden“/zynischen Realisten unterlegen ist; oder, falls die Autoren keine solche These im Sinn hatten, um Konfliktpotential, und damit Spannung zu schaffen.

Gerade in der Welt, deren „Wirklichkeit“ Alexandria beweisen soll, ist Alexandrias Existenz unmöglich – Verweis darauf, daß es bloßes Konstrukt ist, ein Paradoxon.

Da der Rezensent die Künstlichkeit der ihm präsentierten Welt hier nicht reflektiert (was ihm in anderer Hinsicht durchaus gelingt), akzeptiert er das Versagen der Alexandrier als Beweis ihrer Unterlegenheit gegenüber der „Scheiß auf Menschlichkeit“-Ideologie Ricks. Er realisiert nicht, daß ihre „Dummheit“ von den Autoren zu bestimmten Zwecken inszeniert wird; daß es die Einwohner des Ortes nur zu diesem Zweck gibt.

Alexandria ist eine Unmöglichkeit, die man nur akzeptiert,

  1. wenn man entweder Ricks Menschenbild nicht mehr hinterfragt, oder
  2. sich von den aufwühlenden Konflikten in der Safe Zone über deren unmögliche Existenz hinwegtäuschen bzw. davon ablenken läßt (suspension of disbelief nennen Autoren die Kunst, den Zuschauer vergessen bzw. übersehen zu lassen, daß etwas Geschildertes nicht sein kann).

:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (IV)

Wir haben bisher festgestellt, daß The Walking Dead ein bestimmtes Menschenbild – das des grundsätzlich gefährlichen, bösartigen Gegenübers – als „Wirklichkeit“ zeigt, und zwar eine, die unabhängig von der Zombie-Apokalypse existiert; also auch für unsere Gesellschaft gültig ist.

Kann man daraus schließen, daß die Intention der Autoren darin besteht, eine solche Botschaft zu verbreiten?

Nicht zwingend.

Zunächst fällt auf, daß sie das Bild nicht so schwarz in schwarz malen, wie es auf den ersten Blick scheint.

Da wäre zum Beispiel Morgan Jones, zu Beginn der Serie einer der „schwächsten“ Charaktere, der angesichts des Todes seiner Frau und seines Sohnes psychisch komplett zusammenbricht, und Ricks Angebot, ihn zu begleiten, ausschlägt; er ist am wenigsten fähig, sich der neuen Wirklichkeit zu stellen, versagt also gemäß der „Botschaft“ der Serie, so diese wie beschrieben lautet, komplett.

Inzwischen wieder aufgetaucht, folgt er den Spuren von Ricks Gruppe, wirkt einigermaßen stabil, und vollbringt dabei eine Leistung, zu der Rick & Co. vielleicht gar nicht fähig wären: Obwohl er anderen im Rahmen seiner Möglichkeiten hilft und keineswegs so bösartig wird wie die Hauptfiguren, überlebt er – und das allein, ohne den Schutz einer skrupellosen Gruppe. So könnte er die lebende Antithese zur vermeintlichen Message der Serie sein (außer den Autoren fiele ein, sein Beispiel doch wieder in deren Sinn zu wenden).

Und hat Rick wirklich – in einer früheren Staffel – den Zombieangriff aufs Gefängnis verschuldet, weil er einen der dort angetroffenen Gangster laufen ließ, woraufhin dieser die Beißer durch den Zaun lockte? War seine gute Tat also verheerend falsch? Oder bestand sein Fehler nicht vielmehr darin, daß er besonders grausam sein und den Mann den Untoten ausliefern wollte, statt ihn einfach zu erschießen? Viele Situationen der Serie lassen sich aus mehreren Perspektiven deuten.

Auch wird selbstloses Handeln nicht immer bestraft, oder als Schwäche gedeutet.

Wer Beth‘ Lächeln gesehen hat, als Noah – der sie in dieser Situation durchaus im Stich läßt – dank ihrer Hilfe den Häschern entkommt, weiß, daß nicht jeder Altruismus abgelehnt wird; um so mehr, als Beth kurz darauf die „Es ist gut, daß wir Böses tun, weil“-Begründung Dawns mit wenigen Worten als Blödsinn entlarvt. Beth stirbt später, aber nicht als Närrin.

Oder man denke an die Szene, in der Glenn Tara nicht den Zombies überlassen will, und beide in letzter Sekunde gerettet werden. Auch dergleichen kommt vor.

Man wird erwidern: Weil die Geschichte weitergehen muß; doch jede fatale Wendung, jede Schurkerei der Schurken oder moralisch ambivalente Tat der „Helden“ dient auch nur diesem Zweck. Daß die Geschichte weitergehe; daß sie spannend, erregend, emotional aufwühlend bleibe, kurz: Daß sich noch mehr desselben verkaufen lasse.

Bis hin zum gut-wrenching, dem emotionalen Tritt in den Bauch, wenn selbst die Helden zu Tieren werden, ist all dies kalkuliert, soll aufstacheln, sich festsetzen, nicht mehr loslassen – dafür sorgen, daß der Zuschauer dabei bleibt, die Fortsetzung erfahren will.

All das wirkt nicht, als wollten die Autoren der Serie bewußt ein bestimmtes Menschen- und Weltbild vermitteln; eher, als würden sie den ethischen Diskurs der Serie als all-you-can-eat-Buffet auftischen, für jeden was dabei, um ein möglichst breites Zielpublikum zu erreichen. Sie sind Profis, keine Prediger.

:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (III)

Warum erscheint die Botschaft, daß der Mensch „an sich böse“ sei, man niemandem helfen solle (als Ausrede: nicht könne), und sich sogar vorsorglich selbst egoistisch gegen seine Mitmenschen wenden müsse, so populär? Immerhin scheint eine Vielzahl von Unterhaltungsformaten, die besonders erfolgreich ist, gerade auf dieses Bild zu vermitteln.

Wir begeben uns hier in den Bereich der Spekulation, da umfassende empirische Daten zur Rezeption von The Walking Dead nicht verfügbar sind, wie ja überhaupt den Anlaß zur Abfassung eines Essays meist darin besteht, daß Ressourcen und institutionelle Möglichkeiten zu empirischer Forschung fehlen; ganz ohne empirische Basis wollte Herr Sathom allerdings nicht auskommen, und hat daher eine umfassende Suche nach Online-Äußerungen zur Serie durchgeführt, die in einer weiteren Folge ausgewertet wird. Nur würde er das Ergebnis nicht als „statistisch relevant“ bezeichnen..

Immerhin haben wir den Anhaltspunkt, daß Serien, die ein negatives Menschenbild betonen, unabhängig vom Sujet Konjunktur haben.

The Walking Dead läuft hervorragend, und ist derzeit auf elf bis zwölf Staffeln projektiert. Die Serie Defiance hingegen, die ein postapokalyptisches Szenario anders behandelt – hier gelingt es, ein sicherlich fehlerhaftes, teilweise korruptes, doch ohne ständigen Massenmord funktionierendes Gemeinwesen aufrecht zu erhalten – mittlerweile nach drei Staffeln eingestellt. Serien mit vergleichbarer Botschaft wie Game Of Thrones oder House Of Cards erfreuen sich zugleich immenser Beliebtheit.

Nehmen wir die Aussage der Serienschöpfer ernst, daß es bei TWD nicht um die Zombies, sondern die Menschen geht, müssen wir zugestehen, daß der genreübergreifende, gemeinsame Nenner derzeit sehr beliebter Serien deren Misanthropie ist; wobei TWD zuletzt offen diskutierte, ob die „Wirklichkeit“ darin bestünde, daß der Mensch eine Bestie sei. Was, da wie erörtert vor der Katastrophe zugleich nach der Katastrophe ist, bedeuten würde, daß er es immer ist. Die Wirklichkeit der Zombiewelt also auch die unserer Gesellschaft.

Kann es sein, daß eben diese Botschaft dem Zuschauer willkommen ist?

Suchen wir nach Indizien.

Wenn Rick seinen Sohn Carl davor warnt, Anderen zu trauen, ihm einschärft, daß er gerade unter vielen Menschen nicht sicher sei; wenn sich der Vorbehalt gegenüber dem Fremden immer wieder bestätigt; entspricht das nicht Einstellungen, die in unserer Gesellschaft zunehmend verbreitet sind?

Das paranoide Mißtrauen, das gerade das Verhältnis der ökonomisch besser Gestellten prägt (zu Angehörigen derselben Schicht wie gegenüber denen anderer Schichten), derjenigen, die ihre Kinder nicht mehr allein zur Schule gehen lassen, verweist auf die existentiellen Ängste, die sich in Zeiten wirtschaftlicher Verunsicherung als allgemeines Mißtrauen, als Furcht vor unspezifischen Gefahren äußern.

In Herrn Sathoms Kindertagen konnte ein Erstklässler, der eine Woche nach der Einschulung noch an Muttis Hand erschien, sich allgemeinen Spotts sicher sein; heute begleiten, wie Fernsehberichte und dem Verfasser bekannte Eltern bezeugen, Erziehungsberechtigte ihre Kinder bis zur dritten Klasse bis ins Schulgebäude, sofern dessen Hausherr dem Spuk nicht wehrt. Es ist dies nur ein Beispiel von vielen. Die urban paranoia, die laut Stephen Kings Essayband Danse Macabre: The Anatomy of Horror der Autor Ira Levin in Rosemary’s Baby dem New Yorker attestiert, scheint auch hierzulande allgemeine Grundhaltung geworden.

Der Andere, der uns entgegentritt, ist potentiell ein gefährlicher Freak – und zwar immer; das ist das Lebensgefühl der Generation Hubschrauber, die ihre Kinder am liebsten bis in den Klassenraum begleiten würde; die überall, in Jedem, den Feind wittert. Und wenn nicht diesen, so den störenden Spinner, der einem in der U-Bahn die Obdachlosenzeitung feilbietet – auch den läßt man tagtäglich zum möglichen Verrecken unverrichteter Dinge ziehen, wie Rick den später gefressenen Wanderer, der ebenso weinerlich wie manch ein Bettler dem Auto hinterher fleht (wer weiß, was man sich einhandelte, rettete man den und hätte ihn dann am Hacken).

:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (II)

Wir haben in der letzten Folge konstatiert, daß The Walking Dead ein bestimmtes Bild der Wirklichkeit zeichnet; und daß im Verlauf der fünften Staffel verstärkt thematisiert würde, worin diese besteht.

Bei oberflächlicher Betrachtung eindeutig darin, daß der Mensch „in Wirklichkeit“ ein Ungeheuer sei; daß Grund zum Mißtrauen gegenüber jedermann bestünde, da nach dem Zusammenbruch der Zivilisation die Überlebenden nichts Besseres zu tun haben, als aufeinander loszugehen – teils im Kampf um Ressourcen, teils aus irrationaler Lust am Morden und Vergewaltigen. Was wiederum ggf. dazu berechtigt, vorauseilend selbst grausam oder bösartig zu handeln, um ihnen zuvorzukommen.

Einzelne Charaktere beharren dabei darauf, daß ihre aktuelle Situation die Wirklichkeit an sich sei, und zwar die der Verfassung des Menschen, die sich nach einem hypothetischen Ende der Plage nicht ändern würde (also auch vor ihrem Ausbruch keine andere gewesen wäre); daß also Zivilisation, Mitmenschlichkeit etc. immer nur Schein sind, die den tatsächlichen Zustand des Menschen nur verschleiern. Doch nicht nur die Protagonisten geben diese Einstellung kund, und handeln ihr gemäß – auch die Ereignisse der Serie selbst zeigen eine Realität, in der die These zutrifft.

Nun verhalten sich in Krisensituationen sicherlich viele Menschen egoistisch, sogar monströs; jedoch eben nicht alle. Die Wirklichkeit der aktuellen Flüchtlingssituation belegt, daß unter entsetzlichen Bedingungen keineswegs Jeder die innere Bestie entdeckt – viele fliehen, statt an der gegenseitigen Zerfleischung teilzunehmen, viele helfen ihnen selbstlos. Hilfe unter Lebensgefahr, wie sie die „Ärzte ohne Grenzen“ in Kriegsgebieten leisten, eine Vielzahl von Beispielen belegt, daß sogar unter grauenhaften Umständen nicht jeder Mensch seine bestialische oder auch nur opportunistische Natur demonstriert, sondern ebenso gut zu altruistischem, sogar aufopferndem Verhalten fähig ist. Die Frage nach der „Wirklichkeit“ der in der Serie beschriebenen menschlichen Natur ist damit nicht vollends erledigt, jedoch auch nicht eindeutig beantwortet; um so mehr müssen wir fragen, wie es gelingt, die Überbetonung eines Aspekts menschlichen Verhaltens als ausschließliche Wirklichkeit zu vermitteln.

Wie wird „Wirklichkeit“ im Zusammenhang der Serie also konstruiert (und wie tut Unterhaltung dies allgemein)?

Zunächst auf recht offensichtliche Weise. Beinahe alles, was Rick und seinen Begleitern geschieht, ist geeignet, ihre Grundhaltung zu bestätigen: Jedem Fremden ist zunächst zu mißtrauen; beinahe alle sind gefährlich. Entweder beabsichtigen sie, der Gruppe zu schaden, oder erweisen sich als inkompetent, unfähig, sich der von Rick & Co. begriffenen Realität zu stellen, und dadurch als Risiko. Vom Governor bis zu den Terminauten begegnen unseren Helden Heerscharen von Soziopathen, als habe die gesamte übrige Menschheit entschieden, der beste Weg, der Zombieplage zu begegnen, bestünde nicht in Kooperation, sondern darin, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen. Nun sind alle Erfahrungen, die unsere Protagonisten machen, allerdings inszeniert – sie folgen einer Dramaturgie, die den Eindruck wiederholter Bestätigung einer bestimmten Realität suggeriert, jedoch eigentlich gezielt zu diesem Zweck konstruierte Ereignisse aneinander reiht. Was hier begegnet, ist die Erzeugung von „Wirklichkeit“ durch Redundanz – indem immer wieder vorgeführt wird, daß der Mensch ein Monstrum ist, gerinnt der Eindruck zur Gewißheit. Die Konstruktion von Wirklichkeit im Alltag funktioniert kaum anders: „Wie jeder weiß“, „Es ist allgemein bekannt“, „Nun ist es ja so, daß“ lauten nur einige der Floskeln, denen vermeintliche Gewißheiten folgen, und die ihre Autorität aus dem Verweis auf „Alle“ beziehen; auf die Gesellschaft also, gegen die man sich stellen (oder vor der man als Narr gelten) müßte, widerspräche man.

Ein weiteres bewährtes Mittel, Realität zu produzieren, besteht in schlichter Weglassung – ehrliche, hilfsbereite, „gute“ Menschen, die nicht zugleich verheerend inkompetent oder als zwangsläufige Opfer markiert sind, kommen in der Serie weitaus seltener vor, als die omnipräsenten „Bösen“, die das „wirkliche“ Wesen des Menschen wiedergeben (daß sie vorkommen, wird noch zu erörtern sein).

:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (I)

Die Wanderleichen sind weitergezogen; und mit ihnen Sheriff Rick samt Kumpanen.

Zum Ende der 5. Staffel der Walking Dead einige Gedanken.

Sie gelten nicht den zur Genüge behandelten Qualitäten der Serie, ihren gern aufgezählten Besonderheiten wie etwa der für eine Fernsehserie extremen visuellen Brutalität, oder den üblichen Betrachtungen darüber, was die Toten bzw. Untoten kulturell bedeuten (die aufgrund ihrer Allgemeinheit den spezifischen Film, die gerade besprochene Serie oder das Buch selten treffen); sondern der Frage, was Wirklichkeit sei.

Denn gerade diese Frage wird gegen Ende der vierten, und im Verlauf der gesamten fünften Staffel von den Protagonisten der Serie aufgeworfen, und ausführlich erörtert; also von den Autoren bewußt thematisiert.

Zuvor jedoch einiges Allgemeine (das für die weitere Erörterung notwendig sein wird):

Beginnend mit Night of the Living Dead gilt der Zombiefilm als sozialer Kommentar. Die Botschaft, mehr oder weniger: Die eigentlichen Ungeheuer sind wir. Deutlicher als in der Erfolgsserie, die sich das Motto Fear the Living auf die Fahnen geschrieben hat, kam dies allerdings selten zum Ausdruck; wesentlich handelt die Serie vom Bösen, das die Überlebenden einander antun, während im Hintergrund dekorativ einige Leichen herumschlurfen. Die Untoten sind nur Anlaß; wozu der Mensch fähig sei, das eigentliche Thema.

Rick und seine Gruppe, die sich durch die zombieverseuchte Welt schlagen, machen in den ersten Staffeln wiederholt die Erfahrung, daß der größte Feind des Menschen längst der Mensch ist. Sie lernen, daß nahezu jeder Böses im Schilde führt – die anderen Überlebenden zum eigenen Vorteil auszuplündern, umzubringen oder den Walkers, den Untoten, zu überlassen bereit ist. Sie beginnen, Güte als gefährliche Schwäche, Tötungshemmung als Versagen vor den Anforderungen der Situation aufzufassen; sie werden nach und nach skrupelloser – verweigern anderen auch Hilfe, überlassen sie dem sicheren Tod. Oder, wie Rick in Folge Zehn der fünften Staffel fordert: tun, was sie tun müssen, um sich der Realität anzupassen.

Daß man entweder „Schlächter oder Schlachtvieh“ sei, lernen wir diesmal bereits in der ersten Staffelfolge; die Tötungshemmung des Protagonisten Tyreese wird von seinen Mitstreitern grundsätzlich als Makel behandelt, und daß Kinder sterben müssen, wenn sie „nur Gutes in sich“ haben, erfuhren wir schon in der vierten Staffel.

Und die Untoten?

Als Bedrohung spielen die seligen Verstorbenen in The Walking Dead kaum eine Rolle. Nicht ausschließlich, doch recht häufig nur Teil der Landschaft, (part of the landscape, wie ein Kommentator auf io9 einmal schrieb), werden sie am Zaun menschlicher Bollwerke fast schon beiläufig ausgejätet, eine Gelegenheit, sich vor dem Frühstück noch etwas Bewegung zu verschaffen; gefährlich macht sie häufig erst menschliche Niedertracht, etwa, wenn es gilt, sie auf lebende Feinde zu hetzen, ein Topos, den die Serie über und über wiederholt, wie um ständig daran zu erinnern, wozu der Mensch imstande sei (und der, als genüge dies nicht, auch im Spin-Off Fear the Walking Dead bemüht wird). Gefährlich sind sie auch gelegentlich für irgendein armes, von Beißern umzingeltes Schwein, das man seinem Schicksal überlassen kann, vielleicht, um seine Plünnen noch einzusammeln, sobald die Verwesten ihren Verdauungsschlaf halten.

:: TV-Tipp: Zombie-Nacht auf arte

Zu Halloween spendiert arte eine Zombienacht: um 23:40 trifft Bela B. In der ersten Folge von „Hotel Bela“ zum Gespräch auf Zombie-Altmeister George Romero, danach um 00:10 h die Free-TV-Premiere von Michele Soavi’s „Dellamorte Dellamore“, basierend auf einem Drehbuch von Tiziano „Dylan Dog“ Sclavi, den Herr Sathom für einen der besten und ungewöhnlichsten Zombiefilme aller Zeiten hält – eine furiose Achterbahnfahrt, die von Zombiesplatter-Komödie zu nekromantischer amour fou und im Weiteren zu einer Achterbahnfahrt durch die seelischen Abgründe des Protagonisten mutiert, ohne dabei ihren sarkastischen, schwarzen – teils auch als gesellschaftskritischen Kommentar lesbaren – Humor zu verlieren.

Wen’s stört, daß sich „Hotel Bela“ mit einer Doppelfolge „Supernatural“ auf Pro 7 überschneidet, kann sich mit dem Widerholungstermin am 10.11. um 03.45 h trösten; für die Abenteuer des Friedhofswärters Dellamorte ist leider keine Wiederholung geplant.

Übrigens: wer mal etwas anderes sehen möchte als die üblichen Zombie-Splatter, dem kann Herr Sathom auch den kanadischen Film „Pontypool“ wärmstens empfehlen als ungewöhnliche Annäherung ans Thema (Gewaltszenen sind selten, die Protagnisten erleben die Ereignisse als Redaktion einer Radiostation eher aus dem off, teilweise aber akustisch – etwa über einen Reporter vor Ort – hautnah mit), die auch wegen der Ursache der „Zombifizierung“ weitaus unheimlicher und beunruhigender ist als viele andere Bearbeitungen des Themas. Daß es nicht um wandelnde Tote, sondern eher um zombieähnliche Kannibalen geht (wie etwa in 28 Days later), tut dem keinen Abbruch – so wie auch die weitgehende Abwesenheit visueller Gewalt den Film, dem es ebenfalls an einem gewissen Maß sarkastischen Humors nicht mangelt, eher noch verstörender macht.