:: Winnenden

Angesichts der schrecklichen Ereignisse, zu denen ich mich hier – wie viele Andere dieser Tage – äußern möchte, da ich diese Äußerung für geboten halte, und bezüglich derer die Überlebenden, wie auch deren Freunde und Angehörige, mein tiefes Mitgefühl haben, werde ich in diesem Artikel auf die Kunstfigur des Herrn Sathom und dessen launigen Tonfall verzichten. Den Opfern gilt, soweit dies für Menschen, die einem fremd sind, aufrichtig möglich ist, meine tiefe Trauer.

Was geschehen ist, ist fürchterlich, und es geht mir im Folgenden nicht darum, den Täter zu entschuldigen oder den konkret betroffenen Opfern einen Anteil an der Tat zu unterstellen, was nicht nur pietätlos wäre, sondern in Bezug auf sie als Personen auch rein spekulativ wäre. Allerdings, und nicht zum ersten Mal angesichts eines solchen Falles, ist zur medialen, gesellschaftlichen und politischen Reaktion, sowie auch zu den Voraussetzungen einer so grauenhaften Tat mehr zu sagen, als derzeit – wie üblich – von eilfertigen Schreiern nach Verboten und Kontrollen, aber auch von jenen Geiferern, deren Gedanken nur so lange bei den Opfern verweilen, wie nötig ist, um ihnen eine Ausrede für das Austoben ihrer eigenen Haßphantasien am Täter zu liefern, zu hören ist. Immerhin scheint die öffentliche Diskussion mittlerweile gereifter als in früheren Jahren, nachhaltige Erkenntnis oder Willen zur Veränderung – oder wenigstens einen Willen zur Anerkenntnis tiefergehender Ursachen – vermisse ich jedoch immer noch bei vielen Kommentatoren (bei den bestellten Journalisten oder Experten dabei sogar eher als beim Publikum). Was mir an der aktuellen Diskussion wie in vorausgegangenen Fällen auffällt, ist eine Neigung, entweder durch übereilte, monokausale Ursachenbenennung und Schuldzuweisung (etwa in Bezug auf sogenannte „Killerspiele“), aber auch durch die Leugnung der Erkennbarkeit jeglicher Ursache zu vermeiden, sich über den Umstand Rechenschaft zu geben, daß Geschehnisse wie die von Winnenden letztlich die in Einzelfällen extrem und furchtbar ausfallende Konsequenz von Zuständen sind, die unsere ganze Gesellschaft prägen. Der Unterschied zwischen einem school shooting wie diesem, einem Selbstmord oder einem weitaus weniger dramatischen Verlauf besteht dabei m.E. auch darin, daß ersteres nicht mehr ignoriert werden kann – weniger leicht als eine Selbsttötung, und noch weniger leicht als das Schweigen vieler, die stark genug sind, sich solcher brachialer Akte zu enthalten, obwohl das, was Andere zum Extrem treibt, auch ihnen zu schaffen macht. Der Aufschrei, der der extremen Tat folgt, ist angesichts des verursachten Leids verständlich, hat jedoch auch die Tendenz, das Schweigen wieder etablieren zu wollen, welches uns erlaubt, weit verbreitete Umstände, die gelegentlich auch in solche Gewaltausbrüche münden, zu ignorieren.

Zu den Reaktionen, von denen hier zu handeln ist, zählen natürlich zunächst die seitens konservativer Politiker, etwa des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann (CSU), des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein (CSU), aber auch Anderer; diese dienen weniger der Aufarbeitung der Tat und der Vermeidung weiterer solcher Taten, als der Umsetzung eigener Kontrollphantasien und der gleichzeitigen Verleugnung der komplexen Ursachen derartiger Ereignisse. Der zu erwartende, sofortige Reflex von dieser Seite bestand natürlich einmal mehr in einer umgehenden Forderung nach dem Verbot sogenannter „Killerspiele“ – ein so monokausaler wie trügerischer Ansatz, der suggeriert, daß ein Mensch zum Amokläufer wird, könne einseitig und ausschließlich aus seiner Beeinflussung durch ein bestimmtes Medium heraus „erklärt“ werden. Eilfertige Psychologen, die – wie im FAZ-Interview – der Form halber auf die Multikausalität solcher Taten verweisen, dann aber einseitig die Abschaffung bestimmter Spiele fordern und sämtliche anderen Faktoren ausklammern, sind ebenfalls schnell zur Hand. Die Frage, weshalb ein Mensch sich überhaupt erst so weit in eine Phantasiewelt zurückzieht, so vereinzelt wird, daß er gewalttätigen Omnipotenzphantasien verfällt (innerhalb derer bestimmte Spiele vielleicht eines, aber auch nur eines von vielen Versatzstücken seiner Scheinrealität werden, aber keinesfalls die Ursache für deren Entstehen darstellen), wird dabei der Aufmerksamkeit völlig entzogen oder von vornherein vorenthalten – auch der Aufmerksamkeit der Fordernden, sei es, weil in ihrer Mentalität nur bestimmte Deutungsmuster Platz finden, auf die reflexartig zugegriffen wird, sei es aus anderen Gründen. Daß wiederum ausgerechnet Bundesinnenminister Schäuble, der auch in diesem Blog bereits durchaus kritischer Betrachtung gewürdigt wurde, sich in diesem Fall weitaus besonnener äußerte, soll übrigens nicht verschwiegen werden.

In einem Fall wie dem des oben erwähnten Psychologeninterviews fällt vor Allem Eines unangenehm auf: ausgeschaltet und herausgestellt werden soll ein Faktor, der möglicherweise, wenn andere Ursachen sich bereits aufgeschaukelt haben, zu einer solchen Tat beitragen könnte, während andere Faktoren im Weiteren tunlichst ignoriert werden. Mit anderen Worten: verändert werden soll nichts, nicht wirklich jedenfalls, lediglich ein Sündenbock gefunden, der den Schmutz-und-Schund-Stereotypen entspricht, denen früher Comics und generell das Fernsehen ausgesetzt waren. Es erhebt sich zumindest der unangenehme Verdacht, daß hier entweder von tiefer liegenden Ursachen abgelenkt werden soll oder eine einseitige, den falschen Aspekt überbetonende Wahrnehmung vorliegt. Im Übrigen: wenn der interviewte Helmut Lukesch, dessen Argument in der nebulösen Aussage besteht, Computerspiele erweckten „gewisse Einstellungen und Breitschaften“, ohne dabei weitergehende Kausalitäten ausschließen zu können, sagt, es sei „kein kultureller Verlust, wenn dieser ganze Schrott verschwindet“, dann ist ihm zu widersprechen: doch, es wäre ein Verlust – nämlich der einer aufgeklärten Kultur, in der reife, verantwortungsvolle Individuen die Entscheidung, ob und was sie tun, eben auch spielen, selbstbestimmt treffen können, und die aufgegeben würde zugunsten einer Verbotskultur – und dies nur zu dem Zweck, gleichgültige oder verantwortungslose Erzieher, denen es egal ist oder nicht auffällt, was ihre noch unmündigen Kinder tun, und ob diese in eine Isolation oder eine Sucht abrutschen, von jeder Verantwortung freizusprechen. Spießertum par excellence, getarnt durch ein vorgeblich wissenschaftliches Mäntelchen. Und nebenbei ein eigenartiges, sehr deutsches Konzept von Kultur – sauber muß diese sein, ordentlich und nicht anstößig, und braucht keinesfalls etwas mit zvilisatorischen Errungenschaften wie etwa verantwortlicher Selbstbestimmtheit zu tun haben. Dies muß auch den eifrigen Verbotsforderern unter den Politkern entgegengehalten werden – daß sie, anstatt verantwortliches, reifes Handeln der Eltern einzufordern oder zu fördern, durch solche Verbote lieber die Allgemeinheit entmündigen wollen.

Die sehr besonnene und sachliche Reaktion des Branchenverbandes Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) zu solchen Forderungen kann übrigens hier nachgelesen werden.

Der im Grunde ebenso naheliegende Schluß, daß unzählige Menschen verschiedensten Alters solche Spiele spielen, Pornographie oder gewalttätige Filme konsumieren usw., jedoch auch in Situationen extremer seelischer Belastung nicht Amok laufen, die genannten Faktoren also keine primär ursächliche Beziehung zu solchen Taten haben können, wird bei derlei Reaktionen im Übrigen komplett übergangen (abgesehen davon, daß man den realen Umgang mit einer Schußwaffe nicht in Computerspielen lernt, sondern anderswo). Konstruktiver wäre wohl die Frage, weshalb die Mehrzahl derer, die gleiche oder ähnliche Interessen teilen, nicht zu Amokläufern wird – womöglich entdeckte man, ginge man dieser Frage nach, woran es den zu Tätern werdenden mangelt, könnte rechtzeitig intervenieren, doch verlangte dies natürlich Mühe, auch hinsichtlich der Infragestellung von Klischees, die offenbar niemand investieren will. Da ist es einfacher, nachträglich die üblichen Verdächtigen abzuhandeln. Daß „Gewaltspiele“ möglicherweise sogar vielen die Möglichkeit geben, Aggressionen abzureagieren, ohne real gewalttätig zu werden, will man in diesem Kontext natürlich erst recht nicht hören (daß, wie in der Diskussion teilweise vorgebracht, dies bei den school shooters letztlich nicht funktioniert habe, ist dabei ein absurdes Argument – denn zuallererst hat bei diesen im Vorfeld zu vieles Andere nicht funktioniert, als daß kathartische Abreaktion noch hätte etwas nützen können).

Allerdings muß in Rechnung gestellt werden, daß bestimmte Medien (welche Fluchten ermöglichen oder Gewaltlösungen vorführen) bis zu einem bestimmten Altern Kindern vorenthalten werden sollten, wiewohl ihnen auch Konfliktbewältigungsstrategien und Regeln für das Miteinander, sowie auch für den Umgang mit belastenden Situationen vermittelt werden müssen. Hier allerdings ist die elterliche und sonstige erzieherische Verantwortung gefragt – wen nicht schert, was das minderjährige Kind in seinem Zimmer treibt, wer den Konflikt scheut, auch einmal ein Verbot auszusprechen und dessen Einhaltung durchzusetzen und zu kontrollieren, wer nicht bemerkt, wenn mit und für das eigene Kind über einen langen Zeitraum etwas fatal schief läuft, wen es als Betreuer nicht kümmert, ob in einer Gruppe oder Klasse Individuen tatsächlich ausgegrenzt werden oder sich meinetwegen fälschlich ausgegrenzt fühlen, den zu entschuldigen, indem man einfach ein bestimmtes Medium denunziert, ist lediglich Ausdruck einer gesellschaftlichen Heuchelei, die jegliche Verantwortung leugnet. Wohlgemerkt: das häufig angeführte Argument, die Eltern seien aufgrund eigener Belastung zu Alledem oft nicht mehr in der Lage, ist nicht völlig falsch, es bei der Vorbringung dieses Arguments zu belassen, verschiebt jedoch lediglich die Grenze der Verantwortungsleugnung. Denn es ist eine Aufgabe der Gemeinschaft, Eltern die Möglichkeit zu verantwortungsvollem Handeln zu geben, und sei es durch Schaffung von Freiräumen, die der Erziehung dienen können, anstatt sie in einen gesellschaftlich und wirtschaftlich bedingten und gewollten Überlebenskampf zu verwickeln, der ihnen kaum Luft für anderes läßt. Zudem: eine Gesellschaft, in der ein Ellbogen- und Konkurrenzklima herrscht, bringt auch Eltern hervor, die ihren Kindern Verhaltensweisen vermitteln, die durch Gleichgültigkeit und Aggressivität „Außenseiter“ mitschaffen. Heuchlerisch allerdings ist die Behauptung, Eltern könnten eine Kontrolle ihrer Kinder nicht mehr vornehmen, weil sie technisch weniger kompetent seien als diese (ein „Argument“, das ich in einer Fernsehdiskussion tatsächlich einmal von einem „Experten“ hörte). Solche Kompetenzen kann man sich aneignen – man muß nur wollen.

Das „Argument“ der „Killerspiele“ fällt im Übrigen in eine Kategorie gesellschaftlicher Vorurteile, die schnell bei der Hand sind, wenn es darum geht, bestimmte Arten des Andersseins zu stigmatisieren und für Dinge verantwortlich zu machen, denen viel komplexere, auch gesellschaftliche, Ursachen zugrunde liegen. Dazu gehören Argumentationen, die der Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen, bestimmten Musik- oder Spielvorlieben, oder anderweitigen vom Mainstream abweichenden Orientierungen ursächlichen Charakter für Gewalttaten zuschreiben. Derlei dient sowohl der Stigmatisierung (folgt also dem selben Mechanismus, der „gefährliche Außenseiter“ (s.u.) erst produziert) des „Anderen“ und „Andersartigen“, als auch der Verschleierung und Verleugnung der eigentlichen Ursachen – bis hin zu der Leugnung eigener Verantwortlichkeit für den Umgang miteinander, und für die wohlwollende(!) Aufmerksamkeit füreinander.

Bezüglich dieser Stigmatisierungsmechanismen zeigen zwei Kommentare in der FAZ, wie schwierig es scheint, sich auch bei bestem Willen von bestimmten Sprach- und damit Denkklischees zu lösen. Da meint Stefan Dietrich, Kommentator der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Lehrer und Schüler müßten lernen, „gefährliche Einzelgänger“ zu identifizieren, bevor sie zu Mördern würden; die Formulierung scheint mir bedenklich (denn wie etwas gesagt wird, ist oft bedeutsamer, als was gesagt wird, und keineswegs zu vernachlässigen). Beide Kommentare dieses Autors sind im Ganzen durchaus nicht paranoid oder per se stigmatisierend; sie scheinen so gemeint, daß wir alle mehr aufeinander achten sollten, auf die ausgesandten Signale solcher, die abdriften; darauf, wer zu kurz kommt, wo jemand Probleme haben oder seelisch belastet oder krank sein könnte. Ja, es wäre schön, wenn es darum ginge, präventiv helfend einzugreifen, um Leben zu schützen, aber auch die an den Rand Gedrängten ihrerseits rechtzeitig aufzufangen, ja, auch sie nötigenfalls an Schlimmerem zu hindern. Der Tenor beider Kommentare geht in diese Richtung. Zumal es – im Gegensatz zu weiter unten beschriebenen Positionen – eben stimmt: man kann bestimmte Tendenzen rechtzeitig erkennen. Ist jedoch im ersten Kommentar des Autors vom „gefährlichen Einzelgänger“, in der Überschrift des zweiten von „menschlichen Zeitbomben“ die Rede, so sind dies Formulierungen, die einer Tendenz, Außenseiter erst recht zu verdächtigen und mit Mißtrauen zu betrachten, eher Vorschub leisten. Ihn noch weiter zu isolieren und stigmatisieren, anstatt danach zu fragen, wie einer zum Außenseiter werde, der Ablehnung, die ihm entgegenschlägt, noch ein Weiteres hinzuzufügen – die Unterstellung per se, er könnte auch ein Mörder sein. Vielleicht sogar: durch übertriebene, furchtgesteuerte Aufmerksamkeit Außenseiter erst zu erzeugen. Mithin also, die Ursachen, die sich zu einer solchen Katastrophe aufaddieren können, noch zu verstärken, zerstörerische Gruppendynamiken – die sich zumeist gegen Einzelne richten, aber eben jederzeit auf die Gruppe zurückschlagen können – um ein weiteres Quentchen Unterstellung und Mißtrauen anzureichern. Die Kommentare in ihrer Gänze zeigen deutlich, daß es Dietrich keineswegs darum geht, solche Stigmatisierungen zu vertreten, seine Formulierungen verweisen jedoch darauf, wie schwierig es scheint, nicht in eine Sprache zu verfallen, die auf Stereotypen zurückgreift, welche Außenseiter – gefährlich oder nicht – erst schaffen, und zugleich deren Ausgrenzung rechtfertigen. Den eigentlichen Denkfehler jedoch, den Dietrich m.E. begeht und der die ganze Diskussion durchzieht, möchte ich erst am Ende dieses Artikels aufgreifen.

Ich kann hier nur feststellen, daß ich selbst zu jenen Menschen gehöre, die gern auch aggressive Computerspiele spielen (wobei es allerdings auch eine Grenze gibt), wie auch zu jenen, die in ihrem Leben – bereits schon als Kind und über lange Zeiträume – hinreichend Erfahrung mit Ausgrenzung und Mobbing, wie auch mit dem Umstand, daß etwa Erzieher diese gern übersehen, sammeln konnte. Ich habe jedoch glücklicherweise auch andere Erfahrungen sammeln dürfen und mich aufgrund weiterer günstiger Einflüsse (inwieweit Anlagen hier eine Rolle spielen, muß Mutmaßung bleiben) stets in der Lage gesehen, meine Situation und mein Umfeld zu reflektieren; dies und die teils angelegte, teils erworbene Fähigkeit, selbst Empathie zu entwickeln, haben sicherlich ihr Teil dazu beigetragen, daß ich keinerlei Impuls verspüre, auf irgendwen mit einer Schußwaffe loszugehen. Denjenigen, die ich als wunderbare Freunde kennen darf, bin ich zu mehr als nur ein wenig Dank dafür verpflichtet, daß ich das Leben und die Menschen auch anders erfahren durfte, als viele weit weniger Glückliche; den Ausführungen im Blog des Berzerk Raccoon in dieser Hinsicht kann ich mich daher nur anschließen. Simple Kausalketten wie die, daß aggressive Computerspiele eben aggressiv machen, oder daß wer „anders“ ist, automatisch gefährlich sei, kann ich jedenfalls aus o.g. Gründen nur als Unfug bezeichnen. Immerhin ein Unfug, der einem häufig entgegentritt: daß jeder Goth ein Satanist sei, ist sicherlich eine Vorstellung, die in vielen Köpfen herumspukt, wie auch lange Zeit (ob aktuell noch, ist mir nicht bekannt) eines der absurdesten „Warnsignale“ für eine mögliche satanistische oder okkultistische Orientierung des eigenen Kindes, welches besorgte Eltern in Broschüren von Sektenberatungsstellen finden konnten, in dessen Interesse an Fantasy-Rollenspielen bestand. Der Mechanismus, den Stephen King in seinem Essay „Danse Macabre“ als „watch out for the monster“ bezeichnet, ist in vielen Bereichen unserer Gesellschaft aktiv; und manchmal ist das Monster eben bereits ein Introvertierter, oder einer, der nicht die richtigen Klamotten oder den richtigen Musikgeschmack hat. Daß dieser Mechanismus den Außenseiter erst erzeugt, ihn im Extremfall auch gefährlich macht, scheint mir offensichtlich; um so prekärer muß es anmuten, wenn Rufe nach mehr Aufmerksamkeit für Andere selbst bei gutem Willen so formuliert werden, daß sie eben eher nach Monstersuche als nach Anteilnahme und Miteinander klingen. Denn dies zeigt, wie sehr ausgrenzendes Reden und Denken in der Gesellschaft verankert sind.

Das schnell aus dem Ärmel geschüttelte Klischee, das vorgibt, das „Böse“ sei einfach durch bestimmte Computerspiele oder Filme verursacht, blendet die Frage aus, weshalb überhaupt jemand sich vermittels dieser, die bei anderen keinen solchen Effekt haben, so weitgehend aus der Realität zurückzieht, was diese Realität für die Betreffenden so unerträglich mache. Und die Frage soll ausgeblendet werden – daß mit der gesellschaftlichen Realität alles in Ordnung sei, eben nicht in Frage gestellt werden. Zu diesem Zweck werden Symptome und Folgen – übermäßige Beschäftigung mit „Killerspielen“, Horrorvideos etc. – zu Ursachen umgedeutet.

Als ebenso inakzeptabel muß jedoch die großäugige Verlautbarung abgewiesen werden, das Geschehen sei eben unerklärlich oder unverständlich, ist sie doch letztlich nur eine andere Form der Weigerung, vor sich selbst von den wahren, komplexen, und über einen langen Zeitraum sich aufbauenden Ursachen solcher Taten Rechenschaft abzulegen. Wer so argumentiert, weigert sich damit in toto, den vielfältigen Hintergründen, die gesamtgesellschaftlich bedingt sind und sich tragischerweise bei wenigen Einzelnen irgendwann derart fokussieren, daß sie im Exzeß hervorbrechen, ins Auge zu sehen, und gebärdet sich statt dessen lieber so, als fiele „das Böse“ eben unberechenbar vom Himmel. Gerade die Rede vom Unerklärlichen heißt dabei vor Allem: daß man gar keine Erklärung wünsche, nichts verstehen wolle. In diese Kategorie fallen auch Äußerungen, die zwar dahingehend richtig sind, daß sich solche Taten nie werden völlig verhindern lassen (was trotz der hier benannten Ursachenkomplexe auch von mir keineswegs behauptet wird), dies jedoch zum Anlaß nehmen, jede Erklärbarkeit wie auch jede Verantwortung des näheren Umfelds wie der gesamten Gesellschaft schlichtweg zu leugnen, und die Tat wie eine Naturgewalt behandeln, für die eben niemand etwas könne. Noch zynischer wird diese Aussage, wenn sie darauf verweist, daß andere, die Ausgrenzung, Mobbing oder Benachteiligung erleben, nicht zu Amokläufern würden, weil in diesem Fall die an sich richtige Feststellung, die oben auch in Bezug auf Computerspiele angeführt wurde, in unerträglicher Weise so gewendet wird, als könne (ergo: müsse) man dann ja gegen solche Erscheinungen nichts tun: so lang diejenigen, die unter solche Erfahrungen machen und an ihnen leiden, nicht zur Waffe greifen, ist ja alles in Ordnung, kann man sie weiter ignorieren. Und bei denen, die zur Waffe greifen, gibt man in aller Unschuld vor, sich nicht annähernd vorstellen zu können, was sie dazu treibe.

Auch für diesen verlogenen Umgang mit dem Thema finden sich einige Beispiele. Diese führen beispielsweise summarisch alle heranziehbaren Faktoren – von denen des Umfelds bis hin zu endogenen Ursachen in Form einer möglichen Psychose von Anoktätern – heran, um dann pauschal zu behaupten, diese reichten zur Erklärung nicht aus (wohlgemerkt ohne einen wirklich fundierten, über reine Rhetorik hinausgehenden, nachvollziehbaren Grund anzugeben, weshalb nicht). In diese Kategorie fällt etwa Christian Geyers Besprechung des „dokumentarischen Romans“ (insoweit ein solcher überhaupt möglich sein soll) „Ich bin voller Hass – und das liebe ich“ (Eichborn) des Journalisten Joachim Gaertner. Geyer nimmt schlichtweg Gaertners – der laut Verlagsinfo Literaturwissenschaft, Linguistik, Indologie, Theologie und Kunstgeschichte studierte und somit als Journalist sicher auf keinem der in Frage kommenden Gebiete, sei es Soziologie, Psychologie oder Psychiatrie, über hinreichende Kompetenz verfügt – persönliche Unfähigkeit (oder Unwillen), aus dem ihm vorliegenden Material Schlüsse zu ziehen, als Beleg für die Tatsache, daß solche Schlüsse nicht möglich seien; suggestiv fragt er, ab wann eine Begebenheit in der Biographie der Täter ein „Indiz“ (nicht etwa: eine Ursache) für die spätere Tat, ab wann völlig belanglos sei, kurzum, er spricht, darin Gaertner folgend, allen empirisch erfaßbaren Ereignissen jegliche Bedeutung ab, um mit ihm schlußfolgern zu können, die Taten geschähen „aus dem Nichts, banal, unerklärlich“ und es gäbe „keinerlei Anhaltspunkte dafür, warum und aus welchen Motiven die Täter handeln“ (allerdings: das Böse ist banal, aber nichtsdestoweniger unerklärlich, oder aus einer jenseitigen Daseinssphäre hereinbrechend). Indem einfach alle vorhandenen empirischen Daten für irrelevant und belanglos, da gleichwertig erklärt werden, wird das eigene Scheitern daran, aus der Empirie Schlußfolgerungen zu ziehen, zum Ergebnis der empirischen Forschung umgedeutet. Nebulös wird zu diesem Zweck auf „Leerstellen“ in den biographischen Selbstzeugnissen der Täter hingewiesen, wobei das Unvermögen oder der Unwillen, Zusammenhänge zu sehen, als Tatsachenzeugnis ausgelegt werden – so, als müßte man von den Tätern eine ausführliche, reflektierte Selbstanalyse erwarten können, und so sie diese nicht liefern, auch nichts zu Analysierendes annehmen bzw. auf dessen Nichtvorhandensein schließen. Gaertner, so Geyer, erfahre das Ungenügen, nicht über Klassifikationen hinauszukommen, und tappe nicht in die Falle, diese für Erklärungen zu halten. Immerhin eine Leistung. Offenbar scheitern aber beide daran, dieses Ungenügen als ihr eigenes zu erkennen und die Klassifikationen reflektorisch zu durchdringen, und erklärt zumindest Geyer vielmehr das Scheitern des Unterfangens damit, daß es an sich eben scheitern müsse (was ungefähr so ist, als wolle man aus eigenen mangelnden Rechenkünsten ableiten, Mathematik funktioniere eben nicht). Was auffällt: daß, wenn Gaertner sagt, es seien „die Fragen, die diese Texte aufwerfen, die unsere scheinbar sichere Position gegenüber – sagen wir ruhig: gegenüber dem Bösen unterminieren.“, dies nur eine Ausrede ist, eben gerade eine sichere Position zu beziehen, nämlich eine, die kausale Zusammenhänge und Verantwortlichkeiten leugnet und „das Böse“ mystifiziert als etwas, vor dem man nur verständnislos starrend verharren kann – was sicher sehr hilfreich ist, sofern man die Dinge einer rationalen Kritik entziehen möchte, indem man sie in eine Sphäre des Zufälligen und Absurden hineinphantasiert.

(Zur Verteidigung Gaertners ist allerdings nachzutragen, daß dieser sich in Interviews weitaus differenzierter (wenn auch m.E. unbefriedigend) zur Unerklärlichkeit der Tat äußert, als Geyers Rezension als Eindruck vermittelt. Ein solches Interview-Beispiel findet sich hier (wobei an diesem „Focus“-Interview wiederum interessant ist, daß Gaertner hier – ohne Bezugnahme auf seinen akademischen Hintergrund – als „Experte“ bezeichnet wird, was nicht seine Schuld ist und einiges über die Verwendung des Begriffs des „Experten“ in den Medien aussagt.)

Einem anderen, wenn auch ähnlich gelagerten Irrtum unterliegt, ebenfalls in der FAZ, Patrick Bahners. Zwar hat dieser prinzipiell recht dahingehend, daß eine komplette Prävention unmöglich sei; und ebenso berechtigt warnt Bahner vor einem Präventionswahn, der eine „wahnhafte Hermeneutik“ (und man möchte hinzufügen: Totalität) des Verdachts installieren könne (wie sie oben ebenfalls skizziert wurde). Besonnen klingt seine Warnung, keine Schlußfolgerungen über die Tathintergründe zu ziehen, ehe noch gesicherte biographische oder anderweitige Erkenntnisse über den Täter vorliegen. Dennoch scheint mir seine weitere Schlußfolgerung falsch, womit sie allerdings auf den Grundfehler der Diskussion als solcher hinweist. Sicher stimmt Bahners’ Beobachtung, daß die nach einer solchen Tat stattfindende Diskussion gewissen Automatismen unterliegt – einige derselben sind hier benannt worden. Und ihm ist dahingehend zuzustimmen, daß die konkrete Hintergrundlage einer solchen Tat stets individuellen Variationen unterliegt; daraus allerdings zu folgern, gesamtgesellschaftliche Anstrengungen seien nicht zu unternehmen, ist nur teilweise richtig. Es trifft zu, daß gesamtgesellschaftliche Eingriffe – zumal Verbote und Kontrollen – nicht am Problem rühren, und ebenfalls, daß das Abdriften von Menschen rechtzeitig zu bemerken, zuallererst den Personen in ihrem näheren Umfeld zufallen muß. Daß man doch Lehrern und Schülern ohne Weiteres zutrauen solle, bestimmte Zeichen rechtzeitig zu deuten, scheint allerdings angesichts der jüngsten Ereignisse blauäugig – wiewohl zugestanden werden muß, daß sich nicht überprüfen läßt, wie oft eine solche Aufmerksamkeit rechtzeitig schon dazu führte, daß jemand eben nicht zum Amokläufer wurde. Der Denkfehler Bahners’, der zugleich das Falsche der gesamten Diskussion schlaglichtartig beleuchtet, erhellt sich aus dieser letzten Überlegung: er besteht nämlich darin, daß es stets nur darum geht, dem Amoklauf als der extremsten, auffälligsten Erscheinungsform des Herausfallens aus allen menschlichen Bezügen vorzubeugen. Das grauenhafteste, nicht mehr zu verleugnende Symptom soll möglichst weitgehend ausgeschaltet werden – sei es durch Verbote bestimmter Computerspiele oder Filme, sei es durch paranoide Beobachtung aller „Außenseiter“. Doch darum kann und darf es nicht gehen. Es muß eine grundlegende Überlegung und Veränderung dahingehend geben, das gesamtgesellschaftliche wie auch das im unmittelbaren sozialen Umfeld stattfindende Miteinander wieder menschenfreundlicher und zumindest erträglicher zu gestalten. Es kann und darf nicht darum gehen, paranoid nach dem potentiellen Amokschützen Ausschau zu halten, oder diesen durch globale Maßnahmen von vornherein weitestmöglich zu vermeiden; sondern darum – aus Prinzip und um der Menschen willen, um unserer selbst willen – die allgemeine Gleichgültigkeit, fast autistische Selbstbezogenheit, Ellbogenmentalität, die unser Zusammenleben nicht erst seit gestern auszeichnen, abzubauen zugunsten eines empathischeren Umgangs miteinander. Nicht nur, um den Amoktäter zu vermeiden – denn dies heißt, sich erst zu interessieren, wenn unmittelbare Gefahr im Anzug sein könnte. Bahners hat also mit seinen Hinweisen recht insofern, als alle diskutierten Maßnahmen keine komplette Sicherheit gewährleisten können, und daß ein Streben nach solcher selbst wiederum gefährlich wäre – doch auch sein Augenmerk richtet sich lediglich auf die Situation, in der das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. In der, anders ausgedrückt, die inhumanen Zustände, an denen viele leiden, durch katastrophischen Ausbruch sich der Wahrnehmung aufdrängen und für einen kurzen Zeitraum jedes Ignorieren vereiteln. Gegenseitige, wohlwollende Aufmerksamkeit füreinander, vielleicht eine zu große und nicht immer erfüllbare Vorstellung, zumindest aber ein geringeres Gegeneinander in der Gesellschaft, würden hingegen m.E. weniger Menschen aus allen sozialen Zusammenhängen fallen lassen als derzeit; dies ist letztlich eine Frage dahingehend, wie wir leben, Andere behandeln und von ihnen behandelt werden wollen, während die Diskussion darum, wie man lediglich vermeidet, daß die Herausgefallen schlimmstenfalls gewalttätig werden, stets Symptompfuscherei bleiben muß.

Dies ist der Grundfehler, an dem der Großteil der Diskussion nach solchen Taten krankt, Bahners‘ Beitrag ebenso wie andere hier umrissene: daß sie sich nur um die Frage dreht, ob und wie das Durchdrehen eines Einzelnen verhindert werden kann, wenn durch die vorgängige Entwicklung die Weichen für einen katastrophalen Ausgang, für das tödliche Scheitern einer Biographie bereits unausweichlich gestellt sind. Diskutiert wird darüber, wie dann weiterer Schaden verhindert werden kann; diskutiert wird überhaupt nur darüber, wie Betroffene zu identifizieren seien, und von angeblicher Inspiration zu, und tatsächlichen Mitteln für gewalttätige Exzesse ferngehalten werden können – eine Diskussion, die fruchtlos ist, weil die Rolle der Inspirationen und Mittel nicht zuverlässig bestimmt werden kann, und die zudem nicht dort ansetzt (vielleicht nicht ansetzen soll), wo ein solcher biographischer Abstieg beginnt, oder bei der Frage, wie ein humanes Miteinander zu gestalten sei, die viel prinzipieller gehalten werden müßte, als nur in Bezug auf die Verhinderung von Amokläufen geführt zu werden. Tatsächlich wird auch für die nach einem Amoklauf diskutierenden Parteien der Mensch erst dann interessant, wenn er als Amokläufer auffällt oder als Opfer zu beklagen ist – eher nicht.

Noch einmal: es soll hier nicht behauptet werden, daß das Herausfallen Einzelner aus der Gemeinschaft, oder sogar Gewalttaten dieser Art, jederzeit hundertprozentig vermeidbar wären; sondern, daß solche Fälle auf einen weitaus umfassenderen Mißstand verweisen, daß sich sehr wohl Ursachen aufzeigen lassen, die den Menschen auf eine seelische Katastrophenkurve leiten können: Ausgrenzung, Mobbing, fehlende Gegengewichte in Form von Zuwendung und Bestätigung, wirtschaftliche, persönliche uns soziale Aussichtslosigkeit, um nur einige zu nennen (daß nicht alle auf den Täter von Winnenden zutreffen müssen – etwa was wirtschaftliche Ausweglosigkeit angeht – unbenommen). Und gewiß mögen Einige, die auf diesem Kurs einen Punkt ohne Wiederkehr überschritten haben, jeder Einwirkung unzugänglich geworden sein oder Hilfsangebote ablehnen, wie Bahner spekuliert. Doch sich lediglich bezüglich dieses Extremfalls für Ursachenforschung zu interessieren und zu konstatieren, daß man im Zweifelsfall gegen diesen eben nichts machen könne, anstatt viel früher für ein humanes Miteinander zu arbeiten, scheint mir eine zynische Ausrede dafür, eben nichts zu verändern und die Hände in den Schoß zu legen.

Es sei hier noch auf eine weitere, nicht selten vorkommende Art der Reaktion hingewiesen, auf die eingangs bereits angespielt wurde: nämlich die Reaktion derjenigen, die kurz lautstark auf das Leid der Opfer und Hinterbliebenen hinweisen, bei diesen jedoch nicht gedanklich in Trauer oder Mitgefühl verweilen, sondern sie lediglich als Anlaß verwenden, um sofort ihr Denken auf den Täter zu lenken und ihren eigenen Aggressionen freien Lauf zu lassen. Da darf man sich dann endlich einmal richtig Luft machen, „Schwein“ und anderes sagen, und sich dabei noch gerechtfertigt fühlen, gibt man doch vor, die Sache der Opfer zu vertreten (die jedoch in Wahrheit nur Mittel zum Zweck sind, den Schalter am Druckventil im eigenen Kopf umzulegen, was sich eben auch daran zeigt, wie kurz ihre Erwähnung abgehandelt wird). Diese Art des Umgangs – für die sich als Beispiel sogar ein Leserkommentar im Blog der FAZ (direkt auf diesen Kommentar kann leider nicht verlinkt werden, aber auf der verlinkten Seite ist er unter anderen Kommentaren zu finden) – ist sicher eine der schäbigsten, die hier möglich ist.

Die Art und Weise wiederum, wie die Boulevardpresse (sowohl die „Bild“-Zeitung, als auch andere entsprechende Blätter) mit den Ereignissen umgeht – im „Bild“-kritischen BILDblog hier oder auch hier nachzuvollziehen – wirft ein weiteres unangenehmes Licht auf die Frage, wie es gesamtgesellschaftlich (denn irgendwer rezipiert diese Berichterstattung schließlich, sie muß den Rezipienten, einem Großteil der Öffentlichkeit also, daher wohl entgegenkommen) um den Respekt vor den Opfern – den Getöteten wie den Überlebenden – und deren Angehörigen, aber auch um eine ernsthafte Analyse der Tathintergründe bestellt sei. Sich oberflächlich als schieres Entsetzen tarnend, äußern sich hier Sensationsgier und Voyeurismus, auf deren Grundlage sogar diese entsetzliche Tat noch kommerziell ausgeschlachtet und verwertet wird. Auch hier gilt wieder: interessant wird’s erst, wenn das Grauenhafte passiert ist; dann allerdings bedient es noch die treibende gesellschaftliche Kraft, den Kommerz.

Letztlich muß gesagt werden: Amokläufe dieser Art sind Extremfälle und glücklicherweise immer noch Ausnahmen. Die Hintergründe der Tat von Winnenden sind noch weiter aufzuklären, und Aussagen darüber, welche Ursachen und Motive vorliegen, bleiben bis dahin rein spekulativ – und leichtfertige, auf Vermutung basierende Schuldzuweisungen an das konkrete Umfeld unzulässig. Doch lehrt die Erfahrung, daß bestimmte Dynamiken von Ausgrenzung und Rückzug sich wiederholen; das Vorliegen zumindest einiger solcher Mechanismen für den vorliegenden Fall von vornherein auszuschließen widerspräche somit zumindest der Erfahrung (womit die Tat selbst, um es zu wiederholen, in keiner Weise gerechtfertigt wird). So lange wir aber darauf Wert legen, in einer sozialdarwinistischen Ellbogengesellschaft zu leben; so lange wir gleichgültig oder sogar bejahend geschehen lassen oder daran teilnehmen, daß wir einander Stacheln im Fleisch sind; so lange uns der Einzelne gleichgültig ist, und im gesellschaftlich geforderten Konkurrenzkampf sich selbst überlassen bleibt und ruhig scheitern, langsam zugrunde gehen kann, sofern er uns nicht in unserer Betulichkeit stört dabei; so lange wir uns als eine Gesellschaft von Einzelkämpfern verstehen, und all dies auch unseren Kindern vermitteln und vorleben, und nichts dabei finden, wie sie miteinander umgehen, und erst dann scheinheilig aufschreien, wenn es zum Äußersten kommt; so lange Einzelne vereinsamen können, oder gemobbt, ohne daß sich Erzieher dafür interessieren oder ihr näheres Umfeld von ihrer Lage Notiz nimmt, so lange wird es weiterhin Amokläufe geben, wird es auch weiterhin Selbstmorde geben (wobei der Selbstmörder leichter zu ignorieren, aber auch leicht zu schmähen ist), und das Verbot von Filmen oder Spielen wird daran ebenso wenig ändern, wie die fälschliche Denunziation bestimmter sozialer Gruppen, das noch mißtrauischere Beäugen sogenannter „Außenseiter“ oder „Einzelgänger“, oder die Fiktion, bestimmte Individuen seien eben einfach „böse“ oder „krank“ (letzteres stets vorgebracht in einer Art und Weise, die Krankheit als moralische Verfehlung darstellt), oder man könne das Ganze eben nicht durchschauen oder verhindern.

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2 Kommentare zu „:: Winnenden“

    1. @classless: Nette Verschwörungstheorie. Das Verhalten der Leute an sich, wie Du es schilderst, ist allerdings gruselig (obwohl ich eine gewisse Komik, wenn auch mit Gänsehaut, zugestehen muß). Irgendwie wirken manche Kommentare zum Artikel dort aber auch beinahe so… irgendwie surreal entkoppelt vom Thema. Das muß wohl die sogenannte Postmoderne sein.

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