Archiv der Kategorie: Gelesen

:: Ist Kapitalismuskritik verfassungsfeindlich?

Ich bin gewiß kein unkritischer Fan der beiden einzigen wirklich linken Tageszeitzungen im Land, des Neuen Deutschland (nd) und der jungen Welt (jW). Ich lese beide gelegentlich, weil sie Standpunkte und Fakten präsentieren, die in der bürgerlichen Presse eher nicht, oder nur unter „ferner liefen“ abgehandelt werden; damit bieten sie ein notwendiges Korrektiv zur Weltdeutung der meist bürgerlich geprägten Medien. Zugleich gibt es in beiden Blättern genug altlinke Vorzeitmarxistïnnen, die man als notorische (und schon regelrecht hörige) Putin- und Chinafans bezeichnen kann, um beide nicht vorbehaltlos unkritisch zu lesen. Wie jede andere Zeitung eben auch.

Nun ist es allerdings so, daß die junge Welt seit geraumer Zeit vom Verfassungsschutz beobachtet wird (ein ähnlich benanntes rechtsextremes Blatt, die Junge Freiheit, pikanterweise nicht). Auf eine Anfrage der Partei die Linke hin rechtfertigte das Bundesinnenministerium diese Überwachung jüngst mit einer Begründung, die man nur als kurios bezeichnen kann – und, was Pressefreiheit und Demokratieverständnis angeht, als gelinde gesagt beunruhigend.

Ich will hier nicht alle Punkte dieser „Begründung“ wiedergeben – es empfiehlt sich, diesen Artikel im betroffenen Blatt selbst zu lesen, da er alle „Argumente“ des Ministeriums en detail abhandelt (dazu auch ein Interview mit Amira Mohamed Ali, Kofraktionsvorsitzende der Partei Die Linke). Hier will ich nur auf einen speziellen Punkt eingehen, den ich für besonders prekär halte.

Noch einmal: Es ist nicht so, daß ich die junge Welt bruchlos geil fände; doch das Bundesministerium des Inneren präsentiert hier eine Argumentation, und ein dahinter stehendes Denken, die selbst demokratiefeindlich sind – obwohl sie sich als gegen die Feinde der Demokratie gerichtet ausgeben. Was somit nicht nur die jW als solche gefährdet.

Kurz gesagt behauptet das Ministerium, „die Aufteilung einer Gesellschaft nach dem Merkmal der produktionsorientierten Klassenzugehörigkeit“ widerspräche „der Garantie der Menschenwürde. Menschen dürfen nicht zum ›bloßen Objekt‹ degradiert oder einem Kollektiv untergeordnet werden, sondern der einzelne ist stets als grundsätzlich frei zu behandeln.“

Diese Argumentation muß man sich allerdings mal auf der Zunge zergehen lassen.

Das Innenministerium sagt gewissermaßen: „Nicht diejenigen verstoßen gegen das Grundgesetz, die z.B. ihre Angestellten – etwa in Schlachthöfen, oder den Lagerhallen eines gewissen Online-Handelskonzerns – unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten lassen; nicht sie verletzen die Menschenwürde. Nein, die das kritisieren, tun es. Denn durch ihre Kritik fassen sie diese Leute ja nicht als „freie“ Individuen auf, sondern z.B. als „Klasse“, der sie pauschal übereinstimmende Ziele und Handlungen vorwerfen. Damit berauben sie sie ihrer Menschenwürde.“ (Daß die Betreffenden selbst zuvor objektiv andere ihrer Würde beraubten, ist gleichgültig; ebenso, daß ja sie die Angestellten zum „Kollektiv“ gemacht haben – dem der Ausgebeuteten nämlich).

Ich meine – ehrlich, Innenministerium? Die Gesellschaft ist objektiv in „produktionsorientierte Klassen“ aufgeteilt, und diejenigen, die diese Aufteilung vornehmen, und sie oft menschenverachtend ausgestalten, sind die Privilegierten; und Ihr sagt, wer das ausspricht, greift die Menschenwürde an? Wirklich?

In der Lesart des Ministeriums – und damit der Bundesregierung – degradieren also nicht ausbeuterische Arbeitsverhältnisse oder brutale Mieten die Menschen zu „bloßen Objekten“, und es sind auch nicht die Profiteure dieser Zustände, die das tun; sondern diejenigen, die solche Verhältnisse und deren Profiteure kritisieren. Denn sie behandeln die Beteiligten ja nicht als „grundsätzlich frei“.

Aber – „frei“ wozu eigentlich? Es ist ja nicht so, als könne ein Rumäne, der im Schlachthof Frondienste leistet, oder eine alleinerziehende Mutter mit drei Jobs, einfach weggehen. Der ökonomische Druck macht sie ja bereits unfrei. Die niedrigen Löhne, aufgezwungen von einer neoliberalen Politik, tun das. Und die Nutznießerïnnen dieser Unfreiheit – Aktionärïnnen z.B. – teilen ja nun einmal gemeinsame Ziele, wie etwa die Aufrechterhaltung dieser Form der Ausbeutung. Und sind ebenfalls durch strukturelle Bedingungen in diese Position gestellt, und insofern auch nicht „frei“ (gäben sie ihr Verhalten auf, winkte auch ihnen vielleicht die Armut).

Diejenigen, die objektiv vorhandene Unfreiheit benennen, sind also nach Auffassung des Innenministeriums Feindïnnen der Freiheit – weil, äh, warum noch gleich? Weil sie nicht so tun, als ob wir alle frei wären? Ah, ja.

:: Der verengte Blick

Nach wie vor hält sich, neuerdings unter Covidioten „Maßnahmenkritikern“, die Vorstellung einer „Lügenpresse“, die hierzulande Falschmeldungen verbreitet, Wahrheiten unterdrückt, und das ggf. auf Anweisung finsterer Mächte – wahlweise aus hohen Regierungskreisen, oder aus dem Inneren der Erde – tut.

Klar: Das ist reiner Blödsinn. Doch die Auffassung, daß die Medien kein verläßliches Gesamtbild der Gesellschaft oder bestimmter ihrer Probleme zeichnen, rührt irgendwo her – und trotz abwegiger Erklärungen für das Warum ist sie als Wahrnehmung nicht völlig falsch.

Ein Beispiel.

Wer im vergangenen Jahr die mediale Berichterstattung über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Arbeitsmarkt verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, daß sich 90% der Bevölkerung im Home Office befinden – und nur ein verschwindend geringer Teil, der im Einzelhandel oder im Krankenhaus den Laden in wahrsten Sinne des Wortes am Laufen hält, noch vor Ort arbeitet.

Oder besser: Zumindest im öffentlich-rechtlichen Fernsehen behandelte der Löwenanteil der Berichte die Situation der im Home Office arbeitenden, z.B. die Belastung durch die gleichzeitige Betreuung der Kinder und das Home Schooling. Über die psychologischen Auswirkungen fehlender Ausgehmöglichkeiten und realer Treffen mit Freunden wurde ausgiebig berichtet, und Kleinkünstler*innen und Kulturschaffende erhielten ausgiebig Möglichkeit, sich dazu zu äußern, wie sehr sie Auftrittsmöglichkeiten vor körperlich anwesendem Publikum vermissen, oder überhaupt ihren Alltag meistern.

Viel Sendezeit, viele Textspalten widmeten sich ausführlich den Leiden der Betroffenen, die daheim den Schrecken tobender Kleinkinder ertragen, und zugleich gemütlich vom Sessel aus ihrer Arbeit nachgehen mußten. Okay, das ist vielleicht auch nicht schön; nur, daß tatsächlich zu jedem Zeitpunkt nur etwa 15 – 25% aller Beschäftigten, variierend je nach Studie und Erhebungszeitraum, tatsächlich auf diese Weise arbeiteten. Die Mehrheit der Werktätigen war an der Supermarktkasse, im Pflegebetrieb, auf dem Weg zur Arbeit in öffentlichen Verkehrsmitteln jederzeit dem vollen Risiko der Pandemie ausgesetzt. Medial und damit öffentlich wurde diese Mehrheit jedoch kaum wahrgenommen; Berichte über sie, und über tragische Home-Office-Schicksale, standen also in krassem Mißverhältnis zur wirklichen Verteilung.

Anders ausgedrückt: Die Berichterstattung verhielt sich umgekehrt zur tatsächlichen Situation. Über eine Minderheit wurde mehrheitlich berichtet, die Mehrheit dagegen kaum beachtet. Die Medienschaffenden, könnte man sagen, berichteten quantitativ überwiegend von der Lage einer relativ kleinen gesellschaftlichen Gruppe – der, der sie selbst angehören; und deren Belange sie als die wichtigeren, d.h. berichtenswerten, betrachteten. Danach folgten, hierarchisch gestaffelt, alle anderen Gruppen, je nachdem, wie nahe ihnen diese als Gegenstände ihrer Berichterstattung schon vorher standen; oder die sich in der privilegierten Situation befinden, sich öffentlich Gehör verschaffen zu können (Künstler*innen, Theaterschaffende). Je größer die soziale Distanz, je geringer der Status, desto geringer das mediale Interesse; Geringverdiener*innen, Supermarktpersonal z.B., fanden als Letzte statt.

Unbenommen – die Arbeit im Home Office hat ihre eigenen Probleme, etwa ein Anwachsen des Zugriffs der Vorgesetzten auf die Arbeitenden, deren Privatleben Gefahr läuft, vom Arbeitsalltag verschlungen und sukzessive ersetzt zu werden; dennoch existiert hier ein Mißverhältnis, insbesondere, da Empathie und Interesse sich fast ausschließlich auf eine Minderheit richten, die man in einer Pandemielage durchaus als privilegiert ansehen darf (weil besser geschützt als die Mehrheit).

Warum ist das so?

:: Einmal M-Kopf mit Z-Soße, bitte

Kürzlich gab es ja einige Aufregung um die WDR-Talkshow “Die letzte Instanz”, in der sich einige Gäste – darunter Thomas „Ich werd alt“ Gottschalk und weiß der Teufel, wer die anderen Schnösel und die eine Frau da waren – u.a. echauffierten, daß sie nicht mehr Z1#3<n3;-Soße sagen dürfen oder M(rassistische Bezeichnung hier einsetzen)-Kopf und was nicht noch. Eine Sendung, in der die Beteiligten nach allgemeinen Einvernehmen rassistische Klischees, vornehmlich antiziganistische, reproduzierten und sich aufregten, daß die Betroffenen selbst nicht mehr als Soßenzutat genannt werden möchten. Weil nämlich schon allein wegen der Ermordung zahlloser Sinti und Roma in der NS-Zeit. Kann man nachvollziehen. Bloß die versammelten Promis nicht (und genügend andere Leute ebenfalls nicht). Die fühlen sich nämlich irgendeines heimeligen Wohlgefühls nostalgischer Erinnerung an kinderselige Tage beraubt, weil in der guten Alten Zeit haben wir schon immer so gesagt.

Die Äußerungen solcher Leuchttürme deutscher Leitkultur zogen natürlich weidliche Kritik im gesamten Internet nach sich – Shitstorm nennen das die, die solche Kritik nicht dulden oder hören wollen. Und wirklich – vor dem Hintergrund jahrhundertelanger Diskriminierung sollte das ja auch nicht so schwer sein. Sagen wir z.B. „Paprikasoße“.

Kommen Sie, versuchen Sie’s mal. Erst Paprika, dann Soße. Pap-ri-ka-so-ße. Paprikasoße.

Geht doch, oder? Ist doch ganz einfach, nicht?

Scheinbar nicht. Herr Sathom will hier gar nicht auf die in der Sendung geäußerten Ansichten kritisch eingehen – das haben Andere genügend getan – sondern angesichts solcher, scheinbar nicht enden wollender Diskussionen eine Frage stellen, die ihn gelegentlich beschäftigt: Warum regen sich viele weiße Privilegierte (Promis, Kolumnisten, usw., usw.) eigentlich über das Ansinnen auf, eine sensiblere Sprache zu benutzen? Oder überhaupt die ihnen „Anderen“ – von anderer Hautfarbe oder sexueller Orientierung z.B. – zu respektieren?

Denn was verlieren sie denn, wenn sie einen blöden Soßennamen nicht mehr benutzen dürfen? Hängt ihr Selbstwertgefühl wirklich an so etwas?

Mal ehrlich: Herrn Sathom – selbst ein alter, weißer Sack – ist es scheißegal, ob er zukünftig „Paprikasoße“ sagen soll. Oder „Ungarische Soße“. Oder seinethalben wie immer so eine Soße auf ungarisch hieße, obwohl sie eine deutsche Erfindung ist. Früher, das gibt er offen zu, war ihm das Z-Wort egal, obwohl er keinerlei Vorurteile gegen die damit bezeichnete Gruppe hegte; es war ihm egal, weil er ein privilegierter Weißer war, den die damit verbundene Diskriminierung ja nicht betraf; und er sich folglich nie fragte, wie sich eigentlich Sinti*ze und Rom*nja fühlen, wenn sie es hören. Er meinte das Wort nie diskriminierend; aber er konnte sich eben zugleich auch nicht vorstellen, daß die so Bezeichneten sich dadurch gekränkt fühlen würden. Insofern war er ganz, wie es die Feminstin Sibel Schick mal für Männer formulierte, strukturell bedingt ein Arschloch.

Aber hier kommt die Pointe. Aus eben diesem Grund muß sich Herr Sathom auch nicht aufregen, wenn ihm abverlangt wird, dieses Wort nicht mehr zu gebrauchen. Ihm kann wurscht sein, ob es zukünftig „Paprikasoße“ heißt. Denn: Ihm wird ja nichts weggenommen.

Und das ist der Punkt. Es kostet keinerlei Anstrengung, ist keine Zumutung, beraubt einen keinerlei objektiven Vorteils; es ist vielmehr sensibel und bedeutet, die Menschen, die es verlangen, zu respektieren. Und falls es ein Privileg wäre, das dadurch eingeschränkt würde, dann wohl doch ein ziemlich schäbiges, also leicht verzichtbares Privileg.

Warum also regen sich Vertreter*innen der Mehrheitsgesellschaft bei solchen Themen immer wieder so auf, als würden ihnen Grundrechte geraubt? Die Aggressivität, die Empörung, das Getue, sie wirken, als hätten die Betreffenden das Gefühl, ihnen würde ein Arm abgeschnitten.

Anderes Beispiel: Transgender-Toiletten. Irgendwann vor längerer Zeit – Herr Sathom erinnert sich nicht genau – brachten Leute, die sich als transsexuell oder geschlechtlich unbestimmt verstehen, die Idee einer dritten Klotür auf. In öffentlichen Toiletten also eine für herkömmliche Cis-Männer, eine für Frauen, eine für alle anderen. Gab das einen Radau.

:: Schlüpfrige Superheld*innen

Manchmal kommen auch dem alterfahrenen Comicfan – sogar dem, der sich als lebenslanger Enthusiast einbildet, über Tonnen nutzlosen Sekundärwissens zur Geschichte des Mediums zu verfügen – Dinge unter, von denen er bisher nichts geahnt hat. Und manchmal sind diese Dinge ziemlich verblüffend.

Herr Sathom z.B. liest immer wieder gern den Blog The Patron Saint of Superheroes; dessen Autor Chris Gavaler unterrichtet Englisch, Kreatives Schreiben und zeitgenössische Literatur, wobei er immer wieder den Fokus auch auf Comics richtet. Gavalers Artikel sind oft sehr akademisch und verkopft, was die Analyse des Mediums und seiner Mittel angeht, aber stets interessant und aufschlußreich zu lesen (denn er zeigt Perspektiven des Blicks auf das Medium auf, die dem Laien nicht unbedingt sofort auffallen würden); in einem älteren Artikel ist Herr Sathom jetzt allerdings auf eine Info zur Geschichte der Superheldencomics gestoßen, die er bisher nicht kannte – und sich auch nicht hätte vorstellen können.

Unter dem „freut euch nicht zu früh“-Titel „A brief history of the pornographic superhero“ lernte er, daß das Genre offenbar recht dubiose Geburtshelfer hatte.

Schlechte Aussichten: Spicy Mystery Stories vom Mai 1936

Harry Donenfeld etwa, Eigentümer der National Comics Publications, des Vorläufers von DC Comics, produzierte in den 1920er Jahren vornehmlich sogenannte girlie pulps, Trivialromane also, die ihre Protagonistinnen in anzügliche Abenteuer verwickelten. Die Bezeichnung girlie meinte dabei – anders als man heute assoziieren würde – Erzählungen erotischer Natur, die allerdings kaum über das Entblößen von nackter Haut und Unterwäsche hinausgingen (Ausnahmen kamen vor); heutzutage würden sie kaum als softpornographisch gelten, wirkten damals jedoch anrüchig genug, um Donenfeld eine Anklage wegen Unzucht, und eine nur knapp vermiedene Gefängnisstrafe einzutragen.

Irgendwas ist aber auch immer: Der Tod lauert in der Kleideranprobe. Spicy Mystery Stories, September 1937

Ab 1933 verknüpfte Donenfeld mit seinem Kompagnon Frank Armer derart schwül-erotische Geschichten mit Genreliteratur, und kreierte Anthologieserien wie Spicy Adventure Stories, Spicy Detective Stories, Spicy Mystery Stories and Spicy Western Stories. Anders als die Titelbilder suggerieren, waren die Heldinnen nicht immer damsels in distress und hilflose Opfer, sondern wußten neben ihren weiblichen Reizen auch Fäuste und Pistolen zu nutzen. Allerdings nicht, ohne dabei mindestens ihrer Oberbekleidung verlustig zu gehen. Bondageszenarien waren keine Seltenheit, und gelegentlich nahmen die Übergriffe menschlich-männlicher, aber auch monströser Gegner (Riesenspinnen etc.) Ausmaße an, die heute kaum noch als politisch korrekt durchgehen würden. Dennoch: Halb ausgezogen oder nicht, konnten die Protagonistinnen ihre Bedränger stets in die Schranken weisen, mal mit, mal ohne männlichen Retter.

Spicy Detective Stories, Februar 1935

Obwohl die in den Anthologien versammelten Stories meist Pulp-Geschichten waren, also das, was man früher hierzulande „Schundliteratur“ nannte, trieben einige der Spicy-Heldinnen auch bereits in kurzen, ein- bis zweiseitigen Comics ihr Wesen, so etwa Sally the Sleuth, eine Privatdetektivin, deren Ermittlungen sie oft unter Showgirls, Revuetänzerinnen und Models führten, ihr also reichlich Gelegenheit gaben, sich zu entblößen – das, oder sie geriet in die Fänge verrückter Wissenschaftler oder sadistischer, mit Giftspritzen bewaffneter Matronen (da war es manchmal gut, daß sich an Sallys Strumpfhalter ein Pistolenhalfter verbarg).1)

Und dann war da noch „Olga Mesmer, The Girl with the X-Ray Eyes“. In Comicform in Spicy Mystery Stories abgedruckt, waren Ähnlichkeiten mit dem späteren DC-Helden Superman verblüffend. Olga verfügte nicht nur über den titelgebenden Röntgenblick (mit dem sie, wenn ich das richtig verstehe, nicht nur Mauern durchdringen, sondern notfalls auch Gegner zu Tode röntgen konnte); auch ihre enorme Körperkraft und ihre außerirdische Herkunft erinnern sehr an den Mann vom Krypton.

Olga Mesmer schmeißt mit Männern.

So weit wie Gavaler, der sie als erste Superheldin in Comicform bezeichnet, würde ich dennoch nicht gehen. Diesen Rang machen ihr mindestens zwei andere Vorläuferinnen von Wonder Woman streitig, Fantomah und The Woman in Red – erstere eine „echte“ Superheldin, vielleicht auch eine Magierin oder sogar Göttin, die zweite ein frühes Beispiel der maskierten Vigilant*innen ohne „wirkliche“ Superkräfte.

Um mal eben abzuschweifen: Man kann gewiß diskutieren, ob es sich bei beiden tatsächlich im Superheldinnen im engeren Sinne handelt; Fantomahs fehlende Entstehungsgeschichte (weder ihre Kräfte, noch ihr Hintergrund werden jemals erklärt, sie ist einfach da), ihre nahezuhe Omnipotenz, und ihre Verwandlungen in ein totenköpfiges Wesen legen eher eine Rache- oder Todesgöttin nahe.

So etwas ist mir auch schon mal passiert (war ich aber selbst schuld). – Fantomah von Fletcher Hanks.

Zudem monieren skeptische Comichistoriker das Fehlen einer Geheimidentität. Ich bezweifle allerdings, daß solch enge Definitionsgrenzen das Phänomen der Superheld*innen fassen können. Denn die Übergänge zwischen ihnen und mythischen Wesen, sogar Göttern, sind immer fließend gewesen, wie etwa Marvels Thor und Hercules zeigen, und auch Zweitidentitäten können fehlen, z.B. bei den Fantastischen Vier. Was die Woman in Red angeht, gelten auch Figuren wie Batman als „super“, ohne übermenschliche Fähigkeiten zu besitzen. Was unterscheidet die X-Men von den Mutanten der SF-Literatur? Daß sie bunte Latexkostüme anhaben? Ist Superheldentum eine Frage des Mediums – so, wie manche Historiker Pulp-Figuren wie den Shadow und Doc Savage grundsätzlich als Vorläufer, und erst Comicfiguren als „echte“ Superheld*innen betrachten, oder Superman als die Matrix, die erst alle folgenden Figuren dazu macht? Die Frage, was Superheld*innen in der öffentlichen Wahrnehmung zu solchen macht, wäre tatsächlich einmal einen eigenen Artikel wert – die Kriterien, nach den Verlage und Publikum diese Einordnung vornehmen, erscheinen um so willkürlicher, je genauer man sie betrachtet. Es wäre interessant (vielleicht auch vergeblich), ein Unterscheidungsmerkmal zu suchen, das objektiv Bestand hat.

Aber kommen wir zu einem Problem des Artikels im Patron Saint. Während dortige Beiträge sonst stets gut fundiert und recherchiert sind, enthält dieser leider neben der Frage nach der ersten Superheldin noch einige weitere Punkte, die ich durch eigene Recherche nicht bestätigen konnte und daher als mindestens fragwürdig bezeichnen muß.

Woher der Autor z.B. das Gerücht hat, Jerry Siegel und Joe Shuster hätten Superman zuerst als Softcore-Helden bei Spicy Detective unterbringen wollen, bleibt unklar – so witzig das auch wäre, wenn es stimmte, geben die Wikipedia-Artikel zu Donenfeld und Superman doch keine solche Information her, und ich konnte sie auch nirgendwo anders finden (Gavaler selbst gibt an, damalige Redakteure würden einen solchen Versuch erinnern, nennt jedoch keine Quelle). Daß Donenfeld auch noch irgendwie irgendwas mit Marvel Comics und dem Playboy zu tun gehabt haben soll, konnte ich so auch nicht belegt finden, wobei er im Artikel allerdings auch als distributor, also mit dem Vertrieb befaßt, und nicht als publisher (Verleger) genannt wird. Kann sein, kann auch nicht sein – direkt mit Timely bzw. Atlas Comics oder deren Nachfolger Marvel involviert war er jedenfalls nicht. Daß der Autor den Namen Olga Mesmer falsch schreibt (als „Messmer“), geht da noch so durch.

Andererseits zeigt Donenfelds Wikipedia-Eintrag noch eine andere, weitaus dunklere Seite des Verlegers auf: In seiner Jugend Gangmitglied, erfreute er sich offenbar auch später noch guter Kontakte ins Gangstermilieu; Partner, sogar seine eigenen Brüder, drängte er mitunter auf brutale Weise aus dem Geschäft. Auf zumindest dubiose Weise entledigte er sich auch Malcolm Wheeler Nicholsons, des ursprünglichen Gründers von National Allied Publications, und Miteigentümer von Detective Comics, Inc. – der Firma, deren Titel Detective Comics ein Jahr später mit Batman Comicgeschichte schreiben sollte. Danach vereinigten Donenfeld und sein Geschäftspartner Liebowitz National Allied Publications und Detective Comics, Inc. zu National Comics Publications, und der Vorläufer von DC war geboren. Daß ausgerechnet der moralisch lupenreine Superman und der knallharte Law-and-Order-Rächer Batman historisch einem solchen Umfeld entstammen, entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie.


1) Es ist überhaupt erstaunlich, wie emanzipiert Frauen in diesen frühen Comicstrips und -heften gezeigt wurden. In den Originalstrips des Popeye-Erfinders E.C. Segar etwa ist Olivia Oel keineswegs darauf angewiesen, „Hilfe, Popeye!“ zu schreien; man hat den Eindruck, daß sie es oft eher aus Faulheit tut, denn sie ist durchaus in der Lage, Männern – u.U. auch Popeye selbst – tüchtig eine mitzugeben. Miss Victory verprügelte im Alleingang ganze Horden von Nazispionen; und Moon Girl, eine nicht zufällig an Wonder Woman erinnernde Figur (Autorin und Editorin Dorothy Wollfolk arbeitete auch an Titeln wie Wonder Woman und Supergirl), rettete auch schon mal ihren männlichen Sidekick – obwohl der selbst Superkräfte hatte – aus Situationen, die sonst typischerweise weiblichen Figuren vorbehalten waren (einmal zum Beispiel, als ihre Erzfeindin Satana(!) ihn an eine startende Rakete gefesselt hatte).


Urheberrechtsnotiz: Die verwendeten Bilder sind nicht mehr urheberrechtlich geschützt, da ein eventuell vorhandenes Copyright seit dem Erscheinen nicht mehr erneuert wurde, und befinden sich in der Public Domain. Ihre Verwendung im Artikel erfolgt als Zitat mit dem Zweck des Belegs und der Illustration im Text aufgestellter Aussagen und Thesen.

:: Der Dieter mal wieder (Part III: Nimmt das denn gar kein Ende?!?)

Bisher in diesem Theater: Teil I („Empty Skull Island“) und Teil II („Der Geistesgnom vom Kleinkunstfriedhof oder: Panik am Bahnhofskiosk“)

And now to the fucking Fazit.

Vorsicht, es wird ein bißchen redundant; aber ich wollte einige angerissene Punkt noch einmal schärfer herausarbeiten.

Zunächst: Es mag ein wenig merkwürdig erscheinen, daß ich mich im ersten Teil an einer zwei Jahre alten Sendung von Dieter Nuhr abarbeite; abgesehen davon, daß mich der damalige Auftritt noch lange negativ beschäftigt hat, denke ich aber, daß dieses ältere Programm und der Bogenschlag zur kürzlichen Hasters-Debatte zeigen, daß wir es bei Nuhr mit einer umfassenden, über Jahre unveränderten Agenda und Ideologie zu tun haben, nicht um einzelne Irrtümer, Ausrutscher oder Überspitzungen eines Kabarettisten. Das Gerechtigkeits-Programm von 2018 zeigt Nuhrs Methode und Weltanschauung wie unter einem Brennglas; man könnte auch sagen: Das ist nichts, was ihm, wie jedem Satiriker, mal passieren kann; sondern in allen von Nuhrs Programmen eben – Programm.

Das in den vorangehenden Artikeln skizzierte Problem besteht darin, daß es dabei eben nicht nur um Dieter Nuhr geht; daß er lediglich für ein größeres, umfassenderes Problem steht, das den gesamten gesellschaftlichen Diskurs verzerrt. Das nämlich, daß ein privilegiertes, gutsituiertes Bürgertum von einer stark ausgeprägten sozialen Ungerechtigkeit profitiert bzw. diesen Zustand leugnet; während es zugleich seine glücklichere Stellung für gerechtfertigt, weil vernünftig begründet hält. Denn Dieter Nuhr erklärt den Leuten ja nichts (wie es etwa Volker Pispers, Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig oder Günther Schramm versuchten); er erzählt ihnen bloß, was sie ohnehin schon denken. Und verstärkt dieses Denken, indem er sich als Inbegriff kühler, entspannter Ratio präsentiert: Die Stimme der Vernunft, die euch recht gibt.

Ironisch daran ist, daß die konservativen Bürger*innen sich zugleich für die einzige Personengruppe halten, die beurteilen kann, daß die bestehenden Herrschafts- und Verteilungsverhältnisse „vernünftig begründet“ sind; denn nur sie verfügen, so ihre Selbsteinschätzung, über die zum Urteil befähigende Vernunft. Sie ist, gewissermaßen, ihr Eigentum; als Beleg dafür gilt ihnen ihr sozialer Status. Das ist etwa so, als würde sich ein Schüler im Jahreszeugnis eine Eins in Mathematik geben, ganz gleich, wie viele Dreien und Vieren er bei schriftlichen Tests produziert hat – und dies damit begründen, daß er eben „wisse“, daß er ein Genie in Mathe sei (und zwar, weil er ja eine Eins habe). Kurz, nur man selbst – als Angehöriger einer bestimmten Schicht – verfügt über die nötige Vernunft, zu befinden, was vernünftig sei; und siehe da, zufällig ist es das, was zum eigenen Vorteil gereicht.

Dieter Nuhr ist es gelungen, sich als besonnenen, aufgeklärten Mann zu präsentieren, der ruhig nachdenkt, bevor er spricht, der abwägt, rational argumentiert; kurz, den idealtypischen Vertreter des aufgeklärten, mitteleuropäischen Bürgertums. Daß er das bewerkstelligen konnte, wirkt um so bizarrer, als er seine Berufung auf die Wissenschaft immer wieder Lügen straft, indem er deren Ergebnisse verzerrt darstellt, wenn seine vermeintlich rationalen Ausführungen nicht gleich kompletter Bullshit sind.

Tatsächlich vermochte Nuhr, sich als Mann mit solchen Qualitäten darzustellen, indem er sie einfach nur behauptet; er wird nicht müde, in Interviews oder auf der Bühne von sich als einem Vertreter wissenschaftlichen, rational-aufgeklärten Denkens zu reden. Er vollführt das Kunststück, sich hinzustellen und einfach zu sagen „ich denke rational und wissenschaftlich“, um dann den größten Quatsch zu erzählen – und es funktioniert.

:: Der Dieter mal wieder (Part II: Dieter Nuhr vs. Alice Hasters)

Hallo Leute, willkommen zu Teil 2 unseres lustigen Dieter-Bashings (#LaßsteckenichhabkeinTwitter). Lektüre des vorangehenden Artikels wird dringend empfohlen (da geht’s mehr ums Prinzipielle als um einen Einzelfall, und die Leute sollen ja wissen, warum ich mich so echauffiere; außerdem beziehe ich mich immer wieder auf das dort Gesagte).

Nun aber zum jüngsten Aufreger um den Dieter.

Der hat sich nämlich selbst aufgeregt über ein Buch, das er am Bahnhofskiosk gesehen haben will. Es heißt „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen – aber wissen sollten“ und stammt von einer Frau Alice Hasters. Das Buch sei in den USA ein „Riesenrenner“, weiß Dieter, und: Der Titel sei „reißerisch“ und selbst rassistisch, weil er Weißen „aufgrund ihrer Hautfarbe automatisch Rassismus unterstelle.“

Ähm … ja. Lassen wir mal beiseite, daß Dieter das Buch nicht gelesen hat (und es auch gar nicht behauptet); denn es geht noch blöder. Frau Hasters ist nämlich eine deutsche Journalistin, deren Schmöker in den USA nie erschienen, bisher noch nicht einmal ins Englische übersetzt worden ist. Das ficht den Dieter nicht an, zu behaupten, daß solch linke Scheinintellektualität und Arroganz maßgeblich zum Aufstieg Donald Trumps beigetragen hätten. Weil, Alice Hasters, das klingt ja irgendwie englisch, das kann ja wohl keine Deutsche sein (schwarz ist sie auch noch), das muß ja dann ein amerikanisches Buch sein und deshalb. So ungefähr dürfte sich der intellektuelle Prozeß in Dieters Zwiebel abgespielt haben. Soviel, nochmals, zu seiner Selbstinszenierung als der Aufklärung verpflichteter Vernunftmensch (siehe vorangegangener Artikel). Wirklich ein besonnener Faktenchecker, der Dieter: Schwarze Autorin = bestimmt ein US-Bestseller = irgendwas mit Rassismus gegen Weiße weil kommt mir plausibel vor. So geht rationales Denken.

Auf seinen geistigen Schiffbruch angesprochen, erklärt er, der „formale Fehler“ und dessen „Nebensächlichkeit“ wären im Fact-Checking unbemerkt geblieben.

WIRKLICH, DIETER? Weißt Du als abiturbestätigter Bildungsmensch tatsächlich nicht, daß man über die These einer Autorin nichts wissen kann, wenn man das verdammte Buch eingestandenermaßen NICHT MAL GELESEN HAT? Oder daß nicht jede(r) Deutsche SCHLOHWEISS IST WIE GEISTER-BOB, UND NICHT JEDE FRAU MIT SCHWARZER HAUTFARBE AUTOMATISCH US-BÜRGERIN? Mal ganz abgesehen davon, DASS SCHLUSSFOLGERUNGEN IN FORM WILDER GEDANKENSPRÜNGE, BASIEREND AUF UNGEPRÜFTEN VORANNAHMEN, gerade so IRRATIONAL sind, wie du es anderen ständig vorwirfst? Und WER ZUM TEUFEL IST GEISTER-BOB, WARUM KOMMT UNS HERR SATHOM HIER MIT VERWEISEN AUF IRGENDWELCHE ALTEN FILME MIT PAUL NEWMAN?!?

Und das von Dir, der sich stets als bodenständiger Bildungsbürger gibt; und sich so stolz auf den Geist der Aufklärung beruft, als würde der Kerl neben Dir stehen und jedes deiner Worte abnicken? Also wirklich, Dieter. Manchmal machst du mich so wütend, daß ich direkt in Großbuchstaben schreibe.

Nun ist gerade der Gedankensprung in Nuhrs Aussagen zum Hasters-Buch nicht unwichtig. Um zu erklären, weshalb, muß ich etwas ausholen.

:: Der Dieter mal wieder (Part I: Dieter Nuhr vs. … SCIENCE!)

Ich sag’s ja ungern, weil’s so großkotzig klingt: Aber ich hab Nieter Dieter Nuhr schon vor Jahren durchschaut. Inzwischen haben’s ja, von einer nibelungentreuen Hardcore-Fangemeinde mal abgesehen, anscheinend fast alle kapiert. Und sich auf den Guten eingeschossen, der sich, getreu seinem Selbstbild als Inkarnation des Gesunden Menschenverstandes, mißverstanden und zum Gegenstand einer Hexenjagd gemacht fühlt, ach was, eines regelrechten Pogroms gar. Der geifernde Mob hat nichts Geringeres als als die „soziale Vernichtung“ des armen Dieter im Sinn; mit Fackeln und Mistgabeln sucht er ihn auf den Scheiterhaufen zu zerren, der sich mit eigenem Sendeplatz und auch sonstigen Fernsehauftritten sonder Zahl gesegnet, dennoch mundtot gemacht sieht.

Bloß na ja, eigentlich macht Dieter Nuhr nichts anderes als das, was er schon seit Jahren tut – nur, daß es zunehmend mehr Leuten auffällt, nicht nur wenigen, die ihn, wie Christine Prayon, schon früher kritisiert haben.

Daß ich mich zu Dieter Nuhr trotz langjähriger Abneigung bisher nie ausführlich äußerte, höchstens randständig vielleicht, hat vor Allem zwei Gründe. Der erste ist schlicht arbeitsbedingter Zeitmangel. Denn es geht bei alledem nicht lediglich um die Person Dieter Nuhrs; sondern um seine Agenda, um eine bestimmte Ideologie, die er verbreitet, und deren Verankerung im Denken einer bestimmten sozialen Schicht – der bürgerlichen nämlich – mit all den Konsequenzen, die dies für Angehörige anderer Schichten, für sogenannte „Randgruppen“, kurz, für Nuhrs beliebteste Angriffsziele im ganz realen, gesellschaftlichen Alltag hat. Eine Erörterung muß daher entsprechend komplex ausfallen und kann sich nicht am Mann Dieter Nuhr aufhängen, sondern ihn lediglich als Beispiel heranziehen; muß aber, um das zu tun, umfangreiche Beispiele für seine irreführende Agitation in Fragen sozialer Gerechtigkeit, Gendergerechtigkeit, Rassismus usw. liefern. Eine ganze Menge Aufwand.

Die auch erklärt, weshalb das Ganze nun als Artikelserie daherkommt; es ist zu viel, es in einen Text zu packen. Was wiederum dazu führt, daß ich dem eigentlichen Anlaß, das Thema endlich aufzugreifen, bereits wieder hinterherhinke (er wird im zweiten Artikel behandelt werden).

Der andere Grund besteht darin, daß ich die Auseinandersetzung mit ihm als ausgesprochen unangenehm empfinde. Das Phänomen Nuhr so eingehend zu erörtern, wie mir erforderlich scheint, zwingt mich, im Laufe der Jahre gesehene Auftritte, Programme, gelesene Interviews, kurz, alles, was mir aufstieß, noch einmal aufzusuchen – um Belege für meine These zu sammeln, mich zu vergewissern, daß ich Äußerungen nicht falsch erinnere, zitierfähige Quellen zu finden, usw. Die Aussicht, das tun zu müssen, hat auch aktuell dazu geführt, die Arbeit an diesem Artikel vor mir herzuschieben; die bloße Vorstellung, sich manche von Nuhrs Einlassungen ein zweites Mal anhören zu müssen, bereitete mir fast körperliches Unbehagen. Daß eines seiner Programme aktuell online nicht mehr auffindbar ist und ich mich da auf meine Erinnerung verlassen mußte, ließ mich regelrecht erleichtert. Und so gestaltete sich die Arbeit an diesem Text vor allem – quälend.

Der Grund für dieses Verhältnis zum Thema besteht vielleicht eben darin, daß es nicht nur um die Person Dieter Nuhr geht. Tatsächlich greift das, was er tut, weit über ihn hinaus; und ich hoffe in der folgenden, längeren Analyse zu zeigen, weshalb er lediglich ein Symptom eines größeres gesellschaftlichen Problems ist (vorgreifend: der Selbstinszenierung des konservativen Bürgertums als herrschaftstragende Schicht, die ihren Hoheitsanspruch auf eine ständig behauptete, tatsächlich jedoch nicht gelebte, aufgeklärte Vernunft gründet). Eines Phänomens, das allerdings anhand Dieter Nuhrs gut illustriert werden kann, denn was er sagt und tut, ist eben – symptomatisch. Die Heuchelei, derer er sich dabei befleißigt (und die zugleich die seiner Anhänger ist), das Ausmaß, in dem diese die gesamtgesellschaftliche Debatte von bürgerlicher Seite prägt, bereiten mir einen schwer zu ertragenden Widerwillen, der mich – um ganz ehrlich zu sein – bisher vor der Aufgabe zurückschrecken ließ.

So, what’s the deal with Dieter? Zwei kürzliche Aufregungen um den Kabarettisten eignen sich recht gut, zu illustrieren, was einem an Dieter Nuhr auf den Wecker gehen sollte, und eben nicht erst seit gestern. Die eine betrifft Nuhrs Verhältnis zur Wissenschaft; die jüngere seine Aussagen zum Buch von Alice Hasters.

:: Boom-Boom Boomer Gender Boom Gender

… Boom-Boom Gender Gender Boom-Boom! Boom-Boo… oh.

Ähem.

Was wollte ich gerade … ach ja.

Lieber Nicolas Wildschutz!

Du hast da neulich auf Meedia.de eine Kolumne veröffentlicht, die sich an alle Boomer*innen, also die Generation der jetzt ca. 50plusjährigen richtet; und weil Du uns so freundlich ansprichst, will ich dir eine Antwort nicht schuldig bleiben.

Oh, kurz noch vorweg, weil ich hier nicht alles wiederkäuen will: Alle, die nicht Nicolas Wildschutz sind, müßten den verlinkten Artikel (keine Angst, er ist kurz) nämlich lesen. (Ja. Vorher.)

Okay, vielleicht müßt Ihr das auch nicht, es sollte auch so klar werden, wovon die Rede ist. Aber ein Blick auf die Originalquelle empfiehlt sich immer.

Fertig? Gut.

Also, lieber Nicolas W., usw., usw.:

Laß mich dir zunächst zu dieser journalistischen Glanzleistung gratulieren; sie zeigt, daß Du auf dem besten Weg bist, ein künftiger Meinungsmacher zu werden – um so erstaunlicher, als Du ja selbst noch die Journalist*innenschulbank drückst. Dennoch lieferst Du bereits ein Stück ab, das man anderen Schüler*innen als Lehrbeispiel vorführen könnte; denn es illustriert drei Dinge, die alle Meinungsmacher*innen unbedingt wissen müssen:

Erstens, wie verfasse ich einen Text, der ein Thema zu behandeln vorgibt, tatsächlich aber eine ganz andere Agenda verfolgt; zweitens, wie versuche ich, in diesem Text direkt abzustreiten bzw. zu verbergen, daß ich eine solche Agenda verfolge; und drittens, was habe ich davon.

Also beim vorliegenden Text: Wie tue ich so, als setzte ich mich für gendergerechte Sprache ein, nutze diese Ausrede dann aber hauptsächlich dazu, ältere Menschen, die Generation der „Boomer*innen“, pauschal als rückständig zu diffamieren; na ja, und wieso womöglich.

Leider unterlaufen dir in diesem Fall einige kleinere Fehler, die deine Absicht dann doch untergraben bzw. durchschaubar machen (sofern es sich um eine bewußte Absicht handelt und nicht um eine, die Du selbst nicht reflektierst, die der Text aber verrät). Erlaube mir daher, dir dahingehend einige Ratschläge zu geben, wie altväterliche Nachkriegsgeburten es eben gern tun.

Beginnen wir mit der Überschrift, die das Thema setzt. Wieso wir – die Baby-Boomer*innen also – gegen gendergerechte Sprache wären, fragst Du. Eine bloße Antwort darauf könnte kurz ausfallen: Gar nichts.

Denn weißt Du, „uns“ gibt es so wenig wie „die Frauen“ oder „die Ausländer“. Wir „Boomer*innen“ sind eine durchaus diverse Gruppe. Gut, vielleicht bist Du zu jung, um das zu wissen: Daß z.B. auch die Frauenbewegung, oder die Umweltbewegung der 80er, von Boomer*innen mitgestaltet wurden; oder daß die Genderforschung an den Universitäten, auf deren Ergebnissen ihr jetzt aufbaut, von unserer Generation begründet wurde. Zu der – Du wirst es nicht glauben – auch schon bereits Schwule, Lesben, Frauen usw. usf. gehörten, nicht nur weiße Hetero-Cis-Opas. Schön, es mag sein, daß wir die Welt nicht in ein paradiesisches Utopia überführen konnten; womöglich haben wir deswegen trotz unserer Umtriebe verdient, ins gesellschaftliche Abseits verrentet zu werden, wie Du am Ende deines Artikels phantasierst.

Womit wir schon bei der versteckten Agenda wären.

:: Ladenbrand im Schwabenland

Zugegeben: Was sich vor einer Woche in Stuttgart abspielte, ist eigentlich kein Anlaß für dumme Schwabenwitze („ausgerechnet die Schwaben?!?“). Aber als Berliner hat man eben ein leicht gespaltenes Verhältnis zu diesen Invasoren tüchtigen und fleißigen Leuten.

Aber im Ernst. Die Krawalle, die Stuttgart kürzlich erlebte, belegen nach allgemeiner Auffassung ein bisher unbekanntes Ausmaß von Gewalt. Dort, wo sich in der Innenstadt die Partyszene trifft, „solidarisierten“ sich Feiernde mit einem von der Polizei auf Drogen kontrollierten Mann; anschließend zogen etwa 400 – 500 Personen plündernd und randalierend durch die Umgebung. Nicht nur das Ausmaß der Gewalt, auch deren Inszenierung schockiert: Täter filmten sich, etwa, als ein Maskierter einem am Boden knienden Polizisten in den Rücken sprangt, stellten die Bilder online und ließen sich in den sozialen Netzwerken feiern; verstörend auch der Rückhalt, den solche Gewaltexzesse offenbar bei den Zuschauern fanden, Partygängern, die sich nicht direkt beteiligten, die Akteure jedoch bejubelten. Die Gewalt richtete sich dabei nicht „nur“ gegen Polizisten, sondern auch gegen andere, die der „fröhlichen“ Gemeinde mißfielen: Einen Studenten z.B., der sie kritisierte und, am Boden liegend, gegen den Kopf getreten wurde (eine Chronik der Ereignisse hier).

Nebenbei bemerkt: Stuttgart ist noch vorhanden und keine Trümmerwüste. Das ändert nichts an der bestürzenden Gewalt gegen Menschen, für die sich Täter und Zuschauer auch noch feierten; klingt aber zugleich nicht ganz nach der zunächst medial beschworenen Apokalypse.

Natürlich begann sofort die übliche Ursachenforschung. Noch bevor Näheres bekannt war, „wußten“ am Sonntag Vormittag die üblichen (rechten) Kommentatoren ganz genau, daß es mal wieder „die da“ mit ihrem ganz besonderen „soziokulturellen Hintergrund“ gewesen waren, was jetzt natürlich niemand wahrhaben wolle; andere fantasierten eine abgesprochene Aktion der „Antifa“, die sie, wie Donald Trump, offenbar für eine geschlossene, terroristische Organisation halten. Die Verschwörungstheoretiker von der Gegenseite raunten indessen, daß alle Informationen ja bisher nur von der Polizei stammten, deuteten an, daß die sich das Ganze ja vielleicht ausgedacht haben könnte. Je nach Feindbild steckten also die Linken, Menschen mit Migrationshintergrund, oder die Polente hinter der Sache. Später am Tag war auch von Corona-Streß war die Rede. Und, ach ja: auf einer Pressekonferenz am Montag erzählte dann noch der Bundesinnenminister dummes Zeug, stellte irgendwelche Zusammenhänge her – is wie bei den Ausschreitungen in Hamburg, nä – und warf mit seinem Auftritt ganz allgemein die Frage auf, ob er eigentlich überhaupt noch weiß, was zum Teufel er da redet.1) Immerhin hat er sich seine Sätze auswendig gemerkt, denn bei anderen Presseterminen wiederholte er sie eins zu eins; was ja auch schon eine intellektuelle Leistung ist. Nicht zu vergessen, daß sich angesichts der Lage nun auch die Überwachungsfans wieder die Hände reiben. Mehr Kameras sollen her. Am besten überall.

Okay. Also: Alles davon ist Quatsch. Ein politischer Hintergrund, gleich welcher Art, läßt sich ausschließen; Horst Seehofers gedanklicher Brückenschlag zum G20-Gipfel 2017 in Hamburg ist daher so albern wie der sonst übliche Reflex, „Killerspiele“ zur Ursache erklären. Daß es sich bei den Tätern ausschließlich oder mehrheitlich um Menschen mit Migrationshintergrund gehandelt haben soll, trifft nicht zu (der auf Drogen kontrollierte Mann selbst war deutscher Staatsbürger weißer Hautfarbe, die Teilnehmer der Krawalle ein buntes Gemisch jedweder Herkunft). Und Corona-Streß hin oder her, laufen die meisten Leute deswegen nicht gleich Amok. Hinter den Gewaltexzessen steckt etwas ganz anderes. Was?


 

1) Damit meine ich zwei Dinge. Erstens hat von Gruppen begangene Gewalt ganz unterschiedliche Ursachen. Das soll nicht heißen, daß man irgendeine Form von Gewalt, ganz gleich, was sie motiviert, gutheißen könnte; Anlässe und Motive müssen jedoch jeweils im Kontext, und isoliert von anderen Gewalttaten, betrachtet werden. Doch Seehofer baut, indem er einen Bogen von den G20-Krawallen von 2017 zu den jetzigen Ereignissen schlägt, das Bild einer vagen, allumfassenden Bedrohung auf, die von anonymen Horden ausgeht und zunimmt, womit er Ängste und Gefährdungsgefühle in der Bevölkerung schürt (die ihrerseits irrational sind, da das Bedrohungsgefühl zunimmt, obwohl Gewaltverbrechen statistisch seit Jahren zurückgehen). Zweitens erweckt er, indem er von der Justiz harte Strafen für die Täter fordert, den fatalen Eindruck, in der Bundesrepublik könnten Politiker den Gerichten vorschreiben, wie sie zu urteilen hätten. Bzw. den Eindruck, daß er, der Bundesinnenminister, das gerne täte. Man verstehe mich nicht falsch – von mir aus soll man zumindest die Teilnehmer, die Menschen angegriffen haben, einsperren und den Schlüssel wegschmeißen; doch darum geht es nicht. Gerichte können und dürfen sich nicht daran orientieren, was irgendein Herr Sathom oder Herr Seehofer gerne hätten. Und so bürdet Seehofer der Justiz ein folgenschweres Problem auf. Verhängen die Richter harte Strafen, könnte der Vorwurf aufkommen, bundesdeutsche Gerichte handelten nicht unabhängig, sondern auf Anweisung der Politik; urteilen sie (in den Augen der Öffentlichkeit) zu milde, enttäuschen sie vom Minister geweckte Erwartungen, was Wasser auf die Mühlen rechter Populisten wäre. Und insbesondere Zweifel an der Unabhängigkeit der Justiz, denen Seehofer hier ein Einfallstor öffnet, könnten verheerende Folgen haben – für die Legitimation von Institutionen, das Vertrauen in diese, den gesamtgesellschaftlichen Konsens. Es ist unklar, ob Seehofer selbst wirklich glaubt, was er da in beiden Bezügen erzählt, oder ganz bewußt zündelt – denn was er sagt, ist brandgefährlich. Und beides würde ihn für sein Amt ungeeignet machen, das eine intellektuell, das andere moralisch.

:: Verschwörungsmythen: Ein anderer Erklärungsansatz

Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien? Dazu gibt es einige gängige Erklärungsansätze. Herr Sathom hatte sich allerdings schon in einigen vorangehenden Artikeln unzufrieden mit diesen üblichen Modellen geäußert.

Immer, wenn Verschwörungsideen zu bestimmten Themen „hochkochen“ (Migration als „Bevölkerungsaustauch“, Errichtung einer „Impfdiktatur“ samt eingepflanzter Mikrochips etc.), feiern auch Theorien zur Erklärung des Erfolgs solcher Narrative mediale Hochkonjuktur. Es sind immer die gleichen Erklärungen, deren ständige Wiederholung keine neuen Erkenntnisansätze liefert, und die, so mein Eindruck, teilweise falsch oder unzulänglich sind (darin gleichen sie der ewigen Theorie von den „Killerspielen“, die Amokläufe verursachen).

Mit den Gründen für diesen Eindruck wollte ich mich in näherer Zeit einmal auseinandersetzen, doch da ich aktuell nicht absehen kann, wann ich dazu komme, vorerst ein Verweis auf eine ganz andere Annäherung: Im Interview mit ZEIT ONLINE betrachtet Cory Doctorow Verschwörungsgläubige als Menschen, die „im letzten Moment der Wahrheitssuche „falsch abgebogen“ sind. Er verweist dabei auch darauf, daß diese Menschen in ihrer Argumentation oft auf tatsächliche Mißstände – die Macht der Pharmakonzerne z.B., oder tatsächliche Intrigen, die irgendwie ans Licht kamen – hinweisen können; und daß sie in dieser Hinsicht oft verblüffend gut, und zutreffend informiert sind. Diese Annäherung spricht den Betreffenden nicht jegliche intellektuelle Kapazität ab, während die herkömmlichen, medial gern verbreiteten Erklärungsmuster sie oft als dumme, rein emotional reagierende Wesen zeichnen, die in persönlichen Lebenskrisen fast mechanisch nach Verschwörungstheorien greifen; Automaten eher als denkfähige Subjekte, die vom Schulpsychologen seziert und „erklärt“ werden können.

Weiterlesen