Archiv der Kategorie: Gelesen

:: Herr Matthies liest Wahlplakate. Herr Sathom liest Matthies.

Noch was Liegengebliebenes.

Herr Sathom arbeitet immer noch ab; diesmal etwas, das mit dem vorangegangenen Artikel in Verbindung steht. Dort ging es um die These, daß die immer noch sehr breite bürgerliche Mittelschicht nichts am Problem der Armut ändert; es von Teilen dieser Schicht sogar stabilisiert wird. Was natürlich nicht der Eigenwahrnehmung dieses, meist gut verdienenden und nach eigener Auffassung höher gebildeten, Bürgerstandes entspricht. Wie sieht diese aus? Lesen wir Zeitung.

Die Zufriedenheit des Bildungs-Mittelschichtlers mit dem Bestehenden, seine Verachtung derer, die es weniger gut getroffen haben, tropft einem ja auch gelegentlich aus seinen bevorzugten Presseorganen entgegen; denn der Durchschnittsjournalist stammt schließlich auch aus dieser Schicht. Das, was den Bürger der Mittelschicht vom Pöbel abhebt, ihn mithin legitimiert, materiell besser dazustehen als dieser, ist nach seiner eigenen Auffassung seine Bildung. Inwiefern diese aus mehr besteht als einigen Vorurteilen über den Rest der Menschheit, die er mal gehört und sich gut gemerkt hat, kann man fragen. Die Einstellung jedenfalls schimmert häufig durch; und sie paart sich manchmal mit einer habituellen, gemütlich-belustigten Herablassung bei der Betrachtung der Welt.

Will man eine Vorstellung davon gewinnen, wie dieser hochgebildete Bürger tickt, liest man am Besten die Glossen seiner Tagespresse. Als besonders ertragreich erweist sich hier immer wieder der Berliner „Tagesspiegel“; und dort geradezu als Fundgrube der unnachahmliche Bernd Matthies, seines Zeichens Chefredakteur.

Schon seit einigen Wochen lungert eine seiner Glossen auf Herrn Sathoms Zeitungsstapel herum (hier ist sie noch online). Der Autor hatte sich darin der überall sprießenden Wahlplakate vorgenommen; und von seinem Streifzug heimgebracht, was er nun in lustig-elaboriertem Sprachcode ausbreitete, ein Sammelsurium für den, der wiederum ihn in seinem Bau erforschen will.

Zugegeben: Wenn die Feder mächtiger ist als das Schwert, führt Herr Matthies eine gewitzte Klinge. Das liest sich flott, geschliffen formuliert, wenn auch zu routiniert geschrieben, um nicht fad zu schmecken; zu gefällig vielleicht, keineswegs so sperrig, daß es dem an die Stilgesetze des Deutschaufsatzes gewöhnten Leser weh täte. Erkenntnisgewinn bringt es keinen, denn was Herrn Matthies zu den Wahlplakaten, den Parteien und überhaupt zum Thema Wahlkampf bewegt, könnte auch beliebigen Passanten einfallen, die bloß kein öffentliches Forum dafür fänden. Kurz, es ist belanglos, gleichgültig, trägt nichts bei zu dem, was ohnehin allgemein über die Qualität heutiger Wahlkämpfe verlautet. Sich halbseitig in einer angesehen Hauptstadtpostille über das zu verbreiten, was andere nur stumm während der Pendelfahrt denken, scheint eines der Privilegien des gebildeten Meinungsmachers. (Oder vielleicht das eines Chefredakteurs? Dann hätte der’s aber fein, die Mitarbeiter müßten immer richtige Zeitungsartikel schreiben, doch er selbst fände stets ein Plätzchen für die Erleuchtungen, die einem neulich beim Sonntagsspaziergang kamen; hei, was da los wäre, dürfte Herr Sathom mal Chefredakteur sein! Wann immer er beim Computerspiel so eine Obermistbratze erledigt hat, wär da aber ein Leitartikel fällig!)

Man schmökert das flugs weg, findet tatsächlich ein, zwei originelle Redewendungen, und um den Gag mit Christian Lindners Bartschatten, den dieser hinterlassen kann wie die Katze aus Alice im Wunderland ein Grinsen, kann Herr Sathom den Herrn Matthies sogar beneiden. Die Glosse entlockt dem Leser, zumal wenn er dem Verfasser gleichgesinnt ist, gewiß das eine oder andere Grinsen zufriedener Übereinstimmung; und vielleicht ist das ja der Zweck des Ganzen. Was es soll, ob es einem Erkenntniszweck folgt und welcher, verdammt nochmal, das sein könnte, fragt man sich nach der Lektüre schon; hat aber, wenn schon keine anderen, so doch Erkenntnisse über den Verfasser gewonnen.

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:: Der Fernseh-Schauprozeß

Na, wer hat letzten Montag alles beim TV-Event „Terror – Ihr Urteil“ mitgefiebert? Und hinterher fleißig für die Unschuld des Angeklagten gestimmt?

Herr Sathom hatte das zum Ereignis aufgebauschte Monstrum erfolgreich verdrängt, geriet aber beim Zappen in die anschließende Diskussion bei Hart aber fair und blieb irgendwie hängen; allerhand Unglaubliches gab es da immerhin zu hören. Hinterher hat er sich noch ausführlich über Handlungsdetails des Films informiert, um sicherzugehen, daß er nicht etwa einen falschen Eindruck aus der Debatte mitnahm (grundsätzlich wurde der Plot hinreichend verbreitet, aber gerade die Einzelheiten, die in Plasbergs Klönzirkel angeschnitten wurden, sind nicht ohne Bedeutung, wie sich zeigen wird).

Die Handlung des Dramas läßt sich kurz so zusammenfassen, daß ein Terrorist ein Passagierflugzeug kapert, um es auf die zu diesem Zeitpunkt vollbesetzte „Allianz-Arena“ stürzen zu lassen; nachdem seine Vorgesetzten es versäumen, das Stadion zu evakuieren, schießt ein Kampfpilot die Maschine (ohne dazu den Befehl erhalten zu haben) ab und tötet 165 Passagiere, um die Tausende in der Arena zu retten. Nach einem anschließenden Gerichtsverfahren konnten die Zuschauer abstimmen, ob der Kampfpilot wegen Mordes ins Gefängnis kommen, oder als unschuldig freigesprochen werden sollte (die große Mehrheit stimmte für seine Unschuld).

Das Problem des Films – und vieler anderer „Gedankenexperimente“ vom Typ „Moralische Zwickmühle“: Die vorgestellte Situation ist von vornherein konstruiert, um den Zuschauern eine ganz bestimmte Entscheidung zu suggerieren. Der Autor (in anderen Fällen, etwa beim „Weichenexperiment“, der Experimentator) will gar nicht wissen, wie Publikum oder Testpersonen entscheiden würden; sondern sie manipulieren, eine (bewußt oder unbewußt) von ihm gewünschte Entscheidung zu treffen.

Im vorliegenden Fall funktioniert das so: Um Abschuß der Maschine durch den Luftwaffenpiloten gerechtfertigt erscheinen zu lassen, darf es für die Rettung der Menschen im Stadion keine andere Alternative geben. Zu diesem Zweck konstruiert Autor von Schirach den Fall, daß die Verantwortlichen am Boden es versäumen, das Stadion rechtzeitig evakuieren zu lassen. Schwupps haben wir eine Situation, in der dem Piloten der Luftwaffenmaschine keine andere als eben die schwere Entscheidung bleibt, die Passagiere opfern zu müssen.

Was immer man von Fähigkeit oder Unfähigkeit unserer Verantwortlichen halten mag – die versäumte Räumung des Stadions ist eine völlig unrealistische Perspektive. Warum aber dieses Detail in einer Erzählung – einer Fiktion also, das wollen wir nicht vergessen –, die vorgibt, eine mögliche Wirklichkeit abzubilden, in der eine bestimmte moralische Entscheidung getroffen werden muß?

Kurz gesagt: Der Autor trickst hier, um eine Situation zu erzeugen, die den Abschuß der Passagiermaschine „rechtfertigt“. Ein realistischerer Ablauf der Ereignisse würde die Zerstörung des Zivilflugzeugs weniger zwingend erscheinen lassen; den Piloten des Kampfjets nicht in die erwünschte Zwickmühle manövrieren, in der seine Tat notwendig, sogar mutig und moralisch richtig erscheint. Wer an diesem Abend nach Ausstrahlung des Films mit „nicht schuldig“ stimmte, ist auf diese Manipulation hereingefallen. Es ist nicht die einzige; so richtet der Autor den Lauf der Ereignisse praktischerweise so ein, daß das abgeschossene Flugzeug in ein Rübenfeld stürzt und nicht etwa auf eine Schule oder ein Vorstadtviertel, damit sich Befürworter des Abschusses nicht mit Kollateralschäden auseinandersetzen bzw. diese, wollten sie den Abschuß befürworten, ebenfalls bejahen müssen. Auch das Gerichtsverfahren ist ein Witz (dazu unten mehr), der grundlegende Fakten der Rechtsprechung und Gesetzgebung schlicht verfälscht.

:: En lisant „Charlie Hebdo“. Eine Rezension.

Herr Sathom, gealterter Rebell, der er nun einmal ist, hat sich neulich endlich mal eine Ausgabe von Charlie Hebdo gekauft. Er war nämlich schon lange neugierig, doch ist die lustige französische Schmähschrift selbst hier, wo man so weltstädtisch sein will, nicht überall zu haben; Herr Sathom aber befand sich in der Innenstadt, und ergriff die Gelegenheit.

Er forderte also an der Zeitungsbude die Herausgabe eines Exemplars um wohlfeile vier Euro (die unter dem Titel ausgewiesenen drei gelten gelten nur für La France, der hiesige steht kaum sichtbar links neben dem Titelbild, merde alors). Der migrierte Kioskbetreiber händigte das Blatt mit der üblichen Freundlichkeit solcher Betreiber, gleich welchen kulturellen Hintergrundes, aus. Herr Sathom aber stellte bei Sichtung seiner Beute mit Vergnügen und Interesse fest, daß sein Schulfranzösisch sich recht gut gehalten hat.

Was also steht in Charlie Hebdo? Zumindest die verkürzte Berichterstattung in Fernsehen und Internet blieb zu dieser Frage stets oberflächlich. Man konzentrierte sich auf das Redaktionsattentat, oder den Skandal um die Darstellung eines toten, angeschwemmten Flüchtlingsjungen; gab von den Inhalten des Blattes nur ausgewählte, besonders provokative Zeichnungen wieder. Inhalt, Ausrichtung und Hintergrund der jeweiligen Ausgabe, oder der Zeitschrift als solcher, wurden nicht näher beleuchtet. So konnte – möglicherweise – der Eindruck entstehen, das Blatt bestehe ausschließlich aus anstößigen, von Fäkal- und Sexualhumor geprägten Witzbildern.

Vielleicht war dieser Eindruck erwünscht, weitaus wahrscheinlicher jedoch Reflex hiesiger Bevölkerungspädagogen, denen die französische Humortradition unbekannt ist. Womöglich erschraken diese Leute ein bißchen und pickten sich heraus, was sie benötigten, um eilends eine Debatte darüber loszutreten, was Satire dürfe, und ob bzw. daß die Charlies da wohl ab und an zu weit gingen. Zeitgleich sahen konservative bis rechte Vertreter des politisch Inkorrekten die Gelegenheit, ausgerechnet Charlie als Kronzeugen für sich zu mißbrauchen. Je nach politischer Couleur lieferten aus dem Zusammenhang gerissene Karikaturen den „Beleg“ für die eigene Auffassung; dienten also, ohne die Publikation wirklich zu analysieren, als bloße Aufhänger für Diskussionen über die Meinungsfreiheit, ggf. für Forderungen nach deren Einschränkung. Gefragt wurde dabei u.a., ob man nicht auf „religiöse Gefühle“ besondere Rücksicht nehmen solle (als stellten diese irgendwie einen höheren Wert dar als die Befindlichkeiten von, na, sagen wir, Homosexuellen oder Atheisten). Sogar den „Selbst schuld“-Reflex konnte sich mancher Kommentator nach dem Attentat auf die Redaktion nicht verkneifen, wenn auch meist zwischen den Zeilen geäußert; da schwang dann die Unterstellung mit, die Macher von Charlie Hebdo seien ein Haufen Possenreißer, die mit verantwortungslos beleidigenden Zoten ihr Schicksal irgendwie herausgefordert hätten. Und das, sagten die Pädagogen mit erhobenem Zeigefinger, darf man nicht.

Trifft dieser hierzulande teilweise erweckte Eindruck von Charlie Hebdo zu? Allons-y. Machen wir die Probe aufs Exempel.

Es handelt sich um Ausgabe 1241 vom 04. Mai 2016 (der Einfall, überhaupt einmal eine solche Rezension zu schreiben, kam Herrn Sathom erst verspätet). Titelthema ist der anstehende Prozeß gegen Abdeslam, einen mutmaßlichen Komplizen der Attentäter von Paris. Weitere Karikaturen und Texte behandeln eine große Bandbreite sozialer, gesellschaftlicher und politischer Themen.

Ja, Texte. Die Überraschung: Das Gros des Inhalts besteht aus Text. Artikel, Kurzmeldungen, Glossen, Kommentare und ein Interview – pointiert, gut recherchiert, Haltung und Meinung der Verfasser/innen offen eingestanden, aber von Fakten unterfüttert; das alles mit so galligem wie gallischem Humor knapp und stilsicher auf den Punkt gebracht. Herr Sathom, der sich durchaus eine ziemliche Labertasche weiß, zieht vor solcher Prägnanz den Hut. Das gilt auch für das klare Bekenntnis zum eigenen Standpunkt. Die Autor/innen sind nicht „objektiv“ – sie vertreten Positionen und beziehen offen Stellung, stets für die Geknechteten, Migrierten, Unterdrückten oder Ausgebeuteten. D.h. anders als hiesige bürgerliche Journalisten verhehlen sie nicht, von welcher Warte aus sie argumentieren oder attackieren; täuschen also nicht vor, statt ideologisch geprägter Meinungen objektive Lebenstatsachen zu verkünden, zu denen man bei abwägendem Einsatz nüchterner Vernunft nur so und nicht anders gelangen könne.

:: Nach(t)gedanken zu The Walking Dead

Einige Nachträge zu Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead, der kürzlich hier erschienenen Serie zur Serie.

Zur Literatur:

Die Verweise auf Klaus Theweleit und Günther Anders beziehen sich auf:

Theweleit, Klaus: Männerphantasien, Band 2: Männerkörper. Zur Psychoanalyse des weißen Terrors, darin u.a. die Abschnitte Innen: das Fremde als ‹Urmensch› und Masse und Kultur. – Der ‹hochstehende einzelne› im 3. Kapitel: Die Masse und ihre Gegenbildungen.

Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen, Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, darin vornehmlich auf den Abschnitt Die Welt als Phantom und Matrize, IV: Die Matrize.

Die Themen des vermeintlichen „Urmenschen“, der jedoch künstlich erzeugt ist, und der Gleichsetzung der „Masse“ mit Seuchen, unteren Klassen (Armen, Arbeitslosen etc.) und der „Masse der Toten“, die für das eigene verdrängte Innere steht, werden bei Theweleit auch außerhalb der genannten Stellen immer wieder aufgegriffen. Hierzu eine Anmerkung: Die Identifikation bedrohlicher Menschenmassen mit der Syphilis zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aber auch die Aussage von Showrunner Scott Gimple, eine der Inspirationsquellen für The Walking Dead sei Camus‘ Die Pest gewesen, legen den Verdacht nahe, daß die Zombies unserer Populärkultur stellvertretend für die Seuchenangst und Ansteckungsfurcht stehen, die damals politischen Gegnern, Feinden im Krieg, Kommunisten etc. galten. Zombies könnten dann den gefürchteten/gehaßten Anderen verkörpern, ohne diesen Anderen konkret benennen zu müssen. Sie würden es dem Publikum also ersparen, sich offen zu eigenen Vorurteilen zu bekennen (anders als etwa der Kriegsfilm des 20. Jahrhunderts, der Asiaten statt Untoter antanzen läßt). Zudem kämen sie aus, ohne auf heute selten gewordene, tatsächliche Seuchen zu rekurrieren.

Zum Zombie als sozialem Verlierer (Teil III) und zum adligen Vampir als seinem Gegenstück (Fazit):

Ich borge mir im Fazit den Begriff des hochstehenden Einzelnen, den Klaus Theweleit geprägt hat. Ursprünglich beschreibt er die Auffassung des „Gebildeten“, aufgrund seines größeren Werts als Kulturträger über dem „Pöbel“ zu stehen, also zu Recht auch eine höhere soziale Position zu besetzen (die seine immanente Überlegenheit spiegelt; womit die Gesellschaftsordnung, die ihn bevorzugt, also nur der wirklichen Ordnung der Dinge entspricht).

Der gräfliche Vampir alter Schule würde hingegen als Aristokrat des Bösen der Selbststilisierung eines immer mehr entmachteten Adels dienen, der sich im viktorianischen Zeitalter aufgrund seiner Dekadenz als immer noch höherstehend phantasieren kann – er „ragt aus der Masse“, weil er deren bürgerliche Moral verhöhnt. Der nachgeborene Dandy vom Typ eines Lord Byron hat weder im demokratischen Parlament, noch in der Versammlung des weiterhin mächtigen, konservativen Altadels eine Stimme. Wenigstens als Ausschweifender kann er sich, sonst faktisch bedeutungslos, noch Teil der Avantgarde wähnen.

Verglichen mit diesem aristokratischen Schurken ist der Zombie tatsächlich der Prolet, weniger: Der absolute Bodensatz des Bösen. Ist der eine Gourmet, so der andere Gourmand; und er benötigt weder erotischen Charme noch hypnotische Kräfte, nur seine schiere Masse, um zu überwältigen. Demzufolge wäre die Furcht vor dem Aufstand der Armen ein weiterer möglicher Subtext von Zombie-Erzählungen.

:: Nachtrag zu Gute Märchen, böse Märchen

Wie methodisch unsauber die vom Stern beauftragte Umfrage tatsächlich ist, belegt die Rubrik „Durchgezappt“ des WDR-Medienmagazins ZAPP vom 04.11. – und legt launig eine eigene, parodistisch-abstruse Umfrage vor.

Ebenfalls in dieser Folge: Die Reportage „Alles Lüge oder was? Wenn Nachrichten zur Waffe werden“ (Text zur Sendung hier) aus der ARD-Serie Die Story im Ersten (Thema: Nachrichtenfälschung), deren Video leider nur bis zum 26.10. in der Mediathek vorlag, wird von ZAPP noch einmal aufgegriffen. Interessant vielleicht auch dieser ältere Artikel über die Probleme der Nachrichtenverifikation angesichts zunehmenden Aktualitätsdrucks, und die Verläßlichkeit von Online-Quellen.

:: Gute Märchen, böse Märchen

Da haben wir’s.

Laut einer Forsa-Umfrage glauben mittlerweile 44% der Deutschen, die hiesigen Medien würden „von ganz oben gesteuert“; daß der immer wieder erhobene „Lügenpresse“-Vorwurf also zutrifft.

Lassen wir die methodischen Probleme solcher Umfragen einmal beiseite. Zu denen der vorgelegten Untersuchung zählt etwa, daß sie an lediglich 1002 Befragten vorgenommen wurde, und die gestellten Fragen verschiedene Thesen zusammenfassen, weshalb man z.B. der Aussage, die Presse werde von „oben“ gesteuert und verbreite deshalb „geschönte und unzutreffende Meldungen“, nur pauschal zustimmen, oder sie komplett verneinen kann – ganz gleich, ob man den einen Vorbehalt teilt, den anderen nicht. Nein, stören wir uns nicht an solchen Details.

Denn daß die deutschen Medien in den letzten Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, massiv Vertrauen verspielt haben, kann – auch wenn das Ausmaß sich kaum in exakte Zahlen fassen läßt – ja nicht geleugnet werden. Zu den Ursachen stellt das Blog der Karlshochschule einige interessante Thesen auf, denen sich weitere Gründe – von denen auch dieses Blog bereits einige benannte – leicht hinzufügen ließen. Ein Großteil der Kritik ist berechtigt, die Problematik allerdings sicherlich komplexer, als daß Thesen einer Zentralsteuerung von „ganz oben“ sie erklären könnten. Schlechte Berichterstattung verdankt sich Strukturen und Bedingungen des Medienbetriebs; diese aufzuzeigen, bedarf keiner Hypothesen, die so unnötig wie angesichts der Vielzahl der Branchentätigen absurd sein müssen; und auch nicht klären, wo „ganz oben“ eigentlich sein soll, und wer sich da herumtreibt – außer, man vermutet als Drahtzieher eben „die da“, wer immer sie sind.

An sich wäre die zunehmende Medienkritik also zu begrüßen, zeugte sie von wachsendem analytischem Verstand des Publikums – von seiner zunehmenden Fähigkeit, die Herkunft von Informationen zu hinterfragen, das Zustandekommen von Nachrichten, die mit ihnen verfolgten Absichten, die durch ihre Zurichtung erzeugte Weltdeutung zu durchschauen. Und hier beginnt das Problem.

Es besteht nicht in der mißtrauischen Haltung gegenüber den etablierten Medien, sondern darin, daß gerade die Skeptiker sich oft genug völlig unkritisch anderen Quellen zuwenden, die sie nun als fraglos glaubwürdig akzeptieren.

Dazu gehört auch, Widersprüche zum Bild der durchweg manipulativen Mainstream-Medien zu ignorieren. In sozialen Netzwerken und Blog-Kommentaren findet sich regelmäßig die Auffassung, die per „Zwangsabgabe“ finanzierten Öffentlich-Rechtlichen wären ferngesteuerte Lügner, als würden diese nicht (ggf. in den von Gebührengegnern reflexartig für überflüssig erklärten Drittprogrammen) immer wieder differenziert und kritisch berichten; als stammten die Aufklärung US-amerikanischer Lügen über Saddams Giftgaslager, oder kritische Berichte zu Freihandelsabkommen und Brutalkapitalismus, nicht aus eben diesen gescholtenen Medien. Oder als würden Sendungen wie „Die Anstalt“, vielen ein Hort wahrheitstreuer Aufklärung, nicht vom ZDF, sondern illegal von Rebellen auf YouTube verbreitet.

Derartige Widersprüche, auch der, daß hiesige mediale Fehler – vom Irrtum bis zur Mogelei – eben auch von den etablierten Medien entlarvt werden, stören die Kritiker der „Lügenpresse“ kaum. Viele Informationen, auf die sie sich berufen, stammen aus eben dieser, ein Umstand, den sie hervorragend auszublenden vermögen; was um so kurioser wirkt, als sie ohnehin gern behaupten, die „offiziellen“ Medien nicht mehr zu rezipieren (aber genau wissen, was diese verbreiten).

Was geschieht hier?

Eine zunehmende Medienkritik hat die alten Leitmedien als vermeintliche Bollwerke der Wahrheit und qualifizierten Weltdeutung erschüttert. Man sollte daher meinen, wir hätten eine reflektierte Haltung gegenüber medialen Verlautbarungen jeglicher Herkunft entwickelt. Stattdessen paart sich die grundsätzliche Ablehnung „der“ Medien (der westlichen wohl) inzwischen häufig mit kritikloser Bereitschaft, jede Verlautbarung obskurer Hintertreppenquellen unhinterfragt anzunehmen; sie müssen lediglich das Gegenteil dessen behaupten, was uns die ARD erzählt. Ob es sich um die 9/11-„Truther“ dieser Welt handelt, das russische Staatsfernsehen oder nicht überprüfbare Behauptungen auf Facebook, aus denen „Volkes Stimme“ spricht, bleibt völlig gleichgültig; wer behauptet, irgendwo hätten irgendwelche Flüchtlinge die Zebras im Zoo vergewaltigt, ist automatisch glaubwürdiger als die „Lügenpresse“, die das ja bloß wieder vertuscht. Weite Teile der Öffentlichkeit scheinen keineswegs bereit, jeder Quelle, die als Besitzer der Wahrheit auftritt, mit kritischem Vorbehalt zu begegnen; sondern willens, sich neue Vorsager zu suchen, denen man nach Verlust der bisherigen wieder bedingungslos glauben darf.

Das ist das eigentlich Erschreckende an der Glaubwürdigkeitskrise der Medien: Daß sie nicht Ausdruck der Kritikfähigkeit mündiger Bürger scheint, sondern der Suche nach neuen Autoritäten, die uns fortan an das eigene Denken wieder abnehmen könnten – jene schreckliche Last, die der Verlust alter Weltdeutungsinstanzen uns aufzwang; daß es nicht heißt, „laßt uns kritisch und aufmerksam die mediale Verstrickung in gesellschaftliche Denkklischees und Machtstrukturen beobachten“, sondern gefragt wird, wer denn nun die „Wahrheit“ spräche, mithin fraglos ehrlich, dabei auch irrtumsfrei, also unbedingt verläßlich sei. So daß man endlich zurück in die gute alte Zeit findet, da man nicht selbst zu überlegen brauchte, wer denn nun gerade dummes Zeug redet. Denn, nicht wahr, wenn man „weiß“, wer immer die Wahrheit sagt, weshalb ergo jeder Andere immer lügt, das ist doch viel einfacher, als jedes Mal selbst kritisch den Einzelfall prüfen zu müssen.

Wie ist das aber nun mit der Wahrheit, jenem flüchtigen Ding? Als einen der Kardinalfehler der etablierten Medien macht der Blogartikel der Karslhochschule eben jenen Anspruch aus, „Wahrheit“ zu verkünden; wer diesen verfehlt, bzw. dabei erwischt wird, ist automatisch diskreditiert. Weiter bedeutet, sich als Wahrheitskünder zu geben, zwangsläufig den Lieferanten gegenläufiger Information der Lüge zu bezichtigen – jedenfalls dann, wenn der eigene Hoheitsanspruch auf die Wahrheit absolut ist.

Kann man die gegenwärtige Medienkrise also so deuten, daß die Künder der „Lügenpresse“-Botschaft bzw. deren Quellen, von Russia Today bis Ufobücher-Verlag, dieses Spiel einfach besser, geschickter spielen als die satt und etwas feist, daher selbstzufrieden gewordenen Leitmedien?

Herr Sathom fürchtet, daß das Problem damit nicht vollständig gefaßt ist.

Gewünscht wird nicht, endlich verläßlich informiert zu werden; sondern sich nach dem Glaubwürdigkeitsverlust der alten nun neuen Autoritäten zuwenden zu dürfen, die wieder als unfehlbar gelten können; denen man also wieder ungeprüft alles glauben darf. Autoritäten sollen sie sein in dem Sinne, daß sie nicht nur berichten, sondern bestimmen und verfügen, was ist. Denn es geht nicht nur um das Bedürfnis nach Nachrichtenquellen, denen man wieder gemütlich vom Ohrensessel aus alles ungeprüft abkaufen kann. Auch ein Fürsprecher sollen sie sein, die Meinung des Rezipienten vertreten – durch sie will man selbst sprechen, und auf diese Weise Macht ausüben. Als „wahr“ empfinden die Anhänger jeder Presse, was ihrer vorgefaßten Meinung entspricht – die Dienstleistung, ihnen solche Wahrheiten zu liefern, erbringen die alteingesessenen Medien nicht mehr zuverlässig, müssen also ausgewechselt werden.

Für diese Sichtweise spricht einiges.

Den ironischerweise schmäht man ja die „Blockmeinung“ der Medien teilweise zu Recht, setzt dann aber bloß die eigene, mindestens ebenso einäugige, dagegen – tatsächlich scheint gerade die Vielfalt medial verbreiteter Meinungen und Perspektiven zu stören. Die auf den Tisch gesetzte Faust, das „nur so ist es, und nicht anders (wie ich es sehe nämlich)“, ist der Gestus des „Lügenpresse“-Rufers. Nicht „Wahrheit“ als zutreffende Darstellung dessen, was ist, sucht er; sondern verlangt, daß seine Weltdeutung als Wahrheit gelte, inklusive klar gezogener Grenzen zwischen schwarz und weiß, mit ihm auf der Lichtseite, daß es ihm Autorität und Herrschaftsanspruch schaffe. Daß er damit den Spieß, den die Leitmedien als Sprachrohr der „staatstragenden Mitte“ schwingen, bloß umdreht, soll gar nicht geleugnet werden; daß er etwas an der Mechanik herrschaftstragender Deutungshoheiten ändern möchte, sollte er hingegen nicht behaupten. Zur Wahrheit bloß deklarierte Blockmeinung wünscht er ja gerade, nur die eigene soll es sein; die Mediendiktatur, die er errichten würde, erhielte er die Gelegenheit, könnte sich sehen lassen. Verfolgt man seine Wutausbrüche im Netz, weiß man: wäre seine „Wahrheit“ die herrschende, könnten sich Andersdenkende warm anziehen.

Man bedient sich eben nicht mutig des eigenen Verstandes, wie Kant einst versonnen forderte – verlangt stattdessen kategorische Gut-Böse-Schemata zurück, ruft nach Weltdeutern, die solche verläßlicher liefern als jene, die vor dem selbst erhobenen Wahrheitsanspruch versagten. Kann ein Teil der Medienschelte darauf beruhen, daß man schlicht von ihnen enttäuscht ist, die sich erwischen ließen; einen betrogen um das schöne Vorrecht, aus ihren Brüsten Wahrheitsmilch zu saugen, die Botschaft nämlich, rechtens zur herrschenden Mehrheit zu zählen (in jenen Zeiten, da diese noch schweigen durfte, um Macht auszuüben)? Es scheint leider so; der Zorn der „Lügenpresse“-Rufe auf den Straßen, in den Foren klingt danach. Was den Medien übel genommen wird, ist nicht, daß sie „lügen“ würden; sondern daß sie nicht mehr das eigene Interesse als Staatsräson, die eigenen Meinungen als Wahrheit verkaufen.

Viele sind von gesellschaftlicher Teilhabe und Mitbestimmung ausgeschlossen, von sozialem Abstieg bedroht, viele andere fürchten all dies; ihr Ärger darüber ist berechtigt. Zu Kritikfähigkeit gegenüber Macht und Meinungsmache hat dies jedoch nicht geführt. Vielmehr zum Verlangen nach einer neuen Interessenvertretung, die zu Macht verhilft, indem sie den Machtanspruch auf die Behauptung eines Wahrheitsmonopols gründet: Wo „Bild“ war, soll Russia Today werden.

Letztlich trifft es zu, daß in den letzten Jahrzehnten die Wirtschaftsliberalen mit ihrer Propaganda das Machtzepter des Zeitgeistes schwangen, sie fast ungefiltert durch die Medien verbreiten konnten; und daß diejenigen, für die das Leben im Kapitalismus immer härter wurde, sich oft genug noch als Versager verhöhnen lassen durften. Allerdings: Auch der Gegenwind für die offizielle, neoliberale Blockmeinung wehte aus den Senderäumen der Öffentlich-Rechtlichen, der „Lügenmedien“. Haben wir daraus nichts Besseres gelernt, als den Übergang dieses Zepters in unsere Hände zu fordern, die es nun (als unsere vermeintlichen Vertreter) totalitär und autoritär schwingen mögen? Gälte es nicht vielmehr, Strukturen der Meinungsmache generell aufzubrechen, eine Mühsal gewiß, da man immer neue Schliche durchschauen muß, aber notwendig?

Gleiches gilt übrigens auch für staatliche Autorität und Konzernmacht. Statt Herrschaftsstrukturen generell kritisch zu bewerten, wünschen wir uns, nun, da die USA diskreditiert sind, daß Putin Zar im Reich des Guten sei, und RT sein Quell der Wahrheit; und daß russische Bomben Zivilisten schonen, da die Splitter sie irgendwie von IS-Terroristen unterscheiden können, warum nicht, im russischen Staatsfernsehen erfährt man ja – anders als in unseren „Lügenmedien“ – nichts von fuck-ups der eigenen Seite, also kann es auch keine gegeben haben.

Die Wahrheit ist ein flatterhaftes Wesen, von dem mal der eine, mal der andere einen Zipfel erhascht, sich dann wieder irrt, aufs Neue suchen muß; vielleicht existiert sie gar nicht, ist bloß Konstrukt, Machtansprüche zu begründen. So muß man stets gewärtig sein, sich selbst zu täuschen, vorschnell als wahr aufzufassen, was dem eigenen Vorurteil entspricht. Die Macher der etablierten Medien bilden da keine Ausnahme. Aber nicht diese Einsicht leitet die „Lügenpresse“-Schreier; vielmehr verlangen sie, daß es eine simple Wahrheit gebe, und daß sie die ihre sei. Mithin also, daß fortan sie entscheiden, was Medien aussprechen dürften. Was sie auf deren Websites denn auch lautstark fordern.

Das schöne Wort Wahrheit, ein problematischer Begriff; so gesehen prangt es ein wenig zu unverzagt im Vorspann der „Anstalt“, deren Macher sich bei allem löblichen Einsatz für Flüchtlinge zugleich in der letzten Folge nicht zu schade waren, posthum alle gewesenen Diktatoren des nahen und mittleren Ostens zu Heroen der Frauenbefreiung zu verklären. Gefoltert haben die ganz bestimmt nicht – das tut nur der Amerikaner, das zähnefletschende Biest, im Rollentausch mit „dem Russen“ früherer Zeiten. Wer aber Uthoff und von Wagner zu Propheten erklärt (ein Status, den sie selbst gar nicht beanspruchen), der darf sich weltweise dünken, und besser, moralisch zumal, als der unaufgeklärte Abschaum. Ja, der sollte eigentlich das Sagen haben.

Sich auf neue Hoheiten der Weltdeutung zu berufen, hat dabei unleugbar den Vorteil, jeden Einwand als Lüge denunzieren zu können. Und sich qua Identifikation mit den Wahrheitskündern auf der richtigen Seite wähnen zu dürfen – jener der zweifellos Gerechten, der lauteren, lichten Reinen. Denn so irrtumsfrei und moralisch, so über jeden Zweifel erhaben wie sie wäre man dann, als ihr Gefolgsmensch, ja auch; der eigenen Fähigkeit zu irren entledigt. Und damit einer von denen, die bestimmen sollten, verdammt nochmal, was wahr ist, und wie die Dinge deswegen zu laufen hätten.

Wer die Wahrheit zu kennen behauptet, legitimiert sich als Inhaber des Deutungsmonopols, als denjenigen, dessen öffentliche Rede Herrschaftsstrukturen setzt, und stabilisiert. Diese Zusammenhänge aufzubrechen, hieße, Aufklärung zu betreiben – auch schwierige, schmerzhafte Selbstkritik. Eben danach verlangt es den Kritiker der „Lügenpresse“ keineswegs. Er will ja die alten, klar gezogenen Grenzen zwischen Licht und Schatten zurück; die simplen Welterklärungen, die Herrschaft begründen, diesmal aber ihn auf Seiten der Herrschenden einordnen. Nun ist das mit der Herrschaft so eine Sache – sie ist ähnlich schwer greifbar wie die Wahrheit, oder auch die von den Herren Kalkofe und Rütters berühmt gemachte kleine Fee, die im Kopf Vanilletee kocht. So orientiert man sich eben zu größeren Autoritäten hin, die einem die Arbeit des Grübelns wieder abnehmen; und auf deren Aussagen man den Anspruch gründen kann, was die Zeitung zu schreiben hätte.

Wir haben unsere Autoritäten verloren – leider hat uns das nicht autoritätskritisch gemacht. Einsam wäre das und zugig so allein, ohne Vorbeter und Lichtgestalten, von deren Schein auch auf uns etwas abglänzt, uns über die Tumben und Bösen erhöht. Und da es nun kalt geworden ist an den Schultern der USA und der Süddeutschen Zeitung, suchen wir uns neue Schöße, auf die wir uns setzen können; neue Geschichtenerzähler, die Märchenstunde halten, nur daß diesmal wirklich alles wahr ist. Ganz bestimmt.

:: JournAfrica! – Die Sicht afrikanischer Journalisten

Na Leute, wißt Ihr auch so gut über Afrika bescheid? Daß da alle arm sind, Leopardenfelle anhaben und mit Speeren rumhopsen?

Schluß damit: Die Plattform JournAfrica! veröffentlicht – deutsch, englisch und französisch übersetzt – Texte afrikanischer Journalisten, die neben einheimischer Realität auch den afrikanischen Blick auf Europa wiedergeben. Die afrikanischen Blicke vielmehr, da der Kontinent keineswegs der gesellschaftlich homogene Brei ist, als den wir ihn gerne wahrnehmen.

Die Artikel belegen, daß nicht nur hiesige Medien über Afrika berichten, sondern umgekehrt auch afrikanische Journalisten kritische Blicke auf Europa werfen; dies auch eine Korrektur der leider noch häufigen Wahrnehmung, nur wir könnten analysieren und – gern mit dem postkolonialen Überlegenheitsgestus des vernünftigeren Abendländers, der auf dem Treppchen zur reinen Vernunft stets ein paar Schritte voraus ist – „einordnen“, was in anderen Teilen der Welt geschieht.

Und hättet Ihr gewußt, daß man auch in Burundi Charlie war, oder wie afrikanische Journalisten die Diskriminierung von Afroamerikanern in den USA kommentieren?

Die Zukunft von JournAfrica! ist noch ungeklärt, da die derzeit hauptsächlich von Fördergeldern abhängige Finanzierung nicht ewig währen wird; die Macher hoffen auf ein Gründerstipendium. Auch aus diesem Grund lohnt es, ab und zu mal vorbeizusurfen, und zu lesen: Klickzahlen, also Erfolg bzw. Attraktivität der Plattform könnten schließlich zum Argument für weitere Förderung sein. Oder sogar dazu führen, daß sich das Projekt über Weitergabe von Artikeln an Dritte irgendwann selbst trägt.

Ebenfalls zum Thema: Ein Bericht des Medienmagazins ZAPP

:: Germanwings-Absturz: Mediale Perversionen

Es ist ekelerregend. Name und Wohnort des Copiloten der abgestürzten Germanwings-Maschine werden im Fernsehen genannt, Bilder des Hauses seiner Eltern gezeigt; Sendungen wie „Brisant“ laden Passanten ein, sich ins Mikrophon zu erregen, daß hier einer nicht nur sich selbst, sondern noch 149 andere umgebracht hätte. Lediglich auf Phoenix – einem Sender, der allerdings ebenfalls schon gestern aller Welt mitteilte, wie der Mann hieß und wo seine Angehörigen leben – darf ein Psychiater darauf hinweisen, daß weder die gefundenen Krankschreibungen noch die Aufzeichnungen des Stimmrecorders irgend etwas eindeutig belegen. Was aber niemanden hindert, weder Presse noch Publikum, sich wie Aasgeier um dieses Nichts zu versammeln. Und die Angehörigen des Copiloten aller Welt auszuliefern, zum Anstarren mindestens, vielleicht auch Schlimmeres, Schmähung, Bedrohung.

Der Mann könnte ebenso gut eine Grippe gehabt haben, im Cockpit kollabiert sein. Macht nichts – diverse Boulevardpostillen wissen nicht nur: das ist der „Amok-Pilot“; sie haben außer dem Namen auch gleich sein Foto titelseitengroß parat. Damit Nachbarn und Bekannte der Familie auch Bescheid wissen und sich daran freuen können. Wie das medienkritische BILDblog berichtet, hat ein gewisses hiesiges Blatt die Ereignisse sogar als „Ritualmord“ des Copiloten durchschaut.

Von der „seriösen“ Berichterstattung unterscheidet sich all dies jedoch nur im Duktus. Mit pausbäckiger Unschuldsmiene verfahren die öffentlich-rechtlichen Medien ebenso, begleitet von der ständigen Versicherung, es nicht tun. Die Journalisten jeder Couleur kennen keinen Anstand – wie der oben verlinkte Artikel ebenfalls berichtet, belagern sie das Haus der Eltern des Copiloten, horchen Nachbarn aus, betreiben eine Hetzjagd. Veröffentlichen in ihrem Eifer statt dem Bild des Unglücksfliegers das eines Unbeteiligten – nicht er erste Fall, man denke an Winnenden –, dessen Bekanntenkreis dann heimgesucht wird. Gipfel der Perversion: trauernden Mitschülern – Kindern – wird von der Meute Geld dafür geboten, vorformulierte Sätze in die Kamera zu sprechen.

Wie bereits am Mittwoch, unmittelbar nach dem Absturz, als sämtliche Medien mangels konkreter Informationen ununterbrochen berichteten, daß sie derzeit nichts zu berichten hätten; betonten, daß sich Spekulationen verbieten würden, um dann munter drauflos zu spekulieren, sensationsträchtige Möglichkeiten anzudeuten, spektakuläre Hintergründe zu suggerieren („. . . aber ich muß trotzdem nochmal fragen, Herr Experte, könnte da vielleicht . . .“ – nein, müßt ihr nicht, bzw. warum „müßt“ ihr eigentlich – oder wollt ihr nur, obwohl ihr nicht müßtet; nicht solltet?) – gerade so führt man nun die Hinterbliebenen des mutmaßlichen Unglücksfliegers vor. Die dürfen sich nicht nur mit der Möglichkeit auseinandersetzen, daß ein Mitglied ihrer Familie den Absturz herbeigeführt haben könnte (sofern es eben, was noch nicht belegt ist, absichtlich geschah); sondern auch damit, daß sie weltweit dem gaffenden Blick der Meute ausgeliefert werden. Noch einmal: in Anbetracht einer Möglichkeit; nicht einmal, auch wenn das nichts besser machte, eines Beweises.

Ob der Copilot fahrlässig Gesundheitsprobleme ignorierte oder, wie alle Sensationsgierigen landauf, landab wissen wollen, Suizid mit angeschlossenem Massenmord beging, spielt keine Rolle für den schäbigen Umgang mit seinen Angehörigen. Rechtfertigt nicht, sie verantwortungslos zum Glotzobjekt all der müßigen Gaffer zu machen, denen das Unglück nur Ausreden für die Befriedigung ihres Voyeurismus liefert; denen, die auch bei einem Auffahrunfall stehen bleiben und luchsen, ob sie nicht einen Blick auf Blut oder Gekröse erhaschen.

Noch widerlicher ist, daß auch die Passagiere, die Opfer, dabei mißbraucht werden. Was da bei Straßeninterviews das gesunde Volksempfinden in die Mikrophone blökt, zeugt weder von echtem Mitgefühl noch ehrlicher Empörung. Der geheuchelten Anteilnahme, der (auch sich selbst) vorgespielten Erschütterung, die jede neue Informationslücke gierig aufsaugt, werden die Opfer zum Vehikel dazu, sich selbst als mitleidend, mitfühlend zu stilisieren; zur Ausrede, nach einem Verweis pro forma auf die Toten, sofort über den Schurken am Steuerknüppel zu phantasieren, in Bestrafungswünschen post mortem zu schwelgen. Ein Mechanismus, der ähnlich bei Berichten von Kindermorden greift: kaum so lange verweilt der Gedanke wirklich beim Opfer, daß es ausreichenden Anlaß für wohltuende Vorstellungen davon liefert, was man mit dem Täter gern so alles anstellen würde.

Hier ist der vermeintliche Täter dem Rachegelüst entzogen, das ohnehin meist aufgestauten Zorn maskiert, aus zahllosen Frustrationen entstanden, der mit dem jeweiligen Anlaß seiner Entladung in keinerlei Zusammenhang steht; ziellos wuchert, endlich dann, wenn es irgendwo knallt, auf einen Schuft gerichtet werden darf. Wenigstens hat man hier noch seine Familie, die nun herhalten muß, und sei es nur, indem man sie durch Bloßstellung abstraft. Oder kann noch einmal auf den Toten eintreten, gleich stellvertretend für alle diese Verrückten, ein Glück, sie kommen nicht ganz so leicht davon.

Die bösen Medien also mal wieder? Nicht so einfach, Herrschaften. Denn die Medienmacher spekulieren nicht zu Unrecht auf ein Publikum, das die Gelegenheit freudig begrüßt, sich als Unfalltourist zu ergehen, und sich dabei noch als zu den Guten gehörig zu gerieren. Und so wird die Familie des Copiloten vorgeführt, über Wahnsinn des Mannes spekuliert, lüstern in Leichnamen gestochert; alles in dem Gefühl, es aus rechtschaffener Empörung zu tun, einer der Anständigen und Ehrbaren zu sein – der aufrichtig Erschütterten.

Man ist klüger geworden seit den Tagen, da die Medienmeute um die Gladbecker Geiselnahme herumlungerte; gibt sich verhaltener, jedenfalls außerhalb des Boulevards. Die Komplizenschaft zwischen den Medienmachern und ihrem Publikum dauert dennoch fort, wobei schamlos, maßlos, mitleid- und gnadenlos den Opfern gegenüber, auch die Fratze des Zuschauers all ihre Häßlichkeit zeigt.

Es regte sich, gleich zu Beginn des medialen Spekulationsamoks, auch Widerstand; hier etwa, auch auf Facebook und Twitter, und allgemein in medienkritischen Blogs. Allein das relativiert den Eindruck einer ganz und gar verkommenen Öffentlichkeit. Die Verwertungsmaschinerie – den Schlachthausbetrieb, der Opfer und Angehörige zu Unterhaltungsware erniedrigt – hält es nicht auf.

Manchen, auch das eine Relativierung, darf ihre Betroffenheit wirklich geglaubt werden; die des Bundespräsidenten etwa, über den der Verfasser sonst wenig Gutes zu sagen weiß, wirkt ehrlich. Es wäre zu hoffen, daß er Recht hat, wenn er die Trauer um die Opfer als Zeichen dafür nimmt, daß wir in einer „Gesellschaft von Menschen“ leben, nicht bloß von „funktionierenden Wesen“. Ein ehrbarer Gedanke.

Aber die Maschine; die Maschine. Sie läuft, und wird das nächste Mal wieder laufen.

 

Eines noch.
Die demonstrative, öffentliche Trauer dieser Tage – nützt sie den Angehörigen eigentlich? Raubt sie ihnen nicht vielmehr der Möglichkeit, um ihre Toten zu trauern, indem sie diese zum öffentlichen Gut, dem Gegenstand der angeblichen Trauer Aller macht? Nimmt sie den Familien und Freunden ihre Lieben nicht ein zweites Mal – endgültig, als die Ihren nämlich?

Denn die da alle zu trauern behaupten (oder ihre gespielte Trauer öffentlichkeitswirksam vor sich hertragen) – sie kennen weder die Opfer, noch die Hinterbliebenen. Ihre Trauer ist – zumindest häufig – Anmaßung, zu der sie kein Recht haben; ist sentimental verlogene Identifikation mit den Angehörigen, kitschige Selbststilisierung, und insofern übergriffig. Sie vergemeinschaftet die Toten, macht sie zum Gegenstand der Bedürfnisse des Publikums, und reißt sie damit ein zweites Mal aus dem Schoß ihrer Familien, aus ihrem Freundeskreis.

Mitgefühl – ja. Unterstützung – unbedingt. Aber bitte nicht diese Erniedrigung zu einem weiteren Unterhaltungsmehrwert.

:: Endlich wieder alles klar

Herr Sathom hatte zum Jahreswechsel wieder so eine Diskussion am Silvestertisch und dachte:

Hach, wie gut, daß es Russia Today gibt.

Was war das irritierend die letzten Jahre. Als wir merken mußten: unsere seriösen Qualitätsmedien sind das gar nicht immer, liefern oft zur Information die Weltdeutung im Sinne der bestehenden Herrschafts- oder Gesellschaftsordnung gleich mit; stellen Dinge einseitig dar, vertreten unisono eine Blockmeinung – Herrschaftsmeinung, die den herrschenden Klassen genehme eben; sangen das Loblied des Sozialabbaus, des Kapitalmarktes, der allem innewohnt und es gottgleich zum Besten regelt, weshalb die immer ärmer werdenden selbst schuld sind, und der wohlbestallte Bürger in der Mitte der Gesellschaft siedelt, dieweil die an den „Rändern“ – denn das impliziert die Rede von der „bürgerlichen Mitte“ – als Bürger gar nicht zählen. Weshalb sie auch nicht gefragt werden, und man in Talkshows über Hartz-IV-Empfänger redet, aber nicht mit ihnen.

Doch nun wird alles anders!

Vorbei die Zeit der Verwirrung; zuende auch die Zumutung, ständig kritisch zu hinterfragen, was man da liest oder sieht, und überlegen zu sollen, woher das kommt – etwa daher, daß auch Journalisten voreingenommen sind, oft derselben gesellschaftlichen Schicht entstammen und deren Weltsicht unkritisch teilen? In der Kommunikation mit anderen Mitgliedern ihrer in-group einander ihre Vorurteile bestätigen? Die Nachricht in ihr festliegendes, oft nicht bewußt reflektiertes Weltbild einsortieren, sie gemäß aktueller Denkklischees deuten? Manchmal einfach auch schlampig recherchieren, oder voneinander abschreiben? Wäre alles denkbar. Daß gerade ein gemeinsames Weltbild die Berichterstatter prägt, dafür war ja erst kürzlich die antigewerkschaftliche Angstmacherei angesichts der Lokführer- und Pilotenstreiks mit ihrem munteren Rückfall in 90er-Jahre-Rhethorik ein anschauliches Beispiel. Kurz, da kommt einiges zusammen, und eine einzige Ursache, ein lenkender Schuft, ist nicht immer auszumachen.

Doch mit solch komplexen Wirrnissen müssen wir uns nicht länger plagen. Nicht länger solch vertrieselte, von Fall zu Fall unterschiedlich gehäkelte Ursachenknäuel aufknoten. Endlich, endlich ist die Welt wieder einfach, und aufs Beste erklärt.

Die Medien sind gesteuert! (Aha!) Doch nun enthüllt uns eine über jeden Zweifel erhabene Instanz endlich die Wahrheit! (Hurra!) Der dürfen wir endlich wieder ungeprüft alles glauben! (Uff!)

Und ist ja auch alles hochplausibel:

Wenn wir – „der Westen“ – nun doch nicht die Guten sind, dann müssen es wohl „die Russen“ sein. Zumal die ja überhaupt nicht dieser Tage Transsexuellen das Autofahren verboten haben. Und muß wohl bei ihnen auch der Hort der holden Tatsachen wohnen, dieser aber Russia Today sein, wo nur Edelmenschen arbeiten, und selbstlos, unermüdlich, Töpfe voll eitel Wahrheitshonig über uns ausgießen. Und weil das so ist, hörte man in unseren unseren durchkorrumpierten Westmedien ja auch ü-ber-haupt nichts vom Folterbericht der CIA, und laufen auf 3sat auch gar keine kapitalismuskritischen Dokumentationen – während RT ganz offen zeigt, wie in der heiligen Rus marodierende Banden mit dem Segen der orthodoxen Kirche Homosexuelle foltern und Videos davon online stellen, die Polizei die Täter aber nicht identifizieren kann, obwohl die freudig ihre Rüssel in die Kamera halten und ggf. die einzigen Bewohner des dörflichen Tatorts sind.

Wie schön: ehe man sich mühsam durch den Mediendschungel quält, Meinungen vergleicht, Quellen prüft, gesellschaftlichen Entwicklungen analytisch begegnet, vielleicht mal ein paar politologische oder soziologische Bücher liest (Tipp: Eva Herman schreibt die nicht), kann man doch auch einfach entscheiden, daß unsere Medien eben durch die Bank lügen – weil nämlich Obama und Merkel morgens bei SZ und „Zeit“ anrufen und den Redakteuren in den Block diktieren,welche Meldungen erwünscht sind. Sofern die Illuminaten das nicht gleich selbst erledigen, statt solche Politmuppets vorzuschicken.

Lästige Wahrnehmungen wie die, daß auch Westmedien immer wieder kritisch berichten; daß der britische Guardian mutig, gegen Regierungsdruck, Edward Snowdens Enthüllungen publizierte; daß gerade die als „gesteuertes“ Leitmedium geschmähte SZ eben auch einen kapitalismuskritischen Heribert Prantl hat; daß immerhin offen berichtet wurde vom Schwindel der Biowaffen in Saddam Husseins Bastelkeller; all diesen lästigen Quatsch weiß der Erleuchtete, dem die Welt dank RT wieder eine geordnete ist, beiseite zu wischen. So was passiert unfallshalber, erklärt er, und dauert grad, bis wieder „der Maulkorb“ verhängt wird; oder er nimmt es einfach gar nicht zur Kenntnis. Auch der Widerspruch, daß die – sonst durchaus aufklärerischen und klugen – Insassen der „Anstalt“ in der letzten Sendung vor Jahresende so froh wie unbekümmert suggerierten, RT betreibe wenigstens im Gegensatz zur SZ richtigen Journalismus, und daß sie das im bösen ZDF auch dürfen, stört ihn nicht im Geringsten.

Darum hält er sich auch nicht damit auf, zu bestimmten Debatten auch andere europäische, oder gar US-amerikanische Medien zu konsultieren. Schieflagen der deutschen Berichterstattung und Talkshow-Welterklärung, die einem uniformen mindset der deutschen Medien entspringen, machen auch diese bereits sichtbar (wie etwa in der Debatte zum Beschneidungsurteil). Aber das würde ein zu pluralistisches Bild der Westmedien zeichnen. Lieber sucht man sich ein unfehlbares Orakel.

Denn neeein, das staatsfinanzierte RT ist natürlich kein Propagandainstrument; wäre ja noch schöner. Dann müßten wir uns ja klar machen, daß keine Seite ausschließlich „gut“ oder „böse“ ist; daß in der Ukraine alle beteiligten Machtblöcke ihre Interessen auf Kosten der ukrainischen und russischen Zivilbevölkerung verfolgen; daß auch die Erklärungen für fuck-ups der Westmedien, die Herr Sathom hier ja auch schon geißelte, etwas komplizierter sind als im Kasperltheater, wo der Teufel Hörner hat, damit man weiß, er ist der Böse. Kurz, wir müßten ständig, wie der alte Kant mal formulierte, den Mut haben, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Und wie ist das doch, wenn es dazu schon keines Mutes wie zu Inquisitionszeiten mehr bedarf, furchtbar anstrengend.

Da ist es einfacher, sich um 180 Grad zu drehen. Waren vorher wir die ausschließlich Guten und „die“ eben die Bösen, ist’s jetzt halt andersrum; alle Ukrainer gelten plötzlich als Nazis, und Greueltaten werden natürlich nur an den Separatisten verübt, nie von ihnen. Und das Feinste: statt ständig aufmerksam beobachten und kritisch hinterfragen, Quellen auswerten zu müssen, weiß man sich jetzt wieder qua Identifikation mit einer unfehlbaren Instanz auf Seiten des Guten; im Vollbesitz der einen, lichten, lauteren Wahrheit. Hat endlich wieder den Durchblick! Weiß bescheid – das heißt, darf „wissen“, was einem in den Kram paßt. Gut, daß die Welt wieder sauber aufgeteilt ist in schwarz und weiß; man selbst auf der richtigen Seite. Bloß glauben muß, was aus der einen Quelle stammt, und an die Suppe aus der anderen eben nicht. Weiteres Denken: endlich wieder unnötig.

Wie da selbst Leute, die sich dem aufklärerischen Geist verschrieben haben, diesen in letzter Zeit manchmal diskreditieren, indem sie einseitig in eine populäre Kerbe hauen (ja, Herr Sathom guckt euch an, Anstaltsbetreiber), ist zumindest besorgniserregend.

Auch der heitere Herr Pispers irrt (selten, aber kommt vor), wenn er – etwa im Programm „Bis neulich 2014“ – zumindest suggeriert, „die Medien“ würden bestimmte Nachrichten in irreführender Absicht machen. Gewiß gibt es in den höheren Verlagsetagen auch Drahtzieher, die politischen Agenden folgen; sicher beeinflussen PR-Agenturen und Lobbyisten Themenwahl und Weltdeutung; gewiß gibt es sogar propagandistische Kampagnen (wer hat z.B. in den letzten Jahrzehnten Arbeitslose und „Sozialschmarotzer“ diffamiert, daß die Balken knirschen?). Doch die Mehrzahl der „Medienmacher“, Journalisten, Kommentatoren, Feuilletonisten, deuten die Welt ganz von sich aus gemäß ihrer schichtspezifischen Dressur. Manche von ihnen mögen als Chefredakteure einer politischen Agenda folgen, in Absprache mit Kumpels aus anderen Verlagen handeln; Kommentatoren dem Geltungsdrang frönen, gesellschaftliche Entwicklungen anstoßen und steuern, oder die Politik vor sich hertreiben zu wollen. Und, ja: Manche lügen. Dagegen kann man aufklärerisch anreden; die Lösung kann jedoch nicht darin bestehen, sämtliche Journalisten – vom Chefredakteur bis zum Fußvolk mit Mikrophon – per Verschwörungstheorie zu einem abgestimmt handelnden Netzwerk zu erklären, und vor allem: einfach die Instanz zu wechseln, der man nun unkritisch alles von den Lippen abliest; von der man nun glaubt, sie sei unfehlbar, lauter in ihren Absichten, und jedes ihrer Worte licht und wahr.

Wenigstens den Leuten von der heute-show ist mal was anderes eingefallen: angeregt durch Bilder von Bildern aggressiven, schon ansatzweise gewaltbereiten Verscheuchungsverhaltens der PEGIDA-Demonstranten gegenüber ARD-Journalisten, schickten sie kurz vor Jahresende den billigst als RT-Mitarbeiter verkleideten Carsten van Ryssen zur Demo, dem die Teilnehmer trotz eines so eindeutig vorgetäuschten russischen Akzents, daß Herr Sathom Ohrenpilz bekam, bereitwilligst Auskunft gaben. Natürlich entstammen auch die gezeigten Interviewmitschnitte einer Auswahl (aber im Ernst: wollt Ihr euch sowas drei Stunden lang geben, Folks?); aber wie sich da mancher um Kopf und Kragen redet im Glauben, zum einzigen Wahrheitssender des Planeten zu sprechen, ist dennoch entlarvend.

Jedenfalls: die Dinge sind ein bißchen komplizierter, Leute; einfach bloß bei den „Guten“ und „Bösen“ die Hüte auszutauschen, um mal eine idiotische Metapher aus dem Reich des Meetinggeschwafels aufzugreifen, reicht da nicht.

Und, ach ja – Herr Sathom stimmt allem, was die Macher der „Anstalt“ in letzter Zeit zum Thema Flüchtlinge sagten, aus tiefstem Herzen zu. Er fragte sich bloß neulich: wo doch jetzt wir die Bösen sind und Putin & Co. die Guten, wie viele syrische Flüchtlinge nimmt Rußland da eigentlich auf? Man hört so gar nichts.

Schön, das verschweigen wohl wieder bloß die bösen Westmedien, und RT ist einfach zu bescheiden, um deswegen Wind zu machen.

Diese guten Menschen!

:: Supergrundrecht Sicherheit

Ein kurzer Nachtrag zum Artikel :: Ausverkauf: Alles muß raus, in dem beiläufig die kürzliche Äußerung des Innenministers gestreift wurde, Sicherheit sei ein „Supergrundrecht“.

Erfunden hat die Floskel vom Supergrundrecht Sicherheit offenbar nicht der Minister selbst.

Wichtiger an ihr scheint etwas anderes – nämlich, daß Sicherheit von vornherein nicht zum Kanon der im Grundgesetz festgelegten Grundrechte gehört, also auch nicht als „super“ die übrigen ausstechen kann. „Sicherheit“ wird in der Verfasung schlichtweg nicht als Grundrecht benannt. Bedenklich ist in diesem Zusammenhang, daß dieser Umstand vielen medialen Berichterstattern, gleich ob zustimmend oder kritisch, nicht aufzufallen scheint.

Daß tatsächlich die Gewährleistung von Sicherheit eine staatliche Aufgabe ist, der die Grundrechte als Regulativ gegenüberstehen, und weshalb die Rede von Sicherheit als Grundrecht – super oder nicht – staatsrechtlich bedenklich ist, dazu hier ein Artikel.