Archiv der Kategorie: Diverses

:: Nachtgedanken: Warum es ein Nichts geben muß (oder einmal gegeben haben muß)

Das passiert, wenn man nachts zu lange auf bleibt: Man kommt so ein bißchen ins Philosophieren. Man treibt also Metaphysik. Oder Ontologie. Was auch immer.

Und manchmal hat man (wenn man Herr Sathom heißt) dabei ziemlich wirre Ideen. Eine davon treibt mich jetzt schon eine Weile um, und ich will sie nun endlich mit einer verblüfften Welt teilen.

Übrigens vorab: Ich behaupte nicht, der Erste oder Einzige zu sein, der jemals auf diese Idee gekommen ist; und ich bin zu faul, es zu recherchieren. Kann also sein, daß das gar kein so neuer oder origineller Einfall ist. Wenn, dann will ich nicht so getan haben, als ob ich der Urheber wäre.

Jetzt aber los. Also:

Eine der grundlegenden Fragen der Philosophie lautet: Warum existiert Etwas anstelle von Nichts? Die bekannteste Fassung dieser Frage ist wohl die, die Leibniz in seiner Theodizee verwendet: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? („Pourquoi il y a plus tôt quelque chose que rien?“).

Die Frage an sich ist natürlich viel älter, und von anderen Philosophen unterschiedlich formuliert worden; und sie ist durchaus berechtigt. Denn schon bei oberflächlicher Überlegung ist es ja keineswegs selbstverständlich, daß überhaupt etwas existieren sollte. Warum gibt es dieses Etwas (z.B. unser Universum), und nicht einfach nur gar nichts? Wäre das nicht sogar plausibler – außer, es gäbe einen Anlaß für dieses „Etwas“?

Leibniz nimmt diese Frage natürlich zum Anlaß, die Existenz Gottes zu beweisen bzw. diesen Gott zu rechtfertigen: Alles Leid in der Welt, durch Naturkatastrophen, Krankheiten usw., auch die menschliche Bosheit, die Leiden verursacht, sind unvermeidlich; ein geordneter Kosmos kann nur so funktionieren, wie der unsere, oder gar nicht; oder das Leben darin wäre noch schlimmer. Man kann diese Unbilden nicht Gott zur Last legen, denn er ist allwissend und gütig, und hat die Welt so gestaltet, wie sie noch am günstigsten für den Menschen funktioniert; wir leben, so Leibniz, in der „besten aller möglichen Welten.“

Als Atheist muß ich diese Gottesrechtfertigung natürlich ablehnen. Selbst wenn man einen – vorab angenommenen – Gott auf diese Weise rechtfertigen kann (als einen guten Gott, der das Böse nicht aus fieser Absicht in die Welt eingebaut hat), läßt sich aus der Existenz der Welt keineswegs ableiten, daß es überhaupt einen Schöpfer geben muß. Ihre Entstehung könnte ja auch einfach so „passiert“ sein. Z.B. durch einen Urknall. Was in der Art halt.

Es gibt auch andere Antworten, etwa die, daß ein Zustand absoluten Nichts unmöglich sei; studierte Hirnakrobaten sich zu dem schon Thema alles Mögliche einfallen lassen, vieles davon gewitzterer hergeleitet, als ich das könnte.

Wie auch immer: Mir ist zu später Stunde noch eine weitere, mögliche Antwort auf besagte Frage eingefallen; nicht erst gestern, und manchmal sucht sie mich in anderen, zu langen Nächten noch heim.

Also: Warum existiert Etwas anstelle von Nichts?

Antwort: Es existiert Etwas, weil Nichts existiert.

Umkehrschluß: Weil etwas existiert, muß zwingend notwendig ein Nichts existieren (oder ursprünglich existiert haben).

Häh?

Ok, ok. Dahinter steckt folgender Gedankengang:

:: TV-Tipp: Rollerball (1975)

Und weil ich gerade dabei bin (zwar leider knapp dran, aber ich habe es selbst gerade erst bemerkt): arte zeigt am Montag, dem 22.03., um 21:45 Uhr den Science-Fiction-Film Rollerball (1975), offenbar ohne demnächst geplante Wiederholungen.

Ein 2002 produziertes Remake, das mit dem Original so gut wie nichts zu tun hat – schon gar nicht, was dessen Qualität anbelangt – ist vermutlich einer der schlechtesten Filme aller Zeiten, und sei nur erwähnt, um Verwechslungen zu vermeiden (ein pikantes Detail dazu aber unten). Das Original dagegen, ein Klassiker des Genres, paßt in verschiedene Kategorien. Einerseits als für damalige Verhältnisse außerordentlich brutaler Actionfilm, zumindest, soweit es Mainstream-Produktionen betrifft, mit einem bestens geeigneten James Caan in der Hauptrolle; andererseits als düstere soziale Dystopie, in der die Welt von Konzernen regiert wird, die an die Stelle staatlicher Regierungen getreten sind (hallo Nevada).

Um die Massen zu kontrollieren, gibt es Rollerball – einen brutalen Teamsport, der an Gladiatorenkämpfe erinnert. Als Veteran des Spiels und Liebling des Publikums wird Jonathan E. (Caan) der dekadenten Elite gefährlich; man fürchtet, er könne aufgrund seiner Popularität Einfluß auf die Massen gewinnen, was für ihn, obwohl er tatsächlich keine entsprechenden Ambitionen hegt, lebensgefährlich wird. Ich will hier nicht zu viel verraten; daher folgen nur einige kurze Spoiler (ggf. den folgenden Absatz überspringen).

SPOILER ANFANG: Zu den eindringlichsten Sequenzen des Films gehört Jonathan E.s Besuch beim Supercomputer Zero. Jonathan, der bereits herausgefunden hat, daß alle Bücher digitalisiert und danach vernichtet wurden, will herausfinden, auf welcher Grundlage die Konzerne ihre Entscheidungen treffen (wie sich zeigt, wurden die digitalisierten historischen Aufzeichnungen editiert, also verfälscht); der Computer – eine Art denkender Flüssigkeit – gilt als einer der Speicher des gesammelten menschlichen Wissens. Es stellt sich heraus, daß Zero – den die Konzernchefs offenbar seit geraumer Zeit nicht mehr konsultieren– vollkommen wahnsinnig ist und Informationen verlegt, durcheinanderbringt oder vergißt. Die Sequenz trägt zur Atmosphäre des Films bei, der eine in Teilen wahnsinnige Welt zeigt – z.B., wenn superreiche Partygäste Bäume zum Spaß mit Laserpistolen abfackeln. (Hinweis: In der ursprünglichen Spoilersektion hatte ich einige Details falsch angegeben, da ich den Film vor Ewigkeiten gesehen, und Einzelheiten falsch erinnert hatte; ich habe das korrigiert). SPOILER ENDE

Rollerball ist kein vergnüglicher Film, so wenig wie etwa Silent Running/Lautlos im Weltraum – sondern ein atmosphärisch starker, verstörender Ausblick in eine dystopische Zukunft, der mit harten Actionsequenzen nicht geizt. Die Mischung aus düsterer Zukunftsvision und bitterböser Satire, die oft nahezu irrsinnige Züge annimmt (und dadurch den Irrsinn der gezeigten Welt verdeutlicht), ist dabei typisch für Filme der Zeit (Kubricks Doktor Seltsam und A Clockwork Orange wären andere Beispiele).

Ah, und noch das pikante Detail: Das vermasselte Remake von 2002 beendete auch die Karriere des Regisseurs John McTiernan, immerhin verantwortlich für Klassiker wie Predator, Die Hard und Jagd auf Roter Oktober. Grund hierfür war ironischerweise, daß McTiernan mit dem Produzenten in Streit darüber geraten war, was für eine Art Film das Remake werden sollte; worauf er einen Privatdetektiv anheuerte, um diesen Produzenten illegal abzuhören (offenbar, um ihn bei negativen Äußerungen über andere Studiobosse, oder bei falschen Aussagen gegenüber dem Studio zu „ertappen“). McTiernan wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er dazu gegenüber dem FBI falsche Aussagen gemacht hatte, und konnte seitdem in Hollywood nie wieder richtig Fuß fassen. (Ich habe keine Ahnung, weshalb er nicht wegen des illegalen Auftrags selbst verurteilt wurde; Wikipedia macht keine Angaben dazu, und ich habe keine Lust, das langwierig zu recherchieren.)

Wir wissen nicht, was für einen Film McTiernan machen wollte; was entstand, ist ein abgrundtief schlechtes Remake – für das ausgerechnet der Regisseur, der es (vielleicht) verhindern wollte, sich auch noch mit je einem Stinkers Bad Movie Award für die schlechteste Regie und das schlechteste Remake schmücken darf.

:: Happy Birthday, Buffy Sainte-Marie

Seltsamerweise bin ich auf Buffy Sainte-Marie erst irgendwann in den 2010er Jahren aufmerksam geworden; und ich könnte mir vorstellen, daß die meisten Menschen hierzulande auf die Erwähnung des Namens immer noch mit „Buffy wer?“ reagieren dürften, obwohl Sainte-Marie seit geraumer Zeit international weitaus bekannter geworden ist.

Merkwürdig ist das deshalb, weil ich einer Generation angehöre, deren „musikalisches Erwachen“ Ende der 1970er/Anfang der 80er in eine Zeit fiel, die u.a. – neben Punk, New Wave, Neuer Deutscher Welle etc. (Reggae und was weiß ich noch, es tat sich einiges) – eben auch von amerikanischer Folk Music geprägt war. Als deren Protagonist*innen waren Joan Baez, Simon and Garfunkel, Cat Stevens (mittlerweile Yusuf Islam) bei uns allgemein bekannt und beliebt. Und das galt nicht nur für die Öko-Teetrinker-Fraktion, sondern auch für Leute, die sonst eher auf The Police oder die Boomtown Rats standen. Nun waren all diese Musiker*innen zu diesem Zeitpunkt schon gewissermaßen Artefakte der späten 1960er (was nicht negativ gemeint ist; musikalische Trends hielten sich damals länger). Es ist also seltsam, daß ich von einer ebenso lange auf diesem Feld aktiven Musikerin nie etwas gehört hatte, zumal einer, die in Kanada und auch weltweit ziemlich erfolgreich war.

Die Erklärung lautet vermutlich, daß das Meiste, was wir damals (und heute) an internationaler Musik kannten, aus den USA importiert wurde. Denn Sainte-Marie, als Native American politisch aktiv für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner*innen, stand in den USA der 70er Jahre auf der „Schwarzen Liste“. Diese Praxis des Blacklistings u.a. seitens der US-Präsidenten Johnson und Nixon führte etwa dazu, daß betroffene Musiker*innen nicht von Radiostationen gespielt wurden; kurz, daß sie in der US-amerikanischen Musikindustrie faktisch nicht existierten. Aktivist*innen der Red Power-Bewegung und andere politisch mißliebige Künstler*innen waren damit – so wie des Kommunismus verdächtige Filmschaffende aufgrund der „Schwarzen Liste“ Hollywoods – damit praktisch out of business. Damit gehörten sie vermutlich auch nicht mehr zu den Leuten, deren Platten über den großen Teich importiert wurden.

Und so bemerkte ich Buffy Sainte-Marie zum ersten Mal in einer Dokumentation über die Geschichte der Folk Music, vielleicht auf arte, ich weiß es nicht mehr, in der sie auch eher per Nebensatz abgehandelt wurde; immerhin genügten die wenigen Szenen und Aufnahmen ihrer Stimme, mich auf Internetrecherche zu schicken, und siehe da, es hat sich gelohnt.

Sainte-Marie war in all den Jahren durchaus erfolgreich, und nicht nur im Bereich aktivistischer Folk Music aktiv; für die Schnulze „Up where we belong“ aus dem Film Ein Offizier und Gentleman von 1982 erhielt sie zusammen mit Jack Nitzsche einen Golden Globe und den Academy Award; in den 70ern erschien sie regelmäßig in der Sesamstraße (wo sie, eine Fernsehpremiere, ihrem Sohn die Brust gab und den Muppets erklärte, was sie da machte). Diese Auftritte sind in Deutschland völlig unbekannt, da nach vehementen Elternprotesten die synchronisierte US-Sesamstraße durch eine desinfizierte, deutsche Fassung ohne Mülltonnen-Oscar, Proletenkinder aus Sozialbaughettos und Menschen anderer Hautfarbe ersetzt wurde. (Das Lustige daran ist, daß dieselben Eltern nicht merkten, daß man ihnen bei der Gelegenheit einen schwulen Bären und die kratzbürstige Emanze Tiffy unterjubelte. Ich frage mich bis heute, ob das Absicht war und sich die Leute in Jim Hensons Creature Shop kaputtgelacht haben).

Das Wichtigste ist natürlich die Musik. Kraftvolle, von tribalen bzw. nativen Elementen geprägte Songs, deutlich spirituell angehaucht (was ich nicht brauche, mich aber auch nicht stört), gesungen von einer Frau, die selbst im hohen Alter nichts von ihrer Ausstrahlung, Kraft und Stimmgewalt verloren hat. Und deren Werk nicht nur Folk, sondern auch Rock, Elektro, und Country Folk abdeckt.

Buffy Sainte-Marie, geboren am 20. Februar 1941 im Cree-Reservat Piapot 75 im Qu’Apelle Valley der kanadischen Provinz Saskatchewan, wird 80. Herr Sathom feiert mit seinen zwei Lieblingssongs:

Buffy Sainte-Marie & Band: Starwalker

Buffy Sainte-Marie & Tanya Tagaq: You Got To Run (Spirit Of The Wind)

:: Der Dieter mal wieder (Part III: Nimmt das denn gar kein Ende?!?)

Bisher in diesem Theater: Teil I („Empty Skull Island“) und Teil II („Der Geistesgnom vom Kleinkunstfriedhof oder: Panik am Bahnhofskiosk“)

And now to the fucking Fazit.

Vorsicht, es wird ein bißchen redundant; aber ich wollte einige angerissene Punkt noch einmal schärfer herausarbeiten.

Zunächst: Es mag ein wenig merkwürdig erscheinen, daß ich mich im ersten Teil an einer zwei Jahre alten Sendung von Dieter Nuhr abarbeite; abgesehen davon, daß mich der damalige Auftritt noch lange negativ beschäftigt hat, denke ich aber, daß dieses ältere Programm und der Bogenschlag zur kürzlichen Hasters-Debatte zeigen, daß wir es bei Nuhr mit einer umfassenden, über Jahre unveränderten Agenda und Ideologie zu tun haben, nicht um einzelne Irrtümer, Ausrutscher oder Überspitzungen eines Kabarettisten. Das Gerechtigkeits-Programm von 2018 zeigt Nuhrs Methode und Weltanschauung wie unter einem Brennglas; man könnte auch sagen: Das ist nichts, was ihm, wie jedem Satiriker, mal passieren kann; sondern in allen von Nuhrs Programmen eben – Programm.

Das in den vorangehenden Artikeln skizzierte Problem besteht darin, daß es dabei eben nicht nur um Dieter Nuhr geht; daß er lediglich für ein größeres, umfassenderes Problem steht, das den gesamten gesellschaftlichen Diskurs verzerrt. Das nämlich, daß ein privilegiertes, gutsituiertes Bürgertum von einer stark ausgeprägten sozialen Ungerechtigkeit profitiert bzw. diesen Zustand leugnet; während es zugleich seine glücklichere Stellung für gerechtfertigt, weil vernünftig begründet hält. Denn Dieter Nuhr erklärt den Leuten ja nichts (wie es etwa Volker Pispers, Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig oder Günther Schramm versuchten); er erzählt ihnen bloß, was sie ohnehin schon denken. Und verstärkt dieses Denken, indem er sich als Inbegriff kühler, entspannter Ratio präsentiert: Die Stimme der Vernunft, die euch recht gibt.

Ironisch daran ist, daß die konservativen Bürger*innen sich zugleich für die einzige Personengruppe halten, die beurteilen kann, daß die bestehenden Herrschafts- und Verteilungsverhältnisse „vernünftig begründet“ sind; denn nur sie verfügen, so ihre Selbsteinschätzung, über die zum Urteil befähigende Vernunft. Sie ist, gewissermaßen, ihr Eigentum; als Beleg dafür gilt ihnen ihr sozialer Status. Das ist etwa so, als würde sich ein Schüler im Jahreszeugnis eine Eins in Mathematik geben, ganz gleich, wie viele Dreien und Vieren er bei schriftlichen Tests produziert hat – und dies damit begründen, daß er eben „wisse“, daß er ein Genie in Mathe sei (und zwar, weil er ja eine Eins habe). Kurz, nur man selbst – als Angehöriger einer bestimmten Schicht – verfügt über die nötige Vernunft, zu befinden, was vernünftig sei; und siehe da, zufällig ist es das, was zum eigenen Vorteil gereicht.

Dieter Nuhr ist es gelungen, sich als besonnenen, aufgeklärten Mann zu präsentieren, der ruhig nachdenkt, bevor er spricht, der abwägt, rational argumentiert; kurz, den idealtypischen Vertreter des aufgeklärten, mitteleuropäischen Bürgertums. Daß er das bewerkstelligen konnte, wirkt um so bizarrer, als er seine Berufung auf die Wissenschaft immer wieder Lügen straft, indem er deren Ergebnisse verzerrt darstellt, wenn seine vermeintlich rationalen Ausführungen nicht gleich kompletter Bullshit sind.

Tatsächlich vermochte Nuhr, sich als Mann mit solchen Qualitäten darzustellen, indem er sie einfach nur behauptet; er wird nicht müde, in Interviews oder auf der Bühne von sich als einem Vertreter wissenschaftlichen, rational-aufgeklärten Denkens zu reden. Er vollführt das Kunststück, sich hinzustellen und einfach zu sagen „ich denke rational und wissenschaftlich“, um dann den größten Quatsch zu erzählen – und es funktioniert.

:: Dumm statt Doom? Warum wir Boomer*innen die Klimakrise nicht begreifen

Ich hatte kürzlich die derogative Verwendung von Begriffen wie „Boomer*in“ kritisiert, weil sie eine ganze Generation pauschal unter Generalverdacht einer rückständigen, erzkonservativen Haltung stellen; zugleich jedoch betont, daß solche Begriffe (wie auch der des „alten weißen Mannes“) innerhalb bestimmter Kontexte – und nur innerhalb dieser – durchaus sinnvoll seien.

Dabei hatte ich erwähnt, daß man eine merkwürdige, beinahe selbstmörderische Passivität bzw. Gleichgültigkeit gegenüber der Klimakatastrophe allerdings ganz richtig der Gruppe der „Boomer*innen“ zuschreiben kann; wenigstens ungefähr, denn in dieser Totalität ist die Aussage – wie jede totale – auch wieder falsch. Und daß dieses Phänomen einer Analyse bedürfte, wobei ich es für ein psychologisches Problem halte, und keines, das moralische Vorwürfe oder derogative Attacken lösen könnten.

Gehen wir der Sache also einmal nach.

Bestimmte Theorien gehen laut Wikipedia davon aus, daß eine „Generation“ wie die Baby-Boomer, dadurch konstituiert wird, daß

„wegen der großen Zahl Gleichaltriger im Verhältnis zu anderen Altersgruppen eine Urerfahrung der Masse stattgefunden hat, die nicht ohne Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung geblieben ist.“

Daraus ergäben sich für alle Angehörigen einer Generation (jedenfalls deren Mehrheit) gemeinsame Persönlichkeitsmerkmale. Als Nachfolger der 68er-Generation wären z.B. die Baby-Boomer eine desillusionierte Gruppe, die nicht an die Möglichkeit wirksamer gesellschaftlicher Veränderungen glaube, und sich deshalb durch Indifferenz – also Gleichgültigkeit – vor Enttäuschungen schütze.

Das scheint zunächst eine plausible Erklärung für die Wurschtigkeit meiner Generation in Klimafragen, ebenso für die Lahmarschigkeit der Politik – die „Generation Merkel“ (1954) wäre demnach eher auf den Erhalt des status quo fixiert und veränderungsskeptisch; das mag in Teilen richtig sein, scheint mir jedoch unzureichend (es erklärt z.B. nicht, weshalb manche „Boomer*innen“ den Klimawandel zwar als real akzeptieren, jedoch nicht in der Lage scheinen, ihn als Bedrohung wahrzunehmen).

Zunächst: Die Boomer*innen sind keine homogene Altersgruppe. Laut Wikipedia begann der Baby-Boom in der BRD etwa in der Mitte der 1950er Jahre und dauerte bis zum Ende der 60er; in anderen westlichen Ländern setzte er bereits in den 40ern ein. An sich handelt es sich also nicht um eine, sondern mehrere Generationen. Und während die westdeutschen 68er gemäß dieser Definition selbst keine Boomer*innen waren, konnten sie sich lange Zeit durchaus schmeicheln, gesellschaftlich vieles bewegt, und einige große Erfolge erfochten zu haben. Die Folgegenerationen wiederum müßten diese Erfolge durchaus wahrgenommen, und Veränderung als erstreitbar und möglich erlebt, und verinnerlicht haben. Und auch Boomerinnen – etwa die Angehörigen der Frauenbewegung – konnten selbst solche Erfolgserlebnisse verzeichnen. Boomer*innen sind also Zeitzeugen einer Periode, in der sich die Gesellschaft öffnete, in der kleine gesellschaftliche Gruppen die großen Debattenthemen sezen, bzw. der konservativen Gesellschaft regelrecht aufzwingen konnten, in der linke Ideen sich an den Universitäten etablierten, die Frauenbewegung erfolgreich gegen Abtreibung und ein veraltetes Scheidungsrecht stritt. Nicht gerade eine Geschichte, die sich als Erfahrung der Nutzlosigkeit eigenen Handelns, oder umfassender Erfolglosigkeit deuten läßt.

Wenn überhaupt, dürfte ein solches Erleben erst in der Ära Kohl eingesetzt haben, eines Kanzlers, dessen Regierung nach dem Motto „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“ (his own words) Kritik und Protest schlicht ignorierte, und so ins Leere laufen ließ. Insgesamt ist diese Zeitperiode allerdings zu kurz, um ein gemeinsames psychologisches Mindset all derer zu erklären, die nach 1950 geboren wurden.

Alle, die zwischen 1945 und 1989 geboren wurden, teilen jedoch zwei andere Erfahrungen – beide traumatisierend, und einander ergänzend. Mit der fatalen Konsequenz, daß sie die jetzige Einstellung zur Klimakatastrophe viel eher (mit)erzeugt haben dürften.

:: Gefälschte Zitate

Ist vielleicht schon Einigen gelegentlich passiert: Man liest ein kluges (oder auch weniger kluges) Zitat, das auf Facebook oder in anderen Netzwerken emsig geteilt wird – „Der Mensch benutzt nur zehn Prozent seines Gehirns“, „Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre“, oder „Ich weiß, das ich nichts weiß“ – das wahlweise Albert Einstein, Sigmund Freud, Sokrates oder anderen Koryphäen zugeschrieben wird. Manchmal drücken diese Zitate eine Botschaft oder Haltung aus, der man zustimmen kann, indem man sie weiterreicht; irgendeiner Lebensphilosophie, politischen Einstellung, Life-Hacking-Ideologie. Etwas, das der eigenen Auffassung entspricht, und das man verbreiten will. Sie zu teilen, gibt auch Gelegenheit, sich selbst als ebenfalls klug, wenn nicht weise darzustellen (oder sich dafür zu halten).

Es gibt nur ein Problem, und das eher oft als selten: Die zitierten Personen haben das nie gesagt.

Ein schönes Interview in der Süddeutschen Zeitung beleuchtete kürzlich dieses Phänomen, das sogar einen Namen hat („Kuckuckszitate“); der Anlaß: Ein angebliches Zitat von Loriot, passend zur Corona-Krise. Der Satz „In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten suchen nach Schuldigen“ stammt von irgendwoher, nur nicht vom Meister.

Herrn Sathom, der Kuckuckszitate liebt und sich immer freut, wenn er eines am Wickel kriegt, ist dieses besonders deswegen aufgefallen, weil es – hier kommen wir zurück auf die oft enthaltene Botschaft – eine neoliberale Agenda zu verfolgen scheint. Warum? Nun – angesichts einer Viruspandemie nach Schuldigen zu suchen, ist allerdings eitel; bloß ist das Zitat so formuliert, daß es sich auf jegliche Krise anwenden läßt. Und das gewiß nicht ohne Absicht. Denn durch seine Formulierung als allgemeine „Lebensweisheit“ gehalten, erlaubt es, auch bei eindeutig menschengemachten Krisen, Kritik an Verantwortlichen grundsätzlich als Idiotie abzutun. Wie praktisch, wenn man bei Bankenkrisen oder Konzernpleiten jede Frage nach Verursachern, oder strukturellen Ursachen, als Unfug abtun kann; oder die Verursacher, die die Folgen der von ihnen mithergestellten Krise auf andere abwälzen, z.B. durch Sparzwänge oder Massenentlassungen, auch noch als Ärmelhochkrempler darstellen – die „Intelligenten“, die nach Lösungen suchen, während die anderen aus Dummheit nach einem Schuldigen buddeln.

Man mag den Verdacht für übertrieben halten; aber dabei sollte man mehrere Punkte bedenken. Erstens muß irgend jemand dieses Zitat in dem Wissen, daß es nicht von Loriot stammt, lanciert haben. Es ist ziemlich undenkbar, daß die erste Person, die es in Umlauf brachte, an die Existenz einer solchen Aussage Loriots „glaubt“, ohne sie je von ihm gehört, oder gelesen zu haben. (Soweit verfolgbar, stammt das Zitat aus Italien, wo es einem ganz anderen Komiker zugeschrieben wurde; wer es ins Deutsche übersetzte, muß also zumindest den angeblichen Urheber bewußt ausgewechselt haben.) Zweitens ist es nicht unüblich, Zitate und Aphorismen (Aphorismus: Die Kunst, dummes Zeug nach Lebensweisheit klingen zu lassen) zu bemühen, um eigenen Positionen oder Thesen eine geborgte Autorität zu verleihen. Dahinter steht das Bestreben, einer eigenen Agenda oder Weltanschauung höhere Weihen zu verschaffen; und zugleich zu suggerieren, daß eine unabhängige Instanz diese Sichtweise verträte, und nicht nur man selbst. Zitatforscher Gerald Krieghofer z.B. weist im Interview selbst darauf hin, daß ein bestimmtes, fälschlich Dante Alighieri zugeschriebenes Zitat, sehr beliebt auf Managerseminaren sei. (Ein anderes, offenbar in Manager-Ratgebern beliebtes Zitat, das Herrn Sathom einfällt – „Wenn dein Pferd tot ist, steig ab“ – soll von den Ureinwohnern Nordamerikas stammen. Herrn Sathom würde es nicht wundern, wenn die noch nie was davon gehört haben.) Die Methode ist also nicht neu, und wird immer wieder gerne angewandt, von „Leben bedeutet Veränderung“ (beliebt in Texten von Mieterhöhungen) bis zu „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ (whatever the fuck das heißen soll). Überhaupt das Leben, damit ist immer was. Kein Ponyhof ist es auch.

:: Keine Verschwörungs-Ideen? Herr Sathom hilft!

Liebe Freunde der gepflegten Verschwörungserzählung. Ich muß schon sagen. Was Ihr da in letzter Zeit an Corona-Theorien hinpfuscht, hat echt kein Taugen. Anscheinend braucht Ihr die Hilfe eines Alten Weißen Mannes(TM).

Und ein Glück: Ich sitze hier mit schwerer Erkältung zuhause (Corona-Test war negativ), und weil ich dann immer ein bißchen benebelt bin und zu spinnen anfange, denkt meine Spaltpersönlichkeit Herr Sathom so bei sich: Leute! Das geht doch wirklich besser.

Verglichen mit den Verschwörungstheorien von früher sind Eure Phantasien eine echte Enttäuschung: viel zu simpel, zu lieblos zusammengezimmert, zu LANGWEILIG!

Aber! Herr Sathom muß gleich eine Einschränkung machen: Es scheint nämlich, daß der allseits beliebte Herr Xavier Naidoo neuerdings rumpetzt, daß ganz Deutschland von einem Tunnelsystem untergraben ist, dessen Ausläufer bis in die USA reichen; wo derzeit wiederum eine unterirdische Schlacht zwischen Robotern und Klonen stattfindet, weil warum nicht. Vor soviel Einfallsreichtum muß Herr Sathom allerdings die Mütze ziehen. Und sagen: Chapeau, das wär mir nicht eingefallen (Herrn Naidoo vielleicht auch nicht; Herr Sathom konnte bisher nicht herausfinden, ob der sich das selbst ausgedacht hat, oder irgendwen nachplappert). Die Quellen sind da überhaupt uneindeutig, österreichische Outlets verkünden, die Schlacht tobe dort. Wie auch immer, die Ausnahme bestätigt die Regel.

Allgemein ist die Verschwörungsfabel aber etwas dröge geworden, vielleicht durch den zunehmenden Einfluß abgefallener Journalisten (Jebsen, Wisniewski & Co.), die es verstehen, ihre Machwerke „plausibler“, und damit attraktiver für den Mainstream zu halten (d.h. es ist immer noch Quatsch, aber näher an der Vorstellungswelt eines Durchschnittspublikums). Herr Sathom versteht das, doch er mißbilligt es; er will seine Deutungsmythen wie früher konsumieren können, mit Partyhut und einem Eimer Popcorn. Offenbar benötigt Ihr also Hilfe, an die Old-School-Konspirationsfabeln besserer Tage anzuknüpfen. Denn das waren noch ausgefeilte Elaborate, sorgsam aus Seemannsgarn gestrickt; ein Panoptikum des Wahnsinns. Erzeugnisse wahrer Kunst. Vor allen Dingen waren sie, im Gegensatz zu Euren aktuellen Machwerken, UNTERHALTSAM.

Daß aber eine gute Konspirationsthese eben auch immer einen Unterhaltungswert hat, das Leben in ein Abenteuer verwandelt, in dem Echsenmenschen und Saturnbewohner walten; und so statt dröger Alltagsexistenz den Gläubigen „Welt“ verschafft, einen Ort, darin sie Held*innen sein können, des Widerstands z.B., habt Ihr anscheinend vergessen. Und um Euch mal zu zeigen, wie das richtig geht, auf den Folgeseiten ein paar Tipps, mal mit Corona-Bezug, mal ohne.

:: Gründen Sie eine Schutzzone! (Ääh, was?!?)

Man findet in seinem Briefkasten ja die merkwürdigsten Dinge. Vor zwei, drei Jahren war das um Silvester herum Werbung für Feuerwerkskörper mit so volkstümlichen Bezeichnungen wie „Thors Hammer“ oder „Odins Feuerpfurz“ oder so; diesmal handelt es sich um eine Flugschrift, die sich ernsterer Themen angenommen hat. Sehr ernster. Apokalyptisch ernster sozusagen – Herr Sathom wird sich gleich eine Schippe schnappen und einen Bombenkeller buddeln. Und Raviolikonserven anhäufen, wegen Prepping und so.

Denn das Flugblatt klärt uns über das Ausmaß der katastrophalen Lage auf, in der wir uns befinden, ohne es zu merken, weil, irgendwie sieht man gar nichts davon; doch der Flyer weiß es besser.

Was ist eine Schutzzone? fragt er, um gleich darauf tröstend die Antwort zu geben: Nein, es hat keine Zombie-Apokalypse gegeben; es ist alles viel schlimmer!

Weil eine Schutzzone ist nämlich ein „Ort, an dem Deutsche Sicherheit finden können.“ Herr Sathom ist jetzt bisher nicht so der Ansicht gewesen, daß Deutsche eine bedrohte Spezies wären; aber man informiert sich ja gern, vielleicht hat das ja was mit dem Klimawandel zu tun, also weiterlesen.

Und Schwerenot: Deutschland ist im Ausnahmezustand. Obwohl eine Schutzzone natürlich nicht „das Gewaltmonopol des Staates infrage stellen“ solle, behauptet der weitere Text fröhlich, daß der Staat „nicht fähig oder nicht willens“ sei, „seine Bürger zu schützen“, daß es zu einer „weitgehenden Kapitulation des Rechtsstaats“ gekommen sei, weil man „vom Staat und seinen Organen im Stich gelassen“ werde. Puha. Aber wer bedroht uns da eigentlich, vor dem der Staat und sein Magen-Darm-Trakt uns nicht schützen?

Ah, da. „Importierte Kriminalität“. Ach so. Die „Dominanz von Fremden“ auch. Das scheint aus Sicht der Flyer-Macher schon an sich ein krimineller Akt zu sein, der entschlossene Gegenwehr erfordert. Also diese Fremden da, daß die überhaupt da sind. Dagegen müssen „Recht und Gesetz durchgesetzt“ werden. Gegen das und gegen kriminelle Banden, die den Stadtteil terrorisieren und Frauen bedrohen (gibt’s hier jeden Tag, weißte).

Dem Leser, derart eingestimmt auf das Bild marodierender Rumänenhorden, die plündernd durch die Gassen ziehen und einem die Geranien aus dem Balkontopf fressen, während die Polizei nasepopelnd danebensteht, will bange werden; doch flugs empfiehlt das nationalsozialistische Pamphlet hilfreiche Faltblatt ein Gegenmittel – die Bildung eines bewaffneten Mobs einer Bürgerwehr, um der Gefahr aus dem Orient zu wehren.

Niedlich ist, nebenbei bemerkt, auch der Ratschlag, was zu tun sei, wenn auf dem Schulweg der lieben Kleinen ein Kinderschänder sein Unwesen treibe. Dann gilt es, eine Schulwegwache zu organisieren, bei der man sich mit anderen Eltern abwechseln und SAGT MAL HABT IHR NICHTS ZU TUN?!? MÜSST IHR NICHT ZUR ARBEIT ODER SOWAS, HABT IHR WIRKLICH SOVIEL ZEIT??? Mal abgesehen von der Frage, wie man merkt, daß da so einer herumstrolcht (am langen Mantel vielleicht und den nackichten Beinen?); und davon, daß die Gefahr wohl an sich gering ist, weil heutige Helikoptereltern ihre Bälger ja eh schon mit dem SUV direkt rauf ins Klassenzimmer fahren; wenn einem langweilig ist und man Weltuntergangsphantasien hegt, sollte man vielleicht lieber Project Zomboid spielen. Da hat man ordentlich zu tun, die Kartoffeln (Selbstversorgung!) wachsen nicht von alleine.

Fragen über Fragen türmen sich auf, vor Allem, weil in der Nachbarschaft auch Mitbürger mit Migrationshintergrund wohnen. Dürfen die auch in der Bürgerwehr mitmachen und in der Schutzzone Schutz suchen, weil die ja nur für Deutsche sein soll, siehe oben? Oder sind da nicht nur Biodeutsche mit gemeint, sondern deutsche Staatsbürger, gleich welcher Herkunft? Das wär ja fein, dann wäre das ja gar kein fremdenfeindlicher Flyer – er wäre dann nur ungeschickterweise so formuliert wie einer. Dürfen wir – also alle, die in der Nachbarschaft wohnen – dann auch Deutsche verkloppen, die hier Stunk machen (z.B. einem komische Flyer in den Briefkasten werfen)? Oder ist die Schutzzone mehr so’n Fleckerlteppich, ein/e Grundstück/Wohnung drin, andere draußen, die nächsten wieder drin? Und was soll dieser Quatsch, daß eine Schutzzone auch „ein Fahrzeug“ sein könne? Sollen wir uns hier Panzerwagen basteln oder was?

Vor Allem aber: Was bezweckt das Ganze?

:: Profitinteresse vs. Wohltätigkeit

Würde jemand hungrigen Menschen noch das letzte Stück Brot nehmen? Jemand, der selbst durchaus genug zu essen hat? Nun, so weit würde es vielleicht niemand treiben; ähnlich weit aber, das geht schon. Man kann es sogar mit der großen Geste Weltverbesserers tun – und sich dafür selbst feiern. Man muß dazu nur ein Start-Up gründen; und bereit sein, dort zu wildern, wo Lebensmittel Bedürftigen zugänglich gemacht werden.

Es folgt ein Lehrstück in Kapitalismus.

Einem Artikel der „Berliner Zeitung“ vom Montag (auch online verfügbar) zufolge haben Start-Ups begonnen, die wichtigste Ressource der Tafeln für Bedürftige anzugreifen: Lebensmittel.

Daß deren Verschwendung ein Problem darstellt, läßt sich nicht leugnen. Immerhin ein geringer Teil dessen, was sonst wegen vermeintlicher Mängel weggeworfen würde, erreicht wenigstens arme und an der Armutsgrenze lebenden Menschen, indem es vom Handel gespendet, und von Tafeln günstig oder kostenlos abgegeben wird.

Die Berliner Tafel verteilt laut o.g. Artikel monatlich 660 Tonnen Lebensmittel an Menschen, die sich sonst kaum ausreichend ernähren könnten – und deren Zahl steigt: Allein unter Senioren soll im letzten Jahr ein Anstieg um 20 Prozent verzeichnet worden sein.

Es ist ein System dringend gebotener, wenn auch marginaler Hilfe – und selbst diese geringfügige Linderung bestehender Not gerät in Gefahr, wenn wirtschaftliche Interessen ins Spiel kommen; wenn das verfügbare „Angebot“ an überschüssigen Lebensmitteln Konkurrenten auf den Plan ruft, die aus dem „Essensmüll“ auf eine Weise Profit zu schlagen versprechen, die Finanzinvestoren aufhorchen läßt.

Enter the Start-Up.

Einige solche Unternehmen haben begonnen, dem Handel Lebensmittel abzunehmen, die dieser sonst wegwerfen oder den Tafeln als Spende überlassen würde; stattdessen werden sie dann stark rabattiert in eigenen Filialen verkauft. Das Unternehmen Sirplus (Sirplus – Surplus – verstehste?) residiert in Berlin; ein weiteres, Matsmart aus Schweden, wird demnächst auf den deutschen Markt drängen. Unterstützt von finanzstarken Investoren, z.B. dem Ikea-Konzern, will die Firma auch in andere europäische Länder expandieren. Besonderer Service: Es wird auch nach Hause geliefert.

Nun muß das keine dramatischen Folgen für die Versorgung Bedürftiger und Mittelloser haben. Man könnte hoffen, daß eine Koexistenz beider Verwertungsformen möglich ist. Der Expansionsdrang der betreffenden Unternehmen allerdings läßt nichts Gutes erwarten – und tatsächlich spürt die Berliner Tafel, so laut „Berliner Zeitung“ deren Vorsitzende, bereits einen Spendenrückgang. Die Start-Ups bieten dem Handel weitaus attraktivere Konditionen; dieser kann die Ware an sie weiterverkaufen, statt sie zu verschenken, was ihn auch steuerlich begünstigt.

:: Und noch’n Freihandelsabkommen

Sie geben wirklich keine Ruhe.

Nach TTIP, CETA und TISA stimmt der EU-Ministerrat diese Woche über JEFTA, ein Freihandelsabkommen mit Japan, ab. JEFTA birgt neben den altbekannten Problemen solcher Vereinbarungen auch die Gefahr zukünftiger Trinkwasser-Privatisierungen – mit den bekannten, negativen Folgen; hinzu käme ein sehr früher, noch stärkerer Einfluß von Konzernlobbyisten auf Gesetzgebungsverfahren.

Sollte der Ministerrat diese Woche zustimmen, wäre eine Ratifizierung des JEFTA-Abkommens bereits am 11. Juli möglich. Noch kann man bei Campact! eine Petition unterschreiben, in der die SPD aufgefordert wird, sich der Zustimmung zu enthalten (was die Ratifizierung blockieren und Nachverhandlungen erforderlich machen könnte).

Ob dergleichen irgendeine Erfolgschance hat, sei dahingestellt; schaden kann der Versuch nicht. Fest steht jedoch etwas anderes – daß nämlich die Vertreter des totalen, globalen Neoliberalismus, samt ihrer gläubigen Anhänger in der Politik, im stillen Kämmerlein beharrlich ihre Vorhaben vorantreiben. Es ist, als würden sie nie schlafen, niemals Pause machen oder Feierabend; und während sich die Öffentlichkeit von angeblichen Flüchtlingsinvasionen samt drohender Apokalypse ablenken läßt, bleiben sie bei der Sache und verlieren nie ihre Ziele aus den Augen.

Womöglich haben sie uns das ja voraus.

Denn vielleicht hat Herr Sathom ja bloß nichts mitbekommen, weil er einige Zeit zwecks Lebensunterhalt extrem viel ackern mußte; aber ihm scheint, daß JEFTA zwar nicht gänzlich unbemerkt blieb – die üblichen Verdächtigen wie LobbyControl und die Gewerkschaften machten sich dagegen stark –, jedoch im Vergleich zu früheren Freihandelsabkommen weitgehend unbemerkt ausgehandelt werden konnte. Unbemerkt von einer Öffentlichkeit und Medien, die sich lieber mit der Late-Life-Crisis eines Horst Seehofer beschäftigen, der sich als heimlicher Kanzler profilieren möchte; von einer Bevölkerung, die so besessen am Boden des Maßkrugs nach ihrer verlorenen „Heimat“ sucht, daß sie um sich herum nichts mehr wahrnimmt. Bis die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Und das kommt dann eben davon.